[Lesemonat] April 2018

Wie immer gilt: Lesemonate sollen weder dazu dienen, die eigene Lesequantität unter Beweis zu stellen, noch um sich mit anderen zu vergleichen oder gar Neid hervorzurufen bzw. Druck auszuüben. Ich nutze diese Kategorie, um über die gelesenen Bücher nachzudenken und kurze Zusammenfassungen zu geben, nicht mehr und nicht weniger.

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„1933 war ein schlimmes Jahr“ | John Fante

Klingt schlimm, ist aber in seiner Melancholie sehr erheiternd und lebensbejahend. Der Anfang holpert noch ein wenig, man weiß nicht so recht, wohin der Roman will und fragt sich: wird das vielleicht zu Baseballlastig? Nö. Zum Glück nicht! Dieses schmale Büchlein steckt voller Witz, Tragik und ehrlichen Charakteren, die manchmal ruppig, oft sehr eigen, aber mit großen Herzen daherkommen und die man gerne noch viel länger begleitet hätte.

„Der Gang vor die Hunde“ | Erich Kästner

Huch, das ist aber ein freizügiges Buch. Könnte man denken, wenn man von Kästner eher die Kinderbücher gewohnt ist. Neben dem Berliner-Nachtleben, Exzesse durch die Welt der Bordelle und illegale Kneipen, wird aber auch die sanfte Seite des Protagonisten Fabian (der schon auch ein bisschen Kästner selbst ist?) gezeigt, der zwischen Moral und Unmoral hin- und her schwankt. Man möchte nicht, dass er scheitert und muss doch irgendwie hilflos dabei zusehen. Zugegeben: zu Beginn ein gewöhnungsbedürftiges Buch, das mich dann aber Kästner innig umarmend zurückgelassen hat. (Anmerkung: „Der Gang vor die Hunde“ ist die Rekonstruktion der Urfassung seines Debütromans „Fabian“.)

„Der kleine Grenzverkehr“ | Erich Kästner

Klingt beinahe ein wenig schlüpfrig, oder? Ist es aber nicht. Dafür ein heiterer, ja, ich mag es fast schon Schelmen-Roman nennen, der enorm viel Spaß macht, zu lesen. Der Protagonist Georg Rentmeister möchte eigentlich nur eine schöne Zeit mit seinem Freund Karl in Salzburg auf den Salzburger Festspielen verbringen. Leider darf er pro Monat nur zehn Reichsmark über die Grenze mitnehmen, das macht pro Tag 33,333333 Pfennige. Lächerlich wenig. Deshalb beschließt er jeden Tag von Bad Reichenhall (wo er ein „Grandseigneur“ ist) nach Salzburg (wo er ein „Habenichts“ ist) zu pendeln. Schwierigkeiten und eventuell die große Liebe inbegriffen! Mir fehlte leider dieser gewisse Moment zum unbedingt Dranbleiben-Wollen, da der Roman leider arg an der Oberfläche schwimmt (auch wenn man zwischen den Zeilen ein paar Details finden kann). Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Zeit, in der der Roman verfasst wurde. Nichtsdestotrotz: humorvoll und kurzweilig.

„Drei Kameraden“ | Erich Maria Remarque

Noch so ein Erich, den ich bewundere. „Drei Kameraden“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese, das nicht während eines Krieges, sondern von der Zeit danach bzw. dazwischen handelt. Drei Freunde, die Ende der 1920er Jahre ihr privates wie berufliches Glück suchen und gleichzeitig mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu kämpfen haben. Remarque verknüpft Gegenwart mit Erinnerung, macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, aus Unglück Glück – und umgekehrt – und vergisst dabei nie den einzelnen Menschen ins Zentrum dessen zu stellen. Insgesamt ist der Roman ruhiger als z.B. „Im Westen nichts Neues“ – logisch, wenn man die Thematik bedenkt -, aber deswegen nicht weniger gut.

„Super, und dir?“ | Kathrin Weßling

Mit „Super, und dir?“piekst Kathrin Weßling mitten hinein in die Wunde unseres Zeitgeistes bestehend aus Influencer-Marketing, dem permanenten Gedanken funktionieren zu müssen und der stetigen Angst vor der Ersetzbarkeit durch andere. Marlene Beckmann, die 31-jährige Hauptfigur des Romans, hat eigentlich alles, was sie sich wünscht: u.a. einen verständnisvollen Partner, 532 Freunde auf Facebook und einen wahnsinnstollen Job als Social Media Managerin, um den sie viele beneiden. Moment, das muss gleich mal auf sämtlichen Sozialen Kanälen geteilt werden. Wenn jemand fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: „Super, und dir?“, dabei ist eigentlich gar nicht alles super. Im Gegenteil, sogar sehr wenig. Und das bisschen was noch super ist, löst sich Mithilfe von Marlenes Dealer Ronny in einzelne Buchstaben auf, die sie zwar immer noch reflexartig als Antwort zusammenbasteln kann, schon längst aber nicht mehr fühlt. Das Buch liest sich genauso rauschhaft und sogartig wie Marlenes Leben zu sein scheint und begleitet sie durch flüsterleise sowie knallhart laute Momente bis hin an den Abgrund. Mit scharfem Blick, von zartbitterem Sarkasmus durchwoben und mit einer emotionalen Eindringlichkeit erzählt der Roman eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Druck von außen wie innen immer größer wird und trifft so den Kern unserer Selbstoptimierungsgesellschaft.

„Green Girl“ | Kate Zambreno

Eine Protagonistin, zu der man eine Art Hassliebe aufbaut. Schwankend zwischen Verständnis und Unverständnis. Eine Heldin, die keine Heldin ist und auch keine sein will. Die verloren, ängstlich, wütend, einsam und verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Liebe ist und diese, sobald sie sie erhält, wieder zerstört. Zambreno schreibt so eindringlich und schön, manchmal auch provokant, in einer rhythmisch lyrischen Prosa, dass man sich laufend Sätze markiert. Gegen Mitte/Ende lässt die Geschichte aber leider inhaltlich etwas nach. Vieles wiederholt sich. Aber vielleicht muss das auch gerade sein, um die Eintönigkeit des Lebens, aus dem die Protagonistin gerne ausbrechen möchte, aber doch nicht kann, zu verdeutlichen. Ein Roman mit Schwächen, den ich aber dennoch allen empfehlen mag, die ein Herz für eine außergewöhnliche Schreibe haben.

„Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

Ein wichtiges Buch, mit der noch wichtigeren Nachricht: nie zu vergessen!
April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.
„Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ | Carol Rifka Brunt

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ zählt zu den Jugendbüchern, die man auch als Erwachsene*r lesen sollte. Der Autorin Carol Rifka Brunt gelingt es dank einer bezaubernden, fast magischen Sprache wunderbare Bilder im Kopf der LeserInnen entstehen zu lassen, die gleichzeitig ruhig und sanft wie aufregend und schmerzvoll wirken. June Elbus ist gerade mal vierzehn, als ihr geliebter Onkel Finn an AIDS stirbt. Etwas, über das man zu dieser Zeit (Ende der 1980er) nur hinter vorgehaltener Hand und durchdrungen von zig Vorurteilen tuschelt. Für June ist der Schmerz über diesen Verlust enorm – erst recht, da sie das Gefühl hat, die einzige zu sein, die ehrlich trauert. Bis sie ein Päckchen mit Finns Teekanne von dem geheimnisvollen Fremden erhält, den sie bereits auf Finns Beerdigung gesehen hat. Eine zarte Freundschaft, die auf starken Widerstand stößt, entsteht. Diese Geschichte ist eine, die Steine in den Bauch legt und Knoten im Magen macht. Die von Verlust, Trauer, Schmerz und der Überwindung dessen sowie von Freundschaft, Familie, Liebe und der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens erzählt. Ein Roman, der leise, aber mit lautem Echo ans Herz geht. Es gibt ein paar wenige Stellen, die ich als ein bisschen zu konstruiert oder manchmal zu schleppend empfunden habe, aber das fällt meiner Meinung nach nicht allzu stark ins Gewicht.

Psst: außerdem noch „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, von dem ich mir gar nicht so viel erwartet hatte, aber durchaus sehr positiv überrascht wurde sowie „Fangirl“ von Rainbow Rowell, das im guten Mittelfeld bleibt. Die Szenen mit Simon Snow habe ich dabei ausgeblendet, das war nix für mich. Ebenso wie „Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell, das ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Harry Potter les ich da lieber noch mal im Original.

2 Kommentare zu „[Lesemonat] April 2018“

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