[Rezension] „Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

In der Regel beginnt man eine Buchbesprechung entweder mit dem Autor oder gleich mit dem Buch, um das es geht, – nie mit dem Nachwort. Eigentlich. In diesem Fall finde ich das aber ganz passend, da der Verleger Stefan Weidle sehr wichtige und eindrückliche Worte in seinem Nachwort zu Felix Jacksons „Berlin, April 1933“ findet, die die Bedeutsamkeit dieses Werkes zum Ausdruck bringen. Ich möchte jetzt gar nicht auf den gesamten Text eingehen, aber gerne noch mal betonen, dass man gerade bei solchen Werken das Nachwort nicht vernachlässigen sollte. Es ordnet das Buch ein, bettet es in einen (manchmal anderen) Kontext, gibt Denkanstöße, macht Mut oder mahnt. „Berlin, April 1933“,  ist heute, (zeitlich gesehen) 85 Jahre später, so aktuell wie damals – und das betont Weidle sehr gekonnt, in dem er u.a. das Motto Jacksons aufleben lässt: „Wenn wir über gestern reden, sprechen wir von heute und morgen.“

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April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.

Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können. Der Autor Felix Jackson betont in seiner Vorbemerkung, dass der Roman auf tatsächlichen Ereignissen beruht, auch die Figuren haben wirklich gelebt. Nur ihre Namen sind geändert worden. (vgl. Vorbemerkungen des Autors in „Berlin, April 1933“) Vieles, das in dem Buch seinen Platz gefunden hat, gründet auf Erlebnissen und Erfahrungen Jacksons, der damals noch Joachimson heißt.

Der Roman wird aus Sicht des Protagonisten Dr. Hans Bauer geschildert. In einzelnen Tagebucheinträgen hält er seine Erlebnisse zunächst tageweise fest, später als einzelne Sachverhalte zusammengefasst. Die historische Genauigkeit ist nicht immer ganz gegeben, einige Ereignisse treffen im Buch früher ein als in der Wirklichkeit. Jackson hat die Geschehnisse für den Roman gerafft, sodass eine atmosphärisch dichte und spannende Geschichte entsteht und das wirkt unfassbar gut. Sicher fällt während des Lesens auf, dass die Eintragungen etwas zu ausschweifend, zu detailliert werden, um einen authentischen Tagebucheintrag wiederzugeben, aber das macht die Besonderheit dieses Romans aus. Die Geschichte wirkt umso eindringlicher, weil sie eben durch eine Person geschildert und gleichzeitig von außen mit mehr Informationen gefüttert wird. Der Protagonist schwankt. Er schwankt zwischen „Gut und Böse“, wobei beides irgendwann nicht mehr unterscheidbar wird, zwischen dem, was er will und den gegebenen Umständen. Dieses Schwanken schlägt sich im Text nieder. Als Leser*in kann man geradezu miterleben, wie gewisse Erlebnisse den Protagonisten immer wieder niederstrecken, aufstehen oder auch liegen lassen. Man spürt, wie sich die psychische Belastung immer tiefer eingräbt, allumfassend wird. Dieser Roman stellt mit seinen Leser*innen etwas an, er beschönigt nicht, er teilt aus. Und das ist – gerade jetzt, wo wir uns in einer solch unsicheren Zeit befinden, in der manches sich wie wiederhergeholt anfühlt, das längst begraben schien – so wichtig!

Weidle Verlag | 286 S.

[Weil ich ein Leben habe] #10

Ein Blick in den Taschenkalender, – den ich übrigens extra ansehnlich ausgewählt habe, damit die darin eingetragenen Daten vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen weniger blöd werden -, verrät, dass in den nächsten Tagen einige Arzttermine anstehen, die ich gut und gerne „vergessen“ würde. So wie ich generell auf alles, was mit Ärzten & Co. zu tun hat, verzichten könnte. Das hat nichts damit zu tun, dass ich bockig bin (naja, vielleicht manchmal), aber ganz viel damit, dass ich keine Lust mehr habe. Ein Leben lang krank zu sein macht mürbe. Man hat schlichtweg keinen Bock mehr und sucht den Ausschalter, den es leider nicht gibt und falls doch: ich brenne darauf zu wissen, wo!

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Ich bin mit Arztterminen aufgewachsen, meine früheste Kindheitserinnerung ist aus dem Krankenhaus, als Kind hatte ich statt Schulsport Krankengymnastik oder sonstige Kontrolltermine (und wenn nicht, musste ich auf der Bank sitzen und zuschauen), statt Klassenfahrt stand Krankenhaus auf dem Programm (wo es übrigens eine Krankenhausschule gab, die nach ihrem eigenen Schulplan arbeitete – d.h., ich musste meinen eigenen Schulstoff bearbeiten, plus den der Krankenhausschule UND war noch mehrere Wochen im Krankenhaus – bestenfalls, während meine MitschülerInnen auf Klassenfahrt erste Erfahrungen in Sachen Coolness sammelten) und es gab manchmal Wochen, da war ich fast täglich irgendwo beim Arzt und verbrachte dort mehr Zeit als mit Freunden. Um nur einen Teil zu nennen. Das alles wäre vielleicht noch irgendwie tragbar, wenn man dafür einen Ausgleich hätte, wenn es einem dadurch wenigstens so weit besser gehen würde, dass man sagen kann: das lohnt sich. Leider ist das in den meisten Fällen nicht so. Die Termine müssen sein, damit es einem vielleicht einigermaßen ok geht – das sehe ich absolut ein, ich will ja auch, dass es mir besser geht. Ok ist aber nicht gut. Und wer selbst chronisch krank ist, der weiß, das ok übersetzt eigentlich so viel wie „es geht mir scheiße, aber ich halte es aus“ heißt.

Und wenn du irgendwann merkst, dass, egal wie sehr du dich anstrengst. Egal, wie sehr du dich an Medikamentenpläne, an dies darfst du nicht und das darfst du nicht hältst und es trotzdem immer noch auf gleichbleibendem Level bleibt – manchmal sogar schlechter -, dann reichts auch mal. Dann willst du einfach nur leben und die paar einigermaßen guten Stunden, vielleicht auch mal Tage nicht noch im Termingehetze bei Ärzten oder in Krankenhäusern verbringen. Erst recht nicht, wenn du manchmal das Pech hast auf Menschen zu treffen, die über deinen Kopf hinweg entscheiden und sowieso nur nach dem Lehrbuch gehen. (Es ist mir ein Rätsel, warum heute immer noch viele nicht verstehen, dass Krankheiten so individuell wie Menschen selbst sind und dass es da – natürlich! – auch sehr, sehr viele Ausnahmen von der Lehrbuch-Regel geben muss. Ach, aber darüber möchte ich gerade gar nicht schreiben, sonst rege ich mich nur auf und darauf habe ich, oh Wunder!, nämlich auch keine Lust. Zum Glück gibt es ja auch patente ÄrztInnen.)

Einige können nun nicht nachvollziehen, warum man nicht manchmal, naja, oft, keinen Nerv mehr für Arzttermine hat, denn im allgemeinen Konsens lautet das Denken ja: du gehst zum Arzt, wenn es dir nicht gut geht, damit es besser wird, damit man dir hilft. Diese Regel greift bei chronisch kranken PatientInnen in den meisten Fällen nicht. Da gibt es Kontrolltermine beim Facharzt, meistens handelt es sich dabei um mehrere Fachärzte aus unterschiedlichen Bereichen, weil Auto-Immunerkrankungen sehr umgreifend sind und, nicht zu vergessen, Medikamente neue, andere Krankheiten hervorrufen können, die dann auch behandelt werden müssen. Sprich: Mehrere Kontrolltermine. Dann gibt es Akuttermine. Termine beim Hausarzt. Du musst anrufen oder gleich zum Arzt, wenn deine Medikamente alle sind. Dann muss dies abgesprochen werden und das. Dann ist dies nicht zufriedenstellend, da muss wieder das nachgeschaut werden.

(…)

Ich kann die Liste endlos fortsetzen, aber das will ich euch ersparen. Es ist mir absolut bewusst, dass dies alles notwendig ist und ich drücke mich auch nicht davor. (Ich nehme halt einfach ein Buch mit und harre der Dinge.) Trotzdem ist es manchmal so, dass ich am liebsten weglaufen würde. Manchmal suche ich auch einfach nur eine Falltür. Gerade dann, wenn ich weiß, ich muss zu einem mir noch unbekannten Arzt. Dieses Abschätzen, dieses Abwägen, dieses mit einem Blick den Menschen röntgen und dann oft gar nicht wissen, geschweige denn verstehen, was ich schon alles Krankheitstechnisch durchlebt habe, ist für mich mittlerweile wirklich verhasst. Da bin ich manchmal auch ein bisschen voreingenommen, aber ich habe einfach zu viel erlebt, zu viele negative Erfahrungen mit ÄrztInnen gemacht. Ihr dürft euch das jetzt nicht so vorstellen, als würde ich dann da ne Schnute ziehen und generell mit Null-Bock-Attitüde und Du-kannst-mich-mal-Blick aufkreuzen. Nein, im Gegenteil. Ich versuche immer noch zu hoffen und an das Gute zu glauben, aber trotzdem rumpeln in meinem Bauch dicke Steine umher, weil ich verständlicherweise ein bisschen Angst habe. Angst, was als nächstes wieder kommen könnte.

Ich habe in meinem Leben schon einige Menschen getroffen, die zunächst nicht verstehen konnten, warum mich ein Blick in meinen Kalender manchmal zum Weinen bringt, zumindest aber einen tiefen Seufzer ausstoßen lässt, die Antwort ist aber ganz einfach: weil ich doch eigentlich nur mein Leben leben will.

[Rezension] „The Woman in the Window“ | A. J. Finn

Klappt man den Umschlag von „The Woman in the Window“ auf, springen einen sogleich Lobpreisungen von Stephen King, Gillian Flynn, Tess Gerritsen, Val McDermid und Nicci French an. Alles bekannte Thriller und Crime Autor*innen, die selbst große Erfolge feierten und dieses Buch ausdrücklich empfehlen. Noch dazu verrät der Klappentext, dass „The Woman in the Window“ bereits in 38 Sprachen übersetzt worden ist und derzeit von FOX verfilmt wird. Ok. Und was denkt man dann als geneigte*r Vielleser*in? Puh. Man fühlt sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Ich verrate nun schon mal so viel: ich bin froh, dass ich es dennoch gelesen habe und mich nicht von dem Hype habe abschrecken lassen, denn es ist wirklich gut!

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Anna Fox lebt nach einem traumatischen Erlebnis alleine in New York. Vor die Tür zu gehen wird für sie zur Qual, weshalb sie ihre Zeit damit verbringt, ihre Medikamente mit Alkohol zu schlucken, in online Foren nach Gleichgesinnten zu suchen, Film-Klassiker zu schauen oder ihre Nachbarn vom Fenster aus zu beobachten. (Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?) Die neuen Nachbarn, vor allem Mutter und Sohn, sind ihr sofort sympathisch, auch wenn sie sich gar nicht kennen, doch dann wird Anna durchs Fenster Zeugin eines fürchterlichen Überfalls, von dem ihr keiner so recht glauben will…

A. J. Finn, der übrigens ein der und keine die ist (Ich weiß nicht, warum ich das zunächst gedacht habe? Vielleicht, weil A. J. und J. K. … oder wegen der Ich-Erzählperspektive aus Annas Sicht?), nimmt sich in seinem Debütroman die Film-Klassiker zum Vorbild, allen voran, aber nicht nur, solche von Alfred Hitchcock. Alleine Titel und Geschichte erinnern bereits ein wenig an „Das Fenster zum Hof“, – einen wirklich tollen Film -, aber halt. Darum geht es hier ja nicht. Jedenfalls nicht im Detail, auch wenn knapp 50 Filmtitel im Laufe des Textes erwähnt – ja, ich habe sie alle gezählt! – werden und immer wieder Anspielungen darin vorkommen. Finn schreibt flüssig, klar, präzise und mit einem wunderbar trockenen Humor, der auch durch die Übersetzung noch wirkt (dafür ein Lob an Christoph Göhler) aus der Sicht von Anna, die leicht verrückt, aber doch trotzdem mutig dargestellt wird. Anfangs mag man noch ein wenig verwirrt sein, ich kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten wieso, denn dann würde ich zu stark spoilern – und das will ja niemand, ich am wenigsten -, aber das legt sich ganz rasch. Der Autor schafft es, die Geschichte so spannend zu verfassen, dass man sie fast in einem Rutsch lesen möchte und setzt dafür gekonnt tolle Vergleiche ein, sodass einem die Figuren praktisch vor den Augen tanzen:

„Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt (…)“

Mit der nicht ganz zurechnungsfähigen Anna, der mysteriösen Nachbarsfamilie Russel, einem hübschen, aber unnahbaren Untermieter sowie Annas Psychiater als Vertrauensperson und dem guten wie dem bösen Cop, sind alle Gefühlsregungen des Lesers abgedeckt. Es gibt Figuren, mit denen man mitfiebern kann und solche, die man nicht mögen will. Letztlich ist es aber doch so, ein Buch im Film-Noir-Stil wäre kein solches, wenn nicht alles irgendwie doch nicht ganz so wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer sich mit Film-Klassikern auskennt, der wird vielleicht etwas weniger überrascht sein, was den Ausgang des Buches angeht, aber vielleicht auch nicht. Spannend und unterhaltsam geschrieben ist es so oder so, demnach reihe ich mich ein und sage: lesenswerte Zwischendurch-Spannungslektüre!

Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler | blanvalet Verlag | 541 S.

[Lesemonat] März 2018

Der März in Büchern.

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„Friedrich der Große Detektiv“ | Philip Kerr

Fangen wir doch gleich mal mit einem Kinderbuch an, das unbedingt auch für Erwachsene geeignet ist. Warum? Weil es den Herrn Kästner auftreten lässt! Aber nicht nur das, in „Friedrich der Große Detektiv“ geht es um die unheilvoll summende, politisch aufgeladene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es thematisiert den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die Bücherverbrennung 1933 und andere wichtige geschichtliche Eckdaten, die der Autor leicht verständlich und sehr geschickt für Kinder verpackt in eine spannende Detektivgeschichte miteinfließen lässt und so fiktive mit realen Elementen kombiniert. Pädagogisch wertvoll nennt man das, glaube ich! (Minimal genervt war ich von dem Hispano-Suiza, der ungefähr drölfzigtausendmal Erwähnung gefunden hat. So lange, bis ich gegoogelt habe und nun weiß, was das für ein Auto ist.) Der Klappentext unterschreibt dieses Buch mit „(…) eine Hommage an Erich Kästner“, doch nicht nur das, es ist auch eine Hommage an Kerr selbst, der vor kurzem verstorben ist und mit diesem Buch noch einmal etwas Großartiges geschaffen hat.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ | Petra Hartlieb

Ich war noch niemals in … ja, New York auch, aber ich red von Wien! (War zwar schon mal fast auf dem Weg, aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der Reihe „Pleiten, Pech und Pannen mit Mia“.) Auf jeden Fall habe ich jetzt dank „Wenn es Frühling wird in Wien“ das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, allerdings in 1912 – was ehrlich gesagt fast noch besser ist – und hätte mit Arthur Schnitzler im Kaffeehaus ein Stück Sachertorte geschmaust. In dem Buch geht es nämlich um Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, und nun bei dem berühmten Dichter als Kindermädchen arbeitet. Als sie dann noch auf den Buchhändler Oskar trifft, der ihr die Welt der Bücher näher bringt, dürfte spätestens jedes Leserherz einen Hüpfer mit Salto machen. Die wunderbare Petra Hartlieb weiß nämlich ganz genau, wovon sie schreibt („Sechsundzwanzig Zeichen, um im Kopf einmal um die Erde, ins Mittelalter oder auf den Mond zu reisen.“), schließlich hat sie 2004 die „Buchhandlung Friedrich Stock“ übernommen (heute heißt sie „Hartliebs Bücher“ – vielleicht kennt ihr sie schon aus „Meine wundervolle Buchhandlung“?) und diese spielt in „Wenn es Frühling wird in Wien“ erneut eine zentrale Rolle.

Die Geschichte ist filigran und zart erzählt, fasst authentisch den Wiener Dialekt mit ein und spiegelt so ganz genau die Zeit der Belle Époque wider. Das Buch passt perfekt ins leichte frühlingshafte Handgepäck. Ich habe es problemlos lesen können, ohne den ersten Teil „Ein Winter in Wien“ gekannt zu haben, werde das aber sicher bald nachholen!

„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, fiel ich zunächst in so eine Art Schockstarre und anschließend überkam mich ein Hunger nach mehr. Nach mehr Wissen, nach mehr über Fallada, nach mehr über diese Zeit. Ich las den Anhang, googelte die Personen, die es tatsächlich gab, und schaute Dokumentationen. Das passiert, wenn einen ein Buch umhaut – und das ist sehr, sehr gut!

Der Titel des Buches: „Jeder stirbt für sich allein“ spricht irgendwie für sich und lässt erahnen, worauf man sich hier einlässt. Dank Fallada begleiten wir die unterschiedlichsten Personen – Leute mit und ohne Gewissen – durch Berlin während des Zweiten Weltkrieges, in dem selbst der Gedanke an ein freies Denken schon strafbar gewesen ist. Jede*r wird zum/zur Täter*in und viele zum Opfer. Widerstand gibt es trotzdem – und sei er auch noch so klein – alles zählt. Eine Geschichte von Mut und Stärke in einer Zeit, in der beides mehr denn je gebraucht wurde. Fallada schildert die Personen so plastisch, macht sie lebendig, dass man beinahe aufpassen muss, dass man nicht von der Gestapo oder aufgeplusterten Richtern angespuckt wird und setzt denjenigen ein Denkmal, die es wirklich verdient haben: den kleinen Leuten, die so viel mehr Größe zeigen als alle anderen zusammen.

Richtig gut ist auch Falladas kritischer sowie ehrlicher Blick, der sich vor allem, aber nicht nur, in den vermeintlich besseren Schichten abzeichnet: manche Sätze sprühen über vor trauriger Ironie – unbedingt lesenswert!

(Auch wissenswert: Fallada wollte den Roman zunächst gar nicht schreiben, weil er selbst nie wirklich Widerstand geleistet und so keinen Mut bewiesen habe. Zum Glück hat er sich dann aber doch für den Roman entschieden und diesen rauschhaft innerhalb von nur vier Wochen verfasst.)

PS: Das Buch hatte ich mir ausgeliehen, musste es mir dann aber doch gebraucht kaufen, weil das so eines ist, das ich unbedingt im Regal stehen haben wollte. Und nein, das tut mir kein bisschen leid!

„The Woman in The Window“ | A.J. Finn

Dieser Thriller ist ein spannendes, soghaftes Leseerlebnis mit Gänsehautfaktor. Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn Bücher im Vorfeld schon so angepriesen werden im Sinne von „übersetzt in 38 Sprachen, derzeit von FOX verfilmt“ (ihr versteht sicher, was ich meine…) Da habe ich mich auch nur herangewagt, weil das Buch sowas wie eine Hommage an Film-Klassiker von Hitchcock & Co. ist und ja, da bin ich dann auch neugierig geworden.

Die Protagonistin Anna kann aufgrund eines Traumas ihr Haus in New York nicht mehr verlassen. Um nicht ganz einsam zu sein, beobachtet sie ihre Nachbarn durch ihr Kameraobjektiv und (er)lebt so durch diese einen halbwegs „normalen“ Alltag. Bis sie einen brutalen Vorfall direkt gegenüber sieht, der sie an die Grenzen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit bringt. Denn niemand will ihr glauben, was laut Anna im Haus ihrer Nachbarn geschehen sein soll.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich die Geschichte so fesseln würde und ich habe die ganze Zeit mit Textmarker in der Hand dagesessen, um mir die zahlreichen Film-Klassiker zu unterstreichen, die erwähnt werden. (Ich würde sagen: Die nächsten Monate sind ausgebucht!) Was mich ebenfalls begeistert hat, ist A.J. Finns Schreibstil, der durch ungewöhnliche, aber unglaublich gute sprachliche Bilder und Vergleiche eine tolle Atmosphäre schafft und auch, wenn man sich als Hitchcock-Kenner*in ungefähr denken kann, wie die Geschichte ausgeht, hat es super viel Spaß gemacht und ist daher ein richtig gut unterhaltender Thriller.

„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Ein unbedingt lesenswertes Stück Geschichte um die Zeit während/nach den Novemberpogromen 1938 in einem Buch, das auch zu eben jener Zeit verfasst und nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Der Protagonist Otto Silbermann zählt vielleicht nicht unbedingt zu den sympathischsten Figuren, aber unter dieser etwas undurchsichtigen Schale steckt ein verletzlicher, verängstigter Mann, dem man zuerst sein Zuhause, sein Hab & Gut und dann seine Würde und somit alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, nimmt, denn: er ist Jude. Einen anderen Grund braucht es damals nicht. Eindringlich, bedrückend und erschreckend real geschrieben, sodass mir ein paar Mal der Atem stockte. Als Leser*in begibt man sich mit Silbermann auf eine Reise, die nichts auslässt und die einen so mitfühlen lässt, das einem ein Schauer über den Rücken läuft. Man bekommt alleine durch die bedruckten Seiten einen sehr intensiven Eindruck, wie stark Unterdrückung und falsche Macht auf ein einzelnes Individuum wirken können und was letztlich dadurch passieren kann, dass ich dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es ist so wichtig!

„Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Auch hier haben wir einen authentischen Text aus den 1930er Jahren, aber zum Ausgleich die etwas heiterere Seite ebenjener Zeit. Wilson Collison hat sich damals vor allem durch Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden, einen Namen gemacht – und genau so liest sich auch „Tod in Connecticut“. Sehr szenisch, mit ausgereiften, durch und durch bildhaft vorstellbaren Charakteren und einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Frauenfigur. Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. So kommt es zu einem dramatischen Liebes-Viereck, das in einen Mordfall gipfelt.

Sprachlich hat mir das Buch durchaus sehr gut gefallen, leider konnte mich die Geschichte eher wenig überzeugen. Nicht, dass sie „schlecht“ gewesen wäre (das ist ja auch immer irgendwie Ansichtssache), aber sie hat mich einfach nicht mitgerissen. In einem Film kann ich mir die Geschichte wiederum sehr gut vorstellen, aber auf Papier war es mir zu viel Liebes-Drama – leider.

„Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey schreibt über die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen. „Im Enddefekt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die vor allem durch ihre Sprache besticht, die sehr eigen, sehr bildhaft, sehr stark ist und ein wenig an Poetry-Slam erinnert. Ohne, dass es blöd klingen soll, aber ich glaube: das muss man mögen. Es geht hierbei um Themen wie Verlassen (werden), Abschied, Neuanfang, Ruhelosigkeit, Zukunftsangst und viele ähnliche Gedanken, die man – nicht nur, aber vor allem -, Anfang/Mitte Zwanzig in seiner vollen Wirkungskraft spürt, weshalb ich dieses Büchlein, das auch optisch ein echter Hingucker ist, vor allem jüngeren Leser*innen empfehlen würde, weil man sich – so glaube ich – bei der Autorin bestimmt recht oft wiederfinden kann. Sowas ist immer ein tolles Leseerlebnis.

„Dies Herz, das dir gehört“ | Hans Fallada

Mich hat das Buch inhaltlich wie thematisch ein wenig an “Kleiner Mann – was nun?” erinnert. (Zwei Liebende, die sich den Umständen der Zeit entgegenstellen; mit einer starken Frauenfigur. Die Hauptcharaktere Hannes und Hanne ähneln also in ihrem Verhalten Johannes und Lämmchen aus “Kleiner Mann – was nun?” sehr.) Das macht nun aber gar nichts, weil es sehr viel Freude bereitet, einen Roman von Fallada zu lesen. Seine Art des Erzählens ist unnachahmlich! Was man hier wissen muss: “Dies Herz, das dir gehört” war ursprünglich in den 30ern/40ern als Filmvorlage geplant. Zu einer Verfilmung kam es – aus unterschiedlichen Gründen – nie. Falladas Geschichte zeigt vor allem im ersten Abschnitt deutlich, dass dieses Buch, um überhaupt veröffentlicht werden zu dürfen (was ja nun letztlich doch nicht geschah), so geschrieben werden musste, dass die damaligen „Kontrollinstanzen“ zufriedengestellt wurden.
Fallada baut in “Dies Herz, das dir gehört” Sätze ein, in denen er seine Figuren darüber reden lässt, dass nun in Deutschland endlich wieder die Sonne scheinen würde. (Im Sinne von es gibt Arbeit und die Wirtschaft ist im Aufschwung.) Aus heutiger Sicht liest sich recht leicht heraus, wo Fallada wohlwollend der NS-Propaganda gegenüber schreibt – die Sätze wirken wie extra eingebaut – und wo nicht. Es ist interessant und gleichzeitig erschreckend, diese Diskrepanz zu anderen Texten zu sehen, wobei Fallada hier auch wirklich nur ganz dezent wohlwollend schreibt, was wahrscheinlich der Grund ist, wieso es während der 1930er/40er zu keiner Veröffentlichung kam und er kurzzeitig als unerwünschter Autor galt.
Was mich etwas irritiert hat, sind die Zeitsprünge. Falladas Text ist nicht konstant im Präsens/Präteritum, sondern immer in Abschnitten in der Gegenwart und dann wieder in der Vergangenheit geschrieben, man kann praktisch mitverfolgen, wann er wieder neu angefangen hat zu schreiben. Vielleicht liegt das auch an der Rekonstruktion des Buches in den 90ern? Nichtsdestotrotz: ein echter Fallada und unbedingt lesenswert!

(Sowie diverse Bücher von Erich Kästner und „Krabat“ von Otfried Preußler.)