Das Schloss | Franz Kafka

Kafka – oder das, was wir heute von ihm haben: seine Texte, seine Briefe, das, was über sein Leben bekannt ist – begegnete ich zum ersten Mal in der Schule. Wir lasen „Die Verwandlung“ und mein damaliger Deutschlehrer interpretierte zum Glück nicht alles tot, sondern ließ uns einfach machen. So kam es dazu, dass wir einen lebensgroßen Kafka mit Stationen seines Lebens auf Pappe an die Wand zeichnen sollten und ich malte ihm ein Brot in die Hand – für Broterwerb (nicht für Max Brod). Ja, das war vielleicht nicht unbedingt das Cleverste, was ich hätte machen können (vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Papierkafka noch ein ganzes Schuljahr von der Wand auf uns hinabschielte), aber es hat sich eingeprägt und ich werde nie vergessen, dass Kafkas Tage angefüllt mit Dingen waren, die ihm lediglich dazu dienten nachts das zu tun, was er begehrte: zu schreiben, sich dem Lärm der Welt zu entziehen und dafür eigene Welten für sein von vielen verkanntes Genie zu bauen. Sein tägliches Brot war die trockene Arbeit bei einer Unfallversicherung, der saftige Belag das, was ihm eigentlich schmeckte: die Schriftstellerei, sich in Worten verlieren. Er verfasste zahlreiche Texte, Erzählungen, schrieb Briefe – abgeschickte und nie gesendete – sowie drei Romanfragmente. Eines davon „Das Schloss“.

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In Kafkas Werken befinden sich die Protagonisten oft in einer labyrinthischen Umgebung (kafkaeskes Labyrinth), der Willkür einer anonymen Macht ausgesetzt und immer auf der Suche nach etwas. Sie wirken als stünden sie auf einem Laufband, das Ziel direkt vor der Nase, immer darauf zulaufend, doch niemals ankommend. So auch in „Das Schloss“. Hier begibt sich der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss.

Dieser Roman bzw. dieses Romanfragment bietet sicher viel Raum für mögliche Interpretationen und keine einzige davon würde ganz genau dem entsprechen, was Kafka im Blick hatte. Kafkas Werke sind undurchdringlich wie ein Dickicht im Wald, sie schwanken zwischen Genie und Wahnsinn, sind realistisch und surreal, sind vorausdeutend und zugleich aktuell, sie sind vieles, aber eines sind sie nicht: in eine einzige Passform zu bringen. Jede/r wird beim Lesen dieses Romans etwas anderes empfinden, fühlen, denken, mitnehmen – und genau das ist vielleicht richtig. Das Denken über den Text hinaus, der unfassbar schön wie grausam skurril ist. Am Ende des Buches bekommt man ein bisschen das Gefühl man sei selbst K., eventuell auch Kafka (ein ganz, ganz kleines bisschen). Und das ist es, was nur Literatur kann. Aus Worten Welten formen, die so noch nie dagewesen sind, die uns Dinge zum Nachdenken an die Hand geben, Fragen aufwerfen und letztlich dazu beitragen, das eigene Leben zu überdenken.

Manesse Verlag | mit einem Nachwort von Norbert Gstrein | 608 S.

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