[Rezension] „Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

In der Regel beginnt man eine Buchbesprechung entweder mit dem Autor oder gleich mit dem Buch, um das es geht, – nie mit dem Nachwort. Eigentlich. In diesem Fall finde ich das aber ganz passend, da der Verleger Stefan Weidle sehr wichtige und eindrückliche Worte in seinem Nachwort zu Felix Jacksons „Berlin, April 1933“ findet, die die Bedeutsamkeit dieses Werkes zum Ausdruck bringen. Ich möchte jetzt gar nicht auf den gesamten Text eingehen, aber gerne noch mal betonen, dass man gerade bei solchen Werken das Nachwort nicht vernachlässigen sollte. Es ordnet das Buch ein, bettet es in einen (manchmal anderen) Kontext, gibt Denkanstöße, macht Mut oder mahnt. „Berlin, April 1933“,  ist heute, (zeitlich gesehen) 85 Jahre später, so aktuell wie damals – und das betont Weidle sehr gekonnt, in dem er u.a. das Motto Jacksons aufleben lässt: „Wenn wir über gestern reden, sprechen wir von heute und morgen.“

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April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.

Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können. Der Autor Felix Jackson betont in seiner Vorbemerkung, dass der Roman auf tatsächlichen Ereignissen beruht, auch die Figuren haben wirklich gelebt. Nur ihre Namen sind geändert worden. (vgl. Vorbemerkungen des Autors in „Berlin, April 1933“) Vieles, das in dem Buch seinen Platz gefunden hat, gründet auf Erlebnissen und Erfahrungen Jacksons, der damals noch Joachimson heißt.

Der Roman wird aus Sicht des Protagonisten Dr. Hans Bauer geschildert. In einzelnen Tagebucheinträgen hält er seine Erlebnisse zunächst tageweise fest, später als einzelne Sachverhalte zusammengefasst. Die historische Genauigkeit ist nicht immer ganz gegeben, einige Ereignisse treffen im Buch früher ein als in der Wirklichkeit. Jackson hat die Geschehnisse für den Roman gerafft, sodass eine atmosphärisch dichte und spannende Geschichte entsteht und das wirkt unfassbar gut. Sicher fällt während des Lesens auf, dass die Eintragungen etwas zu ausschweifend, zu detailliert werden, um einen authentischen Tagebucheintrag wiederzugeben, aber das macht die Besonderheit dieses Romans aus. Die Geschichte wirkt umso eindringlicher, weil sie eben durch eine Person geschildert und gleichzeitig von außen mit mehr Informationen gefüttert wird. Der Protagonist schwankt. Er schwankt zwischen „Gut und Böse“, wobei beides irgendwann nicht mehr unterscheidbar wird, zwischen dem, was er will und den gegebenen Umständen. Dieses Schwanken schlägt sich im Text nieder. Als Leser*in kann man geradezu miterleben, wie gewisse Erlebnisse den Protagonisten immer wieder niederstrecken, aufstehen oder auch liegen lassen. Man spürt, wie sich die psychische Belastung immer tiefer eingräbt, allumfassend wird. Dieser Roman stellt mit seinen Leser*innen etwas an, er beschönigt nicht, er teilt aus. Und das ist – gerade jetzt, wo wir uns in einer solch unsicheren Zeit befinden, in der manches sich wie wiederhergeholt anfühlt, das längst begraben schien – so wichtig!

Weidle Verlag | 286 S.

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