Frida Kahlo: Eine Biografie | María Hesse

Noch ein Buch über Frida Kahlo, braucht das die (Buch)welt wirklich? Diese Frage stellt sich auch Autorin und Illustratorin María Hesse in der Einleitung ihrer erst kürzlich erschienenen Biografie über die berühmte Künstlerin mit den prägnanten Augenbrauen, die scheinbar alle (ja wirklich, alle) zu kennen meinen. In diesem „zu kennen meinen“ liegt zugleich Antwort wie Frage. Ja, wir brauchen noch ein Buch über Frida Kahlo, weil über sie zwar schon oft geschrieben worden ist, sich aber doch immer wieder der Blickwinkel ändert. Und, kann man jemals wirklich alles über eine Person wissen? Nein. Man meint bloß, man würde sie kennen. Doch, wer war denn dann nun diese Frida wirklich?

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Frida Kahlo war und ist ein Mysterium. Das war und ist (denn wahrscheinlich wäre das noch heute in ihrem Interesse) gewollt. Schon als kleines Mädchen baute sich Frida die Welt so, wie sie sie gerne gehabt hätte. Fantasie und Wirklichkeit verschmolzen in ihren Gedanken, ihrem Tun und später auch in ihrer Kunst. Sie schmückte ihr Leben mit Farbe und schwärzte hier und da etwas, was ihr unpassend erschien. Darin, so schreibt es auch Hesse, liegt gerade der Reiz. Niemand außer Frida selbst kann so genau wissen, was Realität und was Fiktion ist. Hesse, die ihr Pseudonym übrigens angelehnt an Hermann Hesse gewählt hat, erzählt nun in ihrer illustrierten Frida-Biografie das Dazwischen. Sie beschreibt weder das tatsächliche Leben noch das von Frida erfundene und erschafft so wieder eine ganz neue Welt, in der selbst vermeintliche Kenner noch etwas Neues entdecken können.

Ich muss ja zugeben, dass es mir etwas schwerfällt Worte für dieses großartige Buch zu finden, das nicht nur mit wohldurchdachten Kapiteln besticht, sondern vor allem durch so unglaublich passende und zarte Illustrationen, die die Aussagekraft der Texte noch unterstreichen oder gar hervorheben. Angefangen mit einem kurzen zeitlichen Überblick reisen wir mit Hilfe von María Hesse durch das Leben der Ausnahmekünstlerin. Das erste Kapitel trägt den Titel „Sie spielt allein“ und könnte kaum treffender sein. Es folgen weitere Kapitel und somit wichtige Abschnitte in Fridas Leben, die da lauten: „Jugend und erster Unfall“, „Schmerz und Pinsel“, „Der Elefant und die Taube“, „Gringoland“, „Mein zweiter Unfall“, „Leo Trotzki“, „Surrealismus“, „Erinnere Dich an mich“, „Der verletzte Hirsch“ und „Der Traum“. Jede Seite ist liebevoll und detailliert von Hesse illustriert, man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll und wirklich: man verliert sich darin. Hesse malt nicht einfach irgendwas ab, nein, sie dichtet dazu, interpretiert neu und erschafft so ihre eigene Frida Kahlo, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen, denn ihre Bilder erscheinen genau richtig. Als ob sie Frida tatsächlich gekannt hätte. Dabei scheut Hesse nicht davor zurück, Dinge auszuprobieren und mit der Kunst zu spielen. Was dabei herauskommt ist eine wunderschöne, farbenfrohe, individuelle und kreative Biografie (es gibt sogar Diegos Mittagessen als Rezept!) über eine der stärksten, mutigsten und inspirierendsten Künstlerinnen der Welt. Meine persönlichen Highlights: eine Doppelseite über Dinge, die Frida Freude machten, das Gringoland-Kapitel (man achte bitte auf die kleinen Details), die Interpretation sowie Neuinterpretation einiger ihrer Werke, die Familienbilder und ach, so vieles, ich müsste das ganze Buch nennen. Tue ich jetzt auch, denn das ist eine Empfehlung, die absolut von Herzen kommt.

Aus dem Spanischen von Svenja Becker | 143 Seiten | erschienen bei Suhrkamp / Insel

„Frida Kahlo Stilikone“ | Claire Wilcox (Hrsg.), Circe Henestrosa (Hrsg.)

Der Name „Frida Kahlo“ dürfte (und sollte!) vielen ein Begriff sein. Frida Kahlo, Künstlerin, Inspirationsquelle, Stilikone, gilt heute als eine der herausragendsten Persönlichkeiten, die sich nicht nur durch ihr Können, sondern auch durch ihren Mut auszeichnet. Mit 6 Jahren erkrankt Frida an Kinderlähmung und hinkt in Folge dieser Erkrankung ihr Leben lang, was sie nicht davon abhält dennoch alles so machen zu wollen wie andere Kinder auch. Später, mit 18, überlebt sie nur knapp einen Busunfall, dessen Folgen sie ihr Leben lang begleiten sollen. Immer wieder monatelang ans Bett gefesselt lernt sie ihren Gedanken, ja teils auch ihren Qualen, in der Malerei Ausdruck zu verleihen:

„Wozu brauche ich Füße, wenn ich doch Flügel habe?“.

Ihre Erkrankung hält sie weiterhin auch nicht davon ab, Mexikos berühmtesten Künstler zu besuchen – der Rest ist Geschichte: Diego Rivera und Frida Kahlo werden ein Paar, der Elefant und die Taube. Eine Liebe, zu groß, um sie zu fassen, zu leidenschaftlich, um keine Krisen hervorzurufen. Sie hassen und sie lieben sich. All das findet man noch heute in Frida Kahlos Kunst, die nicht nur mit ihren Bildern etwas Unvergängliches geschaffen hat, sondern auch als Person im Gedächtnis bleibt. Ich selbst kam zwischen zehn und zwölf Jahren zum ersten Mal in Kontakt mit ihrer Kunst und war sofort fasziniert von den leuchtenden Farben, der starken Ausdruckskraft und dem Leid, das sich mit Schönheit gepaart bei ihr immer wiederfinden lässt. Frida Kahlo war (und ist) ein Gesamtkunstwerk, das zu begreifen nur im Ganzen funktioniert.

Frida Kahlo Stilikone von
Quelle: Prestel Verlag

Das Buch „Frida Kahlo Stilikone“, herausgegeben von Claire Wilcox und Circe Henestrosa wagt einen Blick durch das Schlüsselloch der Frida Kahlo, über ihre Bilder hinaus bis hin zu ihrer alles durchdringenden Selbstinszenierung, welche ein wesentlicher Bestandteil ihres durch und durch künstlerischen Lebens gewesen ist. Neben interessanten und klug verfassten Kurztexten, die einleitend die Person, den Mythos, die Stilikone Frida Kahlo beschreiben, finden sich hier jede Menge zeitgenössische Fotografien, die die Künstlerin u.a. in mexikanischer Tracht, kunstvoll hochgesteckter Frisur und bunten Accessoires im Haar (ein Markenzeichen) sowie farbenfrohem, auffälligem Schmuck zeigen. In unterschiedlichen Abschnitten findet sich eine Art Katalog ihres persönlichen Nachlasses aus Kleidung, Accessoires und anderen persönlichen Gegenständen zum darin Blättern, der (der Nachlass) jetzt nicht nur umfassend dokumentiert, sondern auch in einer Ausstellung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden ist. Das hier vorliegende Buch kann man als eine Sammlung aus Fotografien des Nachlasses, der Person Frida Kahlo selbst, Abbildungen ihrer Gemälde und als Symbol ihrer Kunst verstehen. Eine gelungene Mischung, – wie ich finde -, die sich nicht nur mit den Bildern, sondern mit Frida Kahlo als Gesamtkunstwerk beschäftigt und so einen noch detaillierteren Blick auf diese mutmachende, starke, begabte und durch und durch inspirierende Frau wirft.

Prestel Verlag | 256 S. | 150 farbige Abbildungen

„Die Geschichte des Wassers“ | Maja Lunde

Als ich letztes Jahr Maja Lundes „Die Geschichte der Bienen“ las, war mir nicht bewusst, dass es sich hierbei um ein Klima-Quartett handeln würde. Vielleicht habe ich das nicht mitbekommen (das kommt vor, das Sachen unbemerkt an mir vorbeirauschen). Vielleicht wurde das aber auch erst nach dem riesigen Erfolg und der Aktualität des Themas – den uns alle betreffenden Klimawandel – beschlossen. Völlig gleich, ich habe mich auf jeden Fall gefreut, dass es ein neues Buch der Bienenkönigin gibt und hier geht es um ein anderes, aber nicht weniger wichtiges Thema: Wasser.

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In „Die Geschichte des Wassers“ verknüpft die Autorin wie schon in „Die Geschichte der Bienen“ mehrere Geschichten, Menschen bzw. Familien und Zeiten miteinander, die alle um ein wichtiges Thema kreisen.

Der Erzählstrang der ersten Ebene spielt 2017 in Norwegen. Dort macht sich die beinahe 70-jährige Umweltaktivistin Signe mit einem Segelboot auf eine riskante Reise zu Magnus, dem Mann, den sie mal sehr geliebt hat und jetzt zur Rede stellen will. Signe hat einen fürchterlichen Verdacht, der die Zerstörung der Gletscher betrifft.

Der Erzählstrang der zweiten Ebene spielt 2041 in Frankreich. Mittlerweile herrscht eine große, alles vernichtende Dürre in Südeuropa, weshalb die Bewohner gezwungen sind, in den Norden zu fliehen. Zwei der Flüchtenden sind David und seine Tochter Lou, die im Flüchtlingslager verzweifelt auf die Ankunft von Frau und Mutter bzw. Sohn und Bruder warten. Von Stunde zu Stunde wird ihre Hoffnungslosigkeit stärker, bis sie durch Zufall ein Segelboot entdecken. Signes Segelboot.

Die Autorin Maja Lunde verknüpft beide Ebenen, um dem oder der LeserIn zu zeigen, was passieren könnte, wenn wir weiter so mit unserer Umwelt umgehen. Feuer, Dürre, Hungersnot sind nur einige der vielen möglichen, von Menschen ausgehenden Katastrophen. Das ist ein gutes, ein äußerst wichtiges Thema und alleine deswegen lohnt es sich eigentlich schon, Lundes Bücher zu lesen. Aber – und ja, es folgt leider ein Aber -, überzeugt dieser zweite Band weitaus weniger als der erste. Woran mag das liegen? Ist das Thema nicht interessant genug? Auf keinen Fall! Was dann? Die „Probleme“, die sich für mich während des Lesens ergeben haben, sind zum einen der teils langatmige Plot um Signe, deren Lebensgeschichte in Rückblenden erzählt wird, welcher aber leider beinahe jegliche Spannung fehlt; und zum anderen die fast durchweg unsympathischen Figuren. David, bei dem man zwischendurch das Gefühl bekommt, er würde sich wünschen, er könne seine ihm verbliebene Tochter gegen seine Frau und seinen Sohn eintauschen. Signe, die irgendwie verbittert darüber berichtet, wie sie versucht hat, die Umwelt zu retten, es aber leider nicht geschafft hat und ja, was soll sie da machen. Resignieren. Hinzu kommt, dass die Umweltthematik teilweise nur so nebenbei läuft. Die Handlung trägt leider dieses wichtige Thema nicht oder anders ausgedrückt, die Thematik Wasser wird von einem flachen Plot ertränkt. Das ist unfassbar schade! Was ich aber dennoch betonen möchte, ist die Tatsache, dass man dennoch etwas mitnimmt. Man wird als LeserIn daran erinnert, wie wichtig der richtige Umgang mit Natur und Umwelt ist und welche Folgen der falsche Umgang für Klima, Natur und unser Miteinander haben können. Es liegt an uns, das zu retten, was möglich ist. Nicht erst morgen, sondern heute: jetzt.

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein | btb Verlag | 480 S.

„Anna und der Schwalbenmann“ | Gavriel Savit

Gavriel Savit ist Autor und Schauspieler. Eine Kombination, die man seinem ersten Roman „Anna und der Schwalbenmann“ anmerkt, denn dieses Buch ist eine kunstvolle Mischung aus Fantasie, schwebender Traumwelt und bitterer Realität. Ein Hauch magischer Realismus umwabert diese Geschichte, die so traurig wie schön ist.

Krakau, 1939. Die Deutschen haben Annas Vater mitgenommen. Während das junge Mädchen bei dem Apotheker Dr. Fuchsmann auf ihn wartet, macht sich nicht nur in ihr ein dumpfes Gefühl breit, sondern auch in dem Apotheker: Angst. Darum schickt er sie fort, doch daheim wird vor verschlossener Wohnungstür eine bittere Ahnung zur Gewissheit: ihr Vater wird nicht wieder zurückkehren. Anna bleibt nicht viel mehr von ihm als ihre gemeinsame Vergangenheit und die zahlreichen Sprachen, die er ihr gelehrt hat. Voll Kummer irrt sie zurück zur Apotheke, doch Dr. Fuchsmann lässt sie – aus Angst – nicht mehr zu sich. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen. Sie und der etwas rätselhaft mysteriöse Mann mit den vielen Gesichtern und der Arzttasche, die der von Mary Poppins Konkurrenz machen könnte, werden Weggefährten auf einer Reise voller Gefahren.

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Zugegeben, etwas merkwürdig ist es schon, dass das junge Mädchen einfach mit einem Fremden mitgeht, der ihr, ohne viele Worte zu verlieren, zu verstehen gibt, dass er – der Schwalbenmann, wie Anna ihn nennen wird – der einzige ist, der ihr helfen kann, der ihr ein Freund sein wird. Der Schwalbenmann hat ein gütiges Herz, ein liebevolles Wesen, aber auch eine dunkle Seite, die er lange versucht, im Verborgenen zu halten. Er lehrt Anna die Sprache der Straße, wo es keine Lügen gibt und die eigene Identität sich Tag für Tag ändern, der Umgebung anpassen kann. Sie sind Komplizen, verfügen über mehrere Pässe, sind mal Deutsche, mal Polen, nehmen sich das, was auf der Straße liegt und kneifen dabei die Augen zu. Die Toten können nicht urteilen. So durchleben sie den grauen Alltag des Krieges, an dem auch zu sonnigen Zeiten Wolken am Himmel sind. Es ist ein Buch, das auf philosophische Weise versucht, den Schrecken zu begreifen und bleibt dabei trotz wunderschöner Sprache doch manches Mal etwas vage. Man fragt sich: Wer ist der Schwalbenmann? Wer ist Anna? Und wo wollen sie hin? Auch die Umgebung bleibt in der Schwebe, der Schrecken des Kriegsgeschehens wird meist „nur“ angedeutet und taucht dann doch gegen Ende geballt auf – das kommt fast unerwartet. Dennoch, „Anna und der Schwalbenmann“ ist ein feines, ein zartes Buch, das viele weise Dinge sagt und mit Phantasie gegen das Grauen kämpft. Ein lesenswertes Kleinod.

Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz-Ventura | cbt Taschenbuch | 272 S.

„Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ | Gabriele Katz

Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen aus der Reihe „Im Profil“ ein Gespräch zwischen Erich Maria Remarque und Friedrich Luft. Dieses Gespräch wurde 1962 aufgezeichnet, das Bild ist schwarz-weiß, man sieht lediglich Remarque sowie die Rückseite des Theaterkritikers Luft, neben dem Zigarettenqualm in grauen Wolken emporsteigt. Remarque wirkt sympathisch, intelligent, humorvoll. Er spricht wie er schreibt – ruhig und wohl überlegt – und nimmt so den ganzen Raum ein. Vor diesem Beitrag konnte ich die Faszination um Remarque (mal abgesehen von seinen Büchern) nicht so richtig nachvollziehen, danach schon sehr viel mehr. Seine Romane – ja! – sind großartige Werke, die besser nie in Vergessenheit geraten sollten, aber was machte Remarque so einzigartig und anziehend für Frauen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard und viele mehr? Das zu verstehen, dazu hat Gabriele Katz „Liebe mich! Erich Maria Remarque und die Frauen“ geschrieben.

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Erich Maria Remarque gilt als einer der größten Antikriegsautoren, der mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ weltberühmt wurde. In Deutschland aber wurden seine Romane lange Zeit verboten, 1933 sogar öffentlich verbrannt und 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Zunächst emigrierte er in die Schweiz, um später in den USA aufgenommen zu werden. Im Exil lernte er neben anderen Exilautor*innen wie Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Else Lasker-Schüler und Lion Feuchtwanger die Schauspielerinnen Marlene Dietrich, Greta Garbo, Paulette Goddard u.a. kennen (und lieben). In kurzen Porträts stellt die Autorin Gabriele Katz die wichtigsten Frauen an Remarques Seite vor und zeigt dabei vor allem, dass das Grundmotiv seines Lebens die Unerfüllbarkeit der Liebe gewesen ist. Katz verknüpft biografisch Wissenswertes mit dem Entstehungsprozess seiner Werke und dem Einfluss der Frauen auf diese Texte sowie auf Remarques Leben. Auch sein familiärer Hintergrund wird beleuchtet und Zeiten, die weniger leicht, weniger einfach gewesen sind.

Insgesamt liegt der Fokus hier natürlich auf den Frauen, die Remarque begleitet haben. Nie konnte er ohne, aber auch nie wirklich lange mit ihnen. Es wird deutlich, dass dies auch eine Art Begleiterscheinung der politisch wie gesellschaftlich turbulenten Zeiten gewesen ist. Diese Frauen haben Remarque geprägt und wesentlichen Einfluss auf sein Leben und damit verbunden sein Schaffen gehabt. Auf Seite 72 wird dann auch klar, warum das Buch den Titel „Liebe mich!“ trägt. Eine Anspielung auf einen von zahlreichen Briefen, die Remarque an Marlene Dietrich geschickt hat, in Anlehnung an Goethe. Ein klein wenig gestört habe ich mich an den Zusammenfassungen von Remarques Werken, in denen Katz teilweise mit einem Satz das Ende vorwegnimmt. Ja, es geht dabei um seine Beziehung zu den Frauen und inwiefern diese Einfluss auf Themen/Inhalte/Richtung dieser Werke gehabt haben, dennoch: wer die Bücher noch nicht alle gelesen hat, wird da vielleicht etwas enttäuscht sein. Auch hätte ich mir an manchen Stellen im Buch noch mehr Tiefe gewünscht, was wahrscheinlich mit der Neutralität der Autorin Gabriele Katz kollidiert wäre (von daher ist es gut so, wie es ist.) Denn nie wird Katz zu intim, sie bleibt stets bei den gegebenen Fakten und hat so ein interessantes, durchaus lesenswertes biografisches Buch über Remarque verfasst, das diesen Autor ein Stück weit zugänglicher, greifbarer erscheinen lässt, auch wenn er letzten Endes trotzdem ein Phänomen bleiben wird.

ebersbach & simon | blue notes, Nr. 72 | 144 S.

[Rezension] „Peach“ | Emma Glass

„Peach“ ist der Debütroman der in England lebenden Krankenschwester Emma Glass. Und dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt, mag man angesichts der sprachlichen Kraft kaum glauben. Es ist kein Buch, das locker-leicht daherkommt. Es rüttelt, es sticht, es brennt, es tut weh.

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In einer lyrischen, rhythmischen Prosa schreibt die Autorin von der Schülerin Peach, deren Leben durch Vergewaltigung aus den Fugen gerät. Blut strömt ihre Beine herab, „[p]lump klebt klebrig nasse Wolle“ an ihrer Haut, „[d]er Geruch von verbranntem Fett verstopft [ihre] Nasenlöcher“ und trotzdem wankt sie nach Hause. Nach Hause, zu ihren Eltern. Zu ihren Eltern, die nichts bemerken. Die nichts bemerken, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Peach muss sich allein helfen, um wieder zur Schule zu gehen, um ihren Freund Grün zu treffen, um zu funktionieren – und dabei stellt sie fest: einfach so wieder zu funktionieren, sich wieder Ganz zu fühlen ist unmöglich, wenn einen nachts die Bilder verfolgen, wenn der Geruch von verbranntem Fett in der Nase aufquillt, wenn der Bauch vermeintlich immer praller wird. Gedemütigt und verängstigt fasst sie einen grausamen Entschluss.

Nie wird explizit ausformuliert, was passiert ist, es geht immer um das Danach, aber das beschreibt die Autorin in einer kraftvollen, poetischen und lautmalerischen Sprache, die am ganzen Körper vibriert und einem schier den Boden unter den Füßen wegzieht. Noch stärker wirken die Worte laut ausgesprochen, dabei garantiert schon alleine der Anfang Gänsehaut:

„Plump klebt klebrig nasse Wolle. Klebt. Windet sich um Wunden, schließt Schnitt um Schnitt mit jedem Schritt, an der Wand entlang; meine Hand, behandschuht, schrammt daran.“ (Peach v. Emma Glass, S. 7)

Hier entfaltet sich auf wenigen Zeilen eine ganze Welt um ein schreckliches Erlebnis, das beim Leser eine enorme Bandbreite an Emotionen hervorruft, welche sich schwer in Worte fassen lässt. Dabei gelingt es Sabine Kray, der Übersetzerin des Textes, den Rhythmus und die Dynamik der Autorin genau einzufangen, sodass die sprachliche Eigenart auch übersetzt wirken kann. Es ist ein düsteres Thema, über das Emma Glass schreibt, das wird auch in ihren Formulierungen deutlich, die sehr intensiv sind und den Leser teilweise an seine Grenzen bringen, aber eines, das nicht im Dunkeln bleiben darf. Fantasie und Realität verschwimmen, der Leser taucht tief in die persönlichen, oft sehr wirren, Gedankengänge von Peach ein – und das ist nicht immer leicht. Manchmal ist es sogar ekelhaft, aber das ist wichtig und richtig und gut. Sicher ist diese Art des Schreibens eine spezielle, die nicht jedem gefallen wird, aber für mich ist es trotz leichter inhaltlicher Schwäche im Mittelteil eines der großartigsten Bücher, das ich seit langem gelesen habe.

aus dem Englischen übersetzt von Sabine Kray | Edition Nautilus | 125 S.

[Rezension] „Eine Liebe, in Gedanken“ | Kristine Bilkau

Nach Kristine Bilkaus erfolgreichem Debüt „Die Glücklichen“, ein Gegenwartsroman, der den Zeitgeist einer ganzen Generation punktgenau trifft, folgt nun ihr zweiter Streich. „Eine Liebe, in Gedanken“ heißt er und macht etwas komplett anderes als Bilkaus Debüt: er springt in die Vergangenheit und ist dabei so sanft und ruhig wie leichte Wellen, die sachte an den Strand gespült werden. Das könnte man blöd finden und wie Toni aus Bilkaus Geschichte mit einem: „Och, nööö“ quittieren. Damit hätte man aber Bilkaus Erzähltalent verkannt.

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„Eine Liebe, in Gedanken“ erzählt von Toni und Edgar, die sich in den 1960er Jahren kennenlernen. Eine Liebe wie vom Blitz getroffen. Toni und Edgar wollen gemeinsam die Welt erkunden, sich zusammen etwas aufbauen und dabei nicht den Beziehungs-Strukturen folgen, die ihnen ihre Eltern vorgelebt haben. Es soll anders sein, besonders, moderner, eigensinniger. Als Edgar die Chance bekommt nach Hongkong zu gehen soll Toni folgen, sobald sich sein Leben dort gefestigt hat. Doch irgendwas kommt dazwischen, Toni löst die Verlobung, sie will nicht mehr länger vertröstet werden. Was bleibt ist der Trennungsschmerz und eine Liebe in Gedanken. Fünfzig Jahre später – und hier setzt der Roman ein – findet Tonis Tochter nach deren Tod die Briefe von Edgar. Sie fragt sich, was wäre wenn? Wer wäre Toni geworden, wenn alles anders gekommen wäre? Und wer war dieser Mensch, den ihre Mutter nie vergessen konnte?

Kristine Bilkau erzählt parallel von heute und damals. Von der Tochter Tonis, die auf den Spuren der großen Liebe ihrer Mutter deren ganze Lebensgeschichte ertastet. Stück für Stück. Und dabei nicht nur diese eine ganz große Liebe begreift, die für Tonis Mutter Ausgangspunkt für ihr ganzes weiteres Leben werden wird, sondern auch ihre eigene Beziehung zu ihrer Mutter aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten lernt. Bilkaus Erzählstil ist sanft und leise, verzichtet auf kitschige Details, setzt dafür liebe Akzente zwischen den Zeilen. Es schwingt etwas mit, in Bilkaus Geschichte, das man nicht ganz greifen, geschweige denn benennen kann, das aber dazu führt, dass man sich in ihren Worten geborgen fühlt. Etwas schade ist, dass der Zeitgeist der 60er Jahre dabei leider etwas auf der Strecke bleibt, er kann sich nicht ausbreiten, wird lediglich angedeutet und bleibt so sanft wie Bilkaus Erzählstil. Etwas weniger Zurückhaltung hätte ich hier gut gefunden, aber vielleicht hätte das dann nicht in den Ton der Erzählung gepasst, wäre aus der Reihe gerutscht und hätte irgendwie schief geklungen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein Roman, dem man anmerkt, dass jede Zeile wohlüberlegt und mit zartem Fingerspitzengefühl geschrieben ist. Eine Geschichte, die ohne dramatische Effekte, ohne Glitzer und knallige Farben auskommt, sich aber dafür angenehm ins Gedächtnis schleicht.

Luchterhand Literaturverlag | 252 S.

[Rezension] „Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

In der Regel beginnt man eine Buchbesprechung entweder mit dem Autor oder gleich mit dem Buch, um das es geht, – nie mit dem Nachwort. Eigentlich. In diesem Fall finde ich das aber ganz passend, da der Verleger Stefan Weidle sehr wichtige und eindrückliche Worte in seinem Nachwort zu Felix Jacksons „Berlin, April 1933“ findet, die die Bedeutsamkeit dieses Werkes zum Ausdruck bringen. Ich möchte jetzt gar nicht auf den gesamten Text eingehen, aber gerne noch mal betonen, dass man gerade bei solchen Werken das Nachwort nicht vernachlässigen sollte. Es ordnet das Buch ein, bettet es in einen (manchmal anderen) Kontext, gibt Denkanstöße, macht Mut oder mahnt. „Berlin, April 1933“,  ist heute, (zeitlich gesehen) 85 Jahre später, so aktuell wie damals – und das betont Weidle sehr gekonnt, in dem er u.a. das Motto Jacksons aufleben lässt: „Wenn wir über gestern reden, sprechen wir von heute und morgen.“

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April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.

Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können. Der Autor Felix Jackson betont in seiner Vorbemerkung, dass der Roman auf tatsächlichen Ereignissen beruht, auch die Figuren haben wirklich gelebt. Nur ihre Namen sind geändert worden. (vgl. Vorbemerkungen des Autors in „Berlin, April 1933“) Vieles, das in dem Buch seinen Platz gefunden hat, gründet auf Erlebnissen und Erfahrungen Jacksons, der damals noch Joachimson heißt.

Der Roman wird aus Sicht des Protagonisten Dr. Hans Bauer geschildert. In einzelnen Tagebucheinträgen hält er seine Erlebnisse zunächst tageweise fest, später als einzelne Sachverhalte zusammengefasst. Die historische Genauigkeit ist nicht immer ganz gegeben, einige Ereignisse treffen im Buch früher ein als in der Wirklichkeit. Jackson hat die Geschehnisse für den Roman gerafft, sodass eine atmosphärisch dichte und spannende Geschichte entsteht und das wirkt unfassbar gut. Sicher fällt während des Lesens auf, dass die Eintragungen etwas zu ausschweifend, zu detailliert werden, um einen authentischen Tagebucheintrag wiederzugeben, aber das macht die Besonderheit dieses Romans aus. Die Geschichte wirkt umso eindringlicher, weil sie eben durch eine Person geschildert und gleichzeitig von außen mit mehr Informationen gefüttert wird. Der Protagonist schwankt. Er schwankt zwischen „Gut und Böse“, wobei beides irgendwann nicht mehr unterscheidbar wird, zwischen dem, was er will und den gegebenen Umständen. Dieses Schwanken schlägt sich im Text nieder. Als Leser*in kann man geradezu miterleben, wie gewisse Erlebnisse den Protagonisten immer wieder niederstrecken, aufstehen oder auch liegen lassen. Man spürt, wie sich die psychische Belastung immer tiefer eingräbt, allumfassend wird. Dieser Roman stellt mit seinen Leser*innen etwas an, er beschönigt nicht, er teilt aus. Und das ist – gerade jetzt, wo wir uns in einer solch unsicheren Zeit befinden, in der manches sich wie wiederhergeholt anfühlt, das längst begraben schien – so wichtig!

Weidle Verlag | 286 S.

[Rezension] „The Woman in the Window“ | A. J. Finn

Klappt man den Umschlag von „The Woman in the Window“ auf, springen einen sogleich Lobpreisungen von Stephen King, Gillian Flynn, Tess Gerritsen, Val McDermid und Nicci French an. Alles bekannte Thriller und Crime Autor*innen, die selbst große Erfolge feierten und dieses Buch ausdrücklich empfehlen. Noch dazu verrät der Klappentext, dass „The Woman in the Window“ bereits in 38 Sprachen übersetzt worden ist und derzeit von FOX verfilmt wird. Ok. Und was denkt man dann als geneigte*r Vielleser*in? Puh. Man fühlt sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Ich verrate nun schon mal so viel: ich bin froh, dass ich es dennoch gelesen habe und mich nicht von dem Hype habe abschrecken lassen, denn es ist wirklich gut!

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Anna Fox lebt nach einem traumatischen Erlebnis alleine in New York. Vor die Tür zu gehen wird für sie zur Qual, weshalb sie ihre Zeit damit verbringt, ihre Medikamente mit Alkohol zu schlucken, in online Foren nach Gleichgesinnten zu suchen, Film-Klassiker zu schauen oder ihre Nachbarn vom Fenster aus zu beobachten. (Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?) Die neuen Nachbarn, vor allem Mutter und Sohn, sind ihr sofort sympathisch, auch wenn sie sich gar nicht kennen, doch dann wird Anna durchs Fenster Zeugin eines fürchterlichen Überfalls, von dem ihr keiner so recht glauben will…

A. J. Finn, der übrigens ein der und keine die ist (Ich weiß nicht, warum ich das zunächst gedacht habe? Vielleicht, weil A. J. und J. K. … oder wegen der Ich-Erzählperspektive aus Annas Sicht?), nimmt sich in seinem Debütroman die Film-Klassiker zum Vorbild, allen voran, aber nicht nur, solche von Alfred Hitchcock. Alleine Titel und Geschichte erinnern bereits ein wenig an „Das Fenster zum Hof“, – einen wirklich tollen Film -, aber halt. Darum geht es hier ja nicht. Jedenfalls nicht im Detail, auch wenn knapp 50 Filmtitel im Laufe des Textes erwähnt – ja, ich habe sie alle gezählt! – werden und immer wieder Anspielungen darin vorkommen. Finn schreibt flüssig, klar, präzise und mit einem wunderbar trockenen Humor, der auch durch die Übersetzung noch wirkt (dafür ein Lob an Christoph Göhler) aus der Sicht von Anna, die leicht verrückt, aber doch trotzdem mutig dargestellt wird. Anfangs mag man noch ein wenig verwirrt sein, ich kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten wieso, denn dann würde ich zu stark spoilern – und das will ja niemand, ich am wenigsten -, aber das legt sich ganz rasch. Der Autor schafft es, die Geschichte so spannend zu verfassen, dass man sie fast in einem Rutsch lesen möchte und setzt dafür gekonnt tolle Vergleiche ein, sodass einem die Figuren praktisch vor den Augen tanzen:

„Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt (…)“

Mit der nicht ganz zurechnungsfähigen Anna, der mysteriösen Nachbarsfamilie Russel, einem hübschen, aber unnahbaren Untermieter sowie Annas Psychiater als Vertrauensperson und dem guten wie dem bösen Cop, sind alle Gefühlsregungen des Lesers abgedeckt. Es gibt Figuren, mit denen man mitfiebern kann und solche, die man nicht mögen will. Letztlich ist es aber doch so, ein Buch im Film-Noir-Stil wäre kein solches, wenn nicht alles irgendwie doch nicht ganz so wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer sich mit Film-Klassikern auskennt, der wird vielleicht etwas weniger überrascht sein, was den Ausgang des Buches angeht, aber vielleicht auch nicht. Spannend und unterhaltsam geschrieben ist es so oder so, demnach reihe ich mich ein und sage: lesenswerte Zwischendurch-Spannungslektüre!

Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler | blanvalet Verlag | 541 S.

[Rezension] „Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Wilson Collison hat sich vor allem durch seine Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple zu Kassenschlagern wurden, einen Namen gemacht. Er veröffentlichte ebenso zahlreiche Romane, in denen meist junge Frauen, die nicht den Regeln folgten, zu Heldinnen avancierten. „Tod in Connecticut“ wurde 1931 zum ersten Mal in englischer Originalausgabe veröffentlicht und liegt nun dank des Louisoder Verlages in deutscher Übersetzung durch Johanna von Koppenfels vor.

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New York in den 1920er Jahren: Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. Ihr freier Lebensstil verleitet die Menschen um Nolya herum, ihr einen nicht gerade hübschen Stempel zu verpassen. Doch es ist ihr ziemlich egal, was andere denken. Sie kann es sich zudem leisten, da die Gesellschaft durch ihren hohen Stand immer noch einen gewissen Respekt vor ihr walten lässt. (Immer im Hinblick darauf, in welcher Zeit wir uns mit dem Roman befinden!) Ja, manche bewundern sie sogar für ihren Mut. Nur wenn es um Arthur, den bereits verheirateten Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts geht, in den sie schwer verliebt ist, versucht sie Vernunft walten zu lassen, um ihn zu schützen. Denn Arthurs Vater ist hinter die Affäre gekommen und versucht diese mit allen Mitteln zu unterbinden. Währenddessen bemüht sich der Künstler Neil um Nolyas Gunst, aber die hat eben trotzdem nur Augen für Arthur. Als noch ein dritter Mann, Bobby, in Nolyas Leben auftaucht, ist das Chaos komplett. Auf der Silvesterparty von Arthurs Vater eskaliert die Situation und es kommt zu einem Todesfall.

Ich habe schon oft erwähnt, dass mich Romane und Geschichten aus den 1920er und 1930er Jahren besonders interessieren. Gerade wenn es um Bücher geht, die auch tatsächlich während dieser Zeit verfasst wurden. Denn aus heutiger Perspektive ist es nahezu unmöglich eine derartige sprachliche Authentizität einzufangen wie es zum Beispiel bei Wilson Collison der Fall ist. Man merkt schnell, aus welchem Metier Collison kommt und nach wenigen Zeilen schon fühlt man sich direkt wie in einem Film mit Clark Gable. Die Figuren sind klar gezeichnet und permanent hängen Fragen im Raum, die der Roman aufwirft und die man als Leser*in hofft gegen Ende der Geschichte beantwortet zu finden. Die Gespräche sind intelligent und erinnern in ihrer Formulierung an Theaterstücke, doch trotzdem hat mich „Tod in Connecticut“ nicht vollends begeistern können – und das liegt an der Geschichte selbst, die gar nicht schlecht ist, nur einfach nicht meinen Geschmack getroffen hat. Es dauert etwas mehr als die Hälfte des Romans, bis dieser eine richtig spannende Moment auftritt und dieser zerbröselt dann relativ schnell auch schon wieder. Stattdessen geht es in „Tod in Connecticut“ hauptsächlich um eine Vierecks-Geschichte, um unerfüllte, unerwiderte Liebe und zwischendurch, da bricht das auf und Collison bringt richtig gute Gedanken hervor, die die damalige Gesellschaft kritisieren. Leider für mich einfach zu wenig, um gänzlich am Ball bleiben zu können. Ich habe mir wohl einfach eine spannendere Detektivgeschichte oder etwas ähnliches erwartet. Auf Leinwand oder Theaterbühne gebracht, kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen, dass die Geschichte glänzt. Auf papierne Seiten gedruckt, ist sie für mich ein wenig zu blass geblieben, auch wenn ich die Sprache und Ausdrucksformen des Autors als sehr eindrücklich empfunden habe.

Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna von Koppenfels | Louisoder Verlag | 303 Seiten