„Würstchen, der Dackel“ | Mia Cassany & Mikel Casal

In meiner Familie sind alle große Dackel-Fans. Der Dackel meiner Urgroßeltern hieß Lumpi. Seine Hundeeltern Apothekers Waldi und Nachbars Heidi. Meinen eigenen Dackel wollte ich immer Wurst nennen – oder Peanut Butter bzw. Peanut. Als ich mal öffentlich kommuniziert habe, dass ich im Falle des Falles meinen Hund Wurst nennen wollen würde, habe ich verwundert gelernt, dass ich mit dieser Idee keinesfalls alleine bin (und ich dachte wirklich, ich wäre einfallsreich). Nun gibt es sogar ein Buch mit dem Titel „Würstchen, der Dackel“. Na, wenn das nicht nach mir gerufen hat, dann weiß ich auch nicht.

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Würstchen ist ein Findelhund. Sein Retter und Dackelpapa Hans findet ihn in einem alten Schuhkarton kauernd in einer Seitenstraße. Würstchen ist zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht Würstchen, sondern namenlos. Zusammengerollt, wie ihn Hans findet, ruft dieser bei seinem Anblick aus: „Du kommst mit mir nach Hause, du armes Würstchen.“ Von da an sind die beiden die besten Freunde. Nur eine Sache, die liegt Würstchen schwer im Magen – und das ist sein Name. Würstchen. Das ist doch keine Bezeichnung für einen Hund! Ein cleverer Hund wie Würstchen findet aber auch dafür eine Lösung, oder?

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

„Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany und Mikel Casal ist ein zauberhaftes Bilderbuch mit farbenfrohen, modernen Illustrationen, die selbst den größten Hundemuffel irgendwo tief drinnen im Herzen berühren werden (da bin ich mir ganz sicher)!

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

Die Bilder selbst sind nicht überladen, aber trotzdem gibt es viel zu entdecken. Gerade für Kinder ist das sicher eine große Freude. Auch die Geschichte ist kindgerecht erzählt, für Erwachsene vielleicht ein wenig zu einfach, mit einem Ende, das leider etwas zu abrupt wirkt. Gerade so, als ob irgendwie die Ideen ausgegangen wären. Ein bisschen schade ist das. Letztlich geht es hier aber vielmehr um die Bebilderung und die ist – wie ich finde – sehr gelungen.

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

 

 

 

Nicht zu aufdringlich, aber doch feinfühlig, mit einem klaren Blick für die kleinen Dinge. Im Ganzen wirkt das Bilderbuch harmonisch. Es ist zum darin blättern und sich wohlfühlen, gleichzeitig lehrt es wie Freundschaften aussehen können und dass man Probleme offen angehen sollte. Ach,  was rede ich noch lange drumherum, es ist einfach schön!

„1919 – Das Jahr der Frauen“ | Unda Hörner

Wenn Feminismus zu einer Art halbherzigen (Mode)trend wird, den man schon nicht mehr richtig ernst nehmen kann, weil auf beinahe jedem T-Shirt bekannter und weniger bekannter Modeketten Slogans wie „Girl Power“ & „Girls can do anything“ steht, dann ist es Zeit, sich auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist. Frauen, die etwas bewegt haben; die dazu beigetragen haben, dass Frauen heute mehr Rechte haben als noch vor 100, ach was, vor 50, vor 30, vor 10 Jahren. Frauenrechte mussten (und müssen teilweise immer noch) hart erkämpft werden.

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Vor knapp 100 Jahren, in 1919 – eine Jahreszahl, die so vieles bewegt und in Aufruhr gebracht hat -, wird ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung gesetzt. Denn am 19.01.1919 dürfen Frauen in Deutschland erstmals ihr hart, aber erfolgreich erkämpftes Wahlrecht nutzen und somit öffnen sich Türen, die lange Zeit für sie verschlossen geblieben sind. Käthe Kollwitz erhält den Professoren-Titel an der Akademie der Künste, während Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt gründet. Marie Curie forscht in Paris im Radium-Institut, Sylvia Beach gründet die Buchhandlung ‘Shakespeare and Company’, Coco Chanel kreiert ihren berühmten Duft Chanel No. 5 und Suzanne Lenglen macht in ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur und im ausgefallenen Tennis-Dress samt Pelzmantel diesen – ehemals eher männlich zugeschriebenen – Sport zum Trend für Frauen. Hannah Höch feilt immer weiter an ihrer dadaistischen Fotocollagetechnik und im 1919 gegründeten Bauhaus schreiben sich mehr Frauen als Männer ein. Doch nicht alle akzeptieren “die neue Frau”. Im Bauhaus werden Frauen zunächst ins Atelier zum Weben gesteckt, denn Hausarbeit, das sei ja wohl mehr ihr Ding. Hausmann sagt Höch am Ende ihrer Beziehung sie habe sowieso nie dazugehört und Rosa Luxemburg muss ihr politisches Engagement mit dem Leben bezahlen.

Das, was ich hier nur kurz angerissen habe, verwebt Unda Hörner in „1919 – Das Jahr der Frauen“ kunstvoll miteinander. Sie bringt historische Ereignisse mit eindrucksvollen Biografien berühmter Frauen zueinander und kreiert so ein zeitgeschichtliches Panorama aus Kunst, Kultur, Politik, Sport und gesellschaftlichem Leben, das spannend und interessant zu lesen ist. Scheinbar mühelos fügt sie verschiedene Ereignisse beisammen, zeigt Parallelen und Unterschiede und ist dabei unglaublich kreativ. Manchmal ist das dann ein bisschen viel Input auf zu kleinem Raum und besonders bei Passagen, zu denen ich wenig bis kein Hintergrundwissen parat gehabt habe, bin ich ein bisschen ins Straucheln geraten. (Frau Doktor Google hilft aber.) Das Buch ist eine Hommage an weibliche Heldinnen, die uns auch heute immer noch ein Vorbild sind und dadurch eines, das unbedingt gelesen werden sollte. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings anzumerken. Ich weiß ja, dass der Fokus in diesem Buch auf der Jahreszahl 1919 liegt und ich bin mir sicher, dass Unda Hörner hier Frauen gewählt hat, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Talente und Errungenschaften ein buntes Bild der verschiedenen Lebensbereiche, die sie revolutioniert haben, abgeben, aber doch habe ich ein bisschen die Vielfalt (alle im Buch erwähnten Frauen sind weiß) sowie Alltagsheldinnen, die Arbeiterinnen und Hausfrauen, vermisst, die in weniger berühmten und/oder privilegierten Kreisen ebenfalls etwas bewegt haben – zumindest eine Erwähnung hätte ich schön und wichtig gefunden.

Unda Hörner | „1919 – Das Jahr der Frauen“ | ebersbach & simon

„Deutsches Haus“ | Annette Hess

Geschichte ist ja so ein Konstrukt, das mit der Zeit – egal wie wichtig, egal wie einschneidend – irgendwie, irgendwann an (Wirkungs)kraft verliert. Das ist nicht unbedingt immer gewollt, das passiert einfach, weil Geschichte im Gegensatz zur Gegenwart im Schatten liegt und so geschieht es, dass tatsächliche Ereignisse verklärt oder instrumentalisiert werden können. Deshalb darf man nie leichtsinnig Geschichte als „das ist halt mal vor langer Zeit geschehen“ abtun, sondern sollte immer im Blick haben, dass Geschichte die Welt formt. Das, was heute ist, baut auf dem, was war, auf. Und dabei ist es ganz, ganz entscheidend, dass wir darüber sprechen und niemals vergessen. Wir müssen uns die Schrecken von damals, die bis in die Zukunft hineinreichen, im Heute vor Augen führen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht, denn erschreckend, aber wahr, wir sind auf dem besten Weg in die falsche Richtung. Daher erscheint auch Annette Hess Roman „Deutsches Haus“ gerade zur richtigen Zeit.

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Annette Hess, die vor allem bekannt durch die Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ geworden ist, legt mit „Deutsches Haus“ nun ihren ersten Roman vor. Sowohl der Roman als auch die Serien(drehbücher) bereiten deutsche Geschichte neu, spannend und aktuell auf. Im Mittelpunkt meistens gegensätzliche Familien oder Einzelpersonen, die die Geschehnisse zur thematisierten Zeit gebündelt auf den Punkt bringen – so auch in „Deutsches Haus“. Die Protagonistin Eva Bruhns, mittlere Tochter einer Wirtshausfamilie, die die Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ betreiben, arbeitet als Dolmetscherin und wird gebeten an einem wichtigen Prozess als Übersetzerin zu arbeiten. Es ist der erste Auschwitz-Prozess im Frankfurt der 1960er Jahre. Ihre Eltern und ihr Verlobter sind – aus unterschiedlichen Gründen – dagegen, doch Eva, die selbst noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, nimmt die Stelle dennoch an und lernt von diesem Tag an Deutschland und die Geschichte des Landes mit anderen Augen zu sehen. Der Prozess wird sie und ihr Leben gänzlich verändern.

Der Schreibstil ist wohl strukturiert, mit pointiertem Witz und klugen Wortspielen wunderbar lesbar. Der Autorin gelingt es dadurch innerhalb kürzester Zeit ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Charakter zu geben. Scheinbar beiläufig streut sie Wesenszüge ein und lässt Bilder in den Köpfen der Leser*innen entstehen, ohne dass es zu gewollt wirkt. Obwohl man auf den ersten Seiten bereits zig Personen kennenlernt (plus Purzel, den Hund!), kann man sie beinahe mühelos auseinanderhalten. Auf mehreren Ebenen wird Spannung aufgebaut. Eva soll als Dolmetscherin in einem wichtigen Prozess mitwirken, dem ersten Auschwitz-Prozess in der Stadt. Dass das nicht gerade ohne ist und weitreichende Folgen haben wird, ist von Anfang an deutlich spürbar. Die Figuren entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen und ohne zu viel zu verraten, bieten sie damit konträre Ansichten, die ein reelles Bild unterschiedlicher Menschen und Auffassungen über das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, geben. Da ist Eva, die unbedingt verstehen will. Ihre Eltern, die etwas verbergen. Ihr Verlobter Jürgen, der versucht die Vergangenheit zu verdrängen. David Miller, der von Schuld geplagt schier wahnsinnig wird. Zeugen, die gebrochen nicht mehr weiterleben wollen oder können sowie weitere Figuren, die alle ebenjene Schuld – auf unterschiedliche Weise – gemeinsam haben. Die einen spüren sie gar nicht, die anderen übermächtig. Es ist mehr als interessant und spannend, wie Annette Hess die Schuldfrage eines ganzen Landes anhand einzelner Figuren aufbereitet und dies in einen Roman einfließen lässt, der lesbar und zugleich unterhaltsam ist, wobei ich mich mit dem Wort „unterhaltsam“ hier etwas schwer tue. Darf ein Roman unterhalten, wenn es um ein solch schweres Thema geht? Ich denke ja, sofern diese „Unterhaltung“ dem Zweck, nämlich des besseren Verständnis von Geschichte dient. Deshalb muss ich auch die ein oder andere Stelle im Roman bemängeln, die mir fast schon ein wenig zu kitschig oder am Thema vorbei geraten ist. Eine Liebesszene einzubauen passt eben nicht immer, auch wenn sie die Beziehung zwischen den Personen darstellen soll. Gegen Ende des Romans bleiben einige Fragen offen, die ich an dieser Stelle und ohne zu spoilern nicht näher erläutern kann, die aber darauf schließen lassen, dass die Geschichte in irgendeiner Form fortgeführt werden wird oder dass zumindest die Option besteht. Das ist ein bisschen schade, so wirkt der Abschluss trotz wichtigem und gut erzähltem Plot dennoch nicht vollkommen rund. Um doch ein Beispiel zu nennen: Was ist mit Annegret? Ihre Geschichte wirkt – ohne Fortsetzung – leider ein bisschen wie reingeschnitten. Spannend, ja, aber was genau hat das mit dem Rest zu tun, soll dies die Person Annegret näher erläutern? Wenn ja, es funktioniert, aber es wirkt wie ein eigener, nicht vollständig erzählter Plot. So oder so ähnlich gibt es ein paar Szenen, die den Gesamteindruck der 1960er Jahre vermitteln sollen, aber doch neben dem Hauptthema und dadurch, dass sie bloß angerissen werden, etwas verloren dastehen.

Für mich ist „Deutsches Haus“ ein Roman, der ein wichtiges Thema ins Gedächtnis ruft und aufbereitet, der das eigene Gedankenkarussell aufwirbelt und Raum zum Nachdenken gibt – und genau so soll es sein, wenn auch die Darstellung manchmal ein bisschen zu sehr in Richtung Unterhaltung tendiert.

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„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

DVA Verlag | 287 S.

„Sommer in Super 8“ | Anne Müller

Ich nehme mal die Pointe vorweg: ich bin ein bisschen verliebt in das literarische Debüt von Anne Müller, die Theater- und Literaturwissenschaften studiert, anschließend als freie Radiojournalistin gearbeitet und sich später dem Drehbuchschreiben gewidmet hat. Heute lebt sie in Berlin, aber aufgewachsen ist Anne Müller in Schleswig-Holstein und man könnte fast meinen in Schallerup, einem kleinen (mehr oder weniger fiktiven?) Örtchen an der Ostsee, in das uns die Autorin mit „Sommer in Super 8“ entführt.

Clara König, die Ich-Erzählerin, nimmt uns mit in eine Kindheit der 70er Jahre. TriTop, „Dr. Sommer“, Apfelshampoo und eine Familie, die auf den ersten Blick wie eine Vorzeige-Familie auf Super-8-Filmen projiziert wirkt. Clara wächst als mittleres Kind unter fünf Geschwistern auf. Der Vater ist Landarzt, die Mutter intelligent, hübsch und immer ein bisschen schicker als die anderen Dorffrauen in Schallerup. Neben den guten Zeiten mit schillernden Partys, Ausflügen an die Ostsee, Tanzstunden und Klavierunterricht gibt es auch die dunklen Stunden, die nicht auf Super-8-Filmen zu sehen sind, weil sie vertuscht und unbelichtet jenseits des Bildrandes liegen. Nämlich die, wenn die Eskapaden des Vaters das Familienleben erschüttern und die schöne Fassade zu bröckeln beginnt.

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Anne Müller schreibt feinfühlig, humorvoll und lebensnah von einer Kindheit, wie wir sie alle so oder so ähnlich erlebt haben könnten. In drei Teilen lässt sie die Ich-Erzählerin Clara König von den sorgenfreien Kindheitstagen berichten, über die Zeit, in der das Leben anfängt komplizierter zu werden bis hin zur Schwelle des Erwachsenwerdens, in der die Sorgen der Erwachsenen auch die der Heranwachsenden werden und in der die Weichen entscheidend für die Zukunft gestellt werden. In knappen Kapiteln, die fast wie an einem roten Faden zusammenhängende Kurzgeschichten wirken, skizziert sie Freundschaften und Feindschaften, den Alltag sowie zugehörig den Klatsch auf dem Dorf, die Sorgen und Probleme als Heranwachsende/r, die lustigen wie die traurigen Momente und beschreibt eine Familie, die – obwohl sie sich liebt – nach und nach immer weiter auseinanderfällt. Die Autorin charakterisiert die einzelnen Figuren so herrlich anschaulich und greifbar, dass man sofort das Gefühl bekommt „die oder den kenne ich doch!“, auch wenn das natürlich gar nicht sein kann, aber durch die Art der Erzählung fühlt man sich als Leser/in stark an die eigene Kindheit erinnert, sucht und findet vielleicht Parallelen im eigenen (Dorf)leben – und sei es bloß der Konfirmandenunterricht, der irgendwie lästig und streng doch einen wichtigen Punkt auf dem Weg hin zum Erwachsenwerden markiert. Besonders nahe ging mir die Erzählung über den Vater König, der mit all seinen Fehlern, Sorgen und Nöten nicht unbedingt immer gut weg kommt, aber doch so nachvollziehbar ehrlich und echt wirkt, dass ich am Ende schon ein wenig mein eigenes beklommenes Gefühl vertreiben musste.

„Sommer in Super 8“ ist ein Roman voll leichtfüßiger Momentaufnahmen, der aber auch darüber hinaus in die weniger hellen Ecken abseits des Bildrandes leuchtet und Fragmente eines Familienlebens zu einem Ganzen zusammenfügt, das den oder die Leser/in an die eigene Kindheit und die der Eltern denken lässt. Ein lustiger und zugleich zeitweilig tieftrauriger Roman, der zeigt, dass nicht alles im Leben schön im Super-8-Format schillert.

„This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ | Sophia Hembeck & Julia Feller

Trennungen laufen im seltensten Fall so ab: maximal ein bisschen traurig, vielleicht auch ein bisschen wütend, aber man kommt schnell darüber hinweg, denn andere Mütter haben auch schöne Söhne und Töchter. Bei Trennungen ist in der Realität leider nichts mit „ein bisschen“. Trennungen sind scheiße. Während eine/r leidet, kommt der/die andere sich vor, als wäre plötzlich die Welt stehen geblieben. Aber, äh, wieso dreht sie sich noch? Und, wohin mit all diesen Gefühlen, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießen und gefährlich giftig für Körper und Seele zu sein scheinen?

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Sophia Hembeck und Julia Feller gehen genau diesen unangenehmen Gefühlen in ihrer Graphic Novel „This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ auf den Grund. Ziemlich ehrlich, herrlich authentisch und wunderbar ironisch. Während Sophia Hembeck dieses ominöse, all umfassende Ding der Trennung mit Worten entwirrt, widmet sich Julia Feller der grafischen Untermalung. Sie zeigen verschiedene Phasen einer Trennung und mögliche Bewältigungsstrategien, die zwar übersteigert dargestellt sind, aber trotzdem den Kern treffen und beziehen sich dabei explizit auf ein ganz persönliches Erlebnis. So kommt es, dass auf einer Doppelseite auch mal eine Kalaschnikow auftaucht, wenn die Autorin feststellt, „dass das nicht die Wahrheit ist, sondern eine Kalaschnikow.“ Ja, hätte sie mal nicht gefragt. Denn das Hinterfragen einer Beziehung ist vielleicht der Anfang vom Ende. „Wörter haben plötzlich eine ganz neue Bedeutung.“, aber es hilft auch, diese aufzuschreiben. Gedanken auf Papier zu bringen, Klarheit in einem Chaos aus vorherrschenden Gefühlen zu bekommen. Deshalb folgt auf das Hinterfragen die Wahrheit, die schmerzen kann, die seine Zeit dauert, um sie anzuerkennen, bis aus der Wahrheit Gewissheit und irgendwann Akzeptanz wird und in einem: „Du kannst deine Sachen abholen“, mündet.

Hembeck und Feller zeigen in ihrer Graphic Novel, dass es verschiedene Schritte vom Anfang des Endes bis zum endgültigen Schlussstrich zu durchaufen gilt – und das gelingt beiden künstlerisch außerordentlich gut. Die Illustrationen und Worte bilden eine Einheit, auch wenn die Typografie an manchen Stellen etwas zu stark im Vordergrund steht und das Gesagte so in den Hintergrund drängt bzw. schwieriger lesbar macht. (Das mag auch an meinen schlechten Augen liegen.) Ich glaube, jede/r wird sich in der ein oder anderen Trennungsphase wiederfinden können und so manchen Gedanken teilen, auch wenn die Gründe für das Ende einer Beziehung sehr vielfältig und variabel sind: das, was man da fühlt und durchlebt bleibt immer ähnlich. Ähnlich unangenehm und unnötig. Umso großartiger, dass daraus etwas so Schönes wie „This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ geworden ist!

Verwirrnis | Christoph Hein

Wenn man sich mit deutscher Literatur befasst, stolpert man immer wieder über den Autor Christoph Hein, dessen Romane zum Teil sehr einprägsame Titel tragen. U.a. „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, „Glückskind mit Vater“ und jetzt kürzlich erschienen „Verwirrnis“. Und auch wenn einige seiner Romane vielfach ausgezeichnet worden sind, was so viel heißt wie: da sollte man wenigstens einen Blick hineinwerfen, habe ich bisher noch nie etwas von Christoph Hein gelesen. Nun aber „Verwirrnis“ – und das aus einem ziemlich kuriosen Grund, denn der Roman spielt zu einem großen Teil in Heiligenstadt, einem Ort in Thüringen, den ich zufälligerweise ganz gut kenne. Klar, habe ich gedacht, da willst du doch mal schauen, wie ein berühmter Autor eine Stadt und ihre Einwohner (auch wenn es nur fiktive Personen sind) bei dir in der Nähe charakterisiert.

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Aber natürlich war das nicht der einzige Lesegrund, denn „Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über Musik und Literatur, fahren zusammen in den Urlaub und sind unzertrennlich. Nach außen hin wahren sie den Eindruck der besten Freunde – und das sind sie auch-, aber da ist noch etwas mehr. Friedeward und Wolfgang lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen, scheinbar freieren Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Denn auch hier darf kaum jemand von ihrer Liebe wissen. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, gehen beide Scheinehen ein, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer.

Christoph Heins neuestes Buch ist ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird und beide Charaktere somit an den gesellschaftlichen Rand katapultiert. Nur wer in die Norm passt, gehört dazu. Alle anderen werden ausgegrenzt. Das ist eine enorme Belastung für Friedeward und Wolfgang, die sich deshalb dazu entschließen, ihre Liebe geheim zu halten. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen. Und beide gehen unterschiedlich damit um. Dass sie darunter leiden wird zwar deutlich, aber auf andere Weise dargestellt – und das ist gerade der Kniff, dessen sich Hein bedient. Er zeigt den individuellen Leidensweg der Figuren und dass nach außen tough nicht immer auch innen tough bedeutet, dass menschliche Entwicklung immer abhängig von äußeren – gesellschaftlichen, politischen, familiären – Umständen ist und dass die Stärksten oft die vermeintlich Schwächsten sind. Gerade die Situation mit den Scheinehen wird sehr eindrucksvoll geschildert. Friedeward, der sich zunächst sträubt und Wolfgang, dem das alles scheinbar kaum etwas ausmacht. Scheinbar. Die innere Zerissenheit der Charaktere spiegelt gleichwohl die Zerissenheit des Landes wieder, das nach dem Zweiten Weltkrieg gespalten und in Trümmern darliegt. „Verwirrnis“ ist daher fast schon ein Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt – auf vielerlei Ebenen. Und auch wenn ich viel Positives über dieses Buch sagen kann und mag, hat mich doch leider die Vorhersehbarkeit der Geschichte ein wenig gestört, denn der einzige wirkliche Überraschungsmoment blitzt erst am Ende kurz auf. Mir persönlich hätte der Roman mehr zugesagt, wenn noch mehr auf die innere Zerissenheit der Charaktere eingegangen wäre, das hat mir an manchen Stellen und besonders ab der Hälfte des Romans doch etwas gefehlt. Dennoch ist „Verwirrnis“ ein wichtiges und gutes Buch, das von einer Zeit im Umbruch erzählt, in der Menschen alleine aufgrund ihrer Liebe gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Ich würde gerne sagen, dass sich das mittlerweile geändert hat, aber auch wenn sich in einigen Teilen der Welt die Gesetze zum Glück (!) gewandelt haben, neigt unsere Gesellschaft immer noch und immer häufiger dazu, Menschen, die nicht in ihr institutionalisiertes heteronormatives Weltbild passen, auszugrenzen. Daher ist es gerade gut, dass es solche Romane wie „Verwirrnis“ gibt, die sensibilisieren und zeigen, dass es zwar eine deutlich positive Veränderung von damals zu heute gibt, aber dass es trotzdem wichtig ist, weiter gegen Diskriminierung und für Gleichstellung und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Suhrkamp Verlag | 303 S.

[Lesemonat] August

Ausgelesen im August :

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Der Weg zurück | Erich Maria Remarque

„Der Weg zurück“ ist so gesehen die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Man trifft ein paar alte Bekannte wieder (wenn auch nicht namentlich erwähnt), aber auch neue Gesichter und alle haben eines gemeinsam: wie soll weitergelebt werden, nachdem das Leben schon längst vorbei schien? Wie leben, wenn andere sterben? Wie den Weg aus Krieg, Terror und Angst zurück in den Alltag finden – in Schule, Arbeit, Familie, sich mit Menschen umgeben, die nicht verstehen können. Antikriegsliteratur, die nie an Aktualität verliert, weil so viele Szenen, Sätze, Gedanken darin vereint sind, die nahe gehen, die nachdenklich machen und die auf so vieles im Jetzt übertragbar sind. Dazu Remarques sachliche, aber dennoch tiefgründige Schreibweise. Es ist keine einfache, keine bequeme Lektüre, aber doch eine sehr wichtige und verdammt gute.

Für dich würde ich sterben | F. Scott Fitzgerald

Wir hatten einen etwas schweren Start. Die ersten Erzählungen waren ganz nett, ja wunderschön zu lesen – hier ein großes Lob an die ÜbersetzerInnen -, aber irgendwie… ohne besonderen Tiefgang. Dann kam „Für dich würde ich sterben“ (macht schon Sinn, dass der Erzählband nach dieser Geschichte benannt ist) oder auch „Die Perle und der Pelz“, „Wirbelsturm in stillen Gefilden“ (…) und so zart schmelzende Halbsätze wie: „ (…) Augen, die auf Fotos und im Film ein ganz eigenes Sternenlicht besaßen.“ Damit kriegt Fitzgerald mich – immer wieder! – und ich bin (erneut) ein bisschen verliebt in seine Worte, in seine Geschichten.

Erzählungen aus dem Jazz-Age und darüber hinaus auch solche, die schwermütiger sind, sich mit der Traurigkeit und dem Ernst des Lebens befassen. Wunderbar!

 

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Vox | Christina Dalcher

Ich habe wirklich versucht dieses Buch zu mögen, aber nach ungefähr zehn an die Seite geschriebenen „WTF“s meinerseits und einer Menge Kopfschüttel-Momenten habe ich es dann doch aufgegeben. „Vox“ ist vom Grundprinzip her kein schlechter Roman (die Aufteilung von „gut“ und „schlecht“ finde ich eh blöd, ist halt oft Geschmackssache), denn hier gibt es eine Menge Anspielungen auf aktuelle (gesellschafts-)politische Themen – vordergründig in den USA. Die Idee des Romans: in naher Zukunft verfügen Frauen lediglich noch über 100 Worte pro Tag, alles darüber wird mit einem Stromstoß aus einem Armband, das alle Frauen tragen müssen, bestraft. Somit werden sie entmündigt. Die Geschichte zielt eigentlich darauf ab, Frauen in ihrer Meinung zu bestärken, indem sich selbstverständlich (!) eine kämpferische Protagonistin (Jean) gegen die Mehrheit stellt. Das funktioniert für mich allerdings nicht, da die Hauptfigur Jean irgendwie bloß so reinschlittert. Sie wirkt nicht kämpferisch, sondern eher so, als würde ihr trotz allem alles irgendwie so zufallen. Das wiederum liegt daran, dass die Geschichte viel zu konstruiert, teilweise auch unlogisch ist. Die Sätze klingen holprig, die Figuren wirken nicht greifbar. Für mich hat der Roman mit dem Auftauchen von Lorenzo, dem italienischen Adonis (kein Scherz!) und heimlichen Geliebten Jeans, sehr viel an Substanz verloren. Ich glaube, dass man sich von dem Buch schon unterhalten lassen kann, sofern man sich darauf einlässt – und eben das war mir nicht möglich, weil ich so oft daran denken musste wie viel origineller, sprachlich wie inhaltlich komplexer das Margaret Atwood, die Queen der (feministischen) Dystopien das doch kann.

Hundert: Was du im Leben lernen wirst | Heike Faller & Valerio Vidali

Möglicherweise ist dieses Buch mit eines der schönsten (Geburtstags)geschenke, das ich je erhalten habe und für das Worte nicht annähernd genug sind. Schon oft bei anderen bewundert, war das halt immer nur am Bildschirm. Jetzt in echt da durchzublättern, die Finger übers Papier streifen zu lassen, jede einzelne Seite einzuatmen, macht unfassbar glücklich. Und ein bisschen schwermütig. Aber nur, weil das Leben hier so echt, so greifbar, so nah dargestellt wird, dass es fast schon ein wenig wehtut -, weil zum Leben eben auch die Vergänglichkeit dazugehört. Von 0 bis 99 erzählt es in wenigen Worten – und es sind die passendsten und einfühlsamsten, die man sich vorstellen kann, – was man im Leben lernt. Es berichtet von den schönen Dingen. Und den traurigen. Und, dass alles nah beieinander liegt. Es zeigt, dass man manche Sachen lernt, um sie im Lauf des Lebens wieder zu verlernen. Aber auch, dass man Dinge mit ein wenig Erfahrung anders bewertet und dass das, was wirklich wichtig ist, nicht ist, wie andere einen sehen oder haben wollen (sowieso nicht!) , sondern wie man in die Welt schaut, was man mitnimmt. Manchmal geschieht etwas, das nicht vorhersehbar ist, man verliert Menschen, ist krank oder unglücklich, aber immer gibt es da die Zeiten, die leuchten – und dieses Leuchten kann man in jeder Phase des eigenen Lebens finden. Selbst, wenn es dunkel ist. Ein sehr weises Buch, ohne altklug zu sein.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Dieses Buch habe ich persönlich sehr, sehr lieb gewonnen, weil diese Biografie nicht nur unfassbar liebevoll und detailliert illustriert ist, sondern auch über den Tellerrand hinausschaut und eine ganz eigene, persönliche Wahrheit über Frida erzählt. Es sind nicht bloß pure, trockene Fakten, die darin auf einen warten, sondern ganz viel Leben und Liebe und Spaß und natürlich Kunst in allen Formen und Farben. Besonders beeindruckt hat mich Hesses Blick, ihre Art Frida Kahlos Kunstwerke neu zu interpretieren und dabei gleich ganz viel zu erklären, ohne zu ausschweifend zu sein. Es genügt ein Bild und man versteht, was im Kern gemeint ist und viel darüber hinaus. María Hesse hat die Gabe, Unsichtbares sichtbar zu machen.

Beale Street Blues | James Baldwin

„Beale Street Blues“ liest sich als würde man in einer Bar sitzen, Jazz-Musik hören und dabei den traurigen Geschichten, die zugleich auch Mut machen können & sollen, eines Erzählers mit sanfter, aber bestimmter Stimme lauschen. Die Worte tanzen, die Geschichte vibriert rhythmisch und die Herzen schlagen im Takt dazu. Harlem in den 1970er Jahren: Clementine, die von allen nur Tish genannt wird, ist 19 und schwanger von ihrem Jugendfreund Alonzo, den alle nur Fonny nennen. Fonny ist 22 und sitzt im Gefängnis. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er eine Vergewaltigung begangen haben soll. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er der Willkür des Staates, der Polizei unterworfen ist. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er schwarz ist. Vielmehr aber als ein politisches Statement ist „Beale Street Blues“ eine Liebesgeschichte, denn statt die Gesellschaft als Ganzes anzuklagen, verweist Baldwin lieber auf das untrennbare Band zwischen Tish und Fonny, die aneinander festhalten, egal, was passiert. Ja, „Beale Street Blues“ ist eine traurige Geschichte und ja, manchen mag dieser Roman nicht radikal genug sein, aber Baldwin schafft hier etwas sehr wichtiges. Er moralisiert, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, indem er eine Liebesgeschichte erzählt, die sanft und weise, aber ehrlich eine Gesellschaft beschreibt, in der Unterdrückung und die Macht der Hautfarbe regieren und in der zwei sich Liebende trotzdem nicht aufgeben, aneinander zu glauben.

Verwirrnis | Christoph Hein

„Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über alles und nichts, fahren zusammen in den Urlaub und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie sind mehr als beste Freunde, sie lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, planen beide Frauen zu heiraten, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer. Ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird. Das Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt. Mir hat letztlich leider ein wenig das Überraschende, was gegen Ende kurz aufblitzt, gefehlt.

Der Spieler | F. M. Dostojewski

Mein erster, aber bestimmt nicht letzter Dostojewski. Zugegeben, ich benötigte zum Lesen einen kleinen Spickzettel mit den Namen der Figuren, weil ich doch recht leicht zu verwirren bin – gerade, wenn eine Person noch mehrere Spitznamen hat -, aber man weiß sich ja zu helfen. „Der Spieler“ ist Dostojewskis persönlichster Roman, wenn man das so sagen kann, denn er trägt autobiographische Züge und erzählt von der Spielsucht, der auch Dostojewski verfallen war. Roulettenburg – der fiktive Ort des Romans – könnte gut und gerne Wiesbaden oder Bad Homburg sein, wo Dostojewski viel Zeit am Roulettetisch verbracht hat.

Der Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch beobachtet als Hauslehrer einer russischen Generalsfamilie zunächst die Intrigen und Spielereien der Menschen um sich herum, die allesamt kurz vor dem Bankrott stehen. Er selbst ist verliebt in Polina, die Tochter des Generals, für die er Geld beim Roulette erspielen soll. Es ist sein erster Spieleinsatz. Es wird nicht sein letzter sein. Er wird süchtig nach dem Gefühl, das ihm das Spielen gibt und verliert so nach und nach alles. Besonders eindrucksvoll ist Dostojewskis authentische Schilderung der Spieler und der Spielertypen. Er zeigt die Sucht, die Obsession und den Untergang – schonungslos und ehrlich, aber kunstvoll verpackt.

Das Schloss | Franz Kafka

‚Das Schloss‘ ist ungemein irritierend, macht ein bisschen wahnsinnig und liest sich doch so gut. Der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, begibt sich auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft dabei auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal hinein in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss. Und wir als Leser*innen suchen vielleicht immer noch nach der richtigen Deutung dieses Werks, die es sehr wahrscheinlich nicht gibt, denn es gibt nie nur eine Wahrheit.

Das Schloss | Franz Kafka

Kafka – oder das, was wir heute von ihm haben: seine Texte, seine Briefe, das, was über sein Leben bekannt ist – begegnete ich zum ersten Mal in der Schule. Wir lasen „Die Verwandlung“ und mein damaliger Deutschlehrer interpretierte zum Glück nicht alles tot, sondern ließ uns einfach machen. So kam es dazu, dass wir einen lebensgroßen Kafka mit Stationen seines Lebens auf Pappe an die Wand zeichnen sollten und ich malte ihm ein Brot in die Hand – für Broterwerb (nicht für Max Brod). Ja, das war vielleicht nicht unbedingt das Cleverste, was ich hätte machen können (vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Papierkafka noch ein ganzes Schuljahr von der Wand auf uns hinabschielte), aber es hat sich eingeprägt und ich werde nie vergessen, dass Kafkas Tage angefüllt mit Dingen waren, die ihm lediglich dazu dienten nachts das zu tun, was er begehrte: zu schreiben, sich dem Lärm der Welt zu entziehen und dafür eigene Welten für sein von vielen verkanntes Genie zu bauen. Sein tägliches Brot war die trockene Arbeit bei einer Unfallversicherung, der saftige Belag das, was ihm eigentlich schmeckte: die Schriftstellerei, sich in Worten verlieren. Er verfasste zahlreiche Texte, Erzählungen, schrieb Briefe – abgeschickte und nie gesendete – sowie drei Romanfragmente. Eines davon „Das Schloss“.

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In Kafkas Werken befinden sich die Protagonisten oft in einer labyrinthischen Umgebung (kafkaeskes Labyrinth), der Willkür einer anonymen Macht ausgesetzt und immer auf der Suche nach etwas. Sie wirken als stünden sie auf einem Laufband, das Ziel direkt vor der Nase, immer darauf zulaufend, doch niemals ankommend. So auch in „Das Schloss“. Hier begibt sich der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss.

Dieser Roman bzw. dieses Romanfragment bietet sicher viel Raum für mögliche Interpretationen und keine einzige davon würde ganz genau dem entsprechen, was Kafka im Blick hatte. Kafkas Werke sind undurchdringlich wie ein Dickicht im Wald, sie schwanken zwischen Genie und Wahnsinn, sind realistisch und surreal, sind vorausdeutend und zugleich aktuell, sie sind vieles, aber eines sind sie nicht: in eine einzige Passform zu bringen. Jede/r wird beim Lesen dieses Romans etwas anderes empfinden, fühlen, denken, mitnehmen – und genau das ist vielleicht richtig. Das Denken über den Text hinaus, der unfassbar schön wie grausam skurril ist. Am Ende des Buches bekommt man ein bisschen das Gefühl man sei selbst K., eventuell auch Kafka (ein ganz, ganz kleines bisschen). Und das ist es, was nur Literatur kann. Aus Worten Welten formen, die so noch nie dagewesen sind, die uns Dinge zum Nachdenken an die Hand geben, Fragen aufwerfen und letztlich dazu beitragen, das eigene Leben zu überdenken.

Manesse Verlag | mit einem Nachwort von Norbert Gstrein | 608 S.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Noch ein Buch über Frida Kahlo, braucht das die (Buch)welt wirklich? Diese Frage stellt sich auch Autorin und Illustratorin María Hesse in der Einleitung ihrer erst kürzlich erschienenen Biografie über die berühmte Künstlerin mit den prägnanten Augenbrauen, die scheinbar alle (ja wirklich, alle) zu kennen meinen. In diesem „zu kennen meinen“ liegt zugleich Antwort wie Frage. Ja, wir brauchen noch ein Buch über Frida Kahlo, weil über sie zwar schon oft geschrieben worden ist, sich aber doch immer wieder der Blickwinkel ändert. Und, kann man jemals wirklich alles über eine Person wissen? Nein. Man meint bloß, man würde sie kennen. Doch, wer war denn dann nun diese Frida wirklich?

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Frida Kahlo war und ist ein Mysterium. Das war und ist (denn wahrscheinlich wäre das noch heute in ihrem Interesse) gewollt. Schon als kleines Mädchen baute sich Frida die Welt so, wie sie sie gerne gehabt hätte. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen in ihren Gedanken, ihrem Tun und später auch in ihrer Kunst. Sie schmückte ihr Leben mit Farbe und schwärzte hier und da etwas, was ihr unpassend erschien. Darin, so schreibt es auch Hesse, liegt gerade der Reiz. Niemand außer Frida selbst kann so genau wissen, was Realität und was Fiktion ist. Hesse, die ihr Pseudonym übrigens angelehnt an Hermann Hesse gewählt hat, erzählt nun in ihrer illustrierten Frida-Biografie das Dazwischen. Sie beschreibt weder das tatsächliche Leben noch das von Frida erfundene und erschafft so wieder eine ganz neue Welt, in der selbst vermeintliche Kenner noch etwas Neues entdecken können.

Ich muss ja zugeben, dass es mir etwas schwerfällt Worte für dieses großartige Buch zu finden, das nicht nur mit wohldurchdachten Kapiteln besticht, sondern vor allem durch so unglaublich passende und zarte Illustrationen, die die Aussagekraft der Texte noch unterstreichen oder gar hervorheben. Angefangen mit einem kurzen zeitlichen Überblick reisen wir mit Hilfe von María Hesse durch das Leben der Ausnahmekünstlerin. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sie spielt allein“ und könnte kaum treffender sein. Es folgen weitere Kapitel und somit wichtige Abschnitte in Fridas Leben, die da lauten: „Jugend und erster Unfall“, „Schmerz und Pinsel“, „Der Elefant und die Taube“, „Gringoland“, „Mein zweiter Unfall“, „Leo Trotzki“, „Surrealismus“, „Erinnere Dich an mich“, „Der verletzte Hirsch“ und „Der Traum“. Jede Seite ist liebevoll und detailliert von Hesse illustriert, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und wirklich: man verliert sich darin. Hesse malt nicht einfach irgendwas ab, nein, sie dichtet dazu, interpretiert neu und erschafft so ihre eigene Frida Kahlo, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen, denn ihre Bilder erscheinen genau richtig. Als ob sie Frida tatsächlich gekannt hätte. Dabei scheut Hesse nicht davor zurück, Dinge auszuprobieren und mit der Kunst zu spielen. Was dabei herauskommt ist eine wunderschöne, farbenfrohe, individuelle und kreative Biografie (es gibt sogar Diegos Mittagessen als Rezept!) über eine der stärksten, mutigsten und inspirierendsten Künstlerinnen der Welt. Meine persönlichen Highlights: eine Doppelseite über Dinge, die Frida Freude machten, das Gringoland-Kapitel (man achte bitte auf die kleinen Details), die Interpretation sowie Neuinterpretation einiger ihrer Werke, die Familienbilder und ach, so vieles, ich müsste das ganze Buch nennen. Tue ich jetzt auch, denn das ist eine Empfehlung, die absolut von Herzen kommt.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker | 143 Seiten | erschienen bei Suhrkamp / Insel