„Anna und der Schwalbenmann“ | Gavriel Savit

Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Eine Kombination, die man seinem ersten Roman „Anna und der Schwalbenmann“ anmerkt, denn dieses Buch ist eine kunstvolle Mischung aus Fantasie, schwebender Traumwelt und bitterer Realität. Ein Hauch magischer Realismus umwabert diese Geschichte, die so traurig wie schön ist.

Krakau, 1939. Die Deutschen haben Annas Vater mitgenommen. Während das junge Mädchen bei dem Apotheker Dr. Fuchsmann auf ihn wartet, macht sich nicht nur in ihr ein dumpfes Gefühl breit, sondern auch in dem Apotheker: Angst. Darum schickt er sie fort, doch daheim wird vor verschlossener Wohnungstür eine bittere Ahnung zur Gewissheit: ihr Vater wird nicht wieder zurückkehren. Anna bleibt nicht viel mehr von ihm als ihre gemeinsame Vergangenheit und die zahlreichen Sprachen, die er ihr gelehrt hat. Voll Kummer irrt sie zurück zur Apotheke, doch Dr. Fuchsmann lässt sie – aus Angst – nicht mehr zu sich. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen. Sie und der etwas rätselhaft mysteriöse Mann mit den vielen Gesichtern und der Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, werden Weggefährten auf einer Reise voller Gefahren.

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Zugegeben, etwas merkwürdig ist es schon, dass das junge Mädchen einfach mit einem Fremden mitgeht, der ihr, ohne viele Worte zu verlieren, zu verstehen gibt, dass er – der Schwalbenmann, wie Anna ihn nennen wird – der einzige ist, der ihr helfen kann, der ihr ein Freund sein wird. Der Schwalbenmann hat ein gütiges Herz, ein liebevolles Wesen, aber auch eine dunkle Seite, die er lange versucht, im Verborgenen zu halten. Er lehrt Anna die Sprache der Straße, wo es keine Lügen gibt und die eigene Identität sich Tag für Tag ändern, der Umgebung anpassen kann. Sie sind Komplizen, verfügen über mehrere Pässe, sind mal Deutsche, mal Polen, nehmen sich das, was auf der Straße liegt und kneifen dabei die Augen zu. Die Toten können nicht urteilen. So durchleben sie den grauen Alltag des Krieges, an dem auch zu sonnigen Zeiten Wolken am Himmel sind. Es ist ein Buch, das auf philosophische Weise versucht, den Schrecken zu begreifen und bleibt dabei trotz wunderschöner Sprache doch manches Mal etwas vage. Man fragt sich: Wer ist der Schwalbenmann? Wer ist Anna? Und wo wollen sie hin? Auch die Umgebung bleibt in der Schwebe, der Schrecken des Kriegsgeschehens wird meist „nur“ angedeutet und taucht dann doch gegen Ende geballt auf – das kommt fast unerwartet. Dennoch, „Anna und der Schwalbenmann“ ist ein feines, ein zartes Buch, das viele weise Dinge sagt und mit Phantasie gegen das Grauen kämpft. Ein lesenswertes Kleinod.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz-Ventura | cbt Taschenbuch | 272 S.

„Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ | Gabriele Katz

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen aus der Reihe „Im Profil“ ein Gespräch zwischen Erich Maria Remarque und Friedrich Luft. Dieses Gespräch wurde 1962 aufgezeichnet, das Bild ist schwarz-weiß, man sieht lediglich Remarque sowie die Rückseite des Theaterkritikers Luft, neben dem Zigarettenqualm in grauen Wolken emporsteigt. Remarque wirkt sympathisch, intelligent, humorvoll. Er spricht wie er schreibt – ruhig und wohl überlegt – und nimmt so den ganzen Raum ein. Vor diesem Beitrag konnte ich die Faszination um Remarque (mal abgesehen von seinen Büchern) nicht so richtig nachvollziehen, danach schon sehr viel mehr. Seine Romane – ja! – sind großartige Werke, die besser nie in Vergessenheit geraten sollten, aber was machte Remarque so einzigartig und anziehend für Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard und viele mehr? Das zu verstehen, dazu hat Gabriele Katz „Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ geschrieben.

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Erich Maria Remarque gilt als einer der größten Antikriegsautoren, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt wurde. In Deutschland aber wurden seine Romane lange Zeit verboten, 1933 sogar öffentlich verbrannt und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zunächst emigrierte er in die Schweiz, um später in den USA aufgenommen zu werden. Im Exil lernte er neben anderen Exilautor*innen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler und Lion Feuchtwanger die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard u.a. kennen (und lieben). In kurzen Porträts stellt die Autorin Gabriele Katz die wichtigsten Frauen an Remarques Seite vor und zeigt dabei vor allem, dass das Grundmotiv seines Lebens die Unerfüllbarkeit der Liebe gewesen ist. Katz verknüpft biografisch Wissenswertes mit dem Entstehungsprozess seiner Werke und dem Einfluss der Frauen auf diese Texte sowie auf Remarques Leben. Auch sein familiärer Hintergrund wird beleuchtet und Zeiten, die weniger leicht, weniger einfach gewesen sind.

Insgesamt liegt der Fokus hier natürlich auf den Frauen, die Remarque begleitet haben. Nie konnte er ohne, aber auch nie wirklich lange mit ihnen. Es wird deutlich, dass dies auch eine Art Begleiterscheinung der politisch wie gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewesen ist. Diese Frauen haben Remarque geprägt und wesentlichen Einfluss auf sein Leben und damit verbunden sein Schaffen gehabt. Auf Seite 72 wird dann auch klar, warum das Buch den Titel „Liebe mich!“ trägt. Eine Anspielung auf einen von zahlreichen Briefen, die Remarque an Marlene Dietrich geschickt hat, in Anlehnung an Goethe. Ein klein wenig gestört habe ich mich an den Zusammenfassungen von Remarques Werken, in denen Katz teilweise mit einem Satz das Ende vorwegnimmt. Ja, es geht dabei um seine Beziehung zu den Frauen und inwiefern diese Einfluss auf Themen/Inhalte/Richtung dieser Werke gehabt haben, dennoch: wer die Bücher noch nicht alle gelesen hat, wird da vielleicht etwas enttäuscht sein. Auch hätte ich mir an manchen Stellen im Buch noch mehr Tiefe gewünscht, was wahrscheinlich mit der Neutralität der Autorin Gabriele Katz kollidiert wäre (von daher ist es gut so, wie es ist.) Denn nie wird Katz zu intim, sie bleibt stets bei den gegebenen Fakten und hat so ein interessantes, durchaus lesenswertes biografisches Buch über Remarque verfasst, das diesen Autor ein Stück weit zugänglicher, greifbarer erscheinen lässt, auch wenn er letzten Endes trotzdem ein Phänomen bleiben wird.

ebersbach & simon | blue notes, Nr. 72 | 144 S.

[Lesemonat] April 2018

Wie immer gilt: Lesemonate sollen weder dazu dienen, die eigene Lesequantität unter Beweis zu stellen, noch um sich mit anderen zu vergleichen oder gar Neid hervorzurufen bzw. Druck auszuüben. Ich nutze diese Kategorie, um über die gelesenen Bücher nachzudenken und kurze Zusammenfassungen zu geben, nicht mehr und nicht weniger.

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„1933 war ein schlimmes Jahr“ | John Fante

Klingt schlimm, ist aber in seiner Melancholie sehr erheiternd und lebensbejahend. Der Anfang holpert noch ein wenig, man weiß nicht so recht, wohin der Roman will und fragt sich: wird das vielleicht zu Baseballlastig? Nö. Zum Glück nicht! Dieses schmale Büchlein steckt voller Witz, Tragik und ehrlichen Charakteren, die manchmal ruppig, oft sehr eigen, aber mit großen Herzen daherkommen und die man gerne noch viel länger begleitet hätte.

„Der Gang vor die Hunde“ | Erich Kästner

Huch, das ist aber ein freizügiges Buch. Könnte man denken, wenn man von Kästner eher die Kinderbücher gewohnt ist. Neben dem Berliner-Nachtleben, Exzesse durch die Welt der Bordelle und illegale Kneipen, wird aber auch die sanfte Seite des Protagonisten Fabian (der schon auch ein bisschen Kästner selbst ist?) gezeigt, der zwischen Moral und Unmoral hin- und her schwankt. Man möchte nicht, dass er scheitert und muss doch irgendwie hilflos dabei zusehen. Zugegeben: zu Beginn ein gewöhnungsbedürftiges Buch, das mich dann aber Kästner innig umarmend zurückgelassen hat. (Anmerkung: „Der Gang vor die Hunde“ ist die Rekonstruktion der Urfassung seines Debütromans „Fabian“.)

„Der kleine Grenzverkehr“ | Erich Kästner

Klingt beinahe ein wenig schlüpfrig, oder? Ist es aber nicht. Dafür ein heiterer, ja, ich mag es fast schon Schelmen-Roman nennen, der enorm viel Spaß macht, zu lesen. Der Protagonist Georg Rentmeister möchte eigentlich nur eine schöne Zeit mit seinem Freund Karl in Salzburg auf den Salzburger Festspielen verbringen. Leider darf er pro Monat nur zehn Reichsmark über die Grenze mitnehmen, das macht pro Tag 33,333333 Pfennige. Lächerlich wenig. Deshalb beschließt er jeden Tag von Bad Reichenhall (wo er ein „Grandseigneur“ ist) nach Salzburg (wo er ein „Habenichts“ ist) zu pendeln. Schwierigkeiten und eventuell die große Liebe inbegriffen! Mir fehlte leider dieser gewisse Moment zum unbedingt Dranbleiben-Wollen, da der Roman leider arg an der Oberfläche schwimmt (auch wenn man zwischen den Zeilen ein paar Details finden kann). Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Zeit, in der der Roman verfasst wurde. Nichtsdestotrotz: humorvoll und kurzweilig.

„Drei Kameraden“ | Erich Maria Remarque

Noch so ein Erich, den ich bewundere. „Drei Kameraden“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese, das nicht während eines Krieges, sondern von der Zeit danach bzw. dazwischen handelt. Drei Freunde, die Ende der 1920er Jahre ihr privates wie berufliches Glück suchen und gleichzeitig mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu kämpfen haben. Remarque verknüpft Gegenwart mit Erinnerung, macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, aus Unglück Glück – und umgekehrt – und vergisst dabei nie den einzelnen Menschen ins Zentrum dessen zu stellen. Insgesamt ist der Roman ruhiger als z.B. „Im Westen nichts Neues“ – logisch, wenn man die Thematik bedenkt -, aber deswegen nicht weniger gut.

„Super, und dir?“ | Kathrin Weßling

Mit „Super, und dir?“piekst Kathrin Weßling mitten hinein in die Wunde unseres Zeitgeistes bestehend aus Influencer-Marketing, dem permanenten Gedanken funktionieren zu müssen und der stetigen Angst vor der Ersetzbarkeit durch andere. Marlene Beckmann, die 31-jährige Hauptfigur des Romans, hat eigentlich alles, was sie sich wünscht: u.a. einen verständnisvollen Partner, 532 Freunde auf Facebook und einen wahnsinnstollen Job als Social Media Managerin, um den sie viele beneiden. Moment, das muss gleich mal auf sämtlichen Sozialen Kanälen geteilt werden. Wenn jemand fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: „Super, und dir?“, dabei ist eigentlich gar nicht alles super. Im Gegenteil, sogar sehr wenig. Und das bisschen was noch super ist, löst sich Mithilfe von Marlenes Dealer Ronny in einzelne Buchstaben auf, die sie zwar immer noch reflexartig als Antwort zusammenbasteln kann, schon längst aber nicht mehr fühlt. Das Buch liest sich genauso rauschhaft und sogartig wie Marlenes Leben zu sein scheint und begleitet sie durch flüsterleise sowie knallhart laute Momente bis hin an den Abgrund. Mit scharfem Blick, von zartbitterem Sarkasmus durchwoben und mit einer emotionalen Eindringlichkeit erzählt der Roman eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Druck von außen wie innen immer größer wird und trifft so den Kern unserer Selbstoptimierungsgesellschaft.

„Green Girl“ | Kate Zambreno

Eine Protagonistin, zu der man eine Art Hassliebe aufbaut. Schwankend zwischen Verständnis und Unverständnis. Eine Heldin, die keine Heldin ist und auch keine sein will. Die verloren, ängstlich, wütend, einsam und verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Liebe ist und diese, sobald sie sie erhält, wieder zerstört. Zambreno schreibt so eindringlich und schön, manchmal auch provokant, in einer rhythmisch lyrischen Prosa, dass man sich laufend Sätze markiert. Gegen Mitte/Ende lässt die Geschichte aber leider inhaltlich etwas nach. Vieles wiederholt sich. Aber vielleicht muss das auch gerade sein, um die Eintönigkeit des Lebens, aus dem die Protagonistin gerne ausbrechen möchte, aber doch nicht kann, zu verdeutlichen. Ein Roman mit Schwächen, den ich aber dennoch allen empfehlen mag, die ein Herz für eine außergewöhnliche Schreibe haben.

„Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

Ein wichtiges Buch, mit der noch wichtigeren Nachricht: nie zu vergessen!
April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.
„Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ | Carol Rifka Brunt

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ zählt zu den Jugendbüchern, die man auch als Erwachsene*r lesen sollte. Der Autorin Carol Rifka Brunt gelingt es dank einer bezaubernden, fast magischen Sprache wunderbare Bilder im Kopf der LeserInnen entstehen zu lassen, die gleichzeitig ruhig und sanft wie aufregend und schmerzvoll wirken. June Elbus ist gerade mal vierzehn, als ihr geliebter Onkel Finn an AIDS stirbt. Etwas, über das man zu dieser Zeit (Ende der 1980er) nur hinter vorgehaltener Hand und durchdrungen von zig Vorurteilen tuschelt. Für June ist der Schmerz über diesen Verlust enorm – erst recht, da sie das Gefühl hat, die einzige zu sein, die ehrlich trauert. Bis sie ein Päckchen mit Finns Teekanne von dem geheimnisvollen Fremden erhält, den sie bereits auf Finns Beerdigung gesehen hat. Eine zarte Freundschaft, die auf starken Widerstand stößt, entsteht. Diese Geschichte ist eine, die Steine in den Bauch legt und Knoten im Magen macht. Die von Verlust, Trauer, Schmerz und der Überwindung dessen sowie von Freundschaft, Familie, Liebe und der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens erzählt. Ein Roman, der leise, aber mit lautem Echo ans Herz geht. Es gibt ein paar wenige Stellen, die ich als ein bisschen zu konstruiert oder manchmal zu schleppend empfunden habe, aber das fällt meiner Meinung nach nicht allzu stark ins Gewicht.

Psst: außerdem noch „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, von dem ich mir gar nicht so viel erwartet hatte, aber durchaus sehr positiv überrascht wurde sowie „Fangirl“ von Rainbow Rowell, das im guten Mittelfeld bleibt. Die Szenen mit Simon Snow habe ich dabei ausgeblendet, das war nix für mich. Ebenso wie „Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell, das ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Harry Potter les ich da lieber noch mal im Original.

[Rezension] „Eine Liebe, in Gedanken“ | Kristine Bilkau

Nach Kristine Bilkaus erfolgreichem Debüt „Die Glücklichen“, ein Gegenwartsroman, der den Zeitgeist einer ganzen Generation punktgenau trifft, folgt nun ihr zweiter Streich. „Eine Liebe, in Gedanken“ heißt er und macht etwas komplett anderes als Bilkaus Debüt: er springt in die Vergangenheit und ist dabei so sanft und ruhig wie leichte Wellen, die sachte an den Strand gespült werden. Das könnte man blöd finden und wie Toni aus Bilkaus Geschichte mit einem: „Och, nööö“ quittieren. Damit hätte man aber Bilkaus Erzähltalent verkannt.

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„Eine Liebe, in Gedanken“ erzählt von Toni und Edgar, die sich in den 1960er Jahren kennenlernen. Eine Liebe wie vom Blitz getroffen. Toni und Edgar wollen gemeinsam die Welt erkunden, sich zusammen etwas aufbauen und dabei nicht den Beziehungs-Strukturen folgen, die ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. Es soll anders sein, besonders, moderner, eigensinniger. Als Edgar die Chance bekommt nach Hongkong zu gehen soll Toni folgen, sobald sich sein Leben dort gefestigt hat. Doch irgendwas kommt dazwischen, Toni löst die Verlobung, sie will nicht mehr länger vertröstet werden. Was bleibt ist der Trennungsschmerz und eine Liebe in Gedanken. Fünfzig Jahre später – und hier setzt der Roman ein – findet Tonis Tochter nach deren Tod die Briefe von Edgar. Sie fragt sich, was wäre wenn? Wer wäre Toni geworden, wenn alles anders gekommen wäre? Und wer war dieser Mensch, den ihre Mutter nie vergessen konnte?

Kristine Bilkau erzählt parallel von heute und damals. Von der Tochter Tonis, die auf den Spuren der großen Liebe ihrer Mutter deren ganze Lebensgeschichte ertastet. Stück für Stück. Und dabei nicht nur diese eine ganz große Liebe begreift, die für Tonis Mutter Ausgangspunkt für ihr ganzes weiteres Leben werden wird, sondern auch ihre eigene Beziehung zu ihrer Mutter aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten lernt. Bilkaus Erzählstil ist sanft und leise, verzichtet auf kitschige Details, setzt dafür liebe Akzente zwischen den Zeilen. Es schwingt etwas mit, in Bilkaus Geschichte, das man nicht ganz greifen, geschweige denn benennen kann, das aber dazu führt, dass man sich in ihren Worten geborgen fühlt. Etwas schade ist, dass der Zeitgeist der 60er Jahre dabei leider etwas auf der Strecke bleibt, er kann sich nicht ausbreiten, wird lediglich angedeutet und bleibt so sanft wie Bilkaus Erzählstil. Etwas weniger Zurückhaltung hätte ich hier gut gefunden, aber vielleicht hätte das dann nicht in den Ton der Erzählung gepasst, wäre aus der Reihe gerutscht und hätte irgendwie schief geklungen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein Roman, dem man anmerkt, dass jede Zeile wohlüberlegt und mit zartem Fingerspitzengefühl geschrieben ist. Eine Geschichte, die ohne dramatische Effekte, ohne Glitzer und knallige Farben auskommt, sich aber dafür angenehm ins Gedächtnis schleicht.

Luchterhand Literaturverlag | 252 S.

Günstig und/oder gebraucht Bücher erwerben?

So schön es ist, in der Buchhandlung nach neuen Schätzen zu graben, so weiß ich auch, dass man sich nicht immer die neuesten Bücher leisten kann. Hardcover kosten mitunter mittlerweile 24 bis 36 Taler (und leider keine Schokotaler) – da kann man nicht immer so beherzt zuschlagen, wie man das vielleicht gerne würde. Aus diesem Grund habe ich ein paar Alternativen gesammelt, die ich euch in diesem Beitrag vorstellen werde. Nichts davon kann das Stöbern in der örtlichen Buchhandlung ersetzen – das ist klar -, aber doch vielleicht ein wenig den frustrierten Knoten im Magen, der sich beim Blick ins Portemonnaie bildet, lockern.

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Bibliotheken:

Ja, das klingt komisch, aber ich habe gemerkt, dass viele vergessen, wie toll dort ein Besuch sein kann. Man streift durch die Gänge, an den endlosen Regalreihen entlang, taucht in zig verschiedene Geschichten gleichzeitig ein und das Beste: theoretisch kann man jede für eine bestimmte Zeit mit nach Hause nehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, falls sie letztlich nicht gefällt. Wenn doch: umso besser! (Es besteht ja später immer noch die Option, sich das Buch fürs eigene Regal zu kaufen.) Pro-Tipp: Auch Uni-Bibliotheken haben oft aktuelle Titel vor Ort – einfach mal schauen!

Tauschen:

Zum Beispiel mit Freunden, innerhalb der Familie oder via Social Media. Pluspunkt: Man redet gleich noch über die Lektüre! Oder: Tauschticket. Das ist eine Internetplattform, über die Bücher/CDs & Co. getauscht werden können. Jeder Tausch kostet eine kleine Gebühr plus Tickets, die man im Vorfeld durch selbst vertauschte Artikel erhält. Das System ist simpel und funktioniert super, wenn man nicht gerade auf der Suche nach den aktuellsten Titeln oder Bestsellern ist. Ab und an hat man aber auch da Glück.

Flohmärkte, Regalläden, öffentliche Bücherschränke:

Ich denke, das ist selbsterklärend. Besonders Bücherschränke finde ich super: hier kann man einfach Bücher ausleihen oder auch behalten. Im Gegenzug sollte man allerdings auch mal ein paar Bücher dort lassen – der Fairness halber. (Außerdem: Schenken kann so schön sein!)

Im Internet nach gebrauchten Büchern stöbern:

Hier gibt es zahlreiche Plattformen wie rebuy, medimops, booklooker, ebay usw., auf denen man nach gebrauchten Schätzen tauchen kann. Optimal, wenn man das Buch nicht unbedingt neu haben „muss“. Auf Arvelle gibt es zahlreiche Mängelexemplare günstig zu erstehen. Ich sehe das Ganze aber auch etwas kritisch, denn solche Plattformen locken natürlich mit Angeboten und Gutscheinen, damit man möglichst viel kauft. Da muss man abwägen, ob das wirklich nötig ist oder ob man das Geld dann nicht doch lieber in ein Buch aus der Buchhandlung investiert, statt sich zehn gebrauchte Bücher, die man vielleicht nie lesen wird, zu kaufen, nur weil sie eben günstig sind.

Es gibt also viele Möglichkeiten neben dem Neukauf eines Buches. Dabei kommt es immer darauf an, was man denn eigentlich möchte. Manchmal tut es gut, ein Buch neu zu erwerben. Eines, dessen Seiten man selbst als Erstes umblättert, das nur für einen selbst und niemanden sonst bestimmt ist. Aber manchmal, da ist es auch schön ein Buch zu lesen, das bereits ein bisschen was erlebt hat. Für mich ist die Mischung optimal. Wenn mein Budget es hergibt, gebe ich das auch super gerne in einer Buchhandlung meines Vertrauens aus. (Support your local bookstore!) Das ist aber eben nicht immer drin und da bin ich froh, dass es so viele Alternativen gibt.

[Rezension] „The Woman in the Window“ | A. J. Finn

Klappt man den Umschlag von „The Woman in the Window“ auf, springen einen sogleich Lobpreisungen von Stephen King, Gillian Flynn, Tess Gerritsen, Val McDermid und Nicci French an. Alles bekannte Thriller und Crime Autor*innen, die selbst große Erfolge feierten und dieses Buch ausdrücklich empfehlen. Noch dazu verrät der Klappentext, dass „The Woman in the Window“ bereits in 38 Sprachen übersetzt worden ist und derzeit von FOX verfilmt wird. Ok. Und was denkt man dann als geneigte*r Vielleser*in? Puh. Man fühlt sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Ich verrate nun schon mal so viel: ich bin froh, dass ich es dennoch gelesen habe und mich nicht von dem Hype habe abschrecken lassen, denn es ist wirklich gut!

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Anna Fox lebt nach einem traumatischen Erlebnis alleine in New York. Vor die Tür zu gehen wird für sie zur Qual, weshalb sie ihre Zeit damit verbringt, ihre Medikamente mit Alkohol zu schlucken, in online Foren nach Gleichgesinnten zu suchen, Film-Klassiker zu schauen oder ihre Nachbarn vom Fenster aus zu beobachten. (Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?) Die neuen Nachbarn, vor allem Mutter und Sohn, sind ihr sofort sympathisch, auch wenn sie sich gar nicht kennen, doch dann wird Anna durchs Fenster Zeugin eines fürchterlichen Überfalls, von dem ihr keiner so recht glauben will…

A. J. Finn, der übrigens ein der und keine die ist (Ich weiß nicht, warum ich das zunächst gedacht habe? Vielleicht, weil A. J. und J. K. … oder wegen der Ich-Erzählperspektive aus Annas Sicht?), nimmt sich in seinem Debütroman die Film-Klassiker zum Vorbild, allen voran, aber nicht nur, solche von Alfred Hitchcock. Alleine Titel und Geschichte erinnern bereits ein wenig an „Das Fenster zum Hof“, – einen wirklich tollen Film -, aber halt. Darum geht es hier ja nicht. Jedenfalls nicht im Detail, auch wenn knapp 50 Filmtitel im Laufe des Textes erwähnt – ja, ich habe sie alle gezählt! – werden und immer wieder Anspielungen darin vorkommen. Finn schreibt flüssig, klar, präzise und mit einem wunderbar trockenen Humor, der auch durch die Übersetzung noch wirkt (dafür ein Lob an Christoph Göhler) aus der Sicht von Anna, die leicht verrückt, aber doch trotzdem mutig dargestellt wird. Anfangs mag man noch ein wenig verwirrt sein, ich kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten wieso, denn dann würde ich zu stark spoilern – und das will ja niemand, ich am wenigsten -, aber das legt sich ganz rasch. Der Autor schafft es, die Geschichte so spannend zu verfassen, dass man sie fast in einem Rutsch lesen möchte und setzt dafür gekonnt tolle Vergleiche ein, sodass einem die Figuren praktisch vor den Augen tanzen:

„Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt (…)“

Mit der nicht ganz zurechnungsfähigen Anna, der mysteriösen Nachbarsfamilie Russel, einem hübschen, aber unnahbaren Untermieter sowie Annas Psychiater als Vertrauensperson und dem guten wie dem bösen Cop, sind alle Gefühlsregungen des Lesers abgedeckt. Es gibt Figuren, mit denen man mitfiebern kann und solche, die man nicht mögen will. Letztlich ist es aber doch so, ein Buch im Film-Noir-Stil wäre kein solches, wenn nicht alles irgendwie doch nicht ganz so wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer sich mit Film-Klassikern auskennt, der wird vielleicht etwas weniger überrascht sein, was den Ausgang des Buches angeht, aber vielleicht auch nicht. Spannend und unterhaltsam geschrieben ist es so oder so, demnach reihe ich mich ein und sage: lesenswerte Zwischendurch-Spannungslektüre!

Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler | blanvalet Verlag | 541 S.

[Lesemonat] März 2018

Der März in Büchern.

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„Friedrich der Große Detektiv“ | Philip Kerr

Fangen wir doch gleich mal mit einem Kinderbuch an, das unbedingt auch für Erwachsene geeignet ist. Warum? Weil es den Herrn Kästner auftreten lässt! Aber nicht nur das, in „Friedrich der Große Detektiv“ geht es um die unheilvoll summende, politisch aufgeladene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es thematisiert den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die Bücherverbrennung 1933 und andere wichtige geschichtliche Eckdaten, die der Autor leicht verständlich und sehr geschickt für Kinder verpackt in eine spannende Detektivgeschichte miteinfließen lässt und so fiktive mit realen Elementen kombiniert. Pädagogisch wertvoll nennt man das, glaube ich! (Minimal genervt war ich von dem Hispano-Suiza, der ungefähr drölfzigtausendmal Erwähnung gefunden hat. So lange, bis ich gegoogelt habe und nun weiß, was das für ein Auto ist.) Der Klappentext unterschreibt dieses Buch mit „(…) eine Hommage an Erich Kästner“, doch nicht nur das, es ist auch eine Hommage an Kerr selbst, der vor kurzem verstorben ist und mit diesem Buch noch einmal etwas Großartiges geschaffen hat.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ | Petra Hartlieb

Ich war noch niemals in … ja, New York auch, aber ich red von Wien! (War zwar schon mal fast auf dem Weg, aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der Reihe „Pleiten, Pech und Pannen mit Mia“.) Auf jeden Fall habe ich jetzt dank „Wenn es Frühling wird in Wien“ das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, allerdings in 1912 – was ehrlich gesagt fast noch besser ist – und hätte mit Arthur Schnitzler im Kaffeehaus ein Stück Sachertorte geschmaust. In dem Buch geht es nämlich um Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, und nun bei dem berühmten Dichter als Kindermädchen arbeitet. Als sie dann noch auf den Buchhändler Oskar trifft, der ihr die Welt der Bücher näher bringt, dürfte spätestens jedes Leserherz einen Hüpfer mit Salto machen. Die wunderbare Petra Hartlieb weiß nämlich ganz genau, wovon sie schreibt („Sechsundzwanzig Zeichen, um im Kopf einmal um die Erde, ins Mittelalter oder auf den Mond zu reisen.“), schließlich hat sie 2004 die „Buchhandlung Friedrich Stock“ übernommen (heute heißt sie „Hartliebs Bücher“ – vielleicht kennt ihr sie schon aus „Meine wundervolle Buchhandlung“?) und diese spielt in „Wenn es Frühling wird in Wien“ erneut eine zentrale Rolle.

Die Geschichte ist filigran und zart erzählt, fasst authentisch den Wiener Dialekt mit ein und spiegelt so ganz genau die Zeit der Belle Époque wider. Das Buch passt perfekt ins leichte frühlingshafte Handgepäck. Ich habe es problemlos lesen können, ohne den ersten Teil „Ein Winter in Wien“ gekannt zu haben, werde das aber sicher bald nachholen!

„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, fiel ich zunächst in so eine Art Schockstarre und anschließend überkam mich ein Hunger nach mehr. Nach mehr Wissen, nach mehr über Fallada, nach mehr über diese Zeit. Ich las den Anhang, googelte die Personen, die es tatsächlich gab, und schaute Dokumentationen. Das passiert, wenn einen ein Buch umhaut – und das ist sehr, sehr gut!

Der Titel des Buches: „Jeder stirbt für sich allein“ spricht irgendwie für sich und lässt erahnen, worauf man sich hier einlässt. Dank Fallada begleiten wir die unterschiedlichsten Personen – Leute mit und ohne Gewissen – durch Berlin während des Zweiten Weltkrieges, in dem selbst der Gedanke an ein freies Denken schon strafbar gewesen ist. Jede*r wird zum/zur Täter*in und viele zum Opfer. Widerstand gibt es trotzdem – und sei er auch noch so klein – alles zählt. Eine Geschichte von Mut und Stärke in einer Zeit, in der beides mehr denn je gebraucht wurde. Fallada schildert die Personen so plastisch, macht sie lebendig, dass man beinahe aufpassen muss, dass man nicht von der Gestapo oder aufgeplusterten Richtern angespuckt wird und setzt denjenigen ein Denkmal, die es wirklich verdient haben: den kleinen Leuten, die so viel mehr Größe zeigen als alle anderen zusammen.

Richtig gut ist auch Falladas kritischer sowie ehrlicher Blick, der sich vor allem, aber nicht nur, in den vermeintlich besseren Schichten abzeichnet: manche Sätze sprühen über vor trauriger Ironie – unbedingt lesenswert!

(Auch wissenswert: Fallada wollte den Roman zunächst gar nicht schreiben, weil er selbst nie wirklich Widerstand geleistet und so keinen Mut bewiesen habe. Zum Glück hat er sich dann aber doch für den Roman entschieden und diesen rauschhaft innerhalb von nur vier Wochen verfasst.)

PS: Das Buch hatte ich mir ausgeliehen, musste es mir dann aber doch gebraucht kaufen, weil das so eines ist, das ich unbedingt im Regal stehen haben wollte. Und nein, das tut mir kein bisschen leid!

„The Woman in The Window“ | A.J. Finn

Dieser Thriller ist ein spannendes, soghaftes Leseerlebnis mit Gänsehautfaktor. Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn Bücher im Vorfeld schon so angepriesen werden im Sinne von „übersetzt in 38 Sprachen, derzeit von FOX verfilmt“ (ihr versteht sicher, was ich meine…) Da habe ich mich auch nur herangewagt, weil das Buch sowas wie eine Hommage an Film-Klassiker von Hitchcock & Co. ist und ja, da bin ich dann auch neugierig geworden.

Die Protagonistin Anna kann aufgrund eines Traumas ihr Haus in New York nicht mehr verlassen. Um nicht ganz einsam zu sein, beobachtet sie ihre Nachbarn durch ihr Kameraobjektiv und (er)lebt so durch diese einen halbwegs „normalen“ Alltag. Bis sie einen brutalen Vorfall direkt gegenüber sieht, der sie an die Grenzen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit bringt. Denn niemand will ihr glauben, was laut Anna im Haus ihrer Nachbarn geschehen sein soll.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich die Geschichte so fesseln würde und ich habe die ganze Zeit mit Textmarker in der Hand dagesessen, um mir die zahlreichen Film-Klassiker zu unterstreichen, die erwähnt werden. (Ich würde sagen: Die nächsten Monate sind ausgebucht!) Was mich ebenfalls begeistert hat, ist A.J. Finns Schreibstil, der durch ungewöhnliche, aber unglaublich gute sprachliche Bilder und Vergleiche eine tolle Atmosphäre schafft und auch, wenn man sich als Hitchcock-Kenner*in ungefähr denken kann, wie die Geschichte ausgeht, hat es super viel Spaß gemacht und ist daher ein richtig gut unterhaltender Thriller.

„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Ein unbedingt lesenswertes Stück Geschichte um die Zeit während/nach den Novemberpogromen 1938 in einem Buch, das auch zu eben jener Zeit verfasst und nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Der Protagonist Otto Silbermann zählt vielleicht nicht unbedingt zu den sympathischsten Figuren, aber unter dieser etwas undurchsichtigen Schale steckt ein verletzlicher, verängstigter Mann, dem man zuerst sein Zuhause, sein Hab & Gut und dann seine Würde und somit alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, nimmt, denn: er ist Jude. Einen anderen Grund braucht es damals nicht. Eindringlich, bedrückend und erschreckend real geschrieben, sodass mir ein paar Mal der Atem stockte. Als Leser*in begibt man sich mit Silbermann auf eine Reise, die nichts auslässt und die einen so mitfühlen lässt, das einem ein Schauer über den Rücken läuft. Man bekommt alleine durch die bedruckten Seiten einen sehr intensiven Eindruck, wie stark Unterdrückung und falsche Macht auf ein einzelnes Individuum wirken können und was letztlich dadurch passieren kann, dass ich dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es ist so wichtig!

„Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Auch hier haben wir einen authentischen Text aus den 1930er Jahren, aber zum Ausgleich die etwas heiterere Seite ebenjener Zeit. Wilson Collison hat sich damals vor allem durch Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden, einen Namen gemacht – und genau so liest sich auch „Tod in Connecticut“. Sehr szenisch, mit ausgereiften, durch und durch bildhaft vorstellbaren Charakteren und einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Frauenfigur. Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. So kommt es zu einem dramatischen Liebes-Viereck, das in einen Mordfall gipfelt.

Sprachlich hat mir das Buch durchaus sehr gut gefallen, leider konnte mich die Geschichte eher wenig überzeugen. Nicht, dass sie „schlecht“ gewesen wäre (das ist ja auch immer irgendwie Ansichtssache), aber sie hat mich einfach nicht mitgerissen. In einem Film kann ich mir die Geschichte wiederum sehr gut vorstellen, aber auf Papier war es mir zu viel Liebes-Drama – leider.

„Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey schreibt über die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen. „Im Enddefekt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die vor allem durch ihre Sprache besticht, die sehr eigen, sehr bildhaft, sehr stark ist und ein wenig an Poetry-Slam erinnert. Ohne, dass es blöd klingen soll, aber ich glaube: das muss man mögen. Es geht hierbei um Themen wie Verlassen (werden), Abschied, Neuanfang, Ruhelosigkeit, Zukunftsangst und viele ähnliche Gedanken, die man – nicht nur, aber vor allem -, Anfang/Mitte Zwanzig in seiner vollen Wirkungskraft spürt, weshalb ich dieses Büchlein, das auch optisch ein echter Hingucker ist, vor allem jüngeren Leser*innen empfehlen würde, weil man sich – so glaube ich – bei der Autorin bestimmt recht oft wiederfinden kann. Sowas ist immer ein tolles Leseerlebnis.

„Dies Herz, das dir gehört“ | Hans Fallada

Mich hat das Buch inhaltlich wie thematisch ein wenig an “Kleiner Mann – was nun?” erinnert. (Zwei Liebende, die sich den Umständen der Zeit entgegenstellen; mit einer starken Frauenfigur. Die Hauptcharaktere Hannes und Hanne ähneln also in ihrem Verhalten Johannes und Lämmchen aus “Kleiner Mann – was nun?” sehr.) Das macht nun aber gar nichts, weil es sehr viel Freude bereitet, einen Roman von Fallada zu lesen. Seine Art des Erzählens ist unnachahmlich! Was man hier wissen muss: “Dies Herz, das dir gehört” war ursprünglich in den 30ern/40ern als Filmvorlage geplant. Zu einer Verfilmung kam es – aus unterschiedlichen Gründen – nie. Falladas Geschichte zeigt vor allem im ersten Abschnitt deutlich, dass dieses Buch, um überhaupt veröffentlicht werden zu dürfen (was ja nun letztlich doch nicht geschah), so geschrieben werden musste, dass die damaligen „Kontrollinstanzen“ zufriedengestellt wurden.
Fallada baut in “Dies Herz, das dir gehört” Sätze ein, in denen er seine Figuren darüber reden lässt, dass nun in Deutschland endlich wieder die Sonne scheinen würde. (Im Sinne von es gibt Arbeit und die Wirtschaft ist im Aufschwung.) Aus heutiger Sicht liest sich recht leicht heraus, wo Fallada wohlwollend der NS-Propaganda gegenüber schreibt – die Sätze wirken wie extra eingebaut – und wo nicht. Es ist interessant und gleichzeitig erschreckend, diese Diskrepanz zu anderen Texten zu sehen, wobei Fallada hier auch wirklich nur ganz dezent wohlwollend schreibt, was wahrscheinlich der Grund ist, wieso es während der 1930er/40er zu keiner Veröffentlichung kam und er kurzzeitig als unerwünschter Autor galt.
Was mich etwas irritiert hat, sind die Zeitsprünge. Falladas Text ist nicht konstant im Präsens/Präteritum, sondern immer in Abschnitten in der Gegenwart und dann wieder in der Vergangenheit geschrieben, man kann praktisch mitverfolgen, wann er wieder neu angefangen hat zu schreiben. Vielleicht liegt das auch an der Rekonstruktion des Buches in den 90ern? Nichtsdestotrotz: ein echter Fallada und unbedingt lesenswert!

(Sowie diverse Bücher von Erich Kästner und „Krabat“ von Otfried Preußler.)

[Rezension] „Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Wilson Collison hat sich vor allem durch seine Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple zu Kassenschlagern wurden, einen Namen gemacht. Er veröffentlichte ebenso zahlreiche Romane, in denen meist junge Frauen, die nicht den Regeln folgten, zu Heldinnen avancierten. „Tod in Connecticut“ wurde 1931 zum ersten Mal in englischer Originalausgabe veröffentlicht und liegt nun dank des Louisoder Verlages in deutscher Übersetzung durch Johanna von Koppenfels vor.

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New York in den 1920er Jahren: Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. Ihr freier Lebensstil verleitet die Menschen um Nolya herum, ihr einen nicht gerade hübschen Stempel zu verpassen. Doch es ist ihr ziemlich egal, was andere denken. Sie kann es sich zudem leisten, da die Gesellschaft durch ihren hohen Stand immer noch einen gewissen Respekt vor ihr walten lässt. (Immer im Hinblick darauf, in welcher Zeit wir uns mit dem Roman befinden!) Ja, manche bewundern sie sogar für ihren Mut. Nur wenn es um Arthur, den bereits verheirateten Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts geht, in den sie schwer verliebt ist, versucht sie Vernunft walten zu lassen, um ihn zu schützen. Denn Arthurs Vater ist hinter die Affäre gekommen und versucht diese mit allen Mitteln zu unterbinden. Währenddessen bemüht sich der Künstler Neil um Nolyas Gunst, aber die hat eben trotzdem nur Augen für Arthur. Als noch ein dritter Mann, Bobby, in Nolyas Leben auftaucht, ist das Chaos komplett. Auf der Silvesterparty von Arthurs Vater eskaliert die Situation und es kommt zu einem Todesfall.

Ich habe schon oft erwähnt, dass mich Romane und Geschichten aus den 1920er und 1930er Jahren besonders interessieren. Gerade wenn es um Bücher geht, die auch tatsächlich während dieser Zeit verfasst wurden. Denn aus heutiger Perspektive ist es nahezu unmöglich eine derartige sprachliche Authentizität einzufangen wie es zum Beispiel bei Wilson Collison der Fall ist. Man merkt schnell, aus welchem Metier Collison kommt und nach wenigen Zeilen schon fühlt man sich direkt wie in einem Film mit Clark Gable. Die Figuren sind klar gezeichnet und permanent hängen Fragen im Raum, die der Roman aufwirft und die man als Leser*in hofft gegen Ende der Geschichte beantwortet zu finden. Die Gespräche sind intelligent und erinnern in ihrer Formulierung an Theaterstücke, doch trotzdem hat mich „Tod in Connecticut“ nicht vollends begeistern können – und das liegt an der Geschichte selbst, die gar nicht schlecht ist, nur einfach nicht meinen Geschmack getroffen hat. Es dauert etwas mehr als die Hälfte des Romans, bis dieser eine richtig spannende Moment auftritt und dieser zerbröselt dann relativ schnell auch schon wieder. Stattdessen geht es in „Tod in Connecticut“ hauptsächlich um eine Vierecks-Geschichte, um unerfüllte, unerwiderte Liebe und zwischendurch, da bricht das auf und Collison bringt richtig gute Gedanken hervor, die die damalige Gesellschaft kritisieren. Leider für mich einfach zu wenig, um gänzlich am Ball bleiben zu können. Ich habe mir wohl einfach eine spannendere Detektivgeschichte oder etwas ähnliches erwartet. Auf Leinwand oder Theaterbühne gebracht, kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen, dass die Geschichte glänzt. Auf papierne Seiten gedruckt, ist sie für mich ein wenig zu blass geblieben, auch wenn ich die Sprache und Ausdrucksformen des Autors als sehr eindrücklich empfunden habe.

Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna von Koppenfels | Louisoder Verlag | 303 Seiten

Hans Fallada | Im Rausch des Schreibens

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(Bildquelle: hier)

Seitdem ich begonnen habe, Hans Falladas Bücher zu lesen, bin auch ich in so einer Art Rausch. Das Wort klingt in meinem Fall wohl ein wenig überzogen, wobei… nein, ich bin schlichtweg rauschartig fasziniert. Fasziniert von den Worten, aus denen Fallada da eine Geschichte nach der anderen gezaubert hat und aus denen so viel Wahrheit spricht.

Wenn mich Bücher derart einnehmen, dann möchte ich mehr. Nicht nur mehr Bücher, sondern Hintergrundwissen. Was, wieso, weshalb? Spätestens nachdem ich las, dass Fallada seinen letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ innerhalb von 4 Wochen niederschrieb, wurde dieser innere Drang nach Wissen aktiviert. Wer war dieser Mensch? Wie konnte er so genau die Welt, besonders die „der kleinen Leute“ beschreiben? Sehr wahrscheinlich erzähle ich den meisten nichts Neues, aber ich muss das für mich selbst aufschreiben: Fallada hatte ein Leben wie seine Bücher.

Hans Fallada, geboren als Rudolf Ditzen, zeigte bereits als Kind ein auffälliges, von Psychosen dominiertes Verhalten. Das nicht genug, duellierte er sich 1911 mit einem Freund – ihr Vorhaben: Doppelselbstmord – und tötete ihn dabei. Fallada selbst blieb am Leben, was ihn wohl weniger gefreut hat, für uns Leser*innen aber ein Glück ist. Nach diesem Unfall/Mord wurde Fallada in die Psychiatrie eingewiesen (es wird nicht das letzte Mal sein). Als er 1913 entlassen wurde, wollte er sich ein Jahr später zum Kriegsdienst melden, wurde jedoch ausgemustert und führte daraufhin ein von Alkohol und Drogen dominiertes relativ wildes Leben, das von da an von zwei konflikthaften Gegensätzen bestimmt wurde: Trinken & Morphium vs. Entzug, besonders vom Alkohol kam er nicht los. In den Entzugsphasen, noch bevor er mit seinen Romanen Geld verdienen konnte, lernte er das Leben der kleinen Leute kennen, das sich hauptsächlich durch harte, körperliche Arbeit und wenig bis gar kein Geld auszeichnete. Dies nützte ihm später u.a. als Milieustudie. Generell kann man sagen, dass alles in Falladas Leben aus Extremen bestand, die sich in Gegensätzen zeigten. Schon alleine sein gewähltes Pseudonym, das von dem Märchen „Hans im Glück“ und dem ans Tor genagelten Kopf des Pferdes Fal(l)ada aus dem Märchen „Die Gänsemagd“ zusammengesetzt ist – und somit Glück und Unglück vereint. Ein Sinnbild seines Empfindens. Später wurde Fallada noch einige Male in die Psychiatrie eingewiesen und musste mehrmals – wegen Betrugs und versuchten Totschlags – ins Gefängnis.

Seiner Arbeit als Autor tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, es scheint, als habe er diesen Schreibwahn gebraucht, um sich befreien zu können, von allem, was ihn belastete, was ihn umtrieb. Sei es die eigene Trink- und Drogensucht („Der Trinker“), seine Erfahrungen im Gefängnis („Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“), Gesellschaftsportraits der Weimarer Republik („Kleiner Mann – was nun?“, „Wolf unter Wölfen“) usw. „Jeder stirbt für sich allein“ grenze ich da aus, denn diesen Roman wollte er zunächst nicht schreiben (na, zum Glück hat er’s doch gemacht!). Die Geschichte behandelt das Thema des Widerstands im Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt ein Ehepaar, das tatsächlich gelebt hat und das Postkarten geschrieben hat, um die Wahrheit kundzutun. Für damalige Zeiten ein gefährliches Unterfangen. Und mutig. Ein Grund, warum Fallada sich zunächst weigerte. Er sei – im Bezug auf den Widerstand – nie mutig gewesen. „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein beeindruckender und nachdrücklich wichtiger Roman, in dem sich aber auch wieder Falladas eigene Erfahrungen widerspiegeln, v.a. in den Nebenfiguren: dem Spieler, dem Trunksüchtigen, dem Betrüger, dem Gefängnisinsassen. Sprachlich ist es nicht sein bester Roman (in Anbetracht der mickrigen 4 Wochen Schreibzeit aber durchaus Wahnsinn), dafür jedoch der mit der wichtigsten Aussagekraft.

Es stellt sich die Frage, ob seine Werke so grandios geworden wären, wenn Fallada nicht Fallada gewesen wäre? Benötigt man einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung, um solche Bücher zu schreiben? Eine Antwort darauf kann man sicher nicht geben, aber Fallada gehört zu diesen großartigen Autoren, die im Schreiben leben und sterben, weil sie jedem Buch ein Stück von sich selbst geben. Und dafür kann man ihm nicht genug danken. Seine Bücher sind heute so bedeutend und aktuell wie damals.

Empfehlenswert: „Hans Fallada – Im Rausch des Schreibens“ (eine Dokumentation) und „Hans Fallada. Die Biographie.“ von Peter Walther im Aufbau Verlag erschienen.

[Rezension] „Jack“ | Anthony McCarten

Ich freue mich immer sehr über einen neuen Roman von Anthony McCarten, weil dieser Autor/Drehbuchautor/unfassbar kluge Mensch ein ganz feines Gespür dafür hat, seine Figuren, die oft nach realen Vorbildern kommen, so authentisch wie möglich darzustellen. Dazu gehört neben einer genauen Recherche auch eine ganze Menge Humor und ein detaillierter Blick für solch kleine Dinge wie besondere Angewohnheiten. McCarten ist so eine Art Multi-Talent und ich kann nicht anders, als ihn dafür zu bewundern. Für seinen neuesten Roman hat sich McCarten Jack Kerouac und die Beat Generation zur „Buchvorlage“ gewählt:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

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In „Jack“ geht es also um Jack Kerouac, den berühmten Autor von „On the Road“ („Unterwegs“), der mittlerweile seine Glanzzeit hinter sich gelassen hat und als mehr oder weniger galantes Wrack in Florida vor sich hinlebt bzw. … -stirbt, denn vom Alkohol kann er schon seit Jahren nicht mehr die Finger lassen. Er fristet sein Dasein mit Bier vor dem Fernseher statt mit dem Kopf im Buch, ungepflegt und mit einem wirren Ausdruck im Gesicht, aber der Geist ist höchstens beduselt, sonst noch ganz klar, da steht plötzlich die Literaturstudentin Jan vor der Tür. Sie möchte Kerouacs Biographie aufschreiben. Dieser will sie fortjagen, doch die Möglichkeit, einen Blick zurück zu wagen, ist verlockend und so beginnt eine Art gedanklicher Road-Trip, der für alle zur Belastungsprobe aus Liebe, Verrat, Geheimnissen, Drogen und Tod wird.

McCarten schafft es in seiner Geschichte über Kerouac und die Beat Generation neben dem ernsten Grundton des Romans doch immer eine Menge Humor zu wahren. Nein, nicht nur zu wahren, er setzt ihn gekonnt an den richtigen Stellen ein, so dass das melancholische Gefühl, das beim Lesen entsteht, lediglich in ganz zarter Dosierung abgegeben wird und der Roman an Schwung und Dynamik gewinnt. Zusätzlich baut McCarten immer wieder Sachen ein, die man so gar nicht erwartet hätte: er überrascht – und das immer wieder! Trotzdem muss ich gestehen, dass ich „Jack“ nicht als McCartens besten Roman empfinde. Ich nehme das aber auf meine Kappe, denn ich glaube, dass man für das Buch noch sehr viel mehr Hintergrundwissen benötigt, um so richtig tief in die Geschichte einzutauchen – und dieses Wissen fehlt mir. Ja, die Beatniks und Kerouac sind mir ein Begriff und man kann McCartens „Jack“ auch sehr gut lesen, ohne dass man alles über die Gang um „On the Road“ weiß, aber, nun ja, es hilft dann doch beim Lesen, um gewisse Verbindungen herzustellen. Da es in „Jack“ aber noch um viel mehr geht als Kerouac und seine Generation, nämlich vor allem auch um die Frage, wer man wirklich ist und was man vom Leben will, hat es mich dann doch gekriegt. Ganz besonders natürlich wegen McCartens Art zu schreiben, die neben Unterhaltung auch Tiefgang bietet. Fazit: Unbedingt lesenswert!

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié |Diogenes Verlag | 256 S.