[Lesemonat] Mai | Juni | Juli 2018

Huch. Hier gab es schon länger keinen Lesemonat mehr. Ich könnte das jetzt alles mit privaten Dingen entschuldigen, die tatsächlich einen großen Einfluss darauf hatten, dass hier weniger los war, aber… Naja, das gehört irgendwie auch dazu, dass es mal nicht so rund läuft. Und auch wenn es hier ruhiger war, so habe ich dennoch eine Menge gelesen und da war viel Gutes bei, was ich euch nicht vorenthalten möchte. Eine kleine Auswahl:

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Der Steppenwolf | Hermann Hesse

„Der Steppenwolf“ – Harry Haller – ist so eine Art Einzelgänger, der an der Welt und mit ihr an seinen Mitmenschen verzweifelt. Das führt dazu, dass er schon beinahe des Lebens überdrüssig ist. Frustriert sucht er in einer Zeit, in der vieles aussichtslos erscheint – zwischen beiden Weltkriegen und mitten in der Weltwirtschaftskrise -, nach einem Sinn oder auch nicht, denn dann hätte er wenigstens einen Grund zu gehen. Doch gerade in dem Moment, in dem alles schwarz erscheint, wird er in eine neue bunte Welt gesogen: in die der Nachtclubs und Bars, des Tanzes und der Musik, der Betäubung und Verführung. Der Steppenwolf verliert sich und findet sich. Dieses Motiv der inneren Zerissenheit ist ein Leitmotiv des ganzen Buches und auch heute noch genauso aktuell wie damals (1920er). Es mag sich viel geändert haben, aber wenn, dann nur der äußere Rahmen. Die Probleme bleiben ähnlich bis gleich. „Der Steppenwolf“ ist ein Wahnsinnsbuch, in dem auch tatsächlich ein bisschen Wahnsinn drinsteckt. Manches mag verstören, aber doch ist es ein großartiger Roman, der genau dann gelesen werden sollte, wenn man selbst ein wenig die Hoffnung verloren hat.

Jugend ohne Gott | Ödön von Horváth

Ein Titel, der mir bis vor kurzem immer im Kopf herumspukte, unter dem ich mir aber so gar nichts vorstellen konnte. Jetzt – knapp 160 Seiten später – ergibt plötzlich alles Sinn. Und was für einen! Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine gottlose Jugend, die desillusioniert (größtenteils) einem neuen Typus von Glauben verfällt und so Sinnbild der Jugend unter nationalsozialistischer Diktatur wird. Ein Roman über das große Thema Schuld und die Erkenntnis, dass niemand frei davon ist. Weniger die Rahmenhandlung, die aus einer Art Kriminalgeschichte besteht, als vielmehr die Pointe zwischen den Zeilen und Horváths poetische Sprache, die deutlich aus jedem Wort leuchtet, machen “Jugend ohne Gott” so besonders. Ich bin froh, dass ich das Buch nach Jahren des Drumherum-Schleichens und des Was-mag-es-bloß-mit-dem-Titel-auf-sich-haben-Denkens nun endlich gelesen habe, muss aber sagen, dass es wahrlich „leichtere“ Lektüren gibt, denn diese Jugend ohne Gott liegt einem schon ein wenig schwer im Magen.

Witwe für ein Jahr | John Irving

Alle paar Monate lesen wir gemeinsam einen Irving und im Juni/Juli hat es „Witwe für ein Jahr“ erwischt. Den Inhalt rattere ich hier jetzt nicht im Detail nieder, denn damit würde ich eine ganze Menge an Überraschungen vorwegnehmen und das wäre schade. Ein Irving lohnt sich nämlich immer! Ja, auch (oder gerade!) weil Irvings Themen und Schreibe manchmal schon ein wenig aufreibend sind und er kein Blatt vor den Mund nimmt. Das mag zunächst etwas verschrecken, ist aber genau gut so. Weil Irving damit nämlich etwas macht: Grenzen überschreiten und (falsche) Moral dort aufbrechen, wo es klemmt. Das kann niemand so gut wie er! Was ich an „Witwe für ein Jahr“ besonders gerne mag, sind die Verweise auf den Literaturbetrieb und vielleicht auch auf sein eigenes literarisches Leben – wenn man es so deuten möchte. Unbedingt lesen!

Manhattan Transfer | John Dos Passos

Dieses Buch gehört zu den ganz großen, revolutionären Romanen des 20. Jahrhunderts und Dos Passos gilt seitdem als so etwas wie der Vater des Großstadtromans. Dabei ist „Manhattan Transfer“ nicht der erste Großstadtroman, der je erschienen ist, aber es ist DER Großstadtroman, auf den viele folgende bekannte Romane aufbauen. Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1929) zum Beispiel oder auch Clemens Meyers „Im Stein“ (2013) – beide haben sich, damals wie heute, von Dos Passos inspirieren lassen. Ich habe alle drei hier genannten Romane gelesen und was auffallend ist: ich kann mich an keines der drei Bücher so ganz genau mit Namen der Figuren und was da exakt passiert ist erinnern. Also, ich weiß schon, worum es darin geht und was so grob los ist, aber ich könnte das nie und nimmer nacherzählen. Jetzt könnte man ja denken: „Ja, und? Wozu soll ich das dann lesen?“. Aber genau das ist es ja. Große Städte besitzen so ihre ganz eigene Magie, mehrere Leben werden miteinander verwirbelt und gleichzeitig versetzen sie einen in eine Art Rausch, durch den Trubel, dieses Gefühl des alles und nichts – und ganz genau das passiert während des Lesens, man gerät in eine Art Leserausch. Zugegeben manchmal verwirrend und echt anstrengend, aber doch immer verdammt gut. (Man muss sowas allerdings mögen.)

„Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ | Selja Ahava

Neben dem ganz wunderbaren Titel ist „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ ein sehr schönes, aber auch sehr trauriges Buch. Annas Gedächtnis wird nach und nach immer löchriger. Sie vergisst Dinge, Menschen und beinahe auch ein bisschen sich selbst. Die Geschichte wird in Episoden erzählt, die der Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Protagonistin nachempfunden sind. Dies führt dazu, dass man als LeserIn ab und an ein wenig irritiert ist, weil man nicht ganz weiß, in welcher Zeit man gerade steckt. In der Erinnerung oder im Jetzt? Doch ich mag das Buch dennoch empfehlen, nicht zuletzt aufgrund der poetischen Worte, die ab und an aufblitzen, sondern vor allem auch, weil das Thema – so traurig es ist – in diesem Fall nicht so lasch abgehandelt wird, sondern mit ganz viel Liebe.

 „Der Eiserne Gustav“ | Hans Fallada

Der Eiserne Gustav verdankt seinen Namen einem äußerst bezeichnenden Charakterzug, dem eisern sein. Er ist nämlich so einer, der sich nicht gerne etwas sagen lässt. Von niemandem. Weder der Industrialisierung, noch dem Ersten Weltkrieg und von der Weltwirtschaftskrise sowieso nicht. Aber innerlich, da brodelt es bei ihm. Als Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Automobiltaxen auftauchen, da hält Gustav immer noch an seinen Pferdedroschken fest. Dann kommt der Erste Weltkrieg und mit ihm die Weltwirtschaftskrise. Gustav verliert fast alle seine Pferde und Angestellten, jede Menge Geld und beinahe seine Würde. Aber der Eiserne Gustav wäre nicht der Eiserne Gustav, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er plant eine Reise. Von Berlin nach Paris und wieder zurück. Mit der Kutsche. Und alle sollen davon wissen.

Was ich an diesem Buch wie an den meisten Romanen von Hans Fallada so mag, sind die unterschiedlichen Charaktere: hier treffen wir neben dem Eisernen Gustav noch auf seine ganze Familie, die mal mehr und mal weniger auf dem Kerbholz haben und die die ganze Bandbreite am Menschsein darstellen. Noch dazu kommt die Berliner Schnauze, die keiner so authentisch wie Fallada (be)schreiben kann. Lest das! Dringend!

Unser Herr Vater | Clarence Day

Ein Fallada geht noch, oder? Und zwar in der Übersetzung, denn in Clarence Day hat Fallada seinen „literarischen Zwilling“ gefunden und dessen Geschichten über den Herrn Vater prompt übersetzt. Es sind kurze Episoden, die zeitlich aufeinander aufbauen, aber theoretisch auch als Kurzgeschichten getrennt voneinander gelesen werden können. In den Geschichten geht es immer um Days Vater beziehungsweise um ihr gemeinsames Familienleben in der Zeit der Jahrhundertwende, das teils turbulent, aber immer mit viel Humor und ab und an mit kleinen Zeichnungen von Day persönlich versehen sind. Sie eignen sich bestens zum Vorlesen. Da kann man nämlich so richtig schön Herzblut und Betonung hineinlegen und Day senior wunderbar unter unerwünschtem Verwandtenbesuch, Pferdeausritten, konträren Meinungen und so mysteriösen Dingen wie Telefonen leiden lassen. Kurzum: Der Herr Day macht furchtbar viel Spaß!

[Lesemonat] April 2018

Wie immer gilt: Lesemonate sollen weder dazu dienen, die eigene Lesequantität unter Beweis zu stellen, noch um sich mit anderen zu vergleichen oder gar Neid hervorzurufen bzw. Druck auszuüben. Ich nutze diese Kategorie, um über die gelesenen Bücher nachzudenken und kurze Zusammenfassungen zu geben, nicht mehr und nicht weniger.

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„1933 war ein schlimmes Jahr“ | John Fante

Klingt schlimm, ist aber in seiner Melancholie sehr erheiternd und lebensbejahend. Der Anfang holpert noch ein wenig, man weiß nicht so recht, wohin der Roman will und fragt sich: wird das vielleicht zu Baseballlastig? Nö. Zum Glück nicht! Dieses schmale Büchlein steckt voller Witz, Tragik und ehrlichen Charakteren, die manchmal ruppig, oft sehr eigen, aber mit großen Herzen daherkommen und die man gerne noch viel länger begleitet hätte.

„Der Gang vor die Hunde“ | Erich Kästner

Huch, das ist aber ein freizügiges Buch. Könnte man denken, wenn man von Kästner eher die Kinderbücher gewohnt ist. Neben dem Berliner-Nachtleben, Exzesse durch die Welt der Bordelle und illegale Kneipen, wird aber auch die sanfte Seite des Protagonisten Fabian (der schon auch ein bisschen Kästner selbst ist?) gezeigt, der zwischen Moral und Unmoral hin- und her schwankt. Man möchte nicht, dass er scheitert und muss doch irgendwie hilflos dabei zusehen. Zugegeben: zu Beginn ein gewöhnungsbedürftiges Buch, das mich dann aber Kästner innig umarmend zurückgelassen hat. (Anmerkung: „Der Gang vor die Hunde“ ist die Rekonstruktion der Urfassung seines Debütromans „Fabian“.)

„Der kleine Grenzverkehr“ | Erich Kästner

Klingt beinahe ein wenig schlüpfrig, oder? Ist es aber nicht. Dafür ein heiterer, ja, ich mag es fast schon Schelmen-Roman nennen, der enorm viel Spaß macht, zu lesen. Der Protagonist Georg Rentmeister möchte eigentlich nur eine schöne Zeit mit seinem Freund Karl in Salzburg auf den Salzburger Festspielen verbringen. Leider darf er pro Monat nur zehn Reichsmark über die Grenze mitnehmen, das macht pro Tag 33,333333 Pfennige. Lächerlich wenig. Deshalb beschließt er jeden Tag von Bad Reichenhall (wo er ein „Grandseigneur“ ist) nach Salzburg (wo er ein „Habenichts“ ist) zu pendeln. Schwierigkeiten und eventuell die große Liebe inbegriffen! Mir fehlte leider dieser gewisse Moment zum unbedingt Dranbleiben-Wollen, da der Roman leider arg an der Oberfläche schwimmt (auch wenn man zwischen den Zeilen ein paar Details finden kann). Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der Zeit, in der der Roman verfasst wurde. Nichtsdestotrotz: humorvoll und kurzweilig.

„Drei Kameraden“ | Erich Maria Remarque

Noch so ein Erich, den ich bewundere. „Drei Kameraden“ ist das erste Buch, das ich von ihm lese, das nicht während eines Krieges, sondern von der Zeit danach bzw. dazwischen handelt. Drei Freunde, die Ende der 1920er Jahre ihr privates wie berufliches Glück suchen und gleichzeitig mit den Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg zu kämpfen haben. Remarque verknüpft Gegenwart mit Erinnerung, macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, aus Unglück Glück – und umgekehrt – und vergisst dabei nie den einzelnen Menschen ins Zentrum dessen zu stellen. Insgesamt ist der Roman ruhiger als z.B. „Im Westen nichts Neues“ – logisch, wenn man die Thematik bedenkt -, aber deswegen nicht weniger gut.

„Super, und dir?“ | Kathrin Weßling

Mit „Super, und dir?“piekst Kathrin Weßling mitten hinein in die Wunde unseres Zeitgeistes bestehend aus Influencer-Marketing, dem permanenten Gedanken funktionieren zu müssen und der stetigen Angst vor der Ersetzbarkeit durch andere. Marlene Beckmann, die 31-jährige Hauptfigur des Romans, hat eigentlich alles, was sie sich wünscht: u.a. einen verständnisvollen Partner, 532 Freunde auf Facebook und einen wahnsinnstollen Job als Social Media Managerin, um den sie viele beneiden. Moment, das muss gleich mal auf sämtlichen Sozialen Kanälen geteilt werden. Wenn jemand fragt, wie es ihr geht, antwortet sie: „Super, und dir?“, dabei ist eigentlich gar nicht alles super. Im Gegenteil, sogar sehr wenig. Und das bisschen was noch super ist, löst sich Mithilfe von Marlenes Dealer Ronny in einzelne Buchstaben auf, die sie zwar immer noch reflexartig als Antwort zusammenbasteln kann, schon längst aber nicht mehr fühlt. Das Buch liest sich genauso rauschhaft und sogartig wie Marlenes Leben zu sein scheint und begleitet sie durch flüsterleise sowie knallhart laute Momente bis hin an den Abgrund. Mit scharfem Blick, von zartbitterem Sarkasmus durchwoben und mit einer emotionalen Eindringlichkeit erzählt der Roman eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Druck von außen wie innen immer größer wird und trifft so den Kern unserer Selbstoptimierungsgesellschaft.

„Green Girl“ | Kate Zambreno

Eine Protagonistin, zu der man eine Art Hassliebe aufbaut. Schwankend zwischen Verständnis und Unverständnis. Eine Heldin, die keine Heldin ist und auch keine sein will. Die verloren, ängstlich, wütend, einsam und verzweifelt auf der Suche nach Sicherheit, Anerkennung und Liebe ist und diese, sobald sie sie erhält, wieder zerstört. Zambreno schreibt so eindringlich und schön, manchmal auch provokant, in einer rhythmisch lyrischen Prosa, dass man sich laufend Sätze markiert. Gegen Mitte/Ende lässt die Geschichte aber leider inhaltlich etwas nach. Vieles wiederholt sich. Aber vielleicht muss das auch gerade sein, um die Eintönigkeit des Lebens, aus dem die Protagonistin gerne ausbrechen möchte, aber doch nicht kann, zu verdeutlichen. Ein Roman mit Schwächen, den ich aber dennoch allen empfehlen mag, die ein Herz für eine außergewöhnliche Schreibe haben.

„Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

Ein wichtiges Buch, mit der noch wichtigeren Nachricht: nie zu vergessen!
April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.
„Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können.

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ | Carol Rifka Brunt

„Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“ zählt zu den Jugendbüchern, die man auch als Erwachsene*r lesen sollte. Der Autorin Carol Rifka Brunt gelingt es dank einer bezaubernden, fast magischen Sprache wunderbare Bilder im Kopf der LeserInnen entstehen zu lassen, die gleichzeitig ruhig und sanft wie aufregend und schmerzvoll wirken. June Elbus ist gerade mal vierzehn, als ihr geliebter Onkel Finn an AIDS stirbt. Etwas, über das man zu dieser Zeit (Ende der 1980er) nur hinter vorgehaltener Hand und durchdrungen von zig Vorurteilen tuschelt. Für June ist der Schmerz über diesen Verlust enorm – erst recht, da sie das Gefühl hat, die einzige zu sein, die ehrlich trauert. Bis sie ein Päckchen mit Finns Teekanne von dem geheimnisvollen Fremden erhält, den sie bereits auf Finns Beerdigung gesehen hat. Eine zarte Freundschaft, die auf starken Widerstand stößt, entsteht. Diese Geschichte ist eine, die Steine in den Bauch legt und Knoten im Magen macht. Die von Verlust, Trauer, Schmerz und der Überwindung dessen sowie von Freundschaft, Familie, Liebe und der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens erzählt. Ein Roman, der leise, aber mit lautem Echo ans Herz geht. Es gibt ein paar wenige Stellen, die ich als ein bisschen zu konstruiert oder manchmal zu schleppend empfunden habe, aber das fällt meiner Meinung nach nicht allzu stark ins Gewicht.

Psst: außerdem noch „Nur drei Worte“ von Becky Albertalli, von dem ich mir gar nicht so viel erwartet hatte, aber durchaus sehr positiv überrascht wurde sowie „Fangirl“ von Rainbow Rowell, das im guten Mittelfeld bleibt. Die Szenen mit Simon Snow habe ich dabei ausgeblendet, das war nix für mich. Ebenso wie „Aufstieg und Fall des außergewöhnlichen Simon Snow“ von Rainbow Rowell, das ich nach wenigen Seiten abgebrochen habe. Harry Potter les ich da lieber noch mal im Original.

[Lesemonat] März 2018

Der März in Büchern.

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„Friedrich der Große Detektiv“ | Philip Kerr

Fangen wir doch gleich mal mit einem Kinderbuch an, das unbedingt auch für Erwachsene geeignet ist. Warum? Weil es den Herrn Kästner auftreten lässt! Aber nicht nur das, in „Friedrich der Große Detektiv“ geht es um die unheilvoll summende, politisch aufgeladene Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Es thematisiert den Aufstieg der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, die Bücherverbrennung 1933 und andere wichtige geschichtliche Eckdaten, die der Autor leicht verständlich und sehr geschickt für Kinder verpackt in eine spannende Detektivgeschichte miteinfließen lässt und so fiktive mit realen Elementen kombiniert. Pädagogisch wertvoll nennt man das, glaube ich! (Minimal genervt war ich von dem Hispano-Suiza, der ungefähr drölfzigtausendmal Erwähnung gefunden hat. So lange, bis ich gegoogelt habe und nun weiß, was das für ein Auto ist.) Der Klappentext unterschreibt dieses Buch mit „(…) eine Hommage an Erich Kästner“, doch nicht nur das, es ist auch eine Hommage an Kerr selbst, der vor kurzem verstorben ist und mit diesem Buch noch einmal etwas Großartiges geschaffen hat.

„Wenn es Frühling wird in Wien“ | Petra Hartlieb

Ich war noch niemals in … ja, New York auch, aber ich red von Wien! (War zwar schon mal fast auf dem Weg, aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der Reihe „Pleiten, Pech und Pannen mit Mia“.) Auf jeden Fall habe ich jetzt dank „Wenn es Frühling wird in Wien“ das Gefühl, ich wäre schon einmal dort gewesen, allerdings in 1912 – was ehrlich gesagt fast noch besser ist – und hätte mit Arthur Schnitzler im Kaffeehaus ein Stück Sachertorte geschmaust. In dem Buch geht es nämlich um Marie, die aus einfachen Verhältnissen stammt, und nun bei dem berühmten Dichter als Kindermädchen arbeitet. Als sie dann noch auf den Buchhändler Oskar trifft, der ihr die Welt der Bücher näher bringt, dürfte spätestens jedes Leserherz einen Hüpfer mit Salto machen. Die wunderbare Petra Hartlieb weiß nämlich ganz genau, wovon sie schreibt („Sechsundzwanzig Zeichen, um im Kopf einmal um die Erde, ins Mittelalter oder auf den Mond zu reisen.“), schließlich hat sie 2004 die „Buchhandlung Friedrich Stock“ übernommen (heute heißt sie „Hartliebs Bücher“ – vielleicht kennt ihr sie schon aus „Meine wundervolle Buchhandlung“?) und diese spielt in „Wenn es Frühling wird in Wien“ erneut eine zentrale Rolle.

Die Geschichte ist filigran und zart erzählt, fasst authentisch den Wiener Dialekt mit ein und spiegelt so ganz genau die Zeit der Belle Époque wider. Das Buch passt perfekt ins leichte frühlingshafte Handgepäck. Ich habe es problemlos lesen können, ohne den ersten Teil „Ein Winter in Wien“ gekannt zu haben, werde das aber sicher bald nachholen!

„Jeder stirbt für sich allein“ | Hans Fallada

Nachdem ich dieses Buch ausgelesen hatte, fiel ich zunächst in so eine Art Schockstarre und anschließend überkam mich ein Hunger nach mehr. Nach mehr Wissen, nach mehr über Fallada, nach mehr über diese Zeit. Ich las den Anhang, googelte die Personen, die es tatsächlich gab, und schaute Dokumentationen. Das passiert, wenn einen ein Buch umhaut – und das ist sehr, sehr gut!

Der Titel des Buches: „Jeder stirbt für sich allein“ spricht irgendwie für sich und lässt erahnen, worauf man sich hier einlässt. Dank Fallada begleiten wir die unterschiedlichsten Personen – Leute mit und ohne Gewissen – durch Berlin während des Zweiten Weltkrieges, in dem selbst der Gedanke an ein freies Denken schon strafbar gewesen ist. Jede*r wird zum/zur Täter*in und viele zum Opfer. Widerstand gibt es trotzdem – und sei er auch noch so klein – alles zählt. Eine Geschichte von Mut und Stärke in einer Zeit, in der beides mehr denn je gebraucht wurde. Fallada schildert die Personen so plastisch, macht sie lebendig, dass man beinahe aufpassen muss, dass man nicht von der Gestapo oder aufgeplusterten Richtern angespuckt wird und setzt denjenigen ein Denkmal, die es wirklich verdient haben: den kleinen Leuten, die so viel mehr Größe zeigen als alle anderen zusammen.

Richtig gut ist auch Falladas kritischer sowie ehrlicher Blick, der sich vor allem, aber nicht nur, in den vermeintlich besseren Schichten abzeichnet: manche Sätze sprühen über vor trauriger Ironie – unbedingt lesenswert!

(Auch wissenswert: Fallada wollte den Roman zunächst gar nicht schreiben, weil er selbst nie wirklich Widerstand geleistet und so keinen Mut bewiesen habe. Zum Glück hat er sich dann aber doch für den Roman entschieden und diesen rauschhaft innerhalb von nur vier Wochen verfasst.)

PS: Das Buch hatte ich mir ausgeliehen, musste es mir dann aber doch gebraucht kaufen, weil das so eines ist, das ich unbedingt im Regal stehen haben wollte. Und nein, das tut mir kein bisschen leid!

„The Woman in The Window“ | A.J. Finn

Dieser Thriller ist ein spannendes, soghaftes Leseerlebnis mit Gänsehautfaktor. Generell bin ich immer sehr skeptisch, wenn Bücher im Vorfeld schon so angepriesen werden im Sinne von „übersetzt in 38 Sprachen, derzeit von FOX verfilmt“ (ihr versteht sicher, was ich meine…) Da habe ich mich auch nur herangewagt, weil das Buch sowas wie eine Hommage an Film-Klassiker von Hitchcock & Co. ist und ja, da bin ich dann auch neugierig geworden.

Die Protagonistin Anna kann aufgrund eines Traumas ihr Haus in New York nicht mehr verlassen. Um nicht ganz einsam zu sein, beobachtet sie ihre Nachbarn durch ihr Kameraobjektiv und (er)lebt so durch diese einen halbwegs „normalen“ Alltag. Bis sie einen brutalen Vorfall direkt gegenüber sieht, der sie an die Grenzen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit bringt. Denn niemand will ihr glauben, was laut Anna im Haus ihrer Nachbarn geschehen sein soll.

Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass mich die Geschichte so fesseln würde und ich habe die ganze Zeit mit Textmarker in der Hand dagesessen, um mir die zahlreichen Film-Klassiker zu unterstreichen, die erwähnt werden. (Ich würde sagen: Die nächsten Monate sind ausgebucht!) Was mich ebenfalls begeistert hat, ist A.J. Finns Schreibstil, der durch ungewöhnliche, aber unglaublich gute sprachliche Bilder und Vergleiche eine tolle Atmosphäre schafft und auch, wenn man sich als Hitchcock-Kenner*in ungefähr denken kann, wie die Geschichte ausgeht, hat es super viel Spaß gemacht und ist daher ein richtig gut unterhaltender Thriller.

„Der Reisende“ | Ulrich Alexander Boschwitz

Ein unbedingt lesenswertes Stück Geschichte um die Zeit während/nach den Novemberpogromen 1938 in einem Buch, das auch zu eben jener Zeit verfasst und nun erstmals auf Deutsch erschienen ist. Der Protagonist Otto Silbermann zählt vielleicht nicht unbedingt zu den sympathischsten Figuren, aber unter dieser etwas undurchsichtigen Schale steckt ein verletzlicher, verängstigter Mann, dem man zuerst sein Zuhause, sein Hab & Gut und dann seine Würde und somit alles, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht, nimmt, denn: er ist Jude. Einen anderen Grund braucht es damals nicht. Eindringlich, bedrückend und erschreckend real geschrieben, sodass mir ein paar Mal der Atem stockte. Als Leser*in begibt man sich mit Silbermann auf eine Reise, die nichts auslässt und die einen so mitfühlen lässt, das einem ein Schauer über den Rücken läuft. Man bekommt alleine durch die bedruckten Seiten einen sehr intensiven Eindruck, wie stark Unterdrückung und falsche Macht auf ein einzelnes Individuum wirken können und was letztlich dadurch passieren kann, dass ich dieses Buch wirklich jedem ans Herz legen möchte. Es ist so wichtig!

„Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Auch hier haben wir einen authentischen Text aus den 1930er Jahren, aber zum Ausgleich die etwas heiterere Seite ebenjener Zeit. Wilson Collison hat sich damals vor allem durch Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple verfilmt wurden, einen Namen gemacht – und genau so liest sich auch „Tod in Connecticut“. Sehr szenisch, mit ausgereiften, durch und durch bildhaft vorstellbaren Charakteren und einer für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen Frauenfigur. Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. So kommt es zu einem dramatischen Liebes-Viereck, das in einen Mordfall gipfelt.

Sprachlich hat mir das Buch durchaus sehr gut gefallen, leider konnte mich die Geschichte eher wenig überzeugen. Nicht, dass sie „schlecht“ gewesen wäre (das ist ja auch immer irgendwie Ansichtssache), aber sie hat mich einfach nicht mitgerissen. In einem Film kann ich mir die Geschichte wiederum sehr gut vorstellen, aber auf Papier war es mir zu viel Liebes-Drama – leider.

„Im Enddefekt“ | Josephine Frey

Josephine Frey schreibt über die ganz großen Gefühle, die oft mit einem lauen Lüftchen anfangen und sich zu einem Sturm auswachsen. „Im Enddefekt“ ist eine Kurzgeschichtensammlung, die vor allem durch ihre Sprache besticht, die sehr eigen, sehr bildhaft, sehr stark ist und ein wenig an Poetry-Slam erinnert. Ohne, dass es blöd klingen soll, aber ich glaube: das muss man mögen. Es geht hierbei um Themen wie Verlassen (werden), Abschied, Neuanfang, Ruhelosigkeit, Zukunftsangst und viele ähnliche Gedanken, die man – nicht nur, aber vor allem -, Anfang/Mitte Zwanzig in seiner vollen Wirkungskraft spürt, weshalb ich dieses Büchlein, das auch optisch ein echter Hingucker ist, vor allem jüngeren Leser*innen empfehlen würde, weil man sich – so glaube ich – bei der Autorin bestimmt recht oft wiederfinden kann. Sowas ist immer ein tolles Leseerlebnis.

„Dies Herz, das dir gehört“ | Hans Fallada

Mich hat das Buch inhaltlich wie thematisch ein wenig an “Kleiner Mann – was nun?” erinnert. (Zwei Liebende, die sich den Umständen der Zeit entgegenstellen; mit einer starken Frauenfigur. Die Hauptcharaktere Hannes und Hanne ähneln also in ihrem Verhalten Johannes und Lämmchen aus “Kleiner Mann – was nun?” sehr.) Das macht nun aber gar nichts, weil es sehr viel Freude bereitet, einen Roman von Fallada zu lesen. Seine Art des Erzählens ist unnachahmlich! Was man hier wissen muss: “Dies Herz, das dir gehört” war ursprünglich in den 30ern/40ern als Filmvorlage geplant. Zu einer Verfilmung kam es – aus unterschiedlichen Gründen – nie. Falladas Geschichte zeigt vor allem im ersten Abschnitt deutlich, dass dieses Buch, um überhaupt veröffentlicht werden zu dürfen (was ja nun letztlich doch nicht geschah), so geschrieben werden musste, dass die damaligen „Kontrollinstanzen“ zufriedengestellt wurden.
Fallada baut in “Dies Herz, das dir gehört” Sätze ein, in denen er seine Figuren darüber reden lässt, dass nun in Deutschland endlich wieder die Sonne scheinen würde. (Im Sinne von es gibt Arbeit und die Wirtschaft ist im Aufschwung.) Aus heutiger Sicht liest sich recht leicht heraus, wo Fallada wohlwollend der NS-Propaganda gegenüber schreibt – die Sätze wirken wie extra eingebaut – und wo nicht. Es ist interessant und gleichzeitig erschreckend, diese Diskrepanz zu anderen Texten zu sehen, wobei Fallada hier auch wirklich nur ganz dezent wohlwollend schreibt, was wahrscheinlich der Grund ist, wieso es während der 1930er/40er zu keiner Veröffentlichung kam und er kurzzeitig als unerwünschter Autor galt.
Was mich etwas irritiert hat, sind die Zeitsprünge. Falladas Text ist nicht konstant im Präsens/Präteritum, sondern immer in Abschnitten in der Gegenwart und dann wieder in der Vergangenheit geschrieben, man kann praktisch mitverfolgen, wann er wieder neu angefangen hat zu schreiben. Vielleicht liegt das auch an der Rekonstruktion des Buches in den 90ern? Nichtsdestotrotz: ein echter Fallada und unbedingt lesenswert!

(Sowie diverse Bücher von Erich Kästner und „Krabat“ von Otfried Preußler.)

[Lesemonat] Februar 2018

Ich habe es im Februar beinahe geschafft, mehr ausgeliehene Bücher als gekaufte oder geschenkte zu lesen. Warum ich das gut finde? In meiner Wohnung stapeln sich die Bücher an jeder Ecke und – ja, ja, ja!! – das ist schön, aber wenn immer mehr dazu kommen, kann es auch erdrücken. Zumal ich den Traum meiner eigenen Bibliothek (sprich: einen eigenen Raum samt Leiter, Kuschelsessel und vielleicht noch einem knisternden Kamin – ihr habt es sicher deutlich vor Augen) bisher noch nicht verwirklichen konnte. Es spricht absolut nichts dagegen, sich neue Bücher zu kaufen (bitte, wenn möglich, in einer Buchhandlung eures Vertrauens) und wer mich kennt, der oder die weiß, dass mich mein innerer Kompass IMMER zuerst in eine Buchhandlung führt. Ganz egal, wo ich bin. Nichtsdestotrotz habe ich Gefallen daran gefunden, mir Bücher im Vorfeld zu einem Großteil auszuleihen oder, wenn gekauft oder geschenkt, nach dem Lesen selbst zu verleihen. Nicht nur, um Platz und Geld zu sparen, sondern schlichtweg, weil es ein gutes Gefühl ist, etwas länger darüber nachzudenken, welche Bücher sich eine Dauerkarte im Regal wirklich verdienen. Klingt das komisch? Ich hoffe nicht!

Warum habe ich jetzt eigentlich einen ganzen Absatz gebraucht, um einfach nur auszudrücken: Hallo, das sind meine gelesenen Bücher im Februar. Das Foto stimmt allerdings nicht ganz mit der Realität überein, denn die Hälfte der Februar-Bücher besitze ich nicht selbst, sondern habe sie von Freunden oder aus der Bibliothek ausgeliehen..?

Herzlichen Glückwunsch, mich kurzfassen kann ich also nicht.

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„Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse

Ein historischer Roman für Jugendliche, den aber ruhig auch Erwachsene lesen können/sollten. In Zeit (Zweiter Weltkrieg) und Raum (Amsterdam) erinnert das Thema ein wenig an Anne Franks Tagebuch, aber wirklich nur entfernt. Denn auch wenn es hier um ähnliche Dinge geht: Schuld, Verrat, Mut, Widerstand, ist die Geschichte doch eine andere. Die Protagonistin Hanneke ist nicht von Beginn an eine rein uneigennützige Heldin, sie ist verängstigt, auch ein wenig naiv und vor allem auch ein ganz, ganz kleines bisschen egoistisch. Das ist ihr eigener Schutzpanzer. Die Tatsache, dass Hanneke eine Entwicklung während des Buches durchmacht, hat mir sehr gefallen und wirft ein anderes, gleichwohl authentisches Licht auf diese sehr dunkle Zeit.

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward

Dieser Roman ist sprachlich eine Wucht. Selten habe ich so melodische, rhythmische und warme Sätze gelesen wie hier. Und dann reihen sie sich auch noch aneinander wie Glieder einer Kette. Einer ganz langen Kette. Die Sprache, die, obwohl sie so kraftvoll ihre Worte singt, steht fast schon im Kontrast zum Erzählten, das rau, voller Gewalt und Trauer steckt. Es ist ein Buch, eine Geschichte, die viel von den Leser*innen abverlangt, vielleicht auch Grenzen überschreitet, aber: es lohnt sich sehr, wenn man sich darauf einlassen kann und mag.

„Emil und die Detektive“ | Erich Kästner

Habe ich bereits gebeichtet, dass ich als Kind kein Kästner-Fangirl war? Ich kann auch gar keinen genauen Grund nennen, außer den, dass ich eben alles von Enid Blyton gelesen habe – und das in doppelter und dreifacher Ausführung. Heute mag ich da gerne ein paar Lücken schließen und, mal ehrlich, Kästner kann was, keine Frage. Es ist nicht das erste Buch, das ich von ihm lese, aber das erste Kinderbuch, das ich bewusst wahrnehme und es hat schlichtweg einfach unfassbar viel Spaß gemacht.

„Jack“ | Anthony McCarten

Manchmal frage ich mich, wie man eigentlich so gewitzt und intelligent sein kann wie Anthony McCarten. Da schreibt dieser Autor ein kluges Buch (ob Roman oder Drehbuch) nacheinander und jedes Mal hat man das Gefühl, als ob er selbst diese (berühmten) Menschen, von denen er da schreibt, kennt wie seine besten Freunde und so, als ob er hautnah dabei gewesen wäre. In diesem Roman geht es dabei um Jack Kerouac, der nicht unbedingt gut wegkommt, aber das soll er auch nicht. Die Figuren in diesem Roman sind mir durchweg unsympathisch gewesen, das hat es ein bisschen schwierig für mich gemacht, und trotzdem schafft es McCarten eine Geschichte zu verfassen, die lustig, überraschend und lesenswert ist (obwohl ich es zwischendurch ein wenig… nunja…langweilig fand). Achso – und man lernt auch noch was über die Beat Generation. Mach das mal einer nach.

„Im Westen nichts Neues“ | Erich Maria Remarque

Mich hat wohl noch nie ein Buch so überrascht wie dieses. Nie hätte ich gedacht, dass mich dieser Roman so packen, so mitnehmen, so durchwirbeln würde. Es ist eines dieser Bücher, das man immer im Gedächtnis behalten wird. Es ist rau, es ist gewaltig, es ist real. Teilweise hat man das Gefühl, man würde mit in einem der zahlreichen Schützengräben des Ersten Weltkrieges liegen und das ist nicht schön, das soll es auch nicht sein, aber doch ist das wichtig, um Dinge in der Vergangenheit zu verstehen, die eigentlich nicht zu verstehen sind. Dinge, die auch heute noch geschehen, an die wir aber in unserer geschützten Blase nicht denken wollen. Dinge, die immer wieder so oder so ähnlich passieren können und werden, denn: Geschichte wiederholt sich (leider). Remarque schreibt dabei in einer kraftvollen poetischen Sprache, die sich stellenweise liest wie ein Gedicht und in der so viel Wahrheit liegt

„Die Nacht von Lissabon“ | Erich Maria Remarque

Auch dieses Buch beeindruckt mich sprachlich wie inhaltlich, in dem es zeigt, was mit Menschen passiert, zu was sie fähig sind, wenn es zum Äußersten kommt. Wie Opfer und Täter verschwimmen und wie Remarque es schafft, dies in Worte zu packen und so ein intensives Leseerlebnis zu gestalten, das lehrreich in vielerlei Dingen ist. Er schreibt hier von Menschen, die auf der Flucht sind, die ihre eigene Identität mehrmals verlieren und doch immer den Mut und die Kraft aufbringen, sich zu wehren, sich aufzulehnen gegen ein Regime der Unterdrückung und Grausamkeit im Zweiten Weltkrieg und dabei fällt ein Satz, den ich sehr bezeichnend finde: „’Es mag sein, dass unsere Zeit einmal die der Ironie genannt wird‘, sagte Schwarz. ‚Natürlich nicht die der geistvollen des achtzehnten Jahrhunderts, sondern die der unfreiwilligen und ebenfalls bösartigen oder dummen unseres plumpen Zeitalters des Fortschritts in der Technik und des Rückschritts in der Kultur. (…)“ Remarque zu lesen ist aufwühlend. Man liest seine Bücher nicht und schreitet anschließend locker flockig im Alltag voran. Nein, er reißt einen heraus, stellt unangenehme Fragen und gibt unbefriedigende Antworten. So ist das Leben.

„Kleiner Mann, was nun?“ | Hans Fallada

Ein Roman, der die Umstände und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik leicht verständlich und authentisch beschreibt. Es geht hierbei um die kleinen Leute. Die, die versuchen mit wenig Geld einigermaßen über die Runden zu kommen und doch immer wieder mit neuen, unüberwindbar scheinenden Problemen konfrontiert werden. Erträglich macht es allein, dass sie zusammenhalten. Lämmchen und Hannes, die beiden Hauptfiguren, sind mir dabei sehr, sehr ans Herz gewachsen. Beeindruckt hat mich die starke Frauenrolle, die Lämmchen zukommt und auch wenn der Roman stellenweise Längen aufweist, hat er mich sehr in seinen Bann gezogen. Der nächste Fallada liegt schon bereit!

… und dann gab es da noch „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling, das ich – zugegeben – nicht komplett gelesen habe, weil es mir schlichtweg einfach zu viel geworden ist. Darin stecken tolle Ideen und ich musste einige Male laut lachen, auch wenn es erschreckend an die Realität herankommt, aber mein Fall war es trotzdem nicht.

[Lesemonat] Januar 2018

Manchmal muss man scheinbar nur ein paar Mal blinzeln oder ein paar Seiten umblättern und schon ist wieder ein Monat vorbei. Ich wiederhole mich und andere, wenn ich schreibe: Ach, das geht immer schneller. Aber: Ach, das geht immer schneller!

Es folgt wie gewohnt ein kleiner Rückblick auf meine gelesenen Bücher (und wahrscheinlich habe ich, ebenfalls wie gewohnt, wieder das ein oder andere vergessen mit aufs Bild zu packen – sorry!).

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„Leere Herzen“ | Juli Zeh

Ich konnte mich mit der Geschichte nicht recht anfreunden, da mir die Mischung aus Roman und Politthriller keinen richtigen Zugang gewährte. Das ist aber letztlich eine Frage des Geschmacks. Juli Zeh schreibt gekonnt klar, nüchtern und mit einer gewissen Schärfe in der Wahrnehmung, die sich in ihren Worten widerspiegelt. Die Figuren scheinen nicht greifbar, was bei der Autorin oft vorkommt, man könnte es ein Motiv nennen, aber ich bin kein allzu großer Fan von Interpretationen dieser Art. Sagen wir einfach: das soll so. Für mich hat es in diesem Roman dazu geführt, dass ich ihn weniger mochte, aber auch das ist Geschmackssache. Reingelesen haben sollte man trotzdem, weil es ein wichtiges Thema behandelt: unsere mögliche politische wie gesellschaftliche Zukunft – und das ist erschreckend klarsichtig umgesetzt.

„Rattatatam, mein Herz“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

Die Autorin schreibt in diesem Buch unter ihrem eigenen Namen über ein sehr wichtiges Thema, das in unserer Gesellschaft leider immer noch tabuisiert wird. Sie erklärt, macht bewusst und schafft Verständnis auf ihre ganz eigene, humorvolle und sehr sympathische Art – und das so, dass sich nicht nur Betroffene verstanden fühlen, sondern auch nicht explizit Betroffene für dieses Thema sensibilisiert werden. Mutig und wichtig!

„Schön und verdammt“ | Pietro Citati

Ein Essay über das turbulente und tragische Leben der Fitzgeralds, der mir persönlich sehr gut gefallen hat. Generell finde ich Essays da immer schwierig, weil bei einigen Autor*innen die eigene Meinung überdeutlich mitschwingt. Hier ist das ganz dezent gemacht. Dadurch liest sich der Essay sehr angenehm und man denkt nicht pausenlos: so seh ich das aber gar nicht! Vielmehr macht Citati auf Abschnitte im Leben der Fitzgeralds aufmerksam, denen in der Regel weniger Beachtung geschenkt wird. Wer also ein Herz für die 1920er und 1930er Jahre hat und auch ein wenig über Zelda und F. Scott Fitzgerald erfahren möchte, der hat hier das richtige Buch gefunden.

„Der stumme Tod“ | Volker Kutscher

Nach „Der nasse Fisch“ ist „Der stumme Tod“ Band zwei der Gereon Rath Reihe um einen Kommissar, der nicht ganz den gängigen Regeln folgt (und das ist gut so!). Im zweiten Teil der Serie geht es um einen Mord in den Studios der Filmmetropole Berlin Anfang der 1930er Jahre. Die Filmbranche ist im Umbruch, der Stummfilm wird vom Tonfilm abgelöst, aber nicht jeder ist davon begeistert. Als eine Schauspielerin tot am Set aufgefunden wird, stellt sich die Frage: war es ein Unfall oder Mord in Folge von Sabotage? Rath gerät tief hinein in eine Welt, die nicht nur Glamour und Champagner zu bieten hat, sondern auch so ihre Schattenseiten. Ein weiterer Erzählstrang befasst sich ein Stück weit mit der politischen Welt des Berlins in den 1930er Jahren, in dem auch Adenauer auftritt. Wie ich finde: eine gelungene Mischung, die zudem spannend und äußerst lesbar ist! Wer sowas eher ungerne liest, dem empfehle ich die Verfilmung des ersten Teils als „Babylon Berlin“.

„Auf Messers Schneide“ | W. Somerset Maugham

Der Titel mag ein wenig irreführen, wenn man denkt, es erwarte einen nun ein Krimi oder gar ein Thriller. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Roman um einen hochphilosophischen im Sinne, dass hier die Protagonisten – allen voran Larry -, von denen der Ich-Erzähler (Maugham selbst) berichtet, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Und das in einer Zeit, in der alles scheinbar golden glänzt, in der der erste Weltkrieg gerade vorbei ist und man stattdessen lieber Charleston tanzt und die Champagnerkorken knallen lässt, während die nächste Krise schon auf die Schulter klopft. Das Besondere ist zum einen die Tatsache, dass diese Zeit ein ganz klein wenig auf die Schippe genommen, zumindest aber unter einem kritischen Aspekt beleuchtet wird und, dass Maugham selbst als Ich-Erzähler in Kraft tritt, als hätte er die Geschichte miterlebt. Er schreibt dabei sanft und elegant, was ich sehr gerne mag, auch wenn es stellenweise ein wenig langatmig wird und ich es nicht am Stück lesen konnte.

„Der Hahn ist tot“ | Ingrid Noll

Was für ein Buch! Ich habe eine etwas dröge Kriminalgeschichte erwartet, aber nicht so eine böse, spannende und ungemein lesbare! Rosemarie Hirt ist Anfang fünfzig und nach außen hin ein bisschen sowas wie eine Mischung aus grauer Maus und alter Jungfer, die im Leben scheinbar kein Glück hat. Sie ist fleißig, ordentlich, pünktlich, eine gute Freundin und eine engagierte Mitarbeiterin. Mit den Männern allerdings, da klappt es so gar nicht. Eines Tages verliebt sie sich Hals über Kopf in einen Mann, den sie gar nicht näher kennt, aber sie weiß,  wie er heißt und findet heraus, wo er wohnt. Sie beginnt ihn zu beobachten und bringt somit den ersten Stein ins Rollen, der zu einer Story führt, die schier unglaublich ist an Bösartigkeit und zynischem, ganz wunderbarem Humor! Ich hätte nie erwartet, dass mich das Buch so mitreißen würde, aber ich bin immer noch begeistert und empfehle das von nun an jedem weiter!

„Der Mann, der nicht mitspielt“ | Christof Weigold

Ein Kriminalroman während der 1920er Jahre in Hollywood. Da dieser Roman erst in ein paar Tagen erscheint, sage ich euch einfach nur: bitte vormerken!

„Dunkelgrün fast schwarz“ | Mareike Fallwickl

Hier gilt ebenfalls: bitte fest vormerken (für den 05. März)! Ein grandioses Buch!