„Cat Person“ | Kristen Roupenian

Kristen Roupenian hat möglicherweise das geschafft, wovon viele insgeheim träumen, womit aber niemand so wirklich gerechnet hätte. 2017 veröffentlichte der New Yorker eine ihrer Kurzgeschichten, („Cat Person“) und erzeugte damit einen literarischen Viralhype im Internet. Daraufhin wurde die Geschichte zu einer der meistgelesenen Artikel des Jahres und Roupenian zur literarischen Vertreterin der #MeToo Debatte. Roupenian unterzeichnete einen Buchvertrag und hier liegt er nun auf Deutsch vor, der erste Sammelband voll leicht verstörender, teils skurriler, oft provozierender, vielfältiger, moderner und auf jeden Fall irgendwie anderer Kurzgeschichten.

Achtung, enthält Spoiler!

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In der titelgebenden Story „Cat Person“ lernt Margot, eine 20-jährige Studentin, den 34-jährigen Robert während ihrer Schicht im Kino kennen. Sie flirten zwanglos, tauschen später Handynummern aus und beginnen anschließend das SMS-Spiel, bei dem sich beide scheinbar belanglose Witze hin und her schicken, um zu beweisen, dass sie klug, witzig und auf einer Wellenlänge sind. Es funktioniert. Einige Zeit später treffen sich Margot und Robert zu ihrem ersten Date, er scheint ganz anders, irgendwie verstockter, weniger geistreich, weniger lustig zu sein als per SMS. Das Date wird zu einer halben Katastrophe, Margot realisiert früh, dass aus ihnen nicht „mehr“ wird und doch haben sie Sex, obwohl sie sich zunehmend unwohler fühlt. „Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt darauf bestand aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie im Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.“ Am Ende der Geschichte bezeichnet Robert Margot als „Schlampe“. Das interessante an dieser Erzählung ist nicht nur die Perspektive oder das, was passiert, sondern die Art wie Roupenian den Zeitgeist beschreibt, in dem sie die Grauzone zwischen sexueller Nötigung und gemeinsamen Konsens beleuchtet. Alltagssexismus liegt, wie der Begriff schon sagt, im Alltäglichen und ist deshalb gut getarnt. Die Geschichte gibt keine Antworten, aber überträgt die Fragen, die sie aufwirft, an Leser*innen und somit letztlich an die Gesellschaft und bietet Raum zur Diskussion.

Der Sammelband jedoch beginnt anders als erwartet mit einer ganz anderen Kurzgeschichte („Böser Junge“), in der ein junger Mann von seiner Freundin verlassen Zuflucht bei seinen besten Freunden sucht. Es entspinnt sich eine Art Dreiecksgeschichte, die plötzlich und schockierend endet. Roupenian selbst sagt in einem Interview, dass sie diese Geschichte als eine Art Filter sieht, die darüber entscheidet, ob man am Ball bleibt, also mehr von Roupenian lesen will – oder nicht. Ich persönlich bin allerdings froh, dass ich nicht mit „Böser Junge“, sondern mit „Cat Person“ angefangen habe, sonst hätte ich nämlich möglicherweise tatsächlich nicht weitergelesen. Nicht alle von Roupenians Geschichten sind wie die erste, aber alle haben einen leicht bösen Kern. Ein bisschen Horror, Fantasy und Abgedrehtes ist auch mit dabei. Manchmal klappt das weniger gut, wie z.B. in „Vernarbt“, die für meinen Geschmack ein wenig zu durcheinander geraten ist, dafür aber super in „Beißerin“, in der Ellie nichts so sehr liebt wie in ihre Mitmenschen zu beißen wie in einen saftigen Apfel. 20 Jahre bleibt sie abstinent, bis(s) ein neuer Kollege auftaucht: Corey Allen. Sie schreibt sich Listen mit guten Gründen, warum sie ihn nun wirklich auf keinen Fall beißen darf – und tut es dann trotzdem. Witzigerweise stellt sich heraus, das besagter Kollege schon viele ihrer Kolleginnen sexuell belästigt hat und Ellie steht als Heldin da. Auch hier bleibt wieder Raum für Interpretation.

Eine meiner favorisierten Geschichten ist – neben „Beißerin“ – „Matchbox Sign“, weil sie auf die Thematik anspielt, dass Frauen häufiger als „hysterisch“ abgestempelt und in Gesprächen mit Ärzt*innen relativ oft nicht ernstgenommen werden. Hier verspürt die Protagonistin Laura ein Jucken auf ihrer Haut, das immer stärker wird, bis sie sich die juckenden Stellen aufkratzt. Sie hat das Gefühl, als säße etwas unter ihrer Haut, eine Art Parasit. Niemand außer ihrem Freund, der ihr – das muss man ihm zugute halten – unbedingt helfen will, glaubt ihr. Zum Schluss befällt der Parasit ihn und man selbst fragt sich, ob es überhaupt noch gute Dinge gibt, die nicht letztlich doch bestraft werden.

Spoiler Ende

Roupenians zwölf Kurzgeschichten leben von ihren ungewöhnlichen Charakteren, von ihren (manchmal zu) anschaulichen, detaillierten und provozierenden Bildern, sie beinhalten viel Sex, thematisieren das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau und berichten von der Millenial-Thematik, die zur Diskussion anregt. Ihre Geschichten faszinieren und stoßen gleichzeitig ab. Sie wollen nicht die Welt verbessern, wollen nicht primär ein Umdenken bezwecken, aber sie wollen unterhalten und Dinge ansprechen, über die wir uns noch vor ein paar Jahren vielleicht nicht getraut hätten in dem Maß (online) zu reden. Ihre Geschichten sind gut, sie treffen einen Nerv und man liest sie heimlich angetan wie Tagebucheinträge Fremder, aber sie hinterlassen bei mir zum Teil einen leicht schalen Beigeschmack, weil ich mich frage, wo die Grenze zwischen erträglicher und unerträglicher Provokation verläuft. In manchen Texten bewegt sich Roupenian da sehr bewusst auf dünnem Eis. Und ja, das ist aufregend, aber vielleicht auch ab und zu ein kleines bisschen too much.

Großartig aus dem Amerikanischen übersetzt von Nella Beljan und Friederike Schilbach

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„Mein Ein und Alles“ | Gabriel Tallent

Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. „Hübsches Cover“, vielleicht, weil ich leider doch zu oft ein Buch nach seinem Äußeren beurteile. Vielleicht auch: „Interessanter Titel“, weil ich auch da sehr beeinflussbar bin. Was ich auf jeden Fall nicht gedacht habe ist, dass ich dieses Buch gleichzeitig hassen und lieben werde. Hass und Liebe sind starke Worte für ein Buch, aber doch genau das, was Gabriel Tallent mit seinem Debütroman „Mein Ein und Alles“ hervorruft: eine Neigung zu Extremen, ein Entweder-Oder, aber auch ein Ich-fühle-alles.

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Turtle Alveston, die Romanheldin, lebt bei ihrem Vater abgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf. Dort kennt sie jeden Stein, jeden Hügel, jede Pflanze und jedes Tier. Weiß sich selbst zu verteidigen und zu kämpfen, nur gegen ihren eigenen Vater, der besitzergreifend und krankhaft agiert, kann sie sich nicht zur Wehr setzen. Zu groß ist die Angst, zu groß die Liebe, zu groß die gegenseitige Abhängigkeit. Bis Turtle ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und nach und nach begreift, dass sie sich von ihrem Vater befreien muss, doch der Preis dafür ist hoch. Zu hoch?

Ich wollte das Buch gegen die Wand werfen (und das nicht, weil ich anfangs etwas Schwierigkeiten mit dem doch leicht hölzernen, irgendwie ein wenig abgehacktem Schreibstil gehabt habe, der – wie ich jetzt weiß – perfekt die Stimmung im Buch und die Beziehung zwischen Turtle und ihrem Vater wiedergibt), dann wieder an mich drücken, mehrmals abbrechen und doch unbedingt weiterlesen, weil ich gedacht habe: irgendwer muss doch Turtle retten! Und wirklich, als Leser*in bekommt man irgendwann das Gefühl, man müsse nur lange genug durchhalten, dann würde endlich alles gut. Man hofft so sehr und dann wird diese Hoffnung immer wieder aufs Neue durchstoßen und es ist als würde man keine Luft mehr bekommen, weil man so sehr hofft und bangt und alles gleichzeitig empfindet: Hass und Wut und Trauer und – immer wieder – Hoffnung. Dabei ist es schon fast unglaublich, wie Gabriel Tallent das macht, so viel Schlimmes neben so viel Schönes zu schreiben. Aber eines muss ich ganz klar sagen: dieser Roman ist nicht für jede*n geeignet – und das meine ich gar nicht abwertend dem Buch oder uns Leser*innen gegenüber, aber der Inhalt ist … ja, was? Unvorstellbar grausam in seiner Realität? [TW: Körperlicher & Psychischer Missbrauch] Die schönsten Naturbeschreibungen wechseln sich ab mit Szenen körperlicher und emotionaler Gewalt, die man durch die Seiten beinahe spüren kann und auch wenn das ein literarischer Kniff des Autors ist, – der tatsächlich funktioniert! – ist das etwas, was unter die Haut geht, wehtut und nicht zum Entspannen einlädt. „Mein Ein und Alles“ ist keine Wohlfühllektüre, aber trotzdem eine, die Augen und Herzen öffnet und eine, die polarisiert. Einmal gelesen, wird man noch oft an diesen Roman zurückdenken und darüber sprechen wollen.

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ | George R. R. Martin

George R.R. Martin ist einer DER Autoren, der nach J.R.R. Tolkien High Fantasy abseits des als etwas „nerdy“ abgestempelten Formats cool gemacht hat. Spätestens mit der TV-Serie ‚Game of Thrones‘ zur gleichnamigen Buchreihe (oder auf Deutsch: ‚Das Lied von Eis und Feuer‘) ist sein Name ein Begriff. Ok, ja. Ich habe eben George R.R. Martin und J.R.R. Tolkien in einem Atemzug genannt und jetzt tue ich es schon wieder. Manch eine*r wird das nicht gut finden, für manche ist der Vergleich nicht neu und ich bin mir gerade selbst nicht sicher, ob ich das so stehen lassen soll, aber ich kann mich nun einmal an keine andere Fantasy Reihe erinnern, die so enorm weite Kreise gezogen hat wie diese beiden. (Harry Potter außen vor, das ist aber auch noch einmal eine ganz andere Geschichte.) Es gibt Merchandising ohne Ende, ganze Foren befassen sich mit der Welt von ‚Game of Thrones‘, einzelne Charaktere werden zu Superstars und während das fiktive ins reale Geschehen übergeht warten wir eisern (Obacht für Fans: Wortspiel!) seit Jahren auf den nächsten Band. In der Zwischenzeit erscheint eine Vorgeschichte nach der anderen und so sehr ich mich darüber freue, ein bisschen enttäuscht bin ich – ehrlich gesagt – auch.

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„Feuer und Blut: Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“ ist der erste Band einer neuen Reihe, geschrieben von Erzmaester Gyldayn, transkribiert von George R. R. Martin und erzählt die bzw. eine Vorgeschichte von Aegon Targaryen, der mit seinen Schwestergemahlinnen und ihren Drachen Westeros erobert hat, bevor Robert Baratheon viele, viele Jahre später den Eisernen Thron erobern wird. Es berichtet von Intrigen, Kriegen, Liebe, Hass, Feindschaft und Freundschaft, aber vor allem eine jahrhundertealte Geschichte der ganz eigenen ‚Game of Thrones‘ Welt.

Mit diesem Werk liegt demnach zwar ein fiktives Stück Text vor, aber dennoch kein richtiger Roman, wie man ihn vielleicht so oder so ähnlich erwartet hätte. George R. R. Martin hat hier unter der Kapuze des Erzmaester Gyldayn einen Teil der Geschichte Westeros niedergeschrieben, was sich vor allem zu Beginn recht anstrengend lesen lässt, da der Erzählstil dem eines Geschichtsbuchs nachempfunden ist und es praktisch keine Dialoge gibt. Der Fließtext wird ab und an von Illustrationen unterbrochen, ansonsten besteht das Buch aus einem ganzen langen Block an Text mit enorm vielen Personen und Namen, sodass ich mich davon schon ein wenig eingeschüchtert gefühlt habe. Dieses Gefühl habe ich leider bis zum Ende nicht abschütteln können, trotz Stammbaum, der praktischerweise im Schutzumschlag enthalten ist, neben den Text legen und obwohl sich George R.R. Martins Schreibstil gewohnt flüssig lesen lässt.

Nun sitze ich hier und weiß nicht so recht weiter. Einerseits bewundere ich Martins Ideenreichtum, andererseits hat sich die Lektüre weniger nach Unterhaltung als nach fiktivem Geschichtsunterricht angefühlt und um ehrlich zu sein, dafür bin ich wohl nicht Fan genug. Für richtige Fans, die nicht so schnell Figuren durcheinanderbringen wie ich (ja, ich bin leider so eine, die immer einen kleinen Spickzettel benötigt) und die darauf verzichten können, dass Dialoge und somit eine – nach meinem Empfinden – spannende Handlung entsteht, ist das neueste Buch aus George R. R. Martins Wunderkiste sicherlich eine Empfehlung, aber für weniger enthusiastische Fans kann ich leider kein ausdrückliches: auf jeden Fall! aussprechen. So leid es mir tut. Es ist und bleibt wohl eine Sache des persönlichen Geschmacks.

Aus dem Amerikanischen von Andreas Helweg

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„Julia Mann, Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann: Eine Biographie“ | Dagmar von Gersdorff

Die Manns: eine Familie, wie sie sich niemand besser hätte ausdenken können – nein, auch nicht Thomas Mann in den „Buddenbrooks“. Schaut man sich ihren Stammbaum näher an, kommt man aus dem Staunen kaum mehr heraus. Gefühlt haben alle irgendetwas Besonderes geleistet; sind auf jeden Fall eindrucksvolle Persönlichkeiten, gefühlt haben beinahe alle irgendwie etwas Literarisches zustande gebracht und gefühlt heißen auch alle ähnlich: Thomas Johann Heinrich, Luiz Heinrich, Paul Thomas, Julia, Julia Elisabeth Therese, Carla Augusta Olga Maria, Carl Viktor und dann die Kinder bzw. Enkelkinder Carla Maria Henriette Leonie, Erika, Klaus, Gottfried (Golo), Monika, Elisabeth, Michael, Eva Maria Elisabeth, Rosa Marie Julia, Ilse Marie Julia … Uff.

Im Grunde denken wir aber heute, wenn wir an die Manns denken, immer zuerst an Thomas Mann (Paul Thomas), der für seinen Roman „Buddenbrooks“ 1929 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Weiterhin denken wir an Heinrich Mann, den älteren Bruder, der zwar immer ein bisschen im Schatten des jüngeren, doch auch großartige – teils gesellschaftskritische – Werke verfasst hat (u.a. „Professor Unrat“, „Der Untertan“). Und dann denken wir an den Vater Thomas Johann Heinrich Mann, einen angesehenen Lübecker Kaufmann, der früh verstorben ist, aber als Oberhaupt der Familie immer im Gedächtnis bleiben wird. Die weiteren Familienmitglieder, – vor allem die Frauen -, bleiben leider ein bisschen auf der Strecke, dabei gibt es da doch eine Menge zu berichten. Was ist zum Beispiel mit der Mutter, hat sie nicht auch maßgeblich Einfluss auf ihre Kinder Heinrich, Thomas, Julia, Carla und Viktor gehabt? Genau dem geht Dagmar von Gersdorff in der Biographie „Julia Mann, Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann“ nach.

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Julia Mann wird als Julia da Silva-Bruhns an der Südküste Brasiliens geboren. Zwischen Zuckerrohrplantagen und Sandstränden wächst sie in Rio de Janeiro auf, bis sie ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter auf Wunsch ihres Vaters nach Deutschland geschickt wird. Dort besucht sie ein Internat, lernt höfliche und korrekte Umgangsformen, spielt Klavier, singt und komponiert, verfasst Geschichten und Erzählungen. Als sie mit 18 Jahren den rational orientierten Lübecker Kaufmann Thomas Johann Heinrich Mann heiratet, bringt sie zum ersten Mal musikalischen und schriftstellerischen Geist in eine Familie, die sich sonst eher mit nüchternen Zahlen umgibt. Sie ist es, die ihr kreatives Talent an die Kinder weitergibt und diese ihr Leben lang fördern wird. Dabei ist es kein einfaches Leben, das zwar von finanziellen Sorgen relativ frei bleibt, aber dafür andere Schicksalsschläge bereithält. Beginnend mit dem frühen Tod des Familienvaters, über die Rivalität der beiden Söhne, bis hin zum Selbstmord ihrer jüngsten Tochter Carla.

Dagmar von Gersdorff schreibt klar und präzise, dabei durchaus auch spannend von einer Frau und Mutter, die gleichzeitig viel Stärke und Kraft wie auch Sanftheit ausstrahlt. Jedem Kapitel sind Zitate der Manns vorangestellt, die den Inhalt aufgreifen, aber auch innerhalb des Textes finden sich fortlaufend passende und wohl gewählte Ausschnitte aus teils autobiographischen Texten, Erzählungen und Briefen der Manns. Das Leben von Julia Mann zu verfolgen, ihr Ansinnen zu verstehen, ihre Zweifel und Sorgen zu spüren ist nicht nur interessant, sondern auch mitreißend zu lesen. Dabei lässt diese Biographie eine neue Seite, eine neue Perspektive auf die Familie Mann zu, indem Julia Mann im Fokus steht. Zwar nicht immer, denn vor allem Heinrich und Thomas Mann nehmen einen erheblichen Teil des Buches ein, aber doch ist es eine Art Zusammenspiel, eine Familiengeschichte und doch keine. Julia Mann näher kennenzulernen und dabei gleichzeitig tief ins Innere, in den sensiblen Kern der Familie Mann einzutauchen ist das, was diese großartig zusammengestellte und umfassend recherchierte Biographie ausmacht.

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Geschenkidee: Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Es ist schon ewig her, seitdem ich „Der Nussknacker“ als Ballett im Theater gesehen habe, aber ich kann mich noch ganz genau an die von Peter Tschaikowsky komponierte Musik, die klingelnd in den Ohren tanzt, erinnern. Sie ist so herrlich weihnachtlich, dass man sofort in diese Stimmung verfällt, in der man sich satt und zufrieden unterm Tannenbaum wähnt, den Duft von Orange, Zimt und Wald in der Nase, während die Familie im Raum is(s)t und im Hintergrund leise Musik läuft. (So die romantische Tschaikowsky Vorstellung, in Wahrheit sieht es wahrscheinlich – wie wir alle wissen – eeeetwas anders aus.) Die Grundidee, also die Geschichte, stammt von E.T.A. Hoffmann, die 1816 unter dem Titel „Nußknacker und Mausekönig“ erschienen ist. Ein Kunstmärchen, in dem das Weihnachtsspielzeug – allen voran der Nussknacker, den die Hauptfigur vom Paten Drosselmeyer geschenkt bekommt – nachts ein Eigenleben entwickelt, das es mittlerweile in vielfacher und abgewandelter Form gibt. So auch das Musik-Bilderbuch des Nussknackers, welches von Jessica Courtney-Tickle illustriert worden ist.

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In dieser Ausgabe wird die Geschichte des Nussknackers anders, aber nicht komplett neu erzählt. So, dass auf jeder Doppelseite passend die Musik von Tschaikowsky abgespielt werden kann, in dem auf eine Note im Buch gedrückt wird, die den kleinen auf der letzten Seite eingebauten Lautsprecher aktiviert. (Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie Musik-Bilderbücher funktionieren, aber so würde ich das jetzt mal laienhaft beschreiben.) Zum Beispiel ertönt die Ouvertüre aus dem 1. Akt auf der ersten Doppelseite, auf der die Geschichte beginnt. Der letzte Satz lautet: „Es klopft! Wer steht vor der Tür?“, anschließend kann die Note gedrückt werden und die Ouvertüre ertönt. Auf der nächsten Seite betritt der Taufpate Onkel Drosselmeyer das Wohnzimmer, im Arm ein verpacktes Geschenk. Dazu kann wieder die passende Note gedrückt werden und Musik ertönt. So das Prinzip des Buches, was auf jeder Doppelseite ähnlich fortgeführt wird.

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aus Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Auf diese Weise wird „Der Nussknacker“ als Geschichte kindgerecht erzählt und gleichzeitig ein interaktives Beisammensein kreiert. Es macht großen Spaß durch das Buch zu blättern, die Geschichte zu verfolgen und gleichzeitig die passende Musik zu hören. Besonders schön sind auch die Illustrationen von Jessica Courtney-Tickle, es ist eine wahre Freude sie sich anzuschauen. Die Gesichter wirken lebendig, die Farben leuchten und alles wirkt wie in ein weihnachtliches Licht gehüllt, ohne dabei zu dick aufzutragen. Auch bin ich ein bisschen sehr begeistert von den „kleinen“ Details wie Onkel Drosselmeyer, der Tschaikowsky verdächtig ähnlich sieht und der Vielfalt der Figuren. Es ist ein fröhliches, ein liebevolles, ein buntes Miteinander und wirkt dabei ganz zwanglos, als ob es das natürlichste auf der Welt wäre, dass alle Menschen, egal welcher Herkunft, gemeinsam das Weihnachtsfest feiern. Das sollte so sein, entspricht aber leider nicht immer der Realität – und deshalb liebe ich diesen Aspekt der Vielfalt und des respektvollen Miteinanders in dieser Art der Interpretation und Illustration der Geschichte sehr. Ein Kritikpunkt: Die Hauptfiguren sind dennoch alle weiß.

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aus Peter Tschaikowsky „Der Nussknacker“ | Illustriert von Jessica Courtney-Tickle

Auf der letzten Seite gibt es dann noch die Möglichkeit etwas mehr über den Komponisten Tschaikowsky zu erfahren, wie auch über die Instrumente, deren Zusammenspiel die Musik erst lebendig werden lässt, sodass daraus ein wohlklingendes Stück werden kann. Auch können dort alle Stücke einzeln angehört werden, immer nur ein paar Sekunden, aber so, dass ein Eindruck, ein Gefühl für die Musik entsteht.

 

 

 

Man liest glaube ich heraus, dass ich begeistert bin und finde, dass „Der Nussknacker“ ein ideales Geschenk zu Weihnachten ist – für groß und klein!

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„Heimat“ | Nora Krug

Nora Krug ist studierte Bühnenbildnerin, Dokumentarfilmerin und Illustratorin, deren Zeichnungen und Bildergeschichten u.a. bei „The New York Times“, „The Guardian“ und „Le Monde diplomatique“ erscheinen. In Karlsruhe geboren, lebt sie mittlerweile in NYC/Brooklyn, wo sie an der „Parsons School of Design“ als Professorin für Illustration tätig ist. (Quelle: Verlag)

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„Heimat“ ist Nora Krugs literarisch-grafisches Debüt, in dem sie mittels Collagetechnik, Illustrationen, historischen Fotografien und handgeschriebenen wie abfotografierten Texten eine Art Familienchronik bzw. Familienalbum erstellt hat, die nach den ganz tief vergrabenen Erlebnissen vor, während und nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges fragt. Eine Reise in die Vergangenheit, in der Nora Krug auf der Suche nach dem ist, was Heimat eigentlich darstellt und was es bedeutet, diese zu verlieren. Vielleicht werden sich einige fragen: „Wie kann ein grafisch erstelltes Buch literarisch sein?“ Sollten hier Fragezeichen in euren Köpfen entstanden sein, kann ich nur antworten: „Literatur ist ein Erlebnis, das Zeit und Raum öffnet, das die Möglichkeit bietet auf jedweder Ebene eine Geschichte zu erzählen.“ Ach, bevor es jetzt zu pathetisch wird, lest es am besten gleich selbst! Mir fällt es nämlich wirklich schwer, Nora Krugs Geschichte in Worte zu fassen, weil sie so anders, so besonders, so großartig dargestellt ist und mich dieses Buch mit jeder Seite aufs Neue überrascht hat. (Ihr merkt vielleicht, diese Buchbesprechung ist ein bisschen chaotisch.)

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aus „Heimat“ von Nora Krug, erschienen im Penguin Verlag

Angefangen mit dem Familienstammbaum, der je mütterlicherseits wie väterlicherseits eine Doppelseite der Vorsatzblätter einnimmt und nicht bloß aussieht wie x-beliebige Familienstammbäume, sondern entfernt an eine Collage von Hannah Höch erinnert – nur nicht ganz so abstrakt, aber mindestens ebenso schön. Die Körper der jeweiligen Familienmitglieder sind grafisch dargestellt, darunter befinden sich ein paar handschriftliche Informationen zu den jeweiligen Personen. Das Besondere: ihre Köpfe bestehen aus alten Fotografien, die passend auf die gemalten Körper drapiert werden. Ok – das hört sich jetzt ein bisschen gruselig an, sieht aber nicht ein Stück so aus und hat eine großartige Wirkung. Weiterhin baut Nora Krug immer wieder alte Fotografien ein, die sie mit handschriftlichen Texten schmückt, durchbrochen von kleineren Comicstrips und Illustrationen, die ebenfalls von handschriftlichen Texten begleitet werden.

Und dieser Text, der trägt das ganze Gewicht der Geschichte. Er erzählt von Nora Krugs Suche nach ihrer eigenen Heimat, in der sie ihre persönliche Familiengeschichte verstehen will und danach fragt, was „damals passiert ist“ und was Deutschsein eigentlich heute bedeutet. Eine für alle Beteiligten schmerzhafte wie zugleich irgendwie auch befreiende, fast schon kathartische Erzählung, die sehr persönlich ist. Wir als Leser*innen sind praktisch hautnah dabei, wie sich eine Familie neu erkennt, vielleicht sogar ein wenig findet, zumindest aber die Vergangenheit versteht. Und das ist ein großes Geschenk, nicht nur für Nora Krug und ihre Familie, sondern auch für uns, denen etwas ganz Wichtiges vermittelt wird: Heimat ist ein Gefühl, das flüsternd im Bauch grollt und uns nie verlässt.

PS: Eine kleine Anmerkung habe ich allerdings noch: In der jetzigen Ausgabe werden die Novemberpogrome von 1938 mit einem Wort bezeichnet, das man nach meinem Verständnis heute nicht mehr benutzen sollte, da es die Geschehnisse verharmlost. Auch wenn dieses Wort in Großbuchstaben ausgeschrieben wird, um Distanz zu wahren. Eventuell kann und sollte dies geändert werden. Sprache ist so mächtig.

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„Würstchen, der Dackel“ | Mia Cassany & Mikel Casal

In meiner Familie sind alle große Dackel-Fans. Der Dackel meiner Urgroßeltern hieß Lumpi. Seine Hundeeltern Apothekers Waldi und Nachbars Heidi. Meinen eigenen Dackel wollte ich immer Wurst nennen – oder Peanut Butter bzw. Peanut. Als ich mal öffentlich kommuniziert habe, dass ich im Falle des Falles meinen Hund Wurst nennen wollen würde, habe ich verwundert gelernt, dass ich mit dieser Idee keinesfalls alleine bin (und ich dachte wirklich, ich wäre einfallsreich). Nun gibt es sogar ein Buch mit dem Titel „Würstchen, der Dackel“. Na, wenn das nicht nach mir gerufen hat, dann weiß ich auch nicht.

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Würstchen ist ein Findelhund. Sein Retter und Dackelpapa Hans findet ihn in einem alten Schuhkarton kauernd in einer Seitenstraße. Würstchen ist zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht Würstchen, sondern namenlos. Zusammengerollt, wie ihn Hans findet, ruft dieser bei seinem Anblick aus: „Du kommst mit mir nach Hause, du armes Würstchen.“ Von da an sind die beiden die besten Freunde. Nur eine Sache, die liegt Würstchen schwer im Magen – und das ist sein Name. Würstchen. Das ist doch keine Bezeichnung für einen Hund! Ein cleverer Hund wie Würstchen findet aber auch dafür eine Lösung, oder?

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

„Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany und Mikel Casal ist ein zauberhaftes Bilderbuch mit farbenfrohen, modernen Illustrationen, die selbst den größten Hundemuffel irgendwo tief drinnen im Herzen berühren werden (da bin ich mir ganz sicher)!

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

Die Bilder selbst sind nicht überladen, aber trotzdem gibt es viel zu entdecken. Gerade für Kinder ist das sicher eine große Freude. Auch die Geschichte ist kindgerecht erzählt, für Erwachsene vielleicht ein wenig zu einfach, mit einem Ende, das leider etwas zu abrupt wirkt. Gerade so, als ob irgendwie die Ideen ausgegangen wären. Ein bisschen schade ist das. Letztlich geht es hier aber vielmehr um die Bebilderung und die ist – wie ich finde – sehr gelungen.

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

 

 

 

Nicht zu aufdringlich, aber doch feinfühlig, mit einem klaren Blick für die kleinen Dinge. Im Ganzen wirkt das Bilderbuch harmonisch. Es ist zum darin blättern und sich wohlfühlen, gleichzeitig lehrt es wie Freundschaften aussehen können und dass man Probleme offen angehen sollte. Ach,  was rede ich noch lange drumherum, es ist einfach schön!

 

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„1919 – Das Jahr der Frauen“ | Unda Hörner

Wenn Feminismus zu einer Art halbherzigen (Mode)trend wird, den man schon nicht mehr richtig ernst nehmen kann, weil auf beinahe jedem T-Shirt bekannter und weniger bekannter Modeketten Slogans wie „Girl Power“ & „Girls can do anything“ steht, dann ist es Zeit, sich auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist. Frauen, die etwas bewegt haben; die dazu beigetragen haben, dass Frauen heute mehr Rechte haben als noch vor 100, ach was, vor 50, vor 30, vor 10 Jahren. Frauenrechte mussten (und müssen teilweise immer noch) hart erkämpft werden.

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Vor knapp 100 Jahren, in 1919 – eine Jahreszahl, die so vieles bewegt und in Aufruhr gebracht hat -, wird ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung gesetzt. Denn am 19.01.1919 dürfen Frauen in Deutschland erstmals ihr hart, aber erfolgreich erkämpftes Wahlrecht nutzen und somit öffnen sich Türen, die lange Zeit für sie verschlossen geblieben sind. Käthe Kollwitz erhält den Professoren-Titel an der Akademie der Künste, während Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt gründet. Marie Curie forscht in Paris im Radium-Institut, Sylvia Beach gründet die Buchhandlung ‘Shakespeare and Company’, Coco Chanel kreiert ihren berühmten Duft Chanel No. 5 und Suzanne Lenglen macht in ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur und im ausgefallenen Tennis-Dress samt Pelzmantel diesen – ehemals eher männlich zugeschriebenen – Sport zum Trend für Frauen. Hannah Höch feilt immer weiter an ihrer dadaistischen Fotocollagetechnik und im 1919 gegründeten Bauhaus schreiben sich mehr Frauen als Männer ein. Doch nicht alle akzeptieren “die neue Frau”. Im Bauhaus werden Frauen zunächst ins Atelier zum Weben gesteckt, denn Hausarbeit, das sei ja wohl mehr ihr Ding. Hausmann sagt Höch am Ende ihrer Beziehung sie habe sowieso nie dazugehört und Rosa Luxemburg muss ihr politisches Engagement mit dem Leben bezahlen.

Das, was ich hier nur kurz angerissen habe, verwebt Unda Hörner in „1919 – Das Jahr der Frauen“ kunstvoll miteinander. Sie bringt historische Ereignisse mit eindrucksvollen Biografien berühmter Frauen zueinander und kreiert so ein zeitgeschichtliches Panorama aus Kunst, Kultur, Politik, Sport und gesellschaftlichem Leben, das spannend und interessant zu lesen ist. Scheinbar mühelos fügt sie verschiedene Ereignisse beisammen, zeigt Parallelen und Unterschiede und ist dabei unglaublich kreativ. Manchmal ist das dann ein bisschen viel Input auf zu kleinem Raum und besonders bei Passagen, zu denen ich wenig bis kein Hintergrundwissen parat gehabt habe, bin ich ein bisschen ins Straucheln geraten. (Frau Doktor Google hilft aber.) Das Buch ist eine Hommage an weibliche Heldinnen, die uns auch heute immer noch ein Vorbild sind und dadurch eines, das unbedingt gelesen werden sollte. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings anzumerken. Ich weiß ja, dass der Fokus in diesem Buch auf der Jahreszahl 1919 liegt und ich bin mir sicher, dass Unda Hörner hier Frauen gewählt hat, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Talente und Errungenschaften ein buntes Bild der verschiedenen Lebensbereiche, die sie revolutioniert haben, abgeben, aber doch habe ich ein bisschen die Vielfalt (alle im Buch erwähnten Frauen sind weiß) sowie Alltagsheldinnen, die Arbeiterinnen und Hausfrauen, vermisst, die in weniger berühmten und/oder privilegierten Kreisen ebenfalls etwas bewegt haben – zumindest eine Erwähnung hätte ich schön und wichtig gefunden.

Unda Hörner | „1919 – Das Jahr der Frauen“ | ebersbach & simon

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„Deutsches Haus“ | Annette Hess

Geschichte ist ja so ein Konstrukt, das mit der Zeit – egal wie wichtig, egal wie einschneidend – irgendwie, irgendwann an (Wirkungs)kraft verliert. Das ist nicht unbedingt immer gewollt, das passiert einfach, weil Geschichte im Gegensatz zur Gegenwart im Schatten liegt und so geschieht es, dass tatsächliche Ereignisse verklärt oder instrumentalisiert werden können. Deshalb darf man nie leichtsinnig Geschichte als „das ist halt mal vor langer Zeit geschehen“ abtun, sondern sollte immer im Blick haben, dass Geschichte die Welt formt. Das, was heute ist, baut auf dem, was war, auf. Und dabei ist es ganz, ganz entscheidend, dass wir darüber sprechen und niemals vergessen. Wir müssen uns die Schrecken von damals, die bis in die Zukunft hineinreichen, im Heute vor Augen führen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht, denn erschreckend, aber wahr, wir sind auf dem besten Weg in die falsche Richtung. Daher erscheint auch Annette Hess Roman „Deutsches Haus“ gerade zur richtigen Zeit.

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Annette Hess, die vor allem bekannt durch die Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ geworden ist, legt mit „Deutsches Haus“ nun ihren ersten Roman vor. Sowohl der Roman als auch die Serien(drehbücher) bereiten deutsche Geschichte neu, spannend und aktuell auf. Im Mittelpunkt meistens gegensätzliche Familien oder Einzelpersonen, die die Geschehnisse zur thematisierten Zeit gebündelt auf den Punkt bringen – so auch in „Deutsches Haus“. Die Protagonistin Eva Bruhns, mittlere Tochter einer Wirtshausfamilie, die die Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ betreiben, arbeitet als Dolmetscherin und wird gebeten an einem wichtigen Prozess als Übersetzerin zu arbeiten. Es ist der erste Auschwitz-Prozess im Frankfurt der 1960er Jahre. Ihre Eltern und ihr Verlobter sind – aus unterschiedlichen Gründen – dagegen, doch Eva, die selbst noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, nimmt die Stelle dennoch an und lernt von diesem Tag an Deutschland und die Geschichte des Landes mit anderen Augen zu sehen. Der Prozess wird sie und ihr Leben gänzlich verändern.

Der Schreibstil ist wohl strukturiert, mit pointiertem Witz und klugen Wortspielen wunderbar lesbar. Der Autorin gelingt es dadurch innerhalb kürzester Zeit ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Charakter zu geben. Scheinbar beiläufig streut sie Wesenszüge ein und lässt Bilder in den Köpfen der Leser*innen entstehen, ohne dass es zu gewollt wirkt. Obwohl man auf den ersten Seiten bereits zig Personen kennenlernt (plus Purzel, den Hund!), kann man sie beinahe mühelos auseinanderhalten. Auf mehreren Ebenen wird Spannung aufgebaut. Eva soll als Dolmetscherin in einem wichtigen Prozess mitwirken, dem ersten Auschwitz-Prozess in der Stadt. Dass das nicht gerade ohne ist und weitreichende Folgen haben wird, ist von Anfang an deutlich spürbar. Die Figuren entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen und ohne zu viel zu verraten, bieten sie damit konträre Ansichten, die ein reelles Bild unterschiedlicher Menschen und Auffassungen über das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, geben. Da ist Eva, die unbedingt verstehen will. Ihre Eltern, die etwas verbergen. Ihr Verlobter Jürgen, der versucht die Vergangenheit zu verdrängen. David Miller, der von Schuld geplagt schier wahnsinnig wird. Zeugen, die gebrochen nicht mehr weiterleben wollen oder können sowie weitere Figuren, die alle ebenjene Schuld – auf unterschiedliche Weise – gemeinsam haben. Die einen spüren sie gar nicht, die anderen übermächtig. Es ist mehr als interessant und spannend, wie Annette Hess die Schuldfrage eines ganzen Landes anhand einzelner Figuren aufbereitet und dies in einen Roman einfließen lässt, der lesbar und zugleich unterhaltsam ist, wobei ich mich mit dem Wort „unterhaltsam“ hier etwas schwer tue. Darf ein Roman unterhalten, wenn es um ein solch schweres Thema geht? Ich denke ja, sofern diese „Unterhaltung“ dem Zweck, nämlich des besseren Verständnis von Geschichte dient. Deshalb muss ich auch die ein oder andere Stelle im Roman bemängeln, die mir fast schon ein wenig zu kitschig oder am Thema vorbei geraten ist. Eine Liebesszene einzubauen passt eben nicht immer, auch wenn sie die Beziehung zwischen den Personen darstellen soll. Gegen Ende des Romans bleiben einige Fragen offen, die ich an dieser Stelle und ohne zu spoilern nicht näher erläutern kann, die aber darauf schließen lassen, dass die Geschichte in irgendeiner Form fortgeführt werden wird oder dass zumindest die Option besteht. Das ist ein bisschen schade, so wirkt der Abschluss trotz wichtigem und gut erzähltem Plot dennoch nicht vollkommen rund. Um doch ein Beispiel zu nennen: Was ist mit Annegret? Ihre Geschichte wirkt – ohne Fortsetzung – leider ein bisschen wie reingeschnitten. Spannend, ja, aber was genau hat das mit dem Rest zu tun, soll dies die Person Annegret näher erläutern? Wenn ja, es funktioniert, aber es wirkt wie ein eigener, nicht vollständig erzählter Plot. So oder so ähnlich gibt es ein paar Szenen, die den Gesamteindruck der 1960er Jahre vermitteln sollen, aber doch neben dem Hauptthema und dadurch, dass sie bloß angerissen werden, etwas verloren dastehen.

Für mich ist „Deutsches Haus“ ein Roman, der ein wichtiges Thema ins Gedächtnis ruft und aufbereitet, der das eigene Gedankenkarussell aufwirbelt und Raum zum Nachdenken gibt – und genau so soll es sein, wenn auch die Darstellung manchmal ein bisschen zu sehr in Richtung Unterhaltung tendiert.

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„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

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