„Deutsches Haus“ | Annette Hess

Geschichte ist ja so ein Konstrukt, das mit der Zeit – egal wie wichtig, egal wie einschneidend – irgendwie, irgendwann an (Wirkungs)kraft verliert. Das ist nicht unbedingt immer gewollt, das passiert einfach, weil Geschichte im Gegensatz zur Gegenwart im Schatten liegt und so geschieht es, dass tatsächliche Ereignisse verklärt oder instrumentalisiert werden können. Deshalb darf man nie leichtsinnig Geschichte als „das ist halt mal vor langer Zeit geschehen“ abtun, sondern sollte immer im Blick haben, dass Geschichte die Welt formt. Das, was heute ist, baut auf dem, was war, auf. Und dabei ist es ganz, ganz entscheidend, dass wir darüber sprechen und niemals vergessen. Wir müssen uns die Schrecken von damals, die bis in die Zukunft hineinreichen, im Heute vor Augen führen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht, denn erschreckend, aber wahr, wir sind auf dem besten Weg in die falsche Richtung. Daher erscheint auch Annette Hess Roman „Deutsches Haus“ gerade zur richtigen Zeit.

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Annette Hess, die vor allem bekannt durch die Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ geworden ist, legt mit „Deutsches Haus“ nun ihren ersten Roman vor. Sowohl der Roman als auch die Serien(drehbücher) bereiten deutsche Geschichte neu, spannend und aktuell auf. Im Mittelpunkt meistens gegensätzliche Familien oder Einzelpersonen, die die Geschehnisse zur thematisierten Zeit gebündelt auf den Punkt bringen – so auch in „Deutsches Haus“. Die Protagonistin Eva Bruhns, mittlere Tochter einer Wirtshausfamilie, die die Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ betreiben, arbeitet als Dolmetscherin und wird gebeten an einem wichtigen Prozess als Übersetzerin zu arbeiten. Es ist der erste Auschwitz-Prozess im Frankfurt der 1960er Jahre. Ihre Eltern und ihr Verlobter sind – aus unterschiedlichen Gründen – dagegen, doch Eva, die selbst noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, nimmt die Stelle dennoch an und lernt von diesem Tag an Deutschland und die Geschichte des Landes mit anderen Augen zu sehen. Der Prozess wird sie und ihr Leben gänzlich verändern.

Der Schreibstil ist wohl strukturiert, mit pointiertem Witz und klugen Wortspielen wunderbar lesbar. Der Autorin gelingt es dadurch innerhalb kürzester Zeit ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Charakter zu geben. Scheinbar beiläufig streut sie Wesenszüge ein und lässt Bilder in den Köpfen der Leser*innen entstehen, ohne dass es zu gewollt wirkt. Obwohl man auf den ersten Seiten bereits zig Personen kennenlernt (plus Purzel, den Hund!), kann man sie beinahe mühelos auseinanderhalten. Auf mehreren Ebenen wird Spannung aufgebaut. Eva soll als Dolmetscherin in einem wichtigen Prozess mitwirken, dem ersten Auschwitz-Prozess in der Stadt. Dass das nicht gerade ohne ist und weitreichende Folgen haben wird, ist von Anfang an deutlich spürbar. Die Figuren entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen und ohne zu viel zu verraten, bieten sie damit konträre Ansichten, die ein reelles Bild unterschiedlicher Menschen und Auffassungen über das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, geben. Da ist Eva, die unbedingt verstehen will. Ihre Eltern, die etwas verbergen. Ihr Verlobter Jürgen, der versucht die Vergangenheit zu verdrängen. David Miller, der von Schuld geplagt schier wahnsinnig wird. Zeugen, die gebrochen nicht mehr weiterleben wollen oder können sowie weitere Figuren, die alle ebenjene Schuld – auf unterschiedliche Weise – gemeinsam haben. Die einen spüren sie gar nicht, die anderen übermächtig. Es ist mehr als interessant und spannend, wie Annette Hess die Schuldfrage eines ganzen Landes anhand einzelner Figuren aufbereitet und dies in einen Roman einfließen lässt, der lesbar und zugleich unterhaltsam ist, wobei ich mich mit dem Wort „unterhaltsam“ hier etwas schwer tue. Darf ein Roman unterhalten, wenn es um ein solch schweres Thema geht? Ich denke ja, sofern diese „Unterhaltung“ dem Zweck, nämlich des besseren Verständnis von Geschichte dient. Deshalb muss ich auch die ein oder andere Stelle im Roman bemängeln, die mir fast schon ein wenig zu kitschig oder am Thema vorbei geraten ist. Eine Liebesszene einzubauen passt eben nicht immer, auch wenn sie die Beziehung zwischen den Personen darstellen soll. Gegen Ende des Romans bleiben einige Fragen offen, die ich an dieser Stelle und ohne zu spoilern nicht näher erläutern kann, die aber darauf schließen lassen, dass die Geschichte in irgendeiner Form fortgeführt werden wird oder dass zumindest die Option besteht. Das ist ein bisschen schade, so wirkt der Abschluss trotz wichtigem und gut erzähltem Plot dennoch nicht vollkommen rund. Um doch ein Beispiel zu nennen: Was ist mit Annegret? Ihre Geschichte wirkt – ohne Fortsetzung – leider ein bisschen wie reingeschnitten. Spannend, ja, aber was genau hat das mit dem Rest zu tun, soll dies die Person Annegret näher erläutern? Wenn ja, es funktioniert, aber es wirkt wie ein eigener, nicht vollständig erzählter Plot. So oder so ähnlich gibt es ein paar Szenen, die den Gesamteindruck der 1960er Jahre vermitteln sollen, aber doch neben dem Hauptthema und dadurch, dass sie bloß angerissen werden, etwas verloren dastehen.

Für mich ist „Deutsches Haus“ ein Roman, der ein wichtiges Thema ins Gedächtnis ruft und aufbereitet, der das eigene Gedankenkarussell aufwirbelt und Raum zum Nachdenken gibt – und genau so soll es sein, wenn auch die Darstellung manchmal ein bisschen zu sehr in Richtung Unterhaltung tendiert.

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2 Kommentare zu „„Deutsches Haus“ | Annette Hess“

  1. Ja, genau m, was hat Annegret mit dem Ganzen zu tun? Oder besser gefragt: was haben wir heute mit unseren Neurosen und vielfältigen psychischen Störungen mit unseren Familiengeschichten zu tun? Vielleicht denken Sie mutig darüber nach, warum Ihnen da Antworten fehlen. Liebe Grüße! Annette Hess

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    1. Vielen Dank für Ihren Denkanstoß! Meine Frage bezieht sich vielmehr auf das Ende des Romans im Sinne von: Wie geht es weiter? Dass Annegret eine spannende und komplexe Figur ist und die Gründe ihres Handelns sehr viel tiefer liegen, ist mir bewusst. Ich habe die Passagen um & mit Annegret immer gerne gelesen, gerade weil sie so zum Nachdenken anregen und daher frage ich auch: Was ist mit Annegret los?; Was wird noch passieren, nachdem der Buchdeckel wieder zugeklappt ist? Denn die Geschichte ist sicher (in der Hinsicht) noch lange nicht beendet.

      Viele liebe Grüße
      Mia

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