[Lesemonat] August

Ausgelesen im August :

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Der Weg zurück | Erich Maria Remarque

„Der Weg zurück“ ist so gesehen die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Man trifft ein paar alte Bekannte wieder (wenn auch nicht namentlich erwähnt), aber auch neue Gesichter und alle haben eines gemeinsam: wie soll weitergelebt werden, nachdem das Leben schon längst vorbei schien? Wie leben, wenn andere sterben? Wie den Weg aus Krieg, Terror und Angst zurück in den Alltag finden – in Schule, Arbeit, Familie, sich mit Menschen umgeben, die nicht verstehen können. Antikriegsliteratur, die nie an Aktualität verliert, weil so viele Szenen, Sätze, Gedanken darin vereint sind, die nahe gehen, die nachdenklich machen und die auf so vieles im Jetzt übertragbar sind. Dazu Remarques sachliche, aber dennoch tiefgründige Schreibweise. Es ist keine einfache, keine bequeme Lektüre, aber doch eine sehr wichtige und verdammt gute.

Für dich würde ich sterben | F. Scott Fitzgerald

Wir hatten einen etwas schweren Start. Die ersten Erzählungen waren ganz nett, ja wunderschön zu lesen – hier ein großes Lob an die ÜbersetzerInnen -, aber irgendwie… ohne besonderen Tiefgang. Dann kam „Für dich würde ich sterben“ (macht schon Sinn, dass der Erzählband nach dieser Geschichte benannt ist) oder auch „Die Perle und der Pelz“, „Wirbelsturm in stillen Gefilden“ (…) und so zart schmelzende Halbsätze wie: „ (…) Augen, die auf Fotos und im Film ein ganz eigenes Sternenlicht besaßen.“ Damit kriegt Fitzgerald mich – immer wieder! – und ich bin (erneut) ein bisschen verliebt in seine Worte, in seine Geschichten.

Erzählungen aus dem Jazz-Age und darüber hinaus auch solche, die schwermütiger sind, sich mit der Traurigkeit und dem Ernst des Lebens befassen. Wunderbar!

 

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Vox | Christina Dalcher

Ich habe wirklich versucht dieses Buch zu mögen, aber nach ungefähr zehn an die Seite geschriebenen „WTF“s meinerseits und einer Menge Kopfschüttel-Momenten habe ich es dann doch aufgegeben. „Vox“ ist vom Grundprinzip her kein schlechter Roman (die Aufteilung von „gut“ und „schlecht“ finde ich eh blöd, ist halt oft Geschmackssache), denn hier gibt es eine Menge Anspielungen auf aktuelle (gesellschafts-)politische Themen – vordergründig in den USA. Die Idee des Romans: in naher Zukunft verfügen Frauen lediglich noch über 100 Worte pro Tag, alles darüber wird mit einem Stromstoß aus einem Armband, das alle Frauen tragen müssen, bestraft. Somit werden sie entmündigt. Die Geschichte zielt eigentlich darauf ab, Frauen in ihrer Meinung zu bestärken, indem sich selbstverständlich (!) eine kämpferische Protagonistin (Jean) gegen die Mehrheit stellt. Das funktioniert für mich allerdings nicht, da die Hauptfigur Jean irgendwie bloß so reinschlittert. Sie wirkt nicht kämpferisch, sondern eher so, als würde ihr trotz allem alles irgendwie so zufallen. Das wiederum liegt daran, dass die Geschichte viel zu konstruiert, teilweise auch unlogisch ist. Die Sätze klingen holprig, die Figuren wirken nicht greifbar. Für mich hat der Roman mit dem Auftauchen von Lorenzo, dem italienischen Adonis (kein Scherz!) und heimlichen Geliebten Jeans, sehr viel an Substanz verloren. Ich glaube, dass man sich von dem Buch schon unterhalten lassen kann, sofern man sich darauf einlässt – und eben das war mir nicht möglich, weil ich so oft daran denken musste wie viel origineller, sprachlich wie inhaltlich komplexer das Margaret Atwood, die Queen der (feministischen) Dystopien das doch kann.

Hundert: Was du im Leben lernen wirst | Heike Faller & Valerio Vidali

Möglicherweise ist dieses Buch mit eines der schönsten (Geburtstags)geschenke, das ich je erhalten habe und für das Worte nicht annähernd genug sind. Schon oft bei anderen bewundert, war das halt immer nur am Bildschirm. Jetzt in echt da durchzublättern, die Finger übers Papier streifen zu lassen, jede einzelne Seite einzuatmen, macht unfassbar glücklich. Und ein bisschen schwermütig. Aber nur, weil das Leben hier so echt, so greifbar, so nah dargestellt wird, dass es fast schon ein wenig wehtut -, weil zum Leben eben auch die Vergänglichkeit dazugehört. Von 0 bis 99 erzählt es in wenigen Worten – und es sind die passendsten und einfühlsamsten, die man sich vorstellen kann, – was man im Leben lernt. Es berichtet von den schönen Dingen. Und den traurigen. Und, dass alles nah beieinander liegt. Es zeigt, dass man manche Sachen lernt, um sie im Lauf des Lebens wieder zu verlernen. Aber auch, dass man Dinge mit ein wenig Erfahrung anders bewertet und dass das, was wirklich wichtig ist, nicht ist, wie andere einen sehen oder haben wollen (sowieso nicht!) , sondern wie man in die Welt schaut, was man mitnimmt. Manchmal geschieht etwas, das nicht vorhersehbar ist, man verliert Menschen, ist krank oder unglücklich, aber immer gibt es da die Zeiten, die leuchten – und dieses Leuchten kann man in jeder Phase des eigenen Lebens finden. Selbst, wenn es dunkel ist. Ein sehr weises Buch, ohne altklug zu sein.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Dieses Buch habe ich persönlich sehr, sehr lieb gewonnen, weil diese Biografie nicht nur unfassbar liebevoll und detailliert illustriert ist, sondern auch über den Tellerrand hinausschaut und eine ganz eigene, persönliche Wahrheit über Frida erzählt. Es sind nicht bloß pure, trockene Fakten, die darin auf einen warten, sondern ganz viel Leben und Liebe und Spaß und natürlich Kunst in allen Formen und Farben. Besonders beeindruckt hat mich Hesses Blick, ihre Art Frida Kahlos Kunstwerke neu zu interpretieren und dabei gleich ganz viel zu erklären, ohne zu ausschweifend zu sein. Es genügt ein Bild und man versteht, was im Kern gemeint ist und viel darüber hinaus. María Hesse hat die Gabe, Unsichtbares sichtbar zu machen.

Beale Street Blues | James Baldwin

„Beale Street Blues“ liest sich als würde man in einer Bar sitzen, Jazz-Musik hören und dabei den traurigen Geschichten, die zugleich auch Mut machen können & sollen, eines Erzählers mit sanfter, aber bestimmter Stimme lauschen. Die Worte tanzen, die Geschichte vibriert rhythmisch und die Herzen schlagen im Takt dazu. Harlem in den 1970er Jahren: Clementine, die von allen nur Tish genannt wird, ist 19 und schwanger von ihrem Jugendfreund Alonzo, den alle nur Fonny nennen. Fonny ist 22 und sitzt im Gefängnis. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er eine Vergewaltigung begangen haben soll. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er der Willkür des Staates, der Polizei unterworfen ist. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er schwarz ist. Vielmehr aber als ein politisches Statement ist „Beale Street Blues“ eine Liebesgeschichte, denn statt die Gesellschaft als Ganzes anzuklagen, verweist Baldwin lieber auf das untrennbare Band zwischen Tish und Fonny, die aneinander festhalten, egal, was passiert. Ja, „Beale Street Blues“ ist eine traurige Geschichte und ja, manchen mag dieser Roman nicht radikal genug sein, aber Baldwin schafft hier etwas sehr wichtiges. Er moralisiert, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, indem er eine Liebesgeschichte erzählt, die sanft und weise, aber ehrlich eine Gesellschaft beschreibt, in der Unterdrückung und die Macht der Hautfarbe regieren und in der zwei sich Liebende trotzdem nicht aufgeben, aneinander zu glauben.

Verwirrnis | Christoph Hein

„Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über alles und nichts, fahren zusammen in den Urlaub und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie sind mehr als beste Freunde, sie lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, planen beide Frauen zu heiraten, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer. Ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird. Das Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt. Mir hat letztlich leider ein wenig das Überraschende, was gegen Ende kurz aufblitzt, gefehlt.

Der Spieler | F. M. Dostojewski

Mein erster, aber bestimmt nicht letzter Dostojewski. Zugegeben, ich benötigte zum Lesen einen kleinen Spickzettel mit den Namen der Figuren, weil ich doch recht leicht zu verwirren bin – gerade, wenn eine Person noch mehrere Spitznamen hat -, aber man weiß sich ja zu helfen. „Der Spieler“ ist Dostojewskis persönlichster Roman, wenn man das so sagen kann, denn er trägt autobiographische Züge und erzählt von der Spielsucht, der auch Dostojewski verfallen war. Roulettenburg – der fiktive Ort des Romans – könnte gut und gerne Wiesbaden oder Bad Homburg sein, wo Dostojewski viel Zeit am Roulettetisch verbracht hat.

Der Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch beobachtet als Hauslehrer einer russischen Generalsfamilie zunächst die Intrigen und Spielereien der Menschen um sich herum, die allesamt kurz vor dem Bankrott stehen. Er selbst ist verliebt in Polina, die Tochter des Generals, für die er Geld beim Roulette erspielen soll. Es ist sein erster Spieleinsatz. Es wird nicht sein letzter sein. Er wird süchtig nach dem Gefühl, das ihm das Spielen gibt und verliert so nach und nach alles. Besonders eindrucksvoll ist Dostojewskis authentische Schilderung der Spieler und der Spielertypen. Er zeigt die Sucht, die Obsession und den Untergang – schonungslos und ehrlich, aber kunstvoll verpackt.

Das Schloss | Franz Kafka

‚Das Schloss‘ ist ungemein irritierend, macht ein bisschen wahnsinnig und liest sich doch so gut. Der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, begibt sich auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft dabei auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal hinein in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss. Und wir als Leser*innen suchen vielleicht immer noch nach der richtigen Deutung dieses Werks, die es sehr wahrscheinlich nicht gibt, denn es gibt nie nur eine Wahrheit.

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