Verwirrnis | Christoph Hein

Wenn man sich mit deutscher Literatur befasst, stolpert man immer wieder über den Autor Christoph Hein, dessen Romane zum Teil sehr einprägsame Titel tragen. U.a. „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, „Glückskind mit Vater“ und jetzt kürzlich erschienen „Verwirrnis“. Und auch wenn einige seiner Romane vielfach ausgezeichnet worden sind, was so viel heißt wie: da sollte man wenigstens einen Blick hineinwerfen, habe ich bisher noch nie etwas von Christoph Hein gelesen. Nun aber „Verwirrnis“ – und das aus einem ziemlich kuriosen Grund, denn der Roman spielt zu einem großen Teil in Heiligenstadt, einem Ort in Thüringen, den ich zufälligerweise ganz gut kenne. Klar, habe ich gedacht, da willst du doch mal schauen, wie ein berühmter Autor eine Stadt und ihre Einwohner (auch wenn es nur fiktive Personen sind) bei dir in der Nähe charakterisiert.

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Aber natürlich war das nicht der einzige Lesegrund, denn „Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über Musik und Literatur, fahren zusammen in den Urlaub und sind unzertrennlich. Nach außen hin wahren sie den Eindruck der besten Freunde – und das sind sie auch-, aber da ist noch etwas mehr. Friedeward und Wolfgang lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen, scheinbar freieren Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Denn auch hier darf kaum jemand von ihrer Liebe wissen. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, gehen beide Scheinehen ein, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer.

Christoph Heins neuestes Buch ist ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird und beide Charaktere somit an den gesellschaftlichen Rand katapultiert. Nur wer in die Norm passt, gehört dazu. Alle anderen werden ausgegrenzt. Das ist eine enorme Belastung für Friedeward und Wolfgang, die sich deshalb dazu entschließen, ihre Liebe geheim zu halten. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen. Und beide gehen unterschiedlich damit um. Dass sie darunter leiden wird zwar deutlich, aber auf andere Weise dargestellt – und das ist gerade der Kniff, dessen sich Hein bedient. Er zeigt den individuellen Leidensweg der Figuren und dass nach außen tough nicht immer auch innen tough bedeutet, dass menschliche Entwicklung immer abhängig von äußeren – gesellschaftlichen, politischen, familiären – Umständen ist und dass die Stärksten oft die vermeintlich Schwächsten sind. Gerade die Situation mit den Scheinehen wird sehr eindrucksvoll geschildert. Friedeward, der sich zunächst sträubt und Wolfgang, dem das alles scheinbar kaum etwas ausmacht. Scheinbar. Die innere Zerissenheit der Charaktere spiegelt gleichwohl die Zerissenheit des Landes wieder, das nach dem Zweiten Weltkrieg gespalten und in Trümmern darliegt. „Verwirrnis“ ist daher fast schon ein Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt – auf vielerlei Ebenen. Und auch wenn ich viel Positives über dieses Buch sagen kann und mag, hat mich doch leider die Vorhersehbarkeit der Geschichte ein wenig gestört, denn der einzige wirkliche Überraschungsmoment blitzt erst am Ende kurz auf. Mir persönlich hätte der Roman mehr zugesagt, wenn noch mehr auf die innere Zerissenheit der Charaktere eingegangen wäre, das hat mir an manchen Stellen und besonders ab der Hälfte des Romans doch etwas gefehlt. Dennoch ist „Verwirrnis“ ein wichtiges und gutes Buch, das von einer Zeit im Umbruch erzählt, in der Menschen alleine aufgrund ihrer Liebe gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Ich würde gerne sagen, dass sich das mittlerweile geändert hat, aber auch wenn sich in einigen Teilen der Welt die Gesetze zum Glück (!) gewandelt haben, neigt unsere Gesellschaft immer noch und immer häufiger dazu, Menschen, die nicht in ihr institutionalisiertes heteronormatives Weltbild passen, auszugrenzen. Daher ist es gerade gut, dass es solche Romane wie „Verwirrnis“ gibt, die sensibilisieren und zeigen, dass es zwar eine deutlich positive Veränderung von damals zu heute gibt, aber dass es trotzdem wichtig ist, weiter gegen Diskriminierung und für Gleichstellung und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Suhrkamp Verlag | 303 S.