[Rezension] „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward

Jesmyn Ward kannte ich bis dato noch nicht. (Ja, shame on me!) Und während ich das so tippe, darüber nachdenke und recherchiere, merke ich, dass das so nicht stimmt. Vor einiger Zeit hatte ich in der Buchhandlung ihren Roman „Vor dem Sturm“ in der Hand, aber aus irgendeinem Grund, der wahrscheinlich mit einem weinenden Portemonnaie zu tun hatte, habe ich es nicht gekauft. Ich weiß aber noch, dass mir die Thematik sofort über die Augen durchs Lesen des Klappentextes und der ersten Zeilen bis in den Bauch gerutscht ist und dabei dort so schwer wie ein Stein lag. Denn als ich vorhin nachlesen wollte, welche Romane Ward bereits verfasst hat und worum es da geht, geriert dieser Stein trotz seines Gewichts ins Schlingern. „Vor dem Sturm“ erzählt die Geschichte eines Ortes, zehn Tage bevor Hurrikan Katrina mit einer tosenden Macht alles an sich reißt. Ward erhielt für ihren zweiten Roman den ‚National Book Award‘, den sie auch für ihr kürzlich auf Deutsch erschienenes Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ gewann.

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Die Autorin schreibt von schicksalhaften Katastrophen, von Angst, Kummer und Sorgen und von Rassismus in all seinen Facetten. Sie weiß, wovon sie erzählt, denn Ward wuchs selbst in einem kleinen Ort in Mississippi auf und wurde in ihrer Kindheit von vielerlei Seiten her gehänselt, gemobbt, ausgestoßen. Es gibt einige Punkte in Wards eigener Biografie, die sich in ihren Texten wiederfinden lassen, aber das jetzt aufzuzählen und zu analysieren würde an dieser Stelle zu weit führen. (Zumal ich selbst bisher nur dieses eine Buch gelesen habe.) Wichtig ist, dass Wards Erzählkraft von innen kommt, von dem, was sie kennt, was sie gehört hat, was sie fühlt – und das spürt man als Leser*in auf jeder Seite, in jeder Zeile, jedem Wort.

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ ist ein Familienporträt einer amerikanischen Familie, die in den Südstaaten lebt. Es ist heiß, die Hitze flimmert einem buchstäblich entgegen – und das im doppelten Wortsinn, denn hier braut sich etwas zusammen. Jojo und seine kleine Schwester Michaela – kurz Kayla – wachsen bei ihren Großeltern auf: Mam und Pop. Der Vater Michael sitzt im Gefängnis, die Mutter Leonie nimmt Drogen und kümmert sich kaum um ihre Kinder, die ihr fremd sind. Immer wenn Leonie high ist, sieht sie Dinge, hat Visionen von ihrem toten Bruder Given, den sie Given-nicht-Given nennt. Während Pop versucht die Kinder zu erziehen, muss sich Mam einer schwierigen Prüfung stellen: sie hat Krebs. Als Michael aus dem Gefängnis entlassen wird, nimmt Leonie ihre beiden Kinder mit auf einen Roadtrip, der neben der Aussicht auf ein besseres Leben auch eine Reise voller Gefahren ist.

Eins steht fest. Aus diesem Roman kommt man als Leser*in nicht mehr heil heraus. Hier muss man ganz viel geben. Jesmyn Ward fordert einen heraus, nicht nur mit der Geschichte, die so tragisch und kummervoll ist, dass einem das Herz eingeklemmt wird, sondern auch mit der Sprache, die wundervoll warm im Kontrast zum Erzählten steht und dadurch fast ihre Wärme verliert. Die Beziehung zwischen Jojo und Kayla; Jojo, Kayla, Pop und Mam geht durch und durch. Als Gegenpart steht da Leonie, die scheinbar nichts richtig machen kann, ob sie es versucht oder nicht. Das liest sich schön und schlimm zugleich. Interessant ist auch, wie Ward die Grenzen zwischen weiß und schwarz verschwimmen lässt, die sonst in (ansatzweise) vergleichbarer Literatur doch recht klar abgesteckt sind und gleichzeitig ziemlich deutlich macht, wie stark der Einfluss von Rassismus dennoch ist. So sehr ich Ward für ihre Art, ungewöhnliche Vergleiche und Metaphern einzubauen, während des Lesens auch bewundert habe, so muss ich aber gleichzeitig ehrlich zugeben, dass es ab und an ein wenig viel ist. Es fällt zwischendurch schwer, dem eigentlichen Erzählstrang noch folgen zu können, weil der Kopf ständig in eine andere Richtung gerissen wird. Auch die Sache mit den Visionen gestaltet sich zunächst ein klein wenig schwierig, denn es verwirrt teils sehr. Doch das gehört irgendwie dazu. Intensiviert wird das Leseerlebnis durch den Wechsel der Personen, wodurch verschiedene Einblicke gegeben werden. „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ ist keine Wohlfühlliteratur und ich musste es etliche Male beiseite legen, weil es zu viel verlangt hat. Das meine ich aber gar nicht negativ, auch wenn sich das vielleicht so liest, im Gegenteil: das darf so! Am Ende löst sich dann beinahe explosionsartig ein riesiger Knoten und es fühlt sich an als wäre man unter höchster geistiger wie körperlicher Anstrengung (wie gesagt: Ward fordert ihre Leser*innen heraus) auf einen Berg geklettert, um dann eine irgendwie melancholische Ruhe in sich zu finden.

Jesmyn Wards neuester Roman ist ein bedrückendes, aufrüttelndes und wichtiges Buch, das nicht belehrend wirkt, obwohl es ein politisches Statement setzt. Welches und wieso kann man sich vielleicht zwar denken, sollte man doch aber lieber selbst lesen und erleben.

Aus dem Englischen von Ulrike Becker | Verlag Antje Kunstmann | 304 S.

4 Kommentare zu „[Rezension] „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward“

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