[Rezension] „Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey ist eine Kunstfigur, die auf Instagram unter @josephineschreibt zu existieren begann. Dort schreibt die junge Autorin unter ihrem Pseudonym über alles, was sie bewegt – und das sind vor allem die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen.

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„Im Enddefekt“ ist Josephine Freys Debüt, das aus verschiedenen Kurzgeschichten besteht, die sich allesamt um mehr oder weniger ein Thema drehen. Es gibt drei Kapitel, die nach den Liedern ‚This Modern Love‘ von Bloc Party, ‚Lover I Don’t Have To‘ von Bright Eyes und ‚Left and Leaving‘ von The Weakerthans plus Hidden Track unterteilt sind. Immer ist es ein Gefühl, das detailliert und punktgenau in außergewöhnlichen Metaphern und wuchtigen Bildern beschrieben wird:

„Alles, was ich gewinne, wenn ich dich aus den Augen verliere, ist Zeit, die ich lieber mit dir verbracht hätte.“

Dabei bleibt die Person, die Ich-Erzählerin, die Kunstfigur so anonym wie irgend möglich. Jeder könnte diese Person sein, die von Angst und Einsamkeit zerfressen in Melancholie badet. Die nicht genau weiß, wo sie hingehört und doch immer auf der Suche ist. Die die Hand ausstreckt, um sie ganz schnell wieder zurückzuziehen.

Alle Kurzgeschichten hinterlassen einen nachdenklichen Zauber, manche kreisen jedoch ein wenig zu weit um den Punkt herum, wirken nicht hundertprozentig in den Rahmen passend und stehen leicht verloren zwischen den anderen Geschichten. Auch zu der Erzähl-Figur, die jeder sein könnte, kann man keinen richtigen Bezug herstellen, was natürlich gewollt ist, an manchen Stellen würde man sich aber wünschen, da wäre eine Möglichkeit, die Figuren, auch die Nebenfiguren, mehr greifen zu können. Aber das ist ok, denn hier geht es vielmehr um das Fühlen, das in Sprache eintauchen und darin etwas finden, das einem sagt, man ist nicht allein, mit diesem Empfinden. Die Autorin spricht aus, schreibt nieder, was sicher viele schon einmal so oder so ähnlich empfunden haben – und das macht sie ganz wunderbar auf ihre eigene Weise mit Bildern und Worten, die man so noch nicht kennt. Gerade junge Leser*innen Anfang/Mitte zwanzig werden sich hier wiederfinden können.

In diesem Kurzgeschichtenband steckt weder Leichtigkeit noch eine Lösung, – beides darf man nicht erwarten -, dafür aber ganz viel Poesie und Detailliebe. Diese zeigt sich auch in der liebevollen Gestaltung des Büchleins, das mit aussagekräftigen Illustrationen von Clara Deitmar, einem zartblauen Buchschnitt, abgerundeten Ecken und einer raffinierten Bindung daherkommt. (Dafür noch mal ein Extralob!) „Im Enddefekt“ ist ein gefühlvoller, melancholischer Kurzgeschichtenband von einer jungen Autorin, die sicher noch einiges von sich hören lassen wird. Ich bin gespannt!

„Im Enddefekt“ von Josepine Frey, mit Illustrationen von Clara Deitmar, erschienen im Unsichtbar Verlag (122 S.)

2 Kommentare zu „[Rezension] „Im Enddefekt“ | Josephine Frey“

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