Hans Fallada | Im Rausch des Schreibens

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(Bildquelle: hier)

Seitdem ich begonnen habe, Hans Falladas Bücher zu lesen, bin auch ich in so einer Art Rausch. Das Wort klingt in meinem Fall wohl ein wenig überzogen, wobei… nein, ich bin schlichtweg rauschartig fasziniert. Fasziniert von den Worten, aus denen Fallada da eine Geschichte nach der anderen gezaubert hat und aus denen so viel Wahrheit spricht.

Wenn mich Bücher derart einnehmen, dann möchte ich mehr. Nicht nur mehr Bücher, sondern Hintergrundwissen. Was, wieso, weshalb? Spätestens nachdem ich las, dass Fallada seinen letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ innerhalb von 4 Wochen niederschrieb, wurde dieser innere Drang nach Wissen aktiviert. Wer war dieser Mensch? Wie konnte er so genau die Welt, besonders die „der kleinen Leute“ beschreiben? Sehr wahrscheinlich erzähle ich den meisten nichts Neues, aber ich muss das für mich selbst aufschreiben: Fallada hatte ein Leben wie seine Bücher.

Hans Fallada, geboren als Rudolf Ditzen, zeigte bereits als Kind ein auffälliges, von Psychosen dominiertes Verhalten. Das nicht genug, duellierte er sich 1911 mit einem Freund – ihr Vorhaben: Doppelselbstmord – und tötete ihn dabei. Fallada selbst blieb am Leben, was ihn wohl weniger gefreut hat, für uns Leser*innen aber ein Glück ist. Nach diesem Unfall/Mord wurde Fallada in die Psychiatrie eingewiesen (es wird nicht das letzte Mal sein). Als er 1913 entlassen wurde, wollte er sich ein Jahr später zum Kriegsdienst melden, wurde jedoch ausgemustert und führte daraufhin ein von Alkohol und Drogen dominiertes relativ wildes Leben, das von da an von zwei konflikthaften Gegensätzen bestimmt wurde: Trinken & Morphium vs. Entzug, besonders vom Alkohol kam er nicht los. In den Entzugsphasen, noch bevor er mit seinen Romanen Geld verdienen konnte, lernte er das Leben der kleinen Leute kennen, das sich hauptsächlich durch harte, körperliche Arbeit und wenig bis gar kein Geld auszeichnete. Dies nützte ihm später u.a. als Milieustudie. Generell kann man sagen, dass alles in Falladas Leben aus Extremen bestand, die sich in Gegensätzen zeigten. Schon alleine sein gewähltes Pseudonym, das von dem Märchen „Hans im Glück“ und dem ans Tor genagelten Kopf des Pferdes Fal(l)ada aus dem Märchen „Die Gänsemagd“ zusammengesetzt ist – und somit Glück und Unglück vereint. Ein Sinnbild seines Empfindens. Später wurde Fallada noch einige Male in die Psychiatrie eingewiesen und musste mehrmals – wegen Betrugs und versuchten Totschlags – ins Gefängnis.

Seiner Arbeit als Autor tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, es scheint, als habe er diesen Schreibwahn gebraucht, um sich befreien zu können, von allem, was ihn belastete, was ihn umtrieb. Sei es die eigene Trink- und Drogensucht („Der Trinker“), seine Erfahrungen im Gefängnis („Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“), Gesellschaftsportraits der Weimarer Republik („Kleiner Mann – was nun?“, „Wolf unter Wölfen“) usw. „Jeder stirbt für sich allein“ grenze ich da aus, denn diesen Roman wollte er zunächst nicht schreiben (na, zum Glück hat er’s doch gemacht!). Die Geschichte behandelt das Thema des Widerstands im Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt ein Ehepaar, das tatsächlich gelebt hat und das Postkarten geschrieben hat, um die Wahrheit kundzutun. Für damalige Zeiten ein gefährliches Unterfangen. Und mutig. Ein Grund, warum Fallada sich zunächst weigerte. Er sei – im Bezug auf den Widerstand – nie mutig gewesen. „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein beeindruckender und nachdrücklich wichtiger Roman, in dem sich aber auch wieder Falladas eigene Erfahrungen widerspiegeln, v.a. in den Nebenfiguren: dem Spieler, dem Trunksüchtigen, dem Betrüger, dem Gefängnisinsassen. Sprachlich ist es nicht sein bester Roman (in Anbetracht der mickrigen 4 Wochen Schreibzeit aber durchaus Wahnsinn), dafür jedoch der mit der wichtigsten Aussagekraft.

Es stellt sich die Frage, ob seine Werke so grandios geworden wären, wenn Fallada nicht Fallada gewesen wäre? Benötigt man einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung, um solche Bücher zu schreiben? Eine Antwort darauf kann man sicher nicht geben, aber Fallada gehört zu diesen großartigen Autoren, die im Schreiben leben und sterben, weil sie jedem Buch ein Stück von sich selbst geben. Und dafür kann man ihm nicht genug danken. Seine Bücher sind heute so bedeutend und aktuell wie damals.

Empfehlenswert: „Hans Fallada – Im Rausch des Schreibens“ (eine Dokumentation) und „Hans Fallada. Die Biographie.“ von Peter Walther im Aufbau Verlag erschienen.

1 Kommentar zu „Hans Fallada | Im Rausch des Schreibens“

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