[Weil ich ein Leben habe] #10

Ein Blick in den Taschenkalender, – den ich übrigens extra ansehnlich ausgewählt habe, damit die darin eingetragenen Daten vielleicht ein ganz, ganz kleines bisschen weniger blöd werden -, verrät, dass in den nächsten Tagen einige Arzttermine anstehen, die ich gut und gerne „vergessen“ würde. So wie ich generell auf alles, was mit Ärzten & Co. zu tun hat, verzichten könnte. Das hat nichts damit zu tun, dass ich bockig bin (naja, vielleicht manchmal), aber ganz viel damit, dass ich keine Lust mehr habe. Ein Leben lang krank zu sein macht mürbe. Man hat schlichtweg keinen Bock mehr und sucht den Ausschalter, den es leider nicht gibt und falls doch: ich brenne darauf zu wissen, wo!

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Ich bin mit Arztterminen aufgewachsen, meine früheste Kindheitserinnerung ist aus dem Krankenhaus, als Kind hatte ich statt Schulsport Krankengymnastik oder sonstige Kontrolltermine (und wenn nicht, musste ich auf der Bank sitzen und zuschauen), statt Klassenfahrt stand Krankenhaus auf dem Programm (wo es übrigens eine Krankenhausschule gab, die nach ihrem eigenen Schulplan arbeitete – d.h., ich musste meinen eigenen Schulstoff bearbeiten, plus den der Krankenhausschule UND war noch mehrere Wochen im Krankenhaus – bestenfalls, während meine MitschülerInnen auf Klassenfahrt erste Erfahrungen in Sachen Coolness sammelten) und es gab manchmal Wochen, da war ich fast täglich irgendwo beim Arzt und verbrachte dort mehr Zeit als mit Freunden. Um nur einen Teil zu nennen. Das alles wäre vielleicht noch irgendwie tragbar, wenn man dafür einen Ausgleich hätte, wenn es einem dadurch wenigstens so weit besser gehen würde, dass man sagen kann: das lohnt sich. Leider ist das in den meisten Fällen nicht so. Die Termine müssen sein, damit es einem vielleicht einigermaßen ok geht – das sehe ich absolut ein, ich will ja auch, dass es mir besser geht. Ok ist aber nicht gut. Und wer selbst chronisch krank ist, der weiß, das ok übersetzt eigentlich so viel wie „es geht mir scheiße, aber ich halte es aus“ heißt.

Und wenn du irgendwann merkst, dass, egal wie sehr du dich anstrengst. Egal, wie sehr du dich an Medikamentenpläne, an dies darfst du nicht und das darfst du nicht hältst und es trotzdem immer noch auf gleichbleibendem Level bleibt – manchmal sogar schlechter -, dann reichts auch mal. Dann willst du einfach nur leben und die paar einigermaßen guten Stunden, vielleicht auch mal Tage nicht noch im Termingehetze bei Ärzten oder in Krankenhäusern verbringen. Erst recht nicht, wenn du manchmal das Pech hast auf Menschen zu treffen, die über deinen Kopf hinweg entscheiden und sowieso nur nach dem Lehrbuch gehen. (Es ist mir ein Rätsel, warum heute immer noch viele nicht verstehen, dass Krankheiten so individuell wie Menschen selbst sind und dass es da – natürlich! – auch sehr, sehr viele Ausnahmen von der Lehrbuch-Regel geben muss. Ach, aber darüber möchte ich gerade gar nicht schreiben, sonst rege ich mich nur auf und darauf habe ich, oh Wunder!, nämlich auch keine Lust. Zum Glück gibt es ja auch patente ÄrztInnen.)

Einige können nun nicht nachvollziehen, warum man nicht manchmal, naja, oft, keinen Nerv mehr für Arzttermine hat, denn im allgemeinen Konsens lautet das Denken ja: du gehst zum Arzt, wenn es dir nicht gut geht, damit es besser wird, damit man dir hilft. Diese Regel greift bei chronisch kranken PatientInnen in den meisten Fällen nicht. Da gibt es Kontrolltermine beim Facharzt, meistens handelt es sich dabei um mehrere Fachärzte aus unterschiedlichen Bereichen, weil Auto-Immunerkrankungen sehr umgreifend sind und, nicht zu vergessen, Medikamente neue, andere Krankheiten hervorrufen können, die dann auch behandelt werden müssen. Sprich: Mehrere Kontrolltermine. Dann gibt es Akuttermine. Termine beim Hausarzt. Du musst anrufen oder gleich zum Arzt, wenn deine Medikamente alle sind. Dann muss dies abgesprochen werden und das. Dann ist dies nicht zufriedenstellend, da muss wieder das nachgeschaut werden.

(…)

Ich kann die Liste endlos fortsetzen, aber das will ich euch ersparen. Es ist mir absolut bewusst, dass dies alles notwendig ist und ich drücke mich auch nicht davor. (Ich nehme halt einfach ein Buch mit und harre der Dinge.) Trotzdem ist es manchmal so, dass ich am liebsten weglaufen würde. Manchmal suche ich auch einfach nur eine Falltür. Gerade dann, wenn ich weiß, ich muss zu einem mir noch unbekannten Arzt. Dieses Abschätzen, dieses Abwägen, dieses mit einem Blick den Menschen röntgen und dann oft gar nicht wissen, geschweige denn verstehen, was ich schon alles Krankheitstechnisch durchlebt habe, ist für mich mittlerweile wirklich verhasst. Da bin ich manchmal auch ein bisschen voreingenommen, aber ich habe einfach zu viel erlebt, zu viele negative Erfahrungen mit ÄrztInnen gemacht. Ihr dürft euch das jetzt nicht so vorstellen, als würde ich dann da ne Schnute ziehen und generell mit Null-Bock-Attitüde und Du-kannst-mich-mal-Blick aufkreuzen. Nein, im Gegenteil. Ich versuche immer noch zu hoffen und an das Gute zu glauben, aber trotzdem rumpeln in meinem Bauch dicke Steine umher, weil ich verständlicherweise ein bisschen Angst habe. Angst, was als nächstes wieder kommen könnte.

Ich habe in meinem Leben schon einige Menschen getroffen, die zunächst nicht verstehen konnten, warum mich ein Blick in meinen Kalender manchmal zum Weinen bringt, zumindest aber einen tiefen Seufzer ausstoßen lässt, die Antwort ist aber ganz einfach: weil ich doch eigentlich nur mein Leben leben will.

1 Kommentar zu „[Weil ich ein Leben habe] #10“

  1. Obwohl ich das Glück hatte, fast mein ganzes Leben lang selten zum Arzt zu müssen, im Krankenhaus nur war, um meine Kinder zur Welt zu bringen – jedenfalls bis zu zwei Hüft-OPs innerhalb eines Jahres und allem was dann so nachkommt, kann ich Dich gut verstehen. Mich in ärztliche Behandlung zu begeben, kommt mir immer vor, als würde ich mich ausliefern. Schon das Wort Patient macht mich wütend: dulden / Geduld haben müssen. Und dann die verbreitete Einstellung, dass Gesundheit kein Anrecht, sondern eine Gnade ist. – Jedenfalls wünsche ich Dir viele schöne Termine in Deinem schönen Kalender.

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