[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

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Genau darüber schreibt Franziska Seyboldt in „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst.“ Ein Titel, der nicht nur toll und sehr persönlich gewählt ist, sondern gleich zeigt, dass hier viel mehr drinsteckt als ein blasses Sachbuch mit Ratgeberanteil. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie es ihr geht und ergeht mit dieser ominösen, meist nicht greifbaren, oft irrational denkenden und handelnden Angst zu leben, in welchen Situationen sie sie begleitet und wie sie lernt, mit einem zu viel an Angst umzugehen. Nämlich von den Tagen, an denen sie aufwacht und keine Schildkröte, sondern vielmehr ein Sieb ist, das Geräusche, Gerüche, Farben hindurchplätschern lässt. (Vgl. S. 15/16) Darüber zu schreiben gelingt ihr scheinbar mit einer Leichtigkeit, hinter der vermutlich sehr viel Mut steckt und mit einem Humor, unter dem sich sehr viel Stärke verbirgt. Franziska Seyboldt breitet vor uns, ihren Leser|innen, ihr ganzes Leben mit der Angst dar, von der lange Zeit kaum jemand wusste. Wann sie sich zum ersten Mal anschlich, nicht leise, sondern direkt mit einem – BAMM – zuschlug, wie sie sich bei ihr einnistete und wie sie beschloss zu bleiben. So lange, bis sich die Autorin entscheidet, einen Weg zu finden, wie sie ihr die Stirn bieten kann – noch mehr, als sie es bisher schon getan hat. Dabei geht es in dem Buch aber keineswegs hauptsächlich darum: wie besiege ich die Angst?, sondern vielmehr zeigt es einen authentischen Blick in den Alltag mit ihr – und das ist wichtig, dass man, wenn man kann, darüber spricht und nicht schweigt. Daher werden sich in diesem Buch nicht nur explizit Betroffene wiederfinden, sondern vielleicht sogar ein Stück weit jeder und wenn nicht, so schafft sie es doch mit viel Witz und Sachverstand, die Thematik der Angst und der Angststörung spielend leicht verständlich zu machen. So, dass auch Leser|innen, die mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen sind, einen Zugang finden.

Deshalb ist dieses Buch nicht nur ein gutes, sondern vor allem auch ein wichtiges, denn immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung, aber kaum einer mag öffentlich darüber reden. Aus dem „einfachen Grund“: Angst. Angst davor, was andere denken. Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Angst davor, Job und Freunde zu verlieren. – Mir hat an manchen Stellen noch ein wenig Tiefgang im Text gefehlt und der Humor der Autorin, den ich zwar wichtig und gut finde, um das Thema aufzulockern und verständlich zu machen, versteckt doch ab und an etwas die Ernsthaftigkeit des Themas. Davon abgesehen halte ich das Buch für enorm wichtig und absolut lesenswert – sowohl für Betroffene als auch nicht explizit Betroffene.

Kiepenheuer & Witsch Verlag | 251 S. | ISBN: 978-3-462-05047-9

[Rezension] „Leere Herzen“ | Juli Zeh

Juli Zeh ist für mich eine bewundernswerte und inspirierende Schriftstellerin, von der man ganz ungeniert und neidlos behaupten kann, dass sie „zu den großen deutschen Autor|innen“ zählt. Ich tastete mich vorsichtig an ihre Texte heran. Zuerst in der Uni, in einem Kurs, der sich mit deutscher Gegenwartsliteratur befasste und dann später mit Romanen wie „Spieltrieb“, „Nullzeit“ und „Unterleuten“. Immer etwas gesellschaftskritisch. Immer etwas politisch. Und immer sehr klug und wortgewandt, mit diesem gewissen scharfen Blick, den man als genaue Beobachterin zum Verfassen solcher Texte benötigt.

Ihr neuester Roman „Leere Herzen“ befasst sich nun mit der aktuellen gesellschafts- politischen Lage Deutschlands, verpackt in ein Deutschland der nahen Zukunft. So, wie es sein könnte.

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Britta Söldner, Hauptfigur des Romans, leitet mit Babak Hamwi „Die Brücke“, eine Einrichtung, die nach außen hin den Schein als psychotherapeutische Heilpraxis wahrt. Was sich tatsächlich hinter der Fassade verbirgt, ist aber etwas ganz anderes. Britta und Babak machen Geschäfte mit dem Tod, genauer mit potentiellen Selbstmördern bzw. Selbstmordattentätern – und das nicht gerade wenig. Britta und Babak nutzen also die gegenwärtige Lage zu ihren Gunsten. Während Britta viel Geld mit zwielichtigen, moralisch grenzwertigen Deals macht, verdient ihr Mann Richard vergleichsweise wenig. Auch Brittas Freunde Janina und Knut entsprechen quasi dem Gegenentwurf zu Britta. Sie leben als Künstler vom bedingungslosen Grundeinkommen – gut, aber auch nicht herausragend. Sowohl Britta und Richard, als auch Janina und Knut haben je eine Tochter. Zwei Familien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch mit einem gemeinsamen Fixpunkt: gesellschaftliche und politische Desillusion geschuldet der Flüchtlingskrise, Brexit, Trump, einer zweiten Finanzkrise und dem schnellen Aufstieg der BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Eigentlich läuft das Leben wie gewohnt vor sich hin, bis sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. Irgendjemand scheint sich Brittas und Babaks Geschäftsidee zu eigen machen zu wollen und droht nicht nur ihre Firma zu ruinieren, sondern auch Brittas Familie sowie ihres und Babaks Leben zu bedrohen.

„Leere Herzen“ ist ein zukunftsorientierter Politthriller, der erschreckend an die tatsächliche Welt da draußen erinnert. Wir begleiten Britta, tauchen tief in ihre Gedanken und Gefühlswelt ein und da geschieht etwas, was fast noch bedenklicher ist: wir spüren die Desillusion, welche die Figuren im Buch eingenommen hat und diese scheint fast auf uns Leser|innen übergreifen zu wollen. Juli Zeh schreibt intelligent, wie gewohnt wortgewandt und unterkühlt, leicht zynisch, vielleicht ist es auch ironisch von einem Deutschland, das sich selbst verliert, von einer Gesellschaft, die sich in Teilen zerstört. Das ist gut, das ist durchdacht, das soll die Augen öffnen. Britta wirkt durch diese Schreibweise und auch durch ihre Art sowie durch die erzählte Geschichte leider äußerst unsympathisch – und ohne Sympathieträger fällt es beim Lesen schwer, eine Bindung zu dem Gelesenen aufzubauen. Vielleicht soll das so. Wenn ja, es funktioniert, die Botschaft kommt an. Unglücklicherweise lässt sich das aber nicht auf den ganzen Roman übertragen. Die Autorin verknüpft Roman, Zukunftsvision und Politthriller – das ist ein Punkt zu viel. Man weiß nicht ganz, welchem Faden man folgen soll. Dem politischen wie gesellschaftlichen Zukunftsszenario oder dem Politthriller? Dadurch hängt man als Leser|in ein wenig in den Seilen. Mir persönlich hätte eine Richtung, auf die man sich ganz einlassen kann, vollkommen ausgereicht. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass der Roman nicht gut sei. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass da noch mehr Potential drinsteckt. „Leere Herzen“ ist sicher ein wichtiges Buch, mit einer dringlichen indirekten Warnung, welches durchaus lesenswert ist, aber es holpert auf dem Weg ein wenig.

Luchterhand Literaturverlag| 352 S. | ISBN: 978-3-630-87523-1

[Rezension] „Dann schlaf auch du“ | Leïla Slimani

Schon oft gesehen, aber doch irgendwie nie so ganz und gar wahrgenommen habe ich Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“. Dieses Buch kommt so unscheinbar daher, hat es aber ordentlich in sich. Und das meine ich durchaus sehr positiv.

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Ein berufstätiges, engagiertes und gesellschaftlich angesehenes Ehepaar mit zwei kleinen Kindern stellt unterstützend eine Nanny ein, die sich um die Kinder kümmern soll, während das Paar an der Arbeit ist. Schnell entwickelt sich eine sehr enge, fast schon einengende, Bindung zwischen der Nanny und den Kindern, aber auch die Eltern gewöhnen sich rasch an Louise, die irgendwie beinahe mit zur Familie gehört. Sie ist immer da. Sie erledigt alle anfallenden Arbeiten und kümmert sich – man könnte es aufopfernd nennen – um alles. Sie kocht, sie putzt, sie spielt mit den Kleinen, ist wie ein Schatten immer da, wo sie gebraucht wird und fällt dabei kaum auf. Doch niemand kennt Louise eigentlich wirklich. Wer ist diese Frau, wenn sie nach Hause geht? Wenn sie den Tag von sich abstreift? Ist sie glücklich? Hat sie eine eigene Familie, die auf sie wartet? Kann man ihr wirklich trauen?

Gleich zu Beginn werden wir mit dem katastrophalen Ende der Geschichte konfrontiert, das schonungslos bereits im ersten Kapitel auf uns wartet. In den darauffolgenden Kapiteln erfahren wir Stück für Stück, wie es dazu kommen konnte und was wirklich passiert ist. Dadurch, dass wir als Leser eigentlich bereits im Groben wissen, was geschehen ist, aber die Details erst nach und nach erfahren, entfaltet sich eine unfassbar spannende und dichte atmosphärische Erzählung, die man beinahe nicht mehr aus der Hand legen kann und mag. Die Autorin spielt gekonnt mit der Erzählweise, begleitet vorrangig die Nanny Louise, dann die Mutter Myriam und lässt einzelne, nur am Rande des Geschehens beteiligte, Personen kurz in den Fokus rücken, so dass sich das ganze Ausmaß der Geschichte langsam und Stück für Stück ermitteln lässt. Als Leser entwickelt man automatisch eine gewisse Empathie mit gleichzeitiger Antipathie der Hauptfigur gegenüber, die irgendwie ein Mysterium bleibt, was das Lesen noch mal ein Stück aufregender macht, denn man hat permanent das Gefühl, man könne Louise vielleicht helfen oder das Rätsel um sie lösen. Die Eltern, die recht klischeehaft dargestellt werden, werden einem als Leser trotzdem durchaus sympathisch und auch mit ihnen möchte man kommunizieren, Ratschläge erteilen, denn aus unserer Perspektive weiß man, dass ein böses Ende naht.

Es ist ein düsteres Buch – und das ist keineswegs schlecht, im Gegenteil -, es ist ein fesselndes Buch und es hat das Zeug dazu, einen noch lange nach dem Lesen daran denken zu lassen. Theoretisch kommt die Handlung nicht überraschend, aber doch möchte man manchmal: oh!, ausrufen, weil man nicht damit rechnet, auf welche Weise etwas geschieht. Man merkt wahrscheinlich, dass ich versuche Worte für etwas zu finden, das sich schlecht mit bloßen Sätzen beschreiben lässt. (Vor allem, wenn man so wenig wie möglich vom Inhalt verraten möchte!) Darum rate ich tatsächlich einfach dazu dieses Buch zu lesen, so unscheinbar es vielleicht auf den ersten Blick wirken mag. Es hallt nach – und das sind die wirklich guten Bücher!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Französischen von Amelie Thoma | Luchterhand Verlag | 224 S. | ISBN: 978-3-63087554-5

[Rezension] „TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ | Louise Cheadle & Nick Kilby

Darf’s ein bisschen Tee sein?, fragt die nette Dame im fliederfarbenen Kostüm, die sonntags gerne Pferderennen besucht und dabei nie vergisst, den passenden Hut zu tragen, während sie erwartungsvoll lächelnd eine Hand auf den Deckel der hübsch anzusehenden Teekanne legt und in der anderen Hand einen Teller mit Scones bereithält. – Ungefähr das ist das Bild, das ich jahrelang mit mir herumtrug, wenn ich an Tee dachte. Tee, der ist typisch britisch. Tee, der ist irgendwie ein bisschen konservativ. Stimmt nicht. Tee ist der neue Wein! Das zumindest las ich vor knapp zwei Jahren in einem Artikel des ZEIT Magazins und wäre ich da nicht eh schon eine Teetrinkerin gewesen, dieser hätte mir Tee mit Sicherheit schmackhaft gemacht.

Seit Jahren versucht sich der Tee von seinem angestaubten Image zu befreien – und das gelingt ihm auch recht gut. Mal ganz davon abgesehen, dass es viele Tees gibt, die eine heilende Wirkung haben, schmeckt Tee auch einfach richtig gut, wenn man weiß, wie man welche Sorte zubereitet, wofür oder wogegen man welchen Tee einsetzt und was zu welchem Gericht am besten schmeckt. (Usw., usw.!)

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In „TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ steckt genau das drin. Louise Cheadle und Nick Kilby, selbst leidenschaftliche Teetrinker und Gründer von „Teapigs“, nehmen uns u.a. mit auf eine Weltreise durch die teetrinkenden Nationen dieser Welt und zeigen, welch unterschiedliche, aber wichtige Rolle Tee für manche Kulturen spielen kann. Nebenbei geben sie einen kurzen Überblick über die Geschichte des Tees – eine Geschichte, die unfassbar interessant und erstaunlich zu lesen ist, wenn man – wie ich – davon so gar keine Ahnung gehabt hat, informieren, wo und wie Tee hergestellt wird, welche Teesorte zu welchem Gericht passt und noch vieles mehr. Wer zum Beispiel schon immer mal wissen wollte, wie man den perfekten Matcha-Tee zubereitet, dieses Buch verrät es euch! Weiterhin habe ich gelernt, dass in China pro Jahr 548.043 kg Tee verbraucht werden (S. 18/19) und somit die „Topteenation“ ist, was sicher auch auf die Bevölkerungszahl zurückzuführen ist. Deutschland befindet sich da eher so im Mittelfeld. Ganz allgemein stecken in diesem Buch neben vielen nützlichen und toll recherchierten Teeinformationen auch eine Menge Anekdoten und ganz viel Detailliebe. Man blättert gerne durch das Buch, schaut sich die Illustrationen, Fotos und Rezepte an und bekommt schlichtweg einfach sehr große Lust auf… ja, auf was? Tee! Einzig ein wenig bemängeln könnte man die Tatsache, dass auf das Thema „fair trade“ bzw. faire Arbeitsbedingungen nicht in dem Ausmaß eingegangen wird wie ich es mir gewünscht hätte. Die beiden Autoren stellen zwar ihre eigenen Teelieferanten vor, aber es wirkt doch ein wenig so wie Werbung für ihr Unternehmen, was es vielleicht letztlich auch ist. Das lässt sich nachvollziehen, bleibt aber dennoch ein Kritikpunkt. Nichtsdestotrotz ist es ein tolles Buch, nicht nur, aber vor allem für (angehende) Teetrinker! Und jetzt möchte ich mich da bitte einmal durchprobieren, „durchtrinken“ klingt ja doch ein wenig komisch. (Auch wenn es – wie bei Wein – eine Teeprobe gibt!)

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Stefanie Kuballa | Prestel Verlag | 208 S. | ISBN: 978-3-7913-8316-3

[Rezension] & [Geschenktipp] „Der Weihnachtosaurus“ |Tom Fletcher mit Illustrationen von Shane Devries

Dinosaurier sind das, was Lamas, Faultiere, Einhörner und Eulen immer sein wollen, – denn, hey, sie sind einfach cool. Doch mehr als bloß Coolness, bieten Dinosaurier Raum für längst vergangene Zeiten, Fantasie und, ja, auch ein bisschen Magie. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich bei „Im Land vor unserer Zeit“ gebannt vor dem Fernseher saß und auch heute gibt es jede Menge Dino-Filme, -Bücher und -Figuren… Eh, habe ich schon erwähnt, dass Dinos cool sind?

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Noch cooler ist allerdings „Der Weihnachtosaurus“ von Tom Fletcher, in dem sich ein kleiner Junge namens William Trudel nichts mehr wünscht als einen echten Dinosaurier zu Weihnachten. Er hätte allerdings nicht gedacht, dass sich dieser Wunsch erfüllen lassen könnte, aber da hat er wohl nicht mit dem „Oh, heiliger Spekulatius“ ausrufenden Weihnachtsmann und seinen reimenden Helfern aka Wichteln gerechnet. Selbstverständlich dürfen in solch einer munteren Runde auch keine Bösewichte fehlen. Diese Rolle übernehmen der fiese Jäger mit seinem Hund Knurre, die es beide auf den Weihnachtosaurus abgesehen haben. Und auch Brenda Pein macht William das Leben schwer, aber ist sie wirklich das gemeinste Mädchen der Schule oder steckt vielleicht etwas ganz Anderes dahinter? Achso – und dann gibt es da noch die Eltern von William und Brenda, die so ihre ganz eigenen Sorgen um Weihnachten herum haben…

„Der Weihnachtosaurus“ ist eine wunderbar liebevoll gestaltete und urkomisch erzählte Weihnachtsgeschichte, die es schafft, sämtliche Weihnachtsklischees bunt und herzerwärmend zu verpacken, so dass man dieses Buch einfach nur lieben kann. Wirklich! Beinahe jede Seite ist passend illustriert und dank der Geschichte und der vielen Bilder definitiv nicht nur etwas für die Kleinen, sondern auch für die ganz Großen, die mal wieder Lust haben in eine turbulente, fantasievolle Weihnachtsgeschichte einzutauchen. Tom Fletcher beweist hier ein ums andere Mal sein Talent für Wortspielereien und sein Geschick, aus einer einfachen Geschichte etwas ganz Besonderes zu machen. Für mich das beste Weihnachtsbuch des Jahres. Und: wie ihr vielleicht gemerkt habt, habe ich zum Inhalt absichtlich nicht zu viele Worte verloren (vor allem, was die Details angeht), denn der Weihnachtosaurus soll euch von ganz alleine verzaubern!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Franziska Gehm | empfohlen ab 8 Jahren | cbt Verlag | 384 S. mit s/w Illustrationen | ISBN: 978-3-570-16499-0

[Rezension] „Der Bruder des Wolfs. Die Chronik der Weitseher 2“ | Robin Hobb

„Der Bruder des Wolfs“ ist der zweite Teil der Weitseher-Chroniken von Robin Hobb, welcher bereits unter dem Titel „Des Königs Meuchelmörder“ bei Bastei-Lübbe und als „Der Schattenbote“ im Heyne-Verlag erschienen ist. Über die Gründe einer Neuauflage, die der Optik der berühmten Reihe „Das Lied von Eis und Feuer“ (vielen eher bekannt als „Game of Thrones“) von George R.R. Martin sehr ähnelt, habe ich bereits in meiner Buchbesprechung zum ersten Band der Reihe berichtet und möchte an dieser Stelle darauf verzichten. Wer mag, kann dies aber sehr gerne hier nachlesen.

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Ich habe hin und her überlegt, wie ich meine Gedanken zu diesem Buch mitteilen kann, ohne eventuell enorm zu spoilern und bin zu dem Schluss gekommen, dass es so gut wie unmöglich ist, sobald ich mich auch nur ein wenig zum Inhalt äußere. Von daher also: Achtung, folgender Text könnte (!) ganz eventuell (!) Spuren von Spoilern enthalten! (Ich bemühe mich aber, dies weitestgehend zu vermeiden bzw. so kurz wie irgend möglich zu fassen.)

Fitz Chivalric ist wieder zurück am Hof des Königs. Gesundheitlich angeschlagen muss er feststellen, dass dies nicht die letzte Intrige gewesen sein wird, in der er eine zentrale Rolle spielt. Seinem eigenen Onkel, Prinz Edel, ein Dorn im Auge, will er sich gegen diesen auflehnen, wird aber von König Listenreich gestoppt und muss beinahe hilflos mitansehen, wie sein Onkel auch gegen diesen versucht zu intrigieren. Gemeinsam mit Prinzessin Philia und Kettricken bemüht sich Fitz gegen Prinz Edels Machtergreifung anzugehen und sieht sich gezwungen, einen beinahe aussichtslosen Plan zu verfolgen, ohne dabei zu wissen, dass sein Schicksal längst besiegelt zu sein scheint.

Der vorliegende Band „Der Bruder des Wolf“ reiht sich nahtlos an den Vorgänger „Die Gabe der Könige“ ein. Es fällt überhaupt nicht schwer, erneut in die Geschichte einzutauchen und beinahe sofort ist man angekommen, in dieser ganz eigenen Welt, die sogleich fantastisch wie atemberaubend ist und eine gute Mischung aus Fantasy und Historie bietet. Hobb behält die Ich-Erzählweise bei, welche dem|der Leser|in einen ganz besonderen Blick auf die Geschichte bietet und hat weiterhin die Entwicklung der Charaktere im Fokus, was ich besonders schätze. Daneben bleibt es dennoch spannend, da sich viele unterschiedliche Handlungsstränge auftun, die alle gleichsam miteinander verstrickt sind. Überdies ist es besonders interessant, die Entwicklung von Fitz mitzuverfolgen, wobei natürlich eine zarte Liebesgeschichte nicht fehlen darf (keine Sorge, es bleibt kitschfrei). Es wird wirklich nicht langweilig, in diesem fast 900 Seiten umfassenden … eh, ja… Wälzer, wenn ich auch zugeben muss, dass die Autorin meiner Meinung nach so manche Passagen ein klein wenig kürzer hätte fassen können. Andererseits kann man so schön in die Geschichte eintauchen, dass sich diese Vielzahl an Seiten schnell weglesen, auch wenn ab und an mal ein wenig weit ausgeholt wird.

Bei diesem Buch handelt es sich um klassische, gut erzählte Fantasyliteratur, die ganz nach meinem Geschmack ist. Intrigen werden gesponnen, es gibt einen – oder mehrere – „Bösewichte“, gegen die man nicht so richtig ankommt, es kommt zu überraschenden Wendungen, obwohl die eigentliche Handlung klar ersichtlich zu sein scheint, es werden Figuren gezeichnet, denen man sich nahe fühlen kann, mit denen man mitfiebert, während auf der anderen Seite antagonistische Figuren skizziert sind und – für mich ganz wichtig – die Autorin bleibt sich selbst und ihrer Geschichte treu, versucht nicht irgendwelche haarsträubenden Dinge aus dem Hut zu ziehen, um die Story einfallsreicher wirken zu lassen, womit sie letztlich dem Roman nur schaden würde.

Mir bereitet es wirklich viel Freude, in diese Welt einzutauchen, weshalb ich die Bücher guten Gewissens all jenen empfehlen mag, die mal wieder Lust auf gute, klassisch aufgebaute (aber keineswegs langweilige) Fantasyliteratur haben.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Eva Bauche-Eppers | Penhaligon | 896 S. | ISBN: 978-3-7645-3184-3

[Rezension] „Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen“ | Elena Favilli & Francesca Cavallo

Alles fing mit einer fixen Idee zweier engagierter Frauen an, die sich darum drehte, dass junge Mädchen immer noch in einer Welt aufwachsen, in denen typische Rollenvorbilder (Kinder) -Bücher, -Serien, -Filme usw. bestimmen. Nur vereinzelt finden sich Heldinnen, die mutig genug sind für das einzustehen, was sie bewegt. In den meisten Fällen sind es doch immer noch Helden, die als Ritter die arme Prinzessin retten, als König das Land

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„Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen“, erschienen bei Hanser.

regieren und die schöne Königin heiraten, als Astronaut das Universum erforschen oder als Spitzensportler die neuesten Rekorde erzielen und dabei bejubelt werden (…). Auch wenn es mittlerweile viel Fortschritt in Richtung Gleichberechtigung und Gleichstellung gegeben hat, so hakt es doch leider immer noch an einigen Stellen – und welches Bild damit jungen Mädchen (und Jungs!) vermittelt wird, ist klar. Dem wollten Elena Favilli und Francesca Cavallo Abhilfe schaffen und starteten ein Crowdfunding Projekt. Mittlerweile ist „Good Night Stories for Rebel Girls“ in mehreren Sprachen erhältlich, es gibt zahlreiche Apps für Kinder und weitere Buchprojekte sind in Planung (bald schon erscheint „Good Night Stories for Rebel Girls Volume 2“ auf Englisch).

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„Good Night Stories for Rebel Girls“, Frida Kahlo, Malerin,  S.66/67

Auf knapp 223 Seiten finden sich 100 Geschichten über starke Frauen aus allen Zeiten und von überall aus der Welt zum Vor- und Selberlesen. Alphabetisch nach Vornamen geordnet reihen sich bekannte neben vielleicht etwas weniger bekannten, aber nicht weniger wichtigen Namen und erzählen Geschichten von Heldinnen, die über sich selbst hinausgewachsen sind, um nicht nur sich, sondern der ganzen Welt zu zeigen, was sie (schaffen) können. Sei es ein besonderes Talent, unfassbar großer Mut oder die Gabe, etwas in der Welt zu bewegen, sie alle haben eine Sache gemeinsam: sie haben nie aufgegeben, egal, wie schwer der Weg auch gewesen sein mag. Jede Heldin wird von einer Doppelseite begleitet, auf der links unter ihrem Namen ihre jeweilige Profession zu finden ist, dazu ein kindgerechter Text in einer Art Kurzbiografie, die sich wie ein Märchen, das keines ist, liest; einige Eckdaten und ein Zitat des jeweiligen Rebel Girls. Auf der gegenüberliegenden Seite findet sich eine Illustration, passend zu dem, was das Rebel Girl ausmacht – und immer von einer anderen Künstlerin aus der ganzen Welt, was das Buch noch vielfältiger macht als sowieso schon! Sehr schön finde ich auch, dass der|die Besitzer|in (niemand sagt, das Buch sei nur was für Mädchen) vorne seinen Namen eintragen darf und am Ende Platz für ihre|seine eigene Geschichte und ihr|sein Portrait findet. Damit wird gleich vermittelt: du bist wichtig und du bist toll!

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„Good Night Stories for Rebel Girls“, Marie Curie, Physikerin, S. 132/133

Ich habe mich sehr gefreut, einige meiner eigenen Heldinnen hier wiederzutreffen (und natürlich einige neue kennenzulernen!) und kann mich noch sehr gut an meine erste weibliche Buchheldin erinnern – Igraine Ohnefurcht – und daran, was sie mir bedeutet (hat). Es ist wichtig, Mädchen wie auch Jungen ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen dafür, für das zu kämpfen, was ihnen am Herzen liegt – gerade auch als Mädchen, egal, was andere davon halten könnten. Egal, ob das vielleicht gemeinhin als „Sache für Jungs“ angesehen wird. Es gibt so viele weibliche Vorbilder, die trotz ihres Talents auf ihr Aussehen reduziert werden, dabei ist es wichtig, dass es doch so viel mehr gibt als das. (Was nicht heißt, dass Mädchen nicht gut aussehen dürfen.) Wenn ein Mädchen gerne Fußball spielen möchte, dann darf sie das auch. Wenn ein Junge gerne mit Puppen spielen möchte, dann darf auch er das. (Um mal ganz salopp das größte Klischee zu bedienen.) Wieso wir immer noch diese verstaubten Konventionen in unseren Köpfen haben, wundert mich zwar, aber weniger als ich zu Beginn dieses Textes gedacht habe. Denn wenn ich so darüber nachdenke, verstärkt unser modernes Technikzeitalter wohl einiges noch, manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass wir statt vorwärts eher rückwärtsgehen. Da ist es umso toller, dass es ein Buch wie „Good Night Stories for Rebel Girls“ gibt, das etwas ganz arg Wichtiges vermittelt (und dabei auch gut aussieht, ja, das darf es!): „Träumt größer. Zielt höher. Kämpft entschlossener.“

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„Good Night Stories for Rebel Girls“, Amna Al Haddad, Gewichtheberin, S. 26/27

„Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen“ überzeugt durch seine Aussagekraft, seine Kreativität, seinen mit viel Liebe gestalteten Inhalt und durch seine Vielfältigkeit. Es ist absolut kindgerecht, aber auch für Erwachsene geeignet, denn gerade gemeinsam macht das Buch sicher jede Menge Spaß.

 

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann |empfohlen ab 12 Jahren | Hanser Verlag | 224 S. | ISBN: 978-3-446-25690-3

[Rezension] & [Geschenktipp] „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ | Pablo Salvaje

Der spanische Künstler Pablo Salvaje wurde quasi in die Welt des Druckens hineingeboren. Aufgewachsen zwischen riesigen Druckmaschinen in der familieneigenen Druckerei, ist es kaum verwunderlich, dass sein Herz für Papier und Druckerfarbe schlägt. Inspirieren lässt er sich vor allem in der Natur – insbesondere von Tieren -, was sich in „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ deutlich spüren und selbst erleben lässt. In Zusammenarbeit mit Mia Cassany, die die Geschichten hinter Pablo Salvajes Drucken auf Papier gebracht hat, und Anna Prats, die den zahlreichen sowie vielfältigen Drucken des Künstlers Farbe und Form eingehaucht hat, ist ein Bildband entstanden, der Groß und Klein zu begeistern weiß, weil er die Seele der Tiere sprechen lässt.

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„Diese Seele ist es, die uns das Buch erschaffen ließ, das du nun in den Händen hältst. Damit möchten wir uns zusammen mit dir in die Natur vertiefen und Verhaltensweisen, Kuriositäten, Geschichten und Wahrheiten gemeinsam erkunden – um jene Tierseele zu pflegen und zu verstehen, die uns allen innewohnt.“ (aus dem Vorwort von „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“)

 

Auf knapp 72 Seiten entführt uns dieses farbenfrohe Buch in die Welt der Tiere und geht dabei noch sehr viel weiter. Unter verschiedenen Kapitelüberschriften wie „Liebe“, „Rhythmen“, „Überleben“ „Wandlung“, „Lebensraum“, „Wasser“, „Schätze“ und „Zum Andenken“ plus Vor- und Nachwort werden jede Menge Tiere in äußerst sehenswerten Drucken dargestellt, bei denen es sich lohnt nicht nur ein- oder zweimal kurz drüber zu schauen, sondern die zum längeren Verweilen einladen. Die Texte sind dabei kurz, aber von poetischer Kraft und eignen sich bestens zum Vorlesen. Hier kann man gemeinsam (oder auch alleine) mit einem ganz besonders tiefgründigen Blick in die Welt der Tiere eintauchen. Ein Buch voll Detailliebe, das sich vor allem für kleine und große Entdecker lohnt.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Empfohlen ab 8 J. | Aus dem Katalanischen von Maria Meinel | Prestel junior | 72 S., durchgehend illustriert | ISBN: 978-3-7913-7309-6

[Rezension] „Kafka und Felice“ | Unda Hörner

Kafka fand ich schon immer sehr faszinierend. Nicht nur als Autor, sondern vor allem auch als der Mensch, der sich hinter diesen Texten verbirgt, für die es sogar einen eigenen Namen gibt, weil uns sonst die Worte zum Beschreiben fehlen würden: kafkaesk.

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Felice und Kafka lernen sich 1912 während eines Treffens bei Max Brod kennen. Von da an schreibt Kafka Felice beinahe unermüdlich täglich Briefe, in denen er um sie wirbt. Felice ringt daraufhin immer wieder mit sich selbst und ihren Gefühlen. Was will einer wie Kafka von ihr, die sich selbst weder als besonders hübsch noch belesen genug bezeichnen würde, um mit diesem Mann Schritt halten zu können? Schnell wird deutlich, wofür Kafka wirklich brennt: das Schreiben, denn auch er ringt immer wieder mit sich und seinen Gefühlen und lässt Felice buchstäblich im Regen stehen. Es ist die (Liebes)-Geschichte eines ungleichen Paares: Kafka, der schwermütige Schriftsteller und Felice, die lebenslustige Frau, die ihre Arbeit sehr schätzt, die gleichwohl interessant wie erstaunlich zu lesen ist. Eine Liebe, die beinahe nur auf dem Papier existiert – in einer Zeit, in der alles im Wandel scheint.

Unda Hörners Roman „Kafka und Felice“, der um tatsächliche Briefe des zweimal verlobten und dann wieder entlobten Paares herum konstruiert ist, beschreibt Kafka aus der Sicht von Felice. Leider fehlen die Originalbriefe Felices an Kafka, dafür sind weitestgehend alle aus Kafkas Feder noch vorhanden. So entsteht durch die Autorin und der in den Briefen genannten Details Kafkas ein Bild einer wahrhaft lebenslustigen, mutigen und starken Persönlichkeit (und aus heutiger Sicht unfassbar modern). Dagegen kann Kafka – zumindest in diesem Roman – einpacken. (Kein Witz.) Denn Kafka war wohl eher das genaue Gegenteil: ein asketisch lebender Schwarzmaler mit Hang zum Schwermut. (Wobei das wohl auch wieder das Faszinierende ist.)

Was diesen Roman so toll macht, ist zum einen die Perspektive, die man als Leser einnimmt. Also Kafka aus der Sicht von Felice zu lesen, einer Frau, die seine Werke sicher auch ein wenig mitgeprägt hat – und Kafka aus zeitgeschichtlicher Perspektive zu lesen, eingebettet in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hinein in die 1920er Jahre. Man spürt den Umbruch, man spürt Kafkas Angst vor einem bürgerlichen Leben, das ihn am Schreiben hindern könnte – und man spürt seine innere Zerrissenheit, auch Felice gegenüber. Kafka und Felice – eine Liebe? Das mag man sich während des Lesens des Romans ein ums andere Mal fragen. Wie hat es Felice so lange mit ihm ausgehalten? Wieso handelt Kafka so und nicht anders? Es bereitet einerseits enorm viel Freude, diesen Roman zu lesen und andererseits wirft er viele Fragen auf, was gut ist, denn so wird Kafka, der berühmte Schriftsteller, auch mal in ein anderes Licht gerückt.

Dieser Roman wirkt absolut authentisch, obwohl es kaum Aufzeichnungen über Felice gibt. Unda Hörner schafft es, ein Bild Kafkas und Felices zu zeichnen, das nicht konstruiert, sondern vielmehr echt wirkt, ohne dabei zu übertreiben. So oder so ähnlich hätte es sich tatsächlich zugetragen haben können. Ich bin begeistert von diesem Buch und lege es jedem, der oder die sich für Kafka, die 1920er Jahre oder einfach für klug recherchierte sowie gut geschriebene (biografische) Romane interessiert, sehr ans Herz.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag!

ebersbach & simon | 336 S. | ISBN: 978-3-86915-152-6

[Rezension] „Der Sympathisant“ |Viet Thanh Nguyen

„Der Sympathisant“ von Viet Thanh Nguyen wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Ein Medienpreis, den ich für sehr wichtig und aussagekräftig halte, weshalb ich mir kurze Zeit später das Buch in seiner englischen Originalfassung („The Sympathizer“) kaufte. Leider kam ich nicht recht voran, was weniger am Inhalt, sondern an der Sprachbarriere gelegen hat. Ich lese regelmäßig Bücher im englischen Original, was meistens recht gut klappt, aber hier fiel es mir aufgrund einiger spezifischer Vokabeln schwer, dem roten Faden zu folgen und ich kam an meine Grenzen. Daher freut es mich sehr, das Buch nun in der deutschen Übersetzung lesen zu können (an meinen Fremdsprachen-Kenntnissen arbeite ich weiterhin, versprochen!).

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Es ist April 1975, das gewaltige und dramatische Ende eines langen und auszehrenden Krieges in Sicht, als eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere von Saigon in die USA ausgeflogen wird. Unter ihnen befindet sich ein Adjutant eines hochrangigen Generals, dessen Aufgabe aber eigentlich eine ganz andere ist: kommunistische Spionage. In Los Angeles beginnt ihm sein Doppelleben über den Kopf zu wachsen. All die Dinge, die als Spion von ihm verlangt werden und die er notgedrungen erledigt, während gleichzeitig die Konsumgesellschaft an jeder Ecke mit Verlockungen wirbt. Und dann ist da auch noch er selbst und die Frage nach dem: wer bin ich eigentlich?

Dieses Buch ist ein Spionagethriller, gar keine Frage, aber es ist auch weitaus mehr, denn es behandelt ein Thema – den Vietnamkrieg – aus einer gänzlich anderen Perspektive. Der namenlose Protagonist berichtet aus einer Art Exil von seinem Leben als kommunistischer Spion und den damit einhergehenden Absurditäten wie Verlockungen. Es zeigt sich, dass in ihm eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit steckt. Sozusagen wortwörtlich, denn er soll einerseits als kommunistischer Spion tätig sein, andererseits aber auch seiner Arbeit als Adjutant des Generals nachgehen und ebensolche Spione ausfindig machen (und bestenfalls vielleicht sogar gleich beseitigen). Dass das Schwierigkeiten nach sich zieht ist selbstverständlich. Es fällt mir an dieser Stelle schwer, Details zu nennen, denn so würde ich einerseits zu viel vom Inhalt verraten, andererseits würde sich dies auch unmöglich in ein paar Sätzen wiedergeben lassen. Denn es ist – trotz des Stempels „Spionagethriller“ – ein anspruchsvoller Roman, der den Vietnamkrieg und die Zeit danach aus vietnamesischer Sicht thematisiert. (Also mal nicht „typisch amerikanisch“ à la „Full Metal Jacket“ oder „Good Morning, Vietnam“). Der Autor, der selbst nach dem Fall Saigons 1975 mit seinen Eltern in die USA flieht, nutzt so sicher ein wenig seine eigenen Erfahrungen, seine Sichtweise über die USA und Vietnam und deren Gegensätze. Die Schwierigkeiten, in einer fremden Welt groß zu werden und dabei die Vergangenheit der Familie und des Landes, in dem er geboren worden ist, permanent mit dabei im Hinterkopf.

Ja, es ist ein politisches Buch, aber doch schafft es Viet Thanh Nguyen dies mit seiner bildhaften Sprache, den spannenden Szenenwechseln und dem ab und an aufblitzenden Humor den|die Leser|in fast vergessen zu lassen. Manchmal hat mich die teilweise leicht vulgäre, grobe Sprache oder auch die ein oder andere Szene etwas abgeschreckt – auch wenn man beides mit einer gewissen Ironie betrachten und lesen sollte. Es ist jedoch passend zur Thematik und letztlich einfach Geschmackssache.

Wer nun denkt, in diesem Roman würde die Perspektive einfach bloß umgedreht werden, der irrt. Viet Thanh Nguyen macht es sich nicht einfach, sondern versucht beide Seiten – die vietnamesische und amerikanische – zu beleuchten, das macht alleine schon seine im äußersten Zwiespalt steckende Hauptfigur deutlich. Ein sehr lesenswerter, durch und durch spannender Roman, bei dem wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller | Blessing Verlag | 528 S. | ISBN: 978-3-89667-596-5