„Flammenwand“ | Marlene Streeruwitz

Das erste Mal begegnete mir Marlene Streeruwitz in einer Folge von „Gottschalk liest?“, bei der Frau Streeruwitz konsequent bestimmend und eloquent konternd auf Herrn Gottschalks … nunja, wie formuliere ich das höflich … unangenehme, teils unpassende Fragen reagiert hat. Da dachte ich mir schon: Ok, die kann was. Selbstverständlich ist das keine qualitativ hochwertige Meinungsäußerung und noch dazu saß ich bloß gemütlich vorm Fernseher, also was weiß ich schon. Aber dennoch, der Eindruck blieb und meine Neugierde war geweckt. Dass ich nun also „Flammenwand“, den neuesten Roman von Marlene Streeruwitz, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, im Rahmen des #buchpreisbloggen’s lesen durfte, hat mich unerwartet gefreut, aber auch vor eine Herausforderung gestellt. 

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Adele, eine selbstbewusste und finanziell unabhängige Frau in den 50ern liebt Gustav. Gustav liebt Adele auch, sagt er. Er sagt aber ebenfalls, er sei impotent und das ist, wie sich bald herausstellen wird, eine Lüge. Es wird vielleicht nicht die letzte Lüge sein, die Gustav Adele auftischt und die wir zusammen mit ihr in einem Stream of consciousness erfahren, mitfühlen, mittragen. In kurzen Sätzen, die oft nur aus einzelnen Wörtern bestehen, führt uns Marlene Streeruwitz mitten hinein in eine Art moderne Flammenwand. Den Ort (wenn man ihn denn so nennen kann), den Dante in der Göttlichen Komödie durchqueren muss, um ins Paradies zu gelangen. Die Flammenwand also, die für jeden unterschiedlich ist, aber im Einzelnen wohl sowas wie die Grausamkeit des Lebens darstellt. Ein Belogen, Betrogen und Hintergangen werden, von anderen und sich selbst. Das macht auch die „Flammenwand“, den Roman von Marlene Streeruwitz aus. Adele muss sich durchkämpfen, durchquälen, stark und mutig sein, Emotionen aushalten, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade ihr eigenes Sein verteidigen. Vor allem auch ihr eigenes Sein als Frau. Dabei ist sie selbst nicht immer die sympathischste aller Figuren. Wir als Leser*innen irren gemeinsam mit der Erzählerin mehrere Stunden durch die Flammenwand und geraten mittels des Schreibstils, der vollständig auf Frage- und Ausrufezeichen verzichtet, aber mithilfe des Stakkatos der Sätze ordentlich Tempo vorgibt, in eine Art Rausch. Was hier passiert ist das Einswerden mit den Gedanken der Hauptfigur, mit der Geschichte, mit der Wirklichkeit. Immer wieder schafft es Streeruwitz mit nur einem kleinen Satz, die Begebenheiten in Adeles Kopf in die Vergangenheit zu rücken. Dann ist sie bei ihren Eltern, ihrem Bruder und das Puzzle ihres Lebens wird langsam zusammengesetzt. Auch für uns: ein Verständnis setzt ein, warum Adele so und nicht anders fühlt, denkt, handelt. Und beinahe nebenbei thematisiert Streeruwitz zusätzlich die Rolle der Frau und die aktuellen politischen Entwicklungen.

Dieser Roman macht also eine ganze Menge auf kleinem Raum. Er erzählt im Kern eine Liebesgeschichte, weil alle Geschichten irgendwie Liebesgeschichten sind (das ist das Leben), ist aber auch ein Gesellschaftsroman (auch das ist das Leben), ein bisschen ein Politthriller (dito) und ganz allgemein schreibt er die Absurdität der Gegenwart aufs Papier und in unsere Körper. Streeruwitz verknüpft Fiktion mit realen Geschehnissen, durchbricht immer wieder die erzählte Geschichte mit tatsächlichen Fakten. So schreibt sie die Gegenwart in unsere Köpfe, macht das Private unabdingbar und deutlich politisch. Diese Gegenwart findet sich als Datum eingefügt zwischen jedem Abschnitt im Roman als Anmerkung im hinteren Teil des Buchs. Eine Chronik der politischen Ereignisse in Österreich vom 19. März 2018 bis zum 9. Oktober 2018. Alleine das Umblättern führt also dazu, dass man als Leser*in immer wieder aus dem fiktiven Geschehen herausgerissen wird, umdenken muss, Verknüpfungen erstellen muss – oder auch nicht. Je nachdem. Aber auf jeden Fall in die Jetztzeit hineinrutscht. 

Es ist – und das muss ich wirklich zugeben – kein leichtes Unterfangen, diesen Roman zu lesen. Er ist anstrengend, verdammt anstrengend. „Flammenwand“ ist ein Buch, das viel fordert und am Ende wenig versöhnlich ist. Aber das ist es, was Literatur ausmacht. Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, denn Literatur ist unbequem, sie zwickt, sie darf und will alles – und das kann sie auch.