„On the Come Up“ | Angie Thomas

aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner

„On the Come Up“ ist nach dem preisgekrönten Roman „The Hate U Give“ Angie Thomas zweites Jugendbuch, das thematische Ähnlichkeiten aufweist, aber doch ganz anders ist. 

Bri’s größter Traum ist es, als Rapperin groß rauszukommen. Ihre Welt besteht beinahe nur aus Worten, die umeinander tanzen, sich sprachboxend gegenüberstehen und friedlich einen Kampf austragen. Alles wird zum Beat. Alles zum Reim. Alles zum Rap. Doch nicht nur für sich, sondern vor allem für ihre Familie, die nach dem Tod des Vaters – einer Rap-Legende – und der Arbeitslosigkeit der Mutter mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, will Bri es schaffen, zum neuen Star in Garden Heights zu werden. Sie will nicht nur, sie muss!

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Angie Thomas hat mit der 16-jährigen Brianna eine coole, toughe, begabte, aber auch leicht naive Heranwachsende geschaffen, die sich viel mit ihrem Bruder, ihrer Mutter und ihren Freunden streitet. Sie ist impulsiv und manchmal aufbrausend und weiß nicht so richtig, wohin mit ihren Gefühlen, was sie für viele junge Leser*innen zu einer Bezugsfigur werden lassen kann. Es könnte einem aber auch etwas schwerfallen, Bri in manchen ihrer Aussagen oder Handlungen ernstzunehmen. Sie reagiert überheblich, schnippisch, egoistisch und unempathisch denjenigen gegenüber, die sie lieben und die ihr Bestes wollen. Das macht Bri aber keinesfalls zu einem schlechten Menschen und noch weniger zu einer schlechten Romanfigur (obwohl sie sich manchmal scharf am Rande dazu bewegt), denn damit bastelt Angie Thomas einen Rohling für Gefühle, Ängste und Befindlichkeiten jener Leser*innen, die im Fokus des Romans stehen. Und wenn man versucht, sich während des Lesens in diese Zeit hineinzuversetzen, in genau dieses Gefühl der Ohnmacht, dem unabdingbaren Wunsch erwachsen sein zu wollen, es aber doch noch nicht zu sein, dann wird man sich Bri gleich viel näher fühlen. Das ändert allerdings leider nichts an der Tatsache, dass manche Passagen sprachlich holpern. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der deutschen Übersetzung, dass der Text irgendwie stockt und man manchmal den Eindruck bekommt, der Ton der Autorin sei übermalt worden. Der Übersetzung zugute halten sollte man aber auf jeden Fall, – und das finde ich wirklich toll! -, dass umgangssprachliche Besonderheiten und Rap-Texte nicht wild übersetzt, sondern tatsächlich im Originalausdruck übernommen worden sind. Im Anhang findet sich eine Übersicht all dieser Wörter. 

Wir sind mit Bri wieder – wie auch schon in „The Hate U Give“ – in Garden Heights. Es gibt Verweise auf Angie Thomas Debüt und auch der Plot weist Ähnlichkeiten auf: eine junge Protagonistin; Probleme mit den Eltern; erste große Verliebtheit; Anspielungen auf Harry Potter, Tupac und andere Gegenwartsbezüge. Wichtig vor allem: (Alltags)Rassismus wird hier wie bereits zuvor in „The Hate U Give“ ehrlich, feinfühlig und nachvollziehbar dargestellt. Was heißt dargestellt, Angie Thomas schreibt sich die Wahrheit von der Seele und das ist gut so. Das macht was! Dadurch, dass der*die Leser*in in die Rolle von Bri schlüpft, wird die Wut und das Gefühl, dem weißen System hilflos ausgesetzt zu sein, aber doch etwas tun zu wollen, auf den*die Leser*in übertragen, was wesentlich dafür ist, mehr Verständnis zu schaffen. Angie Thomas schreibt aus eigenen Erfahrungen heraus und auch, wenn einiges konstruiert wirkt (ein Roman ist nun mal ein Roman), ist das ein Punkt, den es zu betonen und – ja, bitte! – immer wieder zu betonen gilt. Sie gibt vielen Leser*innen eine Stimme, die viel zu oft zum Schweigen gebracht werden und hilft, dass diese auch gehört wird. 

„On the Come Up“ ist besonders für Jugendliche ein wertvolles Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, Autorin und Verlag hätten sich mehr Zeit gelassen, um die Ideen, Charaktere und den Plot noch weiter reifen zu lassen. Dann wäre es sicher noch viel wertvoller geworden.  

 

„Ich werde ein Glanz!“ – „Das kunstseidene Mädchen“ | Irmgard Keun

„Ich werde ein Glanz!“

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„Das kunstseidene Mädchen“ ist ein vielgelesener Klassiker der Weimarer Republik und Irmgard Keuns zweiter Roman, der 1932 sogleich ein großer Erfolg wurde, bevor er nur ein Jahr später auf der Liste der verbotenen Bücher landete. Zum Glück ist der Text längst wieder zugänglich, denn – wie ich finde – ist „Das kunstseidene Mädchen“ eines der großartigsten Bücher überhaupt. Nun mag man sich fragen, ob ein Roman, der mehrere Jahrzehnte alt ist, mit der heutigen Zeit überhaupt noch mithalten kann? Tatsächlich ist das aber mit guten Romanen so wie mit guten Weinen: manche werden mit den Jahren sogar noch besser.

Doris, das kunstseidene Mädchen, arbeitet als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt, will sich damit aber nicht zufriedengeben und beschließt nach einem (un)glücklichen Zwischenfall nach Berlin zu ziehen, um dort ein Glanz und ganz furchtbar glücklich zu werden. Dort ist sie in Tanzhallen, Bars und Cafés zu Hause, lebt von Affäre zu Affäre, aber das Glück und die große Karriere wollen einfach nicht eintreffen. Stattdessen wird Doris einsamer und einsamer und das, was einst ein Glanz werden sollte, matter und matter.

Keuns Protagonistin ist eine freche, schnoddrige, selbstbewusste junge Frau, die sich hinter einer Fassade aus Arroganz und großen Träumen verbirgt. Unter der Kunstseide glänzt aber ein herzensgutes Mädchen, das längst noch nicht erwachsen ist und nur versucht, ihren Weg zu finden, ohne die ihr gegebenen Umstände zu akzeptieren. Selbst wenn einem als Leser*in manches Denken und Verhalten veraltet vorkommen mag, so ist die Aussage des Romans durchaus sehr modern. Mit viel Witz, in großartigen dynamischen Bildern, die das Leben wie einen Film einfangen und die grammatikalischen Grundregeln über den Haufen werfend, schreibt Keun davon, was junge Frauen in einer Zeit des Umbruchs, der Not, aber auch der großen Träume bewegt und schafft damit etwas Bewundernswertes: einen Roman, der klug, witzig, traurig und ehrlich, alte wie neue Sorgen miteinander verbindet.

„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ | Katherine Mansfield | Übersetzt von Irma Wehrli

Zugegeben, ich hatte mir von Katherine Mansfield gar nicht sooo viel erwartet, schlichtweg, weil sie für mich ein Name unter vielen war (so traurig das jetzt klingt). Manchmal braucht es einen ordentlichen Schubser in die richtige Richtung und da reicht auch oft ein ansprechender Titel wie „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ aus, um aufmerksam zu werden, wo man sonst bloß vorbeigeschaut hat. 

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„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ lautet nun also der Titel der Neuausgabe von Katherine Mansfields Tagebüchern, deren Eintragungen zwischen 1903 und 1922 entstanden sind. Sie werden auch als „Vignetten eines Frauenlebens“ bezeichnet, da viele Eintragungen quasi an den Rand gekritzelt dazu gehören, die in dieser Ausgabe mittels Fußnoten und einem Personenverzeichnis im Anhang dargestellt werden. 

Mansfield hat ein turbulentes Leben geführt, voll Emotionalität, Stimmungsschwankungen, die zum Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt umfassen, Schicksalsschlägen und einem Liebesleben, das gut und gerne auch ein Roman hätte gewesen sein können. In ihren Tagebüchern wechseln sich diese Gefühle spürbar und lesbar in kurzen Versen, Überlegungen, Gedankengängen, fragmentarischen Kurzgeschichten, Ideen für Romane und Geschichten sowie tatsächlichen Erlebnissen ab. All das geht fließend ineinander über wie geschmolzenes Wachs, das erkaltet wieder ein Ganzes ergibt – und es liest sich so gut (!), was sicher auch an der Neuübersetzung durch Irma Wehrli liegt, die scheinbar leichtfüßig zu Mansfields erweitertem Sprachrohr wird und dann entstehen Sätze wie: „Mein Kopf ist wie ein russischer Roman“ und man selbst ist erfüllt von diesem ganz besonderen, berauschenden Gefühl, das nur entsteht, wenn man Sprache so sehr liebt und Zeilen liest, die einem genau das geben, was man braucht. 

Mansfield schreibt von Begegnungen, vom Lesen und Schreiben, von Affären, kleinen und großen Lieben und der Suche nach dem erfüllenden Leben, dabei ist sie ganz modern in ihren Ansichten, verzehrt sich nicht nach der klassischen Idee einer Familie, dafür aber nach dem Geliebtwerden und dem puren Sein. Viel zu früh wird sie schwer krank und auch diese Erfahrung verarbeitet sie in poetischen Texten und dafür liebe ich sie. Ja, wirklich und ganz egal, wie pathetisch das klingt. Es hat mich sehr bewegt und fast noch mehr gefreut, dass Mansfield so locker, lebendig und einfach ehrlich über ihre Erkrankung schreibt, dass ich mich ihr durch Zeit und Raum hindurch fast schon nahe gefühlt habe. Das, was sie berichtet, das sich verzehren nach der Außenwelt, aber zu krank dafür sein, die kleinen Momente des Glücks, die sich mit Rückschlägen abwechseln, das zu müde und schwach sein, um alles leisten zu können, was man sich vorgenommen hat und die Tage, an denen es ganz gut geht lieber für sich selbst zu verwenden, als pur leistungsfähig zu sein. Das und noch viel mehr kann ich so gut nachvollziehen. In ihren Worten schwingt weder die Suche nach Mitleid noch nach Aufmerksamkeit im negativen Sinne mit und das kann man nur bewundern. Auch abgesehen von diesem Teil ihres Lebens, liest sich ihre Tagebuchprosa spannend, unterhaltend und lyrisch ansprechend, so dass man sich dieses Büchlein zum immer mal wieder reinschauen bewahren möchte. Sowohl Virginia Woolf als auch Dörte Hansen, die beide sehr passende Zeilen über Katherine Mansfields empathisches Gemüt und zu ihrem erstaunlichen Talent verfasst haben, runden das Werk gelungen ab. 

[Good Night Stories for Rebel Girls] & Boys

Wer erinnert sich noch an die „Good Night Stories For Rebel Girls“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo? Ja? Bei mir liegen sie auch griffbereit zum immer wieder darin Blättern (und, ja, klar, Lesen) in Nachttischnähe. Nun gibt es passend zu den Geschichten von tollen, starken, mutigen und einflussreichen Frauen ein Postkartenset, das noch einmal in Kurzform die individuellen Stärken der jeweiligen Rebel Girls hervorhebt.

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Da ist zum Beispiel Amna Al Haddad, Gewichtheberin der Vereinigten Arabischen Emirate, die Frauen den Weg geebnet und gezeigt hat, dass auch sie die Stärke besitzen, in einer männlich dominierten Sportart wie Gewichtheben erfolgreich zu sein und damit Gold- und Silbermedaillen zu gewinnen. Oder Ada Lovelace, eine englische Mathematikerin, deren Berechnungen als Grundlage für den Bau des ersten Computers gelten. Oder Maya Angelou, eine US-amerikanische Schriftstellerin, die, als sie ein junges Mädchen war, nach brutalen Ereignissen ihre Stimme für mehrere Jahre verlor. Nachdem sie sie wiederfand, war diese umso besonderer und wertvoller und wurde zum Sprachrohr für diejenigen, die ihre Stimme ebenso verloren hatten bzw. haben, denn ihre Worte besitzen noch immer dieselbe Kraft. Oder, oder, oder. Es gibt viel zu entdecken!

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Das Schöne an den Karten sind nicht nur die Illustrationen, die wie im Buch von unterschiedlichen Künstlerinnen auf der ganzen Welt gestaltet worden sind, sondern auch die abgerundete Form, das kraftvolle Papier und ein Zitat des jeweiligen Rebel Girls auf der Rückseite der Postkarten. Zusätzlich sind die Karten aufgeteilt in „Siegerinnen“, „Künstlerinnen“, „Anführerinnen“, „Pionierinnen“ und „Kämpferinnen“ aus vielen Zeiten und Ländern (die Auswahl ist sicher nicht gänzlich perfekt, aber zumindest ist schon einmal ein guter Versuch da, Diversität zu zeigen). Auf jeder Übersichtskarte finden sich die jeweiligen zu der Kategorie gehörenden Rebel Girls, ein Zitat und das Jahr, aus dem dieses stammt. So gelungen ich die Übersicht finde, so schade ist auch die Kategorisierung, weil dadurch impliziert wird, dass eine Künstlerin nicht gleich eine Siegerin oder Kämpferin oder, oder ist. Besser wäre noch einmal zu betonen, dass jede*r alles sein kann!  

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Wer die Karten nun lieber selbst behalten mag – I feel u! -, der*die kann da auch einfach eine Art Kartenspiel draus machen (so in die Richtung Quartett), seine*ihre Wand damit verschönern oder immer wieder die Intelligenz, den Mut, die Kraft und Schönheit dieser außergewöhnlichen Frauen bewundern. Für mehr analoge Nachrichten und zukünftige Rebel Girls & Boys!

„Effingers“ | Gabriele Tergit

Gabriele Tergit, geb. Elise Hirschmann und später Elise Reifenberg, zählte zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands der 1920er Jahre. Vor allem als Gerichtsschreiberin und einzige Frau in einer „Männerdomäne“ wie dem Berliner Kriminalgericht machte sie sich einen Namen, der heute leider weitaus weniger bekannt ist, als er hätte sein sollen. Sie schrieb Reportagen, die die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“ im Fokus behielten und berichtete von Frauenschicksalen, wobei sie stets die Beweggründe der Angeklagten im Blick behielt. Denn nur wer es sich leisten konnte, kam in den Genuss, die „Goldenen Zwanziger“ so zu erleben wie wir uns das heute gerne verklärt vorstellen: rauschartig-pulsierend in Bars, Tanzsälen, Varietés und Lichtspielhäusern. Die meisten mussten wortwörtlich um ihr täglich Brot kämpfen. Dies führte zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Kriminalitätsrate. (Vgl. „Gerichtsreporterin Gabriele Tergit: Die Stenographin des Verbrechens“ von Lydia Leipert)

Tergit bemühte sich, die Situation so authentisch wie möglich zu beleuchten. Mit zunehmenden rechten Tendenzen und letztlich der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten musste Tergit 1933 jedoch ins Exil gehen. Dort schrieb sie über mehrere Jahre hinweg ihren zweiten Roman „Effingers“, der eine jüdische Familie in Deutschland von 1878 bis 1948 begleitet, und dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaum Beachtung geschenkt wurde. Auch Zeitungen interessierten sich nun kaum mehr für Tergit. Im Rahmen der „Berliner Festwochen 1977“ wurde sie jedoch erfreulicherweise wiederentdeckt.

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Heute ist Tergit hauptsächlich für ihre Gerichtsreportagen und ihren ersten Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ bekannt, ihren zweiten Roman kennen die wenigsten. Mit der Neuauflage durch den Schöffling & Co. Verlag wird sich dies hoffentlich ändern, denn „Effingers“ hat den Fallada-Effekt! Es schleicht sich leichtfüßig erst ins Leser*innenherz und dann immer mehr in den Kopf, bis es sich fest in der Seele verankert hat. Gabriele Tergits Figuren in “Effingers” wirken so lebendig, dass man beinahe glaubt, da stünden die eigenen Verwandten vor einem und erzählten ihre Geschichte aus einer Zeit, die geprägt ist von Umbrüchen, von Kriegen, von Misstrauen, Hass und doch so viel Liebe. Dies ist die Familienchronik einer jüdischen Familie – den Buddenbrooks nicht unähnlich -, die als Bankiers und Kunstmäzenen in Berlin leben, die das Auf und Ab einer Gesellschaft miterleben; wie sich die Rolle der Frau ändert, wie der Aufschwung der Technik alles durcheinander wirbelt, wie sich verzweifelt einzelne Familienmitglieder an alten Werten festhalten und andere an den neuen zerbrechen. Dies ist so viel mehr als bloß eine Geschichte von vielen. Tergit erzählt dabei gar nicht pathetisch, aber trotzdem aus tiefster Seele heraus und sehr persönlich in einem Detailreichtum der an Fontane erinnert (nur ohne Staub, mit Verlaub) von dem Untergang einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, in der wir nicht gelebt haben, aber von der wir eine Menge lernen können. Die 900 Seiten lesen sich weder altmodisch noch langweilig, sondern mutig und aufregend. Ganz große Leseempfehlung mit drei und mehr Ausrufezeichen, denn „Effingers“ ist ein so großartiger Roman, der es verdient hat als zeitloser Klassiker immer und immer wieder gelesen zu werden.

Und PS: Nix gegen Fontane, den mag ich nämlich auch.

Schöffling & Co. Verlag | mit einem Nachwort von Nicole Henneberg | 898 S.

„Weißer Tod“ | Robert Galbraith

Wie mittlerweile wahrscheinlich schon fast alle wissen, verbirgt sich hinter dem Pseudonym von Robert Galbraith Joanne K. Rowling, die unter diesem Namen eine ganze Reihe an Krimis verfasst hat. Und das ist sogar wortwörtlich so zu verstehen. „Weißer Tod“ ist der mittlerweile vierte Teil der Reihe um Cormoran Strike, einem Kriegsveteranen, der als privater Ermittler arbeitet, und seiner Assistentin Robin Ellacott. Ein Kennzeichen der Romane ist das very british gehaltene Whodunit, das einen Teil des Plots ausmacht, während der andere Teil der Geschichte vom privaten Geschehen der beiden Protagonisten erzählt. Wer Teil eins bis drei gelesen hat, wird sich sehr deutlich an den Cliffhanger des letzten Bandes „Die Ernte des Bösen“ erinnern, der – Achtung Spoiler! – damit endet, dass Robin vor dem Traualtar steht. Ohne Job, ohne Cormoran Strike, dafür aber mit ihrem mehr als unsympathischen langjährigen Freund und bald Ehemann Matthew Cunliffe. Warum nur?, mag man sich fragen. Aber ja, treue Leser*innen kennen die Antwort: es erzeugt Spannung. Und mit Spannung erwartet habe ich demnach auch den vierten Teil „Weißer Tod“, weil einfach kaum jemand so gut Geschichten erzählen kann wie J.K. Rowling.

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„Weißer Tod“ beginnt da, wo „Die Ernte des Bösen“ aufhört. Robin Ellacott ist jetzt Mrs. Matthew Cunliffe und so richtig nachvollziehen kann man das nicht, aber, hmm, was wäre eine gute Geschichte ohne Antagonisten? Einige Zeit später – Robin ist mittlerweile Strikes Geschäftspartnerin – stürmt Billy in Cormoran Strikes Büro, um ihm von einem Mord zu erzählen, der Jahre zurückliegt, den er aber ganz bestimmt gesehen haben will. Strike weiß zunächst nicht, ob er ihm glauben kann, denn Billy scheint verstört und hat offensichtlich psychische Probleme. Doch trotzdem wirkt das, was er sagt, aufrichtig. Bevor Strike ihn näher befragen kann, ist Billy bereits verschwunden. Strike und Robin nehmen seine Spur auf, die sie durch alle Teile Londons bis hinein ins Parlament und in die Oberschicht Londons führt. Die Geschichte wird immer mysteriöser, als ein weiterer Mord geschieht. Nebenbei ist auch das Privatleben Robins und Strikes ein ständiges Auf und Ab und mindestens ebenso fesselnd wie die Kriminalgeschichte.

Auf knapp 860 Seiten breitet J.K. Rowling alias Robert Galbraith eine gut durchdachte, wohl recherchierte und fesselnde Kriminalgeschichte, die die britische Oberschicht ein wenig aufs Korn nimmt, vor ihren Leser*innen aus, die trotz langer Beschreibungen und teils langsam voranschreitendem Plot kaum Langeweile aufkommen lässt und die vor allem dadurch besticht, dass ihre Charaktere alle so einen gewissen Glanz haben. Sie wirken greifbar, nicht wie aus Pappe, sondern vielmehr zum Anfassen, haben Herz (oder eben keins), ziehen sich an und stoßen sich gegenseitig ab. Der Hauptplot steht im Gegensatz zu den privaten Erlebnissen der Protagonisten fast ein wenig im Hintergrund, was – so vermute ich – gewollt ist. Was mich ein wenig gestört hat, ist der mehr oder weniger misslungene Versuch Rowlings, Robin feministisch wirken zu lassen. Robin ist endlich dabei, sich von den Erwartungen anderer zu befreien und beginnt immer mehr, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist großartig! Gerade, weil Robin die ganze Zeit mit diesem leidigen Matthew zusammen ist, von dem jede*r weiß, dass er kein guter Mensch ist – und erst recht kein guter Partner. Leider werden diese feministischen Aspekte immer wieder von gegenteiligen Geschehnissen unterbrochen, indem z.B. Strike als Beschützer auftritt und häufiger der männliche als der weibliche Blick im Fokus steht. Robin wirkt vor allem dann in Bezug auf Strike hilflos, wenn es um ihre Panikattacken geht, die sie vor allem vor ihm verstecken möchte, obwohl es sicher hilfreicher gewesen wäre, wenn Robin dies nicht getan, sondern von Anfang an einen offeneren Umgang damit gezeigt hätte oder Rowling sie es zumindest hätte versuchen lassen können. (Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass sowas einfach ist – ich hätte es einfach schöner und hilfreicher gefunden, wenn Rowling auf Klischeedenken verzichtet hätte, auch wenn ich es ihr hoch anrechne, dass sie dieses Thema und die damit verbundenen Probleme überhaupt aufgreift.) Es hätte mich sehr gefreut, wenn beide Themen weniger vorsichtig im Sinne von lieber zu wenig als zu viel aufgearbeitet worden wären, aber vielleicht ist das alles zumindest schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich mag das Buch – wie eigentlich die ganze Reihe – trotz meiner Kritikpunkte dennoch unbedingt empfehlen. Gerade an Leser*innen klassischer Krimis, die gerne Bücher lesen, die den Fokus auf das private Geschehen der Ermittler*innen legen, denn es sind die Figuren, die einem die Lesestunden so vergnüglich machen. Ähnlich wie bei Harry Potter lebt die Geschichte zu einem sehr großen Anteil davon. Mich erinnert Cormoran Strike auch immer ein wenig an Hagrid und ich wünschte, Robin hätte noch eine Spur mehr Hermine in sich, dann wäre ich restlos begeistert.

Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz | Blanvalet Verlag

„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

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Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten: „Marie Curie“ | Isabel Thomas & Anke Weckmann, „Anne Frank“ | Isabel Thomas & Paola Escobar

Marie Curie und Anne Frank, die auf den ersten Blick wohl nicht ganz so viel gemeinsam haben, sind sich doch mächtig ähnlich: beides sind wichtige und großartige Mädchen bzw. Frauen, mit eigensinnigen Persönlichkeiten und willensstarken Charakteren, die auf ihre je eigene Weise einen enormen Beitrag für diese Welt geleistet haben und es auch weiterhin tun werden, weil sie in ihren Taten und Worten fortleben. Sie dürfen nie vergessen werden.

Was Marie Curie und Anne Frank so besonders macht, davon erzählen die beiden Ausgaben „Marie Curie“ und „Anne Frank“ aus der Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“.

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Isabel Thomas beschreibt Marie Curies und Anne Franks Leben in einfachen, kindgerecht verständlichen Worten, die in je kurzen Absätzen eine Menge Wissen bereithalten. Unterstrichene Worte können im hinteren Teil der Bücher, im Glossar, nachgeschlagen werden. Dort finden sich auch ein Register und eine Zeitleiste sowie (bei „Anne Frank“) Buchtipps zum Weiterlesen. Während das Buch über Anne Frank im Mittelteil teilweise eine Nacherzählung und Interpretation ihres Tagebuchs ist, das sie während ihrer Zeit im Versteck vor den Nationalsozialisten geschrieben hat, bleibt das Marie Curie Buch mehr eine Biografie und berichtet zeitgleich von ihren Entdeckungen und Forschungen sowie aus ihrem privaten Leben. Processed with VSCO with t1 preset Beide Texte erzählen – stark gekürzt, aber gut nachvollziehbar – , je ein ganzes Leben von der Geburt an über die familiären Umstände, Vorlieben, Wünsche und Träume bis hin zu dem, was ihr Wirken so besonders macht und verwenden hin und wieder die persönliche Anrede an den oder die Leser*in, damit sie sich mehr miteinbezogen und verbunden fühlen. Es wird deutlich: auch du kannst deine Träume verwirklichen. Gerade für Kinder eine sehr schöne und relevante Aussage. Aber auch die bedrückenden Aspekte werden kindgerecht aufgearbeitet, was ich ebenfalls für sehr wichtig halte.

Ergänzend zum textlichen Inhalt illustrieren Anke Weckmann („Marie Curie“) und Paola Escobar („Anne Frank“) die beiden Bände. Durch ihre sich in ihrer eigenen Bildsprache unterscheidenden Illustrationen unterstreichen die Künstlerinnen die jeweiligen Charaktere von Marie Curie und Anne Frank.

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Während Anke Weckmann Marie Curie mehr durch viele kleine Details wie z.B. ihr störrisches Haar oder ihre Notizen zu ihrer Tochter Irène auf Papier zu Leben erweckt, legt Paola Escobar ihren Fokus auf Gesichtsausdrücke, die z.B. Anne Franks Gefühle widerspiegeln. Nicht, dass Paola Escobar keine Details zeichnet oder Anne Weckmann keine Gesichtsausdrücke, aber beide schaffen es, durch ihre je eigene künstlerische Kraft, zwei Menschen lebendig und eigenständig, in all ihren Merkmalen und Facetten zu zeigen, sie voneinander abzugrenzen und Ähnlichkeiten hervorzuheben. Die Bücher sind, obwohl bunt, relativ minimalistisch und übersichtlich gehalten. „Marie Curie“ leuchtet in einem Neongelb, mattem Pink und neutralisierendem Schwarz, um das Thema, die Entdeckung und Erforschung von Radioaktivität und Strahlung aufzugreifen (dazu gibt es auch die passenden kleinen Symbole auf dem Cover). „Anne Frank“ wird farblich ihrem Tagebuch nachempfunden (hier gibt es ebenso die passenden Symbole auf dem Cover) und wird ebenfalls in nur drei Farben: dunklem Braun, mattem Rot und hellem Lila gezeichnet. Die Farbgebung rundet das Gesamtkonzept perfekt ab, alles wirkt in sich stimmig und das spürt man auch beim Lesen. (Großartig!)

Ich könnte und wollte nicht sagen, welches Buch mir besser gefällt, beide sind so arg liebevoll gestaltet und haben eine ganz eigene, große Persönlichkeit verpasst bekommen, wodurch jedes auf seine Weise ganz besonders ist. Genau so wie Marie Curie und Anne Frank. Hoffentlich werden diese Bücher in ganz vielen (Kinder)zimmern, von ganz vielen wissbegierigen Mädchen, Jungen, Eltern, Großeltern, Verwandten, Freund*innen und noch so vielen mehr gelesen.

je aus dem Englischen übersetzt von Bettina Eschenhagen, erschienen im Laurence King Verlag

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„Cat Person“ | Kristen Roupenian

Kristen Roupenian hat möglicherweise das geschafft, wovon viele insgeheim träumen, womit aber niemand so wirklich gerechnet hätte. 2017 veröffentlichte der New Yorker eine ihrer Kurzgeschichten, („Cat Person“) und erzeugte damit einen literarischen Viralhype im Internet. Daraufhin wurde die Geschichte zu einer der meistgelesenen Artikel des Jahres und Roupenian zur literarischen Vertreterin der #MeToo Debatte. Roupenian unterzeichnete einen Buchvertrag und hier liegt er nun auf Deutsch vor, der erste Sammelband voll leicht verstörender, teils skurriler, oft provozierender, vielfältiger, moderner und auf jeden Fall irgendwie anderer Kurzgeschichten.

Achtung, enthält Spoiler!

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In der titelgebenden Story „Cat Person“ lernt Margot, eine 20-jährige Studentin, den 34-jährigen Robert während ihrer Schicht im Kino kennen. Sie flirten zwanglos, tauschen später Handynummern aus und beginnen anschließend das SMS-Spiel, bei dem sich beide scheinbar belanglose Witze hin und her schicken, um zu beweisen, dass sie klug, witzig und auf einer Wellenlänge sind. Es funktioniert. Einige Zeit später treffen sich Margot und Robert zu ihrem ersten Date, er scheint ganz anders, irgendwie verstockter, weniger geistreich, weniger lustig zu sein als per SMS. Das Date wird zu einer halben Katastrophe, Margot realisiert früh, dass aus ihnen nicht „mehr“ wird und doch haben sie Sex, obwohl sie sich zunehmend unwohler fühlt. „Das Problem bestand nicht darin, dass er sie zu etwas zwingen könnte, was sie nicht wollte. Eher darin, dass, wenn sie jetzt darauf bestand aufzuhören, nach allem, was sie unternommen hatte, damit es so weit kam, es sie mies und launenhaft hätte aussehen lassen. So als hätte sie im Restaurant eine Bestellung aufgegeben, nur um das Essen dann, als es kam, zurückgehen zu lassen.“ Am Ende der Geschichte bezeichnet Robert Margot als „Schlampe“. Das interessante an dieser Erzählung ist nicht nur die Perspektive oder das, was passiert, sondern die Art wie Roupenian den Zeitgeist beschreibt, in dem sie die Grauzone zwischen sexueller Nötigung und gemeinsamen Konsens beleuchtet. Alltagssexismus liegt, wie der Begriff schon sagt, im Alltäglichen und ist deshalb gut getarnt. Die Geschichte gibt keine Antworten, aber überträgt die Fragen, die sie aufwirft, an Leser*innen und somit letztlich an die Gesellschaft und bietet Raum zur Diskussion.

Der Sammelband jedoch beginnt anders als erwartet mit einer ganz anderen Kurzgeschichte („Böser Junge“), in der ein junger Mann von seiner Freundin verlassen Zuflucht bei seinen besten Freunden sucht. Es entspinnt sich eine Art Dreiecksgeschichte, die plötzlich und schockierend endet. Roupenian selbst sagt in einem Interview, dass sie diese Geschichte als eine Art Filter sieht, die darüber entscheidet, ob man am Ball bleibt, also mehr von Roupenian lesen will – oder nicht. Ich persönlich bin allerdings froh, dass ich nicht mit „Böser Junge“, sondern mit „Cat Person“ angefangen habe, sonst hätte ich nämlich möglicherweise tatsächlich nicht weitergelesen. Nicht alle von Roupenians Geschichten sind wie die erste, aber alle haben einen leicht bösen Kern. Ein bisschen Horror, Fantasy und Abgedrehtes ist auch mit dabei. Manchmal klappt das weniger gut, wie z.B. in „Vernarbt“, die für meinen Geschmack ein wenig zu durcheinander geraten ist, dafür aber super in „Beißerin“, in der Ellie nichts so sehr liebt wie in ihre Mitmenschen zu beißen wie in einen saftigen Apfel. 20 Jahre bleibt sie abstinent, bis(s) ein neuer Kollege auftaucht: Corey Allen. Sie schreibt sich Listen mit guten Gründen, warum sie ihn nun wirklich auf keinen Fall beißen darf – und tut es dann trotzdem. Witzigerweise stellt sich heraus, das besagter Kollege schon viele ihrer Kolleginnen sexuell belästigt hat und Ellie steht als Heldin da. Auch hier bleibt wieder Raum für Interpretation.

Eine meiner favorisierten Geschichten ist – neben „Beißerin“ – „Matchbox Sign“, weil sie auf die Thematik anspielt, dass Frauen häufiger als „hysterisch“ abgestempelt und in Gesprächen mit Ärzt*innen relativ oft nicht ernstgenommen werden. Hier verspürt die Protagonistin Laura ein Jucken auf ihrer Haut, das immer stärker wird, bis sie sich die juckenden Stellen aufkratzt. Sie hat das Gefühl, als säße etwas unter ihrer Haut, eine Art Parasit. Niemand außer ihrem Freund, der ihr – das muss man ihm zugute halten – unbedingt helfen will, glaubt ihr. Zum Schluss befällt der Parasit ihn und man selbst fragt sich, ob es überhaupt noch gute Dinge gibt, die nicht letztlich doch bestraft werden.

Spoiler Ende

Roupenians zwölf Kurzgeschichten leben von ihren ungewöhnlichen Charakteren, von ihren (manchmal zu) anschaulichen, detaillierten und provozierenden Bildern, sie beinhalten viel Sex, thematisieren das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau und berichten von der Millenial-Thematik, die zur Diskussion anregt. Ihre Geschichten faszinieren und stoßen gleichzeitig ab. Sie wollen nicht die Welt verbessern, wollen nicht primär ein Umdenken bezwecken, aber sie wollen unterhalten und Dinge ansprechen, über die wir uns noch vor ein paar Jahren vielleicht nicht getraut hätten in dem Maß (online) zu reden. Ihre Geschichten sind gut, sie treffen einen Nerv und man liest sie heimlich angetan wie Tagebucheinträge Fremder, aber sie hinterlassen bei mir zum Teil einen leicht schalen Beigeschmack, weil ich mich frage, wo die Grenze zwischen erträglicher und unerträglicher Provokation verläuft. In manchen Texten bewegt sich Roupenian da sehr bewusst auf dünnem Eis. Und ja, das ist aufregend, aber vielleicht auch ab und zu ein kleines bisschen too much.

Großartig aus dem Amerikanischen übersetzt von Nella Beljan und Friederike Schilbach

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„Mein Ein und Alles“ | Gabriel Tallent

Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. „Hübsches Cover“, vielleicht, weil ich leider doch zu oft ein Buch nach seinem Äußeren beurteile. Vielleicht auch: „Interessanter Titel“, weil ich auch da sehr beeinflussbar bin. Was ich auf jeden Fall nicht gedacht habe ist, dass ich dieses Buch gleichzeitig hassen und lieben werde. Hass und Liebe sind starke Worte für ein Buch, aber doch genau das, was Gabriel Tallent mit seinem Debütroman „Mein Ein und Alles“ hervorruft: eine Neigung zu Extremen, ein Entweder-Oder, aber auch ein Ich-fühle-alles.

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Turtle Alveston, die Romanheldin, lebt bei ihrem Vater abgeschieden in den nordkalifornischen Wäldern auf. Dort kennt sie jeden Stein, jeden Hügel, jede Pflanze und jedes Tier. Weiß sich selbst zu verteidigen und zu kämpfen, nur gegen ihren eigenen Vater, der besitzergreifend und krankhaft agiert, kann sie sich nicht zur Wehr setzen. Zu groß ist die Angst, zu groß die Liebe, zu groß die gegenseitige Abhängigkeit. Bis Turtle ihren Mitschüler Jacob näher kennenlernt und nach und nach begreift, dass sie sich von ihrem Vater befreien muss, doch der Preis dafür ist hoch. Zu hoch?

Ich wollte das Buch gegen die Wand werfen (und das nicht, weil ich anfangs etwas Schwierigkeiten mit dem doch leicht hölzernen, irgendwie ein wenig abgehacktem Schreibstil gehabt habe, der – wie ich jetzt weiß – perfekt die Stimmung im Buch und die Beziehung zwischen Turtle und ihrem Vater wiedergibt), dann wieder an mich drücken, mehrmals abbrechen und doch unbedingt weiterlesen, weil ich gedacht habe: irgendwer muss doch Turtle retten! Und wirklich, als Leser*in bekommt man irgendwann das Gefühl, man müsse nur lange genug durchhalten, dann würde endlich alles gut. Man hofft so sehr und dann wird diese Hoffnung immer wieder aufs Neue durchstoßen und es ist als würde man keine Luft mehr bekommen, weil man so sehr hofft und bangt und alles gleichzeitig empfindet: Hass und Wut und Trauer und – immer wieder – Hoffnung. Dabei ist es schon fast unglaublich, wie Gabriel Tallent das macht, so viel Schlimmes neben so viel Schönes zu schreiben. Aber eines muss ich ganz klar sagen: dieser Roman ist nicht für jede*n geeignet – und das meine ich gar nicht abwertend dem Buch oder uns Leser*innen gegenüber, aber der Inhalt ist … ja, was? Unvorstellbar grausam in seiner Realität? [TW: Körperlicher & Psychischer Missbrauch] Die schönsten Naturbeschreibungen wechseln sich ab mit Szenen körperlicher und emotionaler Gewalt, die man durch die Seiten beinahe spüren kann und auch wenn das ein literarischer Kniff des Autors ist, – der tatsächlich funktioniert! – ist das etwas, was unter die Haut geht, wehtut und nicht zum Entspannen einlädt. „Mein Ein und Alles“ ist keine Wohlfühllektüre, aber trotzdem eine, die Augen und Herzen öffnet und eine, die polarisiert. Einmal gelesen, wird man noch oft an diesen Roman zurückdenken und darüber sprechen wollen.

Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner

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