„Cat Person“ | Kristen Roupenian

Kristen Roupenian hat möglicherweise das geschafft, wovon viele insgeheim träumen, womit aber niemand so wirklich gerechnet hätte. 2017 veröffentlichte der New Yorker eine ihrer Kurzgeschichten, („Cat Person“) und erzeugte damit einen literarischen Viralhype im Internet. Daraufhin wurde die Geschichte zu einer der meistgelesenen Artikel des Jahres und Roupenian zur literarischen Vertreterin der #MeToo Debatte. Roupenian unterzeichnete einen Buchvertrag und hier liegt er nun auf Deutsch vor, der erste Sammelband voll leicht verstörender, teils skurriler, oft provozierender, vielfältiger, moderner und auf jeden Fall irgendwie anderer Kurzgeschichten.

Achtung, enthält Spoiler!

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In der titelgebenden Story „Cat Person“ lernt Margot, eine 20-jährige Studentin, den 34-jährigen Robert während ihrer Schicht im Kino kennen. Sie flirten zwanglos, tauschen später Handynummern aus und beginnen anschließend das SMS-Spiel, bei dem sich beide scheinbar belanglose Witze hin und her schicken, um zu beweisen, dass sie klug, witzig und auf einer Wellenlänge sind. Es funktioniert. Einige Zeit später treffen sich Margot und Robert zu ihrem ersten Date, er scheint ganz anders, irgendwie verstockter, weniger geistreich, weniger lustig zu sein als per SMS. Das Date wird zu einer halben Katastrophe, Margot realisiert früh, dass aus ihnen nicht „mehr“ wird und doch haben sie Sex, obwohl sie sich zunehmend unwohler fühlt. „Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt darauf bestand aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie im Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.“ Am Ende der Geschichte bezeichnet Robert Margot als „Schlampe“. Das interessante an dieser Erzählung ist nicht nur die Perspektive oder das, was passiert, sondern die Art wie Roupenian den Zeitgeist beschreibt, in dem sie die Grauzone zwischen sexueller Nötigung und gemeinsamen Konsens beleuchtet. Alltagssexismus liegt, wie der Begriff schon sagt, im Alltäglichen und ist deshalb gut getarnt. Die Geschichte gibt keine Antworten, aber überträgt die Fragen, die sie aufwirft, an Leser*innen und somit letztlich an die Gesellschaft und bietet Raum zur Diskussion.

Der Sammelband jedoch beginnt anders als erwartet mit einer ganz anderen Kurzgeschichte („Böser Junge“), in der ein junger Mann von seiner Freundin verlassen Zuflucht bei seinen besten Freunden sucht. Es entspinnt sich eine Art Dreiecksgeschichte, die plötzlich und schockierend endet. Roupenian selbst sagt in einem Interview, dass sie diese Geschichte als eine Art Filter sieht, die darüber entscheidet, ob man am Ball bleibt, also mehr von Roupenian lesen will – oder nicht. Ich persönlich bin allerdings froh, dass ich nicht mit „Böser Junge“, sondern mit „Cat Person“ angefangen habe, sonst hätte ich nämlich möglicherweise tatsächlich nicht weitergelesen. Nicht alle von Roupenians Geschichten sind wie die erste, aber alle haben einen leicht bösen Kern. Ein bisschen Horror, Fantasy und Abgedrehtes ist auch mit dabei. Manchmal klappt das weniger gut, wie z.B. in „Vernarbt“, die für meinen Geschmack ein wenig zu durcheinander geraten ist, dafür aber super in „Beißerin“, in der Ellie nichts so sehr liebt wie in ihre Mitmenschen zu beißen wie in einen saftigen Apfel. 20 Jahre bleibt sie abstinent, bis(s) ein neuer Kollege auftaucht: Corey Allen. Sie schreibt sich Listen mit guten Gründen, warum sie ihn nun wirklich auf keinen Fall beißen darf – und tut es dann trotzdem. Witzigerweise stellt sich heraus, das besagter Kollege schon viele ihrer Kolleginnen sexuell belästigt hat und Ellie steht als Heldin da. Auch hier bleibt wieder Raum für Interpretation.

Eine meiner favorisierten Geschichten ist – neben „Beißerin“ – „Matchbox Sign“, weil sie auf die Thematik anspielt, dass Frauen häufiger als „hysterisch“ abgestempelt und in Gesprächen mit Ärzt*innen relativ oft nicht ernstgenommen werden. Hier verspürt die Protagonistin Laura ein Jucken auf ihrer Haut, das immer stärker wird, bis sie sich die juckenden Stellen aufkratzt. Sie hat das Gefühl, als säße etwas unter ihrer Haut, eine Art Parasit. Niemand außer ihrem Freund, der ihr – das muss man ihm zugute halten – unbedingt helfen will, glaubt ihr. Zum Schluss befällt der Parasit ihn und man selbst fragt sich, ob es überhaupt noch gute Dinge gibt, die nicht letztlich doch bestraft werden.

Spoiler Ende

Roupenians zwölf Kurzgeschichten leben von ihren ungewöhnlichen Charakteren, von ihren (manchmal zu) anschaulichen, detaillierten und provozierenden Bildern, sie beinhalten viel Sex, thematisieren das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau und berichten von der Millenial-Thematik, die zur Diskussion anregt. Ihre Geschichten faszinieren und stoßen gleichzeitig ab. Sie wollen nicht die Welt verbessern, wollen nicht primär ein Umdenken bezwecken, aber sie wollen unterhalten und Dinge ansprechen, über die wir uns noch vor ein paar Jahren vielleicht nicht getraut hätten in dem Maß (online) zu reden. Ihre Geschichten sind gut, sie treffen einen Nerv und man liest sie heimlich angetan wie Tagebucheinträge Fremder, aber sie hinterlassen bei mir zum Teil einen leicht schalen Beigeschmack, weil ich mich frage, wo die Grenze zwischen erträglicher und unerträglicher Provokation verläuft. In manchen Texten bewegt sich Roupenian da sehr bewusst auf dünnem Eis. Und ja, das ist aufregend, aber vielleicht auch ab und zu ein kleines bisschen too much.

Großartig aus dem Amerikanischen übersetzt von Nella Beljan und Friederike Schilbach

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„Mein Ein und Alles“ | Gabriel Tallent

Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. „Hübsches Cover“, vielleicht, weil ich leider doch zu oft ein Buch nach seinem Äußeren beurteile. Vielleicht auch: „Interessanter Titel“, weil ich auch da sehr beeinflussbar bin. Was ich auf jeden Fall nicht gedacht habe ist, dass ich dieses Buch gleichzeitig hassen und lieben werde. Hass und Liebe sind starke Worte für ein Buch, aber doch genau das, was Gabriel Tallent mit seinem Debütroman „Mein Ein und Alles“ hervorruft: eine Neigung zu Extremen, ein Entweder-Oder, aber auch ein Ich-fühle-alles.

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Turtle Alveston, die Romanheldin, lebt bei ihrem Vater abgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf. Dort kennt sie jeden Stein, jeden Hügel, jede Pflanze und jedes Tier. Weiß sich selbst zu verteidigen und zu kämpfen, nur gegen ihren eigenen Vater, der besitzergreifend und krankhaft agiert, kann sie sich nicht zur Wehr setzen. Zu groß ist die Angst, zu groß die Liebe, zu groß die gegenseitige Abhängigkeit. Bis Turtle ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und nach und nach begreift, dass sie sich von ihrem Vater befreien muss, doch der Preis dafür ist hoch. Zu hoch?

Ich wollte das Buch gegen die Wand werfen (und das nicht, weil ich anfangs etwas Schwierigkeiten mit dem doch leicht hölzernen, irgendwie ein wenig abgehacktem Schreibstil gehabt habe, der – wie ich jetzt weiß – perfekt die Stimmung im Buch und die Beziehung zwischen Turtle und ihrem Vater wiedergibt), dann wieder an mich drücken, mehrmals abbrechen und doch unbedingt weiterlesen, weil ich gedacht habe: irgendwer muss doch Turtle retten! Und wirklich, als Leser*in bekommt man irgendwann das Gefühl, man müsse nur lange genug durchhalten, dann würde endlich alles gut. Man hofft so sehr und dann wird diese Hoffnung immer wieder aufs Neue durchstoßen und es ist als würde man keine Luft mehr bekommen, weil man so sehr hofft und bangt und alles gleichzeitig empfindet: Hass und Wut und Trauer und – immer wieder – Hoffnung. Dabei ist es schon fast unglaublich, wie Gabriel Tallent das macht, so viel Schlimmes neben so viel Schönes zu schreiben. Aber eines muss ich ganz klar sagen: dieser Roman ist nicht für jede*n geeignet – und das meine ich gar nicht abwertend dem Buch oder uns Leser*innen gegenüber, aber der Inhalt ist … ja, was? Unvorstellbar grausam in seiner Realität? [TW: Körperlicher & Psychischer Missbrauch] Die schönsten Naturbeschreibungen wechseln sich ab mit Szenen körperlicher und emotionaler Gewalt, die man durch die Seiten beinahe spüren kann und auch wenn das ein literarischer Kniff des Autors ist, – der tatsächlich funktioniert! – ist das etwas, was unter die Haut geht, wehtut und nicht zum Entspannen einlädt. „Mein Ein und Alles“ ist keine Wohlfühllektüre, aber trotzdem eine, die Augen und Herzen öffnet und eine, die polarisiert. Einmal gelesen, wird man noch oft an diesen Roman zurückdenken und darüber sprechen wollen.

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ | George R. R. Martin

George R.R. Martin ist einer DER Autoren, der nach J.R.R. Tolkien High Fantasy abseits des als etwas „nerdy“ abgestempelten Formats cool gemacht hat. Spätestens mit der TV-Serie ‚Game of Thrones‘ zur gleichnamigen Buchreihe (oder auf Deutsch: ‚Das Lied von Eis und Feuer‘) ist sein Name ein Begriff. Ok, ja. Ich habe eben George R.R. Martin und J.R.R. Tolkien in einem Atemzug genannt und jetzt tue ich es schon wieder. Manch eine*r wird das nicht gut finden, für manche ist der Vergleich nicht neu und ich bin mir gerade selbst nicht sicher, ob ich das so stehen lassen soll, aber ich kann mich nun einmal an keine andere Fantasy Reihe erinnern, die so enorm weite Kreise gezogen hat wie diese beiden. (Harry Potter außen vor, das ist aber auch noch einmal eine ganz andere Geschichte.) Es gibt Merchandising ohne Ende, ganze Foren befassen sich mit der Welt von ‚Game of Thrones‘, einzelne Charaktere werden zu Superstars und während das fiktive ins reale Geschehen übergeht warten wir eisern (Obacht für Fans: Wortspiel!) seit Jahren auf den nächsten Band. In der Zwischenzeit erscheint eine Vorgeschichte nach der anderen und so sehr ich mich darüber freue, ein bisschen enttäuscht bin ich – ehrlich gesagt – auch.

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ ist der erste Band einer neuen Reihe, geschrieben von Erzmaester Gyldayn, transkribiert von George R. R. Martin und erzählt die bzw. eine Vorgeschichte von Aegon Targaryen, der mit seinen Schwestergemahlinnen und ihren Drachen Westeros erobert hat, bevor Robert Baratheon viele, viele Jahre später den Eisernen Thron erobern wird. Es berichtet von Intrigen, Kriegen, Liebe, Hass, Feindschaft und Freundschaft, aber vor allem eine jahrhundertealte Geschichte der ganz eigenen ‚Game of Thrones‘ Welt.

Mit diesem Werk liegt demnach zwar ein fiktives Stück Text vor, aber dennoch kein richtiger Roman, wie man ihn vielleicht so oder so ähnlich erwartet hätte. George R. R. Martin hat hier unter der Kapuze des Erzmaester Gyldayn einen Teil der Geschichte Westeros niedergeschrieben, was sich vor allem zu Beginn recht anstrengend lesen lässt, da der Erzählstil dem eines Geschichtsbuchs nachempfunden ist und es praktisch keine Dialoge gibt. Der Fließtext wird ab und an von Illustrationen unterbrochen, ansonsten besteht das Buch aus einem ganzen langen Block an Text mit enorm vielen Personen und Namen, sodass ich mich davon schon ein wenig eingeschüchtert gefühlt habe. Dieses Gefühl habe ich leider bis zum Ende nicht abschütteln können, trotz Stammbaum, der praktischerweise im Schutzumschlag enthalten ist, neben den Text legen und obwohl sich George R.R. Martins Schreibstil gewohnt flüssig lesen lässt.

Nun sitze ich hier und weiß nicht so recht weiter. Einerseits bewundere ich Martins Ideenreichtum, andererseits hat sich die Lektüre weniger nach Unterhaltung als nach fiktivem Geschichtsunterricht angefühlt und um ehrlich zu sein, dafür bin ich wohl nicht Fan genug. Für richtige Fans, die nicht so schnell Figuren durcheinanderbringen wie ich (ja, ich bin leider so eine, die immer einen kleinen Spickzettel benötigt) und die darauf verzichten können, dass Dialoge und somit eine – nach meinem Empfinden – spannende Handlung entsteht, ist das neueste Buch aus George R. R. Martins Wunderkiste sicherlich eine Empfehlung, aber für weniger enthusiastische Fans kann ich leider kein ausdrückliches: auf jeden Fall! aussprechen. So leid es mir tut. Es ist und bleibt wohl eine Sache des persönlichen Geschmacks.

Aus dem Amerikanischen von Andreas Helweg

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