[Lesemonat] Mai | Juni | Juli 2018

Huch. Hier gab es schon länger keinen Lesemonat mehr. Ich könnte das jetzt alles mit privaten Dingen entschuldigen, die tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatten, dass hier weniger los war, aber… Naja, das gehört irgendwie auch dazu, dass es mal nicht so rund läuft. Und auch wenn es hier ruhiger war, so habe ich dennoch eine Menge gelesen und da war viel Gutes bei, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Eine kleine Auswahl:

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Der Steppenwolf | Hermann Hesse

„Der Steppenwolf“ – Harry Haller – ist so eine Art Einzelgänger, der an der Welt und mit ihr an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das führt dazu, dass er schon beinahe des Lebens überdrüssig ist. Frustriert sucht er in einer Zeit, in der vieles aussichtslos erscheint – zwischen beiden Weltkriegen und mitten in der Weltwirtschaftskrise -, nach einem Sinn oder auch nicht, denn dann hätte er wenigstens einen Grund zu gehen. Doch gerade in dem Moment, in dem alles schwarz erscheint, wird er in eine neue bunte Welt gesogen: in die der Nachtclubs und Bars, des Tanzes und der Musik, der Betäubung und Verführung. Der Steppenwolf verliert sich und findet sich. Dieses Motiv der inneren Zerissenheit ist ein Leitmotiv des ganzen Buches und auch heute noch genauso aktuell wie damals (1920er). Es mag sich viel geändert haben, aber wenn, dann nur der äußere Rahmen. Die Probleme bleiben ähnlich bis gleich. „Der Steppenwolf“ ist ein Wahnsinnsbuch, in dem auch tatsächlich ein bisschen Wahnsinn drinsteckt. Manches mag verstören, aber doch ist es ein großartiger Roman, der genau dann gelesen werden sollte, wenn man selbst ein wenig die Hoffnung verloren hat.

Jugend ohne Gott | Ödön von Horváth

Ein Titel, der mir bis vor kurzem immer im Kopf herumspukte, unter dem ich mir aber so gar nichts vorstellen konnte. Jetzt – knapp 160 Seiten später – ergibt plötzlich alles Sinn. Und was für einen! Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine gottlose Jugend, die desillusioniert (größtenteils) einem neuen Typus von Glauben verfällt und so Sinnbild der Jugend unter nationalsozialistischer Diktatur wird. Ein Roman über das große Thema Schuld und die Erkenntnis, dass niemand frei davon ist. Weniger die Rahmenhandlung, die aus einer Art Kriminalgeschichte besteht, als vielmehr die Pointe zwischen den Zeilen und Horváths poetische Sprache, die deutlich aus jedem Wort leuchtet, machen “Jugend ohne Gott” so besonders. Ich bin froh, dass ich das Buch nach Jahren des Drumherum-Schleichens und des Was-mag-es-bloß-mit-dem-Titel-auf-sich-haben-Denkens nun endlich gelesen habe, muss aber sagen, dass es wahrlich „leichtere“ Lektüren gibt, denn diese Jugend ohne Gott liegt einem schon ein wenig schwer im Magen.

Witwe für ein Jahr | John Irving

Alle paar Monate lesen wir gemeinsam einen Irving und im Juni/Juli hat es „Witwe für ein Jahr“ erwischt. Den Inhalt rattere ich hier jetzt nicht im Detail nieder, denn damit würde ich eine ganze Menge an Überraschungen vorwegnehmen und das wäre schade. Ein Irving lohnt sich nämlich immer! Ja, auch (oder gerade!) weil Irvings Themen und Schreibe manchmal schon ein wenig aufreibend sind und er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das mag zunächst etwas verschrecken, ist aber genau gut so. Weil Irving damit nämlich etwas macht: Grenzen überschreiten und (falsche) Moral dort aufbrechen, wo es klemmt. Das kann niemand so gut wie er! Was ich an „Witwe für ein Jahr“ besonders gerne mag, sind die Verweise auf den Literaturbetrieb und vielleicht auch auf sein eigenes literarisches Leben – wenn man es so deuten möchte. Unbedingt lesen!

Manhattan Transfer | John Dos Passos

Dieses Buch gehört zu den ganz großen, revolutionären Romanen des 20. Jahrhunderts und Dos Passos gilt seitdem als so etwas wie der Vater des Großstadtromans. Dabei ist „Manhattan Transfer“ nicht der erste Großstadtroman, der je erschienen ist, aber es ist DER Großstadtroman, auf den viele folgende bekannte Romane aufbauen. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zum Beispiel oder auch Clemens Meyers „Im Stein“ (2013) – beide haben sich, damals wie heute, von Dos Passos inspirieren lassen. Ich habe alle drei hier genannten Romane gelesen und was auffallend ist: ich kann mich an keines der drei Bücher so ganz genau mit Namen der Figuren und was da exakt passiert ist erinnern. Also, ich weiß schon, worum es darin geht und was so grob los ist, aber ich könnte das nie und nimmer nacherzählen. Jetzt könnte man ja denken: „Ja, und? Wozu soll ich das dann lesen?“. Aber genau das ist es ja. Große Städte besitzen so ihre ganz eigene Magie, mehrere Leben werden miteinander verwirbelt und gleichzeitig versetzen sie einen in eine Art Rausch, durch den Trubel, dieses Gefühl des alles und nichts – und ganz genau das passiert während des Lesens, man gerät in eine Art Leserausch. Zugegeben manchmal verwirrend und echt anstrengend, aber doch immer verdammt gut. (Man muss sowas allerdings mögen.)

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ | Selja Ahava

Neben dem ganz wunderbaren Titel ist „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr schönes, aber auch sehr trauriges Buch. Annas Gedächtnis wird nach und nach immer löchriger. Sie vergisst Dinge, Menschen und beinahe auch ein bisschen sich selbst. Die Geschichte wird in Episoden erzählt, die der Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Protagonistin nachempfunden sind. Dies führt dazu, dass man als LeserIn ab und an ein wenig irritiert ist, weil man nicht ganz weiß, in welcher Zeit man gerade steckt. In der Erinnerung oder im Jetzt? Doch ich mag das Buch dennoch empfehlen, nicht zuletzt aufgrund der poetischen Worte, die ab und an aufblitzen, sondern vor allem auch, weil das Thema – so traurig es ist – in diesem Fall nicht so lasch abgehandelt wird, sondern mit ganz viel Liebe.

 „Der Eiserne Gustav“ | Hans Fallada

Der Eiserne Gustav verdankt seinen Namen einem äußerst bezeichnenden Charakterzug, dem eisern sein. Er ist nämlich so einer, der sich nicht gerne etwas sagen lässt. Von niemandem. Weder der Industrialisierung, noch dem Ersten Weltkrieg und von der Weltwirtschaftskrise sowieso nicht. Aber innerlich, da brodelt es bei ihm. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobiltaxen auftauchen, da hält Gustav immer noch an seinen Pferdedroschken fest. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm die Weltwirtschaftskrise. Gustav verliert fast alle seine Pferde und Angestellten, jede Menge Geld und beinahe seine Würde. Aber der Eiserne Gustav wäre nicht der Eiserne Gustav, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er plant eine Reise. Von Berlin nach Paris und wieder zurück. Mit der Kutsche. Und alle sollen davon wissen.

Was ich an diesem Buch wie an den meisten Romanen von Hans Fallada so mag, sind die unterschiedlichen Charaktere: hier treffen wir neben dem Eisernen Gustav noch auf seine ganze Familie, die mal mehr und mal weniger auf dem Kerbholz haben und die die ganze Bandbreite am Menschsein darstellen. Noch dazu kommt die Berliner Schnauze, die keiner so authentisch wie Fallada (be)schreiben kann. Lest das! Dringend!

Unser Herr Vater | Clarence Day

Ein Fallada geht noch, oder? Und zwar in der Übersetzung, denn in Clarence Day hat Fallada seinen „literarischen Zwilling“ gefunden und dessen Geschichten über den Herrn Vater prompt übersetzt. Es sind kurze Episoden, die zeitlich aufeinander aufbauen, aber theoretisch auch als Kurzgeschichten getrennt voneinander gelesen werden können. In den Geschichten geht es immer um Days Vater beziehungsweise um ihr gemeinsames Familienleben in der Zeit der Jahrhundertwende, das teils turbulent, aber immer mit viel Humor und ab und an mit kleinen Zeichnungen von Day persönlich versehen sind. Sie eignen sich bestens zum Vorlesen. Da kann man nämlich so richtig schön Herzblut und Betonung hineinlegen und Day senior wunderbar unter unerwünschtem Verwandtenbesuch, Pferdeausritten, konträren Meinungen und so mysteriösen Dingen wie Telefonen leiden lassen. Kurzum: Der Herr Day macht furchtbar viel Spaß!

„Frida Kahlo Stilikone“ | Claire Wilcox (Hrsg.), Circe Henestrosa (Hrsg.)

Der Name „Frida Kahlo“ dürfte (und sollte!) vielen ein Begriff sein. Frida Kahlo, Künstlerin, Inspirationsquelle, Stilikone, gilt heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die sich nicht nur durch ihr Können, sondern auch durch ihren Mut auszeichnet. Mit 6 Jahren erkrankt Frida an Kinderlähmung und hinkt in Folge dieser Erkrankung ihr Leben lang, was sie nicht davon abhält dennoch alles so machen zu wollen wie andere Kinder auch. Später, mit 18, überlebt sie nur knapp einen Busunfall, dessen Folgen sie ihr Leben lang begleiten sollen. Immer wieder monatelang ans Bett gefesselt lernt sie ihren Gedanken, ja teils auch ihren Qualen, in der Malerei Ausdruck zu verleihen:

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich doch Flügel habe?“.

Ihre Erkrankung hält sie weiterhin auch nicht davon ab, Mexikos berühmtesten Künstler zu besuchen – der Rest ist Geschichte: Diego Rivera und Frida Kahlo werden ein Paar, der Elefant und die Taube. Eine Liebe, zu groß, um sie zu fassen, zu leidenschaftlich, um keine Krisen hervorzurufen. Sie hassen und sie lieben sich. All das findet man noch heute in Frida Kahlos Kunst, die nicht nur mit ihren Bildern etwas Unvergängliches geschaffen hat, sondern auch als Person im Gedächtnis bleibt. Ich selbst kam zwischen zehn und zwölf Jahren zum ersten Mal in Kontakt mit ihrer Kunst und war sofort fasziniert von den leuchtenden Farben, der starken Ausdruckskraft und dem Leid, das sich mit Schönheit gepaart bei ihr immer wiederfinden lässt. Frida Kahlo war (und ist) ein Gesamtkunstwerk, das zu begreifen nur im Ganzen funktioniert.

Frida Kahlo Stilikone von
Quelle: Prestel Verlag

Das Buch „Frida Kahlo Stilikone“, herausgegeben von Claire Wilcox und Circe Henestrosa wagt einen Blick durch das Schlüsselloch der Frida Kahlo, über ihre Bilder hinaus bis hin zu ihrer alles durchdringenden Selbstinszenierung, welche ein wesentlicher Bestandteil ihres durch und durch künstlerischen Lebens gewesen ist. Neben interessanten und klug verfassten Kurztexten, die einleitend die Person, den Mythos, die Stilikone Frida Kahlo beschreiben, finden sich hier jede Menge zeitgenössische Fotografien, die die Künstlerin u.a. in mexikanischer Tracht, kunstvoll hochgesteckter Frisur und bunten Accessoires im Haar (ein Markenzeichen) sowie farbenfrohem, auffälligem Schmuck zeigen. In unterschiedlichen Abschnitten findet sich eine Art Katalog ihres persönlichen Nachlasses aus Kleidung, Accessoires und anderen persönlichen Gegenständen zum darin Blättern, der (der Nachlass) jetzt nicht nur umfassend dokumentiert, sondern auch in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das hier vorliegende Buch kann man als eine Sammlung aus Fotografien des Nachlasses, der Person Frida Kahlo selbst, Abbildungen ihrer Gemälde und als Symbol ihrer Kunst verstehen. Eine gelungene Mischung, – wie ich finde -, die sich nicht nur mit den Bildern, sondern mit Frida Kahlo als Gesamtkunstwerk beschäftigt und so einen noch detaillierteren Blick auf diese mutmachende, starke, begabte und durch und durch inspirierende Frau wirft.

Prestel Verlag | 256 S. | 150 farbige Abbildungen

„Die Geschichte des Wassers“ | Maja Lunde

Als ich letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ las, war mir nicht bewusst, dass es sich hierbei um ein Klima-Quartett handeln würde. Vielleicht habe ich das nicht mitbekommen (das kommt vor, das Sachen unbemerkt an mir vorbeirauschen). Vielleicht wurde das aber auch erst nach dem riesigen Erfolg und der Aktualität des Themas – den uns alle betreffenden Klimawandel – beschlossen. Völlig gleich, ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass es ein neues Buch der Bienenkönigin gibt und hier geht es um ein anderes, aber nicht weniger wichtiges Thema: Wasser.

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In „Die Geschichte des Wassers“ verknüpft die Autorin wie schon in „Die Geschichte der Bienen“ mehrere Geschichten, Menschen bzw. Familien und Zeiten miteinander, die alle um ein wichtiges Thema kreisen.

Der Erzählstrang der ersten Ebene spielt 2017 in Norwegen. Dort macht sich die beinahe 70-jährige Umweltaktivistin Signe mit einem Segelboot auf eine riskante Reise zu Magnus, dem Mann, den sie mal sehr geliebt hat und jetzt zur Rede stellen will. Signe hat einen fürchterlichen Verdacht, der die Zerstörung der Gletscher betrifft.

Der Erzählstrang der zweiten Ebene spielt 2041 in Frankreich. Mittlerweile herrscht eine große, alles vernichtende Dürre in Südeuropa, weshalb die Bewohner gezwungen sind, in den Norden zu fliehen. Zwei der Flüchtenden sind David und seine Tochter Lou, die im Flüchtlingslager verzweifelt auf die Ankunft von Frau und Mutter bzw. Sohn und Bruder warten. Von Stunde zu Stunde wird ihre Hoffnungslosigkeit stärker, bis sie durch Zufall ein Segelboot entdecken. Signes Segelboot.

Die Autorin Maja Lunde verknüpft beide Ebenen, um dem oder der LeserIn zu zeigen, was passieren könnte, wenn wir weiter so mit unserer Umwelt umgehen. Feuer, Dürre, Hungersnot sind nur einige der vielen möglichen, von Menschen ausgehenden Katastrophen. Das ist ein gutes, ein äußerst wichtiges Thema und alleine deswegen lohnt es sich eigentlich schon, Lundes Bücher zu lesen. Aber – und ja, es folgt leider ein Aber -, überzeugt dieser zweite Band weitaus weniger als der erste. Woran mag das liegen? Ist das Thema nicht interessant genug? Auf keinen Fall! Was dann? Die „Probleme“, die sich für mich während des Lesens ergeben haben, sind zum einen der teils langatmige Plot um Signe, deren Lebensgeschichte in Rückblenden erzählt wird, welcher aber leider beinahe jegliche Spannung fehlt; und zum anderen die fast durchweg unsympathischen Figuren. David, bei dem man zwischendurch das Gefühl bekommt, er würde sich wünschen, er könne seine ihm verbliebene Tochter gegen seine Frau und seinen Sohn eintauschen. Signe, die irgendwie verbittert darüber berichtet, wie sie versucht hat, die Umwelt zu retten, es aber leider nicht geschafft hat und ja, was soll sie da machen. Resignieren. Hinzu kommt, dass die Umweltthematik teilweise nur so nebenbei läuft. Die Handlung trägt leider dieses wichtige Thema nicht oder anders ausgedrückt, die Thematik Wasser wird von einem flachen Plot ertränkt. Das ist unfassbar schade! Was ich aber dennoch betonen möchte, ist die Tatsache, dass man dennoch etwas mitnimmt. Man wird als LeserIn daran erinnert, wie wichtig der richtige Umgang mit Natur und Umwelt ist und welche Folgen der falsche Umgang für Klima, Natur und unser Miteinander haben können. Es liegt an uns, das zu retten, was möglich ist. Nicht erst morgen, sondern heute: jetzt.

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein | btb Verlag | 480 S.

Mut zum Schreiben

Ich habe mal in einem Beitrag gelesen, dass es sehr viel Mut kostet, die Dinge aufzuschreiben wie sie sind, über das eigene Leben zu berichten und dabei ehrlich mit sich selbst zu sein. Der Beruf des Autors/der Autorin ist somit also einer der mutigsten überhaupt – und dabei riskiert man nicht in einem risikoreichen Stunt sein eigenes Leben, aber man gibt eine ganze Menge preis – über sich, seine Gedanken, wie man die Welt sieht und wie es überhaupt so aussieht, da in einem drin. Oft bewusst, oft auch unbewusst, denn wie das Geschriebene letztlich bei dem/der LeserIn ankommt, ist ja auch wieder eine ganz andere Geschichte. Und genau das ist der Punkt.Processed with VSCO with t1 preset Mittlerweile bekomme ich häufiger Nachrichten, die zum Teil auch (unabsichtlich) beleidigend sind und ich könnte jetzt sagen, dass mir das nicht nahe geht und ich völlig gelassen auf den Papierkorb klicke, um anschließend anderen Dingen nachzugehen, aber: dem ist nicht so. Ich lese alles. Einmal, zweimal, dreimal. Vielleicht habe ich es nur nicht richtig verstanden? Denn, ganz ehrlich, wer nimmt sich wirklich so viel Zeit, um Beleidigungen an fremde Menschen zu verschicken? Die erschreckende Erkenntnis: einige. Da sitzen wirklich Menschen an ihren PCs, Tablets oder Handys und formulieren seitenlange Texte an MICH, obwohl ich bloß ein paar Zeilen auf meinem eigenen Blog veröffentliche, die persönlich sind, die meiner eigenen subjektiven Wahrnehmung entsprechen und anderen passt das nicht. (Niemand ist gezwungen hier irgendetwas zu lesen. Das nur mal so nebenbei.) Und ja, ich fange dann an mich zu hinterfragen. Selbst wenn auf 100 positive Nachrichten eine negative kommt, diese eine Nachricht wiegt schwerer. Das Hinterfragen an sich ist daher eigentlich eine ziemlich blöde Sache, denn da gerät man schnell in einen Gedankenstrudel, in dem man kein gutes Haar an sich lässt. Das Gute daran ist aber, mit der Zeit lernt man, stärker zu werden, darüber zu stehen, zwischen den Zeilen die Unsicherheit in den zugesandten Nachrichten zu entziffern und sich zu sagen: es ist trotzdem gut, was ich mache, solange es MIR gefällt.

Wenn ich nun daran denke, welche Bücher ich schon alle gelesen habe und dass selbst in der größten Fiktion auch immer ein wenig Realität, ein Funken Wahrheit, zumindest aber ganz viel von der Person, die das geschrieben hat, steckt, dann habe ich den aller allergrößten Respekt vor den AutorInnen, die so etwas leisten. Die sich mit Worten ausziehen, die ihre Schutzhülle, ihren Panzer in Sätzen und Zeilen ablegen und ihre Rüstung gegen ein seidenes Kleid aus Buchstaben eintauschen. Und das, das sollte immer bedacht werden. Dass man nicht immer einer Meinung mit dem/der VerfasserIn ist: klar! Es sind ja auch unterschiedliche Leben, die da gelebt werden. Aber muss man deswegen beleidigende, ausfallende, unangemessene Kommentare oder Nachrichten schreiben? Muss man deswegen Buchbesprechungen verfassen, die unter die Gürtellinie gehen und Autor oder Autorin persönlich angreifen? Nein! Denn das, das sagt am wenigsten etwas über die AutorInnen aus, aber ganz viel über die Person, die beleidigende Zeilen schreibt.

„Anna und der Schwalbenmann“ | Gavriel Savit

Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Eine Kombination, die man seinem ersten Roman „Anna und der Schwalbenmann“ anmerkt, denn dieses Buch ist eine kunstvolle Mischung aus Fantasie, schwebender Traumwelt und bitterer Realität. Ein Hauch magischer Realismus umwabert diese Geschichte, die so traurig wie schön ist.

Krakau, 1939. Die Deutschen haben Annas Vater mitgenommen. Während das junge Mädchen bei dem Apotheker Dr. Fuchsmann auf ihn wartet, macht sich nicht nur in ihr ein dumpfes Gefühl breit, sondern auch in dem Apotheker: Angst. Darum schickt er sie fort, doch daheim wird vor verschlossener Wohnungstür eine bittere Ahnung zur Gewissheit: ihr Vater wird nicht wieder zurückkehren. Anna bleibt nicht viel mehr von ihm als ihre gemeinsame Vergangenheit und die zahlreichen Sprachen, die er ihr gelehrt hat. Voll Kummer irrt sie zurück zur Apotheke, doch Dr. Fuchsmann lässt sie – aus Angst – nicht mehr zu sich. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen. Sie und der etwas rätselhaft mysteriöse Mann mit den vielen Gesichtern und der Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, werden Weggefährten auf einer Reise voller Gefahren.

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Zugegeben, etwas merkwürdig ist es schon, dass das junge Mädchen einfach mit einem Fremden mitgeht, der ihr, ohne viele Worte zu verlieren, zu verstehen gibt, dass er – der Schwalbenmann, wie Anna ihn nennen wird – der einzige ist, der ihr helfen kann, der ihr ein Freund sein wird. Der Schwalbenmann hat ein gütiges Herz, ein liebevolles Wesen, aber auch eine dunkle Seite, die er lange versucht, im Verborgenen zu halten. Er lehrt Anna die Sprache der Straße, wo es keine Lügen gibt und die eigene Identität sich Tag für Tag ändern, der Umgebung anpassen kann. Sie sind Komplizen, verfügen über mehrere Pässe, sind mal Deutsche, mal Polen, nehmen sich das, was auf der Straße liegt und kneifen dabei die Augen zu. Die Toten können nicht urteilen. So durchleben sie den grauen Alltag des Krieges, an dem auch zu sonnigen Zeiten Wolken am Himmel sind. Es ist ein Buch, das auf philosophische Weise versucht, den Schrecken zu begreifen und bleibt dabei trotz wunderschöner Sprache doch manches Mal etwas vage. Man fragt sich: Wer ist der Schwalbenmann? Wer ist Anna? Und wo wollen sie hin? Auch die Umgebung bleibt in der Schwebe, der Schrecken des Kriegsgeschehens wird meist „nur“ angedeutet und taucht dann doch gegen Ende geballt auf – das kommt fast unerwartet. Dennoch, „Anna und der Schwalbenmann“ ist ein feines, ein zartes Buch, das viele weise Dinge sagt und mit Phantasie gegen das Grauen kämpft. Ein lesenswertes Kleinod.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz-Ventura | cbt Taschenbuch | 272 S.

„Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ | Gabriele Katz

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen aus der Reihe „Im Profil“ ein Gespräch zwischen Erich Maria Remarque und Friedrich Luft. Dieses Gespräch wurde 1962 aufgezeichnet, das Bild ist schwarz-weiß, man sieht lediglich Remarque sowie die Rückseite des Theaterkritikers Luft, neben dem Zigarettenqualm in grauen Wolken emporsteigt. Remarque wirkt sympathisch, intelligent, humorvoll. Er spricht wie er schreibt – ruhig und wohl überlegt – und nimmt so den ganzen Raum ein. Vor diesem Beitrag konnte ich die Faszination um Remarque (mal abgesehen von seinen Büchern) nicht so richtig nachvollziehen, danach schon sehr viel mehr. Seine Romane – ja! – sind großartige Werke, die besser nie in Vergessenheit geraten sollten, aber was machte Remarque so einzigartig und anziehend für Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard und viele mehr? Das zu verstehen, dazu hat Gabriele Katz „Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ geschrieben.

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Erich Maria Remarque gilt als einer der größten Antikriegsautoren, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt wurde. In Deutschland aber wurden seine Romane lange Zeit verboten, 1933 sogar öffentlich verbrannt und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zunächst emigrierte er in die Schweiz, um später in den USA aufgenommen zu werden. Im Exil lernte er neben anderen Exilautor*innen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler und Lion Feuchtwanger die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard u.a. kennen (und lieben). In kurzen Porträts stellt die Autorin Gabriele Katz die wichtigsten Frauen an Remarques Seite vor und zeigt dabei vor allem, dass das Grundmotiv seines Lebens die Unerfüllbarkeit der Liebe gewesen ist. Katz verknüpft biografisch Wissenswertes mit dem Entstehungsprozess seiner Werke und dem Einfluss der Frauen auf diese Texte sowie auf Remarques Leben. Auch sein familiärer Hintergrund wird beleuchtet und Zeiten, die weniger leicht, weniger einfach gewesen sind.

Insgesamt liegt der Fokus hier natürlich auf den Frauen, die Remarque begleitet haben. Nie konnte er ohne, aber auch nie wirklich lange mit ihnen. Es wird deutlich, dass dies auch eine Art Begleiterscheinung der politisch wie gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewesen ist. Diese Frauen haben Remarque geprägt und wesentlichen Einfluss auf sein Leben und damit verbunden sein Schaffen gehabt. Auf Seite 72 wird dann auch klar, warum das Buch den Titel „Liebe mich!“ trägt. Eine Anspielung auf einen von zahlreichen Briefen, die Remarque an Marlene Dietrich geschickt hat, in Anlehnung an Goethe. Ein klein wenig gestört habe ich mich an den Zusammenfassungen von Remarques Werken, in denen Katz teilweise mit einem Satz das Ende vorwegnimmt. Ja, es geht dabei um seine Beziehung zu den Frauen und inwiefern diese Einfluss auf Themen/Inhalte/Richtung dieser Werke gehabt haben, dennoch: wer die Bücher noch nicht alle gelesen hat, wird da vielleicht etwas enttäuscht sein. Auch hätte ich mir an manchen Stellen im Buch noch mehr Tiefe gewünscht, was wahrscheinlich mit der Neutralität der Autorin Gabriele Katz kollidiert wäre (von daher ist es gut so, wie es ist.) Denn nie wird Katz zu intim, sie bleibt stets bei den gegebenen Fakten und hat so ein interessantes, durchaus lesenswertes biografisches Buch über Remarque verfasst, das diesen Autor ein Stück weit zugänglicher, greifbarer erscheinen lässt, auch wenn er letzten Endes trotzdem ein Phänomen bleiben wird.

ebersbach & simon | blue notes, Nr. 72 | 144 S.

[Rezension] „Peach“ | Emma Glass

„Peach“ ist der Debütroman der in England lebenden Krankenschwester Emma Glass. Und dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt, mag man angesichts der sprachlichen Kraft kaum glauben. Es ist kein Buch, das locker-leicht daherkommt. Es rüttelt, es sticht, es brennt, es tut weh.

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In einer lyrischen, rhythmischen Prosa schreibt die Autorin von der Schülerin Peach, deren Leben durch Vergewaltigung aus den Fugen gerät. Blut strömt ihre Beine herab, „[p]lump klebt klebrig nasse Wolle“ an ihrer Haut, „[d]er Geruch von verbranntem Fett verstopft [ihre] Nasenlöcher“ und trotzdem wankt sie nach Hause. Nach Hause, zu ihren Eltern. Zu ihren Eltern, die nichts bemerken. Die nichts bemerken, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Peach muss sich allein helfen, um wieder zur Schule zu gehen, um ihren Freund Grün zu treffen, um zu funktionieren – und dabei stellt sie fest: einfach so wieder zu funktionieren, sich wieder Ganz zu fühlen ist unmöglich, wenn einen nachts die Bilder verfolgen, wenn der Geruch von verbranntem Fett in der Nase aufquillt, wenn der Bauch vermeintlich immer praller wird. Gedemütigt und verängstigt fasst sie einen grausamen Entschluss.

Nie wird explizit ausformuliert, was passiert ist, es geht immer um das Danach, aber das beschreibt die Autorin in einer kraftvollen, poetischen und lautmalerischen Sprache, die am ganzen Körper vibriert und einem schier den Boden unter den Füßen wegzieht. Noch stärker wirken die Worte laut ausgesprochen, dabei garantiert schon alleine der Anfang Gänsehaut:

„Plump klebt klebrig nasse Wolle. Klebt. Windet sich um Wunden, schließt Schnitt um Schnitt mit jedem Schritt, an der Wand entlang; meine Hand, behandschuht, schrammt daran.“ (Peach v. Emma Glass, S. 7)

Hier entfaltet sich auf wenigen Zeilen eine ganze Welt um ein schreckliches Erlebnis, das beim Leser eine enorme Bandbreite an Emotionen hervorruft, welche sich schwer in Worte fassen lässt. Dabei gelingt es Sabine Kray, der Übersetzerin des Textes, den Rhythmus und die Dynamik der Autorin genau einzufangen, sodass die sprachliche Eigenart auch übersetzt wirken kann. Es ist ein düsteres Thema, über das Emma Glass schreibt, das wird auch in ihren Formulierungen deutlich, die sehr intensiv sind und den Leser teilweise an seine Grenzen bringen, aber eines, das nicht im Dunkeln bleiben darf. Fantasie und Realität verschwimmen, der Leser taucht tief in die persönlichen, oft sehr wirren, Gedankengänge von Peach ein – und das ist nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar ekelhaft, aber das ist wichtig und richtig und gut. Sicher ist diese Art des Schreibens eine spezielle, die nicht jedem gefallen wird, aber für mich ist es trotz leichter inhaltlicher Schwäche im Mittelteil eines der großartigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

aus dem Englischen übersetzt von Sabine Kray | Edition Nautilus | 125 S.

[Lesemonat] April 2018

Wie immer gilt: Lesemonate sollen weder dazu dienen, die eigene Lesequantität unter Beweis zu stellen, noch um sich mit anderen zu vergleichen oder gar Neid hervorzurufen bzw. Druck auszuüben. Ich nutze diese Kategorie, um über die gelesenen Bücher nachzudenken und kurze Zusammenfassungen zu geben, nicht mehr und nicht weniger.

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„1933 war ein schlimmes Jahr“ | John Fante

Klingt schlimm, ist aber in seiner Melancholie sehr erheiternd und lebensbejahend. Der Anfang holpert noch ein wenig, man weiß nicht so recht, wohin der Roman will und fragt sich: wird das vielleicht zu Baseballlastig? Nö. Zum Glück nicht! Dieses schmale Büchlein steckt voller Witz, Tragik und ehrlichen Charakteren, die manchmal ruppig, oft sehr eigen, aber mit großen Herzen daherkommen und die man gerne noch viel länger begleitet hätte.

„Der Gang vor die Hunde“ | Erich Kästner

Huch, das ist aber ein freizügiges Buch. Könnte man denken, wenn man von Kästner eher die Kinderbücher gewohnt ist. Neben dem Berliner-Nachtleben, Exzesse durch die Welt der Bordelle und illegale Kneipen, wird aber auch die sanfte Seite des Protagonisten Fabian (der schon auch ein bisschen Kästner selbst ist?) gezeigt, der zwischen Moral und Unmoral hin- und her schwankt. Man möchte nicht, dass er scheitert und muss doch irgendwie hilflos dabei zusehen. Zugegeben: zu Beginn ein gewöhnungsbedürftiges Buch, das mich dann aber Kästner innig umarmend zurückgelassen hat. (Anmerkung: „Der Gang vor die Hunde“ ist die Rekonstruktion der Urfassung seines Debütromans „Fabian“.)

„Der kleine Grenzverkehr“ | Erich Kästner

Klingt beinahe ein wenig schlüpfrig, oder? Ist es aber nicht. Dafür ein heiterer, ja, ich mag es fast schon Schelmen-Roman nennen, der enorm viel Spaß macht, zu lesen. Der Protagonist Georg Rentmeister möchte eigentlich nur eine schöne Zeit mit seinem Freund Karl in Salzburg auf den Salzburger Festspielen verbringen. Leider darf er pro Monat nur zehn Reichsmark über die Grenze mitnehmen, das macht pro Tag 33,333333 Pfennige. Lächerlich wenig. Deshalb beschließt er jeden Tag von Bad Reichenhall (wo er ein „Grandseigneur“ ist) nach Salzburg (wo er ein „Habenichts“ ist) zu pendeln. Schwierigkeiten und eventuell die große Liebe inbegriffen! Mir fehlte leider dieser gewisse Moment zum unbedingt Dranbleiben-Wollen, da der Roman leider arg an der Oberfläche schwimmt (auch wenn man zwischen den Zeilen ein paar Details finden kann). Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Zeit, in der der Roman verfasst wurde. Nichtsdestotrotz: humorvoll und kurzweilig.

„Drei Kameraden“ | Erich Maria Remarque

Noch so ein Erich, den ich bewundere. „Drei Kameraden“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese, das nicht während eines Krieges, sondern von der Zeit danach bzw. dazwischen handelt. Drei Freunde, die Ende der 1920er Jahre ihr privates wie berufliches Glück suchen und gleichzeitig mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu kämpfen haben. Remarque verknüpft Gegenwart mit Erinnerung, macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, aus Unglück Glück – und umgekehrt – und vergisst dabei nie den einzelnen Menschen ins Zentrum dessen zu stellen. Insgesamt ist der Roman ruhiger als z.B. „Im Westen nichts Neues“ – logisch, wenn man die Thematik bedenkt -, aber deswegen nicht weniger gut.

„Super, und dir?“ | Kathrin Weßling

Mit „Super, und dir?“piekst Kathrin Weßling mitten hinein in die Wunde unseres Zeitgeistes bestehend aus Influencer-Marketing, dem permanenten Gedanken funktionieren zu müssen und der stetigen Angst vor der Ersetzbarkeit durch andere. Marlene Beckmann, die 31-jährige Hauptfigur des Romans, hat eigentlich alles, was sie sich wünscht: u.a. einen verständnisvollen Partner, 532 Freunde auf Facebook und einen wahnsinnstollen Job als Social Media Managerin, um den sie viele beneiden. Moment, das muss gleich mal auf sämtlichen Sozialen Kanälen geteilt werden. Wenn jemand fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: „Super, und dir?“, dabei ist eigentlich gar nicht alles super. Im Gegenteil, sogar sehr wenig. Und das bisschen was noch super ist, löst sich Mithilfe von Marlenes Dealer Ronny in einzelne Buchstaben auf, die sie zwar immer noch reflexartig als Antwort zusammenbasteln kann, schon längst aber nicht mehr fühlt. Das Buch liest sich genauso rauschhaft und sogartig wie Marlenes Leben zu sein scheint und begleitet sie durch flüsterleise sowie knallhart laute Momente bis hin an den Abgrund. Mit scharfem Blick, von zartbitterem Sarkasmus durchwoben und mit einer emotionalen Eindringlichkeit erzählt der Roman eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Druck von außen wie innen immer größer wird und trifft so den Kern unserer Selbstoptimierungsgesellschaft.

„Green Girl“ | Kate Zambreno

Eine Protagonistin, zu der man eine Art Hassliebe aufbaut. Schwankend zwischen Verständnis und Unverständnis. Eine Heldin, die keine Heldin ist und auch keine sein will. Die verloren, ängstlich, wütend, einsam und verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Liebe ist und diese, sobald sie sie erhält, wieder zerstört. Zambreno schreibt so eindringlich und schön, manchmal auch provokant, in einer rhythmisch lyrischen Prosa, dass man sich laufend Sätze markiert. Gegen Mitte/Ende lässt die Geschichte aber leider inhaltlich etwas nach. Vieles wiederholt sich. Aber vielleicht muss das auch gerade sein, um die Eintönigkeit des Lebens, aus dem die Protagonistin gerne ausbrechen möchte, aber doch nicht kann, zu verdeutlichen. Ein Roman mit Schwächen, den ich aber dennoch allen empfehlen mag, die ein Herz für eine außergewöhnliche Schreibe haben.

„Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

Ein wichtiges Buch, mit der noch wichtigeren Nachricht: nie zu vergessen!
April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.
„Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ | Carol Rifka Brunt

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ zählt zu den Jugendbüchern, die man auch als Erwachsene*r lesen sollte. Der Autorin Carol Rifka Brunt gelingt es dank einer bezaubernden, fast magischen Sprache wunderbare Bilder im Kopf der LeserInnen entstehen zu lassen, die gleichzeitig ruhig und sanft wie aufregend und schmerzvoll wirken. June Elbus ist gerade mal vierzehn, als ihr geliebter Onkel Finn an AIDS stirbt. Etwas, über das man zu dieser Zeit (Ende der 1980er) nur hinter vorgehaltener Hand und durchdrungen von zig Vorurteilen tuschelt. Für June ist der Schmerz über diesen Verlust enorm – erst recht, da sie das Gefühl hat, die einzige zu sein, die ehrlich trauert. Bis sie ein Päckchen mit Finns Teekanne von dem geheimnisvollen Fremden erhält, den sie bereits auf Finns Beerdigung gesehen hat. Eine zarte Freundschaft, die auf starken Widerstand stößt, entsteht. Diese Geschichte ist eine, die Steine in den Bauch legt und Knoten im Magen macht. Die von Verlust, Trauer, Schmerz und der Überwindung dessen sowie von Freundschaft, Familie, Liebe und der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens erzählt. Ein Roman, der leise, aber mit lautem Echo ans Herz geht. Es gibt ein paar wenige Stellen, die ich als ein bisschen zu konstruiert oder manchmal zu schleppend empfunden habe, aber das fällt meiner Meinung nach nicht allzu stark ins Gewicht.

Psst: außerdem noch „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, von dem ich mir gar nicht so viel erwartet hatte, aber durchaus sehr positiv überrascht wurde sowie „Fangirl“ von Rainbow Rowell, das im guten Mittelfeld bleibt. Die Szenen mit Simon Snow habe ich dabei ausgeblendet, das war nix für mich. Ebenso wie „Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell, das ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Harry Potter les ich da lieber noch mal im Original.

[Rezension] „Eine Liebe, in Gedanken“ | Kristine Bilkau

Nach Kristine Bilkaus erfolgreichem Debüt „Die Glücklichen“, ein Gegenwartsroman, der den Zeitgeist einer ganzen Generation punktgenau trifft, folgt nun ihr zweiter Streich. „Eine Liebe, in Gedanken“ heißt er und macht etwas komplett anderes als Bilkaus Debüt: er springt in die Vergangenheit und ist dabei so sanft und ruhig wie leichte Wellen, die sachte an den Strand gespült werden. Das könnte man blöd finden und wie Toni aus Bilkaus Geschichte mit einem: „Och, nööö“ quittieren. Damit hätte man aber Bilkaus Erzähltalent verkannt.

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„Eine Liebe, in Gedanken“ erzählt von Toni und Edgar, die sich in den 1960er Jahren kennenlernen. Eine Liebe wie vom Blitz getroffen. Toni und Edgar wollen gemeinsam die Welt erkunden, sich zusammen etwas aufbauen und dabei nicht den Beziehungs-Strukturen folgen, die ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. Es soll anders sein, besonders, moderner, eigensinniger. Als Edgar die Chance bekommt nach Hongkong zu gehen soll Toni folgen, sobald sich sein Leben dort gefestigt hat. Doch irgendwas kommt dazwischen, Toni löst die Verlobung, sie will nicht mehr länger vertröstet werden. Was bleibt ist der Trennungsschmerz und eine Liebe in Gedanken. Fünfzig Jahre später – und hier setzt der Roman ein – findet Tonis Tochter nach deren Tod die Briefe von Edgar. Sie fragt sich, was wäre wenn? Wer wäre Toni geworden, wenn alles anders gekommen wäre? Und wer war dieser Mensch, den ihre Mutter nie vergessen konnte?

Kristine Bilkau erzählt parallel von heute und damals. Von der Tochter Tonis, die auf den Spuren der großen Liebe ihrer Mutter deren ganze Lebensgeschichte ertastet. Stück für Stück. Und dabei nicht nur diese eine ganz große Liebe begreift, die für Tonis Mutter Ausgangspunkt für ihr ganzes weiteres Leben werden wird, sondern auch ihre eigene Beziehung zu ihrer Mutter aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten lernt. Bilkaus Erzählstil ist sanft und leise, verzichtet auf kitschige Details, setzt dafür liebe Akzente zwischen den Zeilen. Es schwingt etwas mit, in Bilkaus Geschichte, das man nicht ganz greifen, geschweige denn benennen kann, das aber dazu führt, dass man sich in ihren Worten geborgen fühlt. Etwas schade ist, dass der Zeitgeist der 60er Jahre dabei leider etwas auf der Strecke bleibt, er kann sich nicht ausbreiten, wird lediglich angedeutet und bleibt so sanft wie Bilkaus Erzählstil. Etwas weniger Zurückhaltung hätte ich hier gut gefunden, aber vielleicht hätte das dann nicht in den Ton der Erzählung gepasst, wäre aus der Reihe gerutscht und hätte irgendwie schief geklungen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein Roman, dem man anmerkt, dass jede Zeile wohlüberlegt und mit zartem Fingerspitzengefühl geschrieben ist. Eine Geschichte, die ohne dramatische Effekte, ohne Glitzer und knallige Farben auskommt, sich aber dafür angenehm ins Gedächtnis schleicht.

Luchterhand Literaturverlag | 252 S.

Günstig und/oder gebraucht Bücher erwerben?

So schön es ist, in der Buchhandlung nach neuen Schätzen zu graben, so weiß ich auch, dass man sich nicht immer die neuesten Bücher leisten kann. Hardcover kosten mitunter mittlerweile 24 bis 36 Taler (und leider keine Schokotaler) – da kann man nicht immer so beherzt zuschlagen, wie man das vielleicht gerne würde. Aus diesem Grund habe ich ein paar Alternativen gesammelt, die ich euch in diesem Beitrag vorstellen werde. Nichts davon kann das Stöbern in der örtlichen Buchhandlung ersetzen – das ist klar -, aber doch vielleicht ein wenig den frustrierten Knoten im Magen, der sich beim Blick ins Portemonnaie bildet, lockern.

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Bibliotheken:

Ja, das klingt komisch, aber ich habe gemerkt, dass viele vergessen, wie toll dort ein Besuch sein kann. Man streift durch die Gänge, an den endlosen Regalreihen entlang, taucht in zig verschiedene Geschichten gleichzeitig ein und das Beste: theoretisch kann man jede für eine bestimmte Zeit mit nach Hause nehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, falls sie letztlich nicht gefällt. Wenn doch: umso besser! (Es besteht ja später immer noch die Option, sich das Buch fürs eigene Regal zu kaufen.) Pro-Tipp: Auch Uni-Bibliotheken haben oft aktuelle Titel vor Ort – einfach mal schauen!

Tauschen:

Zum Beispiel mit Freunden, innerhalb der Familie oder via Social Media. Pluspunkt: Man redet gleich noch über die Lektüre! Oder: Tauschticket. Das ist eine Internetplattform, über die Bücher/CDs & Co. getauscht werden können. Jeder Tausch kostet eine kleine Gebühr plus Tickets, die man im Vorfeld durch selbst vertauschte Artikel erhält. Das System ist simpel und funktioniert super, wenn man nicht gerade auf der Suche nach den aktuellsten Titeln oder Bestsellern ist. Ab und an hat man aber auch da Glück.

Flohmärkte, Regalläden, öffentliche Bücherschränke:

Ich denke, das ist selbsterklärend. Besonders Bücherschränke finde ich super: hier kann man einfach Bücher ausleihen oder auch behalten. Im Gegenzug sollte man allerdings auch mal ein paar Bücher dort lassen – der Fairness halber. (Außerdem: Schenken kann so schön sein!)

Im Internet nach gebrauchten Büchern stöbern:

Hier gibt es zahlreiche Plattformen wie rebuy, medimops, booklooker, ebay usw., auf denen man nach gebrauchten Schätzen tauchen kann. Optimal, wenn man das Buch nicht unbedingt neu haben „muss“. Auf Arvelle gibt es zahlreiche Mängelexemplare günstig zu erstehen. Ich sehe das Ganze aber auch etwas kritisch, denn solche Plattformen locken natürlich mit Angeboten und Gutscheinen, damit man möglichst viel kauft. Da muss man abwägen, ob das wirklich nötig ist oder ob man das Geld dann nicht doch lieber in ein Buch aus der Buchhandlung investiert, statt sich zehn gebrauchte Bücher, die man vielleicht nie lesen wird, zu kaufen, nur weil sie eben günstig sind.

Es gibt also viele Möglichkeiten neben dem Neukauf eines Buches. Dabei kommt es immer darauf an, was man denn eigentlich möchte. Manchmal tut es gut, ein Buch neu zu erwerben. Eines, dessen Seiten man selbst als Erstes umblättert, das nur für einen selbst und niemanden sonst bestimmt ist. Aber manchmal, da ist es auch schön ein Buch zu lesen, das bereits ein bisschen was erlebt hat. Für mich ist die Mischung optimal. Wenn mein Budget es hergibt, gebe ich das auch super gerne in einer Buchhandlung meines Vertrauens aus. (Support your local bookstore!) Das ist aber eben nicht immer drin und da bin ich froh, dass es so viele Alternativen gibt.