„Freiraum“ |Svenja Gräfen

Svenja Gräfen ist so ein bisschen das Spirit Animal der modernen, starken, mutigen und selbstbestimmten jungen Frau – in cool und intelligent. Mit ihrem Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ hat sie sich bereits ziemlich doll und ziemlich tief in die Falten meiner Haut geschrieben und wer Svenja Gräfen auf ihren sozialen Kanälen unter @gehraven folgt, weiß, dass sie u.a. auch dort zu wichtigen gesellschaftlichen wie politischen Themen etwas beizusteuern hat, dabei bewundernswerterweise kein Blatt vor den Mund nimmt und so zum Überdenken eingefahrener Strukturen anregt. Es ist demnach nicht unbedingt überraschend, dass auch ihr neuer Roman „Freiraum“ mit Sachverhalten jongliert, die derzeit aktuell sind und eine Menge Diskussionsbedarf bereithalten. 

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Vela und Maren leben in der Großstadt, wo bezahlbarer Wohnraum rar ist und man auf der Suche nach der perfekten Wohnung schon so viele Abstriche machen muss, bis da am Ende nur noch irgendeine Wohnung, aber Hauptsache eine Wohnung bei herauskommt. Als sich für Vela und Maren, die mittlerweile einen gemeinsamen Kinderwunsch hegen, die Gelegenheit bietet, an den Stadtrand in eine Art Gemeinschaftshaus ohne Mietanpassungen und überraschende Mieterhöhungen zu ziehen, scheint einer ideal geformten gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg zu stehen. Doch sind Vela und Marens jeweilige Vorstellungen von dieser wirklich kompatibel? Und was ist mit Theo, ihrem Mitbewohner, der das Zentrum der Gemeinschaft darstellt und wie ein dunkler Schatten in sämtlichen Winkeln des Hauses lauert, um das Gleichgewicht zu stören? Vielleicht sind Freiräume, so individuell sie sind, doch nicht so leicht zu fassen..

Gräfens Sprache ist kunstvoll zart und gleichzeitig bestimmend rau. Sie hat etwas zu sagen, das schwingt in jeder Zeile mit. Dialoge werden ohne Satzzeichen in den Fließtext integriert, Bewegungen und Handlungen der Figuren in Halbsätzen aneinandergereiht, Beschreibungen konzentriert auf wenige Adjektive gehalten. Das betont die Klarheit und Schönheit der einzelnen Sätze umso mehr, es gibt keinen Schnickschnack, nichts, was ablenken könnte. In dieser reduzierten Sprache liegt die Stärke, aber auch die „Schwäche“ des Romans, weil man sich als Leser*in voll und ganz auf dieses Projekt, auf diese ebenso filigranen wie robusten Worte einlassen muss – und das ist so eine Sache, die einem dann entweder richtig gut gefällt oder nicht, eben total subjektiv. 

Was mich immer wieder erstaunt und ganz tief drinnen kriegt, ist die Art, wie die Autorin es schafft, Beziehungen, individuelle Ängste, ungleiche Vorstellungen von Zukunft und Themen, die so aktuell wie wichtig sind, dass sie uns alle irgendwie irgendwo irgendwann mindestens einmal begegnet sind, sichtbar zu machen. Im Fall von Vela und Maren sind das vor allem der gemeinsame Kinderwunsch, die prekäre Arbeits- und schwierige Wohnsituation und die Gefahr sich auseinanderzuleben, wenn einzelne Wünsche womöglich nicht gemeinsam vereinbar sind – aus welchen Gründen auch immer. Das liest sich gleichzeitig bekannt wie fremd, schön wie traurig. 

„Freiraum“ vereint scheinbar leichtfüßig unterschiedliche Lebens- und Beziehungsentwürfe und macht auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam, ohne anzuklagen. Auch wenn im Roman nicht alle angerissenen Themen ausdiskutiert werden können und mir dadurch zu viele Fragen offen bleiben, gehört dieses Buch zu denen, die einen Mehrwert haben. Es ist keines dieser Bücher, das man liest, um nach zwei Wochen schon wieder vergessen zu haben, worum es geht oder was es mit einem gemacht hat. Svenja Gräfen enthüllt Schicht für Schicht die Verletzlichkeit von Millenials, ganz zart, leise und unaufdringlich, aber nachdrücklich. 

ullstein fünf | 293 S.

[Weil ich ein Leben habe] #11

Wenn man eine oder mehrere chronische Erkrankungen hat, ist das nichts, was von heute auf morgen einfach weggeht. Das kann passieren, ja, aber das ist dann großes Glück. Quasi wie dieser eine Lottogewinn, auf den man immer wartet. Herzlichen Glückwunsch von Herzen an alle, die gewonnen haben. Traurig für alle anderen. Die müssen nämlich weitermachen und jeden Tag aufs Neue kämpfen. Dafür, dass es ihnen einigermaßen gut geht. Dafür, dass sie etwas finden, das ihnen hilft. Dafür, dass sie gesellschaftlich nicht ausgegrenzt werden. Dafür, dass man ihnen glaubt und dafür, dass man ihnen trotzdem Anerkennung schenkt. Das ist beileibe nicht einfach und manchmal fühlt man sich dabei wie ein Hamster im Laufrad: man kommt irgendwie nicht vom Fleck. Irgendwann wird man sogar zum Experten bzw. zur Expertin in den betroffenen Bereichen und weiß sich selbst teilweise besser zu helfen als so mancher Arzt oder manche Ärztin. Und bitte, das ist nicht überheblich gemeint, aber niemand kann den eigenen Schmerz so fühlen wie man selbst. Niemand kann in einen anderen Körper hineinschlüpfen und genau bestimmen, was hilft und was nicht. Es ist immer bloß ein ausprobieren, ein „es könnte“ und „vielleicht“. Processed with VSCO with t1 presetAnfangs erträgt es sich noch leichter, weil die Hoffnung groß ist. Mit den Jahren, wachsender Enttäuschung und der Erkenntnis, dass man nicht mal eben so „geheilt“ werden kann wird es laufend schwieriger. Und anstrengender. Es ist kräftezehrend, sich den immer wieder neuen Behandlungen und Therapiemöglichkeiten zu stellen. Nicht, weil man sich selbst aufgegeben hat. Auch nicht (und wenn, dann nicht größtenteils), weil man der modernen Medizin misstraut. Sondern schlichtweg, weil es körperlich wie psychisch ein riesiger Kraftakt ist. Aber das bedeutet nicht, dass man sich dem nicht stellen würde. Auch nicht nach jahrelanger Behandlung, endlos vielen Medikamenten und Nebenwirkungen, die zu neuen Erkrankungen führen. Man hat vielleicht die Nase gestrichen voll, aber macht trotzdem immer weiter. Ich glaube, das muss mehr hervorgehoben werden und ich glaube ebenfalls, das muss mehr Wertschätzung erfahren, dieses niemals Aufgeben, auch wenn es schwache Momente gibt, auch wenn es manchmal verdammt hart ist. Leider erfahre ich immer wieder das Gegenteil. In unserer Gesellschaft ist das ein blinder Fleck, etwas, über das kaum gesprochen wird: chronische Erkrankungen, chronische Schmerzen, Behinderungen. Es ist etwas, was an die eigene Verletzlichkeit erinnert. Daran, dass nicht jeder diesen Sechser im Lotto gewinnen kann. Im Alltag möchte man das gerne ausradieren. Doch weil wir kaum darüber sprechen und wenn, dann kaum jemand richtig zuhört, wird dieser blinde Fleck immer größer und größer und breitet sich erschreckenderweise sogar bei denjenigen aus, die eigentlich Ahnung haben müssten und manchmal habe ich das Gefühl, dass nicht der Mensch zählt, sondern nur seine vermeintlich messbare Leistung in Form von Erfolgen jeglicher Art. Triumphe über den eigenen Körper. Das ist falsch, das ist so verdammt falsch und wir wissen das, machen es aber nicht besser, weil wir oft auch keine andere Wahl haben. Aussteigen aus dem Hamsterrad hat Konsequenzen, die sich nicht jeder leisten kann.

Kürzlich hatte ich einen Termin in einer Schmerzklinik, weil dort eine Behandlungsmöglichkeit angeboten wird – zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies nicht mehr der Fall ist -, von der ich mir Schmerzlinderung erhofft habe. Ich habe mich nicht an diese Hoffnung geklammert, aber es wäre schön gewesen, wenn es geklappt hätte. Der Konjunktiv verrät es: hat es nicht. Statt der Behandlung führte ich Gespräche mit Ärzt*innen, denen ich in wenigen Minuten mein halbes Kranken(haus)leben offenbaren sollte. Der Punkt, an dem ich mir – noch bevor ich erfuhr, dass man die Behandlung, auf die ich gehofft hatte, durch einen Ärztewechsel dort eh nicht mehr durchführt – eingestehen musste, dass man mir hier nicht würde weiterhelfen können war erreicht, als einer der Ärzte zu mir sagte: „Sie müssen wieder die Chefin Ihres Lebens werden.“ Ich hätte gerne gelacht (einen blöderen Spruch habe ich selten gehört), stattdessen habe ich dafür sehr enthusiastisch-entrüstet geantwortet, dass ich das sehr wohl bereits bin. „Achso?“, war sein Kommentar. Viele Leute – egal ob Arzt, Ärztin oder Nachbar*in -, haben wohl diesen inneren Drang zu denken, wer chronische Schmerzen hat findet sein Leben zum Kotzen, lässt sich gehen, findet alles scheiße, ach wie schlimm das doch ist, zerfließt in Selbstmitleid. Buhu, buhu. Diesen Luftballon aus falschen Erwartungen muss ich da mal zum Platzen bringen. Peng! Wenn jemand jeden Tag Schmerzen hat, ja, dann ist das verdammt scheiße, aber das bedeutet nicht, dass deswegen alles scheiße ist?! Deswegen macht das Leben trotzdem noch Spaß und Sinn und ist ebenso wertvoll. Das Denken verschiebt sich, die Möglichkeiten das Leben zu genießen ebenfalls. Man findet Ecken und Winkel und Nischen, in denen man sich wohlfühlt. Sie sind vielleicht woanders, aber sie sind da! Ich persönlich kann dann einfach nichts mit solchen Sprüchen wie „Chefin meines Lebens“ anfangen. Sowas verkennt nämlich die eigentliche Problematik und sagt einem: du bist selbst Schuld, wenn du nicht so funktionierst wie andere, du musst an dir arbeiten, damit es dir besser geht. Entschuldigung, aber a) das tue ich bereits mein ganzes Leben lang und b) bin ich nun einmal so geboren worden und übrigens ziemlich froh darüber, dass ich auf der Welt bin, weil ich der Meinung bin, dass ich sehr wohl einen wichtigen Beitrag leisten kann. Problematisch wird es, wenn davon ausgegangen wird, dass hauptsächlich Schmerzen oder die Krankheit an sich das Leben einschränken und die einen davon abhalten, ein „vollwertiges Mitglied der Gesellschaft“ zu sein. Nein, das ist es nicht. Es sind die Barrieren, die geschaffen werden, weil wir nicht miteinander reden, weil wir nicht zuhören, weil wir Schubladen im Kopf haben. Vielleicht müsste niemand Chef oder Chefin seines oder ihres Lebens werden, wenn wir alle gleichgestellt wären.

„Die Schneeschwester“ | Maja Lunde | mit Illustrationen von Lisa Aisato

Von diesem Buch heißt es, es sei ein Winterbuch, vielleicht ein modernes Weihnachtsmärchen. Ähnliches steht auch auf dem Cover: „Die Schneeschwester – Eine Weihnachtsgeschichte“. Jetzt haben wir Februar, draußen ist es zwar noch winterlich kalt, in manchen Teilen Deutschlands liegt sogar Schnee, manche Bäche, kleine Flüsse und Seen sind zum Teil vereist, aber: Weihnachten ist bereits vorbei oder – je nach Perspektive – hat noch ein paar Monate Pause. Kann man da allen Ernstes noch gut Weihnachtsbücher lesen? Man kann! Und vielleicht sollte man das auch, weil Winter- und im Speziellen Weihnachtsbücher immer so einen besonderen Zauber und klare Weisheit ausstrahlen, die man getrost auch außerhalb der Weihnachtszeit auffangen und in sich einschließen sollte. (Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“ ist ebenfalls ein Winter-Weihnachtsbuch – und das kann man mindestens genauso super im Sommer lesen, oder?)

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Es ist kurz vor Heiligabend und für Julian, der noch dazu selbst ein Weihnachtsgeburtstagskind ist, eigentlich die schönste Zeit im Jahr. Eigentlich, denn in diesem Jahr hat sich etwas verändert. Über Julians Familie hängt die Traurigkeit wie ein Dach, das droht einzustürzen und die Familie darunter zu begraben. Unter diesen Umständen Weihnachten zu feiern, umrahmt von warmem Kerzenlicht, dem Duft nach Lebkuchen und Zimt, in Erwartung einstimmiger Fröhlichkeit, wenn sich doch alles ganz anders anfühlt – undenkbar. Und doch so sehr nötig. Julian versucht seine Familie aus der eisigen Starre der Traurigkeit zu befreien und hat dabei eher mäßigen Erfolg. Bis Julian Hedvig trifft, die ihn mit ihrer Fröhlichkeit und Winterwärme ansteckt. Was Julian da noch nicht weiß: hinter Hedvigs grünen Augen verbirgt sich ein Geheimnis.

Ich habe es schon verraten, „Die Schneeschwester“ ist ein ganz besonderes Buch, es besitzt diese gewisse Magie, die (Kinder)augen zum Leuchten bringt, aber auch Herzen schwer machen kann. Dabei die Balance zu halten, ist eine Kunst, die Maja Lunde meiner Meinung nach gekonnt beherrscht. Ihre Worte treffen (Kinder)herzen da, wo es nötig ist und zaubern trotz aller Schwermut ein wohliges Gefühl in die Magengegend. Die erzählte Geschichte ist nicht unbedingt neu, sie überrascht mich als Erwachsene auch nicht, aber sie lässt sich dennoch ganz wunderbar lesen, auch wenn die Sprache kindgerecht eher einfach gehalten ist. Ein wenig gestört habe ich mich an manchen Wortwiederholungen (es gibt eine Seite, auf der in wenigen Zeilen vier „Dann“s aufeinander folgen), die vielleicht in der Übersetzung passiert, vielleicht aber auch so gewollt sind. Dafür machen solch kleine Kritikpunkte die Zeichnungen der norwegischen Illustratorin Lisa Aisato wieder wett. Ihre Bilder passen so gut zu der Geschichte, den Figuren und Charaktereigenschaften, dass sie nicht als Ergänzung zum Erzählten gesehen werden sollten, sondern als Träger der Geschichte. Ja, wirklich. Ich glaube, ohne Illustrationen hätte die Geschichte an Aussagekraft eingebüßt, aber die Symbiose aus Wort und Bild schafft es, ein Ganzes zu formen, das egal welchen Alters und egal welcher Jahreszeit gelesen werden sollte.

Aus dem Norwegischen von Paul Berf

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Geschenkidee: Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Es ist schon ewig her, seitdem ich „Der Nussknacker“ als Ballett im Theater gesehen habe, aber ich kann mich noch ganz genau an die von Peter Tschaikowsky komponierte Musik, die klingelnd in den Ohren tanzt, erinnern. Sie ist so herrlich weihnachtlich, dass man sofort in diese Stimmung verfällt, in der man sich satt und zufrieden unterm Tannenbaum wähnt, den Duft von Orange, Zimt und Wald in der Nase, während die Familie im Raum is(s)t und im Hintergrund leise Musik läuft. (So die romantische Tschaikowsky Vorstellung, in Wahrheit sieht es wahrscheinlich – wie wir alle wissen – eeeetwas anders aus.) Die Grundidee, also die Geschichte, stammt von E.T.A. Hoffmann, die 1816 unter dem Titel „Nußknacker und Mausekönig“ erschienen ist. Ein Kunstmärchen, in dem das Weihnachtsspielzeug – allen voran der Nussknacker, den die Hauptfigur vom Paten Drosselmeyer geschenkt bekommt – nachts ein Eigenleben entwickelt, das es mittlerweile in vielfacher und abgewandelter Form gibt. So auch das Musik-Bilderbuch des Nussknackers, welches von Jessica Courtney-Tickle illustriert worden ist.

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In dieser Ausgabe wird die Geschichte des Nussknackers anders, aber nicht komplett neu erzählt. So, dass auf jeder Doppelseite passend die Musik von Tschaikowsky abgespielt werden kann, in dem auf eine Note im Buch gedrückt wird, die den kleinen auf der letzten Seite eingebauten Lautsprecher aktiviert. (Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie Musik-Bilderbücher funktionieren, aber so würde ich das jetzt mal laienhaft beschreiben.) Zum Beispiel ertönt die Ouvertüre aus dem 1. Akt auf der ersten Doppelseite, auf der die Geschichte beginnt. Der letzte Satz lautet: „Es klopft! Wer steht vor der Tür?“, anschließend kann die Note gedrückt werden und die Ouvertüre ertönt. Auf der nächsten Seite betritt der Taufpate Onkel Drosselmeyer das Wohnzimmer, im Arm ein verpacktes Geschenk. Dazu kann wieder die passende Note gedrückt werden und Musik ertönt. So das Prinzip des Buches, was auf jeder Doppelseite ähnlich fortgeführt wird.

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aus Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Auf diese Weise wird „Der Nussknacker“ als Geschichte kindgerecht erzählt und gleichzeitig ein interaktives Beisammensein kreiert. Es macht großen Spaß durch das Buch zu blättern, die Geschichte zu verfolgen und gleichzeitig die passende Musik zu hören. Besonders schön sind auch die Illustrationen von Jessica Courtney-Tickle, es ist eine wahre Freude sie sich anzuschauen. Die Gesichter wirken lebendig, die Farben leuchten und alles wirkt wie in ein weihnachtliches Licht gehüllt, ohne dabei zu dick aufzutragen. Auch bin ich ein bisschen sehr begeistert von den „kleinen“ Details wie Onkel Drosselmeyer, der Tschaikowsky verdächtig ähnlich sieht und der Vielfalt der Figuren. Es ist ein fröhliches, ein liebevolles, ein buntes Miteinander und wirkt dabei ganz zwanglos, als ob es das natürlichste auf der Welt wäre, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, gemeinsam das Weihnachtsfest feiern. Das sollte so sein, entspricht aber leider nicht immer der Realität – und deshalb liebe ich diesen Aspekt der Vielfalt und des respektvollen Miteinanders in dieser Art der Interpretation und Illustration der Geschichte sehr. Ein Kritikpunkt: Die Hauptfiguren sind dennoch alle weiß.

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aus Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Auf der letzten Seite gibt es dann noch die Möglichkeit etwas mehr über den Komponisten Tschaikowsky zu erfahren, wie auch über die Instrumente, deren Zusammenspiel die Musik erst lebendig werden lässt, sodass daraus ein wohlklingendes Stück werden kann. Auch können dort alle Stücke einzeln angehört werden, immer nur ein paar Sekunden, aber so, dass ein Eindruck, ein Gefühl für die Musik entsteht.

 

 

 

Man liest glaube ich heraus, dass ich begeistert bin und finde, dass „Der Nussknacker“ ein ideales Geschenk zu Weihnachten ist – für groß und klein!

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„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

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[Lesemonat] August

Ausgelesen im August :

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Der Weg zurück | Erich Maria Remarque

„Der Weg zurück“ ist so gesehen die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Man trifft ein paar alte Bekannte wieder (wenn auch nicht namentlich erwähnt), aber auch neue Gesichter und alle haben eines gemeinsam: wie soll weitergelebt werden, nachdem das Leben schon längst vorbei schien? Wie leben, wenn andere sterben? Wie den Weg aus Krieg, Terror und Angst zurück in den Alltag finden – in Schule, Arbeit, Familie, sich mit Menschen umgeben, die nicht verstehen können. Antikriegsliteratur, die nie an Aktualität verliert, weil so viele Szenen, Sätze, Gedanken darin vereint sind, die nahe gehen, die nachdenklich machen und die auf so vieles im Jetzt übertragbar sind. Dazu Remarques sachliche, aber dennoch tiefgründige Schreibweise. Es ist keine einfache, keine bequeme Lektüre, aber doch eine sehr wichtige und verdammt gute.

Für dich würde ich sterben | F. Scott Fitzgerald

Wir hatten einen etwas schweren Start. Die ersten Erzählungen waren ganz nett, ja wunderschön zu lesen – hier ein großes Lob an die ÜbersetzerInnen -, aber irgendwie… ohne besonderen Tiefgang. Dann kam „Für dich würde ich sterben“ (macht schon Sinn, dass der Erzählband nach dieser Geschichte benannt ist) oder auch „Die Perle und der Pelz“, „Wirbelsturm in stillen Gefilden“ (…) und so zart schmelzende Halbsätze wie: „ (…) Augen, die auf Fotos und im Film ein ganz eigenes Sternenlicht besaßen.“ Damit kriegt Fitzgerald mich – immer wieder! – und ich bin (erneut) ein bisschen verliebt in seine Worte, in seine Geschichten.

Erzählungen aus dem Jazz-Age und darüber hinaus auch solche, die schwermütiger sind, sich mit der Traurigkeit und dem Ernst des Lebens befassen. Wunderbar!

 

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Vox | Christina Dalcher

Ich habe wirklich versucht dieses Buch zu mögen, aber nach ungefähr zehn an die Seite geschriebenen „WTF“s meinerseits und einer Menge Kopfschüttel-Momenten habe ich es dann doch aufgegeben. „Vox“ ist vom Grundprinzip her kein schlechter Roman (die Aufteilung von „gut“ und „schlecht“ finde ich eh blöd, ist halt oft Geschmackssache), denn hier gibt es eine Menge Anspielungen auf aktuelle (gesellschafts-)politische Themen – vordergründig in den USA. Die Idee des Romans: in naher Zukunft verfügen Frauen lediglich noch über 100 Worte pro Tag, alles darüber wird mit einem Stromstoß aus einem Armband, das alle Frauen tragen müssen, bestraft. Somit werden sie entmündigt. Die Geschichte zielt eigentlich darauf ab, Frauen in ihrer Meinung zu bestärken, indem sich selbstverständlich (!) eine kämpferische Protagonistin (Jean) gegen die Mehrheit stellt. Das funktioniert für mich allerdings nicht, da die Hauptfigur Jean irgendwie bloß so reinschlittert. Sie wirkt nicht kämpferisch, sondern eher so, als würde ihr trotz allem alles irgendwie so zufallen. Das wiederum liegt daran, dass die Geschichte viel zu konstruiert, teilweise auch unlogisch ist. Die Sätze klingen holprig, die Figuren wirken nicht greifbar. Für mich hat der Roman mit dem Auftauchen von Lorenzo, dem italienischen Adonis (kein Scherz!) und heimlichen Geliebten Jeans, sehr viel an Substanz verloren. Ich glaube, dass man sich von dem Buch schon unterhalten lassen kann, sofern man sich darauf einlässt – und eben das war mir nicht möglich, weil ich so oft daran denken musste wie viel origineller, sprachlich wie inhaltlich komplexer das Margaret Atwood, die Queen der (feministischen) Dystopien das doch kann.

Hundert: Was du im Leben lernen wirst | Heike Faller & Valerio Vidali

Möglicherweise ist dieses Buch mit eines der schönsten (Geburtstags)geschenke, das ich je erhalten habe und für das Worte nicht annähernd genug sind. Schon oft bei anderen bewundert, war das halt immer nur am Bildschirm. Jetzt in echt da durchzublättern, die Finger übers Papier streifen zu lassen, jede einzelne Seite einzuatmen, macht unfassbar glücklich. Und ein bisschen schwermütig. Aber nur, weil das Leben hier so echt, so greifbar, so nah dargestellt wird, dass es fast schon ein wenig wehtut -, weil zum Leben eben auch die Vergänglichkeit dazugehört. Von 0 bis 99 erzählt es in wenigen Worten – und es sind die passendsten und einfühlsamsten, die man sich vorstellen kann, – was man im Leben lernt. Es berichtet von den schönen Dingen. Und den traurigen. Und, dass alles nah beieinander liegt. Es zeigt, dass man manche Sachen lernt, um sie im Lauf des Lebens wieder zu verlernen. Aber auch, dass man Dinge mit ein wenig Erfahrung anders bewertet und dass das, was wirklich wichtig ist, nicht ist, wie andere einen sehen oder haben wollen (sowieso nicht!) , sondern wie man in die Welt schaut, was man mitnimmt. Manchmal geschieht etwas, das nicht vorhersehbar ist, man verliert Menschen, ist krank oder unglücklich, aber immer gibt es da die Zeiten, die leuchten – und dieses Leuchten kann man in jeder Phase des eigenen Lebens finden. Selbst, wenn es dunkel ist. Ein sehr weises Buch, ohne altklug zu sein.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Dieses Buch habe ich persönlich sehr, sehr lieb gewonnen, weil diese Biografie nicht nur unfassbar liebevoll und detailliert illustriert ist, sondern auch über den Tellerrand hinausschaut und eine ganz eigene, persönliche Wahrheit über Frida erzählt. Es sind nicht bloß pure, trockene Fakten, die darin auf einen warten, sondern ganz viel Leben und Liebe und Spaß und natürlich Kunst in allen Formen und Farben. Besonders beeindruckt hat mich Hesses Blick, ihre Art Frida Kahlos Kunstwerke neu zu interpretieren und dabei gleich ganz viel zu erklären, ohne zu ausschweifend zu sein. Es genügt ein Bild und man versteht, was im Kern gemeint ist und viel darüber hinaus. María Hesse hat die Gabe, Unsichtbares sichtbar zu machen.

Beale Street Blues | James Baldwin

„Beale Street Blues“ liest sich als würde man in einer Bar sitzen, Jazz-Musik hören und dabei den traurigen Geschichten, die zugleich auch Mut machen können & sollen, eines Erzählers mit sanfter, aber bestimmter Stimme lauschen. Die Worte tanzen, die Geschichte vibriert rhythmisch und die Herzen schlagen im Takt dazu. Harlem in den 1970er Jahren: Clementine, die von allen nur Tish genannt wird, ist 19 und schwanger von ihrem Jugendfreund Alonzo, den alle nur Fonny nennen. Fonny ist 22 und sitzt im Gefängnis. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er eine Vergewaltigung begangen haben soll. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er der Willkür des Staates, der Polizei unterworfen ist. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er schwarz ist. Vielmehr aber als ein politisches Statement ist „Beale Street Blues“ eine Liebesgeschichte, denn statt die Gesellschaft als Ganzes anzuklagen, verweist Baldwin lieber auf das untrennbare Band zwischen Tish und Fonny, die aneinander festhalten, egal, was passiert. Ja, „Beale Street Blues“ ist eine traurige Geschichte und ja, manchen mag dieser Roman nicht radikal genug sein, aber Baldwin schafft hier etwas sehr wichtiges. Er moralisiert, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, indem er eine Liebesgeschichte erzählt, die sanft und weise, aber ehrlich eine Gesellschaft beschreibt, in der Unterdrückung und die Macht der Hautfarbe regieren und in der zwei sich Liebende trotzdem nicht aufgeben, aneinander zu glauben.

Verwirrnis | Christoph Hein

„Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über alles und nichts, fahren zusammen in den Urlaub und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie sind mehr als beste Freunde, sie lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, planen beide Frauen zu heiraten, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer. Ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird. Das Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt. Mir hat letztlich leider ein wenig das Überraschende, was gegen Ende kurz aufblitzt, gefehlt.

Der Spieler | F. M. Dostojewski

Mein erster, aber bestimmt nicht letzter Dostojewski. Zugegeben, ich benötigte zum Lesen einen kleinen Spickzettel mit den Namen der Figuren, weil ich doch recht leicht zu verwirren bin – gerade, wenn eine Person noch mehrere Spitznamen hat -, aber man weiß sich ja zu helfen. „Der Spieler“ ist Dostojewskis persönlichster Roman, wenn man das so sagen kann, denn er trägt autobiographische Züge und erzählt von der Spielsucht, der auch Dostojewski verfallen war. Roulettenburg – der fiktive Ort des Romans – könnte gut und gerne Wiesbaden oder Bad Homburg sein, wo Dostojewski viel Zeit am Roulettetisch verbracht hat.

Der Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch beobachtet als Hauslehrer einer russischen Generalsfamilie zunächst die Intrigen und Spielereien der Menschen um sich herum, die allesamt kurz vor dem Bankrott stehen. Er selbst ist verliebt in Polina, die Tochter des Generals, für die er Geld beim Roulette erspielen soll. Es ist sein erster Spieleinsatz. Es wird nicht sein letzter sein. Er wird süchtig nach dem Gefühl, das ihm das Spielen gibt und verliert so nach und nach alles. Besonders eindrucksvoll ist Dostojewskis authentische Schilderung der Spieler und der Spielertypen. Er zeigt die Sucht, die Obsession und den Untergang – schonungslos und ehrlich, aber kunstvoll verpackt.

Das Schloss | Franz Kafka

‚Das Schloss‘ ist ungemein irritierend, macht ein bisschen wahnsinnig und liest sich doch so gut. Der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, begibt sich auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft dabei auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal hinein in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss. Und wir als Leser*innen suchen vielleicht immer noch nach der richtigen Deutung dieses Werks, die es sehr wahrscheinlich nicht gibt, denn es gibt nie nur eine Wahrheit.

Das Schloss | Franz Kafka

Kafka – oder das, was wir heute von ihm haben: seine Texte, seine Briefe, das, was über sein Leben bekannt ist – begegnete ich zum ersten Mal in der Schule. Wir lasen „Die Verwandlung“ und mein damaliger Deutschlehrer interpretierte zum Glück nicht alles tot, sondern ließ uns einfach machen. So kam es dazu, dass wir einen lebensgroßen Kafka mit Stationen seines Lebens auf Pappe an die Wand zeichnen sollten und ich malte ihm ein Brot in die Hand – für Broterwerb (nicht für Max Brod). Ja, das war vielleicht nicht unbedingt das Cleverste, was ich hätte machen können (vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass dieser Papierkafka noch ein ganzes Schuljahr von der Wand auf uns hinabschielte), aber es hat sich eingeprägt und ich werde nie vergessen, dass Kafkas Tage angefüllt mit Dingen waren, die ihm lediglich dazu dienten nachts das zu tun, was er begehrte: zu schreiben, sich dem Lärm der Welt zu entziehen und dafür eigene Welten für sein von vielen verkanntes Genie zu bauen. Sein tägliches Brot war die trockene Arbeit bei einer Unfallversicherung, der saftige Belag das, was ihm eigentlich schmeckte: die Schriftstellerei, sich in Worten verlieren. Er verfasste zahlreiche Texte, Erzählungen, schrieb Briefe – abgeschickte und nie gesendete – sowie drei Romanfragmente. Eines davon „Das Schloss“.

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In Kafkas Werken befinden sich die Protagonisten oft in einer labyrinthischen Umgebung (kafkaeskes Labyrinth), der Willkür einer anonymen Macht ausgesetzt und immer auf der Suche nach etwas. Sie wirken als stünden sie auf einem Laufband, das Ziel direkt vor der Nase, immer darauf zulaufend, doch niemals ankommend. So auch in „Das Schloss“. Hier begibt sich der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss.

Dieser Roman bzw. dieses Romanfragment bietet sicher viel Raum für mögliche Interpretationen und keine einzige davon würde ganz genau dem entsprechen, was Kafka im Blick hatte. Kafkas Werke sind undurchdringlich wie ein Dickicht im Wald, sie schwanken zwischen Genie und Wahnsinn, sind realistisch und surreal, sind vorausdeutend und zugleich aktuell, sie sind vieles, aber eines sind sie nicht: in eine einzige Passform zu bringen. Jede/r wird beim Lesen dieses Romans etwas anderes empfinden, fühlen, denken, mitnehmen – und genau das ist vielleicht richtig. Das Denken über den Text hinaus, der unfassbar schön wie grausam skurril ist. Am Ende des Buches bekommt man ein bisschen das Gefühl man sei selbst K., eventuell auch Kafka (ein ganz, ganz kleines bisschen). Und das ist es, was nur Literatur kann. Aus Worten Welten formen, die so noch nie dagewesen sind, die uns Dinge zum Nachdenken an die Hand geben, Fragen aufwerfen und letztlich dazu beitragen, das eigene Leben zu überdenken.

Manesse Verlag | mit einem Nachwort von Norbert Gstrein | 608 S.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Noch ein Buch über Frida Kahlo, braucht das die (Buch)welt wirklich? Diese Frage stellt sich auch Autorin und Illustratorin María Hesse in der Einleitung ihrer erst kürzlich erschienenen Biografie über die berühmte Künstlerin mit den prägnanten Augenbrauen, die scheinbar alle (ja wirklich, alle) zu kennen meinen. In diesem „zu kennen meinen“ liegt zugleich Antwort wie Frage. Ja, wir brauchen noch ein Buch über Frida Kahlo, weil über sie zwar schon oft geschrieben worden ist, sich aber doch immer wieder der Blickwinkel ändert. Und, kann man jemals wirklich alles über eine Person wissen? Nein. Man meint bloß, man würde sie kennen. Doch, wer war denn dann nun diese Frida wirklich?

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Frida Kahlo war und ist ein Mysterium. Das war und ist (denn wahrscheinlich wäre das noch heute in ihrem Interesse) gewollt. Schon als kleines Mädchen baute sich Frida die Welt so, wie sie sie gerne gehabt hätte. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen in ihren Gedanken, ihrem Tun und später auch in ihrer Kunst. Sie schmückte ihr Leben mit Farbe und schwärzte hier und da etwas, was ihr unpassend erschien. Darin, so schreibt es auch Hesse, liegt gerade der Reiz. Niemand außer Frida selbst kann so genau wissen, was Realität und was Fiktion ist. Hesse, die ihr Pseudonym übrigens angelehnt an Hermann Hesse gewählt hat, erzählt nun in ihrer illustrierten Frida-Biografie das Dazwischen. Sie beschreibt weder das tatsächliche Leben noch das von Frida erfundene und erschafft so wieder eine ganz neue Welt, in der selbst vermeintliche Kenner noch etwas Neues entdecken können.

Ich muss ja zugeben, dass es mir etwas schwerfällt Worte für dieses großartige Buch zu finden, das nicht nur mit wohldurchdachten Kapiteln besticht, sondern vor allem durch so unglaublich passende und zarte Illustrationen, die die Aussagekraft der Texte noch unterstreichen oder gar hervorheben. Angefangen mit einem kurzen zeitlichen Überblick reisen wir mit Hilfe von María Hesse durch das Leben der Ausnahmekünstlerin. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sie spielt allein“ und könnte kaum treffender sein. Es folgen weitere Kapitel und somit wichtige Abschnitte in Fridas Leben, die da lauten: „Jugend und erster Unfall“, „Schmerz und Pinsel“, „Der Elefant und die Taube“, „Gringoland“, „Mein zweiter Unfall“, „Leo Trotzki“, „Surrealismus“, „Erinnere Dich an mich“, „Der verletzte Hirsch“ und „Der Traum“. Jede Seite ist liebevoll und detailliert von Hesse illustriert, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und wirklich: man verliert sich darin. Hesse malt nicht einfach irgendwas ab, nein, sie dichtet dazu, interpretiert neu und erschafft so ihre eigene Frida Kahlo, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen, denn ihre Bilder erscheinen genau richtig. Als ob sie Frida tatsächlich gekannt hätte. Dabei scheut Hesse nicht davor zurück, Dinge auszuprobieren und mit der Kunst zu spielen. Was dabei herauskommt ist eine wunderschöne, farbenfrohe, individuelle und kreative Biografie (es gibt sogar Diegos Mittagessen als Rezept!) über eine der stärksten, mutigsten und inspirierendsten Künstlerinnen der Welt. Meine persönlichen Highlights: eine Doppelseite über Dinge, die Frida Freude machten, das Gringoland-Kapitel (man achte bitte auf die kleinen Details), die Interpretation sowie Neuinterpretation einiger ihrer Werke, die Familienbilder und ach, so vieles, ich müsste das ganze Buch nennen. Tue ich jetzt auch, denn das ist eine Empfehlung, die absolut von Herzen kommt.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker | 143 Seiten | erschienen bei Suhrkamp / Insel

[Lesemonat] Mai | Juni | Juli 2018

Huch. Hier gab es schon länger keinen Lesemonat mehr. Ich könnte das jetzt alles mit privaten Dingen entschuldigen, die tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatten, dass hier weniger los war, aber… Naja, das gehört irgendwie auch dazu, dass es mal nicht so rund läuft. Und auch wenn es hier ruhiger war, so habe ich dennoch eine Menge gelesen und da war viel Gutes bei, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Eine kleine Auswahl:

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Der Steppenwolf | Hermann Hesse

„Der Steppenwolf“ – Harry Haller – ist so eine Art Einzelgänger, der an der Welt und mit ihr an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das führt dazu, dass er schon beinahe des Lebens überdrüssig ist. Frustriert sucht er in einer Zeit, in der vieles aussichtslos erscheint – zwischen beiden Weltkriegen und mitten in der Weltwirtschaftskrise -, nach einem Sinn oder auch nicht, denn dann hätte er wenigstens einen Grund zu gehen. Doch gerade in dem Moment, in dem alles schwarz erscheint, wird er in eine neue bunte Welt gesogen: in die der Nachtclubs und Bars, des Tanzes und der Musik, der Betäubung und Verführung. Der Steppenwolf verliert sich und findet sich. Dieses Motiv der inneren Zerissenheit ist ein Leitmotiv des ganzen Buches und auch heute noch genauso aktuell wie damals (1920er). Es mag sich viel geändert haben, aber wenn, dann nur der äußere Rahmen. Die Probleme bleiben ähnlich bis gleich. „Der Steppenwolf“ ist ein Wahnsinnsbuch, in dem auch tatsächlich ein bisschen Wahnsinn drinsteckt. Manches mag verstören, aber doch ist es ein großartiger Roman, der genau dann gelesen werden sollte, wenn man selbst ein wenig die Hoffnung verloren hat.

Jugend ohne Gott | Ödön von Horváth

Ein Titel, der mir bis vor kurzem immer im Kopf herumspukte, unter dem ich mir aber so gar nichts vorstellen konnte. Jetzt – knapp 160 Seiten später – ergibt plötzlich alles Sinn. Und was für einen! Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine gottlose Jugend, die desillusioniert (größtenteils) einem neuen Typus von Glauben verfällt und so Sinnbild der Jugend unter nationalsozialistischer Diktatur wird. Ein Roman über das große Thema Schuld und die Erkenntnis, dass niemand frei davon ist. Weniger die Rahmenhandlung, die aus einer Art Kriminalgeschichte besteht, als vielmehr die Pointe zwischen den Zeilen und Horváths poetische Sprache, die deutlich aus jedem Wort leuchtet, machen “Jugend ohne Gott” so besonders. Ich bin froh, dass ich das Buch nach Jahren des Drumherum-Schleichens und des Was-mag-es-bloß-mit-dem-Titel-auf-sich-haben-Denkens nun endlich gelesen habe, muss aber sagen, dass es wahrlich „leichtere“ Lektüren gibt, denn diese Jugend ohne Gott liegt einem schon ein wenig schwer im Magen.

Witwe für ein Jahr | John Irving

Alle paar Monate lesen wir gemeinsam einen Irving und im Juni/Juli hat es „Witwe für ein Jahr“ erwischt. Den Inhalt rattere ich hier jetzt nicht im Detail nieder, denn damit würde ich eine ganze Menge an Überraschungen vorwegnehmen und das wäre schade. Ein Irving lohnt sich nämlich immer! Ja, auch (oder gerade!) weil Irvings Themen und Schreibe manchmal schon ein wenig aufreibend sind und er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das mag zunächst etwas verschrecken, ist aber genau gut so. Weil Irving damit nämlich etwas macht: Grenzen überschreiten und (falsche) Moral dort aufbrechen, wo es klemmt. Das kann niemand so gut wie er! Was ich an „Witwe für ein Jahr“ besonders gerne mag, sind die Verweise auf den Literaturbetrieb und vielleicht auch auf sein eigenes literarisches Leben – wenn man es so deuten möchte. Unbedingt lesen!

Manhattan Transfer | John Dos Passos

Dieses Buch gehört zu den ganz großen, revolutionären Romanen des 20. Jahrhunderts und Dos Passos gilt seitdem als so etwas wie der Vater des Großstadtromans. Dabei ist „Manhattan Transfer“ nicht der erste Großstadtroman, der je erschienen ist, aber es ist DER Großstadtroman, auf den viele folgende bekannte Romane aufbauen. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zum Beispiel oder auch Clemens Meyers „Im Stein“ (2013) – beide haben sich, damals wie heute, von Dos Passos inspirieren lassen. Ich habe alle drei hier genannten Romane gelesen und was auffallend ist: ich kann mich an keines der drei Bücher so ganz genau mit Namen der Figuren und was da exakt passiert ist erinnern. Also, ich weiß schon, worum es darin geht und was so grob los ist, aber ich könnte das nie und nimmer nacherzählen. Jetzt könnte man ja denken: „Ja, und? Wozu soll ich das dann lesen?“. Aber genau das ist es ja. Große Städte besitzen so ihre ganz eigene Magie, mehrere Leben werden miteinander verwirbelt und gleichzeitig versetzen sie einen in eine Art Rausch, durch den Trubel, dieses Gefühl des alles und nichts – und ganz genau das passiert während des Lesens, man gerät in eine Art Leserausch. Zugegeben manchmal verwirrend und echt anstrengend, aber doch immer verdammt gut. (Man muss sowas allerdings mögen.)

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ | Selja Ahava

Neben dem ganz wunderbaren Titel ist „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr schönes, aber auch sehr trauriges Buch. Annas Gedächtnis wird nach und nach immer löchriger. Sie vergisst Dinge, Menschen und beinahe auch ein bisschen sich selbst. Die Geschichte wird in Episoden erzählt, die der Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Protagonistin nachempfunden sind. Dies führt dazu, dass man als LeserIn ab und an ein wenig irritiert ist, weil man nicht ganz weiß, in welcher Zeit man gerade steckt. In der Erinnerung oder im Jetzt? Doch ich mag das Buch dennoch empfehlen, nicht zuletzt aufgrund der poetischen Worte, die ab und an aufblitzen, sondern vor allem auch, weil das Thema – so traurig es ist – in diesem Fall nicht so lasch abgehandelt wird, sondern mit ganz viel Liebe.

 „Der Eiserne Gustav“ | Hans Fallada

Der Eiserne Gustav verdankt seinen Namen einem äußerst bezeichnenden Charakterzug, dem eisern sein. Er ist nämlich so einer, der sich nicht gerne etwas sagen lässt. Von niemandem. Weder der Industrialisierung, noch dem Ersten Weltkrieg und von der Weltwirtschaftskrise sowieso nicht. Aber innerlich, da brodelt es bei ihm. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobiltaxen auftauchen, da hält Gustav immer noch an seinen Pferdedroschken fest. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm die Weltwirtschaftskrise. Gustav verliert fast alle seine Pferde und Angestellten, jede Menge Geld und beinahe seine Würde. Aber der Eiserne Gustav wäre nicht der Eiserne Gustav, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er plant eine Reise. Von Berlin nach Paris und wieder zurück. Mit der Kutsche. Und alle sollen davon wissen.

Was ich an diesem Buch wie an den meisten Romanen von Hans Fallada so mag, sind die unterschiedlichen Charaktere: hier treffen wir neben dem Eisernen Gustav noch auf seine ganze Familie, die mal mehr und mal weniger auf dem Kerbholz haben und die die ganze Bandbreite am Menschsein darstellen. Noch dazu kommt die Berliner Schnauze, die keiner so authentisch wie Fallada (be)schreiben kann. Lest das! Dringend!

Unser Herr Vater | Clarence Day

Ein Fallada geht noch, oder? Und zwar in der Übersetzung, denn in Clarence Day hat Fallada seinen „literarischen Zwilling“ gefunden und dessen Geschichten über den Herrn Vater prompt übersetzt. Es sind kurze Episoden, die zeitlich aufeinander aufbauen, aber theoretisch auch als Kurzgeschichten getrennt voneinander gelesen werden können. In den Geschichten geht es immer um Days Vater beziehungsweise um ihr gemeinsames Familienleben in der Zeit der Jahrhundertwende, das teils turbulent, aber immer mit viel Humor und ab und an mit kleinen Zeichnungen von Day persönlich versehen sind. Sie eignen sich bestens zum Vorlesen. Da kann man nämlich so richtig schön Herzblut und Betonung hineinlegen und Day senior wunderbar unter unerwünschtem Verwandtenbesuch, Pferdeausritten, konträren Meinungen und so mysteriösen Dingen wie Telefonen leiden lassen. Kurzum: Der Herr Day macht furchtbar viel Spaß!

„Frida Kahlo Stilikone“ | Claire Wilcox (Hrsg.), Circe Henestrosa (Hrsg.)

Der Name „Frida Kahlo“ dürfte (und sollte!) vielen ein Begriff sein. Frida Kahlo, Künstlerin, Inspirationsquelle, Stilikone, gilt heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die sich nicht nur durch ihr Können, sondern auch durch ihren Mut auszeichnet. Mit 6 Jahren erkrankt Frida an Kinderlähmung und hinkt in Folge dieser Erkrankung ihr Leben lang, was sie nicht davon abhält dennoch alles so machen zu wollen wie andere Kinder auch. Später, mit 18, überlebt sie nur knapp einen Busunfall, dessen Folgen sie ihr Leben lang begleiten sollen. Immer wieder monatelang ans Bett gefesselt lernt sie ihren Gedanken, ja teils auch ihren Qualen, in der Malerei Ausdruck zu verleihen:

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich doch Flügel habe?“.

Ihre Erkrankung hält sie weiterhin auch nicht davon ab, Mexikos berühmtesten Künstler zu besuchen – der Rest ist Geschichte: Diego Rivera und Frida Kahlo werden ein Paar, der Elefant und die Taube. Eine Liebe, zu groß, um sie zu fassen, zu leidenschaftlich, um keine Krisen hervorzurufen. Sie hassen und sie lieben sich. All das findet man noch heute in Frida Kahlos Kunst, die nicht nur mit ihren Bildern etwas Unvergängliches geschaffen hat, sondern auch als Person im Gedächtnis bleibt. Ich selbst kam zwischen zehn und zwölf Jahren zum ersten Mal in Kontakt mit ihrer Kunst und war sofort fasziniert von den leuchtenden Farben, der starken Ausdruckskraft und dem Leid, das sich mit Schönheit gepaart bei ihr immer wiederfinden lässt. Frida Kahlo war (und ist) ein Gesamtkunstwerk, das zu begreifen nur im Ganzen funktioniert.

Frida Kahlo Stilikone von
Quelle: Prestel Verlag

Das Buch „Frida Kahlo Stilikone“, herausgegeben von Claire Wilcox und Circe Henestrosa wagt einen Blick durch das Schlüsselloch der Frida Kahlo, über ihre Bilder hinaus bis hin zu ihrer alles durchdringenden Selbstinszenierung, welche ein wesentlicher Bestandteil ihres durch und durch künstlerischen Lebens gewesen ist. Neben interessanten und klug verfassten Kurztexten, die einleitend die Person, den Mythos, die Stilikone Frida Kahlo beschreiben, finden sich hier jede Menge zeitgenössische Fotografien, die die Künstlerin u.a. in mexikanischer Tracht, kunstvoll hochgesteckter Frisur und bunten Accessoires im Haar (ein Markenzeichen) sowie farbenfrohem, auffälligem Schmuck zeigen. In unterschiedlichen Abschnitten findet sich eine Art Katalog ihres persönlichen Nachlasses aus Kleidung, Accessoires und anderen persönlichen Gegenständen zum darin Blättern, der (der Nachlass) jetzt nicht nur umfassend dokumentiert, sondern auch in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das hier vorliegende Buch kann man als eine Sammlung aus Fotografien des Nachlasses, der Person Frida Kahlo selbst, Abbildungen ihrer Gemälde und als Symbol ihrer Kunst verstehen. Eine gelungene Mischung, – wie ich finde -, die sich nicht nur mit den Bildern, sondern mit Frida Kahlo als Gesamtkunstwerk beschäftigt und so einen noch detaillierteren Blick auf diese mutmachende, starke, begabte und durch und durch inspirierende Frau wirft.

Prestel Verlag | 256 S. | 150 farbige Abbildungen