[Lesemonat] Mai | Juni | Juli 2018

Huch. Hier gab es schon länger keinen Lesemonat mehr. Ich könnte das jetzt alles mit privaten Dingen entschuldigen, die tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatten, dass hier weniger los war, aber… Naja, das gehört irgendwie auch dazu, dass es mal nicht so rund läuft. Und auch wenn es hier ruhiger war, so habe ich dennoch eine Menge gelesen und da war viel Gutes bei, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Eine kleine Auswahl:

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Der Steppenwolf | Hermann Hesse

„Der Steppenwolf“ – Harry Haller – ist so eine Art Einzelgänger, der an der Welt und mit ihr an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das führt dazu, dass er schon beinahe des Lebens überdrüssig ist. Frustriert sucht er in einer Zeit, in der vieles aussichtslos erscheint – zwischen beiden Weltkriegen und mitten in der Weltwirtschaftskrise -, nach einem Sinn oder auch nicht, denn dann hätte er wenigstens einen Grund zu gehen. Doch gerade in dem Moment, in dem alles schwarz erscheint, wird er in eine neue bunte Welt gesogen: in die der Nachtclubs und Bars, des Tanzes und der Musik, der Betäubung und Verführung. Der Steppenwolf verliert sich und findet sich. Dieses Motiv der inneren Zerissenheit ist ein Leitmotiv des ganzen Buches und auch heute noch genauso aktuell wie damals (1920er). Es mag sich viel geändert haben, aber wenn, dann nur der äußere Rahmen. Die Probleme bleiben ähnlich bis gleich. „Der Steppenwolf“ ist ein Wahnsinnsbuch, in dem auch tatsächlich ein bisschen Wahnsinn drinsteckt. Manches mag verstören, aber doch ist es ein großartiger Roman, der genau dann gelesen werden sollte, wenn man selbst ein wenig die Hoffnung verloren hat.

Jugend ohne Gott | Ödön von Horváth

Ein Titel, der mir bis vor kurzem immer im Kopf herumspukte, unter dem ich mir aber so gar nichts vorstellen konnte. Jetzt – knapp 160 Seiten später – ergibt plötzlich alles Sinn. Und was für einen! Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine gottlose Jugend, die desillusioniert (größtenteils) einem neuen Typus von Glauben verfällt und so Sinnbild der Jugend unter nationalsozialistischer Diktatur wird. Ein Roman über das große Thema Schuld und die Erkenntnis, dass niemand frei davon ist. Weniger die Rahmenhandlung, die aus einer Art Kriminalgeschichte besteht, als vielmehr die Pointe zwischen den Zeilen und Horváths poetische Sprache, die deutlich aus jedem Wort leuchtet, machen “Jugend ohne Gott” so besonders. Ich bin froh, dass ich das Buch nach Jahren des Drumherum-Schleichens und des Was-mag-es-bloß-mit-dem-Titel-auf-sich-haben-Denkens nun endlich gelesen habe, muss aber sagen, dass es wahrlich „leichtere“ Lektüren gibt, denn diese Jugend ohne Gott liegt einem schon ein wenig schwer im Magen.

Witwe für ein Jahr | John Irving

Alle paar Monate lesen wir gemeinsam einen Irving und im Juni/Juli hat es „Witwe für ein Jahr“ erwischt. Den Inhalt rattere ich hier jetzt nicht im Detail nieder, denn damit würde ich eine ganze Menge an Überraschungen vorwegnehmen und das wäre schade. Ein Irving lohnt sich nämlich immer! Ja, auch (oder gerade!) weil Irvings Themen und Schreibe manchmal schon ein wenig aufreibend sind und er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das mag zunächst etwas verschrecken, ist aber genau gut so. Weil Irving damit nämlich etwas macht: Grenzen überschreiten und (falsche) Moral dort aufbrechen, wo es klemmt. Das kann niemand so gut wie er! Was ich an „Witwe für ein Jahr“ besonders gerne mag, sind die Verweise auf den Literaturbetrieb und vielleicht auch auf sein eigenes literarisches Leben – wenn man es so deuten möchte. Unbedingt lesen!

Manhattan Transfer | John Dos Passos

Dieses Buch gehört zu den ganz großen, revolutionären Romanen des 20. Jahrhunderts und Dos Passos gilt seitdem als so etwas wie der Vater des Großstadtromans. Dabei ist „Manhattan Transfer“ nicht der erste Großstadtroman, der je erschienen ist, aber es ist DER Großstadtroman, auf den viele folgende bekannte Romane aufbauen. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zum Beispiel oder auch Clemens Meyers „Im Stein“ (2013) – beide haben sich, damals wie heute, von Dos Passos inspirieren lassen. Ich habe alle drei hier genannten Romane gelesen und was auffallend ist: ich kann mich an keines der drei Bücher so ganz genau mit Namen der Figuren und was da exakt passiert ist erinnern. Also, ich weiß schon, worum es darin geht und was so grob los ist, aber ich könnte das nie und nimmer nacherzählen. Jetzt könnte man ja denken: „Ja, und? Wozu soll ich das dann lesen?“. Aber genau das ist es ja. Große Städte besitzen so ihre ganz eigene Magie, mehrere Leben werden miteinander verwirbelt und gleichzeitig versetzen sie einen in eine Art Rausch, durch den Trubel, dieses Gefühl des alles und nichts – und ganz genau das passiert während des Lesens, man gerät in eine Art Leserausch. Zugegeben manchmal verwirrend und echt anstrengend, aber doch immer verdammt gut. (Man muss sowas allerdings mögen.)

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ | Selja Ahava

Neben dem ganz wunderbaren Titel ist „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr schönes, aber auch sehr trauriges Buch. Annas Gedächtnis wird nach und nach immer löchriger. Sie vergisst Dinge, Menschen und beinahe auch ein bisschen sich selbst. Die Geschichte wird in Episoden erzählt, die der Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Protagonistin nachempfunden sind. Dies führt dazu, dass man als LeserIn ab und an ein wenig irritiert ist, weil man nicht ganz weiß, in welcher Zeit man gerade steckt. In der Erinnerung oder im Jetzt? Doch ich mag das Buch dennoch empfehlen, nicht zuletzt aufgrund der poetischen Worte, die ab und an aufblitzen, sondern vor allem auch, weil das Thema – so traurig es ist – in diesem Fall nicht so lasch abgehandelt wird, sondern mit ganz viel Liebe.

 „Der Eiserne Gustav“ | Hans Fallada

Der Eiserne Gustav verdankt seinen Namen einem äußerst bezeichnenden Charakterzug, dem eisern sein. Er ist nämlich so einer, der sich nicht gerne etwas sagen lässt. Von niemandem. Weder der Industrialisierung, noch dem Ersten Weltkrieg und von der Weltwirtschaftskrise sowieso nicht. Aber innerlich, da brodelt es bei ihm. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobiltaxen auftauchen, da hält Gustav immer noch an seinen Pferdedroschken fest. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm die Weltwirtschaftskrise. Gustav verliert fast alle seine Pferde und Angestellten, jede Menge Geld und beinahe seine Würde. Aber der Eiserne Gustav wäre nicht der Eiserne Gustav, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er plant eine Reise. Von Berlin nach Paris und wieder zurück. Mit der Kutsche. Und alle sollen davon wissen.

Was ich an diesem Buch wie an den meisten Romanen von Hans Fallada so mag, sind die unterschiedlichen Charaktere: hier treffen wir neben dem Eisernen Gustav noch auf seine ganze Familie, die mal mehr und mal weniger auf dem Kerbholz haben und die die ganze Bandbreite am Menschsein darstellen. Noch dazu kommt die Berliner Schnauze, die keiner so authentisch wie Fallada (be)schreiben kann. Lest das! Dringend!

Unser Herr Vater | Clarence Day

Ein Fallada geht noch, oder? Und zwar in der Übersetzung, denn in Clarence Day hat Fallada seinen „literarischen Zwilling“ gefunden und dessen Geschichten über den Herrn Vater prompt übersetzt. Es sind kurze Episoden, die zeitlich aufeinander aufbauen, aber theoretisch auch als Kurzgeschichten getrennt voneinander gelesen werden können. In den Geschichten geht es immer um Days Vater beziehungsweise um ihr gemeinsames Familienleben in der Zeit der Jahrhundertwende, das teils turbulent, aber immer mit viel Humor und ab und an mit kleinen Zeichnungen von Day persönlich versehen sind. Sie eignen sich bestens zum Vorlesen. Da kann man nämlich so richtig schön Herzblut und Betonung hineinlegen und Day senior wunderbar unter unerwünschtem Verwandtenbesuch, Pferdeausritten, konträren Meinungen und so mysteriösen Dingen wie Telefonen leiden lassen. Kurzum: Der Herr Day macht furchtbar viel Spaß!

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