Rebel Books zum Internationalen Frauentag

Zum Internationalen Frauentag ein paar Bücher (selbstverständlich vorwiegend von Autorinnen), die inspirieren, zum Nachdenken anregen und vielleicht die Welt ein bisschen besser machen.

Margaret Atwood u. Helga Pfetsch (Übersetzerin) – Der Report der Magd

ReportDerMagdDas wohl bekannteste Buch der Queen der modernen, oft dystopischen, feministischen Romane. Packend, verstörend und so, so gut!

„Die provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen keine Rechte haben: Die Dienerin Desfred besitzt etwas, was ihr alle Machthaber, Wächter und Spione nicht nehmen können, nämlich ihre Hoffnung auf ein Entkommen, auf Liebe, auf Leben …“ (via Piper Verlag)

 

 

 

Sylvia Plath u. Reinhard Kaiser (Übersetzer) – Die Glasglocke

42365Der einzige Roman der talentierten, aber innerlich zutiefst zerrissenen Sylvia Plath. Eine bedrückende und eindrucksvolle Schilderung aus dem Leben mit psychischer Erkrankung, die die Leser*innen mit hineinzieht, fühlen, begreifen lässt.

„Vor 50 Jahren erschien die amerikanische Erstausgabe der Glasglocke, Sylvia Plaths einzigem Roman – vier Wochen später nahm Plath sich das Leben. Ihr Roman avancierte bald zum Kult, beschrieb er doch wie kein Buch zuvor die Stimmungslage junger Frauen, ihre Zerrissenheit angesichts gesellschaftlicher Anforderungen.“ (via Suhrkamp Verlag)

 

 

Fatma Aydemir – Ellbogen

ARTK_CT0_9783446254411_0001.jpgEine kraftvolle Stimme, die die Worte nicht immer sanft verpackt, aber die genau das ausspricht, was wichtig ist und gesagt werden muss. Unter all der Stärke liegt ganz viel Herz.

„Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Man will Hazal helfen, man will mit ihr durch die Nacht rennen, man will wissen, wie es mit ihr und mit uns allen weitergeht.“ (via Hanser Verlag)

Irmgard Keun – Gilgi, eine von uns

9783548291499_coverEin zeitloser Roman, der danach fragt, was von Frauen eigentlich erwartet wird und wie sie mit den Anforderungen der Gesellschaft umgehen sollen.

„Gilgi, ein Mädchen im Köln der 1920er Jahre, kündigt ihre Stelle als Sekretärin und zieht von Zuhause aus, weil sie das bevormundete Dasein bei den Eltern satt hat. Doch auch das »weiche, zerflossene, bedenkenlose« Leben mit dem Schriftsteller Martin ist keine Alternative und aus ihrem Leben, sagt Gilgi, »soll nicht so?n Strindberg-Drama werden«. Und da nimmt sie es wieder in die eigenen Hände und macht sich wirklich auf den Weg in die Selbständigkeit.

Das Buch, mit dem die 26-jährige Irmgard Keun 1931 über Nacht berühmt wurde.“ (via Ullstein Buchverlage)

Toni Morrison u. Susanna Rademacher (Übersetzerin) – Sehr blaue Augen

300_9783499228544Ein schmaler Band mit großer Wirkung und so, so wichtig, gelesen zu werden, auch wenn es sicher keine leichte Lektüre ist. Toni Morrison ist eine wahre literarische Queen.

„Ich zerstörte weiße Babypuppen.“ Die Reaktion eines kleinen Mädchens, das nicht versteht, warum es nicht so blaue Augen hat wie die Puppen (die es nicht besitzt) oder wie die Kinder in der Schulfibel. Und warum haben alle, die das kleine Mädchen kennt, braune Augen und braune Haut – Mutter, Vater und Schwester, angesehene Gemeindemitglieder und Prostituierte?
Nobelpreisträgerin Toni Morrison hat in ihrem Romandebüt mit eindringlicher Schlichtheit beschrieben, was es heißt, als Schwarze in einer schwarzweißen Welt aufzuwachsen, einer Welt mit Ein- und Ausgrenzung, Wundern und Schrecken …“ ( via Rowohlt Verlag)

Jessa Crispin u. Conny Lösch (Übersetzerin) – Warum ich keine Feministin bin: Ein feministisches Manifest

46899Für kluge Denkanstöße und einem Gefühl von „es-ist-an-der-Zeit-etwas-zu-ändern“.

„In ihrem radikalen, geistreichen und dringlichen Manifest rechnet die amerikanische Aktivistin und Kulturkritikerin Jessa Crispin mit dem Feminismus ab. Am Ende ihres Essays steht nichts weniger als der Aufruf zum Umsturz der Gesellschaft.

Keine Feministin zu sein – für die amerikanische »Feministin« Jessa Crispin der einzige Ausweg. Während sich in den USA Hundertausende Pussyhats anziehen und demonstrierend durch die Straßen laufen, Popstars zu feministischen Ikonen gekürt werden und »Self-empowerment« à la Sheryl Sandberg zur neuen Religion des Lifestyle-Feminismus wird, erklärt Crispin den Feminismus für tot. Banal, anbiedernd und lächerlich findet sie den »Kampf« um die Freiheit der Frau. Was also tun? Crispin fordert nichts weniger als eine Revolution.“ ( via Suhrkamp Verlag)

Sorority e.V. – No more Bullshit: Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten

download-5a075bbb9bf50e1196a74935332b3043Gibt an die Hand, was einem oft fehlt: schlaue Argumente, eine Möglichkeit auf Bullshit zu reagieren und hilft, Diskussionen mit anderen nicht (mehr) aus dem Weg gehen zu müssen, weil die Worte fehlen.

„Der Pay Gap ist ein Mythos!“, „Biologisch gesehen haben Frauen und Männer eben unterschiedliche Kompetenzen!“ oder „Verstehst du keinen Spaß?“ Wenn diese Sätze bei Ihnen Augenrollen auslösen, dann brauchen Sie dieses Buch. Wenn Sie Stammtischweisheiten, Weiblichkeitsmythen und tradierte Vorurteile hinterfragen wollen, dann brauchen Sie dieses Buch. Und wenn Sie sich einfach nur denken: Bullshit!, dann brauchen Sie dieses Buch sogar unbedingt. Das Frauennetzwerk Sorority hat es sich mit der Veranstaltungsreihe „No More Bullshit!“ zur Aufgabe gemacht, altbekannten Killerphrasen etwas entgegenzusetzen: Fakten. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen*, Expertinnen* aus unterschiedlichen Branchen und Künstlerinnen* schult die Schwesternschaft nun unerbittlich den Blick für Stehsätze und liefert schlagkräftige Argumente für die nächste Stammtischrunde.“ ( via Kremayr & Scheriau Verlag)

Unda Hörner – 1919: Das Jahr der Frauen

Hoerner_1919_webUnda Hörner verwebt in diesem Buch gekonnt historische Ereignisse mit Biografien erstaunlicher Frauen und macht daraus eine Lektüre, die interessant und lehrreich zugleich ist. Wir brauchen mehr kluge und mutige Frauen, die vorangehen und zeigen, was alles möglich ist.

1919 erhalten Frauen in Deutschland erstmals das Wahlrecht und machen sich auf allen Gebieten daran, ihr Leben selbst zu gestalten: Mit Käthe Kollwitz wird erstmals eine Frau in die Akademie der Künste berufen, Maria Juchacz hält als erste eine Rede im Parlament. Während in Berlin Rosa Luxemburg ihren Einsatz für die politische Neuordnung mit dem Leben bezahlt, widmet man sich in Paris der Wissenschaft und Kultur: Marie Curies Radiuminstitut öffnet seine Pforten, Sylvia Beach gründet Shakespeare & Company und Coco Chanel kreiert das unsterbliche Chanel No. 5. Unda Hörner verwebt die Lebenswege und historischen Ereignisse zu einer atmosphärisch dichten Erzählung – eine faszinierende Zeitreise ins Jahr 1919, in dem auf einmal alles möglich schien für die Frauen.“ ( via ebersbach & simon Verlag)

Elena Favili, Francesca Cavallo u. Birgitt Kollmann (Übersetzerin) – Good Night Stories for Rebel Girls: 100 außergewöhnliche Frauen

ARTK_CT0_9783446256903_0001Wundervoll illustriert lernen hier die kleinen und großen Entdecker*innen, dass mutig sein manchmal viel Kraft kostet, aber so lohnenswert ist.

„Sie sind ins All und über den Atlantik geflogen, haben den Erdball schon mit 16 umsegelt und die höchsten Gipfel in Röcken bestiegen. In allen Ländern und zu allen Zeiten gab es Frauen, die mutige Vorreiter waren, neugierige Entdeckerinnen, kluge Forscherinnen und kreative Genies. Herrscherinnen, die unter widrigsten Umständen ihre Länder regierten, Aktivistinnen, die gegen Ungerechtigkeit protestierten, Wissenschaftlerinnen, die unbekannte Pflanzen und gefährliche Tiere erforschten. Dieses Buch versammelt 100 inspirierende Geschichten über beeindruckende Frauen, die jedem Mädchen Mut machen, an seine Träume zu glauben. Eine spannende Lektüre, illustriert von über 60 Künstlerinnen aus aller Welt.“ ( via Hanser Verlag)

Vashti Harrison – Little Leaders: Bold Women in Black History

9780316475105Noch mehr Rebel Girls, die mutig und stark vorangegangen sind, vereint in einem wunderschönen Buch.

„An important book for all ages, Little Leaders educates and inspires as it relates true stories of forty trailblazing black women in American history. Illuminating text paired with irresistible illustrations bring to life both iconic and lesser-known female figures of Black history such as abolitionist Sojourner Truth, pilot Bessie Coleman, chemist Alice Ball, politician Shirley Chisholm, mathematician Katherine Johnson, poet Maya Angelou, and filmmaker Julie Dash.

Among these biographies, readers will find heroes, role models, and everyday women who did extraordinary things – bold women whose actions and beliefs contributed to making the world better for generations of girls and women to come. Whether they were putting pen to paper, soaring through the air or speaking up for the rights of others, the women profiled in these pages were all taking a stand against a world that didn’t always accept them.

The leaders in this book may be little, but they all did something big and amazing, inspiring generations to come.“ ( via Little Brown Books for Young Readers)

María Hesse u. Svenja Becker (Übersetzerin) – Frida Kahlo: Eine Biografie

36347Frida Kahlo ist ein Vorbild, eine Visionärin, eine Größe und dieses zarte Büchlein hier wird ihr dennoch gerecht. Für mich die schönste Biografie Fridas, die es gibt. Ehrlich, harmonisch, lehrreich und zum darin Verlieren.

„Ein Körper, gezeichnet von Schmerz und Leidenschaft, eine Fantasie bevölkert von betörenden wie verstörenden Bildern, ein begeisterungsfähiger und beharrlicher Blick auf die Welt – Frida Kahlos Anziehungskraft ist nach wie vor ungebrochen. Mit einer unvergleichlichen Willenskraft trotze sie den Bürden, die ihr das Leben zumutete, lebte mit einem freien Geist, liebte mit offenem Herzen und schuf Kunstwerke von einer strahlenden Wirkmacht. Für die Weigerung, im Schatten ihrer großen Liebe Diego Rivera zu leben, und für ihren mutigen Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen wird Frida Kahlo noch heute auf der ganzen Welt verehrt.

Inspiriert von der Intensität Frida Kahlos erzählt die spanische Künstlerin María Hesse in einer reich illustrierten Biografie vom Lieben und Schaffen der mexikanischen Ikone und würdigt sie mit Zeichnungen, die mit jenen Frida Kahlos eine beinahe magische Symbiose eingehen – und doch ein ganz eigenes Licht auf dieses einzigartige Leben werfen.“ ( via Insel Verlag)

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„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

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Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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Graphic Novels? Graphic Novels! | Die Fortsetzung

Auf Instagram wurden mir so viele Graphic Novels empfohlen (an dieser Stelle auch noch mal ein riesiges Dankeschön dafür!), dass ich direkt in die Bibliothek gestiefelt bin und mir eine ganze Menge davon ausgeliehen habe. 4 Stück an der Zahl – und nicht gerade dünne Hefte -, wobei ich mich wirklich auch noch ziemlich beherrscht habe, weil ich mir insgeheim gedacht habe: Übertreib mal lieber nicht. Tatsächlich habe ich sie aber fast alle an einem Wochenende hintereinander weggelesen und auch wenn ich mir bewusst bin, dass bei einigen binge-reading eine nach oben gezogene Augenbraue hervorruft, kann ich nur sagen, dass es mir unfassbar viel Freude bereitet hat, in diese unterschiedlichen Geschichten einzutauchen. Can’t stop, won’t stop.

Im Folgenden mag ich gerne ein paar meiner Leseeindrücke teilen.

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„Gift“ | Peer Meter und Barbara Yelin

Eine düstere Graphic Novel, textlich und bildhaft gesprochen. Die Zeichnungen sind ganz in schwarz-weiß gehalten, wobei der Fokus dabei auf Licht & Schatten sowie Konturen liegt. Das schafft eine eindrucksvolle Wahrnehmung und atmosphärische Bilder. Vor allem die Betonung des unterschiedlichen Lichteinfalls bzw. das Fehlen dessen ermöglicht eine andere, spezifischere Wahrnehmung, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Der Ausdruck der Zeichnungen harmoniert wunderbar mit dem Inhalt der Geschichte, der ebenfalls dunkel und eher bedrückend ist. In „Gift“ wird der Kriminalfall der Gesche Gottfried aus dem Jahr 1831 in Bremen erzählt. Gesche Gottfried, eine Giftmörderin, wartet auf ihre Hinrichtung, während eine junge Schriftstellerin in der Stadt eintrifft, die eigentlich etwas über Bremen schreiben möchte, aber von der dortigen Stimmung so eingenommen wird, weshalb sie beginnt, sich für den Fall zu interessieren. Eher abgestoßen und befremdet registriert sie, dass die Bremer kein anderes Thema zu kennen scheinen und dass Gesche als Bestie abgestempelt wird, ohne dass sich jemand auch nur ein bisschen bemüht, die Beweggründe zu verstehen. Es ist eine spannende, eine erzählerisch dichte und psychologisch faszinierende Geschichte, die von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit in einer Rechtsprechung berichtet, in der Macht das Maß aller Dinge ist. (Und ist damit, trotz einer anderen Zeit und anderer Sichtweise, teilweise leider immer noch aktuell. Auch, was das Thema Hass & Hetze angeht.)

„Ein neues Land“ | Shaun Tan

Diese Graphic Novel kommt komplett ohne Dialoge und ohne Worte aus und wirkt trotzdem – oder gerade deswegen – unglaublich stark. Das muss man erst einmal schaffen! Die Geschichte ist also im wahrsten Sinne des Wortes eine reine Bildergeschichte in einer Mischung aus Fantasy, irgendwie auch ein bisschen Dystopie (so ganz am Rande), die eingebettet in einen historischen Kontext ist und gleichzeitig eine Geschichte von heute erzählt. Also ein bisschen was von allem. Crazy, oder? Es geht um die Ankunft in einem Land, um die Hoffnungen, die daran geknüpft sind (eine bessere oder überhaupt eine Zukunft zu haben) und die Probleme, die damit einhergehen. Für die Hauptfigur ist es zunächst schwierig das gewohnte, das geliebte, das „alte“ Leben hinter sich zu lassen und in eine neue, unbekannte Umgebung einzutauchen, die vielleicht komplett das Gegenteil von dem ist, was bekannt und gewohnt ist. Neue Menschen, ein neues Leben, eine neue Arbeit, ein anderes Land, eine fremde Kultur. Nie ist es einfach, immer braucht man dafür Mut und Kraft und Durchhaltevermögen. All dies wird hier erzählt, fast schon spielerisch, aber mit so viel Wucht dahinter, dass es sehr nahe geht.

„Irmina“ | Barbara Yelin

Mein Highlight unter diesen vier Büchern und sehr wahrscheinlich auch darüber hinaus. Wunderbar gestaltet, in einem blau-grau-braun-Ton als wäre ein Vintage Filter darübergelegt worden, mit roten Details, die die abgebildete Zeit besonders betonen. „Irmina“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die Mitte der 1930er nach London zieht, um dort eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin zu machen. Sie lernt Howard kennen, in den sie sich prompt verliebt. Ein unsichtbares Band aus Mut und dem Drang nach Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung verbindet beide. Doch ihre Liebe steht unter keinem guten Stern. Irmina fährt aufgrund von Geldsorgen und vielleicht auch einer ordentlichen Portion Naivität nach Berlin, immer im Kopf der Plan, sobald wie möglich wieder zurück nach London, zurück zu Howard zu reisen. Aus diesen Plänen wird im nationalsozialistischen Deutschland nichts. Stattdessen verändert diese Zeit (nicht nur) für Irmina alles. Mehr als das. Sie selbst wird zu einer Unterstützerin des Regimes. Dafür gibt es Gründe, die ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte, aber dennoch ist dieser Bruch unumkehrbar. Die Erzählung begleitet Irmina durch den Zweiten Weltkrieg hindurch bis in die Nachkriegszeit und berichtet so ausführlich davon, was passiert, wenn eine Entscheidung zu einem ganz anderen Leben führt. Mich hat die Geschichte sehr berührt, weil sie so authentisch ist. Wie viele Leben dieser und ähnlicher Art gibt es, die aufgrund eines Fehlers, einer oder auch mehrerer falscher Entscheidungen eine komplett andere Richtung einnehmen? Eine Richtung, aus der man nicht mehr umkehren kann? Und wie viele Geschichten dieser Art bleiben unerzählt? Aus Angst, Scham, Reue oder auch, weil nicht gefragt wird? „Irmina“ ist eines dieser Bücher, das man so schnell nicht wieder vergisst.

„Blankets“ | Craig Thompson

„Blankets“ wurde mir von unfassbar vielen empfohlen und ich muss ehrlich gestehen, dass ich dieses Buch so gar nicht auf dem Schirm gehabt habe. Womöglich (oder besser: sehr wahrscheinlich) hätte ich es nicht gelesen, wenn es mir nicht vehement aus allen Richtungen nahe gelegt worden wäre. So oder so bin ich dafür sehr dankbar, denn ich hätte ganz schön was verpasst. Auf schwarz-weißen, sehr eindringlichen Bildern erzählt Craig Thompson eine Coming of Age Geschichte, die mich entfernt an „Boyhood“ erinnert hat (und ich liebe diesen Film!). In „Blankets“ geht es um Familie, um das Auseinanderdriften von zwei Brüdern, um die erste große Liebe und die Liebe zu Gott, die irgendwann in Frage gestellt wird. Kurzum: um das Heranwachsen und die Probleme damit. Es geht aber um noch viel mehr, denn gleichzeitig bildet die Geschichte ein zeitliches und ein gesellschaftliches Porträt der USA in den 1990ern ab. Wunderbar und einfühlsam erzählt, zum Nachempfinden und Eintauchen in eine fremde Gedankenwelt, die so oder so ähnlich auch die eigene hätte sein können.

PS: Das Symbol der Decke ist eines der schönsten für Zusammenhalt, Erwachsenwerden & Veränderungen, über das ich bisher in der Form so noch nicht nachgedacht habe.

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Graphic Novels? Graphic Novels!

Seitdem ich vor ein paar Monaten gemerkt habe (ja, always late to the party!), dass es da so, so viel zu entdecken gibt, bin ich kaum zu stoppen. Was ich vor der ersten – und vielleicht auch zweiten – Lektüre gedacht habe: „Och, das hab ich ja in kürzester Zeit gelesen“, stimmt mal so gar nicht. Ich kann mich stundenlang auf einzelnen Seiten festhalten und stolpere dabei immer wieder über überraschende Details.

Wer in die Thematik neu oder wieder einsteigen möchte, dem mag ich die folgenden besonders ans Herz legen: anne_frank_das_graphicdiary.jpg‘Das Tagebuch der Anne Frank’ als Graphic Diary umgesetzt von Ari Folman & David Polonsky. Es hat meine Graphic Novel Begeisterung entfacht und ist so gut, dass ich jetzt um Worte ringe. Hier harmonieren Bild & Text ganz wunderbar und ich bin erstaunt, wie sorgfältig und umsichtig Folman und Polonsky mit dem Originaltext umgehen, sodass nicht nur der Text nicht an Bedeutung verliert, sondern sogar noch neue Ebenen aufgezeigt werden.

7d0a9_satrapi_persepolis_cover Es gibt aber noch so viel mehr erstaunlich gute Graphic Novels (ohne die man tatsächlich ganz schön was verpasst). ‘Persepolis’ von Marjane Satrapi zum Beispiel, in der die Autorin & Illustratorin von ihrer Kindheit & Jugend im Iran erzählt und dabei ehrlich und humorvoll mit einer ganzen Menge an Vorurteilen abrechnet. Es ist so klug geschrieben und klar gezeichnet, dass man immer wieder darin blättern möchte. Außerdem ist es ein Augenöffner, von dem ich mir wünschen würde, dass möglichst viele einen Blick hineinwerfen, um ihre Sichtweise, wenn nicht eh schon, zu überdenken und zu ändern.

 

MausAuch ‘Maus’ von Art Spiegelman, der darin die Holocaust-Erlebnisse seines Vaters verarbeitet & gleichzeitig die schwierige Beziehung zwischen ihnen beiden thematisiert, gehört sozusagen zu den Must-Reads. (Wobei müssen ja wieder so einen Zwang ausübt und das will ich niemandem vermitteln, aber vielleicht möchte ich euch bitten es zu lesen, wenn nicht schon geschehen, denn es ist so, so großartig!) Der Comic ist als eine Art Fabel konzipiert, in der Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen, US-Amerikaner als Hunde, Polen als Schweine, Franzosen als Frösche usw. dargestellt werden. Versucht ein Charakter seine Identität zu verschleiern, kleidet ihn eine Maske. Auch wenn mich die Geschichte weniger gefesselt hat, als ich erwartet habe (was glaube ich auch an der Übersetzung liegen könnte, die zwar gut gemacht ist, aber eben den Originalton inkl. sprachlicher Eigenheiten nicht exakt wiedergeben kann) so ist alleine schon die Idee, einen Comic über den Holocaust als Fabel zu zeichnen, um zugleich aus sehr verständlichem Selbstschutz Distanz vor der eigenen Familiengeschichte zu wahren, aber auch zu mahnen, … ja, ziemlich genial, wenn man das so sagen kann.

Für diejenigen, die es interessiert, wird es hier demächst also wahrscheinich häufiger Eindrücke zu einzelnen von mir gelesenen Graphic Novels geben, denn ich finde, ihnen gehört noch viel mehr Beachtung geschenkt. Gerade für Leser*innen, denen es aus unterschiedlichen Gründen schwer fällt, sich zum Lesen zu motivieren, bietet dieses Genre eine Vielfalt an Welten, die es zu entdecken gilt.

Die Rechte an den abgebildeten Covern liegen bei den jeweiligen Verlagen!

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Hans Fallada | Im Rausch des Schreibens

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(Bildquelle: hier)

Seitdem ich begonnen habe, Hans Falladas Bücher zu lesen, bin auch ich in so einer Art Rausch. Das Wort klingt in meinem Fall wohl ein wenig überzogen, wobei… nein, ich bin schlichtweg rauschartig fasziniert. Fasziniert von den Worten, aus denen Fallada da eine Geschichte nach der anderen gezaubert hat und aus denen so viel Wahrheit spricht.

Wenn mich Bücher derart einnehmen, dann möchte ich mehr. Nicht nur mehr Bücher, sondern Hintergrundwissen. Was, wieso, weshalb? Spätestens nachdem ich las, dass Fallada seinen letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ innerhalb von 4 Wochen niederschrieb, wurde dieser innere Drang nach Wissen aktiviert. Wer war dieser Mensch? Wie konnte er so genau die Welt, besonders die „der kleinen Leute“ beschreiben? Sehr wahrscheinlich erzähle ich den meisten nichts Neues, aber ich muss das für mich selbst aufschreiben: Fallada hatte ein Leben wie seine Bücher.

Hans Fallada, geboren als Rudolf Ditzen, zeigte bereits als Kind ein auffälliges, von Psychosen dominiertes Verhalten. Das nicht genug, duellierte er sich 1911 mit einem Freund – ihr Vorhaben: Doppelselbstmord – und tötete ihn dabei. Fallada selbst blieb am Leben, was ihn wohl weniger gefreut hat, für uns Leser*innen aber ein Glück ist. Nach diesem Unfall/Mord wurde Fallada in die Psychiatrie eingewiesen (es wird nicht das letzte Mal sein). Als er 1913 entlassen wurde, wollte er sich ein Jahr später zum Kriegsdienst melden, wurde jedoch ausgemustert und führte daraufhin ein von Alkohol und Drogen dominiertes relativ wildes Leben, das von da an von zwei konflikthaften Gegensätzen bestimmt wurde: Trinken & Morphium vs. Entzug, besonders vom Alkohol kam er nicht los. In den Entzugsphasen, noch bevor er mit seinen Romanen Geld verdienen konnte, lernte er das Leben der kleinen Leute kennen, das sich hauptsächlich durch harte, körperliche Arbeit und wenig bis gar kein Geld auszeichnete. Dies nützte ihm später u.a. als Milieustudie. Generell kann man sagen, dass alles in Falladas Leben aus Extremen bestand, die sich in Gegensätzen zeigten. Schon alleine sein gewähltes Pseudonym, das von dem Märchen „Hans im Glück“ und dem ans Tor genagelten Kopf des Pferdes Fal(l)ada aus dem Märchen „Die Gänsemagd“ zusammengesetzt ist – und somit Glück und Unglück vereint. Ein Sinnbild seines Empfindens. Später wurde Fallada noch einige Male in die Psychiatrie eingewiesen und musste mehrmals – wegen Betrugs und versuchten Totschlags – ins Gefängnis.

Seiner Arbeit als Autor tat das keinen Abbruch, im Gegenteil, es scheint, als habe er diesen Schreibwahn gebraucht, um sich befreien zu können, von allem, was ihn belastete, was ihn umtrieb. Sei es die eigene Trink- und Drogensucht („Der Trinker“), seine Erfahrungen im Gefängnis („Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“), Gesellschaftsportraits der Weimarer Republik („Kleiner Mann – was nun?“, „Wolf unter Wölfen“) usw. „Jeder stirbt für sich allein“ grenze ich da aus, denn diesen Roman wollte er zunächst nicht schreiben (na, zum Glück hat er’s doch gemacht!). Die Geschichte behandelt das Thema des Widerstands im Zweiten Weltkrieg, im Mittelpunkt ein Ehepaar, das tatsächlich gelebt hat und das Postkarten geschrieben hat, um die Wahrheit kundzutun. Für damalige Zeiten ein gefährliches Unterfangen. Und mutig. Ein Grund, warum Fallada sich zunächst weigerte. Er sei – im Bezug auf den Widerstand – nie mutig gewesen. „Jeder stirbt für sich allein“ ist ein beeindruckender und nachdrücklich wichtiger Roman, in dem sich aber auch wieder Falladas eigene Erfahrungen widerspiegeln, v.a. in den Nebenfiguren: dem Spieler, dem Trunksüchtigen, dem Betrüger, dem Gefängnisinsassen. Sprachlich ist es nicht sein bester Roman (in Anbetracht der mickrigen 4 Wochen Schreibzeit aber durchaus Wahnsinn), dafür jedoch der mit der wichtigsten Aussagekraft.

Es stellt sich die Frage, ob seine Werke so grandios geworden wären, wenn Fallada nicht Fallada gewesen wäre? Benötigt man einen gewissen Hang zur Selbstzerstörung, um solche Bücher zu schreiben? Eine Antwort darauf kann man sicher nicht geben, aber Fallada gehört zu diesen großartigen Autoren, die im Schreiben leben und sterben, weil sie jedem Buch ein Stück von sich selbst geben. Und dafür kann man ihm nicht genug danken. Seine Bücher sind heute so bedeutend und aktuell wie damals.

Empfehlenswert: „Hans Fallada – Im Rausch des Schreibens“ (eine Dokumentation) und „Hans Fallada. Die Biographie.“ von Peter Walther im Aufbau Verlag erschienen.

Remarque lesen: eine wertvolle Grenzerfahrung

Ich konnte früher nicht unbedingt viel mit dem Namen Erich Maria Remarque anfangen. Für mich war das einer dieser Gesichter, die schwarz-weiß gedruckt mit anderen in der Riege der Klassiker verschwammen. Wir haben uns zu meiner Schulzeit, die ja nun doch schon einige Jahre zurückliegt, nie mit seinen Büchern auseinandergesetzt und selbst dann weiß ich nicht, ob ich damals schon in der Lage gewesen wäre, mich mit seinen Werken gebührend beschäftigen zu können. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob ich das alles so verstanden hätte. Verstanden nicht im eigentlichen Sinne von Verstehen, sondern eher im Fühlen und Schmecken der Worte, im Tasten nach einer Zeit, die längst vergangen und doch so präsent ist.

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„Im Westen nichts Neues“ blieb für mich also eine lange Zeit ein Titel, den man mal gehört haben sollte, aber ich konnte ihn nicht zuordnen, obwohl ich mir schon lange vorgenommen hatte, dies zu tun. Vor ein paar Wochen dann war ich zu Besuch bei einer Freundin, die wunderbar geordnete Bücherregale besitzt (da kann ich nun wahrlich nicht mithalten) und da stand der Remarque. Wie nicht gerufen, aber doch auf mich wartend. Ich lieh mir „Im Westen nichts Neues“ aus, las am selben Abend noch ein paar Zeilen und am darauffolgenden Tag das ganze Buch und, was soll ich sagen? Besser spät als nie! Mich hat wohl noch nie ein Buch so überrascht wie dieses. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Roman so packen, so mitnehmen, so durchwirbeln würde. Es ist eines dieser Bücher, das man immer im Gedächtnis behalten wird. Es ist rau, es ist gewaltig, es ist real. Teilweise hat man das Gefühl, man würde mit in einem der zahlreichen Schützengräben des Ersten Weltkrieges liegen und das ist nicht schön, das soll es auch nicht sein, aber doch ist das wichtig, um Dinge in der Vergangenheit zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Dinge, die auch heute noch geschehen, an die wir aber in unserer geschützten Blase nicht denken wollen. Dinge, die immer wieder so oder so ähnlich passieren können und werden, denn: Geschichte wiederholt sich (leider).

Und weil ich irgendwie nicht genug von Remarque bekommen kann, weil ich jetzt drin bin in diesem Verstehens-Prozess, möchte ich mehr. Mehr von dieser kraftvollen poetischen Sprache, die sich stellenweise liest wie ein Gedicht und in der so viel Wahrheit liegt. „Die Nacht von Lissabon“ habe ich nun am Wochenende gelesen und bin nach wie vor beeindruckt, was mit Menschen passiert, zu was sie fähig sind, wenn es zum Äußersten kommt, wie Opfer und Täter verschwimmen und wie Remarque es schafft, dies in Worte zu packen und so ein intensives Leseerlebnis zu gestalten, das lehrreich in vielerlei Dingen ist. Er schreibt hier von Menschen, die auf der Flucht sind, die ihre eigene Identität mehrmals verlieren und doch immer den Mut und die Kraft aufbringen, sich zu wehren, sich aufzulehnen gegen ein Regime der Unterdrückung und Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg und dabei fällt ein Satz, den ich sehr bezeichnend finde: „’Es mag sein, dass unsere Zeit einmal die der Ironie genannt wird‘, sagte Schwarz. ‚Natürlich nicht die der geistvollen des achtzehnten Jahrhunderts, sondern die der unfreiwilligen und ebenfalls bösartigen oder dummen unseres plumpen Zeitalters des Fortschritts in der Technik und des Rückschritts in der Kultur. (…)“ Remarque zu lesen ist aufwühlend. Man liest seine Bücher nicht und schreitet anschließend locker flockig im Alltag voran. Nein, er reißt einen heraus, stellt unangenehme Fragen und gibt unbefriedigende Antworten. So ist das Leben.