[Rezension] „Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Wilson Collison hat sich vor allem durch seine Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple zu Kassenschlagern wurden, einen Namen gemacht. Er veröffentlichte ebenso zahlreiche Romane, in denen meist junge Frauen, die nicht den Regeln folgten, zu Heldinnen avancierten. „Tod in Connecticut“ wurde 1931 zum ersten Mal in englischer Originalausgabe veröffentlicht und liegt nun dank des Louisoder Verlages in deutscher Übersetzung durch Johanna von Koppenfels vor.

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New York in den 1920er Jahren: Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. Ihr freier Lebensstil verleitet die Menschen um Nolya herum, ihr einen nicht gerade hübschen Stempel zu verpassen. Doch es ist ihr ziemlich egal, was andere denken. Sie kann es sich zudem leisten, da die Gesellschaft durch ihren hohen Stand immer noch einen gewissen Respekt vor ihr walten lässt. (Immer im Hinblick darauf, in welcher Zeit wir uns mit dem Roman befinden!) Ja, manche bewundern sie sogar für ihren Mut. Nur wenn es um Arthur, den bereits verheirateten Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts geht, in den sie schwer verliebt ist, versucht sie Vernunft walten zu lassen, um ihn zu schützen. Denn Arthurs Vater ist hinter die Affäre gekommen und versucht diese mit allen Mitteln zu unterbinden. Währenddessen bemüht sich der Künstler Neil um Nolyas Gunst, aber die hat eben trotzdem nur Augen für Arthur. Als noch ein dritter Mann, Bobby, in Nolyas Leben auftaucht, ist das Chaos komplett. Auf der Silvesterparty von Arthurs Vater eskaliert die Situation und es kommt zu einem Todesfall.

Ich habe schon oft erwähnt, dass mich Romane und Geschichten aus den 1920er und 1930er Jahren besonders interessieren. Gerade wenn es um Bücher geht, die auch tatsächlich während dieser Zeit verfasst wurden. Denn aus heutiger Perspektive ist es nahezu unmöglich eine derartige sprachliche Authentizität einzufangen wie es zum Beispiel bei Wilson Collison der Fall ist. Man merkt schnell, aus welchem Metier Collison kommt und nach wenigen Zeilen schon fühlt man sich direkt wie in einem Film mit Clark Gable. Die Figuren sind klar gezeichnet und permanent hängen Fragen im Raum, die der Roman aufwirft und die man als Leser*in hofft gegen Ende der Geschichte beantwortet zu finden. Die Gespräche sind intelligent und erinnern in ihrer Formulierung an Theaterstücke, doch trotzdem hat mich „Tod in Connecticut“ nicht vollends begeistern können – und das liegt an der Geschichte selbst, die gar nicht schlecht ist, nur einfach nicht meinen Geschmack getroffen hat. Es dauert etwas mehr als die Hälfte des Romans, bis dieser eine richtig spannende Moment auftritt und dieser zerbröselt dann relativ schnell auch schon wieder. Stattdessen geht es in „Tod in Connecticut“ hauptsächlich um eine Vierecks-Geschichte, um unerfüllte, unerwiderte Liebe und zwischendurch, da bricht das auf und Collison bringt richtig gute Gedanken hervor, die die damalige Gesellschaft kritisieren. Leider für mich einfach zu wenig, um gänzlich am Ball bleiben zu können. Ich habe mir wohl einfach eine spannendere Detektivgeschichte oder etwas ähnliches erwartet. Auf Leinwand oder Theaterbühne gebracht, kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen, dass die Geschichte glänzt. Auf papierne Seiten gedruckt, ist sie für mich ein wenig zu blass geblieben, auch wenn ich die Sprache und Ausdrucksformen des Autors als sehr eindrücklich empfunden habe.

Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna von Koppenfels | Louisoder Verlag | 303 Seiten

Hans Fallada | Im Rausch des Schreibens

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(Bildquelle: hier)

Seitdem ich begonnen habe, Hans Falladas Bücher zu lesen, bin auch ich in so einer Art Rausch. Das Wort klingt in meinem Fall wohl ein wenig überzogen, wobei… nein, ich bin schlichtweg rauschartig fasziniert. Fasziniert von den Worten, aus denen Fallada da eine Geschichte nach der anderen gezaubert hat und aus denen so viel Wahrheit spricht.

Wenn mich Bücher derart einnehmen, dann möchte ich mehr. Nicht nur mehr Bücher, sondern Hintergrundwissen. Was, wieso, weshalb? Spätestens nachdem ich las, dass Fallada seinen letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ innerhalb von 4 Wochen niederschrieb, wurde dieser innere Drang nach Wissen aktiviert. Wer war dieser Mensch? Wie konnte er so genau die Welt, besonders die „der kleinen Leute“ beschreiben? Sehr wahrscheinlich erzähle ich den meisten nichts Neues, aber ich muss das für mich selbst aufschreiben: Fallada hatte ein Leben wie seine Bücher.

Hans Fallada, geboren als Rudolf Ditzen, zeigte bereits als Kind ein auffälliges, von Psychosen dominiertes Verhalten. Das nicht genug, duellierte er sich 1911 mit einem Freund – ihr Vorhaben: Doppelselbstmord – und tötete ihn dabei. Fallada selbst blieb am Leben, was ihn wohl weniger gefreut hat, für uns Leser*innen aber ein Glück ist. Nach diesem Unfall/Mord wurde Fallada in die Psychiatrie eingewiesen (es wird nicht das letzte Mal sein). Als er 1913 entlassen wurde, wollte er sich ein Jahr später zum Kriegsdienst melden, wurde jedoch ausgemustert und führte daraufhin ein von Alkohol und Drogen dominiertes relativ wildes Leben, das von da an von zwei konflikthaften Gegensätzen bestimmt wurde: Trinken & Morphium vs. Entzug, besonders vom Alkohol kam er nicht los. In den Entzugsphasen, noch bevor er mit seinen Romanen Geld verdienen konnte, lernte er das Leben der kleinen Leute kennen, das sich hauptsächlich durch harte, körperliche Arbeit und wenig bis gar kein Geld auszeichnete. Dies nützte ihm später u.a. als Milieustudie. Generell kann man sagen, dass alles in Falladas Leben aus Extremen bestand, die sich in Gegensätzen zeigten. Schon alleine sein gewähltes Pseudonym, das von dem Märchen „Hans im Glück“ und dem ans Tor genagelten Kopf des Pferdes Fal(l)ada aus dem Märchen „Die Gänsemagd“ zusammengesetzt ist – und somit Glück und Unglück vereint. Ein Sinnbild seines Empfindens. Später wurde Fallada noch einige Male in die Psychiatrie eingewiesen und musste mehrmals – wegen Betrugs und versuchten Totschlags – ins Gefängnis.

Seiner Arbeit als Autor tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, es scheint, als habe er diesen Schreibwahn gebraucht, um sich befreien zu können, von allem, was ihn belastete, was ihn umtrieb. Sei es die eigene Trink- und Drogensucht („Der Trinker“), seine Erfahrungen im Gefängnis („Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“), Gesellschaftsportraits der Weimarer Republik („Kleiner Mann – was nun?“, „Wolf unter Wölfen“) usw. „Jeder stirbt für sich allein“ grenze ich da aus, denn diesen Roman wollte er zunächst nicht schreiben (na, zum Glück hat er’s doch gemacht!). Die Geschichte behandelt das Thema des Widerstands im Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt ein Ehepaar, das tatsächlich gelebt hat und das Postkarten geschrieben hat, um die Wahrheit kundzutun. Für damalige Zeiten ein gefährliches Unterfangen. Und mutig. Ein Grund, warum Fallada sich zunächst weigerte. Er sei – im Bezug auf den Widerstand – nie mutig gewesen. „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein beeindruckender und nachdrücklich wichtiger Roman, in dem sich aber auch wieder Falladas eigene Erfahrungen widerspiegeln, v.a. in den Nebenfiguren: dem Spieler, dem Trunksüchtigen, dem Betrüger, dem Gefängnisinsassen. Sprachlich ist es nicht sein bester Roman (in Anbetracht der mickrigen 4 Wochen Schreibzeit aber durchaus Wahnsinn), dafür jedoch der mit der wichtigsten Aussagekraft.

Es stellt sich die Frage, ob seine Werke so grandios geworden wären, wenn Fallada nicht Fallada gewesen wäre? Benötigt man einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung, um solche Bücher zu schreiben? Eine Antwort darauf kann man sicher nicht geben, aber Fallada gehört zu diesen großartigen Autoren, die im Schreiben leben und sterben, weil sie jedem Buch ein Stück von sich selbst geben. Und dafür kann man ihm nicht genug danken. Seine Bücher sind heute so bedeutend und aktuell wie damals.

Empfehlenswert: „Hans Fallada – Im Rausch des Schreibens“ (eine Dokumentation) und „Hans Fallada. Die Biographie.“ von Peter Walther im Aufbau Verlag erschienen.

[Rezension] „Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey ist eine Kunstfigur, die auf Instagram unter @josephineschreibt zu existieren begann. Dort schreibt die junge Autorin unter ihrem Pseudonym über alles, was sie bewegt – und das sind vor allem die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen.

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„Im Enddefekt“ ist Josephine Freys Debüt, das aus verschiedenen Kurzgeschichten besteht, die sich allesamt um mehr oder weniger ein Thema drehen. Es gibt drei Kapitel, die nach den Liedern ‚This Modern Love‘ von Bloc Party, ‚Lover I Don’t Have To‘ von Bright Eyes und ‚Left and Leaving‘ von The Weakerthans plus Hidden Track unterteilt sind. Immer ist es ein Gefühl, das detailliert und punktgenau in außergewöhnlichen Metaphern und wuchtigen Bildern beschrieben wird:

„Alles, was ich gewinne, wenn ich dich aus den Augen verliere, ist Zeit, die ich lieber mit dir verbracht hätte.“

Dabei bleibt die Person, die Ich-Erzählerin, die Kunstfigur so anonym wie irgend möglich. Jeder könnte diese Person sein, die von Angst und Einsamkeit zerfressen in Melancholie badet. Die nicht genau weiß, wo sie hingehört und doch immer auf der Suche ist. Die die Hand ausstreckt, um sie ganz schnell wieder zurückzuziehen.

Alle Kurzgeschichten hinterlassen einen nachdenklichen Zauber, manche kreisen jedoch ein wenig zu weit um den Punkt herum, wirken nicht hundertprozentig in den Rahmen passend und stehen leicht verloren zwischen den anderen Geschichten. Auch zu der Erzähl-Figur, die jeder sein könnte, kann man keinen richtigen Bezug herstellen, was natürlich gewollt ist, an manchen Stellen würde man sich aber wünschen, da wäre eine Möglichkeit, die Figuren, auch die Nebenfiguren, mehr greifen zu können. Aber das ist ok, denn hier geht es vielmehr um das Fühlen, das in Sprache eintauchen und darin etwas finden, das einem sagt, man ist nicht allein, mit diesem Empfinden. Die Autorin spricht aus, schreibt nieder, was sicher viele schon einmal so oder so ähnlich empfunden haben – und das macht sie ganz wunderbar auf ihre eigene Weise mit Bildern und Worten, die man so noch nicht kennt. Gerade junge Leser*innen Anfang/Mitte zwanzig werden sich hier wiederfinden können.

In diesem Kurzgeschichtenband steckt weder Leichtigkeit noch eine Lösung, – beides darf man nicht erwarten -, dafür aber ganz viel Poesie und Detailliebe. Diese zeigt sich auch in der liebevollen Gestaltung des Büchleins, das mit aussagekräftigen Illustrationen von Clara Deitmar, einem zartblauen Buchschnitt, abgerundeten Ecken und einer raffinierten Bindung daherkommt. (Dafür noch mal ein Extralob!) „Im Enddefekt“ ist ein gefühlvoller, melancholischer Kurzgeschichtenband von einer jungen Autorin, die sicher noch einiges von sich hören lassen wird. Ich bin gespannt!

„Im Enddefekt“ von Josepine Frey, mit Illustrationen von Clara Deitmar, erschienen im Unsichtbar Verlag (122 S.)

[Rezension] „Jack“ | Anthony McCarten

Ich freue mich immer sehr über einen neuen Roman von Anthony McCarten, weil dieser Autor/Drehbuchautor/unfassbar kluge Mensch ein ganz feines Gespür dafür hat, seine Figuren, die oft nach realen Vorbildern kommen, so authentisch wie möglich darzustellen. Dazu gehört neben einer genauen Recherche auch eine ganze Menge Humor und ein detaillierter Blick für solch kleine Dinge wie besondere Angewohnheiten. McCarten ist so eine Art Multi-Talent und ich kann nicht anders, als ihn dafür zu bewundern. Für seinen neuesten Roman hat sich McCarten Jack Kerouac und die Beat Generation zur „Buchvorlage“ gewählt:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

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In „Jack“ geht es also um Jack Kerouac, den berühmten Autor von „On the Road“ („Unterwegs“), der mittlerweile seine Glanzzeit hinter sich gelassen hat und als mehr oder weniger galantes Wrack in Florida vor sich hinlebt bzw. … -stirbt, denn vom Alkohol kann er schon seit Jahren nicht mehr die Finger lassen. Er fristet sein Dasein mit Bier vor dem Fernseher statt mit dem Kopf im Buch, ungepflegt und mit einem wirren Ausdruck im Gesicht, aber der Geist ist höchstens beduselt, sonst noch ganz klar, da steht plötzlich die Literaturstudentin Jan vor der Tür. Sie möchte Kerouacs Biographie aufschreiben. Dieser will sie fortjagen, doch die Möglichkeit, einen Blick zurück zu wagen, ist verlockend und so beginnt eine Art gedanklicher Road-Trip, der für alle zur Belastungsprobe aus Liebe, Verrat, Geheimnissen, Drogen und Tod wird.

McCarten schafft es in seiner Geschichte über Kerouac und die Beat Generation neben dem ernsten Grundton des Romans doch immer eine Menge Humor zu wahren. Nein, nicht nur zu wahren, er setzt ihn gekonnt an den richtigen Stellen ein, so dass das melancholische Gefühl, das beim Lesen entsteht, lediglich in ganz zarter Dosierung abgegeben wird und der Roman an Schwung und Dynamik gewinnt. Zusätzlich baut McCarten immer wieder Sachen ein, die man so gar nicht erwartet hätte: er überrascht – und das immer wieder! Trotzdem muss ich gestehen, dass ich „Jack“ nicht als McCartens besten Roman empfinde. Ich nehme das aber auf meine Kappe, denn ich glaube, dass man für das Buch noch sehr viel mehr Hintergrundwissen benötigt, um so richtig tief in die Geschichte einzutauchen – und dieses Wissen fehlt mir. Ja, die Beatniks und Kerouac sind mir ein Begriff und man kann McCartens „Jack“ auch sehr gut lesen, ohne dass man alles über die Gang um „On the Road“ weiß, aber, nun ja, es hilft dann doch beim Lesen, um gewisse Verbindungen herzustellen. Da es in „Jack“ aber noch um viel mehr geht als Kerouac und seine Generation, nämlich vor allem auch um die Frage, wer man wirklich ist und was man vom Leben will, hat es mich dann doch gekriegt. Ganz besonders natürlich wegen McCartens Art zu schreiben, die neben Unterhaltung auch Tiefgang bietet. Fazit: Unbedingt lesenswert!

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié |Diogenes Verlag | 256 S.

[Blogbuster 2018] Interview mit Iden Wagner

Im Rahmen des Blogbusters 2018 könnt ihr auf der zugehörigen Homepage ein Portrait meiner Longlist-Autorin Iden Wagner finden (wir würden uns freuen, wenn ihr dort mal vorbeischaut!). Ich habe ihr zusätzlich ein paar ergänzende Fragen rund ums Buch und zu ihrem eingereichten Manuskript „Rollende Wale“ gestellt. Wenn ihr also wissen wollt, welche Gründe dazu führen, dass man einen Text schreibt, in dem die Protagonistin im Bett bleibt und vielleicht noch ein paar Buchtipps abgreifen wollt, dann solltet ihr jetzt dranbleiben! :)

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Du wolltest schon immer Schriftstellerin werden, wieso? Gab es irgendein bestimmtes Buch (gar mehrere?) oder einen Anlass, der dich dazu verleitet hat, dir sozusagen einen Bücherfloh ins Ohr gesetzt hat?

Ein bestimmtes Buch gab es für den Wunsch nicht. Ich habe, sobald ich lesen konnte, einfach sehr gern und viel gelesen. Toll fand ich zum Beispiel die Geschichten von Christine Nöstlinger, Peter Härtling und Klaus Kordon. Gleichzeitig habe ich begonnen, eigene kurze Geschichten aufzuschreiben, das passierte ganz von allein, warum auch immer.

In „Rollende Wale“, dem Text, mit dem du dich beim Blogbuster beworben hast, thematisierst du neben Kunst, Musik, Büchern, auch Menschenrechte und gesellschaftliche Themen. Sind das alles Dinge, die dich auch privat bzw. in deinem eigenen Umfeld beschäftigen und umgeben? Nennst du Bücher und Musik, die du selbst gerne magst?

Ja, stimmt, das sind alles Dinge, die für mich wichtig sind. Ich versuche, soweit es geht, mich politisch zu engagieren, und dabei sind die Menschenrechte für mich eine gute Orientierung. Besonders auch die wsk-Menschenrechte (wirtschaftliche, soziale, kulturelle Menschenrechte), die wenig bekannt sind und so wichtige Dinge wie das Menschenrecht auf eine Wohnung beinhalten. Die explodierende Obdachlosigkeit finde ich schlimm, und ich kann nicht begreifen, warum es nicht einen riesigen gesellschaftlichen Aufschrei und einen politischen Masterplan deswegen gibt. In Finnland ist die Straßenobdachlosigkeit abgeschafft, es geht also, wenn der Wille da ist.

Was Bücher und Musik angeht, spielt beides eine große Rolle für mich. Einige, die mich in meinem Leben begleitet haben, habe ich im Manuskript erwähnt – bei der Musik zum Beispiel The Smiths, Bob Dylan, Paolo Conte, Nina Simone, Rotfront Emigrantski Raggamuffin Kollektiv, Talking Heads, Tetes Raides, und darüber hinaus sind da z.B. Ton Steine Scherben, Belle and Sebastian, Element of Crime, Deichkind, Nirvana und immer mal wieder (für mich) Neues, wie gerade von Maike Rosa Vogel: Ich bin ein Hippie, und ich wollte immer einer sein . :)

Bei den Autoren sind es unter anderem J.D. Salinger, Max Frisch, Irmgard Keun, Oscar Wilde, James Baldwin, und die nicht erwähnten sind zum Beispiel Jonathan Franzen, Wilhelm Genazino, Margaret Atwood, Truman Capote, Milan Kundera, Uwe Timm, Zeruya Shalev, und gerade habe ich wieder mit großem Vergnügen Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ gelesen.

Den Gedanken, mal nicht mehr zu machen, was andere von einem erwarten und stattdessen im Bett liegen zu bleiben, haben täglich sicher einige. Selten macht man es dann und noch seltener so radikal wie deine Protagonistin Max. Was hat dich dazu inspiriert, Max nicht mehr aufstehen lassen zu wollen?

2015, als ich die erste Fassung schrieb, waren meine Söhne drei und vier Jahre alt, und ich war seit ihren Geburten angestrengt, überfordert und ständig übernächtigt, so dass die Vorstellung, einfach nur liegen zu können, geradezu paradiesisch war. So war die Idee geboren, einer fiktiven Person dieses Glück zuteil werden zu lassen. Den Grund für Max´ erschöpfte Verweigerung verschob ich auf andere Themen: ihre Trauer über den Tod ihrer Oma, ihre Einsamkeit angesichts der Erwartung ihrer Eltern, ein Leben zu führen, das sich vor allem an gesellschaftlichem Status und Profitmaximierung orientiert, und ihre generelle Verzweiflung angesichts der Beschaffenheit der Welt, über die die meisten Menschen nach der Pubertät hinwegkommen, die ich aber immer noch sehr gut nachvollziehen kann….

Wieso heißt „Rollende Wale“ eigentlich „Rollende Wale“?

Der Titel bezieht sich auf das Lied Watching the Wheels von John Lennon. Er schrieb es nach einer fünfjährigen Schaffenspause, in der er sich ausschließlich um seinen Sohn kümmerte, und dieses Abtauchen aus dem gesellschaftlichen, angeblich so wichtigen Leben thematisiert er in dem Song. Es ist im Grunde das Grundmotiv meines Manuskripts in Kurzversion.

Max verhört sich und macht „Wheels“ zu „Whales“, daher die Rollenden Wale. Das Verhören ist wiederum eine kleine Verbeugung vor meinem Lieblingsbuch, J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“. Der Protagonist, Holden Caulfield, erinnert sich ebenfalls falsch an eine Textzeile, in seinem Fall aus einem Gedicht von Robert Burns. Statt „Wenn einer einen anderen trifft, der durch den Roggen läuft“, meint Holden, es heiße, „Wenn einer einen anderen fängt, der durch den Roggen läuft“. Das will er dann sein: Der Fänger im Roggen, der die Kinder vor dem Erwachsenwerden bewahrt.

Handelt es sich bei „Rollende Wale“ um eine gänzlich fiktive Geschichte oder gibt es Personen, Momente, Situationen, die dir dafür einen Anlass gegeben haben?

Anfangs gab es eine Figur, die ich mehr oder weniger 1:1 aus dem Leben „abgeschrieben“ habe. Ich habe diese Figur dann komplett wieder aus dem Text rausgeworfen, als mir bewusst wurde, dass der reale Mensch zu Recht nie wieder ein Wort mit mir sprechen würde, falls es tatsächlich zu einer Veröffentlichung kommen sollte.

Alle Personen der aktuellen Version sind frei erfunden, auch wenn sie Eigenschaften aufweisen, die ich bei Menschen in meinem Umfeld oder mir selbst beobachte, und es gab Situationen in meinem Leben, die mich zu mancher Szene inspiriert haben.

Die Figuren folgen aber vor allem einem Zweck: Da ist die orientierungslose Hauptfigur, die durch ihre Mitmenschen verschiedene Lebensentwürfe präsentiert bekommt, und die die Auswirkungen von Reichtum und Armut nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht, sondern in ihren persönlichen Beziehungen erlebt.

Klingt vielleicht etwas „technisch“, die Figuren wurden für mich trotzdem alle lebendig. Ich habe mir zu allen eine mehr oder weniger ausgereifte Biografie überlegt, welche Eigenschaften sie wohl haben, welche Ängste und Freuden und Motive für ihr Handeln. Am Ende mochte ich auf diese Weise jede einzelne Figur – naja, den Hotelmanager Benson vielleicht nicht ganz so sehr.

Hättest du noch Ideen für weitere Romane? Denn, ganz ehrlich, ich würde gerne mehr lesen!

Danke fürs Kompliment! Ich habe eigentlich eher zu viele Ideen, die Schwierigkeit ist zu entscheiden, welche wirklich etwas taugt, und das dann gut umzusetzen.

Momentan schreibe ich an einem Romanentwurf, der im Bundestag und dessen Umfeld spielt. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, ähnlich wie Juli Zehs Unterleuten oder John Lanchesters Kapital, die mir beide sehr gut gefallen. Ob ich das ähnlich gut hinkriegen werde, ist natürlich die andere Frage.

Magst du uns ein Buch nennen, welches man unbedingt gelesen haben sollte? Und warum?

Siehe oben: Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger. Ich habe es mit fünfzehn zum ersten Mal gelesen und danach noch ungefähr zwanzig Mal, auf Deutsch und auf Englisch, obwohl ich normalerweise zu faul zur Englisch-Lektüre bin. Für mich war es als Jugendliche ungeheuer tröstlich, mit meinen Gefühlen von Außenseitertum und dem Verzweifeln an der Welt nicht allein zu sein.

Vor ein paar Monaten habe ich es wieder gelesen, und ich finde es immer noch fantastisch. Dieses Angeekeltsein von der Doppelmoral der Erwachsenen-Welt, die jede noch so schreiende (soziale) Ungerechtigkeit hinnimmt und vor der es kein Entkommen gibt, und das alles erzählt in diesem eigenwilligen Schreibstil mit so viel Witz.

Da es ein Klassiker und wahrscheinlich noch immer Schullektüre ist, haben es die meisten vermutlich ohnehin gelesen, so dass sich eine Empfehlung im Grunde erübrigt. Für manche ist es vielleicht zu düster und hoffnungslos, und auch ich bin heute (glücklicherweise) optimistischer und milder in der moralischen Erwartung an die Menschheit, als es Holden Caulfield ist und ich als Jugendliche war. Ich liebe das Buch trotzdem noch immer.

Liebe Iden, ganz herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin beim Blogbuster! Meine Daumen sind gedrückt! :)

[Rezension] „Dunkelgrün fast schwarz“ | Mareike Fallwickl

Es ist jetzt schon ein Weilchen her, dass ich „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl gelesen habe, aber dieses durchdringende Gefühl, das es hinterlassen hat, das bleibt – und das ist wahrscheinlich auch mit das Wichtigste, was man über dieses Buch wissen sollte. Merkt euch noch: es ist anders, es sticht hervor und es ist sprachlich ganz groß – dann habt ihr fast alles Wissenswerte beisammen und könnt gleich schon mal loslegen mit in die Buchhandlung preschen oder wenn ihr es schon habt: lesen. Noch nicht überzeugt? Ok gut, dann erkläre ich noch kurz, worum es inhaltlich geht (aber so, dass ihr keine Angst vor Spoilern haben müsst!) und was genau dieses Etwas ist, was es so besonders macht. Und dann aber wirklich: lesen!

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Moritz, Raffael und Johanna sind Freunde. Sie bilden zusammen ein Dreieck (wie die Beziehung der drei wunderschön und passend in der Verlagsbeschreibung bezeichnet wird), dessen nach allen drei Seiten hin zeigende Spitzen giftig sind. Die Spitzen bildet Raffael, der alles durchdringt, das Dreieck komplett mit seinem Ich ausfüllt, der allen voran den Ton angibt, dem alle folgen sollen. Raffael, der hinter seinem glänzenden Äußeren und dem bestechenden Blick etwas verbirgt, das durch und durch böse ist und alles infiziert, was er berührt – und sei es nur mit den Augen -, vor allem aber Moritz und Johanna. Lediglich eine kann sich seinen Klauen entziehen und das ist Marie, die Mutter von Moritz. Doch auch sie hat Geheimnisse, die tief in ihrem Inneren schlummern. Sechzehn Jahre später wird die Vergangenheit zur Gegenwart und alles, was längst verdrängt geglaubt war, reißt ein Loch ins Hier und Jetzt und stellt alle Beteiligten auf die Probe.

Mareike Fallwickl schreibt mit einer unglaublichen Wucht und einer faszinierenden Zärtlichkeit von einem Menschen, der allein durch seine Gegenwart andere mit sich in den Abgrund reißt. Ein Mensch, der ohne Verluste und Rücksicht auf seine Umwelt, seine Mitmenschen lebt und Macht ausübt wie es ihm beliebt – und zeigt dabei in einer anderen Perspektive die Rückseite, das, was ankommt bei denjenigen, die unter diesem Einfluss einer solchen Person stehen. Die Autorin zeigt Angriff und Abwehr, Licht und Schatten, Hell und Dunkel. In all ihren Worten und vor allem auch in der Geschichte selbst stecken Gegenteile, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen, die das Gesagte schwimmen lassen, die nachdenklich machen, die sich flüsternd um uns Leser*innen legen und dabei wispern, kennst du sie nicht auch? Diese Person, die herrisch alles verlangt, weil sie meint, sie kann und sie darf, dabei steckt in ihr ein genauso getaktetes Herz wie in allen anderen. Und die uns letztlich fragen lässt, gibt es ausschließlich Licht und Schatten oder gibt es nicht auch Orte, wo beides zusammenfällt?

„Dunkelgrün fast schwarz“ hat alles, was ein Buch braucht, um völlig zu fesseln. Eine mitreißende Geschichte, in der sich Vergangenheit und Gegenwart verstricken und eine Einheit im Gesagten bilden. Figuren, die man an sich drücken und von sich stoßen will. Einen Erzählstil, der gekonnt in Zeiten und Personen springt und dabei immer gerade so verwirrt, wie es angenehm und spannend zu lesen ist. Eine Sprache, in die man eintauchen möchte, in der man Worte schmecken, fühlen und riechen kann und die die Buchstaben auf Papier zum Tanzen bringen. Sätze, nach denen man seine Hand ausstrecken will, um sie herauszuziehen und zu umarmen. Und letztlich verbindet sich das alles zu einem Sog, der mitunter das schönste am Lesen ist und aus dem man nicht mehr auftauchen mag, auch nicht, wenn es drei Uhr nachts ist und man morgens früh raus muss.

Also bitte, lasst euch nicht irritieren, wenn ihr dieser und der letzten Tage schon an die hundertmal ein und dasselbe Buch gesehen habt – es fängt bestimmt gerade erst an -, denn „Dunkelgrün fast schwarz“ ist es sowas von wert, gelesen, gelobt und gezeigt zu werden. Gestern, heute und morgen.

Frankfurter Verlagsanstalt| 480 S.

[Lesemonat] Februar 2018

Ich habe es im Februar beinahe geschafft, mehr ausgeliehene Bücher als gekaufte oder geschenkte zu lesen. Warum ich das gut finde? In meiner Wohnung stapeln sich die Bücher an jeder Ecke und – ja, ja, ja!! – das ist schön, aber wenn immer mehr dazu kommen, kann es auch erdrücken. Zumal ich den Traum meiner eigenen Bibliothek (sprich: einen eigenen Raum samt Leiter, Kuschelsessel und vielleicht noch einem knisternden Kamin – ihr habt es sicher deutlich vor Augen) bisher noch nicht verwirklichen konnte. Es spricht absolut nichts dagegen, sich neue Bücher zu kaufen (bitte, wenn möglich, in einer Buchhandlung eures Vertrauens) und wer mich kennt, der oder die weiß, dass mich mein innerer Kompass IMMER zuerst in eine Buchhandlung führt. Ganz egal, wo ich bin. Nichtsdestotrotz habe ich Gefallen daran gefunden, mir Bücher im Vorfeld zu einem Großteil auszuleihen oder, wenn gekauft oder geschenkt, nach dem Lesen selbst zu verleihen. Nicht nur, um Platz und Geld zu sparen, sondern schlichtweg, weil es ein gutes Gefühl ist, etwas länger darüber nachzudenken, welche Bücher sich eine Dauerkarte im Regal wirklich verdienen. Klingt das komisch? Ich hoffe nicht!

Warum habe ich jetzt eigentlich einen ganzen Absatz gebraucht, um einfach nur auszudrücken: Hallo, das sind meine gelesenen Bücher im Februar. Das Foto stimmt allerdings nicht ganz mit der Realität überein, denn die Hälfte der Februar-Bücher besitze ich nicht selbst, sondern habe sie von Freunden oder aus der Bibliothek ausgeliehen..?

Herzlichen Glückwunsch, mich kurzfassen kann ich also nicht.

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„Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse

Ein historischer Roman für Jugendliche, den aber ruhig auch Erwachsene lesen können/sollten. In Zeit (Zweiter Weltkrieg) und Raum (Amsterdam) erinnert das Thema ein wenig an Anne Franks Tagebuch, aber wirklich nur entfernt. Denn auch wenn es hier um ähnliche Dinge geht: Schuld, Verrat, Mut, Widerstand, ist die Geschichte doch eine andere. Die Protagonistin Hanneke ist nicht von Beginn an eine rein uneigennützige Heldin, sie ist verängstigt, auch ein wenig naiv und vor allem auch ein ganz, ganz kleines bisschen egoistisch. Das ist ihr eigener Schutzpanzer. Die Tatsache, dass Hanneke eine Entwicklung während des Buches durchmacht, hat mir sehr gefallen und wirft ein anderes, gleichwohl authentisches Licht auf diese sehr dunkle Zeit.

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward

Dieser Roman ist sprachlich eine Wucht. Selten habe ich so melodische, rhythmische und warme Sätze gelesen wie hier. Und dann reihen sie sich auch noch aneinander wie Glieder einer Kette. Einer ganz langen Kette. Die Sprache, die, obwohl sie so kraftvoll ihre Worte singt, steht fast schon im Kontrast zum Erzählten, das rau, voller Gewalt und Trauer steckt. Es ist ein Buch, eine Geschichte, die viel von den Leser*innen abverlangt, vielleicht auch Grenzen überschreitet, aber: es lohnt sich sehr, wenn man sich darauf einlassen kann und mag.

„Emil und die Detektive“ | Erich Kästner

Habe ich bereits gebeichtet, dass ich als Kind kein Kästner-Fangirl war? Ich kann auch gar keinen genauen Grund nennen, außer den, dass ich eben alles von Enid Blyton gelesen habe – und das in doppelter und dreifacher Ausführung. Heute mag ich da gerne ein paar Lücken schließen und, mal ehrlich, Kästner kann was, keine Frage. Es ist nicht das erste Buch, das ich von ihm lese, aber das erste Kinderbuch, das ich bewusst wahrnehme und es hat schlichtweg einfach unfassbar viel Spaß gemacht.

„Jack“ | Anthony McCarten

Manchmal frage ich mich, wie man eigentlich so gewitzt und intelligent sein kann wie Anthony McCarten. Da schreibt dieser Autor ein kluges Buch (ob Roman oder Drehbuch) nacheinander und jedes Mal hat man das Gefühl, als ob er selbst diese (berühmten) Menschen, von denen er da schreibt, kennt wie seine besten Freunde und so, als ob er hautnah dabei gewesen wäre. In diesem Roman geht es dabei um Jack Kerouac, der nicht unbedingt gut wegkommt, aber das soll er auch nicht. Die Figuren in diesem Roman sind mir durchweg unsympathisch gewesen, das hat es ein bisschen schwierig für mich gemacht, und trotzdem schafft es McCarten eine Geschichte zu verfassen, die lustig, überraschend und lesenswert ist (obwohl ich es zwischendurch ein wenig… nunja…langweilig fand). Achso – und man lernt auch noch was über die Beat Generation. Mach das mal einer nach.

„Im Westen nichts Neues“ | Erich Maria Remarque

Mich hat wohl noch nie ein Buch so überrascht wie dieses. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Roman so packen, so mitnehmen, so durchwirbeln würde. Es ist eines dieser Bücher, das man immer im Gedächtnis behalten wird. Es ist rau, es ist gewaltig, es ist real. Teilweise hat man das Gefühl, man würde mit in einem der zahlreichen Schützengräben des Ersten Weltkrieges liegen und das ist nicht schön, das soll es auch nicht sein, aber doch ist das wichtig, um Dinge in der Vergangenheit zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Dinge, die auch heute noch geschehen, an die wir aber in unserer geschützten Blase nicht denken wollen. Dinge, die immer wieder so oder so ähnlich passieren können und werden, denn: Geschichte wiederholt sich (leider). Remarque schreibt dabei in einer kraftvollen poetischen Sprache, die sich stellenweise liest wie ein Gedicht und in der so viel Wahrheit liegt

„Die Nacht von Lissabon“ | Erich Maria Remarque

Auch dieses Buch beeindruckt mich sprachlich wie inhaltlich, in dem es zeigt, was mit Menschen passiert, zu was sie fähig sind, wenn es zum Äußersten kommt. Wie Opfer und Täter verschwimmen und wie Remarque es schafft, dies in Worte zu packen und so ein intensives Leseerlebnis zu gestalten, das lehrreich in vielerlei Dingen ist. Er schreibt hier von Menschen, die auf der Flucht sind, die ihre eigene Identität mehrmals verlieren und doch immer den Mut und die Kraft aufbringen, sich zu wehren, sich aufzulehnen gegen ein Regime der Unterdrückung und Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg und dabei fällt ein Satz, den ich sehr bezeichnend finde: „’Es mag sein, dass unsere Zeit einmal die der Ironie genannt wird‘, sagte Schwarz. ‚Natürlich nicht die der geistvollen des achtzehnten Jahrhunderts, sondern die der unfreiwilligen und ebenfalls bösartigen oder dummen unseres plumpen Zeitalters des Fortschritts in der Technik und des Rückschritts in der Kultur. (…)“ Remarque zu lesen ist aufwühlend. Man liest seine Bücher nicht und schreitet anschließend locker flockig im Alltag voran. Nein, er reißt einen heraus, stellt unangenehme Fragen und gibt unbefriedigende Antworten. So ist das Leben.

„Kleiner Mann, was nun?“ | Hans Fallada

Ein Roman, der die Umstände und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik leicht verständlich und authentisch beschreibt. Es geht hierbei um die kleinen Leute. Die, die versuchen mit wenig Geld einigermaßen über die Runden zu kommen und doch immer wieder mit neuen, unüberwindbar scheinenden Problemen konfrontiert werden. Erträglich macht es allein, dass sie zusammenhalten. Lämmchen und Hannes, die beiden Hauptfiguren, sind mir dabei sehr, sehr ans Herz gewachsen. Beeindruckt hat mich die starke Frauenrolle, die Lämmchen zukommt und auch wenn der Roman stellenweise Längen aufweist, hat er mich sehr in seinen Bann gezogen. Der nächste Fallada liegt schon bereit!

… und dann gab es da noch „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling, das ich – zugegeben – nicht komplett gelesen habe, weil es mir schlichtweg einfach zu viel geworden ist. Darin stecken tolle Ideen und ich musste einige Male laut lachen, auch wenn es erschreckend an die Realität herankommt, aber mein Fall war es trotzdem nicht.