[Weil ich ein Leben habe] #11

Wenn man eine oder mehrere chronische Erkrankungen hat, ist das nichts, was von heute auf morgen einfach weggeht. Das kann passieren, ja, aber das ist dann großes Glück. Quasi wie dieser eine Lottogewinn, auf den man immer wartet. Herzlichen Glückwunsch von Herzen an alle, die gewonnen haben. Traurig für alle anderen. Die müssen nämlich weitermachen und jeden Tag aufs Neue kämpfen. Dafür, dass es ihnen einigermaßen gut geht. Dafür, dass sie etwas finden, das ihnen hilft. Dafür, dass sie gesellschaftlich nicht ausgegrenzt werden. Dafür, dass man ihnen glaubt und dafür, dass man ihnen trotzdem Anerkennung schenkt. Das ist beileibe nicht einfach und manchmal fühlt man sich dabei wie ein Hamster im Laufrad: man kommt irgendwie nicht vom Fleck. Irgendwann wird man sogar zum Experten bzw. zur Expertin in den betroffenen Bereichen und weiß sich selbst teilweise besser zu helfen als so mancher Arzt oder manche Ärztin. Und bitte, das ist nicht überheblich gemeint, aber niemand kann den eigenen Schmerz so fühlen wie man selbst. Niemand kann in einen anderen Körper hineinschlüpfen und genau bestimmen, was hilft und was nicht. Es ist immer bloß ein ausprobieren, ein „es könnte“ und „vielleicht“. Processed with VSCO with t1 presetAnfangs erträgt es sich noch leichter, weil die Hoffnung groß ist. Mit den Jahren, wachsender Enttäuschung und der Erkenntnis, dass man nicht mal eben so „geheilt“ werden kann wird es laufend schwieriger. Und anstrengender. Es ist kräftezehrend, sich den immer wieder neuen Behandlungen und Therapiemöglichkeiten zu stellen. Nicht, weil man sich selbst aufgegeben hat. Auch nicht (und wenn, dann nicht größtenteils), weil man der modernen Medizin misstraut. Sondern schlichtweg, weil es körperlich wie psychisch ein riesiger Kraftakt ist. Aber das bedeutet nicht, dass man sich dem nicht stellen würde. Auch nicht nach jahrelanger Behandlung, endlos vielen Medikamenten und Nebenwirkungen, die zu neuen Erkrankungen führen. Man hat vielleicht die Nase gestrichen voll, aber macht trotzdem immer weiter. Ich glaube, das muss mehr hervorgehoben werden und ich glaube ebenfalls, das muss mehr Wertschätzung erfahren, dieses niemals Aufgeben, auch wenn es schwache Momente gibt, auch wenn es manchmal verdammt hart ist. Leider erfahre ich immer wieder das Gegenteil. In unserer Gesellschaft ist das ein blinder Fleck, etwas, über das kaum gesprochen wird: chronische Erkrankungen, chronische Schmerzen, Behinderungen. Es ist etwas, was an die eigene Verletzlichkeit erinnert. Daran, dass nicht jeder diesen Sechser im Lotto gewinnen kann. Im Alltag möchte man das gerne ausradieren. Doch weil wir kaum darüber sprechen und wenn, dann kaum jemand richtig zuhört, wird dieser blinde Fleck immer größer und größer und breitet sich erschreckenderweise sogar bei denjenigen aus, die eigentlich Ahnung haben müssten und manchmal habe ich das Gefühl, dass nicht der Mensch zählt, sondern nur seine vermeintlich messbare Leistung in Form von Erfolgen jeglicher Art. Triumphe über den eigenen Körper. Das ist falsch, das ist so verdammt falsch und wir wissen das, machen es aber nicht besser, weil wir oft auch keine andere Wahl haben. Aussteigen aus dem Hamsterrad hat Konsequenzen, die sich nicht jeder leisten kann.

Kürzlich hatte ich einen Termin in einer Schmerzklinik, weil dort eine Behandlungsmöglichkeit angeboten wird – zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies nicht mehr der Fall ist -, von der ich mir Schmerzlinderung erhofft habe. Ich habe mich nicht an diese Hoffnung geklammert, aber es wäre schön gewesen, wenn es geklappt hätte. Der Konjunktiv verrät es: hat es nicht. Statt der Behandlung führte ich Gespräche mit Ärzt*innen, denen ich in wenigen Minuten mein halbes Kranken(haus)leben offenbaren sollte. Der Punkt, an dem ich mir – noch bevor ich erfuhr, dass man die Behandlung, auf die ich gehofft hatte, durch einen Ärztewechsel dort eh nicht mehr durchführt – eingestehen musste, dass man mir hier nicht würde weiterhelfen können war erreicht, als einer der Ärzte zu mir sagte: „Sie müssen wieder die Chefin Ihres Lebens werden.“ Ich hätte gerne gelacht (einen blöderen Spruch habe ich selten gehört), stattdessen habe ich dafür sehr enthusiastisch-entrüstet geantwortet, dass ich das sehr wohl bereits bin. „Achso?“, war sein Kommentar. Viele Leute – egal ob Arzt, Ärztin oder Nachbar*in -, haben wohl diesen inneren Drang zu denken, wer chronische Schmerzen hat findet sein Leben zum Kotzen, lässt sich gehen, findet alles scheiße, ach wie schlimm das doch ist, zerfließt in Selbstmitleid. Buhu, buhu. Diesen Luftballon aus falschen Erwartungen muss ich da mal zum Platzen bringen. Peng! Wenn jemand jeden Tag Schmerzen hat, ja, dann ist das verdammt scheiße, aber das bedeutet nicht, dass deswegen alles scheiße ist?! Deswegen macht das Leben trotzdem noch Spaß und Sinn und ist ebenso wertvoll. Das Denken verschiebt sich, die Möglichkeiten das Leben zu genießen ebenfalls. Man findet Ecken und Winkel und Nischen, in denen man sich wohlfühlt. Sie sind vielleicht woanders, aber sie sind da! Ich persönlich kann dann einfach nichts mit solchen Sprüchen wie „Chefin meines Lebens“ anfangen. Sowas verkennt nämlich die eigentliche Problematik und sagt einem: du bist selbst Schuld, wenn du nicht so funktionierst wie andere, du musst an dir arbeiten, damit es dir besser geht. Entschuldigung, aber a) das tue ich bereits mein ganzes Leben lang und b) bin ich nun einmal so geboren worden und übrigens ziemlich froh darüber, dass ich auf der Welt bin, weil ich der Meinung bin, dass ich sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten kann. Problematisch wird es, wenn davon ausgegangen wird, dass hauptsächlich Schmerzen oder die Krankheit an sich das Leben einschränken und die einen davon abhalten, ein „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ zu sein. Nein, das ist es nicht. Es sind die Barrieren, die geschaffen werden, weil wir nicht miteinander reden, weil wir nicht zuhören, weil wir Schubladen im Kopf haben. Vielleicht müsste niemand Chef oder Chefin seines oder ihres Lebens werden, wenn wir alle gleichgestellt wären.

„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

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Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten: „Marie Curie“ | Isabel Thomas & Anke Weckmann, „Anne Frank“ | Isabel Thomas & Paola Escobar

Marie Curie und Anne Frank, die auf den ersten Blick wohl nicht ganz so viel gemeinsam haben, sind sich doch mächtig ähnlich: beides sind wichtige und großartige Mädchen bzw. Frauen, mit eigensinnigen Persönlichkeiten und willensstarken Charakteren, die auf ihre je eigene Weise einen enormen Beitrag für diese Welt geleistet haben und es auch weiterhin tun werden, weil sie in ihren Taten und Worten fortleben. Sie dürfen nie vergessen werden.

Was Marie Curie und Anne Frank so besonders macht, davon erzählen die beiden Ausgaben „Marie Curie“ und „Anne Frank“ aus der Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“.

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Isabel Thomas beschreibt Marie Curies und Anne Franks Leben in einfachen, kindgerecht verständlichen Worten, die in je kurzen Absätzen eine Menge Wissen bereithalten. Unterstrichene Worte können im hinteren Teil der Bücher, im Glossar, nachgeschlagen werden. Dort finden sich auch ein Register und eine Zeitleiste sowie (bei „Anne Frank“) Buchtipps zum Weiterlesen. Während das Buch über Anne Frank im Mittelteil teilweise eine Nacherzählung und Interpretation ihres Tagebuchs ist, das sie während ihrer Zeit im Versteck vor den Nationalsozialisten geschrieben hat, bleibt das Marie Curie Buch mehr eine Biografie und berichtet zeitgleich von ihren Entdeckungen und Forschungen sowie aus ihrem privaten Leben. Processed with VSCO with t1 preset Beide Texte erzählen – stark gekürzt, aber gut nachvollziehbar – , je ein ganzes Leben von der Geburt an über die familiären Umstände, Vorlieben, Wünsche und Träume bis hin zu dem, was ihr Wirken so besonders macht und verwenden hin und wieder die persönliche Anrede an den oder die Leser*in, damit sie sich mehr miteinbezogen und verbunden fühlen. Es wird deutlich: auch du kannst deine Träume verwirklichen. Gerade für Kinder eine sehr schöne und relevante Aussage. Aber auch die bedrückenden Aspekte werden kindgerecht aufgearbeitet, was ich ebenfalls für sehr wichtig halte.

Ergänzend zum textlichen Inhalt illustrieren Anke Weckmann („Marie Curie“) und Paola Escobar („Anne Frank“) die beiden Bände. Durch ihre sich in ihrer eigenen Bildsprache unterscheidenden Illustrationen unterstreichen die Künstlerinnen die jeweiligen Charaktere von Marie Curie und Anne Frank.

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Während Anke Weckmann Marie Curie mehr durch viele kleine Details wie z.B. ihr störrisches Haar oder ihre Notizen zu ihrer Tochter Irène auf Papier zu Leben erweckt, legt Paola Escobar ihren Fokus auf Gesichtsausdrücke, die z.B. Anne Franks Gefühle widerspiegeln. Nicht, dass Paola Escobar keine Details zeichnet oder Anne Weckmann keine Gesichtsausdrücke, aber beide schaffen es, durch ihre je eigene künstlerische Kraft, zwei Menschen lebendig und eigenständig, in all ihren Merkmalen und Facetten zu zeigen, sie voneinander abzugrenzen und Ähnlichkeiten hervorzuheben. Die Bücher sind, obwohl bunt, relativ minimalistisch und übersichtlich gehalten. „Marie Curie“ leuchtet in einem Neongelb, mattem Pink und neutralisierendem Schwarz, um das Thema, die Entdeckung und Erforschung von Radioaktivität und Strahlung aufzugreifen (dazu gibt es auch die passenden kleinen Symbole auf dem Cover). „Anne Frank“ wird farblich ihrem Tagebuch nachempfunden (hier gibt es ebenso die passenden Symbole auf dem Cover) und wird ebenfalls in nur drei Farben: dunklem Braun, mattem Rot und hellem Lila gezeichnet. Die Farbgebung rundet das Gesamtkonzept perfekt ab, alles wirkt in sich stimmig und das spürt man auch beim Lesen. (Großartig!)

Ich könnte und wollte nicht sagen, welches Buch mir besser gefällt, beide sind so arg liebevoll gestaltet und haben eine ganz eigene, große Persönlichkeit verpasst bekommen, wodurch jedes auf seine Weise ganz besonders ist. Genau so wie Marie Curie und Anne Frank. Hoffentlich werden diese Bücher in ganz vielen (Kinder)zimmern, von ganz vielen wissbegierigen Mädchen, Jungen, Eltern, Großeltern, Verwandten, Freund*innen und noch so vielen mehr gelesen.

je aus dem Englischen übersetzt von Bettina Eschenhagen, erschienen im Laurence King Verlag

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„Die Schneeschwester“ | Maja Lunde | mit Illustrationen von Lisa Aisato

Von diesem Buch heißt es, es sei ein Winterbuch, vielleicht ein modernes Weihnachtsmärchen. Ähnliches steht auch auf dem Cover: „Die Schneeschwester – Eine Weihnachtsgeschichte“. Jetzt haben wir Februar, draußen ist es zwar noch winterlich kalt, in manchen Teilen Deutschlands liegt sogar Schnee, manche Bäche, kleine Flüsse und Seen sind zum Teil vereist, aber: Weihnachten ist bereits vorbei oder – je nach Perspektive – hat noch ein paar Monate Pause. Kann man da allen Ernstes noch gut Weihnachtsbücher lesen? Man kann! Und vielleicht sollte man das auch, weil Winter- und im Speziellen Weihnachtsbücher immer so einen besonderen Zauber und klare Weisheit ausstrahlen, die man getrost auch außerhalb der Weihnachtszeit auffangen und in sich einschließen sollte. (Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ ist ebenfalls ein Winter-Weihnachtsbuch – und das kann man mindestens genauso super im Sommer lesen, oder?)

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Es ist kurz vor Heiligabend und für Julian, der noch dazu selbst ein Weihnachtsgeburtstagskind ist, eigentlich die schönste Zeit im Jahr. Eigentlich, denn in diesem Jahr hat sich etwas verändert. Über Julians Familie hängt die Traurigkeit wie ein Dach, das droht einzustürzen und die Familie darunter zu begraben. Unter diesen Umständen Weihnachten zu feiern, umrahmt von warmem Kerzenlicht, dem Duft nach Lebkuchen und Zimt, in Erwartung einstimmiger Fröhlichkeit, wenn sich doch alles ganz anders anfühlt – undenkbar. Und doch so sehr nötig. Julian versucht seine Familie aus der eisigen Starre der Traurigkeit zu befreien und hat dabei eher mäßigen Erfolg. Bis Julian Hedvig trifft, die ihn mit ihrer Fröhlichkeit und Winterwärme ansteckt. Was Julian da noch nicht weiß: hinter Hedvigs grünen Augen verbirgt sich ein Geheimnis.

Ich habe es schon verraten, „Die Schneeschwester“ ist ein ganz besonderes Buch, es besitzt diese gewisse Magie, die (Kinder)augen zum Leuchten bringt, aber auch Herzen schwer machen kann. Dabei die Balance zu halten, ist eine Kunst, die Maja Lunde meiner Meinung nach gekonnt beherrscht. Ihre Worte treffen (Kinder)herzen da, wo es nötig ist und zaubern trotz aller Schwermut ein wohliges Gefühl in die Magengegend. Die erzählte Geschichte ist nicht unbedingt neu, sie überrascht mich als Erwachsene auch nicht, aber sie lässt sich dennoch ganz wunderbar lesen, auch wenn die Sprache kindgerecht eher einfach gehalten ist. Ein wenig gestört habe ich mich an manchen Wortwiederholungen (es gibt eine Seite, auf der in wenigen Zeilen vier „Dann“s aufeinander folgen), die vielleicht in der Übersetzung passiert, vielleicht aber auch so gewollt sind. Dafür machen solch kleine Kritikpunkte die Zeichnungen der norwegischen Illustratorin Lisa Aisato wieder wett. Ihre Bilder passen so gut zu der Geschichte, den Figuren und Charaktereigenschaften, dass sie nicht als Ergänzung zum Erzählten gesehen werden sollten, sondern als Träger der Geschichte. Ja, wirklich. Ich glaube, ohne Illustrationen hätte die Geschichte an Aussagekraft eingebüßt, aber die Symbiose aus Wort und Bild schafft es, ein Ganzes zu formen, das egal welchen Alters und egal welcher Jahreszeit gelesen werden sollte.

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

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