[Rezension] „The Woman in the Window“ | A. J. Finn

Klappt man den Umschlag von „The Woman in the Window“ auf, springen einen sogleich Lobpreisungen von Stephen King, Gillian Flynn, Tess Gerritsen, Val McDermid und Nicci French an. Alles bekannte Thriller und Crime Autor*innen, die selbst große Erfolge feierten und dieses Buch ausdrücklich empfehlen. Noch dazu verrät der Klappentext, dass „The Woman in the Window“ bereits in 38 Sprachen übersetzt worden ist und derzeit von FOX verfilmt wird. Ok. Und was denkt man dann als geneigte*r Vielleser*in? Puh. Man fühlt sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Ich verrate nun schon mal so viel: ich bin froh, dass ich es dennoch gelesen habe und mich nicht von dem Hype habe abschrecken lassen, denn es ist wirklich gut!

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Anna Fox lebt nach einem traumatischen Erlebnis alleine in New York. Vor die Tür zu gehen wird für sie zur Qual, weshalb sie ihre Zeit damit verbringt, ihre Medikamente mit Alkohol zu schlucken, in online Foren nach Gleichgesinnten zu suchen, Film-Klassiker zu schauen oder ihre Nachbarn vom Fenster aus zu beobachten. (Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?) Die neuen Nachbarn, vor allem Mutter und Sohn, sind ihr sofort sympathisch, auch wenn sie sich gar nicht kennen, doch dann wird Anna durchs Fenster Zeugin eines fürchterlichen Überfalls, von dem ihr keiner so recht glauben will…

A. J. Finn, der übrigens ein der und keine die ist (Ich weiß nicht, warum ich das zunächst gedacht habe? Vielleicht, weil A. J. und J. K. … oder wegen der Ich-Erzählperspektive aus Annas Sicht?), nimmt sich in seinem Debütroman die Film-Klassiker zum Vorbild, allen voran, aber nicht nur, solche von Alfred Hitchcock. Alleine Titel und Geschichte erinnern bereits ein wenig an „Das Fenster zum Hof“, – einen wirklich tollen Film -, aber halt. Darum geht es hier ja nicht. Jedenfalls nicht im Detail, auch wenn knapp 50 Filmtitel im Laufe des Textes erwähnt – ja, ich habe sie alle gezählt! – werden und immer wieder Anspielungen darin vorkommen. Finn schreibt flüssig, klar, präzise und mit einem wunderbar trockenen Humor, der auch durch die Übersetzung noch wirkt (dafür ein Lob an Christoph Göhler) aus der Sicht von Anna, die leicht verrückt, aber doch trotzdem mutig dargestellt wird. Anfangs mag man noch ein wenig verwirrt sein, ich kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten wieso, denn dann würde ich zu stark spoilern – und das will ja niemand, ich am wenigsten -, aber das legt sich ganz rasch. Der Autor schafft es, die Geschichte so spannend zu verfassen, dass man sie fast in einem Rutsch lesen möchte und setzt dafür gekonnt tolle Vergleiche ein, sodass einem die Figuren praktisch vor den Augen tanzen:

„Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt (…)“

Mit der nicht ganz zurechnungsfähigen Anna, der mysteriösen Nachbarsfamilie Russel, einem hübschen, aber unnahbaren Untermieter sowie Annas Psychiater als Vertrauensperson und dem guten wie dem bösen Cop, sind alle Gefühlsregungen des Lesers abgedeckt. Es gibt Figuren, mit denen man mitfiebern kann und solche, die man nicht mögen will. Letztlich ist es aber doch so, ein Buch im Film-Noir-Stil wäre kein solches, wenn nicht alles irgendwie doch nicht ganz so wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer sich mit Film-Klassikern auskennt, der wird vielleicht etwas weniger überrascht sein, was den Ausgang des Buches angeht, aber vielleicht auch nicht. Spannend und unterhaltsam geschrieben ist es so oder so, demnach reihe ich mich ein und sage: lesenswerte Zwischendurch-Spannungslektüre!

Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler | blanvalet Verlag | 541 S.

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