„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

DVA Verlag | 287 S.

„Sommer in Super 8“ | Anne Müller

Ich nehme mal die Pointe vorweg: ich bin ein bisschen verliebt in das literarische Debüt von Anne Müller, die Theater- und Literaturwissenschaften studiert, anschließend als freie Radiojournalistin gearbeitet und sich später dem Drehbuchschreiben gewidmet hat. Heute lebt sie in Berlin, aber aufgewachsen ist Anne Müller in Schleswig-Holstein und man könnte fast meinen in Schallerup, einem kleinen (mehr oder weniger fiktiven?) Örtchen an der Ostsee, in das uns die Autorin mit „Sommer in Super 8“ entführt.

Clara König, die Ich-Erzählerin, nimmt uns mit in eine Kindheit der 70er Jahre. TriTop, „Dr. Sommer“, Apfelshampoo und eine Familie, die auf den ersten Blick wie eine Vorzeige-Familie auf Super-8-Filmen projiziert wirkt. Clara wächst als mittleres Kind unter fünf Geschwistern auf. Der Vater ist Landarzt, die Mutter intelligent, hübsch und immer ein bisschen schicker als die anderen Dorffrauen in Schallerup. Neben den guten Zeiten mit schillernden Partys, Ausflügen an die Ostsee, Tanzstunden und Klavierunterricht gibt es auch die dunklen Stunden, die nicht auf Super-8-Filmen zu sehen sind, weil sie vertuscht und unbelichtet jenseits des Bildrandes liegen. Nämlich die, wenn die Eskapaden des Vaters das Familienleben erschüttern und die schöne Fassade zu bröckeln beginnt.

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Anne Müller schreibt feinfühlig, humorvoll und lebensnah von einer Kindheit, wie wir sie alle so oder so ähnlich erlebt haben könnten. In drei Teilen lässt sie die Ich-Erzählerin Clara König von den sorgenfreien Kindheitstagen berichten, über die Zeit, in der das Leben anfängt komplizierter zu werden bis hin zur Schwelle des Erwachsenwerdens, in der die Sorgen der Erwachsenen auch die der Heranwachsenden werden und in der die Weichen entscheidend für die Zukunft gestellt werden. In knappen Kapiteln, die fast wie an einem roten Faden zusammenhängende Kurzgeschichten wirken, skizziert sie Freundschaften und Feindschaften, den Alltag sowie zugehörig den Klatsch auf dem Dorf, die Sorgen und Probleme als Heranwachsende/r, die lustigen wie die traurigen Momente und beschreibt eine Familie, die – obwohl sie sich liebt – nach und nach immer weiter auseinanderfällt. Die Autorin charakterisiert die einzelnen Figuren so herrlich anschaulich und greifbar, dass man sofort das Gefühl bekommt „die oder den kenne ich doch!“, auch wenn das natürlich gar nicht sein kann, aber durch die Art der Erzählung fühlt man sich als Leser/in stark an die eigene Kindheit erinnert, sucht und findet vielleicht Parallelen im eigenen (Dorf)leben – und sei es bloß der Konfirmandenunterricht, der irgendwie lästig und streng doch einen wichtigen Punkt auf dem Weg hin zum Erwachsenwerden markiert. Besonders nahe ging mir die Erzählung über den Vater König, der mit all seinen Fehlern, Sorgen und Nöten nicht unbedingt immer gut weg kommt, aber doch so nachvollziehbar ehrlich und echt wirkt, dass ich am Ende schon ein wenig mein eigenes beklommenes Gefühl vertreiben musste.

„Sommer in Super 8“ ist ein Roman voll leichtfüßiger Momentaufnahmen, der aber auch darüber hinaus in die weniger hellen Ecken abseits des Bildrandes leuchtet und Fragmente eines Familienlebens zu einem Ganzen zusammenfügt, das den oder die Leser/in an die eigene Kindheit und die der Eltern denken lässt. Ein lustiger und zugleich zeitweilig tieftrauriger Roman, der zeigt, dass nicht alles im Leben schön im Super-8-Format schillert.

„This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ | Sophia Hembeck & Julia Feller

Trennungen laufen im seltensten Fall so ab: maximal ein bisschen traurig, vielleicht auch ein bisschen wütend, aber man kommt schnell darüber hinweg, denn andere Mütter haben auch schöne Söhne und Töchter. Bei Trennungen ist in der Realität leider nichts mit „ein bisschen“. Trennungen sind scheiße. Während eine/r leidet, kommt der/die andere sich vor, als wäre plötzlich die Welt stehen geblieben. Aber, äh, wieso dreht sie sich noch? Und, wohin mit all diesen Gefühlen, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießen und gefährlich giftig für Körper und Seele zu sein scheinen?

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Sophia Hembeck und Julia Feller gehen genau diesen unangenehmen Gefühlen in ihrer Graphic Novel „This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ auf den Grund. Ziemlich ehrlich, herrlich authentisch und wunderbar ironisch. Während Sophia Hembeck dieses ominöse, all umfassende Ding der Trennung mit Worten entwirrt, widmet sich Julia Feller der grafischen Untermalung. Sie zeigen verschiedene Phasen einer Trennung und mögliche Bewältigungsstrategien, die zwar übersteigert dargestellt sind, aber trotzdem den Kern treffen und beziehen sich dabei explizit auf ein ganz persönliches Erlebnis. So kommt es, dass auf einer Doppelseite auch mal eine Kalaschnikow auftaucht, wenn die Autorin feststellt, „dass das nicht die Wahrheit ist, sondern eine Kalaschnikow.“ Ja, hätte sie mal nicht gefragt. Denn das Hinterfragen einer Beziehung ist vielleicht der Anfang vom Ende. „Wörter haben plötzlich eine ganz neue Bedeutung.“, aber es hilft auch, diese aufzuschreiben. Gedanken auf Papier zu bringen, Klarheit in einem Chaos aus vorherrschenden Gefühlen zu bekommen. Deshalb folgt auf das Hinterfragen die Wahrheit, die schmerzen kann, die seine Zeit dauert, um sie anzuerkennen, bis aus der Wahrheit Gewissheit und irgendwann Akzeptanz wird und in einem: „Du kannst deine Sachen abholen“, mündet.

Hembeck und Feller zeigen in ihrer Graphic Novel, dass es verschiedene Schritte vom Anfang des Endes bis zum endgültigen Schlussstrich zu durchaufen gilt – und das gelingt beiden künstlerisch außerordentlich gut. Die Illustrationen und Worte bilden eine Einheit, auch wenn die Typografie an manchen Stellen etwas zu stark im Vordergrund steht und das Gesagte so in den Hintergrund drängt bzw. schwieriger lesbar macht. (Das mag auch an meinen schlechten Augen liegen.) Ich glaube, jede/r wird sich in der ein oder anderen Trennungsphase wiederfinden können und so manchen Gedanken teilen, auch wenn die Gründe für das Ende einer Beziehung sehr vielfältig und variabel sind: das, was man da fühlt und durchlebt bleibt immer ähnlich. Ähnlich unangenehm und unnötig. Umso großartiger, dass daraus etwas so Schönes wie „This Feeling of Emptiness – Like Shopping for Groceries and Forgetting to Bring the Pfandflaschen“ geworden ist!

Verwirrnis | Christoph Hein

Wenn man sich mit deutscher Literatur befasst, stolpert man immer wieder über den Autor Christoph Hein, dessen Romane zum Teil sehr einprägsame Titel tragen. U.a. „In seiner frühen Kindheit ein Garten“, „Glückskind mit Vater“ und jetzt kürzlich erschienen „Verwirrnis“. Und auch wenn einige seiner Romane vielfach ausgezeichnet worden sind, was so viel heißt wie: da sollte man wenigstens einen Blick hineinwerfen, habe ich bisher noch nie etwas von Christoph Hein gelesen. Nun aber „Verwirrnis“ – und das aus einem ziemlich kuriosen Grund, denn der Roman spielt zu einem großen Teil in Heiligenstadt, einem Ort in Thüringen, den ich zufälligerweise ganz gut kenne. Klar, habe ich gedacht, da willst du doch mal schauen, wie ein berühmter Autor eine Stadt und ihre Einwohner (auch wenn es nur fiktive Personen sind) bei dir in der Nähe charakterisiert.

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Aber natürlich war das nicht der einzige Lesegrund, denn „Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über Musik und Literatur, fahren zusammen in den Urlaub und sind unzertrennlich. Nach außen hin wahren sie den Eindruck der besten Freunde – und das sind sie auch-, aber da ist noch etwas mehr. Friedeward und Wolfgang lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen, scheinbar freieren Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Denn auch hier darf kaum jemand von ihrer Liebe wissen. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, gehen beide Scheinehen ein, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer.

Christoph Heins neuestes Buch ist ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird und beide Charaktere somit an den gesellschaftlichen Rand katapultiert. Nur wer in die Norm passt, gehört dazu. Alle anderen werden ausgegrenzt. Das ist eine enorme Belastung für Friedeward und Wolfgang, die sich deshalb dazu entschließen, ihre Liebe geheim zu halten. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen. Und beide gehen unterschiedlich damit um. Dass sie darunter leiden wird zwar deutlich, aber auf andere Weise dargestellt – und das ist gerade der Kniff, dessen sich Hein bedient. Er zeigt den individuellen Leidensweg der Figuren und dass nach außen tough nicht immer auch innen tough bedeutet, dass menschliche Entwicklung immer abhängig von äußeren – gesellschaftlichen, politischen, familiären – Umständen ist und dass die Stärksten oft die vermeintlich Schwächsten sind. Gerade die Situation mit den Scheinehen wird sehr eindrucksvoll geschildert. Friedeward, der sich zunächst sträubt und Wolfgang, dem das alles scheinbar kaum etwas ausmacht. Scheinbar. Die innere Zerissenheit der Charaktere spiegelt gleichwohl die Zerissenheit des Landes wieder, das nach dem Zweiten Weltkrieg gespalten und in Trümmern darliegt. „Verwirrnis“ ist daher fast schon ein Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt – auf vielerlei Ebenen. Und auch wenn ich viel Positives über dieses Buch sagen kann und mag, hat mich doch leider die Vorhersehbarkeit der Geschichte ein wenig gestört, denn der einzige wirkliche Überraschungsmoment blitzt erst am Ende kurz auf. Mir persönlich hätte der Roman mehr zugesagt, wenn noch mehr auf die innere Zerissenheit der Charaktere eingegangen wäre, das hat mir an manchen Stellen und besonders ab der Hälfte des Romans doch etwas gefehlt. Dennoch ist „Verwirrnis“ ein wichtiges und gutes Buch, das von einer Zeit im Umbruch erzählt, in der Menschen alleine aufgrund ihrer Liebe gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Ich würde gerne sagen, dass sich das mittlerweile geändert hat, aber auch wenn sich in einigen Teilen der Welt die Gesetze zum Glück (!) gewandelt haben, neigt unsere Gesellschaft immer noch und immer häufiger dazu, Menschen, die nicht in ihr institutionalisiertes heteronormatives Weltbild passen, auszugrenzen. Daher ist es gerade gut, dass es solche Romane wie „Verwirrnis“ gibt, die sensibilisieren und zeigen, dass es zwar eine deutlich positive Veränderung von damals zu heute gibt, aber dass es trotzdem wichtig ist, weiter gegen Diskriminierung und für Gleichstellung und Gerechtigkeit zu kämpfen.

Suhrkamp Verlag | 303 S.

[Lesemonat] August

Ausgelesen im August :

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Der Weg zurück | Erich Maria Remarque

„Der Weg zurück“ ist so gesehen die Fortsetzung von „Im Westen nichts Neues“. Man trifft ein paar alte Bekannte wieder (wenn auch nicht namentlich erwähnt), aber auch neue Gesichter und alle haben eines gemeinsam: wie soll weitergelebt werden, nachdem das Leben schon längst vorbei schien? Wie leben, wenn andere sterben? Wie den Weg aus Krieg, Terror und Angst zurück in den Alltag finden – in Schule, Arbeit, Familie, sich mit Menschen umgeben, die nicht verstehen können. Antikriegsliteratur, die nie an Aktualität verliert, weil so viele Szenen, Sätze, Gedanken darin vereint sind, die nahe gehen, die nachdenklich machen und die auf so vieles im Jetzt übertragbar sind. Dazu Remarques sachliche, aber dennoch tiefgründige Schreibweise. Es ist keine einfache, keine bequeme Lektüre, aber doch eine sehr wichtige und verdammt gute.

Für dich würde ich sterben | F. Scott Fitzgerald

Wir hatten einen etwas schweren Start. Die ersten Erzählungen waren ganz nett, ja wunderschön zu lesen – hier ein großes Lob an die ÜbersetzerInnen -, aber irgendwie… ohne besonderen Tiefgang. Dann kam „Für dich würde ich sterben“ (macht schon Sinn, dass der Erzählband nach dieser Geschichte benannt ist) oder auch „Die Perle und der Pelz“, „Wirbelsturm in stillen Gefilden“ (…) und so zart schmelzende Halbsätze wie: „ (…) Augen, die auf Fotos und im Film ein ganz eigenes Sternenlicht besaßen.“ Damit kriegt Fitzgerald mich – immer wieder! – und ich bin (erneut) ein bisschen verliebt in seine Worte, in seine Geschichten.

Erzählungen aus dem Jazz-Age und darüber hinaus auch solche, die schwermütiger sind, sich mit der Traurigkeit und dem Ernst des Lebens befassen. Wunderbar!

 

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Vox | Christina Dalcher

Ich habe wirklich versucht dieses Buch zu mögen, aber nach ungefähr zehn an die Seite geschriebenen „WTF“s meinerseits und einer Menge Kopfschüttel-Momenten habe ich es dann doch aufgegeben. „Vox“ ist vom Grundprinzip her kein schlechter Roman (die Aufteilung von „gut“ und „schlecht“ finde ich eh blöd, ist halt oft Geschmackssache), denn hier gibt es eine Menge Anspielungen auf aktuelle (gesellschafts-)politische Themen – vordergründig in den USA. Die Idee des Romans: in naher Zukunft verfügen Frauen lediglich noch über 100 Worte pro Tag, alles darüber wird mit einem Stromstoß aus einem Armband, das alle Frauen tragen müssen, bestraft. Somit werden sie entmündigt. Die Geschichte zielt eigentlich darauf ab, Frauen in ihrer Meinung zu bestärken, indem sich selbstverständlich (!) eine kämpferische Protagonistin (Jean) gegen die Mehrheit stellt. Das funktioniert für mich allerdings nicht, da die Hauptfigur Jean irgendwie bloß so reinschlittert. Sie wirkt nicht kämpferisch, sondern eher so, als würde ihr trotz allem alles irgendwie so zufallen. Das wiederum liegt daran, dass die Geschichte viel zu konstruiert, teilweise auch unlogisch ist. Die Sätze klingen holprig, die Figuren wirken nicht greifbar. Für mich hat der Roman mit dem Auftauchen von Lorenzo, dem italienischen Adonis (kein Scherz!) und heimlichen Geliebten Jeans, sehr viel an Substanz verloren. Ich glaube, dass man sich von dem Buch schon unterhalten lassen kann, sofern man sich darauf einlässt – und eben das war mir nicht möglich, weil ich so oft daran denken musste wie viel origineller, sprachlich wie inhaltlich komplexer das Margaret Atwood, die Queen der (feministischen) Dystopien das doch kann.

Hundert: Was du im Leben lernen wirst | Heike Faller & Valerio Vidali

Möglicherweise ist dieses Buch mit eines der schönsten (Geburtstags)geschenke, das ich je erhalten habe und für das Worte nicht annähernd genug sind. Schon oft bei anderen bewundert, war das halt immer nur am Bildschirm. Jetzt in echt da durchzublättern, die Finger übers Papier streifen zu lassen, jede einzelne Seite einzuatmen, macht unfassbar glücklich. Und ein bisschen schwermütig. Aber nur, weil das Leben hier so echt, so greifbar, so nah dargestellt wird, dass es fast schon ein wenig wehtut -, weil zum Leben eben auch die Vergänglichkeit dazugehört. Von 0 bis 99 erzählt es in wenigen Worten – und es sind die passendsten und einfühlsamsten, die man sich vorstellen kann, – was man im Leben lernt. Es berichtet von den schönen Dingen. Und den traurigen. Und, dass alles nah beieinander liegt. Es zeigt, dass man manche Sachen lernt, um sie im Lauf des Lebens wieder zu verlernen. Aber auch, dass man Dinge mit ein wenig Erfahrung anders bewertet und dass das, was wirklich wichtig ist, nicht ist, wie andere einen sehen oder haben wollen (sowieso nicht!) , sondern wie man in die Welt schaut, was man mitnimmt. Manchmal geschieht etwas, das nicht vorhersehbar ist, man verliert Menschen, ist krank oder unglücklich, aber immer gibt es da die Zeiten, die leuchten – und dieses Leuchten kann man in jeder Phase des eigenen Lebens finden. Selbst, wenn es dunkel ist. Ein sehr weises Buch, ohne altklug zu sein.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Dieses Buch habe ich persönlich sehr, sehr lieb gewonnen, weil diese Biografie nicht nur unfassbar liebevoll und detailliert illustriert ist, sondern auch über den Tellerrand hinausschaut und eine ganz eigene, persönliche Wahrheit über Frida erzählt. Es sind nicht bloß pure, trockene Fakten, die darin auf einen warten, sondern ganz viel Leben und Liebe und Spaß und natürlich Kunst in allen Formen und Farben. Besonders beeindruckt hat mich Hesses Blick, ihre Art Frida Kahlos Kunstwerke neu zu interpretieren und dabei gleich ganz viel zu erklären, ohne zu ausschweifend zu sein. Es genügt ein Bild und man versteht, was im Kern gemeint ist und viel darüber hinaus. María Hesse hat die Gabe, Unsichtbares sichtbar zu machen.

Beale Street Blues | James Baldwin

„Beale Street Blues“ liest sich als würde man in einer Bar sitzen, Jazz-Musik hören und dabei den traurigen Geschichten, die zugleich auch Mut machen können & sollen, eines Erzählers mit sanfter, aber bestimmter Stimme lauschen. Die Worte tanzen, die Geschichte vibriert rhythmisch und die Herzen schlagen im Takt dazu. Harlem in den 1970er Jahren: Clementine, die von allen nur Tish genannt wird, ist 19 und schwanger von ihrem Jugendfreund Alonzo, den alle nur Fonny nennen. Fonny ist 22 und sitzt im Gefängnis. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er eine Vergewaltigung begangen haben soll. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er der Willkür des Staates, der Polizei unterworfen ist. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er schwarz ist. Vielmehr aber als ein politisches Statement ist „Beale Street Blues“ eine Liebesgeschichte, denn statt die Gesellschaft als Ganzes anzuklagen, verweist Baldwin lieber auf das untrennbare Band zwischen Tish und Fonny, die aneinander festhalten, egal, was passiert. Ja, „Beale Street Blues“ ist eine traurige Geschichte und ja, manchen mag dieser Roman nicht radikal genug sein, aber Baldwin schafft hier etwas sehr wichtiges. Er moralisiert, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben, indem er eine Liebesgeschichte erzählt, die sanft und weise, aber ehrlich eine Gesellschaft beschreibt, in der Unterdrückung und die Macht der Hautfarbe regieren und in der zwei sich Liebende trotzdem nicht aufgeben, aneinander zu glauben.

Verwirrnis | Christoph Hein

„Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über alles und nichts, fahren zusammen in den Urlaub und planen eine gemeinsame Zukunft. Sie sind mehr als beste Freunde, sie lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, planen beide Frauen zu heiraten, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer. Ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird. Das Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt. Mir hat letztlich leider ein wenig das Überraschende, was gegen Ende kurz aufblitzt, gefehlt.

Der Spieler | F. M. Dostojewski

Mein erster, aber bestimmt nicht letzter Dostojewski. Zugegeben, ich benötigte zum Lesen einen kleinen Spickzettel mit den Namen der Figuren, weil ich doch recht leicht zu verwirren bin – gerade, wenn eine Person noch mehrere Spitznamen hat -, aber man weiß sich ja zu helfen. „Der Spieler“ ist Dostojewskis persönlichster Roman, wenn man das so sagen kann, denn er trägt autobiographische Züge und erzählt von der Spielsucht, der auch Dostojewski verfallen war. Roulettenburg – der fiktive Ort des Romans – könnte gut und gerne Wiesbaden oder Bad Homburg sein, wo Dostojewski viel Zeit am Roulettetisch verbracht hat.

Der Ich-Erzähler Aleksej Iwanowitsch beobachtet als Hauslehrer einer russischen Generalsfamilie zunächst die Intrigen und Spielereien der Menschen um sich herum, die allesamt kurz vor dem Bankrott stehen. Er selbst ist verliebt in Polina, die Tochter des Generals, für die er Geld beim Roulette erspielen soll. Es ist sein erster Spieleinsatz. Es wird nicht sein letzter sein. Er wird süchtig nach dem Gefühl, das ihm das Spielen gibt und verliert so nach und nach alles. Besonders eindrucksvoll ist Dostojewskis authentische Schilderung der Spieler und der Spielertypen. Er zeigt die Sucht, die Obsession und den Untergang – schonungslos und ehrlich, aber kunstvoll verpackt.

Das Schloss | Franz Kafka

‚Das Schloss‘ ist ungemein irritierend, macht ein bisschen wahnsinnig und liest sich doch so gut. Der von der Schlossbehörde engagierte Landvermesser K., der eigentlich kein Landvermesser ist, begibt sich auf den Weg in ein Dorf, welches zu Füßen des Schlosses liegt. Von diesem Schloss geht eine mysteriöse, nicht greifbare Kraft aus, die alles und jeden im Dorf zu beherrschen scheint. Als K. am nächsten Tag versucht seinen Dienst im Schloss anzutreten, wird ihm dies verweigert. Ähnliches wird sich in unterschiedlichen Ausführungen in Folge des Romans immer und immer wiederholen. Ein undurchdringliches Labyrinth, das Ziel stets vor Augen, aber ohne es je erreichen zu können. K. trifft dabei auf die verschiedensten Figuren, darunter Artur und Jeremias, die als seine Gehilfen fungieren sollen und ihm auf Schritt und Tritt folgen (beide haben keine Ahnung vom Landvermessen – wie auch K.), Barnabas, ein Bote, der glaubt dem Schloss zu dienen, der Kanzleivorstand Klamm, seine Geliebte Frieda, die später auch K.s Geliebte wird, alle unterstehen der unsichtbaren Macht des Schlosses. Auch K. beugt sich diesem Einfluss. Er versucht mit allen Mitteln und Wegen, sich Zugang zum Schloss zu verschaffen und fügt sich so seinem Schicksal hinein in die Unterwürfigkeit. Das Ende bleibt offen, Kafka hat nie einen Abschluss gefunden – vielleicht wollte er das auch nicht – und ganz vielleicht steckt K. immer noch im Labyrinth, sucht den Zugang zum Schloss. Und wir als Leser*innen suchen vielleicht immer noch nach der richtigen Deutung dieses Werks, die es sehr wahrscheinlich nicht gibt, denn es gibt nie nur eine Wahrheit.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Noch ein Buch über Frida Kahlo, braucht das die (Buch)welt wirklich? Diese Frage stellt sich auch Autorin und Illustratorin María Hesse in der Einleitung ihrer erst kürzlich erschienenen Biografie über die berühmte Künstlerin mit den prägnanten Augenbrauen, die scheinbar alle (ja wirklich, alle) zu kennen meinen. In diesem „zu kennen meinen“ liegt zugleich Antwort wie Frage. Ja, wir brauchen noch ein Buch über Frida Kahlo, weil über sie zwar schon oft geschrieben worden ist, sich aber doch immer wieder der Blickwinkel ändert. Und, kann man jemals wirklich alles über eine Person wissen? Nein. Man meint bloß, man würde sie kennen. Doch, wer war denn dann nun diese Frida wirklich?

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Frida Kahlo war und ist ein Mysterium. Das war und ist (denn wahrscheinlich wäre das noch heute in ihrem Interesse) gewollt. Schon als kleines Mädchen baute sich Frida die Welt so, wie sie sie gerne gehabt hätte. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen in ihren Gedanken, ihrem Tun und später auch in ihrer Kunst. Sie schmückte ihr Leben mit Farbe und schwärzte hier und da etwas, was ihr unpassend erschien. Darin, so schreibt es auch Hesse, liegt gerade der Reiz. Niemand außer Frida selbst kann so genau wissen, was Realität und was Fiktion ist. Hesse, die ihr Pseudonym übrigens angelehnt an Hermann Hesse gewählt hat, erzählt nun in ihrer illustrierten Frida-Biografie das Dazwischen. Sie beschreibt weder das tatsächliche Leben noch das von Frida erfundene und erschafft so wieder eine ganz neue Welt, in der selbst vermeintliche Kenner noch etwas Neues entdecken können.

Ich muss ja zugeben, dass es mir etwas schwerfällt Worte für dieses großartige Buch zu finden, das nicht nur mit wohldurchdachten Kapiteln besticht, sondern vor allem durch so unglaublich passende und zarte Illustrationen, die die Aussagekraft der Texte noch unterstreichen oder gar hervorheben. Angefangen mit einem kurzen zeitlichen Überblick reisen wir mit Hilfe von María Hesse durch das Leben der Ausnahmekünstlerin. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sie spielt allein“ und könnte kaum treffender sein. Es folgen weitere Kapitel und somit wichtige Abschnitte in Fridas Leben, die da lauten: „Jugend und erster Unfall“, „Schmerz und Pinsel“, „Der Elefant und die Taube“, „Gringoland“, „Mein zweiter Unfall“, „Leo Trotzki“, „Surrealismus“, „Erinnere Dich an mich“, „Der verletzte Hirsch“ und „Der Traum“. Jede Seite ist liebevoll und detailliert von Hesse illustriert, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und wirklich: man verliert sich darin. Hesse malt nicht einfach irgendwas ab, nein, sie dichtet dazu, interpretiert neu und erschafft so ihre eigene Frida Kahlo, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen, denn ihre Bilder erscheinen genau richtig. Als ob sie Frida tatsächlich gekannt hätte. Dabei scheut Hesse nicht davor zurück, Dinge auszuprobieren und mit der Kunst zu spielen. Was dabei herauskommt ist eine wunderschöne, farbenfrohe, individuelle und kreative Biografie (es gibt sogar Diegos Mittagessen als Rezept!) über eine der stärksten, mutigsten und inspirierendsten Künstlerinnen der Welt. Meine persönlichen Highlights: eine Doppelseite über Dinge, die Frida Freude machten, das Gringoland-Kapitel (man achte bitte auf die kleinen Details), die Interpretation sowie Neuinterpretation einiger ihrer Werke, die Familienbilder und ach, so vieles, ich müsste das ganze Buch nennen. Tue ich jetzt auch, denn das ist eine Empfehlung, die absolut von Herzen kommt.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker | 143 Seiten | erschienen bei Suhrkamp / Insel

[Lesemonat] Mai | Juni | Juli 2018

Huch. Hier gab es schon länger keinen Lesemonat mehr. Ich könnte das jetzt alles mit privaten Dingen entschuldigen, die tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatten, dass hier weniger los war, aber… Naja, das gehört irgendwie auch dazu, dass es mal nicht so rund läuft. Und auch wenn es hier ruhiger war, so habe ich dennoch eine Menge gelesen und da war viel Gutes bei, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Eine kleine Auswahl:

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Der Steppenwolf | Hermann Hesse

„Der Steppenwolf“ – Harry Haller – ist so eine Art Einzelgänger, der an der Welt und mit ihr an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das führt dazu, dass er schon beinahe des Lebens überdrüssig ist. Frustriert sucht er in einer Zeit, in der vieles aussichtslos erscheint – zwischen beiden Weltkriegen und mitten in der Weltwirtschaftskrise -, nach einem Sinn oder auch nicht, denn dann hätte er wenigstens einen Grund zu gehen. Doch gerade in dem Moment, in dem alles schwarz erscheint, wird er in eine neue bunte Welt gesogen: in die der Nachtclubs und Bars, des Tanzes und der Musik, der Betäubung und Verführung. Der Steppenwolf verliert sich und findet sich. Dieses Motiv der inneren Zerissenheit ist ein Leitmotiv des ganzen Buches und auch heute noch genauso aktuell wie damals (1920er). Es mag sich viel geändert haben, aber wenn, dann nur der äußere Rahmen. Die Probleme bleiben ähnlich bis gleich. „Der Steppenwolf“ ist ein Wahnsinnsbuch, in dem auch tatsächlich ein bisschen Wahnsinn drinsteckt. Manches mag verstören, aber doch ist es ein großartiger Roman, der genau dann gelesen werden sollte, wenn man selbst ein wenig die Hoffnung verloren hat.

Jugend ohne Gott | Ödön von Horváth

Ein Titel, der mir bis vor kurzem immer im Kopf herumspukte, unter dem ich mir aber so gar nichts vorstellen konnte. Jetzt – knapp 160 Seiten später – ergibt plötzlich alles Sinn. Und was für einen! Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine gottlose Jugend, die desillusioniert (größtenteils) einem neuen Typus von Glauben verfällt und so Sinnbild der Jugend unter nationalsozialistischer Diktatur wird. Ein Roman über das große Thema Schuld und die Erkenntnis, dass niemand frei davon ist. Weniger die Rahmenhandlung, die aus einer Art Kriminalgeschichte besteht, als vielmehr die Pointe zwischen den Zeilen und Horváths poetische Sprache, die deutlich aus jedem Wort leuchtet, machen “Jugend ohne Gott” so besonders. Ich bin froh, dass ich das Buch nach Jahren des Drumherum-Schleichens und des Was-mag-es-bloß-mit-dem-Titel-auf-sich-haben-Denkens nun endlich gelesen habe, muss aber sagen, dass es wahrlich „leichtere“ Lektüren gibt, denn diese Jugend ohne Gott liegt einem schon ein wenig schwer im Magen.

Witwe für ein Jahr | John Irving

Alle paar Monate lesen wir gemeinsam einen Irving und im Juni/Juli hat es „Witwe für ein Jahr“ erwischt. Den Inhalt rattere ich hier jetzt nicht im Detail nieder, denn damit würde ich eine ganze Menge an Überraschungen vorwegnehmen und das wäre schade. Ein Irving lohnt sich nämlich immer! Ja, auch (oder gerade!) weil Irvings Themen und Schreibe manchmal schon ein wenig aufreibend sind und er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das mag zunächst etwas verschrecken, ist aber genau gut so. Weil Irving damit nämlich etwas macht: Grenzen überschreiten und (falsche) Moral dort aufbrechen, wo es klemmt. Das kann niemand so gut wie er! Was ich an „Witwe für ein Jahr“ besonders gerne mag, sind die Verweise auf den Literaturbetrieb und vielleicht auch auf sein eigenes literarisches Leben – wenn man es so deuten möchte. Unbedingt lesen!

Manhattan Transfer | John Dos Passos

Dieses Buch gehört zu den ganz großen, revolutionären Romanen des 20. Jahrhunderts und Dos Passos gilt seitdem als so etwas wie der Vater des Großstadtromans. Dabei ist „Manhattan Transfer“ nicht der erste Großstadtroman, der je erschienen ist, aber es ist DER Großstadtroman, auf den viele folgende bekannte Romane aufbauen. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zum Beispiel oder auch Clemens Meyers „Im Stein“ (2013) – beide haben sich, damals wie heute, von Dos Passos inspirieren lassen. Ich habe alle drei hier genannten Romane gelesen und was auffallend ist: ich kann mich an keines der drei Bücher so ganz genau mit Namen der Figuren und was da exakt passiert ist erinnern. Also, ich weiß schon, worum es darin geht und was so grob los ist, aber ich könnte das nie und nimmer nacherzählen. Jetzt könnte man ja denken: „Ja, und? Wozu soll ich das dann lesen?“. Aber genau das ist es ja. Große Städte besitzen so ihre ganz eigene Magie, mehrere Leben werden miteinander verwirbelt und gleichzeitig versetzen sie einen in eine Art Rausch, durch den Trubel, dieses Gefühl des alles und nichts – und ganz genau das passiert während des Lesens, man gerät in eine Art Leserausch. Zugegeben manchmal verwirrend und echt anstrengend, aber doch immer verdammt gut. (Man muss sowas allerdings mögen.)

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ | Selja Ahava

Neben dem ganz wunderbaren Titel ist „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr schönes, aber auch sehr trauriges Buch. Annas Gedächtnis wird nach und nach immer löchriger. Sie vergisst Dinge, Menschen und beinahe auch ein bisschen sich selbst. Die Geschichte wird in Episoden erzählt, die der Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Protagonistin nachempfunden sind. Dies führt dazu, dass man als LeserIn ab und an ein wenig irritiert ist, weil man nicht ganz weiß, in welcher Zeit man gerade steckt. In der Erinnerung oder im Jetzt? Doch ich mag das Buch dennoch empfehlen, nicht zuletzt aufgrund der poetischen Worte, die ab und an aufblitzen, sondern vor allem auch, weil das Thema – so traurig es ist – in diesem Fall nicht so lasch abgehandelt wird, sondern mit ganz viel Liebe.

 „Der Eiserne Gustav“ | Hans Fallada

Der Eiserne Gustav verdankt seinen Namen einem äußerst bezeichnenden Charakterzug, dem eisern sein. Er ist nämlich so einer, der sich nicht gerne etwas sagen lässt. Von niemandem. Weder der Industrialisierung, noch dem Ersten Weltkrieg und von der Weltwirtschaftskrise sowieso nicht. Aber innerlich, da brodelt es bei ihm. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobiltaxen auftauchen, da hält Gustav immer noch an seinen Pferdedroschken fest. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm die Weltwirtschaftskrise. Gustav verliert fast alle seine Pferde und Angestellten, jede Menge Geld und beinahe seine Würde. Aber der Eiserne Gustav wäre nicht der Eiserne Gustav, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er plant eine Reise. Von Berlin nach Paris und wieder zurück. Mit der Kutsche. Und alle sollen davon wissen.

Was ich an diesem Buch wie an den meisten Romanen von Hans Fallada so mag, sind die unterschiedlichen Charaktere: hier treffen wir neben dem Eisernen Gustav noch auf seine ganze Familie, die mal mehr und mal weniger auf dem Kerbholz haben und die die ganze Bandbreite am Menschsein darstellen. Noch dazu kommt die Berliner Schnauze, die keiner so authentisch wie Fallada (be)schreiben kann. Lest das! Dringend!

Unser Herr Vater | Clarence Day

Ein Fallada geht noch, oder? Und zwar in der Übersetzung, denn in Clarence Day hat Fallada seinen „literarischen Zwilling“ gefunden und dessen Geschichten über den Herrn Vater prompt übersetzt. Es sind kurze Episoden, die zeitlich aufeinander aufbauen, aber theoretisch auch als Kurzgeschichten getrennt voneinander gelesen werden können. In den Geschichten geht es immer um Days Vater beziehungsweise um ihr gemeinsames Familienleben in der Zeit der Jahrhundertwende, das teils turbulent, aber immer mit viel Humor und ab und an mit kleinen Zeichnungen von Day persönlich versehen sind. Sie eignen sich bestens zum Vorlesen. Da kann man nämlich so richtig schön Herzblut und Betonung hineinlegen und Day senior wunderbar unter unerwünschtem Verwandtenbesuch, Pferdeausritten, konträren Meinungen und so mysteriösen Dingen wie Telefonen leiden lassen. Kurzum: Der Herr Day macht furchtbar viel Spaß!

„Die Geschichte des Wassers“ | Maja Lunde

Als ich letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ las, war mir nicht bewusst, dass es sich hierbei um ein Klima-Quartett handeln würde. Vielleicht habe ich das nicht mitbekommen (das kommt vor, das Sachen unbemerkt an mir vorbeirauschen). Vielleicht wurde das aber auch erst nach dem riesigen Erfolg und der Aktualität des Themas – den uns alle betreffenden Klimawandel – beschlossen. Völlig gleich, ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass es ein neues Buch der Bienenkönigin gibt und hier geht es um ein anderes, aber nicht weniger wichtiges Thema: Wasser.

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In „Die Geschichte des Wassers“ verknüpft die Autorin wie schon in „Die Geschichte der Bienen“ mehrere Geschichten, Menschen bzw. Familien und Zeiten miteinander, die alle um ein wichtiges Thema kreisen.

Der Erzählstrang der ersten Ebene spielt 2017 in Norwegen. Dort macht sich die beinahe 70-jährige Umweltaktivistin Signe mit einem Segelboot auf eine riskante Reise zu Magnus, dem Mann, den sie mal sehr geliebt hat und jetzt zur Rede stellen will. Signe hat einen fürchterlichen Verdacht, der die Zerstörung der Gletscher betrifft.

Der Erzählstrang der zweiten Ebene spielt 2041 in Frankreich. Mittlerweile herrscht eine große, alles vernichtende Dürre in Südeuropa, weshalb die Bewohner gezwungen sind, in den Norden zu fliehen. Zwei der Flüchtenden sind David und seine Tochter Lou, die im Flüchtlingslager verzweifelt auf die Ankunft von Frau und Mutter bzw. Sohn und Bruder warten. Von Stunde zu Stunde wird ihre Hoffnungslosigkeit stärker, bis sie durch Zufall ein Segelboot entdecken. Signes Segelboot.

Die Autorin Maja Lunde verknüpft beide Ebenen, um dem oder der LeserIn zu zeigen, was passieren könnte, wenn wir weiter so mit unserer Umwelt umgehen. Feuer, Dürre, Hungersnot sind nur einige der vielen möglichen, von Menschen ausgehenden Katastrophen. Das ist ein gutes, ein äußerst wichtiges Thema und alleine deswegen lohnt es sich eigentlich schon, Lundes Bücher zu lesen. Aber – und ja, es folgt leider ein Aber -, überzeugt dieser zweite Band weitaus weniger als der erste. Woran mag das liegen? Ist das Thema nicht interessant genug? Auf keinen Fall! Was dann? Die „Probleme“, die sich für mich während des Lesens ergeben haben, sind zum einen der teils langatmige Plot um Signe, deren Lebensgeschichte in Rückblenden erzählt wird, welcher aber leider beinahe jegliche Spannung fehlt; und zum anderen die fast durchweg unsympathischen Figuren. David, bei dem man zwischendurch das Gefühl bekommt, er würde sich wünschen, er könne seine ihm verbliebene Tochter gegen seine Frau und seinen Sohn eintauschen. Signe, die irgendwie verbittert darüber berichtet, wie sie versucht hat, die Umwelt zu retten, es aber leider nicht geschafft hat und ja, was soll sie da machen. Resignieren. Hinzu kommt, dass die Umweltthematik teilweise nur so nebenbei läuft. Die Handlung trägt leider dieses wichtige Thema nicht oder anders ausgedrückt, die Thematik Wasser wird von einem flachen Plot ertränkt. Das ist unfassbar schade! Was ich aber dennoch betonen möchte, ist die Tatsache, dass man dennoch etwas mitnimmt. Man wird als LeserIn daran erinnert, wie wichtig der richtige Umgang mit Natur und Umwelt ist und welche Folgen der falsche Umgang für Klima, Natur und unser Miteinander haben können. Es liegt an uns, das zu retten, was möglich ist. Nicht erst morgen, sondern heute: jetzt.

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein | btb Verlag | 480 S.

„Anna und der Schwalbenmann“ | Gavriel Savit

Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Eine Kombination, die man seinem ersten Roman „Anna und der Schwalbenmann“ anmerkt, denn dieses Buch ist eine kunstvolle Mischung aus Fantasie, schwebender Traumwelt und bitterer Realität. Ein Hauch magischer Realismus umwabert diese Geschichte, die so traurig wie schön ist.

Krakau, 1939. Die Deutschen haben Annas Vater mitgenommen. Während das junge Mädchen bei dem Apotheker Dr. Fuchsmann auf ihn wartet, macht sich nicht nur in ihr ein dumpfes Gefühl breit, sondern auch in dem Apotheker: Angst. Darum schickt er sie fort, doch daheim wird vor verschlossener Wohnungstür eine bittere Ahnung zur Gewissheit: ihr Vater wird nicht wieder zurückkehren. Anna bleibt nicht viel mehr von ihm als ihre gemeinsame Vergangenheit und die zahlreichen Sprachen, die er ihr gelehrt hat. Voll Kummer irrt sie zurück zur Apotheke, doch Dr. Fuchsmann lässt sie – aus Angst – nicht mehr zu sich. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen. Sie und der etwas rätselhaft mysteriöse Mann mit den vielen Gesichtern und der Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, werden Weggefährten auf einer Reise voller Gefahren.

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Zugegeben, etwas merkwürdig ist es schon, dass das junge Mädchen einfach mit einem Fremden mitgeht, der ihr, ohne viele Worte zu verlieren, zu verstehen gibt, dass er – der Schwalbenmann, wie Anna ihn nennen wird – der einzige ist, der ihr helfen kann, der ihr ein Freund sein wird. Der Schwalbenmann hat ein gütiges Herz, ein liebevolles Wesen, aber auch eine dunkle Seite, die er lange versucht, im Verborgenen zu halten. Er lehrt Anna die Sprache der Straße, wo es keine Lügen gibt und die eigene Identität sich Tag für Tag ändern, der Umgebung anpassen kann. Sie sind Komplizen, verfügen über mehrere Pässe, sind mal Deutsche, mal Polen, nehmen sich das, was auf der Straße liegt und kneifen dabei die Augen zu. Die Toten können nicht urteilen. So durchleben sie den grauen Alltag des Krieges, an dem auch zu sonnigen Zeiten Wolken am Himmel sind. Es ist ein Buch, das auf philosophische Weise versucht, den Schrecken zu begreifen und bleibt dabei trotz wunderschöner Sprache doch manches Mal etwas vage. Man fragt sich: Wer ist der Schwalbenmann? Wer ist Anna? Und wo wollen sie hin? Auch die Umgebung bleibt in der Schwebe, der Schrecken des Kriegsgeschehens wird meist „nur“ angedeutet und taucht dann doch gegen Ende geballt auf – das kommt fast unerwartet. Dennoch, „Anna und der Schwalbenmann“ ist ein feines, ein zartes Buch, das viele weise Dinge sagt und mit Phantasie gegen das Grauen kämpft. Ein lesenswertes Kleinod.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz-Ventura | cbt Taschenbuch | 272 S.

„Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ | Gabriele Katz

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen aus der Reihe „Im Profil“ ein Gespräch zwischen Erich Maria Remarque und Friedrich Luft. Dieses Gespräch wurde 1962 aufgezeichnet, das Bild ist schwarz-weiß, man sieht lediglich Remarque sowie die Rückseite des Theaterkritikers Luft, neben dem Zigarettenqualm in grauen Wolken emporsteigt. Remarque wirkt sympathisch, intelligent, humorvoll. Er spricht wie er schreibt – ruhig und wohl überlegt – und nimmt so den ganzen Raum ein. Vor diesem Beitrag konnte ich die Faszination um Remarque (mal abgesehen von seinen Büchern) nicht so richtig nachvollziehen, danach schon sehr viel mehr. Seine Romane – ja! – sind großartige Werke, die besser nie in Vergessenheit geraten sollten, aber was machte Remarque so einzigartig und anziehend für Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard und viele mehr? Das zu verstehen, dazu hat Gabriele Katz „Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ geschrieben.

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Erich Maria Remarque gilt als einer der größten Antikriegsautoren, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt wurde. In Deutschland aber wurden seine Romane lange Zeit verboten, 1933 sogar öffentlich verbrannt und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zunächst emigrierte er in die Schweiz, um später in den USA aufgenommen zu werden. Im Exil lernte er neben anderen Exilautor*innen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler und Lion Feuchtwanger die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard u.a. kennen (und lieben). In kurzen Porträts stellt die Autorin Gabriele Katz die wichtigsten Frauen an Remarques Seite vor und zeigt dabei vor allem, dass das Grundmotiv seines Lebens die Unerfüllbarkeit der Liebe gewesen ist. Katz verknüpft biografisch Wissenswertes mit dem Entstehungsprozess seiner Werke und dem Einfluss der Frauen auf diese Texte sowie auf Remarques Leben. Auch sein familiärer Hintergrund wird beleuchtet und Zeiten, die weniger leicht, weniger einfach gewesen sind.

Insgesamt liegt der Fokus hier natürlich auf den Frauen, die Remarque begleitet haben. Nie konnte er ohne, aber auch nie wirklich lange mit ihnen. Es wird deutlich, dass dies auch eine Art Begleiterscheinung der politisch wie gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewesen ist. Diese Frauen haben Remarque geprägt und wesentlichen Einfluss auf sein Leben und damit verbunden sein Schaffen gehabt. Auf Seite 72 wird dann auch klar, warum das Buch den Titel „Liebe mich!“ trägt. Eine Anspielung auf einen von zahlreichen Briefen, die Remarque an Marlene Dietrich geschickt hat, in Anlehnung an Goethe. Ein klein wenig gestört habe ich mich an den Zusammenfassungen von Remarques Werken, in denen Katz teilweise mit einem Satz das Ende vorwegnimmt. Ja, es geht dabei um seine Beziehung zu den Frauen und inwiefern diese Einfluss auf Themen/Inhalte/Richtung dieser Werke gehabt haben, dennoch: wer die Bücher noch nicht alle gelesen hat, wird da vielleicht etwas enttäuscht sein. Auch hätte ich mir an manchen Stellen im Buch noch mehr Tiefe gewünscht, was wahrscheinlich mit der Neutralität der Autorin Gabriele Katz kollidiert wäre (von daher ist es gut so, wie es ist.) Denn nie wird Katz zu intim, sie bleibt stets bei den gegebenen Fakten und hat so ein interessantes, durchaus lesenswertes biografisches Buch über Remarque verfasst, das diesen Autor ein Stück weit zugänglicher, greifbarer erscheinen lässt, auch wenn er letzten Endes trotzdem ein Phänomen bleiben wird.

ebersbach & simon | blue notes, Nr. 72 | 144 S.