Graphic Novels? Graphic Novels! | Die Fortsetzung

Auf Instagram wurden mir so viele Graphic Novels empfohlen (an dieser Stelle auch noch mal ein riesiges Dankeschön dafür!), dass ich direkt in die Bibliothek gestiefelt bin und mir eine ganze Menge davon ausgeliehen habe. 4 Stück an der Zahl – und nicht gerade dünne Hefte -, wobei ich mich wirklich auch noch ziemlich beherrscht habe, weil ich mir insgeheim gedacht habe: Übertreib mal lieber nicht. Tatsächlich habe ich sie aber fast alle an einem Wochenende hintereinander weggelesen und auch wenn ich mir bewusst bin, dass bei einigen binge-reading eine nach oben gezogene Augenbraue hervorruft, kann ich nur sagen, dass es mir unfassbar viel Freude bereitet hat, in diese unterschiedlichen Geschichten einzutauchen. Can’t stop, won’t stop.

Im Folgenden mag ich gerne ein paar meiner Leseeindrücke teilen.

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„Gift“ | Peer Meter und Barbara Yelin

Eine düstere Graphic Novel, textlich und bildhaft gesprochen. Die Zeichnungen sind ganz in schwarz-weiß gehalten, wobei der Fokus dabei auf Licht & Schatten sowie Konturen liegt. Das schafft eine eindrucksvolle Wahrnehmung und atmosphärische Bilder. Vor allem die Betonung des unterschiedlichen Lichteinfalls bzw. das Fehlen dessen ermöglicht eine andere, spezifischere Wahrnehmung, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Der Ausdruck der Zeichnungen harmoniert wunderbar mit dem Inhalt der Geschichte, der ebenfalls dunkel und eher bedrückend ist. In „Gift“ wird der Kriminalfall der Gesche Gottfried aus dem Jahr 1831 in Bremen erzählt. Gesche Gottfried, eine Giftmörderin, wartet auf ihre Hinrichtung, während eine junge Schriftstellerin in der Stadt eintrifft, die eigentlich etwas über Bremen schreiben möchte, aber von der dortigen Stimmung so eingenommen wird, weshalb sie beginnt, sich für den Fall zu interessieren. Eher abgestoßen und befremdet registriert sie, dass die Bremer kein anderes Thema zu kennen scheinen und dass Gesche als Bestie abgestempelt wird, ohne dass sich jemand auch nur ein bisschen bemüht, die Beweggründe zu verstehen. Es ist eine spannende, eine erzählerisch dichte und psychologisch faszinierende Geschichte, die von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit in einer Rechtsprechung berichtet, in der Macht das Maß aller Dinge ist. (Und ist damit, trotz einer anderen Zeit und anderer Sichtweise, teilweise leider immer noch aktuell. Auch, was das Thema Hass & Hetze angeht.)

„Ein neues Land“ | Shaun Tan

Diese Graphic Novel kommt komplett ohne Dialoge und ohne Worte aus und wirkt trotzdem – oder gerade deswegen – unglaublich stark. Das muss man erst einmal schaffen! Die Geschichte ist also im wahrsten Sinne des Wortes eine reine Bildergeschichte in einer Mischung aus Fantasy, irgendwie auch ein bisschen Dystopie (so ganz am Rande), die eingebettet in einen historischen Kontext ist und gleichzeitig eine Geschichte von heute erzählt. Also ein bisschen was von allem. Crazy, oder? Es geht um die Ankunft in einem Land, um die Hoffnungen, die daran geknüpft sind (eine bessere oder überhaupt eine Zukunft zu haben) und die Probleme, die damit einhergehen. Für die Hauptfigur ist es zunächst schwierig das gewohnte, das geliebte, das „alte“ Leben hinter sich zu lassen und in eine neue, unbekannte Umgebung einzutauchen, die vielleicht komplett das Gegenteil von dem ist, was bekannt und gewohnt ist. Neue Menschen, ein neues Leben, eine neue Arbeit, ein anderes Land, eine fremde Kultur. Nie ist es einfach, immer braucht man dafür Mut und Kraft und Durchhaltevermögen. All dies wird hier erzählt, fast schon spielerisch, aber mit so viel Wucht dahinter, dass es sehr nahe geht.

„Irmina“ | Barbara Yelin

Mein Highlight unter diesen vier Büchern und sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus. Wunderbar gestaltet, in einem blau-grau-braun-Ton als wäre ein Vintage Filter darübergelegt worden, mit roten Details, die die abgebildete Zeit besonders betonen. „Irmina“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die Mitte der 1930er nach London zieht, um dort eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Sie lernt Howard kennen, in den sie sich prompt verliebt. Ein unsichtbares Band aus Mut und dem Drang nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung verbindet beide. Doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Irmina fährt aufgrund von Geldsorgen und vielleicht auch einer ordentlichen Portion Naivität nach Berlin, immer im Kopf der Plan, sobald wie möglich wieder zurück nach London, zurück zu Howard zu reisen. Aus diesen Plänen wird im nationalsozialistischen Deutschland nichts. Stattdessen verändert diese Zeit (nicht nur) für Irmina alles. Mehr als das. Sie selbst wird zu einer Unterstützerin des Regimes. Dafür gibt es Gründe, die ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte, aber dennoch ist dieser Bruch unumkehrbar. Die Erzählung begleitet Irmina durch den Zweiten Weltkrieg hindurch bis in die Nachkriegszeit und berichtet so ausführlich davon, was passiert, wenn eine Entscheidung zu einem ganz anderen Leben führt. Mich hat die Geschichte sehr berührt, weil sie so authentisch ist. Wie viele Leben dieser und ähnlicher Art gibt es, die aufgrund eines Fehlers, einer oder auch mehrerer falscher Entscheidungen eine komplett andere Richtung einnehmen? Eine Richtung, aus der man nicht mehr umkehren kann? Und wie viele Geschichten dieser Art bleiben unerzählt? Aus Angst, Scham, Reue oder auch, weil nicht gefragt wird? „Irmina“ ist eines dieser Bücher, das man so schnell nicht wieder vergisst.

„Blankets“ | Craig Thompson

„Blankets“ wurde mir von unfassbar vielen empfohlen und ich muss ehrlich gestehen, dass ich dieses Buch so gar nicht auf dem Schirm gehabt habe. Womöglich (oder besser: sehr wahrscheinlich) hätte ich es nicht gelesen, wenn es mir nicht vehement aus allen Richtungen nahe gelegt worden wäre. So oder so bin ich dafür sehr dankbar, denn ich hätte ganz schön was verpasst. Auf schwarz-weißen, sehr eindringlichen Bildern erzählt Craig Thompson eine Coming of Age Geschichte, die mich entfernt an „Boyhood“ erinnert hat (und ich liebe diesen Film!). In „Blankets“ geht es um Familie, um das Auseinanderdriften von zwei Brüdern, um die erste große Liebe und die Liebe zu Gott, die irgendwann in Frage gestellt wird. Kurzum: um das Heranwachsen und die Probleme damit. Es geht aber um noch viel mehr, denn gleichzeitig bildet die Geschichte ein zeitliches und ein gesellschaftliches Porträt der USA in den 1990ern ab. Wunderbar und einfühlsam erzählt, zum Nachempfinden und Eintauchen in eine fremde Gedankenwelt, die so oder so ähnlich auch die eigene hätte sein können.

PS: Das Symbol der Decke ist eines der schönsten für Zusammenhalt, Erwachsenwerden & Veränderungen, über das ich bisher in der Form so noch nicht nachgedacht habe.

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