[Deutscher Buchpreis 2017] Die Longlist

Zum alljährlichen Erscheinen der Longlist des Deutschen Buchpreises habe ich seit jeher gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich sehr auf deren Veröffentlichung – es sind doch immer wieder Überraschungen dabei -, andererseits ist die Longlist auch meistens recht vorhersehbar. Im Fokus des Deutschen Buchpreises stehen Stil, Innovation und Umgang mit der deutschen Sprache, eher weniger das Gesagte (das auch, klar, aber eben häufig nicht ganz so sehr im Mittelpunkt), was oft bedeutet: es ist schwierig lesbar bis unverständlich. Sicher soll hier nicht das Buch gefunden werden, das den Normalleser abends bei einem Gläschen Wein ganz nett unterhält, aber, warum es nicht wenigstens mal ansatzweise versuchen?

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Als ich noch recht neu auf dem Gebiet war, gerade frisch im Germanistik-Studium steckte (oder eigentlich noch davor), dachte ich, Bücher, die den Deutschen Buchpreis gewonnen haben, muss ich unbedingt gelesen und verstanden und für gut befunden haben. Heute weiß ich: nö, muss ich nicht. Auch wenn ich es verdammt gerne mag, wenn mich ein Buch stilistisch und sprachlich trägt, in Staunen und Verzückung geraten lässt, so kann das auf über 600 Seiten gerne mal anstrengend sein – und das gebe ich offen zu. Romane vollkommen ohne Satzzeichen, Absätze, ohne wenn und aber, ohne Hand und Fuß, die kann man nicht eben mal zwischendurch weglesen. Daran knabbert man eine ganze Weile und fragt sich auch oft mal, wo das nun hinführen soll. Das findet in der Regel nur ein kleiner, vielleicht kann man es abgehoben (ich meine es aber nicht böse!!) „elitärer“ Kreis nennen, so richtig, richtig gut. Und das wäre auch gar nicht schlimm, gäbe es einen vergleichbaren Preis in Deutschland, der das Publikum, den|die Normalleserin ein wenig mehr mit einbezieht (denn die machen schließlich einen großen Teil des Literaturbetriebs aus, oder nicht?). Versteht mich jetzt bitte nicht falsch, ich schätze den Deutschen Buchpreis sehr und auch vieles, was bisher auf der Longlist stand, konnte mich begeistern, aber aus Gesprächen mit anderen Vielleser|innen und aus der eigenen Erfahrung heraus, bin ich der Meinung, dass auch eine Menge dabei ist, was einfach nur einen kleinen Kreis so richtig umhaut. Von daher sollte man sich nicht schlecht fühlen, wenn man das, was nominiert ist oder gar gewinnt, im Stillen selbst vielleicht manchmal gar nicht so toll findet. Letztendlich ist der Deutsche Buchpreis einfach eine Sache für sich, ich freu mich trotzdem immer noch auf die Bücher, aber ein wenig mehr Pepp und Diversität, würde dem Ganzen auch mal guttun!

Lange, lange Vorrede, daher mache ich es jetzt kurz. Es folgen meine Eindrücke zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2017, kategorisiert nach :) – mochte ich – :/ – eher nicht so oder bin unschlüssig – und :( – war leider gar nicht meins.

Mirko Bonné | „Lichter als der Tag“ – da kam ich nicht ran; ich empfand es als verwirrend und unzusammenhängend zu lesen: :(

Gerhard Falkner | „Romeo oder Julia“ – hier hab ich mich sofort verliebt; herrlich sarkastisch und wunderbar pointiert: :)

Franzobel | „Das Floß der Medusa“ – ich kann nur sagen: leider nichts für mich: :/

Monika Helfer | „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ – eingängig, ansprechend; ruppig-authentisch; bin mir aber unsicher, ob ich da ein ganzes Buch lesen möchte, daher: :/

Christoph Höhtker | „Das Jahr der Frauen“ – ist bestimmt nicht schlecht, aber mir einfach aus unerklärlichen Gründen unsympathisch, daher: :/

Thomas Lehr | „Schlafende Sonne“ – sprachlich wirklich toll, aber mich packt es leider nicht; es ist zu viel (sprachlich), um ein entspanntes Lesevergnügen zu generieren: :/

Jonas Lüscher | „Kraft“ – keine Ahnung, worum genau es geht, aber trotzdem ist man irgendwie gebannt; tolle Wahl der Adjektive: :)

Robert Menasse | „Die Hauptstadt“ – Sprachwitz; ein Schwein – lebend doch ein ungewöhnliches Geschöpf in der Großstadt – verbindet: :)

Birgit Müller-Wieland | „Flugschnee“ – traurig-emphatisch, sehr eingängiger Schreibstil: :)

Jakob Nolte | „Schreckliche Gewalten“ – eindrückliche Sprache, Schönheit nebst Grauen: :)

Marion Poschmann | „Die Kieferninseln“ – leider nicht mein Thema: :/

Kerstin Preiwuss | „Nach Onkalo“ – rasant und stilsicher: :)

Robert Prosser | „Phantome“ – sprachlich toll, aber die Leseprobe ist zu kurz, um inhaltlich etwas sagen zu können, daher: :/

Sven Regener | „Wiener Straße“ – gut, aber für meinen Geschmack zu aufgesetzt (zumindest auf den paar Seiten der Leseprobe): :/

Sasha Marianna Salzmann | „Außer sich“ – kurz und schmerzlos: interessiert mich leider gar nicht: :(

Ingo Schulze | „Peter Holtz“ – überraschend und besser als erwartet, doch trotzdem möchte ich keine 576 Seiten in dem Stil lesen „müssen“ (was nicht heißt, dass es nicht gut sein könnte!): :/

Michael Wildenhain | „Das Singen der Sirenen“ – für meinen Geschmack will das Buch zu viel auf einmal: :/

Julia Wolf | „Walter Nowak bleibt liegen“ – hmm, ich weiß nicht; mir fehlen noch ein, zwei, drei Seiten, um zu wissen, ob es was für mich ist (Leseprobe zu kurz!): :/

Christine Wunnicke | „Katie“ – einfach nicht mein Thema, zu viel Metaphysik: :(

Feridun Zaimoglu | „Evangelio“ – das ist richtig gut, aber für mich auf Dauer zu anstrengend: :/

Dies sind lediglich meine Eindrücke zu den Leseproben, das heißt, im Buch kann ich ganz anders empfinden!

Deutscher Buchpreis, Buchmesse und der Literaturherbst

Vom 19. bis 23. Oktober ist es wieder soweit, die Frankfurter Buchmesse findet statt. Diesjähriger Ehrengast: Flandern und die Niederlande.

Mein letzter Besuch der FBM liegt schon einige Jahre zurück,oft hat es zeitlich einfach img_1012nicht gepasst. Umso mehr freue ich mich darauf, dieses Jahr mit dabei zu sein (so zumindest der Plan!) Sollte es doch nicht klappen, gibt es hier immer noch die Möglichkeit am Göttinger Literaturherbst teilzunehmen, welcher vom 21. bis 30. Oktober stattfindet. Ganz besonders freue ich mich auf die Lesungen von Heinz Strunk, John Wray, Connie Palmen, Judith Hermann, Benedict Wells und Benjamin von Stuckrad-Barre (ich kann jedem das Hörbuch zu Panikherz ans … äh … Herz legen).

Nicht zu vergessen, die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2016 am 17. Oktober! Meiner Meinung nach sind dieses Jahr wirklich ein paar grandiose Bücher in der Auswahl. Ich will nicht so tun, als hätte ich alle Bücher gelesen, aber trotzdem habe ich meine Favoriten. Aus der Longlist Joachim Meyerhoff mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, weil keiner so einen herrlich trockenen Humor literarisch gut verpacken kann, wie er.

„Hool“ von Philipp Winkler ist mein Highlight der Shortlist 2016. Das Buch hat mich wirklich überrascht, weil es trotz harscher Sprache, rauen Typen und Gewalt trotzdem so viel Herz und Emotionen zeigt. Mein neues Lieblingswort ist seitdem „flüsterfluchen“ und das Flüsterfluchen lässt sich auf das gesamte Buch übertragen. Die Geschichte und der Ton der Erzählung schweben immer in einem Zustand zwischen liebevollem Flüstern und schmerzerfülltem Fluchen. Entfernt vergleichbar mit Clemens Meyer, aber eben doch nur entfernt.

Also, wers noch nicht gemacht hat, ganz schnell alle drei Termine rot im Kalender anstreichen!