„Würstchen, der Dackel“ | Mia Cassany & Mikel Casal

In meiner Familie sind alle große Dackel-Fans. Der Dackel meiner Urgroßeltern hieß Lumpi. Seine Hundeeltern Apothekers Waldi und Nachbars Heidi. Meinen eigenen Dackel wollte ich immer Wurst nennen – oder Peanut Butter bzw. Peanut. Als ich mal öffentlich kommuniziert habe, dass ich im Falle des Falles meinen Hund Wurst nennen wollen würde, habe ich verwundert gelernt, dass ich mit dieser Idee keinesfalls alleine bin (und ich dachte wirklich, ich wäre einfallsreich). Nun gibt es sogar ein Buch mit dem Titel „Würstchen, der Dackel“. Na, wenn das nicht nach mir gerufen hat, dann weiß ich auch nicht.

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Würstchen ist ein Findelhund. Sein Retter und Dackelpapa Hans findet ihn in einem alten Schuhkarton kauernd in einer Seitenstraße. Würstchen ist zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht Würstchen, sondern namenlos. Zusammengerollt, wie ihn Hans findet, ruft dieser bei seinem Anblick aus: „Du kommst mit mir nach Hause, du armes Würstchen.“ Von da an sind die beiden die besten Freunde. Nur eine Sache, die liegt Würstchen schwer im Magen – und das ist sein Name. Würstchen. Das ist doch keine Bezeichnung für einen Hund! Ein cleverer Hund wie Würstchen findet aber auch dafür eine Lösung, oder?

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

„Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany und Mikel Casal ist ein zauberhaftes Bilderbuch mit farbenfrohen, modernen Illustrationen, die selbst den größten Hundemuffel irgendwo tief drinnen im Herzen berühren werden (da bin ich mir ganz sicher)!

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

Die Bilder selbst sind nicht überladen, aber trotzdem gibt es viel zu entdecken. Gerade für Kinder ist das sicher eine große Freude. Auch die Geschichte ist kindgerecht erzählt, für Erwachsene vielleicht ein wenig zu einfach, mit einem Ende, das leider etwas zu abrupt wirkt. Gerade so, als ob irgendwie die Ideen ausgegangen wären. Ein bisschen schade ist das. Letztlich geht es hier aber vielmehr um die Bebilderung und die ist – wie ich finde – sehr gelungen.

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Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

 

 

 

Nicht zu aufdringlich, aber doch feinfühlig, mit einem klaren Blick für die kleinen Dinge. Im Ganzen wirkt das Bilderbuch harmonisch. Es ist zum darin blättern und sich wohlfühlen, gleichzeitig lehrt es wie Freundschaften aussehen können und dass man Probleme offen angehen sollte. Ach,  was rede ich noch lange drumherum, es ist einfach schön!

„1919 – Das Jahr der Frauen“ | Unda Hörner

Wenn Feminismus zu einer Art halbherzigen (Mode)trend wird, den man schon nicht mehr richtig ernst nehmen kann, weil auf beinahe jedem T-Shirt bekannter und weniger bekannter Modeketten Slogans wie „Girl Power“ & „Girls can do anything“ steht, dann ist es Zeit, sich auf das zu fokussieren, was wirklich wichtig ist. Frauen, die etwas bewegt haben; die dazu beigetragen haben, dass Frauen heute mehr Rechte haben als noch vor 100, ach was, vor 50, vor 30, vor 10 Jahren. Frauenrechte mussten (und müssen teilweise immer noch) hart erkämpft werden.

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Vor knapp 100 Jahren, in 1919 – eine Jahreszahl, die so vieles bewegt und in Aufruhr gebracht hat -, wird ein Meilenstein in der Geschichte der deutschen Frauenbewegung gesetzt. Denn am 19.01.1919 dürfen Frauen in Deutschland erstmals ihr hart, aber erfolgreich erkämpftes Wahlrecht nutzen und somit öffnen sich Türen, die lange Zeit für sie verschlossen geblieben sind. Käthe Kollwitz erhält den Professoren-Titel an der Akademie der Künste, während Marie Juchacz die Arbeiterwohlfahrt gründet. Marie Curie forscht in Paris im Radium-Institut, Sylvia Beach gründet die Buchhandlung ‘Shakespeare and Company’, Coco Chanel kreiert ihren berühmten Duft Chanel No. 5 und Suzanne Lenglen macht in ihrer schwarzen Kurzhaarfrisur und im ausgefallenen Tennis-Dress samt Pelzmantel diesen – ehemals eher männlich zugeschriebenen – Sport zum Trend für Frauen. Hannah Höch feilt immer weiter an ihrer dadaistischen Fotocollagetechnik und im 1919 gegründeten Bauhaus schreiben sich mehr Frauen als Männer ein. Doch nicht alle akzeptieren “die neue Frau”. Im Bauhaus werden Frauen zunächst ins Atelier zum Weben gesteckt, denn Hausarbeit, das sei ja wohl mehr ihr Ding. Hausmann sagt Höch am Ende ihrer Beziehung sie habe sowieso nie dazugehört und Rosa Luxemburg muss ihr politisches Engagement mit dem Leben bezahlen.

Das, was ich hier nur kurz angerissen habe, verwebt Unda Hörner in „1919 – Das Jahr der Frauen“ kunstvoll miteinander. Sie bringt historische Ereignisse mit eindrucksvollen Biografien berühmter Frauen zueinander und kreiert so ein zeitgeschichtliches Panorama aus Kunst, Kultur, Politik, Sport und gesellschaftlichem Leben, das spannend und interessant zu lesen ist. Scheinbar mühelos fügt sie verschiedene Ereignisse beisammen, zeigt Parallelen und Unterschiede und ist dabei unglaublich kreativ. Manchmal ist das dann ein bisschen viel Input auf zu kleinem Raum und besonders bei Passagen, zu denen ich wenig bis kein Hintergrundwissen parat gehabt habe, bin ich ein bisschen ins Straucheln geraten. (Frau Doktor Google hilft aber.) Das Buch ist eine Hommage an weibliche Heldinnen, die uns auch heute immer noch ein Vorbild sind und dadurch eines, das unbedingt gelesen werden sollte. Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings anzumerken. Ich weiß ja, dass der Fokus in diesem Buch auf der Jahreszahl 1919 liegt und ich bin mir sicher, dass Unda Hörner hier Frauen gewählt hat, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Talente und Errungenschaften ein buntes Bild der verschiedenen Lebensbereiche, die sie revolutioniert haben, abgeben, aber doch habe ich ein bisschen die Vielfalt (alle im Buch erwähnten Frauen sind weiß) sowie Alltagsheldinnen, die Arbeiterinnen und Hausfrauen, vermisst, die in weniger berühmten und/oder privilegierten Kreisen ebenfalls etwas bewegt haben – zumindest eine Erwähnung hätte ich schön und wichtig gefunden.

Unda Hörner | „1919 – Das Jahr der Frauen“ | ebersbach & simon

„Deutsches Haus“ | Annette Hess

Geschichte ist ja so ein Konstrukt, das mit der Zeit – egal wie wichtig, egal wie einschneidend – irgendwie, irgendwann an (Wirkungs)kraft verliert. Das ist nicht unbedingt immer gewollt, das passiert einfach, weil Geschichte im Gegensatz zur Gegenwart im Schatten liegt und so geschieht es, dass tatsächliche Ereignisse verklärt oder instrumentalisiert werden können. Deshalb darf man nie leichtsinnig Geschichte als „das ist halt mal vor langer Zeit geschehen“ abtun, sondern sollte immer im Blick haben, dass Geschichte die Welt formt. Das, was heute ist, baut auf dem, was war, auf. Und dabei ist es ganz, ganz entscheidend, dass wir darüber sprechen und niemals vergessen. Wir müssen uns die Schrecken von damals, die bis in die Zukunft hineinreichen, im Heute vor Augen führen, damit so etwas nie, nie wieder geschieht, denn erschreckend, aber wahr, wir sind auf dem besten Weg in die falsche Richtung. Daher erscheint auch Annette Hess Roman „Deutsches Haus“ gerade zur richtigen Zeit.

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Annette Hess, die vor allem bekannt durch die Fernsehserien „Weissensee“, „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“ geworden ist, legt mit „Deutsches Haus“ nun ihren ersten Roman vor. Sowohl der Roman als auch die Serien(drehbücher) bereiten deutsche Geschichte neu, spannend und aktuell auf. Im Mittelpunkt meistens gegensätzliche Familien oder Einzelpersonen, die die Geschehnisse zur thematisierten Zeit gebündelt auf den Punkt bringen – so auch in „Deutsches Haus“. Die Protagonistin Eva Bruhns, mittlere Tochter einer Wirtshausfamilie, die die Gaststätte ‚Deutsches Haus‘ betreiben, arbeitet als Dolmetscherin und wird gebeten an einem wichtigen Prozess als Übersetzerin zu arbeiten. Es ist der erste Auschwitz-Prozess im Frankfurt der 1960er Jahre. Ihre Eltern und ihr Verlobter sind – aus unterschiedlichen Gründen – dagegen, doch Eva, die selbst noch nie etwas von diesem Ort gehört hat, nimmt die Stelle dennoch an und lernt von diesem Tag an Deutschland und die Geschichte des Landes mit anderen Augen zu sehen. Der Prozess wird sie und ihr Leben gänzlich verändern.

Der Schreibstil ist wohl strukturiert, mit pointiertem Witz und klugen Wortspielen wunderbar lesbar. Der Autorin gelingt es dadurch innerhalb kürzester Zeit ihren Figuren Leben einzuhauchen und ihnen Charakter zu geben. Scheinbar beiläufig streut sie Wesenszüge ein und lässt Bilder in den Köpfen der Leser*innen entstehen, ohne dass es zu gewollt wirkt. Obwohl man auf den ersten Seiten bereits zig Personen kennenlernt (plus Purzel, den Hund!), kann man sie beinahe mühelos auseinanderhalten. Auf mehreren Ebenen wird Spannung aufgebaut. Eva soll als Dolmetscherin in einem wichtigen Prozess mitwirken, dem ersten Auschwitz-Prozess in der Stadt. Dass das nicht gerade ohne ist und weitreichende Folgen haben wird, ist von Anfang an deutlich spürbar. Die Figuren entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen und ohne zu viel zu verraten, bieten sie damit konträre Ansichten, die ein reelles Bild unterschiedlicher Menschen und Auffassungen über das, was vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg geschehen ist, geben. Da ist Eva, die unbedingt verstehen will. Ihre Eltern, die etwas verbergen. Ihr Verlobter Jürgen, der versucht die Vergangenheit zu verdrängen. David Miller, der von Schuld geplagt schier wahnsinnig wird. Zeugen, die gebrochen nicht mehr weiterleben wollen oder können sowie weitere Figuren, die alle ebenjene Schuld – auf unterschiedliche Weise – gemeinsam haben. Die einen spüren sie gar nicht, die anderen übermächtig. Es ist mehr als interessant und spannend, wie Annette Hess die Schuldfrage eines ganzen Landes anhand einzelner Figuren aufbereitet und dies in einen Roman einfließen lässt, der lesbar und zugleich unterhaltsam ist, wobei ich mich mit dem Wort „unterhaltsam“ hier etwas schwer tue. Darf ein Roman unterhalten, wenn es um ein solch schweres Thema geht? Ich denke ja, sofern diese „Unterhaltung“ dem Zweck, nämlich des besseren Verständnis von Geschichte dient. Deshalb muss ich auch die ein oder andere Stelle im Roman bemängeln, die mir fast schon ein wenig zu kitschig oder am Thema vorbei geraten ist. Eine Liebesszene einzubauen passt eben nicht immer, auch wenn sie die Beziehung zwischen den Personen darstellen soll. Gegen Ende des Romans bleiben einige Fragen offen, die ich an dieser Stelle und ohne zu spoilern nicht näher erläutern kann, die aber darauf schließen lassen, dass die Geschichte in irgendeiner Form fortgeführt werden wird oder dass zumindest die Option besteht. Das ist ein bisschen schade, so wirkt der Abschluss trotz wichtigem und gut erzähltem Plot dennoch nicht vollkommen rund. Um doch ein Beispiel zu nennen: Was ist mit Annegret? Ihre Geschichte wirkt – ohne Fortsetzung – leider ein bisschen wie reingeschnitten. Spannend, ja, aber was genau hat das mit dem Rest zu tun, soll dies die Person Annegret näher erläutern? Wenn ja, es funktioniert, aber es wirkt wie ein eigener, nicht vollständig erzählter Plot. So oder so ähnlich gibt es ein paar Szenen, die den Gesamteindruck der 1960er Jahre vermitteln sollen, aber doch neben dem Hauptthema und dadurch, dass sie bloß angerissen werden, etwas verloren dastehen.

Für mich ist „Deutsches Haus“ ein Roman, der ein wichtiges Thema ins Gedächtnis ruft und aufbereitet, der das eigene Gedankenkarussell aufwirbelt und Raum zum Nachdenken gibt – und genau so soll es sein, wenn auch die Darstellung manchmal ein bisschen zu sehr in Richtung Unterhaltung tendiert.

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„Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ | Nathalie Boegel

Die 1920er Jahre sind eine faszinierende Zeit. Den Ersten Weltkrieg frisch überstanden wollen die Menschen leben und das Leben als solches genießen, doch dazu fehlt es oft am Nötigsten. Die Versuchung sich anderweitig als auf dem legalen Weg Geld und Arbeit zu beschaffen ist groß. Hinzu kommt das Gefühl der Verrohung, die der Krieg als Ganzes sowie einzelne Kriegserlebnisse bei Soldaten, Hinterbliebenen, Angehörigen & Zivilisten hinterlassen hat. Narben, die tiefer liegen als jede körperliche Kriegsverletzung. So ist es kein Wunder, dass die Goldenen Zwanziger auch eine dunkle Seite haben, denn es ist nicht alles Gold, was glänzt. Dass in dieser Zeit nicht nur getanzt, gelacht und gefeiert wird, ist also offensichtlich. Auch (oder vielleicht besser gerade) die Unterwelt boomt, Serienmörder treiben ihr Unwesen, Meisterdiebe bringen die Polizei an den Rand der Verzweiflung (trotz gerade neu entwickelter Kriminaltechniken) und Ringvereine bilden sich zu Mafia ähnlichen Gruppierungen heraus. Berlin gilt als Sammelbecken all dieser zwielichtigen Erscheinungen und Gestalten. Nathalie Boegel, Fernseh-Reporterin für SPIEGEL TV, befasst sich in „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanziger“ mit eben jenen spektakulären Kriminalfällen und gibt ein Bild dieser für uns heute gleichsam faszinierenden wie nicht mehr ganz greifbaren Zeit, auch wenn es sicher immer noch und immer wieder erschreckende Parallelen gibt.

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Das Buch ist in drei Teile gegliedert: die Zeit der Anfänge der Weimarer Republik (ab Ende 1918), die Goldenen Zwanziger Jahre und der Untergang der Weimarer Republik (bis in die 1930er Jahre hinein). Es befasst sich also – anders als der Titel verspricht – nicht ausschließlich mit den Goldenen Zwanzigern, sondern darüber hinaus mit der Zeit zwischen beiden Weltkriegen. Auch behandelt die Autorin nicht ausschließlich Kriminalfälle, sondern vor allem auch politische Intrigen, Revolten und Putschversuche. So kommt es, dass auf das Kapitel über den „Massenmörder vom Falkenhagener See: Friedrich Schumann“ ein Kapitel über „Die brutalen Folgen des Krieges“ folgt und dass auch Attentate auf Politikern ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Zwar ist alles anschaulich bebildert und mit Zitaten unterlegt, wirkt aber etwas unstrukturiert und teils zusammengewürfelt. Manch interessanter Sachverhalt wird dabei für mein Empfinden leider etwas zu schnell abgearbeitet, gerade die Kriminalfälle, während rein politische Themen im Vergleich eher ausschweifend und manchmal am Hauptthema vorbei beschrieben werden. Das ist ein wenig schade, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass hierfür wahrscheinlich mehr Recherchematerial vorhanden ist als für speziellere Kriminalfälle. „Berlin – Hauptstadt des Verbrechens“ würde ich daher als Einstieg in die Thematik sehen, nicht aber zur Vertiefung. Auch fehlt es dem Buch letztlich an Feinschliff, es scheint fast als habe das Lektorat hier gefehlt oder als ob die Zeit knapp geworden wäre. Manche Absätze machen überhaupt keinen Sinn, wirken wie an falscher Stelle hineinkopiert. Das ist furchtbar schade, denn so erweckt das Buch trotz genügend Potenzial den Gesamteindruck, als hätte es unnötig schnell noch auf den Markt geworfen werden müssen, um auf der Trendwelle „Babylon Berlin“ mitzusurfen. Ich kann mich damit arrangieren, aber es gibt mit Sicherheit einige Leser*innen, die sich darüber ärgern werden.

Nichtsdestotrotz finde ich die Mischung des Buches gelungen, interessant und spannend zu lesen. Besonders wenn man sich für die Zwanziger Jahre/die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen interessiert. Ich habe für mich einiges mitgenommen, worüber ich mich jetzt noch weiter informieren möchte. Zum Beispiel die Ringvereine, die Gebrüder Sass oder auch den bücherbesessenen Meisterdieb.

DVA Verlag | 287 S.

Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Noch ein Buch über Frida Kahlo, braucht das die (Buch)welt wirklich? Diese Frage stellt sich auch Autorin und Illustratorin María Hesse in der Einleitung ihrer erst kürzlich erschienenen Biografie über die berühmte Künstlerin mit den prägnanten Augenbrauen, die scheinbar alle (ja wirklich, alle) zu kennen meinen. In diesem „zu kennen meinen“ liegt zugleich Antwort wie Frage. Ja, wir brauchen noch ein Buch über Frida Kahlo, weil über sie zwar schon oft geschrieben worden ist, sich aber doch immer wieder der Blickwinkel ändert. Und, kann man jemals wirklich alles über eine Person wissen? Nein. Man meint bloß, man würde sie kennen. Doch, wer war denn dann nun diese Frida wirklich?

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Frida Kahlo war und ist ein Mysterium. Das war und ist (denn wahrscheinlich wäre das noch heute in ihrem Interesse) gewollt. Schon als kleines Mädchen baute sich Frida die Welt so, wie sie sie gerne gehabt hätte. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen in ihren Gedanken, ihrem Tun und später auch in ihrer Kunst. Sie schmückte ihr Leben mit Farbe und schwärzte hier und da etwas, was ihr unpassend erschien. Darin, so schreibt es auch Hesse, liegt gerade der Reiz. Niemand außer Frida selbst kann so genau wissen, was Realität und was Fiktion ist. Hesse, die ihr Pseudonym übrigens angelehnt an Hermann Hesse gewählt hat, erzählt nun in ihrer illustrierten Frida-Biografie das Dazwischen. Sie beschreibt weder das tatsächliche Leben noch das von Frida erfundene und erschafft so wieder eine ganz neue Welt, in der selbst vermeintliche Kenner noch etwas Neues entdecken können.

Ich muss ja zugeben, dass es mir etwas schwerfällt Worte für dieses großartige Buch zu finden, das nicht nur mit wohldurchdachten Kapiteln besticht, sondern vor allem durch so unglaublich passende und zarte Illustrationen, die die Aussagekraft der Texte noch unterstreichen oder gar hervorheben. Angefangen mit einem kurzen zeitlichen Überblick reisen wir mit Hilfe von María Hesse durch das Leben der Ausnahmekünstlerin. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sie spielt allein“ und könnte kaum treffender sein. Es folgen weitere Kapitel und somit wichtige Abschnitte in Fridas Leben, die da lauten: „Jugend und erster Unfall“, „Schmerz und Pinsel“, „Der Elefant und die Taube“, „Gringoland“, „Mein zweiter Unfall“, „Leo Trotzki“, „Surrealismus“, „Erinnere Dich an mich“, „Der verletzte Hirsch“ und „Der Traum“. Jede Seite ist liebevoll und detailliert von Hesse illustriert, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und wirklich: man verliert sich darin. Hesse malt nicht einfach irgendwas ab, nein, sie dichtet dazu, interpretiert neu und erschafft so ihre eigene Frida Kahlo, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen, denn ihre Bilder erscheinen genau richtig. Als ob sie Frida tatsächlich gekannt hätte. Dabei scheut Hesse nicht davor zurück, Dinge auszuprobieren und mit der Kunst zu spielen. Was dabei herauskommt ist eine wunderschöne, farbenfrohe, individuelle und kreative Biografie (es gibt sogar Diegos Mittagessen als Rezept!) über eine der stärksten, mutigsten und inspirierendsten Künstlerinnen der Welt. Meine persönlichen Highlights: eine Doppelseite über Dinge, die Frida Freude machten, das Gringoland-Kapitel (man achte bitte auf die kleinen Details), die Interpretation sowie Neuinterpretation einiger ihrer Werke, die Familienbilder und ach, so vieles, ich müsste das ganze Buch nennen. Tue ich jetzt auch, denn das ist eine Empfehlung, die absolut von Herzen kommt.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker | 143 Seiten | erschienen bei Suhrkamp / Insel

„Frida Kahlo Stilikone“ | Claire Wilcox (Hrsg.), Circe Henestrosa (Hrsg.)

Der Name „Frida Kahlo“ dürfte (und sollte!) vielen ein Begriff sein. Frida Kahlo, Künstlerin, Inspirationsquelle, Stilikone, gilt heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die sich nicht nur durch ihr Können, sondern auch durch ihren Mut auszeichnet. Mit 6 Jahren erkrankt Frida an Kinderlähmung und hinkt in Folge dieser Erkrankung ihr Leben lang, was sie nicht davon abhält dennoch alles so machen zu wollen wie andere Kinder auch. Später, mit 18, überlebt sie nur knapp einen Busunfall, dessen Folgen sie ihr Leben lang begleiten sollen. Immer wieder monatelang ans Bett gefesselt lernt sie ihren Gedanken, ja teils auch ihren Qualen, in der Malerei Ausdruck zu verleihen:

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich doch Flügel habe?“.

Ihre Erkrankung hält sie weiterhin auch nicht davon ab, Mexikos berühmtesten Künstler zu besuchen – der Rest ist Geschichte: Diego Rivera und Frida Kahlo werden ein Paar, der Elefant und die Taube. Eine Liebe, zu groß, um sie zu fassen, zu leidenschaftlich, um keine Krisen hervorzurufen. Sie hassen und sie lieben sich. All das findet man noch heute in Frida Kahlos Kunst, die nicht nur mit ihren Bildern etwas Unvergängliches geschaffen hat, sondern auch als Person im Gedächtnis bleibt. Ich selbst kam zwischen zehn und zwölf Jahren zum ersten Mal in Kontakt mit ihrer Kunst und war sofort fasziniert von den leuchtenden Farben, der starken Ausdruckskraft und dem Leid, das sich mit Schönheit gepaart bei ihr immer wiederfinden lässt. Frida Kahlo war (und ist) ein Gesamtkunstwerk, das zu begreifen nur im Ganzen funktioniert.

Frida Kahlo Stilikone von
Quelle: Prestel Verlag

Das Buch „Frida Kahlo Stilikone“, herausgegeben von Claire Wilcox und Circe Henestrosa wagt einen Blick durch das Schlüsselloch der Frida Kahlo, über ihre Bilder hinaus bis hin zu ihrer alles durchdringenden Selbstinszenierung, welche ein wesentlicher Bestandteil ihres durch und durch künstlerischen Lebens gewesen ist. Neben interessanten und klug verfassten Kurztexten, die einleitend die Person, den Mythos, die Stilikone Frida Kahlo beschreiben, finden sich hier jede Menge zeitgenössische Fotografien, die die Künstlerin u.a. in mexikanischer Tracht, kunstvoll hochgesteckter Frisur und bunten Accessoires im Haar (ein Markenzeichen) sowie farbenfrohem, auffälligem Schmuck zeigen. In unterschiedlichen Abschnitten findet sich eine Art Katalog ihres persönlichen Nachlasses aus Kleidung, Accessoires und anderen persönlichen Gegenständen zum darin Blättern, der (der Nachlass) jetzt nicht nur umfassend dokumentiert, sondern auch in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das hier vorliegende Buch kann man als eine Sammlung aus Fotografien des Nachlasses, der Person Frida Kahlo selbst, Abbildungen ihrer Gemälde und als Symbol ihrer Kunst verstehen. Eine gelungene Mischung, – wie ich finde -, die sich nicht nur mit den Bildern, sondern mit Frida Kahlo als Gesamtkunstwerk beschäftigt und so einen noch detaillierteren Blick auf diese mutmachende, starke, begabte und durch und durch inspirierende Frau wirft.

Prestel Verlag | 256 S. | 150 farbige Abbildungen

„Die Geschichte des Wassers“ | Maja Lunde

Als ich letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ las, war mir nicht bewusst, dass es sich hierbei um ein Klima-Quartett handeln würde. Vielleicht habe ich das nicht mitbekommen (das kommt vor, das Sachen unbemerkt an mir vorbeirauschen). Vielleicht wurde das aber auch erst nach dem riesigen Erfolg und der Aktualität des Themas – den uns alle betreffenden Klimawandel – beschlossen. Völlig gleich, ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass es ein neues Buch der Bienenkönigin gibt und hier geht es um ein anderes, aber nicht weniger wichtiges Thema: Wasser.

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In „Die Geschichte des Wassers“ verknüpft die Autorin wie schon in „Die Geschichte der Bienen“ mehrere Geschichten, Menschen bzw. Familien und Zeiten miteinander, die alle um ein wichtiges Thema kreisen.

Der Erzählstrang der ersten Ebene spielt 2017 in Norwegen. Dort macht sich die beinahe 70-jährige Umweltaktivistin Signe mit einem Segelboot auf eine riskante Reise zu Magnus, dem Mann, den sie mal sehr geliebt hat und jetzt zur Rede stellen will. Signe hat einen fürchterlichen Verdacht, der die Zerstörung der Gletscher betrifft.

Der Erzählstrang der zweiten Ebene spielt 2041 in Frankreich. Mittlerweile herrscht eine große, alles vernichtende Dürre in Südeuropa, weshalb die Bewohner gezwungen sind, in den Norden zu fliehen. Zwei der Flüchtenden sind David und seine Tochter Lou, die im Flüchtlingslager verzweifelt auf die Ankunft von Frau und Mutter bzw. Sohn und Bruder warten. Von Stunde zu Stunde wird ihre Hoffnungslosigkeit stärker, bis sie durch Zufall ein Segelboot entdecken. Signes Segelboot.

Die Autorin Maja Lunde verknüpft beide Ebenen, um dem oder der LeserIn zu zeigen, was passieren könnte, wenn wir weiter so mit unserer Umwelt umgehen. Feuer, Dürre, Hungersnot sind nur einige der vielen möglichen, von Menschen ausgehenden Katastrophen. Das ist ein gutes, ein äußerst wichtiges Thema und alleine deswegen lohnt es sich eigentlich schon, Lundes Bücher zu lesen. Aber – und ja, es folgt leider ein Aber -, überzeugt dieser zweite Band weitaus weniger als der erste. Woran mag das liegen? Ist das Thema nicht interessant genug? Auf keinen Fall! Was dann? Die „Probleme“, die sich für mich während des Lesens ergeben haben, sind zum einen der teils langatmige Plot um Signe, deren Lebensgeschichte in Rückblenden erzählt wird, welcher aber leider beinahe jegliche Spannung fehlt; und zum anderen die fast durchweg unsympathischen Figuren. David, bei dem man zwischendurch das Gefühl bekommt, er würde sich wünschen, er könne seine ihm verbliebene Tochter gegen seine Frau und seinen Sohn eintauschen. Signe, die irgendwie verbittert darüber berichtet, wie sie versucht hat, die Umwelt zu retten, es aber leider nicht geschafft hat und ja, was soll sie da machen. Resignieren. Hinzu kommt, dass die Umweltthematik teilweise nur so nebenbei läuft. Die Handlung trägt leider dieses wichtige Thema nicht oder anders ausgedrückt, die Thematik Wasser wird von einem flachen Plot ertränkt. Das ist unfassbar schade! Was ich aber dennoch betonen möchte, ist die Tatsache, dass man dennoch etwas mitnimmt. Man wird als LeserIn daran erinnert, wie wichtig der richtige Umgang mit Natur und Umwelt ist und welche Folgen der falsche Umgang für Klima, Natur und unser Miteinander haben können. Es liegt an uns, das zu retten, was möglich ist. Nicht erst morgen, sondern heute: jetzt.

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein | btb Verlag | 480 S.

„Anna und der Schwalbenmann“ | Gavriel Savit

Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Eine Kombination, die man seinem ersten Roman „Anna und der Schwalbenmann“ anmerkt, denn dieses Buch ist eine kunstvolle Mischung aus Fantasie, schwebender Traumwelt und bitterer Realität. Ein Hauch magischer Realismus umwabert diese Geschichte, die so traurig wie schön ist.

Krakau, 1939. Die Deutschen haben Annas Vater mitgenommen. Während das junge Mädchen bei dem Apotheker Dr. Fuchsmann auf ihn wartet, macht sich nicht nur in ihr ein dumpfes Gefühl breit, sondern auch in dem Apotheker: Angst. Darum schickt er sie fort, doch daheim wird vor verschlossener Wohnungstür eine bittere Ahnung zur Gewissheit: ihr Vater wird nicht wieder zurückkehren. Anna bleibt nicht viel mehr von ihm als ihre gemeinsame Vergangenheit und die zahlreichen Sprachen, die er ihr gelehrt hat. Voll Kummer irrt sie zurück zur Apotheke, doch Dr. Fuchsmann lässt sie – aus Angst – nicht mehr zu sich. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen. Sie und der etwas rätselhaft mysteriöse Mann mit den vielen Gesichtern und der Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, werden Weggefährten auf einer Reise voller Gefahren.

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Zugegeben, etwas merkwürdig ist es schon, dass das junge Mädchen einfach mit einem Fremden mitgeht, der ihr, ohne viele Worte zu verlieren, zu verstehen gibt, dass er – der Schwalbenmann, wie Anna ihn nennen wird – der einzige ist, der ihr helfen kann, der ihr ein Freund sein wird. Der Schwalbenmann hat ein gütiges Herz, ein liebevolles Wesen, aber auch eine dunkle Seite, die er lange versucht, im Verborgenen zu halten. Er lehrt Anna die Sprache der Straße, wo es keine Lügen gibt und die eigene Identität sich Tag für Tag ändern, der Umgebung anpassen kann. Sie sind Komplizen, verfügen über mehrere Pässe, sind mal Deutsche, mal Polen, nehmen sich das, was auf der Straße liegt und kneifen dabei die Augen zu. Die Toten können nicht urteilen. So durchleben sie den grauen Alltag des Krieges, an dem auch zu sonnigen Zeiten Wolken am Himmel sind. Es ist ein Buch, das auf philosophische Weise versucht, den Schrecken zu begreifen und bleibt dabei trotz wunderschöner Sprache doch manches Mal etwas vage. Man fragt sich: Wer ist der Schwalbenmann? Wer ist Anna? Und wo wollen sie hin? Auch die Umgebung bleibt in der Schwebe, der Schrecken des Kriegsgeschehens wird meist „nur“ angedeutet und taucht dann doch gegen Ende geballt auf – das kommt fast unerwartet. Dennoch, „Anna und der Schwalbenmann“ ist ein feines, ein zartes Buch, das viele weise Dinge sagt und mit Phantasie gegen das Grauen kämpft. Ein lesenswertes Kleinod.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz-Ventura | cbt Taschenbuch | 272 S.

„Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ | Gabriele Katz

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen aus der Reihe „Im Profil“ ein Gespräch zwischen Erich Maria Remarque und Friedrich Luft. Dieses Gespräch wurde 1962 aufgezeichnet, das Bild ist schwarz-weiß, man sieht lediglich Remarque sowie die Rückseite des Theaterkritikers Luft, neben dem Zigarettenqualm in grauen Wolken emporsteigt. Remarque wirkt sympathisch, intelligent, humorvoll. Er spricht wie er schreibt – ruhig und wohl überlegt – und nimmt so den ganzen Raum ein. Vor diesem Beitrag konnte ich die Faszination um Remarque (mal abgesehen von seinen Büchern) nicht so richtig nachvollziehen, danach schon sehr viel mehr. Seine Romane – ja! – sind großartige Werke, die besser nie in Vergessenheit geraten sollten, aber was machte Remarque so einzigartig und anziehend für Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard und viele mehr? Das zu verstehen, dazu hat Gabriele Katz „Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ geschrieben.

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Erich Maria Remarque gilt als einer der größten Antikriegsautoren, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt wurde. In Deutschland aber wurden seine Romane lange Zeit verboten, 1933 sogar öffentlich verbrannt und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zunächst emigrierte er in die Schweiz, um später in den USA aufgenommen zu werden. Im Exil lernte er neben anderen Exilautor*innen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler und Lion Feuchtwanger die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard u.a. kennen (und lieben). In kurzen Porträts stellt die Autorin Gabriele Katz die wichtigsten Frauen an Remarques Seite vor und zeigt dabei vor allem, dass das Grundmotiv seines Lebens die Unerfüllbarkeit der Liebe gewesen ist. Katz verknüpft biografisch Wissenswertes mit dem Entstehungsprozess seiner Werke und dem Einfluss der Frauen auf diese Texte sowie auf Remarques Leben. Auch sein familiärer Hintergrund wird beleuchtet und Zeiten, die weniger leicht, weniger einfach gewesen sind.

Insgesamt liegt der Fokus hier natürlich auf den Frauen, die Remarque begleitet haben. Nie konnte er ohne, aber auch nie wirklich lange mit ihnen. Es wird deutlich, dass dies auch eine Art Begleiterscheinung der politisch wie gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewesen ist. Diese Frauen haben Remarque geprägt und wesentlichen Einfluss auf sein Leben und damit verbunden sein Schaffen gehabt. Auf Seite 72 wird dann auch klar, warum das Buch den Titel „Liebe mich!“ trägt. Eine Anspielung auf einen von zahlreichen Briefen, die Remarque an Marlene Dietrich geschickt hat, in Anlehnung an Goethe. Ein klein wenig gestört habe ich mich an den Zusammenfassungen von Remarques Werken, in denen Katz teilweise mit einem Satz das Ende vorwegnimmt. Ja, es geht dabei um seine Beziehung zu den Frauen und inwiefern diese Einfluss auf Themen/Inhalte/Richtung dieser Werke gehabt haben, dennoch: wer die Bücher noch nicht alle gelesen hat, wird da vielleicht etwas enttäuscht sein. Auch hätte ich mir an manchen Stellen im Buch noch mehr Tiefe gewünscht, was wahrscheinlich mit der Neutralität der Autorin Gabriele Katz kollidiert wäre (von daher ist es gut so, wie es ist.) Denn nie wird Katz zu intim, sie bleibt stets bei den gegebenen Fakten und hat so ein interessantes, durchaus lesenswertes biografisches Buch über Remarque verfasst, das diesen Autor ein Stück weit zugänglicher, greifbarer erscheinen lässt, auch wenn er letzten Endes trotzdem ein Phänomen bleiben wird.

ebersbach & simon | blue notes, Nr. 72 | 144 S.

[Rezension] „Peach“ | Emma Glass

„Peach“ ist der Debütroman der in England lebenden Krankenschwester Emma Glass. Und dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt, mag man angesichts der sprachlichen Kraft kaum glauben. Es ist kein Buch, das locker-leicht daherkommt. Es rüttelt, es sticht, es brennt, es tut weh.

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In einer lyrischen, rhythmischen Prosa schreibt die Autorin von der Schülerin Peach, deren Leben durch Vergewaltigung aus den Fugen gerät. Blut strömt ihre Beine herab, „[p]lump klebt klebrig nasse Wolle“ an ihrer Haut, „[d]er Geruch von verbranntem Fett verstopft [ihre] Nasenlöcher“ und trotzdem wankt sie nach Hause. Nach Hause, zu ihren Eltern. Zu ihren Eltern, die nichts bemerken. Die nichts bemerken, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Peach muss sich allein helfen, um wieder zur Schule zu gehen, um ihren Freund Grün zu treffen, um zu funktionieren – und dabei stellt sie fest: einfach so wieder zu funktionieren, sich wieder Ganz zu fühlen ist unmöglich, wenn einen nachts die Bilder verfolgen, wenn der Geruch von verbranntem Fett in der Nase aufquillt, wenn der Bauch vermeintlich immer praller wird. Gedemütigt und verängstigt fasst sie einen grausamen Entschluss.

Nie wird explizit ausformuliert, was passiert ist, es geht immer um das Danach, aber das beschreibt die Autorin in einer kraftvollen, poetischen und lautmalerischen Sprache, die am ganzen Körper vibriert und einem schier den Boden unter den Füßen wegzieht. Noch stärker wirken die Worte laut ausgesprochen, dabei garantiert schon alleine der Anfang Gänsehaut:

„Plump klebt klebrig nasse Wolle. Klebt. Windet sich um Wunden, schließt Schnitt um Schnitt mit jedem Schritt, an der Wand entlang; meine Hand, behandschuht, schrammt daran.“ (Peach v. Emma Glass, S. 7)

Hier entfaltet sich auf wenigen Zeilen eine ganze Welt um ein schreckliches Erlebnis, das beim Leser eine enorme Bandbreite an Emotionen hervorruft, welche sich schwer in Worte fassen lässt. Dabei gelingt es Sabine Kray, der Übersetzerin des Textes, den Rhythmus und die Dynamik der Autorin genau einzufangen, sodass die sprachliche Eigenart auch übersetzt wirken kann. Es ist ein düsteres Thema, über das Emma Glass schreibt, das wird auch in ihren Formulierungen deutlich, die sehr intensiv sind und den Leser teilweise an seine Grenzen bringen, aber eines, das nicht im Dunkeln bleiben darf. Fantasie und Realität verschwimmen, der Leser taucht tief in die persönlichen, oft sehr wirren, Gedankengänge von Peach ein – und das ist nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar ekelhaft, aber das ist wichtig und richtig und gut. Sicher ist diese Art des Schreibens eine spezielle, die nicht jedem gefallen wird, aber für mich ist es trotz leichter inhaltlicher Schwäche im Mittelteil eines der großartigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

aus dem Englischen übersetzt von Sabine Kray | Edition Nautilus | 125 S.