„Herkunft“ | Saša Stanišić

Ich habe mehrere Freundinnen, die finden Saša Stanišić ganz großartig. Auch in meiner Instagram-Blog-Buchbubble gibt es viele Fans. Und eine ehemalige Kollegin aus meiner Zeit in einer Buchhandlung drückte mir schon damals eines seiner Bücher in die Hand und ans Herz. Ach was soll ich sagen, ich war eine lange Weile sehr resistent. Nicht schon wieder ein Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann, der für Buchpreise nominiert ist, hab ich gedacht. Zum Glück hab ich dann irgendwann nachgegeben und umgedacht. Saša Stanišić ist nämlich wirklich witzig. Und klug. Und talentiert. Seine Worten machen glücklich, nachdenklich und irgendwas in einem drin wieder ganz. Aber zurück auf Anfang. 

HERKUNFT von Saa Stanii

„Herkunft“ ist nach „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“ Stanišić’s dritter Roman. Eine Autobiografie, die vielmehr als das ist: Abenteuerroman, Hommage an die eigene Familie, die Herkunft, das, was Heimat ist und ein Stück von Stanišić selbst. Nicht chronologisch und ein bisschen durcheinandergewürfelt wie das Leben eben so ist, erzählt der Autor von sich und dem Land, in das er hineingeboren wurde und das es so nicht mehr gibt. Von seiner Familie, der ersten großen Liebe (auch der zur Sprache), von den Lebenden und den Toten. Dieser Roman ist Ankommen und Abschied. Stanišić erinnert sich dabei vor allem auch an seine demente Großmutter, die ihre Erinnerungen verliert, während der Autor sie sammelt und auf Papier zu seiner Geschichte, seiner Herkunftsgeschichte zusammensetzt. Denn Herkunft mag ein Zufall sein, nicht mehr und nicht weniger als das, aber doch so mächtig und formend. 

Saša Stanišić macht in „Herkunft“ etwas, was nicht viele können: er schreibt klug und witzig (ja, das hatten wir schon, aber ich wiederhole mich gerne), selbstreflektierend und erfrischend ironisch in einzelnen Anekdoten, Erzählungen, Erinnerungen und manchmal auch Fantasiegebilden wie es sich anfühlt, in Jugoslawien geboren, mit 14 nach Deutschland gekommen zu sein und das Herz immer da zu haben, wo die eigenen Worte sind. Zu Beginn muss man sich ein wenig hereinfinden, in diesen Melting Pot an eigensinniger Sprache. Der Schreibstil wirkt zunächst etwas abgehackt, beinahe gehetzt als dürfe keine Zeit mehr vergehen, bevor sich die Erinnerungen in Luft auflösen. Man muss lernen, sich darin zurechtzufinden, wo sind wir jetzt: in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Das ist es auch, was es mir etwas schwer gemacht hat, dieses Buch in einem Rutsch durchzulesen. Ich habe es – und ich will nicht lügen – dreimal angefangen, jedes einzelne Mal wie Balsam auf der Seele empfunden und trotzdem wieder beiseite gelegt. Verstörenderweise (und das ist mir jetzt fast ein bisschen peinlich) beinahe ein halbes Jahr lang. Der Kopf war zu schwer, ich habe das nicht aufnehmen können, was Stanišić auf Papier gedruckt in meine eigenen Gedanken schicken wollte, damit daraus wieder etwas Neues entstehen kann. Denn das ist es doch, was wir uns von Literatur wünschen, dass die was mit uns macht. Und dann, endlich, ist der Knoten geplatzt. Ich habe wieder lesen können, richtig lesen können, so mit Haut und Haar und Leib und Seele, egal, wie blöd das jetzt klingt. Und vielleicht hat auch der Stanišić dazu beigetragen, ganz bestimmt sogar. Ich habe nämlich unfassbar viel markiert und mir gedacht: this! Und ich habe mich gefreut, über das „Choose your own adventure“-Kapitel, weil ich das früher immer so geliebt habe und über die schönen Worte und darüber, dass ich zwischendurch einfach mal laut lachen musste und dann wieder weinen wollte, weil Schönes auch Trauriges mit sich bringt und umgekehrt. 

Zu guter Letzt muss ich zugeben, dass ich ganz schön viel „ich“ geschrieben habe, aber möglicherweise gar nicht so viel über den Roman selbst. Doch was man aus „Herkunft“ lernen und mitnehmen darf, was dieses Buch mit einem machen wird, das ist etwas, das man nur selbst herausfinden kann. Choose your own adventure! Und: zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, jawohl! 

Nachtrag: Diesen Text schrieb ich, als ich noch nicht wusste, dass „Herkunft“ tatsächlich den Buchpreis gewinnen würde. Juchu, juchu, juchu. Natürlich weil es so sehr verdient ist, aber auch weil ich jetzt endlich einmal das Buchpreisbuch schon vor der Verleihung gelesen habe (und bin trotzdem zu spät dran mit meiner Besprechung – äääh… im nächsten Jahr dann). 

„Flammenwand“ | Marlene Streeruwitz

Das erste Mal begegnete mir Marlene Streeruwitz in einer Folge von „Gottschalk liest?“, bei der Frau Streeruwitz konsequent bestimmend und eloquent konternd auf Herrn Gottschalks … nunja, wie formuliere ich das höflich … unangenehme, teils unpassende Fragen reagiert hat. Da dachte ich mir schon: Ok, die kann was. Selbstverständlich ist das keine qualitativ hochwertige Meinungsäußerung und noch dazu saß ich bloß gemütlich vorm Fernseher, also was weiß ich schon. Aber dennoch, der Eindruck blieb und meine Neugierde war geweckt. Dass ich nun also „Flammenwand“, den neuesten Roman von Marlene Streeruwitz, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, im Rahmen des #buchpreisbloggen’s lesen durfte, hat mich unerwartet gefreut, aber auch vor eine Herausforderung gestellt. 

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Adele, eine selbstbewusste und finanziell unabhängige Frau in den 50ern liebt Gustav. Gustav liebt Adele auch, sagt er. Er sagt aber ebenfalls, er sei impotent und das ist, wie sich bald herausstellen wird, eine Lüge. Es wird vielleicht nicht die letzte Lüge sein, die Gustav Adele auftischt und die wir zusammen mit ihr in einem Stream of consciousness erfahren, mitfühlen, mittragen. In kurzen Sätzen, die oft nur aus einzelnen Wörtern bestehen, führt uns Marlene Streeruwitz mitten hinein in eine Art moderne Flammenwand. Den Ort (wenn man ihn denn so nennen kann), den Dante in der Göttlichen Komödie durchqueren muss, um ins Paradies zu gelangen. Die Flammenwand also, die für jeden unterschiedlich ist, aber im Einzelnen wohl sowas wie die Grausamkeit des Lebens darstellt. Ein Belogen, Betrogen und Hintergangen werden, von anderen und sich selbst. Das macht auch die „Flammenwand“, den Roman von Marlene Streeruwitz aus. Adele muss sich durchkämpfen, durchquälen, stark und mutig sein, Emotionen aushalten, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade ihr eigenes Sein verteidigen. Vor allem auch ihr eigenes Sein als Frau. Dabei ist sie selbst nicht immer die sympathischste aller Figuren. Wir als Leser*innen irren gemeinsam mit der Erzählerin mehrere Stunden durch die Flammenwand und geraten mittels des Schreibstils, der vollständig auf Frage- und Ausrufezeichen verzichtet, aber mithilfe des Stakkatos der Sätze ordentlich Tempo vorgibt, in eine Art Rausch. Was hier passiert ist das Einswerden mit den Gedanken der Hauptfigur, mit der Geschichte, mit der Wirklichkeit. Immer wieder schafft es Streeruwitz mit nur einem kleinen Satz, die Begebenheiten in Adeles Kopf in die Vergangenheit zu rücken. Dann ist sie bei ihren Eltern, ihrem Bruder und das Puzzle ihres Lebens wird langsam zusammengesetzt. Auch für uns: ein Verständnis setzt ein, warum Adele so und nicht anders fühlt, denkt, handelt. Und beinahe nebenbei thematisiert Streeruwitz zusätzlich die Rolle der Frau und die aktuellen politischen Entwicklungen.

Dieser Roman macht also eine ganze Menge auf kleinem Raum. Er erzählt im Kern eine Liebesgeschichte, weil alle Geschichten irgendwie Liebesgeschichten sind (das ist das Leben), ist aber auch ein Gesellschaftsroman (auch das ist das Leben), ein bisschen ein Politthriller (dito) und ganz allgemein schreibt er die Absurdität der Gegenwart aufs Papier und in unsere Körper. Streeruwitz verknüpft Fiktion mit realen Geschehnissen, durchbricht immer wieder die erzählte Geschichte mit tatsächlichen Fakten. So schreibt sie die Gegenwart in unsere Köpfe, macht das Private unabdingbar und deutlich politisch. Diese Gegenwart findet sich als Datum eingefügt zwischen jedem Abschnitt im Roman als Anmerkung im hinteren Teil des Buchs. Eine Chronik der politischen Ereignisse in Österreich vom 19. März 2018 bis zum 9. Oktober 2018. Alleine das Umblättern führt also dazu, dass man als Leser*in immer wieder aus dem fiktiven Geschehen herausgerissen wird, umdenken muss, Verknüpfungen erstellen muss – oder auch nicht. Je nachdem. Aber auf jeden Fall in die Jetztzeit hineinrutscht. 

Es ist – und das muss ich wirklich zugeben – kein leichtes Unterfangen, diesen Roman zu lesen. Er ist anstrengend, verdammt anstrengend. „Flammenwand“ ist ein Buch, das viel fordert und am Ende wenig versöhnlich ist. Aber das ist es, was Literatur ausmacht. Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, denn Literatur ist unbequem, sie zwickt, sie darf und will alles – und das kann sie auch.

#LebenSchreibenAtmen von Doris Dörrie – Wir laden euch zum Schreiben ein

unbezahlte Kooperation

Es war in der Grundschule, zur Zeit der Poesiealben und Freundschaftsbücher, wo man unter Lieblingsbands „The Kelly Family“ (meine Freund*innen) oder „Caught in the Act“ (ich) eintrug und bei Berufswunsch „Kindergärtnerin“, „Tierärztin“ oder auch „Fußballstar“ und „Müllmann“. (Vom Gendern und aufbrechenden Rollenklischees hatten wir ja noch keine Ahnung.) Ich aber schrieb selbstbewusst – was mir wiederum überhaupt nicht bewusst war -, „Schriftstellerin“ an die Stelle meines Traumberufs und an diesem Wunsch hat sich bis heute nichts geändert. 

Schreiben ist sehr viel mehr als bloß Buchstaben, Worte und Sätze aneinanderzureihen, das habe ich früh verstanden, obwohl ich nie so genau erklären konnte, was denn nun das Schreiben ausmacht und was mich daran so fasziniert. Sind doch eigentlich nur Zeichen auf Papier: schwarz auf weiß. Aber ja, genau das ist es! Heute habe ich verstanden, dass es die Geschichten sind, die wir alle in uns tragen. In unseren Köpfen, Herzen, Erinnerungen, Beziehungen, Familien, Freundschaften usw. Die Liste ist endlos. Hauptsächlich besteht das Schreiben nämlich tatsächlich aus fühlen, tasten und schmecken. Alle Sinne konzentrieren sich auf eins: auf das, was erzählt werden will – und das funktioniert nur, wenn man die Worte, die Geschichte spürt.

Das ist es auch, was Doris Dörrie in „Leben, Schreiben, Atmen“ vermittelt. Es ist erst einmal völlig egal, wie und was man schreibt, aber man soll es bloß bitte unbedingt tun. (Ja!) 10 Seiten am Stück, am besten morgens, bevor der Alltag mit Ablenkung winkt. (Da ich eine Nachteule bin, bevorzuge ich es nachts zu schreiben – für mich funktioniert das super.) Sie gibt wertvolle Tipps und Anregungen zum Schreiben und erklärt, dass alles, was sich in greifbarer Nähe befindet – oder vielleicht auch erst einmal nur als Gedankenfetzen im eigenen Kopf -, eine mögliche Geschichte beinhaltet. Und das ist so schön, weil es wahr ist. Die Tasse, die im Regal steht, wann und wo habe ich die gekauft? Wann habe ich zuletzt daraus getrunken? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Was ist an dem Tag passiert? Eine Assoziationskette, die zack! eine Geschichte ergeben könnte. 

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Dörrie verknüpft ihre Schreibtipps dabei mit autobiographischen Erzählungen, die von der Kindheit bis ins Heute reichen und gibt teilweise sehr persönliche Einblicke in ihr Leben. Gerade die Mischung aus autobiographischem Erzählen und Leser*innen zugewandten Schreibtipps hebt sich von – naja, ich nenne es mal „herkömmlichen“ Schreibratgebern, die ich (sorry, sorry) leider meistens ziemlich furchtbar finde – ab. Und! Das! Ist! Gut! Manchmal braucht es nämlich etwas Motivation von außen, um etwas zu tun, was man schon lange tun möchte. Gerade beim Schreiben ist das so, weil es eine mühselige Tätigkeit ist, die viel Freude bereiten, aber auch mega frustrieren kann, wenn die Sätze irgendwie klemmen, man sich fragt: will das überhaupt jemand lesen? oder einem plötzlich jeglicher Mut abhanden gekommen ist. Denn, wenn man eins zum (publizierten) Schreiben wirklich braucht, dann ist das Mut. Aber: es lohnt sich. Immer!

So – und jetzt seid ihr dran! In Kooperation mit dem Diogenes Verlag berichten Sarah von Pinkfisch.net (der Schirmherrin dieses tollen Projekts), sechs weitere Bloggerinnen: Anabelle von Stehlblueten, Alex von Readpackblog, Anne von fuxbooks, Bettina von Bleisatz, Steffi von lesenlebenlachen, Wibke von sinnundverstand und ich von unseren Schreiberfahrungen, wie wir die Schreibanregungen Dörries umgesetzt haben, was wir mitgenommen haben, was uns bewegt hat und/oder ob wir dem Schreiben ein Stückchen näher gekommen sind. Das könnt, dürft und sollt ihr auch und dabei gibt es sogar etwas zu gewinnen! 

Wenn ihr bis zum 22. September einen Beitrag unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen auf Facebook, eurem Blog oder euren sozialen Kanälen mit eurem durch die Schreibanregungen entstandenen Text teilt und diesen Link anschließend per Mail mit dem Betreff #LebenSchreibenAtmen und eurer Postadresse an gewinnspiel@diogenes.ch (Teilnahmebedingungen) sendet, könnt ihr eins von zehn Exemplaren des Buches gewinnen oder eine von drei Karten + Buch für die Live-Schreibwerkstatt (Link) am Buchmessemittwoch, den 16.10.2019 im Frankfurter Literaturhaus gewinnen. 

Ihr wollt sofort loslegen, ja? Hier ist die erste Schreibanregung für euch:

„Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. (…)“ 

So oder so ähnlich:

Meine ersten Geschichten schrieb ich, da war ich 8 oder 9 Jahre alt. So ganz genau weiß ich das nicht mehr, aber dafür kann ich mich noch sehr gut an den Titel erinnern „Mia, Pia und Jessy“. Kreativ wie sonst nix. Ich schrieb diese Geschichten auf weißes Kopierpapier, herrlich schief und voller Rechtschreibfehler und sie wurden meine ersten Fanfictions, ohne dass ich gewusst hätte, was das überhaupt ist. Eigentlich wollte ich doch einfach nur so sein wie „Tina und Tini“, meine Vorbilder, die in immer wieder neuen rätselhaften Fällen für Aufklärung sorgen, Bösewichte schnappen und überhaupt, die Guten sind. 

Ich wollte nicht nur immer wie Tini sein, bebrillt (das stimmte schon mal), lange Haare (auch das hatten wir gemeinsam), klug und gewitzt (Eigenschaften, die ich mir sehr wünschte), sondern auch so schreiben können wie Enid Blyton. (Hihi)

Auch wenn ich heute andere literarische Vorbilder habe und darüber sehr froh bin, hat mich diese Tina und Tini Phase unfassbar geprägt. Besonders Tini hat mir eine starke Frauen- bzw. Mädchenfigur vorgelebt. Ich kann nicht mal sagen, ob das wirklich stimmt, weil Enid Blyton nicht unbedingt als feministische Autorin zu lesen ist – eher das Gegenteil – oder ob ich das einfach für mich so herausgelesen habe, dass Tini eine toughe Person ist, aber ich hab das so in meinem Kopf abgespeichert und nie daran gezweifelt. Für mich war klar: ich werde eine Tini. Intelligent, wortgewandt, ruhig, überlegt, belesen, sensibel, mitfühlend und naja… halt eine clevere Detektivin! Hat jetzt nicht unbedingt alles so geklappt, besonders diese Detektivsache, aber meine Geschichten, die waren schon wirklich großartig und ganz besonders vielfältig. (Obacht: Ironie!) Meine eigene „Reihe“, wenn man sie denn überhaupt als eine solche bezeichnen kann, aber eigentlich nicht darf, die „Mia, Pia und Jessy“-Reihe, die aus einseitigen Kopierpapier-Geschichten bestehende Reihe erzählt von drei Mädchen, die mysteriösen Geheimnissen im Krankenhaus auf den Grund gehen und leider nie lösen werden, weil meine Geschichten kein Ende haben. Das Krankenhaus, von dem ich mich weglesen und wegschreiben wollte, war mein persönliches Pendant zum „Tina und Tini“ Internat. Noch ein Grund, warum ich „Tina und Tini“ so geliebt habe, weil ich mich auf eine irgendwie abstrakte Weise mit ihnen identifizieren konnte. Ich hatte immer das Gefühl, wir hätten etwas gemeinsam; sie würden mich verstehen; ich fühlte mich von ihnen abgeholt und umarmt.

Manche Bücher und Geschichten schaffen das auch heute noch und genau das ist es, was ich will, wenn ich schreibe: mit Worten anderen das Gefühl geben, nicht allein zu sein; für einen Moment ankommen zu dürfen in einer Welt, die keinen festen Anker mehr zulässt. Tina und Tini waren mein Anker, mein Halt und für eine Weile meine besten Freundinnen. 

 

(Und außerdem war ich in Toby verliebt. Aber das ist echt eine ganz andere Geschichte.)

Und für alle, die gerne gemeinsam schreiben möchten, gibt es am Samstag, den 31. August ab 20 Uhr eine Schreibnacht auf Facebook und Twitter! (Zur Facebook-Veranstaltung)

Wir wünschen euch viel Spaß beim Schreiben, Herumexperimentieren und Ausprobieren und natürlich viel Glück beim Gewinnspiel!

„Hunger“ | Roxane Gay

„Ich war zerbrochen, und um den Schmerz dieser Zerbrochenheit zu betäuben, aß ich und aß und aß.“

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„Hunger“ erzählt die Geschichte eines Schmerzes, der so tief sitzt, das nicht einmal die Autorin selbst herankommt. Es berichtet von unbändigem Verlangen, schmerzlichem (Selbst)Hass und der immer noch andauernden Suche nach dem ins Reine mit sich selbst kommen und bleiben. Dabei bezieht sich der Begriff vor allem auch auf ein Gefühl jenseits von Hunger im Sinne von Appetit auf Nahrung, sondern vielmehr noch Appetit auf Leben. Dabei kommt Hunger in diesem Buch eine nicht gänzlich andere, aber doch differenziertere, intensivere Rolle zu; ist gleichbedeutend mit dem Verlangen nach Liebe, Aufmerksamkeit, Leben, Atmen, Fühlen, Begehren. Alles, was uns Menschen ausmacht. Alles, wonach wir suchend unsere Hände ausstrecken. Erst recht, wenn wir in Einzelteile zerbrochen verstreut nach dem Kleber suchen, um uns wieder zusammenzusetzen. Je größer der Schmerz, desto größer der Appetit. 

Roxane Gay ist gebrochen und „Hunger“ zögert nicht von diesem Bruch, dem Davor und dem Danach zu berichten. Schonungslos ehrlich erzählt Gay von der Zeit, bevor sie zunahm und danach. Von der Zeit vor der Vergewaltigung und danach. Sie wirbelt auf, sie sticht in Wunden, sie legt Worte darüber, um zu heilen. Vor allem sich selbst, aber auch ihre Leser*innen, die ähnliches erlebt haben und vielleicht gerade jetzt in diesem Moment nach jemandem suchen, der zuhört. Und manchmal, da sind Worte auf Papier die wärmsten Umarmungen. 

Gays Roman/Autobiografie/Erzählung ist alles, aber keine leichte Lektüre. Wozu auch? Leichte, seichte Worte, die nur so tun als würden sie ein Pflaster auf die Seele kleben, in Wirklichkeit aber nicht mal einen Tag überdauern, finden sich schon genug. Dahingegen ist Roxane Gays Sprache eine wilde Offenbarung an Mut und Stärke, die auch in ihrer Schwäche liegt. Sie erschafft Räume voll Empathie und Verständnis für jegliche Art von Gefühl und reißt dabei federleicht Themen an, die schwerer als Felsen wiegen und von einer brisanten Aktualität sind.  

Lest dieses Buch, wenn ihr verstehen oder euch verstanden fühlen wollt, was es bedeutet nicht „der Norm“ zu entsprechen. Lest dieses Buch, wenn ihr findet, dass die Welt durch echte Geschichten ein bisschen besser wird.  

„Freiraum“ |Svenja Gräfen

Svenja Gräfen ist so ein bisschen das Spirit Animal der modernen, starken, mutigen und selbstbestimmten jungen Frau – in cool und intelligent. Mit ihrem Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ hat sie sich bereits ziemlich doll und ziemlich tief in die Falten meiner Haut geschrieben und wer Svenja Gräfen auf ihren sozialen Kanälen unter @gehraven folgt, weiß, dass sie u.a. auch dort zu wichtigen gesellschaftlichen wie politischen Themen etwas beizusteuern hat, dabei bewundernswerterweise kein Blatt vor den Mund nimmt und so zum Überdenken eingefahrener Strukturen anregt. Es ist demnach nicht unbedingt überraschend, dass auch ihr neuer Roman „Freiraum“ mit Sachverhalten jongliert, die derzeit aktuell sind und eine Menge Diskussionsbedarf bereithalten. 

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Vela und Maren leben in der Großstadt, wo bezahlbarer Wohnraum rar ist und man auf der Suche nach der perfekten Wohnung schon so viele Abstriche machen muss, bis da am Ende nur noch irgendeine Wohnung, aber Hauptsache eine Wohnung bei herauskommt. Als sich für Vela und Maren, die mittlerweile einen gemeinsamen Kinderwunsch hegen, die Gelegenheit bietet, an den Stadtrand in eine Art Gemeinschaftshaus ohne Mietanpassungen und überraschende Mieterhöhungen zu ziehen, scheint einer ideal geformten gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg zu stehen. Doch sind Vela und Marens jeweilige Vorstellungen von dieser wirklich kompatibel? Und was ist mit Theo, ihrem Mitbewohner, der das Zentrum der Gemeinschaft darstellt und wie ein dunkler Schatten in sämtlichen Winkeln des Hauses lauert, um das Gleichgewicht zu stören? Vielleicht sind Freiräume, so individuell sie sind, doch nicht so leicht zu fassen..

Gräfens Sprache ist kunstvoll zart und gleichzeitig bestimmend rau. Sie hat etwas zu sagen, das schwingt in jeder Zeile mit. Dialoge werden ohne Satzzeichen in den Fließtext integriert, Bewegungen und Handlungen der Figuren in Halbsätzen aneinandergereiht, Beschreibungen konzentriert auf wenige Adjektive gehalten. Das betont die Klarheit und Schönheit der einzelnen Sätze umso mehr, es gibt keinen Schnickschnack, nichts, was ablenken könnte. In dieser reduzierten Sprache liegt die Stärke, aber auch die „Schwäche“ des Romans, weil man sich als Leser*in voll und ganz auf dieses Projekt, auf diese ebenso filigranen wie robusten Worte einlassen muss – und das ist so eine Sache, die einem dann entweder richtig gut gefällt oder nicht, eben total subjektiv. 

Was mich immer wieder erstaunt und ganz tief drinnen kriegt, ist die Art, wie die Autorin es schafft, Beziehungen, individuelle Ängste, ungleiche Vorstellungen von Zukunft und Themen, die so aktuell wie wichtig sind, dass sie uns alle irgendwie irgendwo irgendwann mindestens einmal begegnet sind, sichtbar zu machen. Im Fall von Vela und Maren sind das vor allem der gemeinsame Kinderwunsch, die prekäre Arbeits- und schwierige Wohnsituation und die Gefahr sich auseinanderzuleben, wenn einzelne Wünsche womöglich nicht gemeinsam vereinbar sind – aus welchen Gründen auch immer. Das liest sich gleichzeitig bekannt wie fremd, schön wie traurig. 

„Freiraum“ vereint scheinbar leichtfüßig unterschiedliche Lebens- und Beziehungsentwürfe und macht auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam, ohne anzuklagen. Auch wenn im Roman nicht alle angerissenen Themen ausdiskutiert werden können und mir dadurch zu viele Fragen offen bleiben, gehört dieses Buch zu denen, die einen Mehrwert haben. Es ist keines dieser Bücher, das man liest, um nach zwei Wochen schon wieder vergessen zu haben, worum es geht oder was es mit einem gemacht hat. Svenja Gräfen enthüllt Schicht für Schicht die Verletzlichkeit von Millenials, ganz zart, leise und unaufdringlich, aber nachdrücklich. 

ullstein fünf | 293 S.

„On the Come Up“ | Angie Thomas

aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner

„On the Come Up“ ist nach dem preisgekrönten Roman „The Hate U Give“ Angie Thomas zweites Jugendbuch, das thematische Ähnlichkeiten aufweist, aber doch ganz anders ist. 

Bri’s größter Traum ist es, als Rapperin groß rauszukommen. Ihre Welt besteht beinahe nur aus Worten, die umeinander tanzen, sich sprachboxend gegenüberstehen und friedlich einen Kampf austragen. Alles wird zum Beat. Alles zum Reim. Alles zum Rap. Doch nicht nur für sich, sondern vor allem für ihre Familie, die nach dem Tod des Vaters – einer Rap-Legende – und der Arbeitslosigkeit der Mutter mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, will Bri es schaffen, zum neuen Star in Garden Heights zu werden. Sie will nicht nur, sie muss!

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Angie Thomas hat mit der 16-jährigen Brianna eine coole, toughe, begabte, aber auch leicht naive Heranwachsende geschaffen, die sich viel mit ihrem Bruder, ihrer Mutter und ihren Freunden streitet. Sie ist impulsiv und manchmal aufbrausend und weiß nicht so richtig, wohin mit ihren Gefühlen, was sie für viele junge Leser*innen zu einer Bezugsfigur werden lassen kann. Es könnte einem aber auch etwas schwerfallen, Bri in manchen ihrer Aussagen oder Handlungen ernstzunehmen. Sie reagiert überheblich, schnippisch, egoistisch und unempathisch denjenigen gegenüber, die sie lieben und die ihr Bestes wollen. Das macht Bri aber keinesfalls zu einem schlechten Menschen und noch weniger zu einer schlechten Romanfigur (obwohl sie sich manchmal scharf am Rande dazu bewegt), denn damit bastelt Angie Thomas einen Rohling für Gefühle, Ängste und Befindlichkeiten jener Leser*innen, die im Fokus des Romans stehen. Und wenn man versucht, sich während des Lesens in diese Zeit hineinzuversetzen, in genau dieses Gefühl der Ohnmacht, dem unabdingbaren Wunsch erwachsen sein zu wollen, es aber doch noch nicht zu sein, dann wird man sich Bri gleich viel näher fühlen. Das ändert allerdings leider nichts an der Tatsache, dass manche Passagen sprachlich holpern. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der deutschen Übersetzung, dass der Text irgendwie stockt und man manchmal den Eindruck bekommt, der Ton der Autorin sei übermalt worden. Der Übersetzung zugute halten sollte man aber auf jeden Fall, – und das finde ich wirklich toll! -, dass umgangssprachliche Besonderheiten und Rap-Texte nicht wild übersetzt, sondern tatsächlich im Originalausdruck übernommen worden sind. Im Anhang findet sich eine Übersicht all dieser Wörter. 

Wir sind mit Bri wieder – wie auch schon in „The Hate U Give“ – in Garden Heights. Es gibt Verweise auf Angie Thomas Debüt und auch der Plot weist Ähnlichkeiten auf: eine junge Protagonistin; Probleme mit den Eltern; erste große Verliebtheit; Anspielungen auf Harry Potter, Tupac und andere Gegenwartsbezüge. Wichtig vor allem: (Alltags)Rassismus wird hier wie bereits zuvor in „The Hate U Give“ ehrlich, feinfühlig und nachvollziehbar dargestellt. Was heißt dargestellt, Angie Thomas schreibt sich die Wahrheit von der Seele und das ist gut so. Das macht was! Dadurch, dass der*die Leser*in in die Rolle von Bri schlüpft, wird die Wut und das Gefühl, dem weißen System hilflos ausgesetzt zu sein, aber doch etwas tun zu wollen, auf den*die Leser*in übertragen, was wesentlich dafür ist, mehr Verständnis zu schaffen. Angie Thomas schreibt aus eigenen Erfahrungen heraus und auch, wenn einiges konstruiert wirkt (ein Roman ist nun mal ein Roman), ist das ein Punkt, den es zu betonen und – ja, bitte! – immer wieder zu betonen gilt. Sie gibt vielen Leser*innen eine Stimme, die viel zu oft zum Schweigen gebracht werden und hilft, dass diese auch gehört wird. 

„On the Come Up“ ist besonders für Jugendliche ein wertvolles Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, Autorin und Verlag hätten sich mehr Zeit gelassen, um die Ideen, Charaktere und den Plot noch weiter reifen zu lassen. Dann wäre es sicher noch viel wertvoller geworden.  

 

„Ich werde ein Glanz!“ – „Das kunstseidene Mädchen“ | Irmgard Keun

„Ich werde ein Glanz!“

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„Das kunstseidene Mädchen“ ist ein vielgelesener Klassiker der Weimarer Republik und Irmgard Keuns zweiter Roman, der 1932 sogleich ein großer Erfolg wurde, bevor er nur ein Jahr später auf der Liste der verbotenen Bücher landete. Zum Glück ist der Text längst wieder zugänglich, denn – wie ich finde – ist „Das kunstseidene Mädchen“ eines der großartigsten Bücher überhaupt. Nun mag man sich fragen, ob ein Roman, der mehrere Jahrzehnte alt ist, mit der heutigen Zeit überhaupt noch mithalten kann? Tatsächlich ist das aber mit guten Romanen so wie mit guten Weinen: manche werden mit den Jahren sogar noch besser.

Doris, das kunstseidene Mädchen, arbeitet als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt, will sich damit aber nicht zufriedengeben und beschließt nach einem (un)glücklichen Zwischenfall nach Berlin zu ziehen, um dort ein Glanz und ganz furchtbar glücklich zu werden. Dort ist sie in Tanzhallen, Bars und Cafés zu Hause, lebt von Affäre zu Affäre, aber das Glück und die große Karriere wollen einfach nicht eintreffen. Stattdessen wird Doris einsamer und einsamer und das, was einst ein Glanz werden sollte, matter und matter.

Keuns Protagonistin ist eine freche, schnoddrige, selbstbewusste junge Frau, die sich hinter einer Fassade aus Arroganz und großen Träumen verbirgt. Unter der Kunstseide glänzt aber ein herzensgutes Mädchen, das längst noch nicht erwachsen ist und nur versucht, ihren Weg zu finden, ohne die ihr gegebenen Umstände zu akzeptieren. Selbst wenn einem als Leser*in manches Denken und Verhalten veraltet vorkommen mag, so ist die Aussage des Romans durchaus sehr modern. Mit viel Witz, in großartigen dynamischen Bildern, die das Leben wie einen Film einfangen und die grammatikalischen Grundregeln über den Haufen werfend, schreibt Keun davon, was junge Frauen in einer Zeit des Umbruchs, der Not, aber auch der großen Träume bewegt und schafft damit etwas Bewundernswertes: einen Roman, der klug, witzig, traurig und ehrlich, alte wie neue Sorgen miteinander verbindet.

„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ | Katherine Mansfield | Übersetzt von Irma Wehrli

Zugegeben, ich hatte mir von Katherine Mansfield gar nicht sooo viel erwartet, schlichtweg, weil sie für mich ein Name unter vielen war (so traurig das jetzt klingt). Manchmal braucht es einen ordentlichen Schubser in die richtige Richtung und da reicht auch oft ein ansprechender Titel wie „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ aus, um aufmerksam zu werden, wo man sonst bloß vorbeigeschaut hat. 

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„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ lautet nun also der Titel der Neuausgabe von Katherine Mansfields Tagebüchern, deren Eintragungen zwischen 1903 und 1922 entstanden sind. Sie werden auch als „Vignetten eines Frauenlebens“ bezeichnet, da viele Eintragungen quasi an den Rand gekritzelt dazu gehören, die in dieser Ausgabe mittels Fußnoten und einem Personenverzeichnis im Anhang dargestellt werden. 

Mansfield hat ein turbulentes Leben geführt, voll Emotionalität, Stimmungsschwankungen, die zum Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt umfassen, Schicksalsschlägen und einem Liebesleben, das gut und gerne auch ein Roman hätte gewesen sein können. In ihren Tagebüchern wechseln sich diese Gefühle spürbar und lesbar in kurzen Versen, Überlegungen, Gedankengängen, fragmentarischen Kurzgeschichten, Ideen für Romane und Geschichten sowie tatsächlichen Erlebnissen ab. All das geht fließend ineinander über wie geschmolzenes Wachs, das erkaltet wieder ein Ganzes ergibt – und es liest sich so gut (!), was sicher auch an der Neuübersetzung durch Irma Wehrli liegt, die scheinbar leichtfüßig zu Mansfields erweitertem Sprachrohr wird und dann entstehen Sätze wie: „Mein Kopf ist wie ein russischer Roman“ und man selbst ist erfüllt von diesem ganz besonderen, berauschenden Gefühl, das nur entsteht, wenn man Sprache so sehr liebt und Zeilen liest, die einem genau das geben, was man braucht. 

Mansfield schreibt von Begegnungen, vom Lesen und Schreiben, von Affären, kleinen und großen Lieben und der Suche nach dem erfüllenden Leben, dabei ist sie ganz modern in ihren Ansichten, verzehrt sich nicht nach der klassischen Idee einer Familie, dafür aber nach dem Geliebtwerden und dem puren Sein. Viel zu früh wird sie schwer krank und auch diese Erfahrung verarbeitet sie in poetischen Texten und dafür liebe ich sie. Ja, wirklich und ganz egal, wie pathetisch das klingt. Es hat mich sehr bewegt und fast noch mehr gefreut, dass Mansfield so locker, lebendig und einfach ehrlich über ihre Erkrankung schreibt, dass ich mich ihr durch Zeit und Raum hindurch fast schon nahe gefühlt habe. Das, was sie berichtet, das sich verzehren nach der Außenwelt, aber zu krank dafür sein, die kleinen Momente des Glücks, die sich mit Rückschlägen abwechseln, das zu müde und schwach sein, um alles leisten zu können, was man sich vorgenommen hat und die Tage, an denen es ganz gut geht lieber für sich selbst zu verwenden, als pur leistungsfähig zu sein. Das und noch viel mehr kann ich so gut nachvollziehen. In ihren Worten schwingt weder die Suche nach Mitleid noch nach Aufmerksamkeit im negativen Sinne mit und das kann man nur bewundern. Auch abgesehen von diesem Teil ihres Lebens, liest sich ihre Tagebuchprosa spannend, unterhaltend und lyrisch ansprechend, so dass man sich dieses Büchlein zum immer mal wieder reinschauen bewahren möchte. Sowohl Virginia Woolf als auch Dörte Hansen, die beide sehr passende Zeilen über Katherine Mansfields empathisches Gemüt und zu ihrem erstaunlichen Talent verfasst haben, runden das Werk gelungen ab. 

[Good Night Stories for Rebel Girls] & Boys

Wer erinnert sich noch an die „Good Night Stories For Rebel Girls“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo? Ja? Bei mir liegen sie auch griffbereit zum immer wieder darin Blättern (und, ja, klar, Lesen) in Nachttischnähe. Nun gibt es passend zu den Geschichten von tollen, starken, mutigen und einflussreichen Frauen ein Postkartenset, das noch einmal in Kurzform die individuellen Stärken der jeweiligen Rebel Girls hervorhebt.

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Da ist zum Beispiel Amna Al Haddad, Gewichtheberin der Vereinigten Arabischen Emirate, die Frauen den Weg geebnet und gezeigt hat, dass auch sie die Stärke besitzen, in einer männlich dominierten Sportart wie Gewichtheben erfolgreich zu sein und damit Gold- und Silbermedaillen zu gewinnen. Oder Ada Lovelace, eine englische Mathematikerin, deren Berechnungen als Grundlage für den Bau des ersten Computers gelten. Oder Maya Angelou, eine US-amerikanische Schriftstellerin, die, als sie ein junges Mädchen war, nach brutalen Ereignissen ihre Stimme für mehrere Jahre verlor. Nachdem sie sie wiederfand, war diese umso besonderer und wertvoller und wurde zum Sprachrohr für diejenigen, die ihre Stimme ebenso verloren hatten bzw. haben, denn ihre Worte besitzen noch immer dieselbe Kraft. Oder, oder, oder. Es gibt viel zu entdecken!

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Das Schöne an den Karten sind nicht nur die Illustrationen, die wie im Buch von unterschiedlichen Künstlerinnen auf der ganzen Welt gestaltet worden sind, sondern auch die abgerundete Form, das kraftvolle Papier und ein Zitat des jeweiligen Rebel Girls auf der Rückseite der Postkarten. Zusätzlich sind die Karten aufgeteilt in „Siegerinnen“, „Künstlerinnen“, „Anführerinnen“, „Pionierinnen“ und „Kämpferinnen“ aus vielen Zeiten und Ländern (die Auswahl ist sicher nicht gänzlich perfekt, aber zumindest ist schon einmal ein guter Versuch da, Diversität zu zeigen). Auf jeder Übersichtskarte finden sich die jeweiligen zu der Kategorie gehörenden Rebel Girls, ein Zitat und das Jahr, aus dem dieses stammt. So gelungen ich die Übersicht finde, so schade ist auch die Kategorisierung, weil dadurch impliziert wird, dass eine Künstlerin nicht gleich eine Siegerin oder Kämpferin oder, oder ist. Besser wäre noch einmal zu betonen, dass jede*r alles sein kann!  

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Wer die Karten nun lieber selbst behalten mag – I feel u! -, der*die kann da auch einfach eine Art Kartenspiel draus machen (so in die Richtung Quartett), seine*ihre Wand damit verschönern oder immer wieder die Intelligenz, den Mut, die Kraft und Schönheit dieser außergewöhnlichen Frauen bewundern. Für mehr analoge Nachrichten und zukünftige Rebel Girls & Boys!

„Effingers“ | Gabriele Tergit

Gabriele Tergit, geb. Elise Hirschmann und später Elise Reifenberg, zählte zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands der 1920er Jahre. Vor allem als Gerichtsschreiberin und einzige Frau in einer „Männerdomäne“ wie dem Berliner Kriminalgericht machte sie sich einen Namen, der heute leider weitaus weniger bekannt ist, als er hätte sein sollen. Sie schrieb Reportagen, die die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“ im Fokus behielten und berichtete von Frauenschicksalen, wobei sie stets die Beweggründe der Angeklagten im Blick behielt. Denn nur wer es sich leisten konnte, kam in den Genuss, die „Goldenen Zwanziger“ so zu erleben wie wir uns das heute gerne verklärt vorstellen: rauschartig-pulsierend in Bars, Tanzsälen, Varietés und Lichtspielhäusern. Die meisten mussten wortwörtlich um ihr täglich Brot kämpfen. Dies führte zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Kriminalitätsrate. (Vgl. „Gerichtsreporterin Gabriele Tergit: Die Stenographin des Verbrechens“ von Lydia Leipert)

Tergit bemühte sich, die Situation so authentisch wie möglich zu beleuchten. Mit zunehmenden rechten Tendenzen und letztlich der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten musste Tergit 1933 jedoch ins Exil gehen. Dort schrieb sie über mehrere Jahre hinweg ihren zweiten Roman „Effingers“, der eine jüdische Familie in Deutschland von 1878 bis 1948 begleitet, und dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaum Beachtung geschenkt wurde. Auch Zeitungen interessierten sich nun kaum mehr für Tergit. Im Rahmen der „Berliner Festwochen 1977“ wurde sie jedoch erfreulicherweise wiederentdeckt.

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Heute ist Tergit hauptsächlich für ihre Gerichtsreportagen und ihren ersten Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ bekannt, ihren zweiten Roman kennen die wenigsten. Mit der Neuauflage durch den Schöffling & Co. Verlag wird sich dies hoffentlich ändern, denn „Effingers“ hat den Fallada-Effekt! Es schleicht sich leichtfüßig erst ins Leser*innenherz und dann immer mehr in den Kopf, bis es sich fest in der Seele verankert hat. Gabriele Tergits Figuren in “Effingers” wirken so lebendig, dass man beinahe glaubt, da stünden die eigenen Verwandten vor einem und erzählten ihre Geschichte aus einer Zeit, die geprägt ist von Umbrüchen, von Kriegen, von Misstrauen, Hass und doch so viel Liebe. Dies ist die Familienchronik einer jüdischen Familie – den Buddenbrooks nicht unähnlich -, die als Bankiers und Kunstmäzenen in Berlin leben, die das Auf und Ab einer Gesellschaft miterleben; wie sich die Rolle der Frau ändert, wie der Aufschwung der Technik alles durcheinander wirbelt, wie sich verzweifelt einzelne Familienmitglieder an alten Werten festhalten und andere an den neuen zerbrechen. Dies ist so viel mehr als bloß eine Geschichte von vielen. Tergit erzählt dabei gar nicht pathetisch, aber trotzdem aus tiefster Seele heraus und sehr persönlich in einem Detailreichtum der an Fontane erinnert (nur ohne Staub, mit Verlaub) von dem Untergang einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, in der wir nicht gelebt haben, aber von der wir eine Menge lernen können. Die 900 Seiten lesen sich weder altmodisch noch langweilig, sondern mutig und aufregend. Ganz große Leseempfehlung mit drei und mehr Ausrufezeichen, denn „Effingers“ ist ein so großartiger Roman, der es verdient hat als zeitloser Klassiker immer und immer wieder gelesen zu werden.

Und PS: Nix gegen Fontane, den mag ich nämlich auch.

Schöffling & Co. Verlag | mit einem Nachwort von Nicole Henneberg | 898 S.