„1919 – Das Jahr der Frauen“ | Unda Hörner

Wenn Feminismus zu einer Art halbherzigen (Mode)trend wird, den man schon nicht mehr richtig ernst nehmen kann, weil auf beinahe jedem T-Shirt bekannter und weniger bekannter Modeketten Slogans wie „Girl Power“ & „Girls can do anything“ steht, dann ist es Zeit, sich auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist. Frauen, die etwas bewegt haben; die dazu beigetragen haben, dass Frauen heute mehr Rechte haben als noch vor 100, ach was, vor 50, vor 30, vor 10 Jahren. Frauenrechte mussten (und müssen teilweise immer noch) hart erkämpft werden.

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Vor knapp 100 Jahren, in 1919 – eine Jahreszahl, die so vieles bewegt und in Aufruhr gebracht hat -, wird ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung gesetzt. Denn am 19.01.1919 dürfen Frauen in Deutschland erstmals ihr hart, aber erfolgreich erkämpftes Wahlrecht nutzen und somit öffnen sich Türen, die lange Zeit für sie verschlossen geblieben sind. Käthe Kollwitz erhält den Professoren-Titel an der Akademie der Künste, während Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt gründet. Marie Curie forscht in Paris im Radium-Institut, Sylvia Beach gründet die Buchhandlung ‘Shakespeare and Company’, Coco Chanel kreiert ihren berühmten Duft Chanel No. 5 und Suzanne Lenglen macht in ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur und im ausgefallenen Tennis-Dress samt Pelzmantel diesen – ehemals eher männlich zugeschriebenen – Sport zum Trend für Frauen. Hannah Höch feilt immer weiter an ihrer dadaistischen Fotocollagetechnik und im 1919 gegründeten Bauhaus schreiben sich mehr Frauen als Männer ein. Doch nicht alle akzeptieren “die neue Frau”. Im Bauhaus werden Frauen zunächst ins Atelier zum Weben gesteckt, denn Hausarbeit, das sei ja wohl mehr ihr Ding. Hausmann sagt Höch am Ende ihrer Beziehung sie habe sowieso nie dazugehört und Rosa Luxemburg muss ihr politisches Engagement mit dem Leben bezahlen.

Das, was ich hier nur kurz angerissen habe, verwebt Unda Hörner in „1919 – Das Jahr der Frauen“ kunstvoll miteinander. Sie bringt historische Ereignisse mit eindrucksvollen Biografien berühmter Frauen zueinander und kreiert so ein zeitgeschichtliches Panorama aus Kunst, Kultur, Politik, Sport und gesellschaftlichem Leben, das spannend und interessant zu lesen ist. Scheinbar mühelos fügt sie verschiedene Ereignisse beisammen, zeigt Parallelen und Unterschiede und ist dabei unglaublich kreativ. Manchmal ist das dann ein bisschen viel Input auf zu kleinem Raum und besonders bei Passagen, zu denen ich wenig bis kein Hintergrundwissen parat gehabt habe, bin ich ein bisschen ins Straucheln geraten. (Frau Doktor Google hilft aber.) Das Buch ist eine Hommage an weibliche Heldinnen, die uns auch heute immer noch ein Vorbild sind und dadurch eines, das unbedingt gelesen werden sollte. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings anzumerken. Ich weiß ja, dass der Fokus in diesem Buch auf der Jahreszahl 1919 liegt und ich bin mir sicher, dass Unda Hörner hier Frauen gewählt hat, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Talente und Errungenschaften ein buntes Bild der verschiedenen Lebensbereiche, die sie revolutioniert haben, abgeben, aber doch habe ich ein bisschen die Vielfalt (alle im Buch erwähnten Frauen sind weiß) sowie Alltagsheldinnen, die Arbeiterinnen und Hausfrauen, vermisst, die in weniger berühmten und/oder privilegierten Kreisen ebenfalls etwas bewegt haben – zumindest eine Erwähnung hätte ich schön und wichtig gefunden.

Unda Hörner | „1919 – Das Jahr der Frauen“ | ebersbach & simon

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„Deutsches Haus“ | Annette Hess

Geschichte ist ja so ein Konstrukt, das mit der Zeit – egal wie wichtig, egal wie einschneidend – irgendwie, irgendwann an (Wirkungs)kraft verliert. Das ist nicht unbedingt immer gewollt, das passiert einfach, weil Geschichte im Gegensatz zur Gegenwart im Schatten liegt und so geschieht es, dass tatsächliche Ereignisse verklärt oder instrumentalisiert werden können. Deshalb darf man nie leichtsinnig Geschichte als „das ist halt mal vor langer Zeit geschehen“ abtun, sondern sollte immer im Blick haben, dass Geschichte die Welt formt. Das, was heute ist, baut auf dem, was war, auf. Und dabei ist es ganz, ganz entscheidend, dass wir darüber sprechen und niemals vergessen. Wir müssen uns die Schrecken von damals, die bis in die Zukunft hineinreichen, im Heute vor Augen führen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht, denn erschreckend, aber wahr, wir sind auf dem besten Weg in die falsche Richtung. Daher erscheint auch Annette Hess Roman „Deutsches Haus“ gerade zur richtigen Zeit.

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Annette Hess, die vor allem bekannt durch die Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ geworden ist, legt mit „Deutsches Haus“ nun ihren ersten Roman vor. Sowohl der Roman als auch die Serien(drehbücher) bereiten deutsche Geschichte neu, spannend und aktuell auf. Im Mittelpunkt meistens gegensätzliche Familien oder Einzelpersonen, die die Geschehnisse zur thematisierten Zeit gebündelt auf den Punkt bringen – so auch in „Deutsches Haus“. Die Protagonistin Eva Bruhns, mittlere Tochter einer Wirtshausfamilie, die die Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ betreiben, arbeitet als Dolmetscherin und wird gebeten an einem wichtigen Prozess als Übersetzerin zu arbeiten. Es ist der erste Auschwitz-Prozess im Frankfurt der 1960er Jahre. Ihre Eltern und ihr Verlobter sind – aus unterschiedlichen Gründen – dagegen, doch Eva, die selbst noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, nimmt die Stelle dennoch an und lernt von diesem Tag an Deutschland und die Geschichte des Landes mit anderen Augen zu sehen. Der Prozess wird sie und ihr Leben gänzlich verändern.

Der Schreibstil ist wohl strukturiert, mit pointiertem Witz und klugen Wortspielen wunderbar lesbar. Der Autorin gelingt es dadurch innerhalb kürzester Zeit ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Charakter zu geben. Scheinbar beiläufig streut sie Wesenszüge ein und lässt Bilder in den Köpfen der Leser*innen entstehen, ohne dass es zu gewollt wirkt. Obwohl man auf den ersten Seiten bereits zig Personen kennenlernt (plus Purzel, den Hund!), kann man sie beinahe mühelos auseinanderhalten. Auf mehreren Ebenen wird Spannung aufgebaut. Eva soll als Dolmetscherin in einem wichtigen Prozess mitwirken, dem ersten Auschwitz-Prozess in der Stadt. Dass das nicht gerade ohne ist und weitreichende Folgen haben wird, ist von Anfang an deutlich spürbar. Die Figuren entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen und ohne zu viel zu verraten, bieten sie damit konträre Ansichten, die ein reelles Bild unterschiedlicher Menschen und Auffassungen über das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, geben. Da ist Eva, die unbedingt verstehen will. Ihre Eltern, die etwas verbergen. Ihr Verlobter Jürgen, der versucht die Vergangenheit zu verdrängen. David Miller, der von Schuld geplagt schier wahnsinnig wird. Zeugen, die gebrochen nicht mehr weiterleben wollen oder können sowie weitere Figuren, die alle ebenjene Schuld – auf unterschiedliche Weise – gemeinsam haben. Die einen spüren sie gar nicht, die anderen übermächtig. Es ist mehr als interessant und spannend, wie Annette Hess die Schuldfrage eines ganzen Landes anhand einzelner Figuren aufbereitet und dies in einen Roman einfließen lässt, der lesbar und zugleich unterhaltsam ist, wobei ich mich mit dem Wort „unterhaltsam“ hier etwas schwer tue. Darf ein Roman unterhalten, wenn es um ein solch schweres Thema geht? Ich denke ja, sofern diese „Unterhaltung“ dem Zweck, nämlich des besseren Verständnis von Geschichte dient. Deshalb muss ich auch die ein oder andere Stelle im Roman bemängeln, die mir fast schon ein wenig zu kitschig oder am Thema vorbei geraten ist. Eine Liebesszene einzubauen passt eben nicht immer, auch wenn sie die Beziehung zwischen den Personen darstellen soll. Gegen Ende des Romans bleiben einige Fragen offen, die ich an dieser Stelle und ohne zu spoilern nicht näher erläutern kann, die aber darauf schließen lassen, dass die Geschichte in irgendeiner Form fortgeführt werden wird oder dass zumindest die Option besteht. Das ist ein bisschen schade, so wirkt der Abschluss trotz wichtigem und gut erzähltem Plot dennoch nicht vollkommen rund. Um doch ein Beispiel zu nennen: Was ist mit Annegret? Ihre Geschichte wirkt – ohne Fortsetzung – leider ein bisschen wie reingeschnitten. Spannend, ja, aber was genau hat das mit dem Rest zu tun, soll dies die Person Annegret näher erläutern? Wenn ja, es funktioniert, aber es wirkt wie ein eigener, nicht vollständig erzählter Plot. So oder so ähnlich gibt es ein paar Szenen, die den Gesamteindruck der 1960er Jahre vermitteln sollen, aber doch neben dem Hauptthema und dadurch, dass sie bloß angerissen werden, etwas verloren dastehen.

Für mich ist „Deutsches Haus“ ein Roman, der ein wichtiges Thema ins Gedächtnis ruft und aufbereitet, der das eigene Gedankenkarussell aufwirbelt und Raum zum Nachdenken gibt – und genau so soll es sein, wenn auch die Darstellung manchmal ein bisschen zu sehr in Richtung Unterhaltung tendiert.

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„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

DVA Verlag | 287 S.