„Freiraum“ |Svenja Gräfen

Svenja Gräfen ist so ein bisschen das Spirit Animal der modernen, starken, mutigen und selbstbestimmten jungen Frau – in cool und intelligent. Mit ihrem Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ hat sie sich bereits ziemlich doll und ziemlich tief in die Falten meiner Haut geschrieben und wer Svenja Gräfen auf ihren sozialen Kanälen unter @gehraven folgt, weiß, dass sie u.a. auch dort zu wichtigen gesellschaftlichen wie politischen Themen etwas beizusteuern hat, dabei bewundernswerterweise kein Blatt vor den Mund nimmt und so zum Überdenken eingefahrener Strukturen anregt. Es ist demnach nicht unbedingt überraschend, dass auch ihr neuer Roman „Freiraum“ mit Sachverhalten jongliert, die derzeit aktuell sind und eine Menge Diskussionsbedarf bereithalten. 

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Vela und Maren leben in der Großstadt, wo bezahlbarer Wohnraum rar ist und man auf der Suche nach der perfekten Wohnung schon so viele Abstriche machen muss, bis da am Ende nur noch irgendeine Wohnung, aber Hauptsache eine Wohnung bei herauskommt. Als sich für Vela und Maren, die mittlerweile einen gemeinsamen Kinderwunsch hegen, die Gelegenheit bietet, an den Stadtrand in eine Art Gemeinschaftshaus ohne Mietanpassungen und überraschende Mieterhöhungen zu ziehen, scheint einer ideal geformten gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg zu stehen. Doch sind Vela und Marens jeweilige Vorstellungen von dieser wirklich kompatibel? Und was ist mit Theo, ihrem Mitbewohner, der das Zentrum der Gemeinschaft darstellt und wie ein dunkler Schatten in sämtlichen Winkeln des Hauses lauert, um das Gleichgewicht zu stören? Vielleicht sind Freiräume, so individuell sie sind, doch nicht so leicht zu fassen..

Gräfens Sprache ist kunstvoll zart und gleichzeitig bestimmend rau. Sie hat etwas zu sagen, das schwingt in jeder Zeile mit. Dialoge werden ohne Satzzeichen in den Fließtext integriert, Bewegungen und Handlungen der Figuren in Halbsätzen aneinandergereiht, Beschreibungen konzentriert auf wenige Adjektive gehalten. Das betont die Klarheit und Schönheit der einzelnen Sätze umso mehr, es gibt keinen Schnickschnack, nichts, was ablenken könnte. In dieser reduzierten Sprache liegt die Stärke, aber auch die „Schwäche“ des Romans, weil man sich als Leser*in voll und ganz auf dieses Projekt, auf diese ebenso filigranen wie robusten Worte einlassen muss – und das ist so eine Sache, die einem dann entweder richtig gut gefällt oder nicht, eben total subjektiv. 

Was mich immer wieder erstaunt und ganz tief drinnen kriegt, ist die Art, wie die Autorin es schafft, Beziehungen, individuelle Ängste, ungleiche Vorstellungen von Zukunft und Themen, die so aktuell wie wichtig sind, dass sie uns alle irgendwie irgendwo irgendwann mindestens einmal begegnet sind, sichtbar zu machen. Im Fall von Vela und Maren sind das vor allem der gemeinsame Kinderwunsch, die prekäre Arbeits- und schwierige Wohnsituation und die Gefahr sich auseinanderzuleben, wenn einzelne Wünsche womöglich nicht gemeinsam vereinbar sind – aus welchen Gründen auch immer. Das liest sich gleichzeitig bekannt wie fremd, schön wie traurig. 

„Freiraum“ vereint scheinbar leichtfüßig unterschiedliche Lebens- und Beziehungsentwürfe und macht auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam, ohne anzuklagen. Auch wenn im Roman nicht alle angerissenen Themen ausdiskutiert werden können und mir dadurch zu viele Fragen offen bleiben, gehört dieses Buch zu denen, die einen Mehrwert haben. Es ist keines dieser Bücher, das man liest, um nach zwei Wochen schon wieder vergessen zu haben, worum es geht oder was es mit einem gemacht hat. Svenja Gräfen enthüllt Schicht für Schicht die Verletzlichkeit von Millenials, ganz zart, leise und unaufdringlich, aber nachdrücklich. 

ullstein fünf | 293 S.