[Lesemonat] April 2018

Wie immer gilt: Lesemonate sollen weder dazu dienen, die eigene Lesequantität unter Beweis zu stellen, noch um sich mit anderen zu vergleichen oder gar Neid hervorzurufen bzw. Druck auszuüben. Ich nutze diese Kategorie, um über die gelesenen Bücher nachzudenken und kurze Zusammenfassungen zu geben, nicht mehr und nicht weniger.

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„1933 war ein schlimmes Jahr“ | John Fante

Klingt schlimm, ist aber in seiner Melancholie sehr erheiternd und lebensbejahend. Der Anfang holpert noch ein wenig, man weiß nicht so recht, wohin der Roman will und fragt sich: wird das vielleicht zu Baseballlastig? Nö. Zum Glück nicht! Dieses schmale Büchlein steckt voller Witz, Tragik und ehrlichen Charakteren, die manchmal ruppig, oft sehr eigen, aber mit großen Herzen daherkommen und die man gerne noch viel länger begleitet hätte.

„Der Gang vor die Hunde“ | Erich Kästner

Huch, das ist aber ein freizügiges Buch. Könnte man denken, wenn man von Kästner eher die Kinderbücher gewohnt ist. Neben dem Berliner-Nachtleben, Exzesse durch die Welt der Bordelle und illegale Kneipen, wird aber auch die sanfte Seite des Protagonisten Fabian (der schon auch ein bisschen Kästner selbst ist?) gezeigt, der zwischen Moral und Unmoral hin- und her schwankt. Man möchte nicht, dass er scheitert und muss doch irgendwie hilflos dabei zusehen. Zugegeben: zu Beginn ein gewöhnungsbedürftiges Buch, das mich dann aber Kästner innig umarmend zurückgelassen hat. (Anmerkung: „Der Gang vor die Hunde“ ist die Rekonstruktion der Urfassung seines Debütromans „Fabian“.)

„Der kleine Grenzverkehr“ | Erich Kästner

Klingt beinahe ein wenig schlüpfrig, oder? Ist es aber nicht. Dafür ein heiterer, ja, ich mag es fast schon Schelmen-Roman nennen, der enorm viel Spaß macht, zu lesen. Der Protagonist Georg Rentmeister möchte eigentlich nur eine schöne Zeit mit seinem Freund Karl in Salzburg auf den Salzburger Festspielen verbringen. Leider darf er pro Monat nur zehn Reichsmark über die Grenze mitnehmen, das macht pro Tag 33,333333 Pfennige. Lächerlich wenig. Deshalb beschließt er jeden Tag von Bad Reichenhall (wo er ein „Grandseigneur“ ist) nach Salzburg (wo er ein „Habenichts“ ist) zu pendeln. Schwierigkeiten und eventuell die große Liebe inbegriffen! Mir fehlte leider dieser gewisse Moment zum unbedingt Dranbleiben-Wollen, da der Roman leider arg an der Oberfläche schwimmt (auch wenn man zwischen den Zeilen ein paar Details finden kann). Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Zeit, in der der Roman verfasst wurde. Nichtsdestotrotz: humorvoll und kurzweilig.

„Drei Kameraden“ | Erich Maria Remarque

Noch so ein Erich, den ich bewundere. „Drei Kameraden“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese, das nicht während eines Krieges, sondern von der Zeit danach bzw. dazwischen handelt. Drei Freunde, die Ende der 1920er Jahre ihr privates wie berufliches Glück suchen und gleichzeitig mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu kämpfen haben. Remarque verknüpft Gegenwart mit Erinnerung, macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, aus Unglück Glück – und umgekehrt – und vergisst dabei nie den einzelnen Menschen ins Zentrum dessen zu stellen. Insgesamt ist der Roman ruhiger als z.B. „Im Westen nichts Neues“ – logisch, wenn man die Thematik bedenkt -, aber deswegen nicht weniger gut.

„Super, und dir?“ | Kathrin Weßling

Mit „Super, und dir?“piekst Kathrin Weßling mitten hinein in die Wunde unseres Zeitgeistes bestehend aus Influencer-Marketing, dem permanenten Gedanken funktionieren zu müssen und der stetigen Angst vor der Ersetzbarkeit durch andere. Marlene Beckmann, die 31-jährige Hauptfigur des Romans, hat eigentlich alles, was sie sich wünscht: u.a. einen verständnisvollen Partner, 532 Freunde auf Facebook und einen wahnsinnstollen Job als Social Media Managerin, um den sie viele beneiden. Moment, das muss gleich mal auf sämtlichen Sozialen Kanälen geteilt werden. Wenn jemand fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: „Super, und dir?“, dabei ist eigentlich gar nicht alles super. Im Gegenteil, sogar sehr wenig. Und das bisschen was noch super ist, löst sich Mithilfe von Marlenes Dealer Ronny in einzelne Buchstaben auf, die sie zwar immer noch reflexartig als Antwort zusammenbasteln kann, schon längst aber nicht mehr fühlt. Das Buch liest sich genauso rauschhaft und sogartig wie Marlenes Leben zu sein scheint und begleitet sie durch flüsterleise sowie knallhart laute Momente bis hin an den Abgrund. Mit scharfem Blick, von zartbitterem Sarkasmus durchwoben und mit einer emotionalen Eindringlichkeit erzählt der Roman eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Druck von außen wie innen immer größer wird und trifft so den Kern unserer Selbstoptimierungsgesellschaft.

„Green Girl“ | Kate Zambreno

Eine Protagonistin, zu der man eine Art Hassliebe aufbaut. Schwankend zwischen Verständnis und Unverständnis. Eine Heldin, die keine Heldin ist und auch keine sein will. Die verloren, ängstlich, wütend, einsam und verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Liebe ist und diese, sobald sie sie erhält, wieder zerstört. Zambreno schreibt so eindringlich und schön, manchmal auch provokant, in einer rhythmisch lyrischen Prosa, dass man sich laufend Sätze markiert. Gegen Mitte/Ende lässt die Geschichte aber leider inhaltlich etwas nach. Vieles wiederholt sich. Aber vielleicht muss das auch gerade sein, um die Eintönigkeit des Lebens, aus dem die Protagonistin gerne ausbrechen möchte, aber doch nicht kann, zu verdeutlichen. Ein Roman mit Schwächen, den ich aber dennoch allen empfehlen mag, die ein Herz für eine außergewöhnliche Schreibe haben.

„Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

Ein wichtiges Buch, mit der noch wichtigeren Nachricht: nie zu vergessen!
April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.
„Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ | Carol Rifka Brunt

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ zählt zu den Jugendbüchern, die man auch als Erwachsene*r lesen sollte. Der Autorin Carol Rifka Brunt gelingt es dank einer bezaubernden, fast magischen Sprache wunderbare Bilder im Kopf der LeserInnen entstehen zu lassen, die gleichzeitig ruhig und sanft wie aufregend und schmerzvoll wirken. June Elbus ist gerade mal vierzehn, als ihr geliebter Onkel Finn an AIDS stirbt. Etwas, über das man zu dieser Zeit (Ende der 1980er) nur hinter vorgehaltener Hand und durchdrungen von zig Vorurteilen tuschelt. Für June ist der Schmerz über diesen Verlust enorm – erst recht, da sie das Gefühl hat, die einzige zu sein, die ehrlich trauert. Bis sie ein Päckchen mit Finns Teekanne von dem geheimnisvollen Fremden erhält, den sie bereits auf Finns Beerdigung gesehen hat. Eine zarte Freundschaft, die auf starken Widerstand stößt, entsteht. Diese Geschichte ist eine, die Steine in den Bauch legt und Knoten im Magen macht. Die von Verlust, Trauer, Schmerz und der Überwindung dessen sowie von Freundschaft, Familie, Liebe und der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens erzählt. Ein Roman, der leise, aber mit lautem Echo ans Herz geht. Es gibt ein paar wenige Stellen, die ich als ein bisschen zu konstruiert oder manchmal zu schleppend empfunden habe, aber das fällt meiner Meinung nach nicht allzu stark ins Gewicht.

Psst: außerdem noch „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, von dem ich mir gar nicht so viel erwartet hatte, aber durchaus sehr positiv überrascht wurde sowie „Fangirl“ von Rainbow Rowell, das im guten Mittelfeld bleibt. Die Szenen mit Simon Snow habe ich dabei ausgeblendet, das war nix für mich. Ebenso wie „Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell, das ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Harry Potter les ich da lieber noch mal im Original.

[Lesemonat] März 2018

Der März in Büchern.

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„Friedrich der Große Detektiv“ | Philip Kerr

Fangen wir doch gleich mal mit einem Kinderbuch an, das unbedingt auch für Erwachsene geeignet ist. Warum? Weil es den Herrn Kästner auftreten lässt! Aber nicht nur das, in „Friedrich der Große Detektiv“ geht es um die unheilvoll summende, politisch aufgeladene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es thematisiert den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die Bücherverbrennung 1933 und andere wichtige geschichtliche Eckdaten, die der Autor leicht verständlich und sehr geschickt für Kinder verpackt in eine spannende Detektivgeschichte miteinfließen lässt und so fiktive mit realen Elementen kombiniert. Pädagogisch wertvoll nennt man das, glaube ich! (Minimal genervt war ich von dem Hispano-Suiza, der ungefähr drölfzigtausendmal Erwähnung gefunden hat. So lange, bis ich gegoogelt habe und nun weiß, was das für ein Auto ist.) Der Klappentext unterschreibt dieses Buch mit „(…) eine Hommage an Erich Kästner“, doch nicht nur das, es ist auch eine Hommage an Kerr selbst, der vor kurzem verstorben ist und mit diesem Buch noch einmal etwas Großartiges geschaffen hat.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ | Petra Hartlieb

Ich war noch niemals in … ja, New York auch, aber ich red von Wien! (War zwar schon mal fast auf dem Weg, aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der Reihe „Pleiten, Pech und Pannen mit Mia“.) Auf jeden Fall habe ich jetzt dank „Wenn es Frühling wird in Wien“ das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, allerdings in 1912 – was ehrlich gesagt fast noch besser ist – und hätte mit Arthur Schnitzler im Kaffeehaus ein Stück Sachertorte geschmaust. In dem Buch geht es nämlich um Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, und nun bei dem berühmten Dichter als Kindermädchen arbeitet. Als sie dann noch auf den Buchhändler Oskar trifft, der ihr die Welt der Bücher näher bringt, dürfte spätestens jedes Leserherz einen Hüpfer mit Salto machen. Die wunderbare Petra Hartlieb weiß nämlich ganz genau, wovon sie schreibt („Sechsundzwanzig Zeichen, um im Kopf einmal um die Erde, ins Mittelalter oder auf den Mond zu reisen.“), schließlich hat sie 2004 die „Buchhandlung Friedrich Stock“ übernommen (heute heißt sie „Hartliebs Bücher“ – vielleicht kennt ihr sie schon aus „Meine wundervolle Buchhandlung“?) und diese spielt in „Wenn es Frühling wird in Wien“ erneut eine zentrale Rolle.

Die Geschichte ist filigran und zart erzählt, fasst authentisch den Wiener Dialekt mit ein und spiegelt so ganz genau die Zeit der Belle Époque wider. Das Buch passt perfekt ins leichte frühlingshafte Handgepäck. Ich habe es problemlos lesen können, ohne den ersten Teil „Ein Winter in Wien“ gekannt zu haben, werde das aber sicher bald nachholen!

„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, fiel ich zunächst in so eine Art Schockstarre und anschließend überkam mich ein Hunger nach mehr. Nach mehr Wissen, nach mehr über Fallada, nach mehr über diese Zeit. Ich las den Anhang, googelte die Personen, die es tatsächlich gab, und schaute Dokumentationen. Das passiert, wenn einen ein Buch umhaut – und das ist sehr, sehr gut!

Der Titel des Buches: „Jeder stirbt für sich allein“ spricht irgendwie für sich und lässt erahnen, worauf man sich hier einlässt. Dank Fallada begleiten wir die unterschiedlichsten Personen – Leute mit und ohne Gewissen – durch Berlin während des Zweiten Weltkrieges, in dem selbst der Gedanke an ein freies Denken schon strafbar gewesen ist. Jede*r wird zum/zur Täter*in und viele zum Opfer. Widerstand gibt es trotzdem – und sei er auch noch so klein – alles zählt. Eine Geschichte von Mut und Stärke in einer Zeit, in der beides mehr denn je gebraucht wurde. Fallada schildert die Personen so plastisch, macht sie lebendig, dass man beinahe aufpassen muss, dass man nicht von der Gestapo oder aufgeplusterten Richtern angespuckt wird und setzt denjenigen ein Denkmal, die es wirklich verdient haben: den kleinen Leuten, die so viel mehr Größe zeigen als alle anderen zusammen.

Richtig gut ist auch Falladas kritischer sowie ehrlicher Blick, der sich vor allem, aber nicht nur, in den vermeintlich besseren Schichten abzeichnet: manche Sätze sprühen über vor trauriger Ironie – unbedingt lesenswert!

(Auch wissenswert: Fallada wollte den Roman zunächst gar nicht schreiben, weil er selbst nie wirklich Widerstand geleistet und so keinen Mut bewiesen habe. Zum Glück hat er sich dann aber doch für den Roman entschieden und diesen rauschhaft innerhalb von nur vier Wochen verfasst.)

PS: Das Buch hatte ich mir ausgeliehen, musste es mir dann aber doch gebraucht kaufen, weil das so eines ist, das ich unbedingt im Regal stehen haben wollte. Und nein, das tut mir kein bisschen leid!

„The Woman in The Window“ | A.J. Finn

Dieser Thriller ist ein spannendes, soghaftes Leseerlebnis mit Gänsehautfaktor. Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn Bücher im Vorfeld schon so angepriesen werden im Sinne von „übersetzt in 38 Sprachen, derzeit von FOX verfilmt“ (ihr versteht sicher, was ich meine…) Da habe ich mich auch nur herangewagt, weil das Buch sowas wie eine Hommage an Film-Klassiker von Hitchcock & Co. ist und ja, da bin ich dann auch neugierig geworden.

Die Protagonistin Anna kann aufgrund eines Traumas ihr Haus in New York nicht mehr verlassen. Um nicht ganz einsam zu sein, beobachtet sie ihre Nachbarn durch ihr Kameraobjektiv und (er)lebt so durch diese einen halbwegs „normalen“ Alltag. Bis sie einen brutalen Vorfall direkt gegenüber sieht, der sie an die Grenzen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit bringt. Denn niemand will ihr glauben, was laut Anna im Haus ihrer Nachbarn geschehen sein soll.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich die Geschichte so fesseln würde und ich habe die ganze Zeit mit Textmarker in der Hand dagesessen, um mir die zahlreichen Film-Klassiker zu unterstreichen, die erwähnt werden. (Ich würde sagen: Die nächsten Monate sind ausgebucht!) Was mich ebenfalls begeistert hat, ist A.J. Finns Schreibstil, der durch ungewöhnliche, aber unglaublich gute sprachliche Bilder und Vergleiche eine tolle Atmosphäre schafft und auch, wenn man sich als Hitchcock-Kenner*in ungefähr denken kann, wie die Geschichte ausgeht, hat es super viel Spaß gemacht und ist daher ein richtig gut unterhaltender Thriller.

„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Ein unbedingt lesenswertes Stück Geschichte um die Zeit während/nach den Novemberpogromen 1938 in einem Buch, das auch zu eben jener Zeit verfasst und nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Der Protagonist Otto Silbermann zählt vielleicht nicht unbedingt zu den sympathischsten Figuren, aber unter dieser etwas undurchsichtigen Schale steckt ein verletzlicher, verängstigter Mann, dem man zuerst sein Zuhause, sein Hab & Gut und dann seine Würde und somit alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, nimmt, denn: er ist Jude. Einen anderen Grund braucht es damals nicht. Eindringlich, bedrückend und erschreckend real geschrieben, sodass mir ein paar Mal der Atem stockte. Als Leser*in begibt man sich mit Silbermann auf eine Reise, die nichts auslässt und die einen so mitfühlen lässt, das einem ein Schauer über den Rücken läuft. Man bekommt alleine durch die bedruckten Seiten einen sehr intensiven Eindruck, wie stark Unterdrückung und falsche Macht auf ein einzelnes Individuum wirken können und was letztlich dadurch passieren kann, dass ich dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es ist so wichtig!

„Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Auch hier haben wir einen authentischen Text aus den 1930er Jahren, aber zum Ausgleich die etwas heiterere Seite ebenjener Zeit. Wilson Collison hat sich damals vor allem durch Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden, einen Namen gemacht – und genau so liest sich auch „Tod in Connecticut“. Sehr szenisch, mit ausgereiften, durch und durch bildhaft vorstellbaren Charakteren und einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Frauenfigur. Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. So kommt es zu einem dramatischen Liebes-Viereck, das in einen Mordfall gipfelt.

Sprachlich hat mir das Buch durchaus sehr gut gefallen, leider konnte mich die Geschichte eher wenig überzeugen. Nicht, dass sie „schlecht“ gewesen wäre (das ist ja auch immer irgendwie Ansichtssache), aber sie hat mich einfach nicht mitgerissen. In einem Film kann ich mir die Geschichte wiederum sehr gut vorstellen, aber auf Papier war es mir zu viel Liebes-Drama – leider.

„Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey schreibt über die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen. „Im Enddefekt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die vor allem durch ihre Sprache besticht, die sehr eigen, sehr bildhaft, sehr stark ist und ein wenig an Poetry-Slam erinnert. Ohne, dass es blöd klingen soll, aber ich glaube: das muss man mögen. Es geht hierbei um Themen wie Verlassen (werden), Abschied, Neuanfang, Ruhelosigkeit, Zukunftsangst und viele ähnliche Gedanken, die man – nicht nur, aber vor allem -, Anfang/Mitte Zwanzig in seiner vollen Wirkungskraft spürt, weshalb ich dieses Büchlein, das auch optisch ein echter Hingucker ist, vor allem jüngeren Leser*innen empfehlen würde, weil man sich – so glaube ich – bei der Autorin bestimmt recht oft wiederfinden kann. Sowas ist immer ein tolles Leseerlebnis.

„Dies Herz, das dir gehört“ | Hans Fallada

Mich hat das Buch inhaltlich wie thematisch ein wenig an “Kleiner Mann – was nun?” erinnert. (Zwei Liebende, die sich den Umständen der Zeit entgegenstellen; mit einer starken Frauenfigur. Die Hauptcharaktere Hannes und Hanne ähneln also in ihrem Verhalten Johannes und Lämmchen aus “Kleiner Mann – was nun?” sehr.) Das macht nun aber gar nichts, weil es sehr viel Freude bereitet, einen Roman von Fallada zu lesen. Seine Art des Erzählens ist unnachahmlich! Was man hier wissen muss: “Dies Herz, das dir gehört” war ursprünglich in den 30ern/40ern als Filmvorlage geplant. Zu einer Verfilmung kam es – aus unterschiedlichen Gründen – nie. Falladas Geschichte zeigt vor allem im ersten Abschnitt deutlich, dass dieses Buch, um überhaupt veröffentlicht werden zu dürfen (was ja nun letztlich doch nicht geschah), so geschrieben werden musste, dass die damaligen „Kontrollinstanzen“ zufriedengestellt wurden.
Fallada baut in “Dies Herz, das dir gehört” Sätze ein, in denen er seine Figuren darüber reden lässt, dass nun in Deutschland endlich wieder die Sonne scheinen würde. (Im Sinne von es gibt Arbeit und die Wirtschaft ist im Aufschwung.) Aus heutiger Sicht liest sich recht leicht heraus, wo Fallada wohlwollend der NS-Propaganda gegenüber schreibt – die Sätze wirken wie extra eingebaut – und wo nicht. Es ist interessant und gleichzeitig erschreckend, diese Diskrepanz zu anderen Texten zu sehen, wobei Fallada hier auch wirklich nur ganz dezent wohlwollend schreibt, was wahrscheinlich der Grund ist, wieso es während der 1930er/40er zu keiner Veröffentlichung kam und er kurzzeitig als unerwünschter Autor galt.
Was mich etwas irritiert hat, sind die Zeitsprünge. Falladas Text ist nicht konstant im Präsens/Präteritum, sondern immer in Abschnitten in der Gegenwart und dann wieder in der Vergangenheit geschrieben, man kann praktisch mitverfolgen, wann er wieder neu angefangen hat zu schreiben. Vielleicht liegt das auch an der Rekonstruktion des Buches in den 90ern? Nichtsdestotrotz: ein echter Fallada und unbedingt lesenswert!

(Sowie diverse Bücher von Erich Kästner und „Krabat“ von Otfried Preußler.)

[Lesemonat] Februar 2018

Ich habe es im Februar beinahe geschafft, mehr ausgeliehene Bücher als gekaufte oder geschenkte zu lesen. Warum ich das gut finde? In meiner Wohnung stapeln sich die Bücher an jeder Ecke und – ja, ja, ja!! – das ist schön, aber wenn immer mehr dazu kommen, kann es auch erdrücken. Zumal ich den Traum meiner eigenen Bibliothek (sprich: einen eigenen Raum samt Leiter, Kuschelsessel und vielleicht noch einem knisternden Kamin – ihr habt es sicher deutlich vor Augen) bisher noch nicht verwirklichen konnte. Es spricht absolut nichts dagegen, sich neue Bücher zu kaufen (bitte, wenn möglich, in einer Buchhandlung eures Vertrauens) und wer mich kennt, der oder die weiß, dass mich mein innerer Kompass IMMER zuerst in eine Buchhandlung führt. Ganz egal, wo ich bin. Nichtsdestotrotz habe ich Gefallen daran gefunden, mir Bücher im Vorfeld zu einem Großteil auszuleihen oder, wenn gekauft oder geschenkt, nach dem Lesen selbst zu verleihen. Nicht nur, um Platz und Geld zu sparen, sondern schlichtweg, weil es ein gutes Gefühl ist, etwas länger darüber nachzudenken, welche Bücher sich eine Dauerkarte im Regal wirklich verdienen. Klingt das komisch? Ich hoffe nicht!

Warum habe ich jetzt eigentlich einen ganzen Absatz gebraucht, um einfach nur auszudrücken: Hallo, das sind meine gelesenen Bücher im Februar. Das Foto stimmt allerdings nicht ganz mit der Realität überein, denn die Hälfte der Februar-Bücher besitze ich nicht selbst, sondern habe sie von Freunden oder aus der Bibliothek ausgeliehen..?

Herzlichen Glückwunsch, mich kurzfassen kann ich also nicht.

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„Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse

Ein historischer Roman für Jugendliche, den aber ruhig auch Erwachsene lesen können/sollten. In Zeit (Zweiter Weltkrieg) und Raum (Amsterdam) erinnert das Thema ein wenig an Anne Franks Tagebuch, aber wirklich nur entfernt. Denn auch wenn es hier um ähnliche Dinge geht: Schuld, Verrat, Mut, Widerstand, ist die Geschichte doch eine andere. Die Protagonistin Hanneke ist nicht von Beginn an eine rein uneigennützige Heldin, sie ist verängstigt, auch ein wenig naiv und vor allem auch ein ganz, ganz kleines bisschen egoistisch. Das ist ihr eigener Schutzpanzer. Die Tatsache, dass Hanneke eine Entwicklung während des Buches durchmacht, hat mir sehr gefallen und wirft ein anderes, gleichwohl authentisches Licht auf diese sehr dunkle Zeit.

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward

Dieser Roman ist sprachlich eine Wucht. Selten habe ich so melodische, rhythmische und warme Sätze gelesen wie hier. Und dann reihen sie sich auch noch aneinander wie Glieder einer Kette. Einer ganz langen Kette. Die Sprache, die, obwohl sie so kraftvoll ihre Worte singt, steht fast schon im Kontrast zum Erzählten, das rau, voller Gewalt und Trauer steckt. Es ist ein Buch, eine Geschichte, die viel von den Leser*innen abverlangt, vielleicht auch Grenzen überschreitet, aber: es lohnt sich sehr, wenn man sich darauf einlassen kann und mag.

„Emil und die Detektive“ | Erich Kästner

Habe ich bereits gebeichtet, dass ich als Kind kein Kästner-Fangirl war? Ich kann auch gar keinen genauen Grund nennen, außer den, dass ich eben alles von Enid Blyton gelesen habe – und das in doppelter und dreifacher Ausführung. Heute mag ich da gerne ein paar Lücken schließen und, mal ehrlich, Kästner kann was, keine Frage. Es ist nicht das erste Buch, das ich von ihm lese, aber das erste Kinderbuch, das ich bewusst wahrnehme und es hat schlichtweg einfach unfassbar viel Spaß gemacht.

„Jack“ | Anthony McCarten

Manchmal frage ich mich, wie man eigentlich so gewitzt und intelligent sein kann wie Anthony McCarten. Da schreibt dieser Autor ein kluges Buch (ob Roman oder Drehbuch) nacheinander und jedes Mal hat man das Gefühl, als ob er selbst diese (berühmten) Menschen, von denen er da schreibt, kennt wie seine besten Freunde und so, als ob er hautnah dabei gewesen wäre. In diesem Roman geht es dabei um Jack Kerouac, der nicht unbedingt gut wegkommt, aber das soll er auch nicht. Die Figuren in diesem Roman sind mir durchweg unsympathisch gewesen, das hat es ein bisschen schwierig für mich gemacht, und trotzdem schafft es McCarten eine Geschichte zu verfassen, die lustig, überraschend und lesenswert ist (obwohl ich es zwischendurch ein wenig… nunja…langweilig fand). Achso – und man lernt auch noch was über die Beat Generation. Mach das mal einer nach.

„Im Westen nichts Neues“ | Erich Maria Remarque

Mich hat wohl noch nie ein Buch so überrascht wie dieses. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Roman so packen, so mitnehmen, so durchwirbeln würde. Es ist eines dieser Bücher, das man immer im Gedächtnis behalten wird. Es ist rau, es ist gewaltig, es ist real. Teilweise hat man das Gefühl, man würde mit in einem der zahlreichen Schützengräben des Ersten Weltkrieges liegen und das ist nicht schön, das soll es auch nicht sein, aber doch ist das wichtig, um Dinge in der Vergangenheit zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Dinge, die auch heute noch geschehen, an die wir aber in unserer geschützten Blase nicht denken wollen. Dinge, die immer wieder so oder so ähnlich passieren können und werden, denn: Geschichte wiederholt sich (leider). Remarque schreibt dabei in einer kraftvollen poetischen Sprache, die sich stellenweise liest wie ein Gedicht und in der so viel Wahrheit liegt

„Die Nacht von Lissabon“ | Erich Maria Remarque

Auch dieses Buch beeindruckt mich sprachlich wie inhaltlich, in dem es zeigt, was mit Menschen passiert, zu was sie fähig sind, wenn es zum Äußersten kommt. Wie Opfer und Täter verschwimmen und wie Remarque es schafft, dies in Worte zu packen und so ein intensives Leseerlebnis zu gestalten, das lehrreich in vielerlei Dingen ist. Er schreibt hier von Menschen, die auf der Flucht sind, die ihre eigene Identität mehrmals verlieren und doch immer den Mut und die Kraft aufbringen, sich zu wehren, sich aufzulehnen gegen ein Regime der Unterdrückung und Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg und dabei fällt ein Satz, den ich sehr bezeichnend finde: „’Es mag sein, dass unsere Zeit einmal die der Ironie genannt wird‘, sagte Schwarz. ‚Natürlich nicht die der geistvollen des achtzehnten Jahrhunderts, sondern die der unfreiwilligen und ebenfalls bösartigen oder dummen unseres plumpen Zeitalters des Fortschritts in der Technik und des Rückschritts in der Kultur. (…)“ Remarque zu lesen ist aufwühlend. Man liest seine Bücher nicht und schreitet anschließend locker flockig im Alltag voran. Nein, er reißt einen heraus, stellt unangenehme Fragen und gibt unbefriedigende Antworten. So ist das Leben.

„Kleiner Mann, was nun?“ | Hans Fallada

Ein Roman, der die Umstände und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik leicht verständlich und authentisch beschreibt. Es geht hierbei um die kleinen Leute. Die, die versuchen mit wenig Geld einigermaßen über die Runden zu kommen und doch immer wieder mit neuen, unüberwindbar scheinenden Problemen konfrontiert werden. Erträglich macht es allein, dass sie zusammenhalten. Lämmchen und Hannes, die beiden Hauptfiguren, sind mir dabei sehr, sehr ans Herz gewachsen. Beeindruckt hat mich die starke Frauenrolle, die Lämmchen zukommt und auch wenn der Roman stellenweise Längen aufweist, hat er mich sehr in seinen Bann gezogen. Der nächste Fallada liegt schon bereit!

… und dann gab es da noch „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling, das ich – zugegeben – nicht komplett gelesen habe, weil es mir schlichtweg einfach zu viel geworden ist. Darin stecken tolle Ideen und ich musste einige Male laut lachen, auch wenn es erschreckend an die Realität herankommt, aber mein Fall war es trotzdem nicht.

[Lesemonat] Januar 2018

Manchmal muss man scheinbar nur ein paar Mal blinzeln oder ein paar Seiten umblättern und schon ist wieder ein Monat vorbei. Ich wiederhole mich und andere, wenn ich schreibe: Ach, das geht immer schneller. Aber: Ach, das geht immer schneller!

Es folgt wie gewohnt ein kleiner Rückblick auf meine gelesenen Bücher (und wahrscheinlich habe ich, ebenfalls wie gewohnt, wieder das ein oder andere vergessen mit aufs Bild zu packen – sorry!).

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„Leere Herzen“ | Juli Zeh

Ich konnte mich mit der Geschichte nicht recht anfreunden, da mir die Mischung aus Roman und Politthriller keinen richtigen Zugang gewährte. Das ist aber letztlich eine Frage des Geschmacks. Juli Zeh schreibt gekonnt klar, nüchtern und mit einer gewissen Schärfe in der Wahrnehmung, die sich in ihren Worten widerspiegelt. Die Figuren scheinen nicht greifbar, was bei der Autorin oft vorkommt, man könnte es ein Motiv nennen, aber ich bin kein allzu großer Fan von Interpretationen dieser Art. Sagen wir einfach: das soll so. Für mich hat es in diesem Roman dazu geführt, dass ich ihn weniger mochte, aber auch das ist Geschmackssache. Reingelesen haben sollte man trotzdem, weil es ein wichtiges Thema behandelt: unsere mögliche politische wie gesellschaftliche Zukunft – und das ist erschreckend klarsichtig umgesetzt.

„Rattatatam, mein Herz“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

Die Autorin schreibt in diesem Buch unter ihrem eigenen Namen über ein sehr wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft leider immer noch tabuisiert wird. Sie erklärt, macht bewusst und schafft Verständnis auf ihre ganz eigene, humorvolle und sehr sympathische Art – und das so, dass sich nicht nur Betroffene verstanden fühlen, sondern auch nicht explizit Betroffene für dieses Thema sensibilisiert werden. Mutig und wichtig!

„Schön und verdammt“ | Pietro Citati

Ein Essay über das turbulente und tragische Leben der Fitzgeralds, der mir persönlich sehr gut gefallen hat. Generell finde ich Essays da immer schwierig, weil bei einigen Autor*innen die eigene Meinung überdeutlich mitschwingt. Hier ist das ganz dezent gemacht. Dadurch liest sich der Essay sehr angenehm und man denkt nicht pausenlos: so seh ich das aber gar nicht! Vielmehr macht Citati auf Abschnitte im Leben der Fitzgeralds aufmerksam, denen in der Regel weniger Beachtung geschenkt wird. Wer also ein Herz für die 1920er und 1930er Jahre hat und auch ein wenig über Zelda und F. Scott Fitzgerald erfahren möchte, der hat hier das richtige Buch gefunden.

„Der stumme Tod“ | Volker Kutscher

Nach „Der nasse Fisch“ ist „Der stumme Tod“ Band zwei der Gereon Rath Reihe um einen Kommissar, der nicht ganz den gängigen Regeln folgt (und das ist gut so!). Im zweiten Teil der Serie geht es um einen Mord in den Studios der Filmmetropole Berlin Anfang der 1930er Jahre. Die Filmbranche ist im Umbruch, der Stummfilm wird vom Tonfilm abgelöst, aber nicht jeder ist davon begeistert. Als eine Schauspielerin tot am Set aufgefunden wird, stellt sich die Frage: war es ein Unfall oder Mord in Folge von Sabotage? Rath gerät tief hinein in eine Welt, die nicht nur Glamour und Champagner zu bieten hat, sondern auch so ihre Schattenseiten. Ein weiterer Erzählstrang befasst sich ein Stück weit mit der politischen Welt des Berlins in den 1930er Jahren, in dem auch Adenauer auftritt. Wie ich finde: eine gelungene Mischung, die zudem spannend und äußerst lesbar ist! Wer sowas eher ungerne liest, dem empfehle ich die Verfilmung des ersten Teils als „Babylon Berlin“.

„Auf Messers Schneide“ | W. Somerset Maugham

Der Titel mag ein wenig irreführen, wenn man denkt, es erwarte einen nun ein Krimi oder gar ein Thriller. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Roman um einen hochphilosophischen im Sinne, dass hier die Protagonisten – allen voran Larry -, von denen der Ich-Erzähler (Maugham selbst) berichtet, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Und das in einer Zeit, in der alles scheinbar golden glänzt, in der der erste Weltkrieg gerade vorbei ist und man stattdessen lieber Charleston tanzt und die Champagnerkorken knallen lässt, während die nächste Krise schon auf die Schulter klopft. Das Besondere ist zum einen die Tatsache, dass diese Zeit ein ganz klein wenig auf die Schippe genommen, zumindest aber unter einem kritischen Aspekt beleuchtet wird und, dass Maugham selbst als Ich-Erzähler in Kraft tritt, als hätte er die Geschichte miterlebt. Er schreibt dabei sanft und elegant, was ich sehr gerne mag, auch wenn es stellenweise ein wenig langatmig wird und ich es nicht am Stück lesen konnte.

„Der Hahn ist tot“ | Ingrid Noll

Was für ein Buch! Ich habe eine etwas dröge Kriminalgeschichte erwartet, aber nicht so eine böse, spannende und ungemein lesbare! Rosemarie Hirt ist Anfang fünfzig und nach außen hin ein bisschen sowas wie eine Mischung aus grauer Maus und alter Jungfer, die im Leben scheinbar kein Glück hat. Sie ist fleißig, ordentlich, pünktlich, eine gute Freundin und eine engagierte Mitarbeiterin. Mit den Männern allerdings, da klappt es so gar nicht. Eines Tages verliebt sie sich Hals über Kopf in einen Mann, den sie gar nicht näher kennt, aber sie weiß,  wie er heißt und findet heraus, wo er wohnt. Sie beginnt ihn zu beobachten und bringt somit den ersten Stein ins Rollen, der zu einer Story führt, die schier unglaublich ist an Bösartigkeit und zynischem, ganz wunderbarem Humor! Ich hätte nie erwartet, dass mich das Buch so mitreißen würde, aber ich bin immer noch begeistert und empfehle das von nun an jedem weiter!

„Der Mann, der nicht mitspielt“ | Christof Weigold

Ein Kriminalroman während der 1920er Jahre in Hollywood. Da dieser Roman erst in ein paar Tagen erscheint, sage ich euch einfach nur: bitte vormerken!

„Dunkelgrün fast schwarz“ | Mareike Fallwickl

Hier gilt ebenfalls: bitte fest vormerken (für den 05. März)! Ein grandioses Buch!

[Lesemonat] Dezember 2017

Der Dezember hatte auch seine guten Seiten.

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Der Weihnachtosaurus | Tom Fletcher mit Illustrationen von Shane Devries

Dass ich gerne mal zu einem Kinderbuch greife, dürfte mittlerweile allen bekannt sein. Ich habe für mich festgestellt, dass in Büchern speziell für Kinder und Jugendliche sehr oft Wahrheiten und Weisheiten stecken, wie man sie in „Büchern für Erwachsene“ so nicht mehr findet. Pluspunkt: man betrachtet die Welt noch einmal mit Kinderaugen und das schadet nie. „Der Weihnachtosaurus“ ist ein liebevoll geschriebener, voll Sprachwitz steckender und mit ganz viel Freude am Detail illustrierter Roman für alle Altersklassen. Da wird einem selbst als Grinch warm ums Herz. Oh, heiliger Spekulatius ist das ein schönes Weihnachtsbuch!

TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ | Louise Cheadle & Nick Kilby

Darf’s ein bisschen Tee sein? Denn: Tee ist der neue Wein! Wer mehr über die Geschichte des Tees, Anbaugebiete, verschiedene Teesorten, Rezepte und allerhand weiteres Wissenswertes rund um dieses wohlig warme Getränk, das viel mehr kann als nur den Durst zu stillen, wissen möchte, der sollte hier auf jeden Fall einen Blick hineinwerfen. Ihr lernt hier auch, wie man den perfekten Matcha-Tee zubereitet (ob der dann wirklich perfekt ist weiß ich nicht, Matcha mag ich nämlich ehrlich gesagt nicht, aber ich glaube dem Buch einfach mal). Ein klein wenig schade ist es allerdings, dass in dem Buch kaum auf die Themen fair trade und faire Arbeitsbedingungen eingegangen wird.

In einer Person | John Irving

Ein Irving wirbelt ja immer ordentlich auf. So auch hier. Es geht um sexuelle Orientierung, Transgender und ganz viel sich selbst finden in einer Welt, die zwar sämtliche Möglichkeiten in der Theorie bietet, in der Praxis dann aber vorverurteilt. Irving bricht hier galant diese (gesellschaftlichen) oft immer noch Tabuthemen und öffnet damit so manch moralisch klemmende Schublade. Hier ein Zitat aus „In einer Person“: „Ich glaube wirklich (…), dass Fragen der sexuellen Orientierung Shakespeare viel weniger wichtig waren als offenbar uns heute“ und meint damit u.a., dass jede|r die Freiheit haben sollte, zu sein, zu bleiben oder zu werden, wer er oder sie sein möchte. Gut. Und vor allem: wichtig in einer Welt, die scheinbar täglich rückständiger und weniger tolerant zu werden scheint.

Rimini | Sonja Heiss

Dieser Roman ist ziemlich bissig, unfassbar komisch, etwas überzogen ( und das macht den Charme aus!) und betrifft uns irgendwie alle. Zu Beginn fand ich es noch etwas gewöhnungsbedürftig, weil man plötzlich in eine Welt geschmissen wird, die der Realität zwar entspricht, aber doch eben auch ein wenig too much ist. (Da merkt man das Filmische der Autorin, die auch Regisseurin ist – u.a. „Hedi Schneider steckt fest“.) Rimini ist unterhaltsam und mit einer Ehrlichkeit geschrieben, die einfach nur gut tut.

Mehr Schwarz als Lila | Lena Gorelik

Sprachlich bin ich von diesem Buch sehr angetan. Die Geschichte allerdings wirkt nicht ganz rund, irgendwie schon zig mal so in der Art gehört, gelesen, bietet sie wenig Neues, reißt nicht so mit, nervt sogar ein wenig. Gegen Ende kommt dann noch mal ordentlich Schwung rein, bevor es in einem fast schon plumpen Schluss gipfelt. Das hinterlässt eine Leere, die nicht angenehm wie bei Kurzgeschichten nachwirkt, sondern einfach nur ärgert. Ich mag das Buch aber trotzdem empfehlen, wenn man wie ich die deutsche Sprache gerne mag. Denn, was die Autorin hier ein ums andere Mal beweist: Deutsch ist eine wunderbare Sprache. Das Deutsche, das kann was.

DNA | Yrsa Sigurðardóttir

Das Buch habe ich für einen Euro im Regalladen gefunden und dachte: da machste nix mit verkehrt. Hab ich auch nicht. Spannend für die kalten Tage, aber nichts, was das eigene Leben grundlegend verändert. Das soll ein Thriller ja auch nicht, der soll einen bitte gut unterhalten und das kann dieses Buch. Zwischendurch zieht es sich auch mal, puh, ja, aber zum Glück ist es so gut und intelligent geschrieben, dass man weiterliest. Aber: nichts für schwache Nerven, denn es ist schon recht blutig.

Dann schlaf auch du | Leïla Slimani

Dieses Buch kommt so unscheinbar daher und dann haut es einem den Boden unter den Füßen weg. Eingebettet in eine relativ bekannte Story: berufstätiges, engagiertes und gesellschaftlich angesehenes Ehepaar stellt eine Nanny ein, die auf die zwei kleinen Kinder aufpasst, während die Eltern arbeiten, steckt ein literarischer Psychothriller, den man gar nicht mehr aus der Hand legen kann und mag. Neben der Geschichte ist es vor allem der Erzählstil, der die Spannung ausmacht. Was geschehen ist, weiß man als Leser|in von Anfang an, aber wie ist es dazu gekommen? Wie gut kennt man einen Menschen wirklich, selbst wenn man glaubt, diesen zu kennen? Und, wem kann man überhaupt trauen? „Dann schlaf auch du“ ist ein düsteres Buch, eines, das einen komplett gefangen nimmt und noch lange im Kopf bleibt.

Außerdem: diverse Weihnachtsbücher. (u.a. „Der kleine König Dezember“ – ich liebe ihn!)

[Lesemonat] November 2017

Man sollte ja meinen, ab November ginge es erst so richtig los mit dem zuhause bleiben und lesen. (Das Wetter bietet sich nun wirklich geradezu an.) Ja. Nö. Bei mir ist das irgendwie anders. Wenn ich offiziell eine Ausrede geschenkt bekomme, daheim bleiben zu dürfen, ohne schief angeschaut zu werden, kommt irgendwas dazwischen. Das mag auch mit der Weihnachtszeit zu tun haben – nun, wie dem auch sei, November und Dezember sind in der Regel die Monate, in denen ich für meine Verhältnisse  am wenigsten lese. (Schreibt es und denkt dann, so wenig war es gar nicht.) Schlimm finde ich das keineswegs (nicht, dass ihr das jetzt falsch versteht, das Leben ist eben das Leben), nur selbst ein wenig irrwitzig. Wie auch immer, was auch immer, es folgt der November in Büchern, nicht der Statistik wegen, sondern als kleine Zusammenfassung für euch.

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„Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ | Pablo Salvaje

Ein schöner Bildband mit handgedruckten Bildern des spanischen Künstlers Pablo Salvaje, welcher vor allem darauf abzielt, in die Natur und das Leben der Tiere hineinzuhorchen. Es geht nicht bloß darum zu betrachten, sondern zu fühlen. Zwar leider etwas schmal, dafür wunderschön gestaltet, mit kurzen, poetischen Texten und sicher für Groß und Klein geeignet.

„Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ – Newt Scamander | J.K. Rowling / illustriert von Olivia Lomenech Gill

Dieses Buch stellt sozusagen ein Buch im Buch oder besser in der Geschichte von Harry Potter sowie in Phantastische Tierwesen dar. Nämlich jenes, welches Newt Scamander, der berühmte Tierwesen-Forscher, geschrieben und gezeichnet hat (ja, klar, natürlich waren es J.K. Rowling & Olivia Lomenech Gill, aber psst.) und beinhält zig Zeichnungen, Illustrationen und Beschreibungen zahlreicher fantastischer Tierwesen. Es ist eine Schmuckausgabe, also sicher etwas für Fans (aber nicht nur). J.K. Rowling spendet ihre Honorare an diesem Buch an Comic Relief und Lumos, zwei Wohltätigkeitsorganisationen – nur so zur Info. :)

„Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen“ | Elena Favilli & Francesca Cavallo

Hier finden sich 100 (Gute-Nacht)-Geschichten außergewöhnlicher Frauen, die extra starken Mut, besondere Stärke und ganz viel Größe bewiesen haben. Ein Buch, das Mut machen soll. Ein Buch, das jungen Mädchen (nicht nur, aber besonders ihnen) zeigen soll, was sie alles erreichen können, was alles möglich ist – und das fernab der klischeebehangenen Ritter, König, Abenteurer-Geschichten, in denen Frauen meist „nur“ das hübsche Beiwerk darstellen. In diesem tollen Buch finden sich Geschichten von Frauen aus aller Welt, illustriert von Frauen aus aller Welt, die alle eins gemeinsam haben: sie sind toll und großartig und rebellisch! Von Ada Lovelace, einer Mathematikerin aus dem 19. Jahrhundert, über Frida Kahlo, einer inspirierenden Künstlerin, bis hin zu Zaha Hadid, einer berühmten Architektin – hier finden sich so viele außergewöhnliche Frauen, dass man als Kind und Erwachsene|r nachhaltig beeindruckt bleibt. Wichtig finde ich jedoch, dass dieses Buch nicht nur für Mädchen ist, auch wenn der Titel ausschließlich jene erwähnt.

„Little Fires Everywhere“ | Celeste Ng

Dieser Roman überzeugt von der ersten Seite an. Er ist spannend, abwechslungsreich und sprachlich toll geschrieben, doch nicht nur das, die Autorin legt sehr viel wert darauf, ihre Leser an der Entwicklung ihrer Charaktere teilhaben zu lassen. So machen wir langsam gemeinsam mit den Figuren eine Art Gedankenzeitreise, welche aufgrund der Handlung in Gang gesetzt wird. Das klingt ein wenig kryptisch, aber ich möchte nicht zu viel verraten. Lest einfach das Buch, es lohnt sich!

„Der Bruder des Wolfs“ | Robin Hobb

Der Fortsetzungsroman der Chroniken der Weitseher. Hobb schafft es auch dieses Mal wieder, mich total in ihren Bann zu ziehen. Ich lese nicht mehr so viel Fantasy, mal abgesehen von Harry Potter (was für mich aber eher eine völlig eigenständige Kategorie ist), weil es mich meistens nicht mehr so kriegt. Soll heißen, vieles wiederholt sich oder ist mir zu übertrieben. Hierbei handelt es sich aber um richtig schöne, klassische Fantasyliteratur, bei der es einfach großen Spaß macht, sie zu lesen. Einiges kommt einem vielleicht mittlerweile recht bekannt vor, besonders das Thema Intrigen, aber trotzdem baut sich hier eine großartige Spannung auf und man kann beinahe nicht aufhören zu lesen. Das liegt vor allem auch daran, dass die Autorin großen Wert darauflegt, ihre Figuren nicht zu blass wirken zu lassen und nutzt hierzu die Ich-Perspektive für die Hauptfigur – so fühlt man sich der Geschichte noch verbundener.

„Das Alphabet meiner Familie“ – Nina Sahm

„Von der Zwiebel, die nach Apfel schmeckt“. Die Autorin verknüpft eine Geschichte in der Geschichte mit der Suche nach der eigenen Identität bzw. Familie und schreibt dabei ganz wunderbar klug, humorvoll und sanft von Themen, die uns alle bewegen. Und ganz nebenbei wird man auch noch sowas wie ein Zwiebel-Fan. (Naja. Fast.) Große Empfehlung!

PS: Ich habe die liebe Nina auf Instagram kennengelernt und sie schreibt genauso schön poetisch und durchdacht, wie sie dort ihre Fotos in liebevollen Bildkompositionen anordnet!

„Under the Harrow“ | Flynn Berry

Dieses Buch hat den Edgar-Award gewonnen und da dachte ich mir, damit machst du bestimmt nichts falsch. Macht man auch nicht, aber man verpasst auch nichts, wenn man es nicht liest. Ich hatte große Überraschungen erwartet, eine etwas andere Mystery-Thriller-Story als herkömmlich, aber hmm, richtig überzeugen konnte es mich leider nicht. Wer Plot-Twists mag und Lust auf leicht düstere Lektüre hat, der wird hiermit dennoch ein paar unterhaltsame Stunden verbringen können.

„Jenseits von Afrika“ | Tania Blixen

Ein Klassiker, der noch eher durch die Verfilmung als durch die Romanvorlage bekannt ist. Ich mochte das Buch in Teilen recht gerne, vor allem durch die unfassbar guten Naturbeschreibungen, jedoch bin ich mir etwas unschlüssig, was ich von den halb biografischen Elementen halten soll. Es scheint ein wenig, als habe die Autorin sich im Nachhinein besser dastehen lassen wollen, wogegen eigentlich nichts einzuwenden ist, aber dadurch wirkt der ganze Roman irgendwie unauthentisch – und das ist schade. Wenn man dies außer Acht lässt, ist es jedoch ein sprachlich äußerst gelungenes Stück (Welt)literatur.

[Lesemonat] Oktober 2017

Oh, hallo. Der Oktober in Büchern. Ich muss ja gestehen, dass ich am Ende jeden Monats doch ein wenig erstaunt bin, wie hoch der Stapel wird und – zugegeben – ein ganz klein wenig beschämt bin ich manchmal auch. Sieht ja fast so aus, als hätte ich sonst kein Leben. Aber hey, Bücher sind so wunderbar und helfen in allen Lebenslagen, wozu also rechtfertigen?

Es folgt nun, wie gewohnt, ein kleiner Rückblick auf die gelesenen Bücher.

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„Harry Potter (3) and the Prisoner of Azkaban. Illustrated Edition“ – J.K. Rowling

Fangen wir mit dem obligatorischen Herbst-Wohlfühlbuch an: Harry Potter. Sobald der Wind durch die Bäume rauscht, die Blätter fallen und die Herbstsonne alles in ein goldenes Licht taucht, ruft diese Reihe einfach danach, gelesen zu werden. Die Illustrated Edition bietet sich ideal dazu an, die Bücher noch mal (und noch mal und noch mal) zu lesen sowie neue Dinge zu entdecken. Von der dritten Schmuckausgabe bin ich sehr begeistert: liebevoll gestaltet und für Fans der zauberhaften Welt eine tolle Geschenkidee (auch an sich selbst.)

„Turtles All The Way Down“ – John Green

Ach, da ist er wieder. Der Meister der YA-Novels! Hätte mich @mscaulfield nicht daran erinnert, ich hätte es glatt nicht auf dem Schirm gehabt, so war ich aber zu neugierig, um dieser Neuerscheinung aus dem Weg zu gehen. In John Greens neuestem Roman wird das Thema ‚Mental Illness‘ auf typisch Greensche Weise verarbeitet, das ist gut, aber lässt doch deutlich Raum nach oben. Ich habe gut 100 Seiten gebraucht, um überhaupt gepackt zu werden und stehe am Ende mit einem unentschlossenen Gefühl da. Es ist gut, ja, aber noch mal lesen würde ich es nicht. Dazu werden zu viele Aspekte einfach zu oberflächlich behandelt. Aber, mal ehrlich, das war in den Vorgängern eigentlich nicht viel anders. Es ist also ein Buch, das ein unangenehmes Thema anspricht, dieses dabei aber nur am Rande streift und nicht allzu sehr in die Tiefe geht. Davon gibt es – leider – schon zu viele auf dem Markt. Lesenswert, aber nicht preisverdächtig.

„Sag nicht, wir hätten gar nichts“ – Madeleine Thien

Dieses Buch stand u.a. auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016 und hat mich nicht nur deswegen durchaus sehr angesprochen. Thien behandelt in diesem Roman ein Thema, das mich sehr interessiert, von dem ich aber bisher eher wenig Ahnung gehabt habe: Die Geschichte Chinas. Es ist ein Generationenroman, der einen durch mehrere Zeiten und Ebenen hinweg an einen Ort entführt, der gleichwohl fremd und vertraut wirkt. Ich hatte zunächst Schwierigkeiten in die Geschichte einzutauchen, da ich mich mit den historischen Ereignissen Chinas kaum auskenne und ich mich durch die vielen verschiedenen Personen (die zum Teil auch noch Spitznamen tragen) etwas verwirrt gefühlt habe. Die Sprache aber trägt einen bis an den Punkt, an dem es -Klick- macht! Als besonders schön empfand ich die Art und Weise wie Thien hier zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Leben und Lebensweisen miteinander verbindet.

„Der Sympathisant“ – Viet Thanh Nguyen

Dieser Spionagethriller wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet – und den hat er nun wirklich verdient! Die Kennzeichnung „Thriller“ sollte einen dabei nicht abschrecken, denn das Buch ist vielmehr als „nur“ das. Der Roman thematisiert den Vietnamkrieg, aber nicht aus der relativ geläufigen amerikanischen Sichtweise, sondern aus der gegensätzlichen. Dabei bleibt es jedoch nicht. Der Autor setzt einen namenlosen kommunistischen Spion als Protagonisten ein, der innerlich zerrissen ist und in einer Art Zwickmühle steckt. Denn als Spion soll er einerseits als solcher aktiv sein, aber auch in seiner eingeschleusten Rolle als Adjutant eines hochrangigen Generals in den USA solche ausfindig machen. Auf welcher Seite steht er nun? Gibt es überhaupt eine Seite? Und wer ist er selbst? Einerseits die Verlockungen der amerikanischen Konsumgesellschaft im Blick, andererseits die innere Zerrissenheit vor Augen. Spannend, bildhaft geschrieben und dabei doch verständlich politisch.

„Kafka und Felice“ – Unda Hörner

Kafka fand ich schon immer sehr faszinierend. Nicht nur als Autor, sondern vor allem auch als der Mensch, der sich hinter diesen Texten verbirgt, für die es sogar einen eigenen Namen gibt, weil uns sonst die Worte zum Beschreiben fehlen würden: kafkaesk. Unda Hörners Roman, der um tatsächliche Briefe des zweimal verlobten und dann wieder entlobten Paares herum konstruiert ist, beschreibt Kafka aus der Sicht von Felice. Einer wahrhaft lebenslustigen, mutigen und starken Persönlichkeit (und aus heutiger Sicht unfassbar modern). Dagegen kann Kafka – zumindest in diesem Roman – einpacken. (Kein Witz.) Denn Kafka war wohl eher das genaue Gegenteil: ein asketisch lebender Schwarzmaler mit Hang zum Schwermut. (Wobei das wohl auch wieder das Faszinierende ist.) Was diesen Roman so toll macht, ist zum einen die Perspektive, die man als Leser einnimmt. Also Kafka aus der Sicht von Felice zu lesen, einer Frau, die seine Werke sicher auch ein wenig mitgeprägt hat – und Kafka aus zeitgeschichtlicher Perspektive zu lesen, eingebettet in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hinein in die 1920er Jahre. Man spürt den Umbruch, man spürt Kafkas Angst vor einem bürgerlichen Leben, das ihn am Schreiben hindern könnte – und man spürt seine innere Zerrissenheit, auch Felice gegenüber. Kafka und Felice – eine Liebe?

„Das Wunder der wilden Insel“ – Peter Brown

Das Robotermädchen Roz wacht auf einer wundersamen Insel auf und muss sich dort erst einmal zurechtfinden, inmitten all der Tiere und Natürlichkeit. Aus Sicht der tierischen Inselbewohner ist Roz eine Art Monster, daher muss sie sich beweisen und so manches Abenteuer ausstehen. Eine zauberhafte Geschichte um Freundschaft und Anderssein, die auch noch ganz, ganz liebevoll illustriert ist. Die Sprache ist Kindern angemessen und super als Vorlesebuch geeignet. Ich hatte viel Freude damit!

„Schwimmen“ – Sina Pousset

Diesen Roman konnte ich einfach nicht mehr aus der Hand legen. „Schwimmen“ ist dieses eine spezielle Buch, das einen nachts wachhält und wie gebannt Seite um Seite umblättern lässt, in der Hoffnung, es möge nie ausgelesen sein (auch wenn man gleichzeitig alles erfahren möchte.)  Es ist ein durch und durch bewegendes, feinfühliges Buch über Liebe, Freundschaft, Sehnsucht, Verlust und diesem Ding, das man Erwachsenwerden nennt, der tief in die Gefühlswelt seiner Protagonisten hereinreicht. Die Autorin deutet vieles nur an, ertränkt den Plot nicht in zu ausschweifenden Erzählungen und das macht die Geschichte zugleich dynamisch sowie spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, obwohl man sich eigentlich wünscht, man dürfe ewig in dieser schönen Sprache verweilen, die zugleich poetisch wie auch klug und einfach nur wunderschön ist.

„Die Falle“ – Melanie Raabe

Ein Thriller, der relativ unblutig, dafür aber durchaus spannend bis zum Schluss bleibt. Genau das richtige, um sich mal ein, zwei Abende Zerstreuung zu gönnen. In Teilen hat er mich an die Cliffhanger und Plottwists eines Sebastian Fitzek erinnert – aber cleverer und sprachlich sehr viel schöner gestaltet. Die ersten einhundert Seiten hatte ich noch so meine Bedenken, aber dann konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen. Alles in allem sehr gelungen und als spannende Herbstlektüre äußerst empfehlenswert!

„Der nasse Fisch“ – Volker Kutscher

Die Romanvorlage zu der kürzlich auf Sky veröffentlichten Serie „Babylon Berlin“. Ein Buch, das einen beinahe vergessen lässt, dass es sich um einen Kriminalroman handelt, sondern einem vielmehr das Gefühl der 1920er Jahre vermittelt. Sehr schön! Etwas bemängeln muss ich die teils doch sehr männliche Perspektive und Schreibweise (vor allem im Bezug auf Frauengeschichten), aber damit kann ich leben. Nicht alles überschneidet sich eins zu eins mit der TV-Serie, was durchaus gut ist, denn so kann man getrennt voneinander beides genießen und entdeckt sogar noch neue Seiten an den Figuren und der Geschichte. Einiges ist im Roman ausführlicher, anderes ist wiederum der TV-Serie zugedichtet worden. Mich stört es nicht, im Gegenteil, ich finde: das passt! 20er Jahre Fans werden begeistert sein!

„Sophia, der Tod und ich“ – Thees Uhlmann

Ich bin da so lange drumherum geschlichen und als es nun im Taschenbuchformat erschienen ist, nun ja, da konnte ich nicht nein sagen: zum Glück! So ein schönes Buch. (Schwarzer) Humor trifft auf Tiefsinnigkeit gepaart mit ein wenig Skurrilität. Einzig ein paar Längen in der Mitte könnte man bemängeln, aber, ach, das muss man nicht.

„Ehemänner“ – Jami Attenberg

In Attenbergs drittem Roman geht es weder um eine neurotische jüdische Familie, noch um das New York der 1920er Jahre, dafür aber um das neuzeitige New York inklusive hipper Williamsburger Freigeister. Jarvis Miller muss sich nach dem Unfall ihres Mannes (einem Künstler) neu finden. Ein schwieriger Prozess, vor allem, nachdem sie so einiges aus seiner und ihrer gemeinsamen Vergangenheit aufdeckt. Klug und voller Wortwitz entfaltet sich hier eine Identitätssuche der etwas anderen Art. Zu Beginn des Romans weiß man noch nicht ganz, wo dieser hinführen soll. Die Charaktere werden vorgestellt, die Sachlage erklärt und so langsam entwickelt sich eine Geschichte über eine große Liebe, die, wie alle großen Lieben, nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist. Gegen Ende bin ich ein ganz klein wenig skeptisch der Geschichte gegenüber geworden (zu übertrieben), aber doch bin ich von Attenbergs Schreibstil und Empathiefähigkeit begeistert.

Außerdem habe ich mittels „NaturLiebe“ von Rebecca Wallenta einen Wandbehang gebastelt und dank „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“ von Maja Säfström so einiges (auch Lustiges) über Tiere erfahren. Zauberhaft vor allem aufgrund der tollen Illustrationen.

Puh, falls ihr es bis hierher geschafft habt: seid ihr jetzt genauso platt wie ich?

[Lesemonat] September 2017

Ach. Schon wieder ein Monat rum. Dabei hat man das Gefühl, es sei nichts und doch so viel passiert. Gerade politisch und gesellschaftlich fühlt es sich ein wenig so an, als sei es plötzlich (oder vielleicht auch nicht so plötzlich) eine ganz andere Welt da draußen. Doch – wie so oft – zum Glück gibt es Bücher. Daher folgt ein Überblick meiner gelesenen Bücher im September. Mit Sicherheit habe ich wieder etwas vergessen, manches habe ich auch schon vorher angefangen zu lesen. Der Lesemonat soll generell nur einen inhaltlichen Überblick geben, aber nicht demonstrieren, wie viel ich gelesen habe. Ich weiß, dass es viel ist, aber ich bin da wirklich kein Maßstab!

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„Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Der Monat fing ganz klassisch an. Denn, ich muss es gestehen, bis zu diesem Buch hatte ich noch nie einen Roman von Jane Austen beendet. Ja. Wirklich. Und ich weiß noch nicht einmal so genau, wieso eigentlich. Diese Neuübersetzung des Klassikers einer der heute beliebtesten Schriftstellerinnen aller Zeiten überzeugt, wenn mir auch leider ein wenig der altmodische Originalton gefehlt hat. „Vernunft & Gefühl“ ist Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht und hat alles, was ein Liebesroman im klassischen Sinne benötigt, ohne dabei zu kitschig oder zu romantisch zu sein. Im Fokus steht vor allem die Rolle der Frau und das Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts. Ich gelobe Besserung und hoffe demnächst „Stolz und Vorurteil“ zu beenden!

„Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

So leid es mir tut, aber dieses Buch gehört zu meinen persönlichen Flops des Monats. Inhaltlich kommt es leider nicht an die Vorgänger heran, wobei es keineswegs schlecht ist. Vor allem Walter Moers Einfallsreichtum, seine unfassbar klugen Spielereien mit der Sprache und Lydia Rodes Illustrationskunst sind positiv hervorzuheben. Dennoch. Es hat etwas gefehlt und dieses Etwas kann ich nicht mal genau benennen. Die Prinzessin und der alptraumfarbene Nachtmahr garantieren einen netten Ausflug nach Zamonien und in die Gehirnwindungen der schlaflosesten Prinzessin aller schlaflosen Prinzessinnen hinein. Mehr aber (meiner Meinung nach) leider nicht.

„Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

Dieser Roman steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises und konnte mich vor allem durch seine Sprachbrillanz und den bitteren, leicht süffisanten Humor begeistern. Inhaltlich flacht das Buch leider gegen Ende hin stark ab, bis dahin bleibt es aber spannend und vor allem sehr lesbar. Selten haben mich seitenweise beschreibende Erzählungen so gut unterhalten wie hier! Ich denke aber, dass es für den Buchpreis letztlich nicht ganz ausreicht. Doch ich lasse mich gerne überraschen und bin gespannt!

„Die Gabe der Könige. Die Chronik der Weitseher 1.“ | Robin Hobb

Oh, endlich wieder gute Fantasy, die mich vollends überzeugt! „Die Gabe der Könige“ ist zwar eine Neuauflage des 1999 erstmalig auf Deutsch erschienenem Roman – damals noch unter dem Titel „Der Weitseher“ -, aber deshalb nicht weniger lesbar. Im Gegenteil. Es ist eine Geschichte, die sowohl historische als auch magische Elemente aufweist, deren Schwerpunkt auf der Entwicklung der einzelnen Charaktere liegt und erinnert somit an George R.R. Martins Erfolgsreihe „Das Lied von Eis und Feuer“. Ich habe „Die Gabe der Könige“ sehr gerne gelesen und freue mich ganz arg auf den zweiten Band in neuer Auflage Mitte Oktober, damit ich endlich weiß, wie es weitergeht. Es ist nämlich so eine Geschichte, in die man (perfekt zum Herbst) so richtig eintauchen kann!

„Die Seefahrerin“ | Catherine Poulain

Ein Abenteuerroman mit einer weiblichen Protagonistin: einer Seefahrerin. Ich habe dieses Buch gerne gelesen, das – atmosphärisch kühl und rau – sehr authentisch wirkt. Die Autorin selbst hat mehrere Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht und weiß daher genau, wovon und worüber sie schreibt. Das merkt man! Die Protagonistin selbst wirkt manchmal etwas naiv, was aber einfach in ihrem Naturell der etwas wortkargen, zupackenden Person gehört und lässt die Geschichte dadurch noch realer wirken. Der Roman greift mit dem Thema „starke Frau“ zwar etwas gerade durchaus Populäres auf, relativiert dies aber mit der Kombination „Seefahrerin“ zu einer Erzählung, die durchaus noch rar ist. Sein Potential hat das Buch vielleicht nicht ganz ausgeschöpft, aber man kann es durchaus verzeihen.

„Otto Dix. The Evil Eye. Der böse Blick.“ | Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Hrsg.)

Ein Kunstband, der eine Teilbiografie des Künstlers in Verbindung mit Zeitgeschichte und seinen Werken birgt. Da ich ein großer Bewunderer Otto Dix bin, mag ich es sehr. Seine Bilder sind ausdrucksstarke Impressionen einer krisengeschüttelten, aber gleichzeitig lebenslustigen und atemberaubenden Zeit, die mich sehr fasziniert. Dix wird dem Realismus und „Der neuen Sachlichkeit“ zugeordnet und eckt damals wie heute mit seiner Kunst an. Das ist gut. Kunst muss polarisieren, unterschiedliche Meinungen hervorrufen und Diskussionen bereichern. Das schafft Dix. Damals. Wie heute.

„Saint Mazie“ | Jami Attenberg

Attenberg greift die wahre Geschichte der Mazie Phillips aus dem New York der 1920er Jahre auf und konstruiert daraus einen Roman, der auf fiktiven Tagebucheinträgen Mazies und Zeitzeugenberichten basiert. Das hätte leicht danebengehen können – ist es aber nicht! Mir ist die Heldin Mazie Phillips, die die Armen und Hilfsbedürftigen unterstützt, wo sie nur kann, sehr ans Herz gewachsen. Auch Attenbergs Schreibstil begeistert durch klugen Wortwitz gepaart mit Humor und Einfallsreichtum! Bitte mehr!

„Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ | Hannah Tinti

Oh, wie hat mich dieses Buch überrascht! Dieses mit knapp 600 Seiten doch recht dicke Buch habe ich innerhalb kürzester Zeit praktisch inhaliert. Es ist eine Mischung aus Abenteuer- und Entwicklungsroman und hat genau das, was ein Roman benötigt, um einen immer weiterlesen zu lassen. Atmosphärisch etwas düster, unterhaltsam und spannend erzählt. Aber ich mag gar nicht zu viel verraten, lest es am besten gleich selbst!

„Westlich des Sunset“ | Stewart O’Nan

Ein biografischer Roman über die Fitzgeralds in den 1930er Jahren. Er setzt also nach der „wilden Zeit“ der beiden ein. Zelda befindet sich in einer Nervenheilanstalt, während Scott versucht, beruflich Fuß zu fassen. Beide haben sich voneinander entfernt. Trotzdem (auch trotz Scotts neuer Liebe zu Sheila Graham) ist da immer noch eine Anziehungskraft und mehr noch, ein Verantwortungsgefühl Scotts gegenüber Zelda – und das von einem, der sein Leben aufgrund zahlreicher Alkoholeskapaden selbst alles andere als im Griff hat. Aber er versucht es. Auch für ihre gemeinsame Tochter. Wir tauchen nicht nur tief in die Fitzgeraldsche Geschichte nach den 1920ern ein (die in Rückblenden immer mal wieder angedeutet wird), sondern auch ins Hollywood der 1930er Jahre, treffen bekannte Persönlichkeiten und werfen einen Blick hinter die Kulissen. Sind mit dabei, wie Scott immer tiefer fällt, aber auch aufsteht und beginnt, an seinem letzten Roman (‚The Last Tycoon‘) zu arbeiten. Das alles ist wunderbar elegant und schön geschrieben, kein bisschen plump oder kitschig. Einzig ein wenig schwer im Magen liegt mir die Tatsache, dass Zelda viel zu kurz kommt. Es wird nur aus Scotts Perspektive berichtet, das zwar wohlwollend, dabei bleibt aber doch fast völlig unerwähnt, wie viel Einfluss sie literarisch auf ihn gehabt haben soll und welche Gründe dazu geführt haben, dass sie letztlich eingewiesen werden musste (er war da sicher kein Unschuldslamm) – und Zelda nicht bloß das „verrückte Flapper Girl“ gewesen ist. Letztlich haben sich wohl beide gegenseitig zerstört und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

„Die Farbe von Milch“ | Nell Leyshon

Ein wunderbares Buch, das vor allem durch seine ungewöhnliche Grammatik und „einfache“, aber umso eindringlichere Sprache besticht. Mir hat es sehr gefallen, insbesondere die Atmosphäre, die sehr an „Das Seelenhaus“ von Hannah Kent erinnert! (Ich habe mich allerdings immer ein wenig dabei ertappt, wie ich gedanklich Kommas setzen wollte, die im Text fast komplett weggelassen werden – da muss man sich ein wenig dran gewöhnen!)

„Wie man es vermasselt“ | George Watsky

Eine Sammlung autobiografischer Stories, die sich allesamt ums Vermasseln drehen. Wer kennt das nicht? Das Leben ist nun mal alles andere als perfekt! Watsky berichtet humorvoll, klug und dabei sehr unterhaltsam von seinen eigenen „Vermasslungs-Geschichten“ und wirkt dabei vor allem unfassbar sympathisch!

„Der Baum auf dem Dach“ | Viktorija Tokarjewa

Dieses schmale Büchlein habe ich ihm Rahmen der „russian reading challenge“ gelesen. Die ersten knapp dreißig Seiten lasen sich ganz hervorragend und erinnerten entfernt an eine russische Version des kunstseidenen Mädchens von Irmgard Keun. Danach allerdings beschäftigt sich der Roman primär mit einer Dreiecksbeziehung und verliert somit für mich etwas an Substanz. Schade!

 

[Lesemonat] August 2017

Der August 2017 in Büchern. Wie immer gilt, ein Lesemonat soll bloß eine Art Zusammenfassung des Gelesenen sein und damit weder mich selbst, noch jemand anderen unter Druck setzen. Zusätzlich habe ich einige Bücher angefangen und wieder beiseitegelegt – sie passten in dem Moment einfach nicht, vielleicht kommt ihre Zeit später (oder nie) – von denen soll jetzt aber nicht die Rede sein.

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Alles in allem war es ein recht kunsthistorisch „belasteter“ Monat, was ich sogar sehr gut finde, gemischt mit aktuellen Titeln und einem Klassiker.

„From Hopper to Rothko. America‘s Road to Modern Art.“ | Dr. Ortrud Westheider (Hrsg.), Michael Philipp (Hrsg.)

Ein Begleitbuch zur Ausstellung im Museum Barberini Potsdam (noch bis zum 03. Oktober 2017). Hier geht es vorrangig um Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA, die in Europa erstaunlicherweise noch relativ unbekannt ist. Die bekanntesten Künstler sind betitelt (Hopper und Rothko), aber es gibt noch so viel mehr zu entdecken!

„Tamara de Lempicka“ | Gilles Néret

Ich liebe ihre ausdrucksstarken Bilder, die den Kubismus alltags- und gesellschaftstauglich machen (schon die aktuellen Atwood-Cover bewundert?). Ihr Leben ist aber auch äußerst interessant zu verfolgen!

„Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe.“ | Vanna Vinci

Wahnsinn. Nie hätte ich gedacht, dass man Frida Kahlos Leben und vor allem ihre eindrucksvolle Kunst in einen Comic packen könnte. Man lernt viel über Frida und ihre Denkweise, aber auch über ihre Kunstwerke. Sprachlich ist es natürlich nicht gerade ruhmreich, aber was will man auch in so kleine Sprechblasen quetschen? Sehr empfehlenswert!

„Das Original“ | John Grisham

Dieses Buch hat mich durchaus positiv überrascht. Grisham ist ein wunderbarer Erzähler und da mich Krimis in letzter Zeit doch recht schnell gelangweilt haben und hier das Gegenteil der Fall war, kann ich „Das Original“ nur empfehlen. Vor allem auch, weil es hier sehr viel um Literatur und den Literaturbetrieb an sich geht. Wahrscheinlich ist es das, was diesen Roman so besonders für mich macht.

„Sieh mich an“ | Mareike Krügel

Dieser Roman befasst sich mit einem sehr ernsten Thema, aber humorvoll verpackt. Ich habe äußerst viel gelacht – und wären die letzten 50 Seiten für meinen Geschmack nicht zu überzogen gewesen, könnte ich es komplett uneingeschränkt empfehlen.

„Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Leider ist dieser Roman mein persönlicher Flop des Monats. Er konnte mich weder inhaltlich noch sprachlich vollends überzeugen. Für Bauhaus-Interessierte ist das Buch aber dennoch einen Blick wert.

„Geständnisse“ | Kanae Minato

Ein Thriller, der mich wunderbar hat ablenken können. Er entwickelt nach dem etwas langsamen Beginn eine Art Sogwirkung, der ich mich nicht entziehen konnte. Nicht alles macht Sinn, aber doch bleibt der Roman bis zum Schluss fesselnd.

„The Underground Railroad“ | Colson Whitehead

Sollte man, wenn möglich, auf Englisch lesen (sonst geht so viel von der wunderbaren Sprache verloren). Der Roman überzeugt, aber doch fehlte mir etwas, was ich leider nicht benennen kann.

„Fast eine Liebe“ | Alexandra Lavizzari

Eine wunderbar einfühlsam geschriebene Doppelbiografie über Carson McCullers & Annemarie Schwarzenbach. (Der Verlag ebersbach & simon ist übrigens auch sehr empfehlenswert!)

„1984“ | George Orwell

Der Klassiker des Monats. Ich bin doch sehr froh, endlich eine Bildungslücke schließen zu können. An manchen Stellen recht zäh, aber – du meine Güte – wie aktuell! (Wenn man bedenkt, wann der Roman zuerst erschienen ist!)

„Gottes Werk und Teufels Beitrag“ | John Irving

Mein Highlight im August. Dieses Buch kann ich wirklich jedem nur ans Herz legen. Es nimmt dich mit auf eine Reise durch moralische und ethische Grenzgänge, reißt dich aus deiner Komfortzone heraus und bleibt dabei doch immer verdammt herzlich!

[Lesemonat] Juli 2017

Der Juli in Büchern war durchwachsen, aber dennoch ganz gut. Lesetechnisch gefehlt hat mir ein weiteres Sachbuch bzw. eine richtige (Auto-)biografie. Eigentlich stand Marie Curie „auf dem Plan“ (der bei mir gar nicht existent ist, aber ich hatte Lust, mehr über sie zu erfahren), bin aber leider in der hiesigen Bibliothek nicht fündig geworden – so muss das noch ein wenig warten.

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„Lily und der Oktopus“ | Steven Rowley

Ein Roman über eine große Liebe: von Mensch zu Hund; und umgekehrt. Was passiert mit einem, wenn der treueste Begleiter plötzlich krank wird, weil er einen Oktopus auf dem Kopf sitzen hat? Stellenweise tragisch-schön, manchmal aber auch ein wenig zu viel des Guten (z.B., wenn Lily in Hundesprache spricht). Ich mochte es aber dennoch gerne. Kurz: „Lily und der Oktopus“ ist ein herzerwärmendes, aber auch trauriges Buch, das vor allem durch die Skurrilität und den Fantasiereichtum des Autors lebt. Es ist ein fluffiges und zugleich nicht fluffiges Buch. Für Fans von „Das Rosie-Projekt“ und schweren Themen, die schön und leicht locker verpackt sind, eine klare Empfehlung!

„Magonia“ | Maria D. Headley

Ein Jugendbuch, das besonders sein soll. Magisch wunderbar, zum der Realität entschwinden. Leider konnte mich „Magonia“ nicht ganz überzeugen, da ich weder mit der Protagonistin, noch mit der Geschichte warmgeworden bin. Vielleicht falle ich auch einfach nur nicht in die Zielgruppe, aber ich hatte mich auf eine magische Geschichte gefreut, die mich letzten Endes überhaupt nicht fesseln konnte. Dafür haben mir die Sprachspielereien der Autorin sehr gefallen. Bitte mehr davon und weniger patzige Protagonistin beim nächsten Mal!

„Giacinta“ | Luigi Capuana

Ein Klassiker wird neu entdeckt. „Giacinta“ besticht durch seine herrliche Sprache, die elegant kühl und gleichzeitig wohlig wärmend ist sowie durch seine Protagonistin Giacinta Marulli. Eine eigenwillige, zielstrebige, moderne Frau, die sich durch nichts so leicht unterkriegen lässt – so scheint es. In ihrem Inneren brodelt es. „Giacinta“ ist ein Roman, der es inhaltlich wie sprachlich sehr gut mit den geläufigen Klassikern zum Thema „dramatisches Frauenschicksal“ (klingt blöd, aber in meiner Rezension könnt ihr nachlesen, was ich meine) aufnehmen kann: „Anna Karenina“, „Madame Bovary“, „Effi Briest“. Sehr lesenswert!

„The Hate U Give“ | Angie Thomas

DAS Buch der Stunde. Angie Thomas trifft mit „THUG“ mitten ins Herz der Leser|innen und des politischen wie gesellschaftlichen Geschehens. „The Hate U Give“ ist sicherlich auf mehreren Ebenen ein wichtiges Buch. Nicht nur, weil es Rassismus und Polizeigewalt thematisiert, sondern auch, weil es sehr lebensecht und (nicht nur) für Jugendliche nachvollziehbar geschrieben ist. Ein paar Stellen empfand ich als „zu glatt“ und auch manchmal als etwas zu „kindlich“ bzw. „jugendlich“, aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Ich halte dieses Buch für sehr, sehr lesenswert, wenn ihr mögt, dann am besten sogar im Original.

„Exit West“ | Mohsin Hamid

Dieser Roman erscheint erst im August (genauer: am 22.08.2017), daher kann ich noch nicht allzu viele Worte darüber verlieren. Es ist ein gutes, ein wichtiges, ein politisches Buch, das zum Nachdenken anregt. Mich konnte es – mit Abstrichen – überzeugen.

„Too Much and Not the Mood“ | Durga Chew-Bose

Essays, mitten aus dem Leben gegriffen – fürs Herz, die ans Herz gehen. Mehr brauche ich eigentlich nicht dazu zu schreiben. Ihr werdet euch beim Lesen auf jeden Fall das ein oder andere Mal wiederfinden und vielleicht sogar manche Dinge mit anderen Augen sehen. Absolut empfehlenswert!

„Livealbum“ – Benjamin v. Stuckrad-Barre

Der (wenn ich mich jetzt nicht täusche) zweite Roman von Stuckrad-Barre. Hier begleiten wir ihn auf Lesereise. Gewohnt schlagfertig werden hier das Umfeld und so auch die Gesellschaft (aber auch Stuckrad-Barre selbst) gekonnt analysiert und aufs Korn genommen, sprachlich eine Wohltat. Ich mags. Sehr!