[Rezension] „Eine Liebe, in Gedanken“ | Kristine Bilkau

Nach Kristine Bilkaus erfolgreichem Debüt „Die Glücklichen“, ein Gegenwartsroman, der den Zeitgeist einer ganzen Generation punktgenau trifft, folgt nun ihr zweiter Streich. „Eine Liebe, in Gedanken“ heißt er und macht etwas komplett anderes als Bilkaus Debüt: er springt in die Vergangenheit und ist dabei so sanft und ruhig wie leichte Wellen, die sachte an den Strand gespült werden. Das könnte man blöd finden und wie Toni aus Bilkaus Geschichte mit einem: „Och, nööö“ quittieren. Damit hätte man aber Bilkaus Erzähltalent verkannt.

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„Eine Liebe, in Gedanken“ erzählt von Toni und Edgar, die sich in den 1960er Jahren kennenlernen. Eine Liebe wie vom Blitz getroffen. Toni und Edgar wollen gemeinsam die Welt erkunden, sich zusammen etwas aufbauen und dabei nicht den Beziehungs-Strukturen folgen, die ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. Es soll anders sein, besonders, moderner, eigensinniger. Als Edgar die Chance bekommt nach Hongkong zu gehen soll Toni folgen, sobald sich sein Leben dort gefestigt hat. Doch irgendwas kommt dazwischen, Toni löst die Verlobung, sie will nicht mehr länger vertröstet werden. Was bleibt ist der Trennungsschmerz und eine Liebe in Gedanken. Fünfzig Jahre später – und hier setzt der Roman ein – findet Tonis Tochter nach deren Tod die Briefe von Edgar. Sie fragt sich, was wäre wenn? Wer wäre Toni geworden, wenn alles anders gekommen wäre? Und wer war dieser Mensch, den ihre Mutter nie vergessen konnte?

Kristine Bilkau erzählt parallel von heute und damals. Von der Tochter Tonis, die auf den Spuren der großen Liebe ihrer Mutter deren ganze Lebensgeschichte ertastet. Stück für Stück. Und dabei nicht nur diese eine ganz große Liebe begreift, die für Tonis Mutter Ausgangspunkt für ihr ganzes weiteres Leben werden wird, sondern auch ihre eigene Beziehung zu ihrer Mutter aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten lernt. Bilkaus Erzählstil ist sanft und leise, verzichtet auf kitschige Details, setzt dafür liebe Akzente zwischen den Zeilen. Es schwingt etwas mit, in Bilkaus Geschichte, das man nicht ganz greifen, geschweige denn benennen kann, das aber dazu führt, dass man sich in ihren Worten geborgen fühlt. Etwas schade ist, dass der Zeitgeist der 60er Jahre dabei leider etwas auf der Strecke bleibt, er kann sich nicht ausbreiten, wird lediglich angedeutet und bleibt so sanft wie Bilkaus Erzählstil. Etwas weniger Zurückhaltung hätte ich hier gut gefunden, aber vielleicht hätte das dann nicht in den Ton der Erzählung gepasst, wäre aus der Reihe gerutscht und hätte irgendwie schief geklungen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein Roman, dem man anmerkt, dass jede Zeile wohlüberlegt und mit zartem Fingerspitzengefühl geschrieben ist. Eine Geschichte, die ohne dramatische Effekte, ohne Glitzer und knallige Farben auskommt, sich aber dafür angenehm ins Gedächtnis schleicht.

Luchterhand Literaturverlag | 252 S.

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