„Weißer Tod“ | Robert Galbraith

Wie mittlerweile wahrscheinlich schon fast alle wissen, verbirgt sich hinter dem Pseudonym von Robert Galbraith Joanne K. Rowling, die unter diesem Namen eine ganze Reihe an Krimis verfasst hat. Und das ist sogar wortwörtlich so zu verstehen. „Weißer Tod“ ist der mittlerweile vierte Teil der Reihe um Cormoran Strike, einem Kriegsveteranen, der als privater Ermittler arbeitet, und seiner Assistentin Robin Ellacott. Ein Kennzeichen der Romane ist das very british gehaltene Whodunit, das einen Teil des Plots ausmacht, während der andere Teil der Geschichte vom privaten Geschehen der beiden Protagonisten erzählt. Wer Teil eins bis drei gelesen hat, wird sich sehr deutlich an den Cliffhanger des letzten Bandes „Die Ernte des Bösen“ erinnern, der – Achtung Spoiler! – damit endet, dass Robin vor dem Traualtar steht. Ohne Job, ohne Cormoran Strike, dafür aber mit ihrem mehr als unsympathischen langjährigen Freund und bald Ehemann Matthew Cunliffe. Warum nur?, mag man sich fragen. Aber ja, treue Leser*innen kennen die Antwort: es erzeugt Spannung. Und mit Spannung erwartet habe ich demnach auch den vierten Teil „Weißer Tod“, weil einfach kaum jemand so gut Geschichten erzählen kann wie J.K. Rowling.

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„Weißer Tod“ beginnt da, wo „Die Ernte des Bösen“ aufhört. Robin Ellacott ist jetzt Mrs. Matthew Cunliffe und so richtig nachvollziehen kann man das nicht, aber, hmm, was wäre eine gute Geschichte ohne Antagonisten? Einige Zeit später – Robin ist mittlerweile Strikes Geschäftspartnerin – stürmt Billy in Cormoran Strikes Büro, um ihm von einem Mord zu erzählen, der Jahre zurückliegt, den er aber ganz bestimmt gesehen haben will. Strike weiß zunächst nicht, ob er ihm glauben kann, denn Billy scheint verstört und hat offensichtlich psychische Probleme. Doch trotzdem wirkt das, was er sagt, aufrichtig. Bevor Strike ihn näher befragen kann, ist Billy bereits verschwunden. Strike und Robin nehmen seine Spur auf, die sie durch alle Teile Londons bis hinein ins Parlament und in die Oberschicht Londons führt. Die Geschichte wird immer mysteriöser, als ein weiterer Mord geschieht. Nebenbei ist auch das Privatleben Robins und Strikes ein ständiges Auf und Ab und mindestens ebenso fesselnd wie die Kriminalgeschichte.

Auf knapp 860 Seiten breitet J.K. Rowling alias Robert Galbraith eine gut durchdachte, wohl recherchierte und fesselnde Kriminalgeschichte, die die britische Oberschicht ein wenig aufs Korn nimmt, vor ihren Leser*innen aus, die trotz langer Beschreibungen und teils langsam voranschreitendem Plot kaum Langeweile aufkommen lässt und die vor allem dadurch besticht, dass ihre Charaktere alle so einen gewissen Glanz haben. Sie wirken greifbar, nicht wie aus Pappe, sondern vielmehr zum Anfassen, haben Herz (oder eben keins), ziehen sich an und stoßen sich gegenseitig ab. Der Hauptplot steht im Gegensatz zu den privaten Erlebnissen der Protagonisten fast ein wenig im Hintergrund, was – so vermute ich – gewollt ist. Was mich ein wenig gestört hat, ist der mehr oder weniger misslungene Versuch Rowlings, Robin feministisch wirken zu lassen. Robin ist endlich dabei, sich von den Erwartungen anderer zu befreien und beginnt immer mehr, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist großartig! Gerade, weil Robin die ganze Zeit mit diesem leidigen Matthew zusammen ist, von dem jede*r weiß, dass er kein guter Mensch ist – und erst recht kein guter Partner. Leider werden diese feministischen Aspekte immer wieder von gegenteiligen Geschehnissen unterbrochen, indem z.B. Strike als Beschützer auftritt und häufiger der männliche als der weibliche Blick im Fokus steht. Robin wirkt vor allem dann in Bezug auf Strike hilflos, wenn es um ihre Panikattacken geht, die sie vor allem vor ihm verstecken möchte, obwohl es sicher hilfreicher gewesen wäre, wenn Robin dies nicht getan, sondern von Anfang an einen offeneren Umgang damit gezeigt hätte oder Rowling sie es zumindest hätte versuchen lassen können. (Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass sowas einfach ist – ich hätte es einfach schöner und hilfreicher gefunden, wenn Rowling auf Klischeedenken verzichtet hätte, auch wenn ich es ihr hoch anrechne, dass sie dieses Thema und die damit verbundenen Probleme überhaupt aufgreift.) Es hätte mich sehr gefreut, wenn beide Themen weniger vorsichtig im Sinne von lieber zu wenig als zu viel aufgearbeitet worden wären, aber vielleicht ist das alles zumindest schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich mag das Buch – wie eigentlich die ganze Reihe – trotz meiner Kritikpunkte dennoch unbedingt empfehlen. Gerade an Leser*innen klassischer Krimis, die gerne Bücher lesen, die den Fokus auf das private Geschehen der Ermittler*innen legen, denn es sind die Figuren, die einem die Lesestunden so vergnüglich machen. Ähnlich wie bei Harry Potter lebt die Geschichte zu einem sehr großen Anteil davon. Mich erinnert Cormoran Strike auch immer ein wenig an Hagrid und ich wünschte, Robin hätte noch eine Spur mehr Hermine in sich, dann wäre ich restlos begeistert.

Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz | Blanvalet Verlag

„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

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Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten: „Marie Curie“ | Isabel Thomas & Anke Weckmann, „Anne Frank“ | Isabel Thomas & Paola Escobar

Marie Curie und Anne Frank, die auf den ersten Blick wohl nicht ganz so viel gemeinsam haben, sind sich doch mächtig ähnlich: beides sind wichtige und großartige Mädchen bzw. Frauen, mit eigensinnigen Persönlichkeiten und willensstarken Charakteren, die auf ihre je eigene Weise einen enormen Beitrag für diese Welt geleistet haben und es auch weiterhin tun werden, weil sie in ihren Taten und Worten fortleben. Sie dürfen nie vergessen werden.

Was Marie Curie und Anne Frank so besonders macht, davon erzählen die beiden Ausgaben „Marie Curie“ und „Anne Frank“ aus der Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“.

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Isabel Thomas beschreibt Marie Curies und Anne Franks Leben in einfachen, kindgerecht verständlichen Worten, die in je kurzen Absätzen eine Menge Wissen bereithalten. Unterstrichene Worte können im hinteren Teil der Bücher, im Glossar, nachgeschlagen werden. Dort finden sich auch ein Register und eine Zeitleiste sowie (bei „Anne Frank“) Buchtipps zum Weiterlesen. Während das Buch über Anne Frank im Mittelteil teilweise eine Nacherzählung und Interpretation ihres Tagebuchs ist, das sie während ihrer Zeit im Versteck vor den Nationalsozialisten geschrieben hat, bleibt das Marie Curie Buch mehr eine Biografie und berichtet zeitgleich von ihren Entdeckungen und Forschungen sowie aus ihrem privaten Leben. Processed with VSCO with t1 preset Beide Texte erzählen – stark gekürzt, aber gut nachvollziehbar – , je ein ganzes Leben von der Geburt an über die familiären Umstände, Vorlieben, Wünsche und Träume bis hin zu dem, was ihr Wirken so besonders macht und verwenden hin und wieder die persönliche Anrede an den oder die Leser*in, damit sie sich mehr miteinbezogen und verbunden fühlen. Es wird deutlich: auch du kannst deine Träume verwirklichen. Gerade für Kinder eine sehr schöne und relevante Aussage. Aber auch die bedrückenden Aspekte werden kindgerecht aufgearbeitet, was ich ebenfalls für sehr wichtig halte.

Ergänzend zum textlichen Inhalt illustrieren Anke Weckmann („Marie Curie“) und Paola Escobar („Anne Frank“) die beiden Bände. Durch ihre sich in ihrer eigenen Bildsprache unterscheidenden Illustrationen unterstreichen die Künstlerinnen die jeweiligen Charaktere von Marie Curie und Anne Frank.

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Während Anke Weckmann Marie Curie mehr durch viele kleine Details wie z.B. ihr störrisches Haar oder ihre Notizen zu ihrer Tochter Irène auf Papier zu Leben erweckt, legt Paola Escobar ihren Fokus auf Gesichtsausdrücke, die z.B. Anne Franks Gefühle widerspiegeln. Nicht, dass Paola Escobar keine Details zeichnet oder Anne Weckmann keine Gesichtsausdrücke, aber beide schaffen es, durch ihre je eigene künstlerische Kraft, zwei Menschen lebendig und eigenständig, in all ihren Merkmalen und Facetten zu zeigen, sie voneinander abzugrenzen und Ähnlichkeiten hervorzuheben. Die Bücher sind, obwohl bunt, relativ minimalistisch und übersichtlich gehalten. „Marie Curie“ leuchtet in einem Neongelb, mattem Pink und neutralisierendem Schwarz, um das Thema, die Entdeckung und Erforschung von Radioaktivität und Strahlung aufzugreifen (dazu gibt es auch die passenden kleinen Symbole auf dem Cover). „Anne Frank“ wird farblich ihrem Tagebuch nachempfunden (hier gibt es ebenso die passenden Symbole auf dem Cover) und wird ebenfalls in nur drei Farben: dunklem Braun, mattem Rot und hellem Lila gezeichnet. Die Farbgebung rundet das Gesamtkonzept perfekt ab, alles wirkt in sich stimmig und das spürt man auch beim Lesen. (Großartig!)

Ich könnte und wollte nicht sagen, welches Buch mir besser gefällt, beide sind so arg liebevoll gestaltet und haben eine ganz eigene, große Persönlichkeit verpasst bekommen, wodurch jedes auf seine Weise ganz besonders ist. Genau so wie Marie Curie und Anne Frank. Hoffentlich werden diese Bücher in ganz vielen (Kinder)zimmern, von ganz vielen wissbegierigen Mädchen, Jungen, Eltern, Großeltern, Verwandten, Freund*innen und noch so vielen mehr gelesen.

je aus dem Englischen übersetzt von Bettina Eschenhagen, erschienen im Laurence King Verlag

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„Cat Person“ | Kristen Roupenian

Kristen Roupenian hat möglicherweise das geschafft, wovon viele insgeheim träumen, womit aber niemand so wirklich gerechnet hätte. 2017 veröffentlichte der New Yorker eine ihrer Kurzgeschichten, („Cat Person“) und erzeugte damit einen literarischen Viralhype im Internet. Daraufhin wurde die Geschichte zu einer der meistgelesenen Artikel des Jahres und Roupenian zur literarischen Vertreterin der #MeToo Debatte. Roupenian unterzeichnete einen Buchvertrag und hier liegt er nun auf Deutsch vor, der erste Sammelband voll leicht verstörender, teils skurriler, oft provozierender, vielfältiger, moderner und auf jeden Fall irgendwie anderer Kurzgeschichten.

Achtung, enthält Spoiler!

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In der titelgebenden Story „Cat Person“ lernt Margot, eine 20-jährige Studentin, den 34-jährigen Robert während ihrer Schicht im Kino kennen. Sie flirten zwanglos, tauschen später Handynummern aus und beginnen anschließend das SMS-Spiel, bei dem sich beide scheinbar belanglose Witze hin und her schicken, um zu beweisen, dass sie klug, witzig und auf einer Wellenlänge sind. Es funktioniert. Einige Zeit später treffen sich Margot und Robert zu ihrem ersten Date, er scheint ganz anders, irgendwie verstockter, weniger geistreich, weniger lustig zu sein als per SMS. Das Date wird zu einer halben Katastrophe, Margot realisiert früh, dass aus ihnen nicht „mehr“ wird und doch haben sie Sex, obwohl sie sich zunehmend unwohler fühlt. „Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt darauf bestand aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie im Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.“ Am Ende der Geschichte bezeichnet Robert Margot als „Schlampe“. Das interessante an dieser Erzählung ist nicht nur die Perspektive oder das, was passiert, sondern die Art wie Roupenian den Zeitgeist beschreibt, in dem sie die Grauzone zwischen sexueller Nötigung und gemeinsamen Konsens beleuchtet. Alltagssexismus liegt, wie der Begriff schon sagt, im Alltäglichen und ist deshalb gut getarnt. Die Geschichte gibt keine Antworten, aber überträgt die Fragen, die sie aufwirft, an Leser*innen und somit letztlich an die Gesellschaft und bietet Raum zur Diskussion.

Der Sammelband jedoch beginnt anders als erwartet mit einer ganz anderen Kurzgeschichte („Böser Junge“), in der ein junger Mann von seiner Freundin verlassen Zuflucht bei seinen besten Freunden sucht. Es entspinnt sich eine Art Dreiecksgeschichte, die plötzlich und schockierend endet. Roupenian selbst sagt in einem Interview, dass sie diese Geschichte als eine Art Filter sieht, die darüber entscheidet, ob man am Ball bleibt, also mehr von Roupenian lesen will – oder nicht. Ich persönlich bin allerdings froh, dass ich nicht mit „Böser Junge“, sondern mit „Cat Person“ angefangen habe, sonst hätte ich nämlich möglicherweise tatsächlich nicht weitergelesen. Nicht alle von Roupenians Geschichten sind wie die erste, aber alle haben einen leicht bösen Kern. Ein bisschen Horror, Fantasy und Abgedrehtes ist auch mit dabei. Manchmal klappt das weniger gut, wie z.B. in „Vernarbt“, die für meinen Geschmack ein wenig zu durcheinander geraten ist, dafür aber super in „Beißerin“, in der Ellie nichts so sehr liebt wie in ihre Mitmenschen zu beißen wie in einen saftigen Apfel. 20 Jahre bleibt sie abstinent, bis(s) ein neuer Kollege auftaucht: Corey Allen. Sie schreibt sich Listen mit guten Gründen, warum sie ihn nun wirklich auf keinen Fall beißen darf – und tut es dann trotzdem. Witzigerweise stellt sich heraus, das besagter Kollege schon viele ihrer Kolleginnen sexuell belästigt hat und Ellie steht als Heldin da. Auch hier bleibt wieder Raum für Interpretation.

Eine meiner favorisierten Geschichten ist – neben „Beißerin“ – „Matchbox Sign“, weil sie auf die Thematik anspielt, dass Frauen häufiger als „hysterisch“ abgestempelt und in Gesprächen mit Ärzt*innen relativ oft nicht ernstgenommen werden. Hier verspürt die Protagonistin Laura ein Jucken auf ihrer Haut, das immer stärker wird, bis sie sich die juckenden Stellen aufkratzt. Sie hat das Gefühl, als säße etwas unter ihrer Haut, eine Art Parasit. Niemand außer ihrem Freund, der ihr – das muss man ihm zugute halten – unbedingt helfen will, glaubt ihr. Zum Schluss befällt der Parasit ihn und man selbst fragt sich, ob es überhaupt noch gute Dinge gibt, die nicht letztlich doch bestraft werden.

Spoiler Ende

Roupenians zwölf Kurzgeschichten leben von ihren ungewöhnlichen Charakteren, von ihren (manchmal zu) anschaulichen, detaillierten und provozierenden Bildern, sie beinhalten viel Sex, thematisieren das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau und berichten von der Millenial-Thematik, die zur Diskussion anregt. Ihre Geschichten faszinieren und stoßen gleichzeitig ab. Sie wollen nicht die Welt verbessern, wollen nicht primär ein Umdenken bezwecken, aber sie wollen unterhalten und Dinge ansprechen, über die wir uns noch vor ein paar Jahren vielleicht nicht getraut hätten in dem Maß (online) zu reden. Ihre Geschichten sind gut, sie treffen einen Nerv und man liest sie heimlich angetan wie Tagebucheinträge Fremder, aber sie hinterlassen bei mir zum Teil einen leicht schalen Beigeschmack, weil ich mich frage, wo die Grenze zwischen erträglicher und unerträglicher Provokation verläuft. In manchen Texten bewegt sich Roupenian da sehr bewusst auf dünnem Eis. Und ja, das ist aufregend, aber vielleicht auch ab und zu ein kleines bisschen too much.

Großartig aus dem Amerikanischen übersetzt von Nella Beljan und Friederike Schilbach

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„Mein Ein und Alles“ | Gabriel Tallent

Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. „Hübsches Cover“, vielleicht, weil ich leider doch zu oft ein Buch nach seinem Äußeren beurteile. Vielleicht auch: „Interessanter Titel“, weil ich auch da sehr beeinflussbar bin. Was ich auf jeden Fall nicht gedacht habe ist, dass ich dieses Buch gleichzeitig hassen und lieben werde. Hass und Liebe sind starke Worte für ein Buch, aber doch genau das, was Gabriel Tallent mit seinem Debütroman „Mein Ein und Alles“ hervorruft: eine Neigung zu Extremen, ein Entweder-Oder, aber auch ein Ich-fühle-alles.

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Turtle Alveston, die Romanheldin, lebt bei ihrem Vater abgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf. Dort kennt sie jeden Stein, jeden Hügel, jede Pflanze und jedes Tier. Weiß sich selbst zu verteidigen und zu kämpfen, nur gegen ihren eigenen Vater, der besitzergreifend und krankhaft agiert, kann sie sich nicht zur Wehr setzen. Zu groß ist die Angst, zu groß die Liebe, zu groß die gegenseitige Abhängigkeit. Bis Turtle ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und nach und nach begreift, dass sie sich von ihrem Vater befreien muss, doch der Preis dafür ist hoch. Zu hoch?

Ich wollte das Buch gegen die Wand werfen (und das nicht, weil ich anfangs etwas Schwierigkeiten mit dem doch leicht hölzernen, irgendwie ein wenig abgehacktem Schreibstil gehabt habe, der – wie ich jetzt weiß – perfekt die Stimmung im Buch und die Beziehung zwischen Turtle und ihrem Vater wiedergibt), dann wieder an mich drücken, mehrmals abbrechen und doch unbedingt weiterlesen, weil ich gedacht habe: irgendwer muss doch Turtle retten! Und wirklich, als Leser*in bekommt man irgendwann das Gefühl, man müsse nur lange genug durchhalten, dann würde endlich alles gut. Man hofft so sehr und dann wird diese Hoffnung immer wieder aufs Neue durchstoßen und es ist als würde man keine Luft mehr bekommen, weil man so sehr hofft und bangt und alles gleichzeitig empfindet: Hass und Wut und Trauer und – immer wieder – Hoffnung. Dabei ist es schon fast unglaublich, wie Gabriel Tallent das macht, so viel Schlimmes neben so viel Schönes zu schreiben. Aber eines muss ich ganz klar sagen: dieser Roman ist nicht für jede*n geeignet – und das meine ich gar nicht abwertend dem Buch oder uns Leser*innen gegenüber, aber der Inhalt ist … ja, was? Unvorstellbar grausam in seiner Realität? [TW: Körperlicher & Psychischer Missbrauch] Die schönsten Naturbeschreibungen wechseln sich ab mit Szenen körperlicher und emotionaler Gewalt, die man durch die Seiten beinahe spüren kann und auch wenn das ein literarischer Kniff des Autors ist, – der tatsächlich funktioniert! – ist das etwas, was unter die Haut geht, wehtut und nicht zum Entspannen einlädt. „Mein Ein und Alles“ ist keine Wohlfühllektüre, aber trotzdem eine, die Augen und Herzen öffnet und eine, die polarisiert. Einmal gelesen, wird man noch oft an diesen Roman zurückdenken und darüber sprechen wollen.

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ | George R. R. Martin

George R.R. Martin ist einer DER Autoren, der nach J.R.R. Tolkien High Fantasy abseits des als etwas „nerdy“ abgestempelten Formats cool gemacht hat. Spätestens mit der TV-Serie ‚Game of Thrones‘ zur gleichnamigen Buchreihe (oder auf Deutsch: ‚Das Lied von Eis und Feuer‘) ist sein Name ein Begriff. Ok, ja. Ich habe eben George R.R. Martin und J.R.R. Tolkien in einem Atemzug genannt und jetzt tue ich es schon wieder. Manch eine*r wird das nicht gut finden, für manche ist der Vergleich nicht neu und ich bin mir gerade selbst nicht sicher, ob ich das so stehen lassen soll, aber ich kann mich nun einmal an keine andere Fantasy Reihe erinnern, die so enorm weite Kreise gezogen hat wie diese beiden. (Harry Potter außen vor, das ist aber auch noch einmal eine ganz andere Geschichte.) Es gibt Merchandising ohne Ende, ganze Foren befassen sich mit der Welt von ‚Game of Thrones‘, einzelne Charaktere werden zu Superstars und während das fiktive ins reale Geschehen übergeht warten wir eisern (Obacht für Fans: Wortspiel!) seit Jahren auf den nächsten Band. In der Zwischenzeit erscheint eine Vorgeschichte nach der anderen und so sehr ich mich darüber freue, ein bisschen enttäuscht bin ich – ehrlich gesagt – auch.

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ ist der erste Band einer neuen Reihe, geschrieben von Erzmaester Gyldayn, transkribiert von George R. R. Martin und erzählt die bzw. eine Vorgeschichte von Aegon Targaryen, der mit seinen Schwestergemahlinnen und ihren Drachen Westeros erobert hat, bevor Robert Baratheon viele, viele Jahre später den Eisernen Thron erobern wird. Es berichtet von Intrigen, Kriegen, Liebe, Hass, Feindschaft und Freundschaft, aber vor allem eine jahrhundertealte Geschichte der ganz eigenen ‚Game of Thrones‘ Welt.

Mit diesem Werk liegt demnach zwar ein fiktives Stück Text vor, aber dennoch kein richtiger Roman, wie man ihn vielleicht so oder so ähnlich erwartet hätte. George R. R. Martin hat hier unter der Kapuze des Erzmaester Gyldayn einen Teil der Geschichte Westeros niedergeschrieben, was sich vor allem zu Beginn recht anstrengend lesen lässt, da der Erzählstil dem eines Geschichtsbuchs nachempfunden ist und es praktisch keine Dialoge gibt. Der Fließtext wird ab und an von Illustrationen unterbrochen, ansonsten besteht das Buch aus einem ganzen langen Block an Text mit enorm vielen Personen und Namen, sodass ich mich davon schon ein wenig eingeschüchtert gefühlt habe. Dieses Gefühl habe ich leider bis zum Ende nicht abschütteln können, trotz Stammbaum, der praktischerweise im Schutzumschlag enthalten ist, neben den Text legen und obwohl sich George R.R. Martins Schreibstil gewohnt flüssig lesen lässt.

Nun sitze ich hier und weiß nicht so recht weiter. Einerseits bewundere ich Martins Ideenreichtum, andererseits hat sich die Lektüre weniger nach Unterhaltung als nach fiktivem Geschichtsunterricht angefühlt und um ehrlich zu sein, dafür bin ich wohl nicht Fan genug. Für richtige Fans, die nicht so schnell Figuren durcheinanderbringen wie ich (ja, ich bin leider so eine, die immer einen kleinen Spickzettel benötigt) und die darauf verzichten können, dass Dialoge und somit eine – nach meinem Empfinden – spannende Handlung entsteht, ist das neueste Buch aus George R. R. Martins Wunderkiste sicherlich eine Empfehlung, aber für weniger enthusiastische Fans kann ich leider kein ausdrückliches: auf jeden Fall! aussprechen. So leid es mir tut. Es ist und bleibt wohl eine Sache des persönlichen Geschmacks.

Aus dem Amerikanischen von Andreas Helweg

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[Rückblick] Jahreslesehighlights 2018

Lange habe ich hin und her überlegt, ob ich ein „Best of Bücher 2018“ schreiben soll. Oder nicht. Oder doch. Oder nicht, weil ein Jahr viel zu viele lesenswerte Bücher bereithält und mich dabei für einige wenige ausgewählte Werke zu entscheiden scheint beinahe unmöglich. Oder doch, weil es immer ganz schön ist, ein Jahr resümierend abzuschließen und für mich selbst noch einmal zu schauen: was hat mich wirklich bewegt? In diesem Fall: welche Bücher haben auf welche Weise was mit mir gemacht? Und da gibt es eine ganze Menge, die in der unten folgenden Liste nur ansatzweise ein reales Bild davon geben, was mich dieses Jahr in irgendeiner Form beeindruckt, beeinflusst, nachts wach gehalten, sprachlich auf zarten oder rauen Wellen getragen oder einfach klassisch gut unterhalten hat. Gänzlich fehlen zum Beispiel Sachbücher, die ich in 2018 sehr schätzen gelernt habe. Eines kann ich aber mit Sicherheit sagen: 2018 habe ich viel gelernt. Über mich selbst. Über das, was ich vom Leben erwarte. Über meine Denkweise. Über die Macht der Sprache. Immer wieder erstaunlich, was man aus Büchern mitnehmen kann und dass man immer wieder etwas Neues entdeckt, selbst wenn man denkt, man kennt schon „alles“ (man kennt nie „alles“).

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‚Heimat‘ | Nora Krug

Die mit Abstand großartigste Memoir-Collage als Graphic Novel und eigentlich noch darüber hinaus als Roman, als Gedicht, als Tagebuch, als Erinnerung, als Familienalbum. Ich bin nach wie vor fasziniert von diesem Stück Geschichte, das auf so echte, wunderbare, greifbare Art und Weise auf Papier gedruckt, zum immer wieder darin blättern und verstehen in Buchform einlädt.

‚Frida Kahlo‘ | María Hesse

Eine etwas andere Biographie, die jede*r gelesen haben sollte. Sie ist bunt, sie ist laut, sie ist herzlich, sie ist nah, sie ist künstlerisch, sie ist poetisch – und damit entspricht sie genau dem Bild, das Frida Kahlo von sich selbst gezeichnet, ohne dabei Details auszulassen, die sie selbst beschönigt hätte.

‚Berlin, April 1933‘ | Felix Jackson

Ein Buch, das vieles zusammenfasst und begreifbar macht, was den Beginn vom Anfang eines Endes (man könnte es auch Elend nennen) in Deutschland ausmacht. Es ist Fakt und Fiktion zugleich und macht deutlich, wie verheerend diese Zeit gewesen ist und dass der Zweite Weltkrieg praktisch „nur“ (und das „nur“ klingt dabei schon so falsch) die Spitze des Eisbergs gewesen ist. Während des Lesens lief es mir nicht nur einmal eiskalt den Rücken hinab. Niemals darf vergessen werden, dass das Gestern einen großen Teil vom Heute ausmacht.

‚Super – und dir?‘ | Kathrin Weßling

Ganz anderes Thema, aber deshalb nicht weniger wichtig. Kathrin Weßling erzählt eindringlich und scharf skizziert, manchmal auch etwas überspitzt (aber passend), von unserer Leistungsgesellschaft. Der Roman ist mindestens genauso super wie die Autorin selbst. Sie bringt Vergleiche und sagt kluge Dinge in Momenten, die völlig unerwartet daherkommen und deshalb umso großartiger sind.

‚Kleiner Mann – was nun?‘ | Hans Fallada

Fallada hat meine Liebe zur Literatur, zur Literatur um und im Berlin der „großen Zeiten“ noch mal auf eine ganz andere Ebene gebracht. Ich würde fast sagen, für mich war 2018 das Jahr des Fallada. Dafür bin ich sehr dankbar. Nie hätte ich erwartet, dass mich Bücher noch einmal um ein Stück glücklicher machen könnten.

‚Eleanor Oliphant Is Completely Fine‘ | Gail Honeyman

Eleanor Oliphant fand ich erst schwierig, dann grandios. So grandios, dass ich sie so schnell nicht wieder vergessen werde. Hier geht es ähnlich, aber doch ganz anders wie in ‚Super – und dir?‘ um Leistungsgesellschaft, das nicht Dazugehören und die schwerwiegenden Probleme, die daraus resultieren können. Kein leichtes Thema, aber herzerwärmend umgesetzt. (Wenn man Eleanor erst einmal an sich heranlässt.)

‚Im Westen Nichts Neues‘ | Erich Maria Remarque

Ja ich weiß, ihr verdreht wahrscheinlich schon genervt die Augen (die immer mit ihrem Fallada, Remarque und Kästner – Obacht, der ist auch noch an der Reihe!), aber: das Buch ist ein Augen- und Seelenöffner. Klingt esoterisch, ist aber nicht so. Da sind Sätze drin, die zwischen all dem Grauen des Krieges die Menschlichkeit hervorheben und bewahren. Eines der wichtigsten Bücher überhaupt.

‚Aus dem Tagebuch eines Tauentzien-Girls‘ | Emma Nuss

Was ist ein Tauentzien-Girl?, mag man sich fragen. Emma Nuss erklärt es euch in ihrem fiktiven Tagebuch aus den 1910ern. Unterhaltsam, frech und kurzweilig auf eine gute Art! Es hat ein bisschen gedauert, bis es geklickt hat, aber dann hab ich es gleich noch einmal gelesen.

‚Herz auf Taille‘ | Erich Kästner

(Wobei ich hier auch ein paar Stellen aus heutiger Sicht kritisch finde.) Gedichte, Gedichte! Fand ich früher so … naja … heute habe ich begriffen, wie viel Leben in Lyrik steckt: ganze Welten in kurzen Versen. Kästner erklärt mit viel Witz und ordentlich Sarkasmus eine eigentlich unverständliche Welt.

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„Julia Mann, Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann: Eine Biographie“ | Dagmar von Gersdorff

Die Manns: eine Familie, wie sie sich niemand besser hätte ausdenken können – nein, auch nicht Thomas Mann in den „Buddenbrooks“. Schaut man sich ihren Stammbaum näher an, kommt man aus dem Staunen kaum mehr heraus. Gefühlt haben alle irgendetwas Besonderes geleistet; sind auf jeden Fall eindrucksvolle Persönlichkeiten, gefühlt haben beinahe alle irgendwie etwas Literarisches zustande gebracht und gefühlt heißen auch alle ähnlich: Thomas Johann Heinrich, Luiz Heinrich, Paul Thomas, Julia, Julia Elisabeth Therese, Carla Augusta Olga Maria, Carl Viktor und dann die Kinder bzw. Enkelkinder Carla Maria Henriette Leonie, Erika, Klaus, Gottfried (Golo), Monika, Elisabeth, Michael, Eva Maria Elisabeth, Rosa Marie Julia, Ilse Marie Julia … Uff.

Im Grunde denken wir aber heute, wenn wir an die Manns denken, immer zuerst an Thomas Mann (Paul Thomas), der für seinen Roman „Buddenbrooks“ 1929 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Weiterhin denken wir an Heinrich Mann, den älteren Bruder, der zwar immer ein bisschen im Schatten des jüngeren, doch auch großartige – teils gesellschaftskritische – Werke verfasst hat (u.a. „Professor Unrat“, „Der Untertan“). Und dann denken wir an den Vater Thomas Johann Heinrich Mann, einen angesehenen Lübecker Kaufmann, der früh verstorben ist, aber als Oberhaupt der Familie immer im Gedächtnis bleiben wird. Die weiteren Familienmitglieder, – vor allem die Frauen -, bleiben leider ein bisschen auf der Strecke, dabei gibt es da doch eine Menge zu berichten. Was ist zum Beispiel mit der Mutter, hat sie nicht auch maßgeblich Einfluss auf ihre Kinder Heinrich, Thomas, Julia, Carla und Viktor gehabt? Genau dem geht Dagmar von Gersdorff in der Biographie „Julia Mann, Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann“ nach.

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Julia Mann wird als Julia da Silva-Bruhns an der Südküste Brasiliens geboren. Zwischen Zuckerrohrplantagen und Sandstränden wächst sie in Rio de Janeiro auf, bis sie ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter auf Wunsch ihres Vaters nach Deutschland geschickt wird. Dort besucht sie ein Internat, lernt höfliche und korrekte Umgangsformen, spielt Klavier, singt und komponiert, verfasst Geschichten und Erzählungen. Als sie mit 18 Jahren den rational orientierten Lübecker Kaufmann Thomas Johann Heinrich Mann heiratet, bringt sie zum ersten Mal musikalischen und schriftstellerischen Geist in eine Familie, die sich sonst eher mit nüchternen Zahlen umgibt. Sie ist es, die ihr kreatives Talent an die Kinder weitergibt und diese ihr Leben lang fördern wird. Dabei ist es kein einfaches Leben, das zwar von finanziellen Sorgen relativ frei bleibt, aber dafür andere Schicksalsschläge bereithält. Beginnend mit dem frühen Tod des Familienvaters, über die Rivalität der beiden Söhne, bis hin zum Selbstmord ihrer jüngsten Tochter Carla.

Dagmar von Gersdorff schreibt klar und präzise, dabei durchaus auch spannend von einer Frau und Mutter, die gleichzeitig viel Stärke und Kraft wie auch Sanftheit ausstrahlt. Jedem Kapitel sind Zitate der Manns vorangestellt, die den Inhalt aufgreifen, aber auch innerhalb des Textes finden sich fortlaufend passende und wohl gewählte Ausschnitte aus teils autobiographischen Texten, Erzählungen und Briefen der Manns. Das Leben von Julia Mann zu verfolgen, ihr Ansinnen zu verstehen, ihre Zweifel und Sorgen zu spüren ist nicht nur interessant, sondern auch mitreißend zu lesen. Dabei lässt diese Biographie eine neue Seite, eine neue Perspektive auf die Familie Mann zu, indem Julia Mann im Fokus steht. Zwar nicht immer, denn vor allem Heinrich und Thomas Mann nehmen einen erheblichen Teil des Buches ein, aber doch ist es eine Art Zusammenspiel, eine Familiengeschichte und doch keine. Julia Mann näher kennenzulernen und dabei gleichzeitig tief ins Innere, in den sensiblen Kern der Familie Mann einzutauchen ist das, was diese großartig zusammengestellte und umfassend recherchierte Biographie ausmacht.

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Graphic Novels? Graphic Novels! | Die Fortsetzung

Auf Instagram wurden mir so viele Graphic Novels empfohlen (an dieser Stelle auch noch mal ein riesiges Dankeschön dafür!), dass ich direkt in die Bibliothek gestiefelt bin und mir eine ganze Menge davon ausgeliehen habe. 4 Stück an der Zahl – und nicht gerade dünne Hefte -, wobei ich mich wirklich auch noch ziemlich beherrscht habe, weil ich mir insgeheim gedacht habe: Übertreib mal lieber nicht. Tatsächlich habe ich sie aber fast alle an einem Wochenende hintereinander weggelesen und auch wenn ich mir bewusst bin, dass bei einigen binge-reading eine nach oben gezogene Augenbraue hervorruft, kann ich nur sagen, dass es mir unfassbar viel Freude bereitet hat, in diese unterschiedlichen Geschichten einzutauchen. Can’t stop, won’t stop.

Im Folgenden mag ich gerne ein paar meiner Leseeindrücke teilen.

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„Gift“ | Peer Meter und Barbara Yelin

Eine düstere Graphic Novel, textlich und bildhaft gesprochen. Die Zeichnungen sind ganz in schwarz-weiß gehalten, wobei der Fokus dabei auf Licht & Schatten sowie Konturen liegt. Das schafft eine eindrucksvolle Wahrnehmung und atmosphärische Bilder. Vor allem die Betonung des unterschiedlichen Lichteinfalls bzw. das Fehlen dessen ermöglicht eine andere, spezifischere Wahrnehmung, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Der Ausdruck der Zeichnungen harmoniert wunderbar mit dem Inhalt der Geschichte, der ebenfalls dunkel und eher bedrückend ist. In „Gift“ wird der Kriminalfall der Gesche Gottfried aus dem Jahr 1831 in Bremen erzählt. Gesche Gottfried, eine Giftmörderin, wartet auf ihre Hinrichtung, während eine junge Schriftstellerin in der Stadt eintrifft, die eigentlich etwas über Bremen schreiben möchte, aber von der dortigen Stimmung so eingenommen wird, weshalb sie beginnt, sich für den Fall zu interessieren. Eher abgestoßen und befremdet registriert sie, dass die Bremer kein anderes Thema zu kennen scheinen und dass Gesche als Bestie abgestempelt wird, ohne dass sich jemand auch nur ein bisschen bemüht, die Beweggründe zu verstehen. Es ist eine spannende, eine erzählerisch dichte und psychologisch faszinierende Geschichte, die von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit in einer Rechtsprechung berichtet, in der Macht das Maß aller Dinge ist. (Und ist damit, trotz einer anderen Zeit und anderer Sichtweise, teilweise leider immer noch aktuell. Auch, was das Thema Hass & Hetze angeht.)

„Ein neues Land“ | Shaun Tan

Diese Graphic Novel kommt komplett ohne Dialoge und ohne Worte aus und wirkt trotzdem – oder gerade deswegen – unglaublich stark. Das muss man erst einmal schaffen! Die Geschichte ist also im wahrsten Sinne des Wortes eine reine Bildergeschichte in einer Mischung aus Fantasy, irgendwie auch ein bisschen Dystopie (so ganz am Rande), die eingebettet in einen historischen Kontext ist und gleichzeitig eine Geschichte von heute erzählt. Also ein bisschen was von allem. Crazy, oder? Es geht um die Ankunft in einem Land, um die Hoffnungen, die daran geknüpft sind (eine bessere oder überhaupt eine Zukunft zu haben) und die Probleme, die damit einhergehen. Für die Hauptfigur ist es zunächst schwierig das gewohnte, das geliebte, das „alte“ Leben hinter sich zu lassen und in eine neue, unbekannte Umgebung einzutauchen, die vielleicht komplett das Gegenteil von dem ist, was bekannt und gewohnt ist. Neue Menschen, ein neues Leben, eine neue Arbeit, ein anderes Land, eine fremde Kultur. Nie ist es einfach, immer braucht man dafür Mut und Kraft und Durchhaltevermögen. All dies wird hier erzählt, fast schon spielerisch, aber mit so viel Wucht dahinter, dass es sehr nahe geht.

„Irmina“ | Barbara Yelin

Mein Highlight unter diesen vier Büchern und sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus. Wunderbar gestaltet, in einem blau-grau-braun-Ton als wäre ein Vintage Filter darübergelegt worden, mit roten Details, die die abgebildete Zeit besonders betonen. „Irmina“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die Mitte der 1930er nach London zieht, um dort eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Sie lernt Howard kennen, in den sie sich prompt verliebt. Ein unsichtbares Band aus Mut und dem Drang nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung verbindet beide. Doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Irmina fährt aufgrund von Geldsorgen und vielleicht auch einer ordentlichen Portion Naivität nach Berlin, immer im Kopf der Plan, sobald wie möglich wieder zurück nach London, zurück zu Howard zu reisen. Aus diesen Plänen wird im nationalsozialistischen Deutschland nichts. Stattdessen verändert diese Zeit (nicht nur) für Irmina alles. Mehr als das. Sie selbst wird zu einer Unterstützerin des Regimes. Dafür gibt es Gründe, die ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte, aber dennoch ist dieser Bruch unumkehrbar. Die Erzählung begleitet Irmina durch den Zweiten Weltkrieg hindurch bis in die Nachkriegszeit und berichtet so ausführlich davon, was passiert, wenn eine Entscheidung zu einem ganz anderen Leben führt. Mich hat die Geschichte sehr berührt, weil sie so authentisch ist. Wie viele Leben dieser und ähnlicher Art gibt es, die aufgrund eines Fehlers, einer oder auch mehrerer falscher Entscheidungen eine komplett andere Richtung einnehmen? Eine Richtung, aus der man nicht mehr umkehren kann? Und wie viele Geschichten dieser Art bleiben unerzählt? Aus Angst, Scham, Reue oder auch, weil nicht gefragt wird? „Irmina“ ist eines dieser Bücher, das man so schnell nicht wieder vergisst.

„Blankets“ | Craig Thompson

„Blankets“ wurde mir von unfassbar vielen empfohlen und ich muss ehrlich gestehen, dass ich dieses Buch so gar nicht auf dem Schirm gehabt habe. Womöglich (oder besser: sehr wahrscheinlich) hätte ich es nicht gelesen, wenn es mir nicht vehement aus allen Richtungen nahe gelegt worden wäre. So oder so bin ich dafür sehr dankbar, denn ich hätte ganz schön was verpasst. Auf schwarz-weißen, sehr eindringlichen Bildern erzählt Craig Thompson eine Coming of Age Geschichte, die mich entfernt an „Boyhood“ erinnert hat (und ich liebe diesen Film!). In „Blankets“ geht es um Familie, um das Auseinanderdriften von zwei Brüdern, um die erste große Liebe und die Liebe zu Gott, die irgendwann in Frage gestellt wird. Kurzum: um das Heranwachsen und die Probleme damit. Es geht aber um noch viel mehr, denn gleichzeitig bildet die Geschichte ein zeitliches und ein gesellschaftliches Porträt der USA in den 1990ern ab. Wunderbar und einfühlsam erzählt, zum Nachempfinden und Eintauchen in eine fremde Gedankenwelt, die so oder so ähnlich auch die eigene hätte sein können.

PS: Das Symbol der Decke ist eines der schönsten für Zusammenhalt, Erwachsenwerden & Veränderungen, über das ich bisher in der Form so noch nicht nachgedacht habe.

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„Heimat“ | Nora Krug

Nora Krug ist studierte Bühnenbildnerin, Dokumentarfilmerin und Illustratorin, deren Zeichnungen und Bildergeschichten u.a. bei „The New York Times“, „The Guardian“ und „Le Monde diplomatique“ erscheinen. In Karlsruhe geboren, lebt sie mittlerweile in NYC/Brooklyn, wo sie an der „Parsons School of Design“ als Professorin für Illustration tätig ist. (Quelle: Verlag)

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„Heimat“ ist Nora Krugs literarisch-grafisches Debüt, in dem sie mittels Collagetechnik, Illustrationen, historischen Fotografien und handgeschriebenen wie abfotografierten Texten eine Art Familienchronik bzw. Familienalbum erstellt hat, die nach den ganz tief vergrabenen Erlebnissen vor, während und nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges fragt. Eine Reise in die Vergangenheit, in der Nora Krug auf der Suche nach dem ist, was Heimat eigentlich darstellt und was es bedeutet, diese zu verlieren. Vielleicht werden sich einige fragen: „Wie kann ein grafisch erstelltes Buch literarisch sein?“ Sollten hier Fragezeichen in euren Köpfen entstanden sein, kann ich nur antworten: „Literatur ist ein Erlebnis, das Zeit und Raum öffnet, das die Möglichkeit bietet auf jedweder Ebene eine Geschichte zu erzählen.“ Ach, bevor es jetzt zu pathetisch wird, lest es am besten gleich selbst! Mir fällt es nämlich wirklich schwer, Nora Krugs Geschichte in Worte zu fassen, weil sie so anders, so besonders, so großartig dargestellt ist und mich dieses Buch mit jeder Seite aufs Neue überrascht hat. (Ihr merkt vielleicht, diese Buchbesprechung ist ein bisschen chaotisch.)

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aus „Heimat“ von Nora Krug, erschienen im Penguin Verlag

Angefangen mit dem Familienstammbaum, der je mütterlicherseits wie väterlicherseits eine Doppelseite der Vorsatzblätter einnimmt und nicht bloß aussieht wie x-beliebige Familienstammbäume, sondern entfernt an eine Collage von Hannah Höch erinnert – nur nicht ganz so abstrakt, aber mindestens ebenso schön. Die Körper der jeweiligen Familienmitglieder sind grafisch dargestellt, darunter befinden sich ein paar handschriftliche Informationen zu den jeweiligen Personen. Das Besondere: ihre Köpfe bestehen aus alten Fotografien, die passend auf die gemalten Körper drapiert werden. Ok – das hört sich jetzt ein bisschen gruselig an, sieht aber nicht ein Stück so aus und hat eine großartige Wirkung. Weiterhin baut Nora Krug immer wieder alte Fotografien ein, die sie mit handschriftlichen Texten schmückt, durchbrochen von kleineren Comicstrips und Illustrationen, die ebenfalls von handschriftlichen Texten begleitet werden.

Und dieser Text, der trägt das ganze Gewicht der Geschichte. Er erzählt von Nora Krugs Suche nach ihrer eigenen Heimat, in der sie ihre persönliche Familiengeschichte verstehen will und danach fragt, was „damals passiert ist“ und was Deutschsein eigentlich heute bedeutet. Eine für alle Beteiligten schmerzhafte wie zugleich irgendwie auch befreiende, fast schon kathartische Erzählung, die sehr persönlich ist. Wir als Leser*innen sind praktisch hautnah dabei, wie sich eine Familie neu erkennt, vielleicht sogar ein wenig findet, zumindest aber die Vergangenheit versteht. Und das ist ein großes Geschenk, nicht nur für Nora Krug und ihre Familie, sondern auch für uns, denen etwas ganz Wichtiges vermittelt wird: Heimat ist ein Gefühl, das flüsternd im Bauch grollt und uns nie verlässt.

PS: Eine kleine Anmerkung habe ich allerdings noch: In der jetzigen Ausgabe werden die Novemberpogrome von 1938 mit einem Wort bezeichnet, das man nach meinem Verständnis heute nicht mehr benutzen sollte, da es die Geschehnisse verharmlost. Auch wenn dieses Wort in Großbuchstaben ausgeschrieben wird, um Distanz zu wahren. Eventuell kann und sollte dies geändert werden. Sprache ist so mächtig.

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