[Rezension] „Sonne und Beton“ | Felix Lobrecht

Gibt man in diesem Internet in die Suchmaske bei Google „Felix Lobrecht“ ein, findet man unter anderem jede Menge lustige Videos, Links zu Comedyseiten und -netzwerken und seine eigene Homepage. Klickt man auf Letzteres, springt einem ein großes Foto von ebenjenem Felix Lobrecht entgegen. Ein bisschen weiter nach unten gescrollt steht da: „Felix Lobrecht ist lustig. Außerdem schreibt er Bücher.“ – und damit wäre dann wohl alles geklärt. Sprich, so viel zu seinem Humor und zu dem, was er macht, denn Felix Lobrecht ist (so steht es auf der Autorenwebseite des Verlages) Stand-Up-Comedian, einer der erfolgreichsten Slampoeten und jetzt eben auch: Autor.

„Sonne und Beton“ ist Felix Lobrechts erster Roman und schlägt etwas andere, irgendwie ernstere Töne an als man vielleicht erwarten würde. Eins schon vorweg: ich bin positiv überrascht!

Processed with VSCOcam with t1 preset

Vier Jungs im Berlin Neuköllner Sommer. Ihr Alltag besteht aus Sprüche klopfen, Schule schwänzen, kiffen, hier und dort mal eine Schlägerei, hier und dort mal etwas mitgehen lassen. Ihr Alltag besteht aber auch darin, all die persönlichen, oft nicht gerade kleinen Probleme zu bewältigen. Von Problemen in der Familie, über Geldsorgen bis hin zum Gefühl, von niemandem ernst und/oder unterstützt zu werden – am wenigsten von Lehrern, die oft hilflos und eingeschüchtert zusehen. Der Plan der vier Jungs: sich so durchboxen. Eines heißen Sommertages beschließen sie jedoch etwas „Größeres zu reißen“. Eine Entscheidung, die Folgen haben wird. Für jeden auf andere Weise.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Lukas erzählt, der bei seinem alleinerziehenden Vater lebt. Lukas großer Bruder (das Vorbild) ist längst ausgezogen, macht irgendwie sein eigenes Ding, was genau, erfährt man nicht, man mag es aber ahnen. Ein Neuköllner Paradebeispiel. Die Erzählweise vermittelt eine gewisse Authentizität, eine Möglichkeit zu verstehen, wie das Leben in Neukölln wohl so ist (wenn man es nicht schon selbst kennt). Die Sprache, die Felix Lobrecht nutzt, dient eben jener Authentizität. Sie ist flapsig, sie ist derb, sie ist echt (wenn auch für einige bestimmt zunächst gewöhnungsbedürftig). Ungefähr so hört es sich aber an, wenn man in bestimmten Gegenden einer Großstadt – hier natürlich Berlin Neukölln – aufgewachsen ist. „Alter“, „Dicker“, „Shu“, „Dings“ und, klar, es wird berlinert. Lobrecht schlägt aber auch leisere Töne an, zum Beispiel, wenn Lukas über sein Leben nachdenkt, wenn er versucht, irgendwie wieder hinzubiegen, was er verbockt hat. Der harte Sound des Berliner Ghettos trifft auf die leisen Gedanken der Jungs, die eigentlich alle nur eines wollen: irgendwie was aus sich machen. Die Realität in Berlin Neukölln ist keine weichgezeichnete Welt von hilfsbereiten Menschen und einer Portion Glück, sondern vielmehr ein trister Alltag, dem man nur mit viel Mut und Stärke begegnen kann. Lobrecht schafft es, diesen ganz eigenen Sound wiederzugeben und bleibt dabei verdammt ehrlich. Absolut lesenswert!

Weiterführende Links:

http://www.resonanzboden.com/unterwegs/neukoelln-ist-home-felix-lobrecht-gespraech-bezirksbuergermeisterin-franziska-giffey/

http://felixlobrecht.de/

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 224 S. – ISBN: 978-3-96101-002-8

[Rezension] „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ | Marlon James

Marlon James ist ein Wahnsinnstyp. Anders kann ich ihn (unbekannterweise) gar nicht beschreiben – und das meine ich positiv! Oder doch: Marlon James ist ein Wahnsinnsautor. Er schreibt kraftvoll, energisch, aber zugleich beinahe poetisch in einer rauen Sprache, die einem den Atem raubt. Das ändert sich auf keiner der über 850 Seiten, womit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ alles andere als eine kurze Geschichte ist.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Wie gibt man nun den Inhalt eines Buches wieder, das sowohl politisch als auch gesellschaftlich so viel vorzuweisen hat, das einem fast der Kopf brummt (aber auf gute Weise!)? Vielleicht zunächst mit dem Dreh- und Angelpunkt des Romans: Der Anschlag auf Bob Marley vom 03.12.1976. An diesem besagten Tag dringen sieben Unbekannte in das Haus Marleys und seiner Frau Rita ein. Es folgen Pistolenschüsse. Bob Marleys Manager wirft sich über den Sänger und fängt somit die schlimmsten Schüsse ab. Auch Rita wird verletzt. Marley selbst kommt mit leichten Verletzungen davon und steht kurze Zeit später für ein Friedenskonzert auf der Bühne. Welche Gründe hinter der Tat stecken oder wer die Männer sind, die auf Marley geschossen haben, bleibt unklar. Vermutlich ist der Überfall politischer Natur, ein Ausdruck von Bandenrivalitäten, die von je unterschiedlichen politischen Gegnern unterstützt werden. Denn: Wenige Tage nach dem Anschlag sind Wahlen angesetzt und Bob Marley soll eine Verbindung zu dem Staatschef gehabt haben.  (Quellen: hier  und hier )

Dies bildet den Mittelpunkt des Romans. Bob Marley, der im Buch immer nur „Der Sänger“ genannt wird, das Attentat auf ihn, mögliche Hintergründe dafür und ein Stimmungsbild Jamaikas, welches beispielhaft an dem Anschlag festgemacht wird bzw. sich um diesen herum manifestiert. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist Politthriller, Krimi, Historie, Fiktion und sprachlicher Reggae. Knapp 80 Personen erzählen aus ihrer Perspektive vom Jamaika der 70er und 80er, von Drogen, Gewalt, Homophobie, Korruption und politischen Intrigen – nicht selten sind diese Erzähler Mitglied in einer Gang. Ebenfalls nicht selten sind sie bereits tot, denn beinahe alle sieben Seiten stirbt eine Person, noch viel häufiger geht es gewaltsam zu. Die Sprache ist hart, sie ist rau, sie ist ehrlich. Manche Sätze klingen wie Reggae-Musik, manche sind einfach nur brutal (aber eben authentisch). Trotz vieler Slang- und Ghettoworte (z.B. „Bombocloth“, „Gunman“, „Dawta“, „Battyboy“), ist es nicht schwierig zu verstehen, was gemeint ist. Auch wenn es im Anhang ein Glossar dieser Wörter gibt, schaut man eher selten nach, denn Marlon James schafft es, diese praktisch im Kontext zu erklären. Das muss man erst mal können!

Die Sätze reihen sich oft nahtlos aneinander und greifen ineinander über, Satz für Satz, Wort für Wort. So entsteht eine atemlos machende Dynamik und Spannung. Marlon James verwendet keine Anführungszeichen in wörtlicher Rede, sondern einen fließenden Übergang. Wenn ein Gespräch besonders betont werden soll, steht es Zeile für Zeile, mit einem Spiegelstrich markiert, so dass man als Leser|in gleich merkt: Aha. Hier wird es jetzt aber besonders interessant!

Die Sprachgewaltigkeit und Kunstfertigkeit des Autors machen dieses Buch zu einem sogartigen Leseerlebnis, auch wenn der Inhalt oft verwirrend und nicht unbedingt leicht verständlich, geschweige denn leichte Kost ist. Es fällt mir sogar schwer, den Inhalt konkret wiederzugeben, es passiert einfach so viel, aber irgendwie ist das in diesem Fall auch gar nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht. Der Roman trägt einen auch so in ein faszinierendes Leseerlebnis, das teils ohnmächtig macht, angesichts dessen, was alles geschieht.

Mit dem Empfehlen wird es jetzt etwas schwierig, nicht, weil dieser Roman nicht empfehlenswert ist (Im Gegenteil! Marlon James hat meiner Meinung nach auch völlig zurecht den Man Booker Prize für dieses beeindruckende Werk gewonnen!), sondern weil das Buch nicht für jeden geeignet ist. Zum einen aufgrund der Gewalt, die aber nun mal Bestandteil der Authentizität und der Geschichte ist und zum anderen aufgrund des Verwirrtheitsgefühls, welches beim Lesen doch schon öfter mal auftritt. Da darf man keine Angst vor haben, wenn man eventuell nicht alles 1 zu 1 versteht – soll man vielleicht auch gar nicht, wenn man nicht tief in der Materie steckt, aber doch wühlt der Roman auf und, auch wenn ich mich wiederhole, die Sprachgewalt Marlon James besticht so sehr, dass allein das Grund genug ist, zumindest mal reinzulesen (und wahrscheinlich bleibt ihr dann im Buchsog stecken!).

Hier und hier findet ihr interessante Interviews mit Marlon James.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze – Heyne Hardcore – 864 S. – ISBN: 978-3-453-27087-9

 

 

[Rezension] „Die Geschichte der Bienen“ | Maja Lunde

Maja Lunde ist eine norwegische Autorin, die in ihrem Heimatland vor allem für ihre Dreh-, Kinder- und Jugendbücher bekannt ist. „Die Geschichte der Bienen“ ist nun ihre Premiere auf dem Gebiet der erwachsenen Literatur – und ein Erfolg auf ganzer Linie. Erst national, denn „Die Geschichte der Bienen“ stand lange Zeit auf der norwegischen Bestsellerliste und wurde sogar mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis prämiert, und nun international. In Deutschland steht „Die Geschichte der Bienen“ nämlich aktuell auf Platz eins (!) der Spiegel Bestsellerliste. (Stand: 21.05.2017).

Dabei ist der Titel erst einmal irreführend, lässt er doch irgendwie eher an ein Sachbuch als an einen Roman denken. Wobei, ganz so irrig ist diese Annahme auch wieder nicht, denn Maja Lunde verknüpft in „Die Geschichte der Bienen“ feinfühlig und gekonnt wissenswertes über die Bienen und mögliche Umweltszenarien anhand fiktiver historischer Beispiele mit einzelnen Familienschicksalen. Klingt kompliziert? Ist es gar nicht.

Processed with VSCOcam with t1 preset

In „Die Geschichte der Bienen“ taucht der|die Leser|in in drei Erzählstränge ab, die später miteinander verknüpft werden. Wir befinden uns sowohl zeitlich als auch örtlich in unterschiedlichen Bereichen:

Tao – Zukunft

„Die Geschichte der Bienen“ beginnt mit der Arbeiterin Tao in China, 2098. Ihre Aufgabe besteht darin, Bäume von Hand zu bestäuben, weil Bienen längst ausgestorben sind. Sie hat kein einfaches Leben und wünscht sich nichts mehr, als eine sorgenfreie Zukunft für ihren Sohn Wei-Wen und ihre kleine Familie. Doch diese Zukunft scheint auf dem Spiel zu stehen, die Natur und alles mit ihr ist im Begriff zu verfallen – und dann hat Wei-Wen einen schrecklichen Unfall, der Tao mitten in den Sturm ziehen lässt, um für ihn, für sich, für die Natur und Zukunft zu kämpfen.

George – Gegenwart

Mit dem Imker George befinden wir uns als Leser|in in Ohio, 2007, zu einer Zeit, in der das Bienensterben einen Namen bekommt: CCD – Colony Collapse Disorder. George ist engagiert, steht hinter seinem traditionsreichen Hof und versucht trotz Kapitalismus auf Ökologie zu setzen. Er hofft auf Unterstützung von seinem Sohn, welcher jedoch den Traum vom Journalismus verfolgt. George ist frustriert, fühlt sich im Stich gelassen und als dann noch die Bienen verschwinden, steht er scheinbar vor einer unüberwindbaren Mauer. Er muss sich nun entscheiden, ob er weitermachen oder seinen Traum verbunden mit jahrelanger, harter Arbeit aufgeben wird.

William – Vergangenheit

Gemeinsam mit dem Biologen und Samenhändler William reisen wir nach England ins Jahr 1852. William ist deprimiert, er fühlt sich als Versager, weil er weder sein Geschäft am Laufen halten kann, noch andere Forscher und Wissenschaftler von seinen Ideen und Projekten überzeugen kann. Seine Hoffnung ruht auf seinem Sohn Edmund, der sich aber leider als – in Williams Augen – Taugenichts entpuppt. Dafür hat seine kluge Tochter Charlotte viele Ideen, die auch Williams Forschergeist wieder auf Trab bringen. Es soll ein völlig neuer Bienenstock entwickelt werden.

Drei verschiedene Zeiten. Drei verschiedene Orte auf der Welt. Je ein Kapitel. Doch alle sind verbunden durch eine kleine summende Spezies: Bienen. Wie wichtig Bienen für Umwelt, Natur und den Stoffwechsel des Lebens sind – nicht nur aus biologischer Perspektive, sondern auch gesellschaftlicher – ist etwas, das leider oft in Vergessenheit gerät, auch wenn es schon oft thematisiert worden ist. Maja Lunde gelingt es feinfühlig, dies wieder in unser Bewusstsein zu bringen. Sie schreibt spannend von unterschiedlichen Leben, Familien, die alle ihr eigenes Schicksal im Zusammenhang mit Bienen haben und irgendwie sogar über die Jahre miteinander verbunden sind. William taucht bei George auf – als derjenige, der den Bienenstock revolutioniert hat; George und sein Sohn Tom tauchen bei Tao auf – als diejenigen, die als erstes vom CCD in den USA betroffen gewesen sind und irgendwie taucht dort auch William auf – wiederum durch die Revolution des Bienenstocks. Auch wenn im Mittelteil des Buches mal ein wenig Flaute herrscht, weil es sich ein kleines bisschen zieht, hat es mir das Buch sehr angetan. Vor allem die Geschichten um Tao und George lesen sich sehr gut und man möchte unbedingt wissen, wie es nun weitergeht.

Williams Geschichte ist gleichwohl interessant, aber er wirkt als Figur teilweise etwas unsympathisch auf mich, vor allem aufgrund seines Verhaltens gegenüber Frauen, was sich selbstverständlich durch die Zeit, in der er lebt, erklärt. Nichtsdestotrotz ist dies ein Grund, warum mir persönlich das Lesen der William-Kapitel etwas weniger Spaß gemacht hat, auch wenn sie enorm wichtig und interessant für den Fortgang der Geschichte sind.

Das erste und das letzte Drittel des Romans sowie die wichtige Message des Buches haben mich vollkommen überzeugen können. Maja Lunde schreibt nicht belehrend, aber sie regt dennoch zum Umdenken (wenn es nicht eh schon geschehen ist) an. Nämlich dazu, sich näher mit den Geschöpfen unserer Natur auseinanderzusetzen und nicht kompromisslos auf Profit oder Eigenwohl zu setzen. Es ist das, was zwischen den Zeilen steht, was nachsummt. Ein wichtiges, ein kluges, ein interessantes Buch, das zudem unterhält. Ein absolutes Frühjahrshighlight.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein – btb Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-75684-1

[Rezension] „Das Rauschen in unseren Köpfen“ | Svenja Gräfen

Über die Liebe und die damit verbundenen Gefühle schreiben kann beinahe jede|r, weil das fast jede|r in irgendeiner Form selbst schon mal erlebt hat. Dieses auf und ab, dass einem ganz schwindelig und schlecht wird. Dieses neben sich stehen, von Emotionen übermannt und teils völlig aus der Bahn geworfen sein. Über die Liebe schreiben und dabei unaufgeregt, aber doch zärtlich und poetisch mitten ins Herz zu treffen, das kann nicht jede|r, Svenja Gräfen dafür umso mehr.

In ihrem Roman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ schreibt sie von Lene und Hendrik, einer solchen (gar nicht mal so seltenen) Zufallsbegegnung, aus der Liebe wird. Die erste ganz große, die einfach passiert und alles ändert. Das Denken, das eigene kleine Leben und die Verbindung zu Personen, die man kennt, die einem vertraut sind. Die erste große Liebe, an die man sich sein Leben lang erinnern wird. Weil sie so schön und gleichzeitig so schmerzvoll ist. Weil sie so unecht erscheint und doch so real ist.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Beinahe rauschvoll stürzt sich Lene in ihre Beziehung zu Hendrik, der ihr Halt gibt, aber doch immer ein kleines bisschen fremd bleibt. Manchmal, da verbringen sie viel zu viel Zeit miteinander. Manchmal wiederum wartet Lene auch stundenlang auf eine Nachricht. Irgendwas ist da, verborgen, heimlich auf der Lauer, um vielleicht alles zu zerstören, was doch gerade so schön zu sein scheint. Denn irgendwann tauchen aus den Untiefen Hendriks Vergangenheit kleine, aber umso wichtigere Details auf. Der Tod seines Vaters, der die ganze Familie und vor allem Hendrik geprägt hat. Und Klara. Immer wieder Klara. Eine Traurigkeit, die mehr ist als das, wandert in „Das Rauschen in unseren Köpfen“ von Person zu Person, droht diese zu ersticken, von innen zu packen und sie beinahe zu zerreißen. Aber das Leben schreitet unaufhaltsam voran, egal, wie gut oder schlecht es Lene und Hendrik gerade geht. Egal, wie sehr die beiden auf die Stopp-Taste drücken möchten. Ein moderner, hochaktueller Roman, der ans Herz geht.

Abwechselnd – mal Gegenwart, mal Lenes Vergangenheit, mal Hendriks Vergangenheit, offenbart Svenja Gräfen eine Liebes-, Freundschafts- und Familiengeschichte, die authentisch, die greifbar ist und die nahegeht, weil sie die Seele in einen Schraubstock packt und einen an gestern, an morgen, an das, was war, was ist und was sein könnte denken lässt.

Das klingt dramatisch, dabei bleibt Svenja Gräfen immer dezent undramatisch, wodurch der Roman an Stärke gewinnt. Vor allem wird sich wohl die Generation 20+ hier wiederfinden und öfter mal an das eigene Leben erinnert fühlen. Aber auch alle anderen Leser|innen werden sich alleine schon an der wunderbaren Sprachfarbe erfreuen können. Absolute und ganz klare Leseempfehlung, weil das Buch etwas mit einem macht, was beinahe unbeschreiblich ist. Und bitte Zeit einplanen, man legt es nämlich nicht mehr aus der Hand.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 240 S. – ISBN 978-3-96101-004-2

[Rezension] „89/90“ | Peter Richter

Peter Richters Roman „89/90“ wurde 2015 für den Deutschen Buchpreis nominiert und ist kürzlich als Taschenbuch im btb Verlag erschienen. Der Roman ist autobiografisch aus der Perspektive eines Jugendlichen geschrieben, der das Ende der DDR bis hin zur deutschen Wiedervereinigung beschreibt. Chaotisch. Turbulent. Lebensnah.

IMG_1456

„Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf – damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die »Flics« auf der »Rue«, die Konzerte im FDJ-Jugendklub »X. Weltfestspiele« oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie »Kiste« nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.

Sie sind die Letzten, die noch »vormilitärischen Unterricht« haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden?“ (Aus der Beschreibung des Buches entnommen, da es so passend ist. Quelle: hier)

Der Ich-Erzähler schildert in kurzen Episoden das Leben einer jungen und rebellischen Generation zur Zeit der Wende. Die Namen der Personen bleiben abgekürzt, was die Anonymität der Figuren bewahrt (obwohl der Autor im Vorfeld deutlich macht, alle Figuren seien reine Fiktion), gleichzeitig aber auch Distanz herstellt, was es einem als Leser|in schwer macht, den Personen „näher“ zu kommen und Sympathien aufzubauen. So bleiben sie immer zum Teil etwas abstrakt und weniger greifbar, aber auch interessant. Durch die Anonymität wird gleichzeitig die Neugierde geweckt, so als würden die Figuren ein Geheimnis bewahren, denn, wenn man etwas vermeintlich nicht wissen soll, möchte man es doch umso mehr.

Nicht nur die episodenhafte Erzählung, auch die vielen Anmerkungen zum Autor lassen den Leser immer wieder innehalten. Tendenziell hat mir das außerordentlich gut gefallen, an manchen Stellen hätte ich mir jedoch gewünscht, einfach weiterlesen zu können, ohne erst den Anmerkungen folgen zu müssen. Das kann man schon machen, sollte man aber vermeiden, denn oft werden nicht bloß einfach Begriffe erklärt, sondern auch persönliche Anekdoten eingestreut.

Der ganze Erzählstil vermittelt eine Unmittelbarkeit, die einem das Gefühl gibt, man wäre entweder dabei gewesen oder aber man erkennt sich bzw. viel Bekanntes wieder. Das ist es, was „89/90“ ausmacht. Es gibt das Gefühl einer ganzen Generation wieder, nicht nur durch Wort und Schrift, sondern durch Erlebnisse und ganz, ganz viel Musik. Dadurch, dass der Roman autobiografisch ist, Richter also selbst Teil dieser „Wende-Generation“ ist, steckt unglaublich viel Detail und Detailwissen in dem Buch, weshalb ich es gerne gelesen habe. Auch wenn ich erwähnen muss, dass es mir manchmal etwas schwerfiel, dem Buch zu folgen. Eben aufgrund der Episodenhaftigkeit, der gekürzten Namen, der Anmerkungen und der Längen, die die Geschichte ab und an aufweist. Trotzdem fand ich es erlebnisreich, die Zeit des Umbruchs aus einer anderen Perspektive zu lesen und nicht nur aus elterlicher Sicht ein paar Geschichten erzählt zu bekommen. Von daher empfehle ich „89/90“ jedem|jeder, der|die sich für diese Zeit interessiert, ob nun aus eigener oder keiner Erfahrung heraus, denn das Buch vermittelt nicht nur politische Einblicke, sondern vor allem sehr viel Persönliches. Und: die Musik! (Hier geht es zur Playlist 89/90).

Vielen herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

btb Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-442-71465-0

[Rezension] „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ | Boris Friedewald

Ein Vorhaben für 2017, von dem ich – soweit ich mich erinnern kann – noch nicht auf dem Blog berichtet habe, lautet: Mehr Biographien, Sachbücher und Kunstbände zu lesen bzw. zu studieren.  Bisher klappt das so mittelmäßig bis gut. Immer mal wieder ist eines dabei, ungefähr so einmal im Monat, aber das ist ok. Zwischendurch blättere ich gerne in meiner bescheidenen Kunstbuchsammlung und vor allem in Büchern von und über Frida Kahlo (die mich schon seit etlichen Jahren fasziniert und begeistert). Es soll aber heute nicht um Frida, sondern um Maria Sibylla Merian gehen, einer mutigen, eigensinnigen und erstaunlichen Frau aus dem 17. Jahrhundert.

IMG_1121

In „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ von Boris Friedewald (mit Begeisterung habe ich bisher „Dalís Bärte“ und „Die Tiere von Picasso“ gelesen) erzählt der Autor die fesselnde Geschichte von Sibylla Merians Leben anhand ihrer größten Leidenschaft: Schmetterlinge.

Sibylla Merian wächst zu einer Zeit auf, in der der Natur, dem Getier, den Insekten, wenig Beachtung geschenkt wird, aber umso mehr Gott, als dem Schöpfer der Natur. Diese Insekten, vor allem Raupen, sind aber das größte Hobby der 1647, im Dreißigjährigen Krieg, geborenen Sibylla. Ihr Vater, der Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian, stirbt, als sie gerade drei Jahre alt ist. Ihre Mutter, Johanna Katharina Sibylla Heim, heiratet daraufhin den Blumenmaler Jacob Marrel, der nach einigem hin und her, vor allem seitens Sibyllas Mutter (man bedenke die Stellung der Frau zu dieser Zeit!) die Ausbildung seiner Stieftochter zur Malerin und Kupferstecherin befürwortet. Diese ist unfassbar begabt und übertrifft sogar ihren Lehrer. Doch nicht nur das. Sibylla ist fasziniert von diesen geheimnisvollen Wesen, den unterschiedlichen Tieren und Insekten, allen voran den Seidenraupen und deren Metamorphose. Sie fängt bereits im Kindesalter an, die Entwicklung der Insekten zu erforschen, indem sie sie beobachtet und jedes einzelne Stadium naturgetreu zeichnet und beschreibt. Es entstehen zahlreiche Skizzen und Zeichnungen, die Sibylla unter anderem 1679 in dem ersten Teil ihres Raupenbuchs mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“ festhält und publiziert. Ein waghalsiges Unterfangen, da Wissenschaft und Forschung diesbezüglich gerade erst im Wandel sind und Sibylla als weibliche Forscherin viel Größe und Mut beweisen muss.

IMG_1123

Wir erfahren in „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ nicht nur viel historisch interessante und wissenschaftliche Fakten zu der Zeit, in der Sibylla Merian aufwächst und lebt, sondern auch über ihr Privatleben. Vieles lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren, aber eines ist sicher: sie muss eine unglaubliche Frau gewesen sein. Das macht der Autor Boris Friedewald wortgewandt und mit den passenden Abbildungen mehr als deutlich. Es macht sehr viel Spaß, sich durch die einzelnen Stationen Sibyllas zu blättern, zu lesen und zu schauen, denn ihre Skizzen und Malereien sind nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch noch wunderbar anzusehen. Gelungen finde ich auch die kurze Zusammenfassung zu Sibylla Merians Lebensstationen und ihrer wichtigsten Werke, die man am Ende des Buches findet.

Ich finde dieses kleine und wunderschöne Buch rundum gelungen und empfehlenswert und werde mit Sicherheit noch das ein oder andere Mal hineinschauen, um mich in die Zeit der Sibylla Merian, der Schmetterlingsfrau, zu verlieren.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Prestel Verlag – 166 S. – 70 farbige Abbildungen – ISBN: 978-3-7913-8148-0

 

[Rezension] „Altes Land“ | Dörte Hansen

„Altes Land“ von Dörte Hansen war der Überraschungserfolg in 2015 und ist nun kürzlich bei Penguin im Taschenbuch erschienen. Bereits im Ersterscheinungsjahr (als Hardcover im Knaus Verlag) fiel es mir immer wieder durch sein ansprechendes Cover auf, vor allem aber wohl auch, weil es so unfassbar viele gelesen haben und diese Leser|innen durchweg begeistert waren/sind. Klar, dass da auch ich neugierig geworden bin. Ich nehme die Pointe aber schon mal vorweg: Ich bin nicht ganz so angetan von dem Buch. Warum, wieso, weshalb, das erkläre ich weiter unten in der Besprechung.

IMG_0889

Vera lebt seit 1945 auf einem Bauernhof im Alten Land, wo sie sich weder richtig wohl, noch unwohl fühlt. Sie ist als Flüchtling, als „Polackenkind“, mit ihrer Mutter auf den Hof gekommen und noch heute kann und will sie diesen nicht verlassen. Dinge, Erinnerungen, Menschen aus der Vergangenheit halten sie und ihr Herz dort fest. Circa sechzig Jahre später klopft es an der Tür und ihre Nichte Anne aus dem schicken Hamburger Stadtteil Ottensen steht samt Sohn und Gepäck davor. Zwei Flüchtlinge, wie einst sie selbst einer gewesen ist (wenn auch aus anderen Gründen), um Hilfe suchend und um einen Neuanfang bemüht. Können aus Vera, der einsamen, aber resoluten älteren Dame und Anne, der gedemütigten, aber um Stolz ringenden jungen Mutter sowas wie eine Familie werden?

Dörte Hansens Debütroman besticht durch seinen bissigen, fast schon zynischen Blick auf die Figuren, deren Leben und prinzipiell die ganze Gesellschaft. In „Altes Land“ begleitet der|die Leser|in hauptsächlich die beiden Protagonistinnen Vera und Anne, doch immer wieder finden sich neue Figuren im Erzählstrang ein, was vor allem dazu dient, einerseits das Alte Land und andererseits die „modernere“, „feinere“ Hamburger Gesellschaft zu charakterisieren und ein Kontrastbild zu erschaffen zwischen Jung und Alt, Modern und Traditionell, Schnelllebig und Stabil. Das gelingt Hansen sehr gut, doch an manchen Stellen habe ich da etwas den Faden verloren, wusste nicht mehr ganz, wo ich jetzt bin, von wem genau die Rede ist etc. Das hat sich aber meistens relativ schnell aufgelöst und kann daher also nicht wirklich als großer Kritikpunkt gezählt werden, wobei ich mich doch fragen muss, wo manche Figuren hin sind und was mit ihnen geschehen ist. Vielmehr hatte ich jedoch Schwierigkeiten mit Hansens Schreibstil, der sicher sehr gut und wohl gewählt (vor allem dem Text angepasst) ist, mich aber nicht mitreißen konnte. Hansen schafft es authentisch die Starrköpfigkeit der Bewohner des Alten Landes rüberzubringen, dazu bedient sie sich immer mal wieder des Plattdeutschen, welches ich sonst nur von meinen Großeltern her kenne. Um die „schicke“ Hamburger Szene zu beschreiben, nutzt Hansen oft stereotype Beschreibungen (nicht negativ gemeint!) von z.B. „Helikopter-Müttern“ oder „Ökos“ etc. Obwohl beide Welten absolut authentisch wiedergegeben werden, konnte mich Hansen auch inhaltlich nicht überzeugen, ich bin mit der Geschichte nicht richtig warm geworden. Lange habe ich überlegt, woran das wohl gelegen haben könnte und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht zur Zielgruppe des Buches gehöre. Ich habe mich schlichtweg „zu jung“ gefühlt, auch auf die Gefahr hin, dass sich das vielleicht schräg anhört. Einige Stellen im Buch haben mir sehr gut gefallen, andere haben mich furchtbar genervt (hauptsächlich die Hamburger Szenen). Vielleicht, weil das mittlerweile schon so oft thematisiert worden ist.

„Altes Land“ ist keineswegs ein schlechtes Buch, aber es war nicht mein Fall. Das kommt vor. Deswegen rate ich keinesfalls davon ab, ich kann es jedoch Leser|innen meines Alters (Mitte|Ende 20) leider nur begrenzt weiterempfehlen. Diese Bewertung ist natürlich rein subjektiv, wer also Lust hat, das Buch zu lesen, der|die sollte dies auch tun!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Erstmalig als Taschenbuch im Penguin Verlag – 304 S. – ISBN: 978-3-328-10012-6

[Rezension] „Die Erfindung der Flügel“ | Sue Monk Kidd

Sue Monk Kidd ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, die mit „Die Bienenhüterin“ ihren internationalen Durchbruch feierte. „Die Erfindung der Flügel“ ist ihr neuester (kürzlich im Taschenbuch erschienener) Roman. Die Autorin ist vor allem durch das Verfassen von Biografien bekannt geworden, was sich auch in diesem Buch bemerkbar macht.

In „Die Erfindung der Flügel“ finden wir uns Anfang des 19. Jahrhunderts in Charleston, einer Hafenstadt im US-Bundesstaat South Carolina, vor. Charleston ist zu dieser Zeit eine der reichsten Städte des Landes, wohl vor allem aufgrund ihres Rufs als Hafenstadt. Insbesondere Baumwolle wird hierüber um 1800 herum zum „boomenden“ Faktor der Stadt. (Quelle: hier )  Es ist vor allem die farbige Bevölkerung, die in Form von Sklavenarbeit darunter leiden muss. Denn obwohl ‚Schwarze‘ den größten Teil der Bevölkerung Charlestons ausmachen, haben doch ‚Weiße“ die Macht an sich gerissen, wie es wohl zu dieser Zeit überall der Fall ist.

IMG_0784

Viele Farbige träumen davon frei und unabhängig leben zu können, so auch Hetty Handful Grimké, die als Sklavenmädchen, Dienerin und Kammerzofe das Geschenk zu Sarah Grimkés elften Geburtstag darstellt. Diese ist davon so gar nicht angetan, ist sie doch als eine der wenigen nicht einverstanden mit der Sklavenhaltung. Als Tochter eines angesehenen Plantagenbesitzers und einer Mutter mit strengen Richtlinien, hat sie es da jedoch schwer. Noch dazu als Mädchen. Sarah und Handful trennen – nicht nur äußerlich und familiär – Welten, doch sie nähern sich an, lernen sich kennen und fassen Vertrauen zueinander. Vor allem in ihren Träumen finden sie Gemeinsamkeiten: beide wünschen sich ein freies und selbstbestimmtes Leben ohne Sklaverei und mit mehr Rechten für einerseits ‚Schwarze‘ und andererseits ‚Frauen‘. Sie träumen sozusagen davon, sich ihre eigenen Flügel neu (oder überhaupt) zu erfinden.

Die Geschichte beider Hauptfiguren wird abwechselnd aus der Perspektive Handfuls und Sarahs geschildert, wodurch wir als Leser einen sehr guten Einblick in beiderlei Sichtweisen bekommen, die teils tief berühren. Ich habe vor allem die Perspektive Handfuls besonders gerne gelesen, weil sie uns in „ihre Welt“ entführt und mir – auch wenn Sarah keine unsympathische Figur ist – einfach menschlicher und näher vorgekommen ist. Doch auch Sarah begehrt auf und hat ein hartes Los, als sie beginnt für ihre Überzeugung zu kämpfen. Beide Sichtweisen sind unfassbar interessant (und sprachlich gut!) zu lesen, was zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass das Buch in fünf Zeitabschnitte gegliedert ist. Dies ermöglicht dem Leser die Entwicklung beider Mädchen/Frauen zu verfolgen sowie gleichzeitig einen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des Landes zu werfen. Ein paar Stellen des Buches hätten meiner Meinung nach weniger ausschweifend erzählt werden können, vor allem was Sarahs Reisen und ihren Glauben angeht. Ihr Kampf für die Rechte von Sklaven und Frauen finde ich bewundernswert und mutig, keine Frage, dass die Autorin dies so stark betont, aber doch schweift sie da mancherorts etwas ab, wohingegen die Kapitel aus Handfuls Sichtweise ein wenig zu kurz kommen. Das ist jedoch mein einziger kleiner Kritikpunkt an diesem Buch, welches ich wirklich sehr gerne gelesen habe. Nicht übersehen sollte man vor allem die Anmerkungen der Autorin im Nachwort, denn dort schildert sie die Gründe und ihre persönliche Motivation für das Buch, was mir „Die Erfindung der Flügel“ noch ein Stück nähergebracht hat.

Eine klare Empfehlung für all jene, die gerne historisch interessantes Wissen in Verbindung mit wunderbarer Erzählweise lesen. Und Sue Monk Kidd, die kann wahrlich gut erzählen!

Aus dem Amerikanischen von Astrid Mania – btb Verlag – 496 S. – ISBN: 978-3-442-71467-4

[Rezension] ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ | Jonas Hassen Khemiri

Jonas Hassen Khemiri ist ein schwedischer Schriftsteller und gilt in der dortigen Literaturszene als „Star“. Bereits mit seinem Debütroman ‚Das Kamel ohne Höcker‘ erlangte er internationalen Erfolg. ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ ist sein vierter Roman und in 25 Ländern erschienen.

IMG_0479

In ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ geht es um Samuel. Samuel ist tot, aber nicht vergessen, denn er lebt in den Erinnerungen seiner Freunde und Familie weiter. Diese wissen aber alle nicht so recht, was nun eigentlich passiert ist. War es ein Unfall? War es Selbstmord? Wenn ja, wer oder was hat ihn so weit gebracht? Und, wer war Samuel eigentlich wirklich? Denn Samuel hat viele Gesichter und für jeden ein anderes. Das Herauszufinden versucht ein namenloser Journalist, zeitweise gleichzeitig der Erzähler, der dazu mit den Personen spricht, die mit Samuel in Kontakt gestanden haben. Er interviewt Nachbarn, Krankenschwestern und -pfleger und versucht, auch zu Samuels Familie und näheren Freunden Kontakt aufzunehmen. Nach und nach setzt sich so aus einzelnen Fragmenten und Puzzleteilen der wahre Samuel – oder zumindest ein Teil dessen – zusammen.

Es gibt drei Personen, denen Samuel besonders nahegestanden hat. Da ist zunächst Vandad, Samuels bester Freund, nach außen knallhart, Typ Möchtegern-Gangster mit ewig anhaltenden Geldsorgen. Laide, Samuels große Liebe, zum Teil schwer durchschaubar und so für Samuel kaum greifbar und für Vandad ein Dorn im Auge sowie „die Pantherin“, eine gemeinsame Freundin Samuels und Vandads, in die Samuel früher vielleicht sogar verliebt gewesen ist und die mittlerweile in Berlin lebt. Alle haben, wenn auch in Schweden geboren bzw. aufgewachsen, arabische Wurzeln und das ist es, was sie, neben Samuel als Knotenpunkt, am Stärksten miteinander verbindet.

Zunächst mag ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ den|die Leser|in verwirren, denn es ist schon etwas schwierig auszumachen, wer nun erzählt. Ist es Vandad, Laide, der namenlose Interviewer oder jemand ganz anderes? Anhand der drei Teile ‚AM‘, ‚Laide‘ und ‚PM‘ kann man sich etwas orientieren und generell gilt: ein Abschnitt Interviewer (Gegenwart), einer Vandad (Vergangenheit), einer Laide (Vergangenheit) – das stimmt nicht immer, aber so grob. ‚AM‘ beschreibt den Zustand, bevor der Leser Samuel näher kennt. Er|Sie lernt diesen in dem Abschnitt etwas, aber noch nicht richtig, kennen. Im zweiten Teil, ‚Laide‘, kommt Samuels Freundin Laide hinzu. Hier lernen wir Samuel besser kennen, nämlich unter dem Einfluss Laides. ‚PM‘ beschreibt mögliche Auslöser, die zu Samuels Tod geführt haben können und ist der rasanteste Abschnitt, den man vorzugsweise am Stück lesen sollte. Khemiris Schreibstil baut, aufgrund fehlender Anführungszeichen, moderner Sprache, eigensinniger Grammatik und der eben erwähnten häufigen Perspektivwechsel sowie Zeitsprünge eine unglaublich fesselnde und intensive Dynamik auf. Man spürt förmlich den eigenen Herzschlag während des Lesens von ‚Alles, was ich nicht erinnere‘, ganz so, als würde man mit den Figuren einen wilden Roadtrip durchleben. Rasant, energiegeladen und voll Spannung, aber auch Trauer und Schmerz schildert der Autor eine faszinierende Geschichte, die sich so schnell nicht vergessen lässt und die uns letztlich fragen lässt, kann man eine einzelne Person tatsächlich kennen oder bleibt immer etwas im Verborgenen? Lernt man einen Menschen nicht immer nur aus der eigenen Perspektive kennen? So, wie man diesen sehen und haben will? Nebenbei beleuchtet Khemiri in Ansätzen die Schwierigkeiten und Problematiken von Migranten in Schweden, die wohl als Parallele zum Leben des Autors gesehen werden können.

Es fiel mir tatsächlich etwas schwer, das Buch in Worte zu fassen, gerade weil es (und das fällt mir wiederum leicht) mir außerordentlich gut gefallen hat. Sobald ich verstanden hatte, wer nun wann berichtet (und das ist zunächst wirklich etwas schwierig), war ich im Sog des Buches gefangen. Ich kann es daher nur empfehlen, allerdings muss man zu Beginn etwas durchhalten, um das Erzählergewirr zu entknoten. Danach ist es ein unglaublich faszinierender Roman mit Suchtgefahr, für den jedes weitere Wort eines zu viel wäre.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann – DVA Belletristik – 336 S. – ISBN: 978-3-421-04724-3

[Rezension] „Lanz“ | Flurin Jecker

„Lanz“ ist der Debütroman eines jungen Schweizer Autors mit dem wunderbar lautmalerischen Namen: Flurin Jecker. Dieses Buch ist nach eigenen Worten des Autors „mehr oder weniger zufällig“ (Quelle: hier) gleichzeitig seine Abschlussarbeit am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel geworden und nun bei Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag erschienen.

IMG_0271

Lanz, der titelgebende Vierzehnjährige Protagonist, nimmt in der Schule an einem Kurs teil, der da heißt: ‚Ich schreibe einen Blog.‘ Klingt genauso langweilig, wie Lanz es findet – und trotzdem sitzt er jetzt in diesem Kurs. Wegen Lynn. Doch die erscheint am ersten Kurstag gar nicht, dafür aber sein ungeliebter Lehrer Herr Gilgen, der Gilgonator. Lanz sieht sich von nun an gezwungen, einen Blog zu schreiben, in dem er von seinem Leben erzählt, seinen geschiedenen Eltern, wie es sich für ihn anfühlt, mal bei seiner Mutter, mal bei seinem Vater zu leben und auf welche Art sie jeweils mit ihm umgehen, ihn erziehen oder auch nicht erziehen. Weiterhin schreibt er von Lynn, auf welche Weise er versucht ihr näher zu kommen (und das scheinbar nicht so richtig funktionieren will) seinen Freunden und (Nicht-) Freunden, ja, einfach von seinem kompletten alltäglichen Leben bis hin zu den tiefsten geheimen Empfindungen, die in jedem stecken. Als Lanz alles zu viel zu werden scheint, vor allem, als Gilgen von seinen Kursteilnehmern verlangt, ihre jeweiligen Blogs l-a-u-t vorzulesen, muss Lanz ganz dringend weg. Denn, was da in seinem Blog steht, das soll bitte möglichst keiner lesen. Bloß nicht.

Auf ganz frische und moderne Art, weil einzigartig und sich selbst treu (so meine außenstehende Beobachtung), schildert Flurin Jecker eine Kindheit im Übergang zum Erwachsenwerden. Seine Sprache besticht nicht nur durch seine Eigenwilligkeit, sondern vor allem durch eine nötige Wärme, die dem Geschehen an Authentizität verleiht – viel mehr als es jeder noch so hippe Jugendjargon könnte. Jedes Kapitel entspricht einem Blogeintrag Lanz‘ und liest sich – nicht allein deswegen, aber auch – sogartig weg. Besonders gelungen finde ich die Überschriften, die man sich am besten ganz langsam mit Zeit zum darüber Nachdenken oder auch mal Grinsen durchliest.

Jecker schreibt von einer Kindheit, wie sie sicher viele erleben oder erlebt haben: elterliche Scheidung, eigenes Seelenchaos, wohin mit mir?, etc. . Auch wenn Jeckers Protagonist Lanz einen Blog – also etwas ziemlich Modernes (oder ist das schon wieder out?) – schreibt, erreicht er damit nicht nur die tatsächlich Jüngeren, sondern vor allem auch die im Herzen jung Gebliebenen oder die, die sich zumindest noch an das Gefühl ihrer Kindheit erinnern können. Denn letztlich ist ein Blog in vielen Fällen nichts anderes als ein Tagebuch und wird von Lanz auch als solches genutzt: ein Ventil für seine Gedanken- und Gefühlswelt.

Auch wenn ich zu Beginn einige Zeit gebraucht habe, um mich in das Buch einzufühlen, so gefällt es mir im Nachhinein immer besser. Während des ersten Lesens hatte ich noch meine Bedenken, wo das hinführen sollte, was mir der Roman sagen möchte –  und war teils etwas verwirrt aufgrund der Namen, der vielleicht ‚schwyzerdütschen‘ sprachlichen Eigenarten. Nach dem zweiten Anlesen und Durchblättern (in dem mir oft kleine Details erst richtig bewusstwerden, die das nötige, vielleicht noch fehlende Puzzleteil zum großen Ganzen sind) kann ich sagen: Ich mag es sehr gerne! Es ist aber sicher ein Buch, das aufgrund seiner sprachlichen Eigenheit nicht jedermanns Geschmack trifft. Wer sich für Adoleszenzromane, ‚Coming-of-Age‘-Geschichten und frischem sprachlichen Wind begeistern kann, dem wird der Roman sicher gefallen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag – 128 S. – ISBN: 978-3-312-01022-6