„Hunger“ | Roxane Gay

„Ich war zerbrochen, und um den Schmerz dieser Zerbrochenheit zu betäuben, aß ich und aß und aß.“

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„Hunger“ erzählt die Geschichte eines Schmerzes, der so tief sitzt, das nicht einmal die Autorin selbst herankommt. Es berichtet von unbändigem Verlangen, schmerzlichem (Selbst)Hass und der immer noch andauernden Suche nach dem ins Reine mit sich selbst kommen und bleiben. Dabei bezieht sich der Begriff vor allem auch auf ein Gefühl jenseits von Hunger im Sinne von Appetit auf Nahrung, sondern vielmehr noch Appetit auf Leben. Dabei kommt Hunger in diesem Buch eine nicht gänzlich andere, aber doch differenziertere, intensivere Rolle zu; ist gleichbedeutend mit dem Verlangen nach Liebe, Aufmerksamkeit, Leben, Atmen, Fühlen, Begehren. Alles, was uns Menschen ausmacht. Alles, wonach wir suchend unsere Hände ausstrecken. Erst recht, wenn wir in Einzelteile zerbrochen verstreut nach dem Kleber suchen, um uns wieder zusammenzusetzen. Je größer der Schmerz, desto größer der Appetit. 

Roxane Gay ist gebrochen und „Hunger“ zögert nicht von diesem Bruch, dem Davor und dem Danach zu berichten. Schonungslos ehrlich erzählt Gay von der Zeit, bevor sie zunahm und danach. Von der Zeit vor der Vergewaltigung und danach. Sie wirbelt auf, sie sticht in Wunden, sie legt Worte darüber, um zu heilen. Vor allem sich selbst, aber auch ihre Leser*innen, die ähnliches erlebt haben und vielleicht gerade jetzt in diesem Moment nach jemandem suchen, der zuhört. Und manchmal, da sind Worte auf Papier die wärmsten Umarmungen. 

Gays Roman/Autobiografie/Erzählung ist alles, aber keine leichte Lektüre. Wozu auch? Leichte, seichte Worte, die nur so tun als würden sie ein Pflaster auf die Seele kleben, in Wirklichkeit aber nicht mal einen Tag überdauern, finden sich schon genug. Dahingegen ist Roxane Gays Sprache eine wilde Offenbarung an Mut und Stärke, die auch in ihrer Schwäche liegt. Sie erschafft Räume voll Empathie und Verständnis für jegliche Art von Gefühl und reißt dabei federleicht Themen an, die schwerer als Felsen wiegen und von einer brisanten Aktualität sind.  

Lest dieses Buch, wenn ihr verstehen oder euch verstanden fühlen wollt, was es bedeutet nicht „der Norm“ zu entsprechen. Lest dieses Buch, wenn ihr findet, dass die Welt durch echte Geschichten ein bisschen besser wird.  

3 Kommentare zu „„Hunger“ | Roxane Gay“

  1. Hej Mia, toller Beitrag! Ich glaube, ich habe von der Autorin mal in der FLOW gelesen und fand sie da auch interessant. Das Buch geht auf meine TBR Liste! Hab noch einen schönen Tag! <3

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