[Lesemonat] März 2018

Der März in Büchern.

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„Friedrich der Große Detektiv“ | Philip Kerr

Fangen wir doch gleich mal mit einem Kinderbuch an, das unbedingt auch für Erwachsene geeignet ist. Warum? Weil es den Herrn Kästner auftreten lässt! Aber nicht nur das, in „Friedrich der Große Detektiv“ geht es um die unheilvoll summende, politisch aufgeladene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es thematisiert den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die Bücherverbrennung 1933 und andere wichtige geschichtliche Eckdaten, die der Autor leicht verständlich und sehr geschickt für Kinder verpackt in eine spannende Detektivgeschichte miteinfließen lässt und so fiktive mit realen Elementen kombiniert. Pädagogisch wertvoll nennt man das, glaube ich! (Minimal genervt war ich von dem Hispano-Suiza, der ungefähr drölfzigtausendmal Erwähnung gefunden hat. So lange, bis ich gegoogelt habe und nun weiß, was das für ein Auto ist.) Der Klappentext unterschreibt dieses Buch mit „(…) eine Hommage an Erich Kästner“, doch nicht nur das, es ist auch eine Hommage an Kerr selbst, der vor kurzem verstorben ist und mit diesem Buch noch einmal etwas Großartiges geschaffen hat.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ | Petra Hartlieb

Ich war noch niemals in … ja, New York auch, aber ich red von Wien! (War zwar schon mal fast auf dem Weg, aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der Reihe „Pleiten, Pech und Pannen mit Mia“.) Auf jeden Fall habe ich jetzt dank „Wenn es Frühling wird in Wien“ das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, allerdings in 1912 – was ehrlich gesagt fast noch besser ist – und hätte mit Arthur Schnitzler im Kaffeehaus ein Stück Sachertorte geschmaust. In dem Buch geht es nämlich um Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, und nun bei dem berühmten Dichter als Kindermädchen arbeitet. Als sie dann noch auf den Buchhändler Oskar trifft, der ihr die Welt der Bücher näher bringt, dürfte spätestens jedes Leserherz einen Hüpfer mit Salto machen. Die wunderbare Petra Hartlieb weiß nämlich ganz genau, wovon sie schreibt („Sechsundzwanzig Zeichen, um im Kopf einmal um die Erde, ins Mittelalter oder auf den Mond zu reisen.“), schließlich hat sie 2004 die „Buchhandlung Friedrich Stock“ übernommen (heute heißt sie „Hartliebs Bücher“ – vielleicht kennt ihr sie schon aus „Meine wundervolle Buchhandlung“?) und diese spielt in „Wenn es Frühling wird in Wien“ erneut eine zentrale Rolle.

Die Geschichte ist filigran und zart erzählt, fasst authentisch den Wiener Dialekt mit ein und spiegelt so ganz genau die Zeit der Belle Époque wider. Das Buch passt perfekt ins leichte frühlingshafte Handgepäck. Ich habe es problemlos lesen können, ohne den ersten Teil „Ein Winter in Wien“ gekannt zu haben, werde das aber sicher bald nachholen!

„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, fiel ich zunächst in so eine Art Schockstarre und anschließend überkam mich ein Hunger nach mehr. Nach mehr Wissen, nach mehr über Fallada, nach mehr über diese Zeit. Ich las den Anhang, googelte die Personen, die es tatsächlich gab, und schaute Dokumentationen. Das passiert, wenn einen ein Buch umhaut – und das ist sehr, sehr gut!

Der Titel des Buches: „Jeder stirbt für sich allein“ spricht irgendwie für sich und lässt erahnen, worauf man sich hier einlässt. Dank Fallada begleiten wir die unterschiedlichsten Personen – Leute mit und ohne Gewissen – durch Berlin während des Zweiten Weltkrieges, in dem selbst der Gedanke an ein freies Denken schon strafbar gewesen ist. Jede*r wird zum/zur Täter*in und viele zum Opfer. Widerstand gibt es trotzdem – und sei er auch noch so klein – alles zählt. Eine Geschichte von Mut und Stärke in einer Zeit, in der beides mehr denn je gebraucht wurde. Fallada schildert die Personen so plastisch, macht sie lebendig, dass man beinahe aufpassen muss, dass man nicht von der Gestapo oder aufgeplusterten Richtern angespuckt wird und setzt denjenigen ein Denkmal, die es wirklich verdient haben: den kleinen Leuten, die so viel mehr Größe zeigen als alle anderen zusammen.

Richtig gut ist auch Falladas kritischer sowie ehrlicher Blick, der sich vor allem, aber nicht nur, in den vermeintlich besseren Schichten abzeichnet: manche Sätze sprühen über vor trauriger Ironie – unbedingt lesenswert!

(Auch wissenswert: Fallada wollte den Roman zunächst gar nicht schreiben, weil er selbst nie wirklich Widerstand geleistet und so keinen Mut bewiesen habe. Zum Glück hat er sich dann aber doch für den Roman entschieden und diesen rauschhaft innerhalb von nur vier Wochen verfasst.)

PS: Das Buch hatte ich mir ausgeliehen, musste es mir dann aber doch gebraucht kaufen, weil das so eines ist, das ich unbedingt im Regal stehen haben wollte. Und nein, das tut mir kein bisschen leid!

„The Woman in The Window“ | A.J. Finn

Dieser Thriller ist ein spannendes, soghaftes Leseerlebnis mit Gänsehautfaktor. Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn Bücher im Vorfeld schon so angepriesen werden im Sinne von „übersetzt in 38 Sprachen, derzeit von FOX verfilmt“ (ihr versteht sicher, was ich meine…) Da habe ich mich auch nur herangewagt, weil das Buch sowas wie eine Hommage an Film-Klassiker von Hitchcock & Co. ist und ja, da bin ich dann auch neugierig geworden.

Die Protagonistin Anna kann aufgrund eines Traumas ihr Haus in New York nicht mehr verlassen. Um nicht ganz einsam zu sein, beobachtet sie ihre Nachbarn durch ihr Kameraobjektiv und (er)lebt so durch diese einen halbwegs „normalen“ Alltag. Bis sie einen brutalen Vorfall direkt gegenüber sieht, der sie an die Grenzen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit bringt. Denn niemand will ihr glauben, was laut Anna im Haus ihrer Nachbarn geschehen sein soll.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich die Geschichte so fesseln würde und ich habe die ganze Zeit mit Textmarker in der Hand dagesessen, um mir die zahlreichen Film-Klassiker zu unterstreichen, die erwähnt werden. (Ich würde sagen: Die nächsten Monate sind ausgebucht!) Was mich ebenfalls begeistert hat, ist A.J. Finns Schreibstil, der durch ungewöhnliche, aber unglaublich gute sprachliche Bilder und Vergleiche eine tolle Atmosphäre schafft und auch, wenn man sich als Hitchcock-Kenner*in ungefähr denken kann, wie die Geschichte ausgeht, hat es super viel Spaß gemacht und ist daher ein richtig gut unterhaltender Thriller.

„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Ein unbedingt lesenswertes Stück Geschichte um die Zeit während/nach den Novemberpogromen 1938 in einem Buch, das auch zu eben jener Zeit verfasst und nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Der Protagonist Otto Silbermann zählt vielleicht nicht unbedingt zu den sympathischsten Figuren, aber unter dieser etwas undurchsichtigen Schale steckt ein verletzlicher, verängstigter Mann, dem man zuerst sein Zuhause, sein Hab & Gut und dann seine Würde und somit alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, nimmt, denn: er ist Jude. Einen anderen Grund braucht es damals nicht. Eindringlich, bedrückend und erschreckend real geschrieben, sodass mir ein paar Mal der Atem stockte. Als Leser*in begibt man sich mit Silbermann auf eine Reise, die nichts auslässt und die einen so mitfühlen lässt, das einem ein Schauer über den Rücken läuft. Man bekommt alleine durch die bedruckten Seiten einen sehr intensiven Eindruck, wie stark Unterdrückung und falsche Macht auf ein einzelnes Individuum wirken können und was letztlich dadurch passieren kann, dass ich dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es ist so wichtig!

„Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Auch hier haben wir einen authentischen Text aus den 1930er Jahren, aber zum Ausgleich die etwas heiterere Seite ebenjener Zeit. Wilson Collison hat sich damals vor allem durch Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden, einen Namen gemacht – und genau so liest sich auch „Tod in Connecticut“. Sehr szenisch, mit ausgereiften, durch und durch bildhaft vorstellbaren Charakteren und einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Frauenfigur. Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. So kommt es zu einem dramatischen Liebes-Viereck, das in einen Mordfall gipfelt.

Sprachlich hat mir das Buch durchaus sehr gut gefallen, leider konnte mich die Geschichte eher wenig überzeugen. Nicht, dass sie „schlecht“ gewesen wäre (das ist ja auch immer irgendwie Ansichtssache), aber sie hat mich einfach nicht mitgerissen. In einem Film kann ich mir die Geschichte wiederum sehr gut vorstellen, aber auf Papier war es mir zu viel Liebes-Drama – leider.

„Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey schreibt über die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen. „Im Enddefekt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die vor allem durch ihre Sprache besticht, die sehr eigen, sehr bildhaft, sehr stark ist und ein wenig an Poetry-Slam erinnert. Ohne, dass es blöd klingen soll, aber ich glaube: das muss man mögen. Es geht hierbei um Themen wie Verlassen (werden), Abschied, Neuanfang, Ruhelosigkeit, Zukunftsangst und viele ähnliche Gedanken, die man – nicht nur, aber vor allem -, Anfang/Mitte Zwanzig in seiner vollen Wirkungskraft spürt, weshalb ich dieses Büchlein, das auch optisch ein echter Hingucker ist, vor allem jüngeren Leser*innen empfehlen würde, weil man sich – so glaube ich – bei der Autorin bestimmt recht oft wiederfinden kann. Sowas ist immer ein tolles Leseerlebnis.

„Dies Herz, das dir gehört“ | Hans Fallada

Mich hat das Buch inhaltlich wie thematisch ein wenig an “Kleiner Mann – was nun?” erinnert. (Zwei Liebende, die sich den Umständen der Zeit entgegenstellen; mit einer starken Frauenfigur. Die Hauptcharaktere Hannes und Hanne ähneln also in ihrem Verhalten Johannes und Lämmchen aus “Kleiner Mann – was nun?” sehr.) Das macht nun aber gar nichts, weil es sehr viel Freude bereitet, einen Roman von Fallada zu lesen. Seine Art des Erzählens ist unnachahmlich! Was man hier wissen muss: “Dies Herz, das dir gehört” war ursprünglich in den 30ern/40ern als Filmvorlage geplant. Zu einer Verfilmung kam es – aus unterschiedlichen Gründen – nie. Falladas Geschichte zeigt vor allem im ersten Abschnitt deutlich, dass dieses Buch, um überhaupt veröffentlicht werden zu dürfen (was ja nun letztlich doch nicht geschah), so geschrieben werden musste, dass die damaligen „Kontrollinstanzen“ zufriedengestellt wurden.
Fallada baut in “Dies Herz, das dir gehört” Sätze ein, in denen er seine Figuren darüber reden lässt, dass nun in Deutschland endlich wieder die Sonne scheinen würde. (Im Sinne von es gibt Arbeit und die Wirtschaft ist im Aufschwung.) Aus heutiger Sicht liest sich recht leicht heraus, wo Fallada wohlwollend der NS-Propaganda gegenüber schreibt – die Sätze wirken wie extra eingebaut – und wo nicht. Es ist interessant und gleichzeitig erschreckend, diese Diskrepanz zu anderen Texten zu sehen, wobei Fallada hier auch wirklich nur ganz dezent wohlwollend schreibt, was wahrscheinlich der Grund ist, wieso es während der 1930er/40er zu keiner Veröffentlichung kam und er kurzzeitig als unerwünschter Autor galt.
Was mich etwas irritiert hat, sind die Zeitsprünge. Falladas Text ist nicht konstant im Präsens/Präteritum, sondern immer in Abschnitten in der Gegenwart und dann wieder in der Vergangenheit geschrieben, man kann praktisch mitverfolgen, wann er wieder neu angefangen hat zu schreiben. Vielleicht liegt das auch an der Rekonstruktion des Buches in den 90ern? Nichtsdestotrotz: ein echter Fallada und unbedingt lesenswert!

(Sowie diverse Bücher von Erich Kästner und „Krabat“ von Otfried Preußler.)

1 Kommentar zu „[Lesemonat] März 2018“

  1. Oh, da hast Du einige spannende Bücher gelesen.

    Vielen Dank für den Tipp mit „Friedrich der Große Detektiv“ von Philip Kerr. Ich glaube, das Buch muss ich kaufen. Klingt sehr interessant.

    Gefällt mir

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