[Rezension] „Peach“ | Emma Glass

„Peach“ ist der Debütroman der in England lebenden Krankenschwester Emma Glass. Und dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt, mag man angesichts der sprachlichen Kraft kaum glauben. Es ist kein Buch, das locker-leicht daherkommt. Es rüttelt, es sticht, es brennt, es tut weh.

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In einer lyrischen, rhythmischen Prosa schreibt die Autorin von der Schülerin Peach, deren Leben durch Vergewaltigung aus den Fugen gerät. Blut strömt ihre Beine herab, „[p]lump klebt klebrig nasse Wolle“ an ihrer Haut, „[d]er Geruch von verbranntem Fett verstopft [ihre] Nasenlöcher“ und trotzdem wankt sie nach Hause. Nach Hause, zu ihren Eltern. Zu ihren Eltern, die nichts bemerken. Die nichts bemerken, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Peach muss sich allein helfen, um wieder zur Schule zu gehen, um ihren Freund Grün zu treffen, um zu funktionieren – und dabei stellt sie fest: einfach so wieder zu funktionieren, sich wieder Ganz zu fühlen ist unmöglich, wenn einen nachts die Bilder verfolgen, wenn der Geruch von verbranntem Fett in der Nase aufquillt, wenn der Bauch vermeintlich immer praller wird. Gedemütigt und verängstigt fasst sie einen grausamen Entschluss.

Nie wird explizit ausformuliert, was passiert ist, es geht immer um das Danach, aber das beschreibt die Autorin in einer kraftvollen, poetischen und lautmalerischen Sprache, die am ganzen Körper vibriert und einem schier den Boden unter den Füßen wegzieht. Noch stärker wirken die Worte laut ausgesprochen, dabei garantiert schon alleine der Anfang Gänsehaut:

„Plump klebt klebrig nasse Wolle. Klebt. Windet sich um Wunden, schließt Schnitt um Schnitt mit jedem Schritt, an der Wand entlang; meine Hand, behandschuht, schrammt daran.“ (Peach v. Emma Glass, S. 7)

Hier entfaltet sich auf wenigen Zeilen eine ganze Welt um ein schreckliches Erlebnis, das beim Leser eine enorme Bandbreite an Emotionen hervorruft, welche sich schwer in Worte fassen lässt. Dabei gelingt es Sabine Kray, der Übersetzerin des Textes, den Rhythmus und die Dynamik der Autorin genau einzufangen, sodass die sprachliche Eigenart auch übersetzt wirken kann. Es ist ein düsteres Thema, über das Emma Glass schreibt, das wird auch in ihren Formulierungen deutlich, die sehr intensiv sind und den Leser teilweise an seine Grenzen bringen, aber eines, das nicht im Dunkeln bleiben darf. Fantasie und Realität verschwimmen, der Leser taucht tief in die persönlichen, oft sehr wirren, Gedankengänge von Peach ein – und das ist nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar ekelhaft, aber das ist wichtig und richtig und gut. Sicher ist diese Art des Schreibens eine spezielle, die nicht jedem gefallen wird, aber für mich ist es trotz leichter inhaltlicher Schwäche im Mittelteil eines der großartigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

aus dem Englischen übersetzt von Sabine Kray | Edition Nautilus | 125 S.

1 Kommentar zu „[Rezension] „Peach“ | Emma Glass“

  1. Liebe Mia,
    eine schöne Rezension zu einem Buch, zu dem vermutlich auch gar nicht mehr gesagt werden muss. Ich gebe zu: Ich hatte schon nach wenigen deiner Sätze Gänsehaut.
    Ich finde Bücher, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen immer ganz schwierig. Einerseits möchte ich sie lesen, mich informieren und bin der festen Überzeugung, dass mehr über sie gesprochen werden sollte. Andererseits fürchte ich mich vor Romanen dieser Art, weil ich weiß, dass sie mich emotional belasten und meine Stimmung senken lassen werden. Puh!
    Liebe Grüße,
    Janika

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