„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

Processed with VSCO with t1 preset

Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

Durch das Hinterlassen eines Kommentars erklärt ihr euch damit einverstanden, dass eure IP-Adresse und je nach Angaben euer (Nutzer)-Name, eure E-Mail-Adresse und/oder eure Homepage-URL gespeichert werden. Dies dient nicht zu statistischen Zwecken, sondern lediglich zu eurer und meiner Sicherheit. Danke für euer Verständnis!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s