„Sommer in Super 8“ | Anne Müller

Ich nehme mal die Pointe vorweg: ich bin ein bisschen verliebt in das literarische Debüt von Anne Müller, die Theater- und Literaturwissenschaften studiert, anschließend als freie Radiojournalistin gearbeitet und sich später dem Drehbuchschreiben gewidmet hat. Heute lebt sie in Berlin, aber aufgewachsen ist Anne Müller in Schleswig-Holstein und man könnte fast meinen in Schallerup, einem kleinen (mehr oder weniger fiktiven?) Örtchen an der Ostsee, in das uns die Autorin mit „Sommer in Super 8“ entführt.

Clara König, die Ich-Erzählerin, nimmt uns mit in eine Kindheit der 70er Jahre. TriTop, „Dr. Sommer“, Apfelshampoo und eine Familie, die auf den ersten Blick wie eine Vorzeige-Familie auf Super-8-Filmen projiziert wirkt. Clara wächst als mittleres Kind unter fünf Geschwistern auf. Der Vater ist Landarzt, die Mutter intelligent, hübsch und immer ein bisschen schicker als die anderen Dorffrauen in Schallerup. Neben den guten Zeiten mit schillernden Partys, Ausflügen an die Ostsee, Tanzstunden und Klavierunterricht gibt es auch die dunklen Stunden, die nicht auf Super-8-Filmen zu sehen sind, weil sie vertuscht und unbelichtet jenseits des Bildrandes liegen. Nämlich die, wenn die Eskapaden des Vaters das Familienleben erschüttern und die schöne Fassade zu bröckeln beginnt.

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Anne Müller schreibt feinfühlig, humorvoll und lebensnah von einer Kindheit, wie wir sie alle so oder so ähnlich erlebt haben könnten. In drei Teilen lässt sie die Ich-Erzählerin Clara König von den sorgenfreien Kindheitstagen berichten, über die Zeit, in der das Leben anfängt komplizierter zu werden bis hin zur Schwelle des Erwachsenwerdens, in der die Sorgen der Erwachsenen auch die der Heranwachsenden werden und in der die Weichen entscheidend für die Zukunft gestellt werden. In knappen Kapiteln, die fast wie an einem roten Faden zusammenhängende Kurzgeschichten wirken, skizziert sie Freundschaften und Feindschaften, den Alltag sowie zugehörig den Klatsch auf dem Dorf, die Sorgen und Probleme als Heranwachsende/r, die lustigen wie die traurigen Momente und beschreibt eine Familie, die – obwohl sie sich liebt – nach und nach immer weiter auseinanderfällt. Die Autorin charakterisiert die einzelnen Figuren so herrlich anschaulich und greifbar, dass man sofort das Gefühl bekommt „die oder den kenne ich doch!“, auch wenn das natürlich gar nicht sein kann, aber durch die Art der Erzählung fühlt man sich als Leser/in stark an die eigene Kindheit erinnert, sucht und findet vielleicht Parallelen im eigenen (Dorf)leben – und sei es bloß der Konfirmandenunterricht, der irgendwie lästig und streng doch einen wichtigen Punkt auf dem Weg hin zum Erwachsenwerden markiert. Besonders nahe ging mir die Erzählung über den Vater König, der mit all seinen Fehlern, Sorgen und Nöten nicht unbedingt immer gut weg kommt, aber doch so nachvollziehbar ehrlich und echt wirkt, dass ich am Ende schon ein wenig mein eigenes beklommenes Gefühl vertreiben musste.

„Sommer in Super 8“ ist ein Roman voll leichtfüßiger Momentaufnahmen, der aber auch darüber hinaus in die weniger hellen Ecken abseits des Bildrandes leuchtet und Fragmente eines Familienlebens zu einem Ganzen zusammenfügt, das den oder die Leser/in an die eigene Kindheit und die der Eltern denken lässt. Ein lustiger und zugleich zeitweilig tieftrauriger Roman, der zeigt, dass nicht alles im Leben schön im Super-8-Format schillert.

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