[Blogbuster 2018] Interview mit Iden Wagner

Im Rahmen des Blogbusters 2018 könnt ihr auf der zugehörigen Homepage ein Portrait meiner Longlist-Autorin Iden Wagner finden (wir würden uns freuen, wenn ihr dort mal vorbeischaut!). Ich habe ihr zusätzlich ein paar ergänzende Fragen rund ums Buch und zu ihrem eingereichten Manuskript „Rollende Wale“ gestellt. Wenn ihr also wissen wollt, welche Gründe dazu führen, dass man einen Text schreibt, in dem die Protagonistin im Bett bleibt und vielleicht noch ein paar Buchtipps abgreifen wollt, dann solltet ihr jetzt dranbleiben! :)

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Du wolltest schon immer Schriftstellerin werden, wieso? Gab es irgendein bestimmtes Buch (gar mehrere?) oder einen Anlass, der dich dazu verleitet hat, dir sozusagen einen Bücherfloh ins Ohr gesetzt hat?

Ein bestimmtes Buch gab es für den Wunsch nicht. Ich habe, sobald ich lesen konnte, einfach sehr gern und viel gelesen. Toll fand ich zum Beispiel die Geschichten von Christine Nöstlinger, Peter Härtling und Klaus Kordon. Gleichzeitig habe ich begonnen, eigene kurze Geschichten aufzuschreiben, das passierte ganz von allein, warum auch immer.

In „Rollende Wale“, dem Text, mit dem du dich beim Blogbuster beworben hast, thematisierst du neben Kunst, Musik, Büchern, auch Menschenrechte und gesellschaftliche Themen. Sind das alles Dinge, die dich auch privat bzw. in deinem eigenen Umfeld beschäftigen und umgeben? Nennst du Bücher und Musik, die du selbst gerne magst?

Ja, stimmt, das sind alles Dinge, die für mich wichtig sind. Ich versuche, soweit es geht, mich politisch zu engagieren, und dabei sind die Menschenrechte für mich eine gute Orientierung. Besonders auch die wsk-Menschenrechte (wirtschaftliche, soziale, kulturelle Menschenrechte), die wenig bekannt sind und so wichtige Dinge wie das Menschenrecht auf eine Wohnung beinhalten. Die explodierende Obdachlosigkeit finde ich schlimm, und ich kann nicht begreifen, warum es nicht einen riesigen gesellschaftlichen Aufschrei und einen politischen Masterplan deswegen gibt. In Finnland ist die Straßenobdachlosigkeit abgeschafft, es geht also, wenn der Wille da ist.

Was Bücher und Musik angeht, spielt beides eine große Rolle für mich. Einige, die mich in meinem Leben begleitet haben, habe ich im Manuskript erwähnt – bei der Musik zum Beispiel The Smiths, Bob Dylan, Paolo Conte, Nina Simone, Rotfront Emigrantski Raggamuffin Kollektiv, Talking Heads, Tetes Raides, und darüber hinaus sind da z.B. Ton Steine Scherben, Belle and Sebastian, Element of Crime, Deichkind, Nirvana und immer mal wieder (für mich) Neues, wie gerade von Maike Rosa Vogel: Ich bin ein Hippie, und ich wollte immer einer sein . :)

Bei den Autoren sind es unter anderem J.D. Salinger, Max Frisch, Irmgard Keun, Oscar Wilde, James Baldwin, und die nicht erwähnten sind zum Beispiel Jonathan Franzen, Wilhelm Genazino, Margaret Atwood, Truman Capote, Milan Kundera, Uwe Timm, Zeruya Shalev, und gerade habe ich wieder mit großem Vergnügen Martin Walsers „Ein fliehendes Pferd“ gelesen.

Den Gedanken, mal nicht mehr zu machen, was andere von einem erwarten und stattdessen im Bett liegen zu bleiben, haben täglich sicher einige. Selten macht man es dann und noch seltener so radikal wie deine Protagonistin Max. Was hat dich dazu inspiriert, Max nicht mehr aufstehen lassen zu wollen?

2015, als ich die erste Fassung schrieb, waren meine Söhne drei und vier Jahre alt, und ich war seit ihren Geburten angestrengt, überfordert und ständig übernächtigt, so dass die Vorstellung, einfach nur liegen zu können, geradezu paradiesisch war. So war die Idee geboren, einer fiktiven Person dieses Glück zuteil werden zu lassen. Den Grund für Max´ erschöpfte Verweigerung verschob ich auf andere Themen: ihre Trauer über den Tod ihrer Oma, ihre Einsamkeit angesichts der Erwartung ihrer Eltern, ein Leben zu führen, das sich vor allem an gesellschaftlichem Status und Profitmaximierung orientiert, und ihre generelle Verzweiflung angesichts der Beschaffenheit der Welt, über die die meisten Menschen nach der Pubertät hinwegkommen, die ich aber immer noch sehr gut nachvollziehen kann….

Wieso heißt „Rollende Wale“ eigentlich „Rollende Wale“?

Der Titel bezieht sich auf das Lied Watching the Wheels von John Lennon. Er schrieb es nach einer fünfjährigen Schaffenspause, in der er sich ausschließlich um seinen Sohn kümmerte, und dieses Abtauchen aus dem gesellschaftlichen, angeblich so wichtigen Leben thematisiert er in dem Song. Es ist im Grunde das Grundmotiv meines Manuskripts in Kurzversion.

Max verhört sich und macht „Wheels“ zu „Whales“, daher die Rollenden Wale. Das Verhören ist wiederum eine kleine Verbeugung vor meinem Lieblingsbuch, J.D. Salingers „Der Fänger im Roggen“. Der Protagonist, Holden Caulfield, erinnert sich ebenfalls falsch an eine Textzeile, in seinem Fall aus einem Gedicht von Robert Burns. Statt „Wenn einer einen anderen trifft, der durch den Roggen läuft“, meint Holden, es heiße, „Wenn einer einen anderen fängt, der durch den Roggen läuft“. Das will er dann sein: Der Fänger im Roggen, der die Kinder vor dem Erwachsenwerden bewahrt.

Handelt es sich bei „Rollende Wale“ um eine gänzlich fiktive Geschichte oder gibt es Personen, Momente, Situationen, die dir dafür einen Anlass gegeben haben?

Anfangs gab es eine Figur, die ich mehr oder weniger 1:1 aus dem Leben „abgeschrieben“ habe. Ich habe diese Figur dann komplett wieder aus dem Text rausgeworfen, als mir bewusst wurde, dass der reale Mensch zu Recht nie wieder ein Wort mit mir sprechen würde, falls es tatsächlich zu einer Veröffentlichung kommen sollte.

Alle Personen der aktuellen Version sind frei erfunden, auch wenn sie Eigenschaften aufweisen, die ich bei Menschen in meinem Umfeld oder mir selbst beobachte, und es gab Situationen in meinem Leben, die mich zu mancher Szene inspiriert haben.

Die Figuren folgen aber vor allem einem Zweck: Da ist die orientierungslose Hauptfigur, die durch ihre Mitmenschen verschiedene Lebensentwürfe präsentiert bekommt, und die die Auswirkungen von Reichtum und Armut nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht, sondern in ihren persönlichen Beziehungen erlebt.

Klingt vielleicht etwas „technisch“, die Figuren wurden für mich trotzdem alle lebendig. Ich habe mir zu allen eine mehr oder weniger ausgereifte Biografie überlegt, welche Eigenschaften sie wohl haben, welche Ängste und Freuden und Motive für ihr Handeln. Am Ende mochte ich auf diese Weise jede einzelne Figur – naja, den Hotelmanager Benson vielleicht nicht ganz so sehr.

Hättest du noch Ideen für weitere Romane? Denn, ganz ehrlich, ich würde gerne mehr lesen!

Danke fürs Kompliment! Ich habe eigentlich eher zu viele Ideen, die Schwierigkeit ist zu entscheiden, welche wirklich etwas taugt, und das dann gut umzusetzen.

Momentan schreibe ich an einem Romanentwurf, der im Bundestag und dessen Umfeld spielt. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, ähnlich wie Juli Zehs Unterleuten oder John Lanchesters Kapital, die mir beide sehr gut gefallen. Ob ich das ähnlich gut hinkriegen werde, ist natürlich die andere Frage.

Magst du uns ein Buch nennen, welches man unbedingt gelesen haben sollte? Und warum?

Siehe oben: Der Fänger im Roggen von J.D. Salinger. Ich habe es mit fünfzehn zum ersten Mal gelesen und danach noch ungefähr zwanzig Mal, auf Deutsch und auf Englisch, obwohl ich normalerweise zu faul zur Englisch-Lektüre bin. Für mich war es als Jugendliche ungeheuer tröstlich, mit meinen Gefühlen von Außenseitertum und dem Verzweifeln an der Welt nicht allein zu sein.

Vor ein paar Monaten habe ich es wieder gelesen, und ich finde es immer noch fantastisch. Dieses Angeekeltsein von der Doppelmoral der Erwachsenen-Welt, die jede noch so schreiende (soziale) Ungerechtigkeit hinnimmt und vor der es kein Entkommen gibt, und das alles erzählt in diesem eigenwilligen Schreibstil mit so viel Witz.

Da es ein Klassiker und wahrscheinlich noch immer Schullektüre ist, haben es die meisten vermutlich ohnehin gelesen, so dass sich eine Empfehlung im Grunde erübrigt. Für manche ist es vielleicht zu düster und hoffnungslos, und auch ich bin heute (glücklicherweise) optimistischer und milder in der moralischen Erwartung an die Menschheit, als es Holden Caulfield ist und ich als Jugendliche war. Ich liebe das Buch trotzdem noch immer.

Liebe Iden, ganz herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg weiterhin beim Blogbuster! Meine Daumen sind gedrückt! :)