[Rezension] „Giacinta“ | Luigi Capuana

„Giacinta“ ist Luigi Capuanas Romandebüt aus dem Jahre 1879, welches in seiner Erstauflage bereits nach sechs Monaten vergriffen war. Es ist ein – für damalige Verhältnisse – unmoralisches, skandalöses Buch und daher umso lesenswerter, nicht aufgrund des Skandals, sondern weil es Authentizität und künstlerischen Mut ausstrahlt. Luigi Capuana überarbeitete „Giacinta“ infolge der öffentlichen Kritik, wohl aber auch aus eigenem Anspruch heraus, so dass 1886 eine geänderte Fassung des Romans auf den Markt kam. Die deutsche Erstausgabe, die nun dank des Manesse Verlages vorliegt, bedient sich des ursprünglichen Textes aus 1879.

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„Giacinta“ reiht sich in die Riege der Klassiker von „Anna Karenina“ über „Madame Bovary“ bis hin zu „Effi Briest“ ein, die alle eines gemeinsam haben: ein dramatisches Frauenschicksal. Alleine das zu schreiben klingt pathetisch, doch ist es eigentlich bewundernswert. Was diese Romane allesamt gemeinsam haben ist vielmehr der Autorenmut und die authentische Feinfühligkeit, mit der hier Themen von Ehe und Zwangsehe, Liebe und Nicht-Liebe, Verbundenheit und Verrat, Schuld und Sühne behandelt werden und das mit einer weiblichen Protagonistin, die sich gegen gesellschaftliche Konventionen stellt (oder es zumindest versucht).

Giacinta Marulli wächst, nach außen hin wohlbehütet, in einem materiell sorgenfreien Haushalt in der italienischen Provinz auf, doch der Schein trügt. Sie wird als Kind statt von ihrer Mutter von einer Amme aufgezogen (hier fehlt ihr die nötige elterliche Liebe und Anerkennung) und später von einem Hausangestellten missbraucht. Ein Erlebnis, das sich tief in ihrem Herzen verankert. Innerlich gebrochen, gesellschaftlich belächelt, von der Mutter nicht ernstgenommen, versucht sich Giacinta einen Platz im Leben zu erkämpfen. Reihenweise verdreht sie den Männern den Kopf, was letztlich in einer Ménage-à-trois endet. Trotz aller charakterlichen Stärke Giacintas, kann man sich schon denken: das wird nicht gut enden.

Luigi Capuana ist ein großartiger Erzähler. Durch seine bestechende Sprache verleiht der Autor seinen Figuren eine charakterliche Tiefe und Brillanz, die ich als sehr eindrücklich empfunden habe. Er beschreibt die Charaktere so deutlich und scharf, dass man meinen könnte, sie kämen jederzeit durch die eigene Haustür herein. („Die Signora Penci? Oha! Ein einbeiniger Kranich, so ein Schlenkerhals und eine krumme Nase: ein Schnabel, wie er im Buche stand.“) Man fühlt sich sprachlich auch gar nicht 138 Jahre zurückversetzt, sondern eher inmitten eines eleganten Sonntagsspaziergangs und angesichts der Thematiken Kindesmissbrauch und Ménage-à-trois, ist der Roman für unser modernes Empfinden äußerst zurückhaltend geschrieben (dahingehend braucht man sich also keine Sorgen zu machen). Man merkt, dass „Giacinta“ von einem Autor verfasst worden ist, der seine Sprache als eine Art künstlerischen Ausdruck zu verstehen und einzusetzen weiß. Das mag an einigen Stellen zwar inhaltliche Längen bedeuten, tut der sprachlichen Schönheit jedoch keinen Abbruch. Giacinta selbst ist eine eindrückliche Figur, die ein dramatisches Schicksal durchläuft und vor nichts Halt zu machen scheint, auch wenn man spürt, dass sie eigentlich nur geliebt werden möchte.

Kurzum, „Giacinta“ ist für mich definitiv ein Buch, das man neben „Anna Karenina“, „Madame Bovary“ und „Effi Briest“ im Regal stehen haben sollte. Gelesen, versteht sich! 🙂

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Italienischen von Stefanie Römer | Manesse Verlag | 336 S. | ISBN: 978-3-7175-2434-2

[Rezension] „Magonia“ |Maria D. Headley

Jugendbücher und ich. Das hatte eine lange Zeit Tradition. Und auch heute noch greife ich gerne zu einem solchen Exemplar, wenn mir der Sinn danach steht. Leider musste ich in letzter Zeit häufig feststellen, dass viele Jugendbücher nach einem ähnlichen Schema gestrickt sind und dadurch wenig Neues und wenig Innovatives zu bieten haben – jedenfalls für mich. Ausnahmen gibt es sicher – wie überall – aber diese muss man erst einmal finden. Daher lese ich mittlerweile viel seltener Jugendbücher, was ich aber doch ab und an sehr vermisse. Mit „Magonia“ wollte ich einen neuen Versuch in diese Richtung starten. Warum? Es klingt so magisch wunderbar, zum der Realität entfliehen.

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Aza Ray leidet seit ihrer Geburt an einer unheilbaren und höchst seltenen Lungenkrankheit. Niemand weiß so recht, worum es sich dabei handelt und niemand findet ein Gegenmittel. Daher weiß Aza: Eher früher als später muss sie sterben. Als es ihr wieder besonders schlecht geht, scheint daher alles verloren. Ihre Familie und ihr bester Freund Jason müssen sie gehen lassen, aber Jason glaubt nicht daran, dass Aza wirklich tot ist. Er beginnt nachzuforschen und kommt so einem mystischen, mysteriösen und zugleich magischen Geheimnis auf die Spur, dem von Magonia. Einem Land über der Erde, mit Vogelwesen und fliegenden Schiffen in den Wolken. Einem Land, in dem Aza wieder gesund ist und welches ihr eine große Aufgabe auferlegt. Doch ist Aza bereit, diese Aufgabe zu erfüllen oder hängt ihr Herz doch noch ein Stück zu sehr an der Erde?

„Magonia“ von Maria D. Headley ist zu einem großen Teil Jugendroman, inklusive patziger Protagonistin und Außenseitertum und zu einem großen Teil Fantasyroman, inklusive magischer Geschöpfe und einer fremden Welt. Headley verwendet in „Magonia“ eine besondere Sprache, indem sie mit Wörtern spielt, wenn sie diese extra betonen möchte. (Zum Beispiel formt sie aus dem Wort „Zuhause“ ein Quadrat, welches das Zuhause darstellen soll.) So etwas mag ich sehr, weil sich so die Geschichte alleine durch ihren Schreibstil aus der Masse hervorhebt.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt. Aus Azas Sichtweise, die ich manchmal als etwas zu anstrengend empfunden habe, denn, auch wenn man todkrank und ein Teenie ist, muss man das doch bitte nicht ganz so doll heraushängen lassen – und aus Jasons Sichtweise, der mir persönlich sehr viel sympathischer gewesen ist. Schade, dass seine Kapitel im Vergleich zu Azas viel zu kurz gekommen sind. Was mich gleich zu meinem „Problem“ mit dem Buch führt: Ich habe es als etwas zu langatmig empfunden. Viele Sequenzen in Magonia sind zu gewollt. Vielleicht empfinde ich das auch nur so, weil ich schon so viele Fantasyromane und Dystopien gelesen habe, aber ich hätte mir hier irgendwie etwas Überraschenderes gewünscht und, wie ich eben bereits schon erwähnt habe, Aza ist einfach nervig. Es tut mir leid, aber ihre Denkweise, ihr Handeln, ihr Fühlen, das ist bis auf ein paar Ausnahmen wirklich daneben. In Teilen habe ich das Buch sehr gerne gelesen und vor allem die Sprachspielereien finde ich nach wie vor gelungen, aber Aza als Protagonistin und die Handlung in Magonia, naja, das ist – meiner Meinung nach – ausbaufähig. Wäre ich jetzt allerdings in Azas Alter, würde ich das sehr wahrscheinlich etwas anders beurteilen, daher kann ich „Magonia“ guten Gewissens an ein jüngeres Lesepublikum weiterempfehlen (denn ich fand es ja keineswegs schlecht!) und an Leser meines Alters auch, aber mit Abstrichen (wie oben genannt), wenn sie denn gerne von magischen Welten lesen oder einfach nur mal abtauchen möchten.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Julia Walther – Heyne fliegt – 368 S. – ISBN: 978 – 3 -453 – 27017-6

[Rezension] „Lily und der Oktopus“ | Steven Rowley

Auf dem Buchcover von „Lily und der Oktopus“ ist eine Dackeldame abgebildet. Sie ist zuckersüß und spielt mit einem roten Ball. Selbst wenn sie nicht zuckersüß und Ball spielend wäre, es ist eine Dackeldame! Muss ich jetzt noch weitere Gründe nennen, warum ich dieses Buch unbedingt lesen wollte? Ja? Echt? Na gut. Hier geht es um Tierliebe, um Hundeliebe, um Liebeliebe. Ted (der menschliche Protagonist) und Lily (die tierische Protagonistin) lernen sich auf einer Farm kennen. Da ist Lily gerade mal 12 Wochen alt. Es ist, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten (Hunde)blick. Mittlerweile leben Lily und Ted 12 Jahre miteinander (das sind 84 Hundejahre!), sie machen Spieleabende, unterhalten sich über Schauspieler, die Liebe, das Leben und essen auch mal gemeinsam Pizza. Kurz: Lily und Ted sind untrennbar. Und dann entdeckt Ted etwas auf Lilys Kopf, das so gar nicht nach Pizza aussieht. Ein Oktopus klammert sich mit seinen fiesen Tentakeln an die Hündin und macht sie kränker und kränker.

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Mit viel Fantasie und ganz viel Liebe, die tief aus dem Bauch heraus kommt, erzählt Steven Rowley eine Geschichte von Freundschaft und Tierverbundenheit, wie sie nur geschrieben werden kann, wenn sie auf eigenen Erfahrungen beruht. („Für Lily“.)

Ted ist ein etwas verschrobener Drehbuchautor, bei dem es auch in der Liebe nicht so richtig funktionieren will. Denn die Sache mit den Beziehungen, die klappte bisher nie so. Die Sache mit den Dates, ja, die irgendwie auch nicht. Und jetzt die Sache mit dem Oktopus, der ihm das Wichtigste nehmen will, was Ted besitzt. Da gerät sowieso alles außer Kontrolle.

Man darf sich beim Lesen des Buches nicht wundern, dass zwischen Hund und Mensch reale Gespräche geführt werden und dass der Oktopus, der ja eigentlich etwas ganz anderes Boshaftes darstellt, ebenfalls personifiziert wird. Auf diese Art bringt der Autor uns Lesern die Geschichte, die Gefühle und auch ein bisschen die (positive) Verrücktheit Teds näher. An manchen Stellen wirkt es leider doch ein wenig übertrieben. Vor allem in den traumhaften Szenen mit dem Oktopus und manchmal auch in den Gesprächen zwischen Ted und Lily. Trotzdem wird jede|r Hundebesitzer|in oder vielleicht auch nicht Hundebesitzer|in nachvollziehen können, wie stark das Band zwischen Mensch und Hund sein kann, denn das wird hier im Buch wirklich deutlich. Es werden todtraurige, aber auch wunderbar lustige und zutiefst emotionale Dialoge geführt. In Rückblenden erfahren wir, warum Ted ist, wie er ist, wie Ted und Lily zusammengefunden haben und wieso solch eine Beziehung und auch ein bisschen Magie und Verrücktheit im Leben so wichtig sind. Sprachlich ist der Roman gut lesbar, aber teils auch etwas anstrengend, wenn die Dialoge zwischen Hündin und Mensch geführt werden. Tierisch wird sich da nämlich komplett in Großbuchstaben und Ausrufezeichen ausgedrückt, das empfand ich persönlich als ein bisschen „too much“.

„Lily und der Oktopus“ ist ein herzerwärmendes, aber auch trauriges Buch, das vor allem durch die Skurrilität und den Fantasiereichtum des Autors lebt. Es ist ein fluffiges und zugleich nicht fluffiges Buch. Für Fans von „Das Rosie-Projekt“ und schweren Themen, die schön und leicht locker verpackt sind, eine klare Empfehlung!

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt – Goldmann Verlag – 352 S. – ISBN: 978-3-442-31433-1

[Rezension] „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ | Luisa Stömer & Eva Wünsch

„Frau sein ist viel mehr als nur nicht Mann sein.“

Denn, auch wenn die Frau von heute gerne mal so tut, als sei sie grenzenlos aufgeklärt und ihr Wissen über ihren eigenen Körper unendlich, so ist das doch – seien wir mal ehrlich – häufig nicht der Fall. Mich eingeschlossen. Nehmen wir nur das Beispiel der Pille, die von vielen (vor allem jungen Mädchen) als eine Art „Wundermittel“ angesehen wird (ohne dabei wertend zu sein, also bitte nicht falsch verstehen!). Die Pickel verschwinden, der Busen wächst, der Zyklus ist regelmäßig und schwanger werden kann man auch nicht. Wie schön! Aber, was passiert mit dem weiblichen Körper nun wirklich unter der Einnahme künstlicher Hormone? Und generell, wie läuft denn so ein Zyklus überhaupt ab und was passiert währenddessen mit und in der Frau? Diesen und anderen – spannenden sowie wichtigen – Fragen gehen die beiden jungen Autorinnen und Illustratorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch in „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ nach. Liebevoll und wunderschön beschreiben und zeigen die beiden Freundinnen den weiblichen Körper mit all seinen Wundern und Macken.

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Auf 240 Seiten führen uns Luisa Stömer und Eva Wünsch durch das Mysterium des weiblichen Körpers. Es zeigt sich (auch wenn wir das sicher schon gewusst haben), dass dieser eine wahre Wunderwelt beherbergt. Mit viel Charme, Witz, Humor und – ganz wichtig – Ästhetik werden in „Ebbe & Blut“ mit Hilfe unterschiedlicher Kapitel die wichtigsten Themen behandelt. Vom eigenen Körperverständnis, über den Zyklus und seine Eigenarten, Schwangerschaft(swunsch), bis hin zu Verhütungsmethoden aller Art und vielen Tipps & Tricks zur richtigen Ernährung und Hilfestellung bei starker Beschwerden (z.B. unter PMS) ist alles dabei – und noch mehr. Dabei wird der weibliche Körper sowohl in Text- als auch in Bildform immer als das absolut Wunderbarste auf der Welt gezeigt (was er ja auch ist!). Keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, was mit ihrem Körper passiert, wenn die Menstruation naht oder gerade stattfindet u.ä. Und keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, mal nicht „funktionieren zu können“, weder der weibliche noch der männliche Körper sind Maschinen, aber der weibliche hat eben noch ein paar Aufgaben mehr zu bewältigen. Er trägt schließlich die Wiege des Lebens (wie es die beiden Autorinnen sehr schön in der Einleitung betonen).

Dieses Buch ist ein Fest für jede Frau, die ihren Körper besser verstehen möchte, um ihn noch ein wenig mehr zu mögen als bereits zuvor. Denn das eigene Körperbewusstsein und auch ein bisschen Liebe für diesen jenen ist so, so wichtig! Nur wer auf seinen Körper achtgibt, wird die kleinen und manchmal auch großen Signale richtig deuten und sich selbst sehr viel besser verstehen können. Das wirkt sich auch auf das ganze Leben aus. Klingt etwas überzogen? Nö. Find ich nicht. „Ebbe & Blut“ ist kein staubtrockenes Aufklärungsbuch, wie man sich das jetzt vielleicht so vorstellen würde. Es ist wunderschön mittels ästhetisch ansehnlicher und thematisch durchdachter Collagen illustriert und die Texte dazu sind zwar oft recht kurzgehalten, enthalten aber dennoch die wichtigsten Fakten.

„Ebbe & Blut“ befasst sich mit wichtigen weiblichen Themen, die allgemein (immer noch) häufig verschwiegen werden, weil sie als „unfein“ deklariert werden, da sie eben nicht zum alltäglichen Smalltalk gehören. Warum eigentlich? Der weibliche Körper ist so etwas Tolles – und das beweisen Luisa Stömer und Eva Wünsch hier absolut.

Summa summarum, holt euch dieses Buch und schämt euch nicht dafür. Weder dafür, ein Buch über den weiblichen Zyklus zu besitzen (und es toll zu finden), noch für euren wunderbaren Körper. Er will nur verstanden und wohl behandelt werden!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Euer Exemplar gibt es hier zu erstehen (oder beim Buchhändler des Vertrauens):

Gräfe und Unzer | 240 S. | ISBN: 978-3-8338-6112-3

[Rezension] documenta 14: Daybook

When in Kassel… Alle fünf Jahre ist es soweit und Kassel wird dank der documenta zum Dreh- und Angelpunkt von Künstler|innen und Kunstbegeisterten weltweit. Wenn man dann schon in Kassel wohnt und (wenn auch auf Laienniveau) kunstbegeistert ist, sollte man sich doch etwas näher mit der documenta beschäftigen. So der Plan. Mir hilft es im Allgemeinen sehr – egal bei welcher Art Kunstbetrachtung – ein Buch zur Hand zu haben, das mir die Künstler|innen und deren Ideen näherbringt, weil ich doch an mehr als der bloßen Betrachtung der Kunstwerke/Performances/Installationen etc. interessiert bin. Ein wenig Hintergrundwissen schadet nie.

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Auf gut 163 Einträgen gibt es nun also im „documenta 14: Daybook“ einiges über die jeweiligen Künstler|innen zu lesen. Wissenswertes über ihr Wirken, ihr Ansinnen und zu ihrer Person, wobei hier jedem|jeder Künstler|in eine Doppelseite gewidmet ist. Diese Doppelseite beschäftigt sich nicht bloß mit dem|der Künstler|in und dem jeweiligen documenta 14 Projekt, sondern geht darüber hinaus. Oben rechts befindet sich je eine Art Kalendereintrag, womit alle Tage von Beginn der documenta 14 am 08. April 2017 in Athen bis hin zum Ende am 17. September 2017 in Kassel abgedeckt sind. Raum und Zeit bilden insofern eine universalgültige Einheit, weil Zeit für jeden immer und überall gleich ist, wenn auch nicht auf der Uhr, so doch vom Gefühl her. Dadurch wird auch der räumliche Unterschied von Athen zu Kassel nichtig – in der Kunst verschwimmen Zeit und Raum. Es ist eine Art Spiel mit der Wahrnehmung, die auf politische und persönliche Ereignisse abzielt, die in der Vergangenheit, aber auch genauso gut noch in der Zukunft liegen können – oder eben im hier und jetzt. In einer weiteren dunkel hinterlegten Box (links unten) auf jeder Kalenderdoppelseite befindet sich ein zweites Datum – und zwar eines, das dem|der Künstler|in besonders am Herzen liegt, was ihm|ihr in persönlicher Erinnerung geblieben ist – und dieses Datum ist (optional) mit einem Foto aus dem eigenen Fundus hinterlegt. Aus allen Zeitebenen zusammen ergibt sich ein historischer, chronologischer und persönlicher Diskurs, der äußerst interessant und vielfältig ist.

Jede Künsterdoppelseite ist mit Fotos, Einträgen und Kurzbiografien von unterschiedlichen Autoren|Autorinnen hinterlegt und somit weitaus mehr als bloß ein documenta 14 Begleitbuch, Ausstellungsführer oder gar reine Informationsquelle (daher auch sehr empfehlenswert für alle, die nicht auf der documenta 14 zugegen sein werden). Auf den Umschlagtaschen des im A4 Format gehaltenen Daybooks befinden sich sowohl vorne als auch hinten ein Index aller Künstler|innen, was das Nachschlagen deutlich vereinfacht. Wissenswertes zur documenta 14 finden sich im Vor- und Nachwort, in dem unter anderem auch die einzelnen Autoren des Buches genannt werden. Ergänzend finden sich zwei Map Booklets – je eines für Athen und eines für Kassel -, die als Karte und Orientierungshilfe in den jeweiligen Orten dienen.

Ich kann das „documenta 14: Daybook“ guten Gewissens jedem weiterempfehlen, der sich für die documenta 14 und deren Künstler|innen im Speziellen sowie für Kunst in allen Facetten im Allgemeinen interessiert. Es gibt einen guten Überblick über die einzelnen Künstler|innen hinaus, ohne dabei zu viel vorweg zu nehmen und so der eigenen Gedanken noch Spielraum zu lassen. Mit dem großen Format ist es vielleicht etwas unhandlich, aber dafür gut durchdacht und praktisch einsetzbar.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Quinn Latimer (Hrsg.) | Adam Szymcyk (Hrsg.) | Prestel Verlag | ISBN: 978-3-7913-5654-9

[Rezension] „Beklage deine Sünden“ | Deborah Crombie

Ich lese nicht mehr allzu häufig Krimis und|oder Thriller. Warum? Sie wiederholen sich oft, haben einen ähnlichen Plot, sind voraussehbar und wenig überraschend. Bei Deborah Crombie mache ich aber immer wieder gerne eine Ausnahme. Crombie war – neben ‚Sherlock Holmes‘, ‚Miss Marple‘ und ‚Tina und Tini‘ als Kind – meine erste „richtige“ Krimi-Leseerfahrung, geprägt durch meine Mutter, der ich die Bücher mit vierzehn (oder so) heimlich aus dem Regal gemopst habe.

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Deborah Crombies Romane spielen allesamt in Großbritannien/Schottland, was wohl der Grund ist, warum ich sie so mag, und handeln von dem Ermittlerduo Duncan Kincaid und Gemma James, die mittlerweile nicht nur im Beruf eine Einheit bilden. Obwohl Crombie in den USA lebt ist alles irgendwie ziemlich typisch britisch. Vom Schreibstil über den Handlungsort bis hin zu den Figuren. Es bleibt elegant und unaufgeregt, aber dennoch spannend.

„Beklage deine Sünden“ ist der nun mittlerweile 17. Fall des Ermittlerteams Kincaid & James und führt den|die Leser|in in ein nobles Wohngebiet in Notting Hill, wo die Leiche einer 24-jährigen Frau entdeckt wird, einem Kindermädchen aus Gemma James näherem Bekanntenkreis. Während Gemma hartnäckig an diesem Fall arbeitet, der immer mysteriöser zu werden scheint, muss Kincaid sich mit einem längst abgeschlossen geglaubten Fall erneut beschäftigen. Sein ehemaliger Vorgesetzter Denis Childs ist zurück und wird nach einem gemeinsamen Treffen zusammengeschlagen im Park gefunden. Sind die Gründe dafür in den polizeiinternen Reihen zu suchen? Duncan befürchtet, nicht nur sich selbst, sondern auch Gemma und den Rest seiner Familie in Gefahr zu bringen, aber doch muss er die Wahrheit herausfinden…

Band 17 der Kincaid & James Reihe setzt einiges an Wissen der vorangegangenen Bände voraus. Das heißt nicht, dass man nicht auch so in die Thematik einsteigen könnte, aber doch ist es von Vorteil und erleichtert den Lesefluss, was gleichzeitig den Lesespaß erhöht. (Logisch.) Ich persönlich habe es gerne, wenn viele Personen auftreten, es unterschiedliche Handlungsstränge gibt und doch irgendwie alles zusammengehört. Das mag aber nicht jedem so gehen und denjenigen sei gesagt: dann könnte es hier leserlich etwas anstrengend werden. Denn Crombie verbindet in ihren Büchern immer sehr schön die jeweiligen Kriminalfälle mit dem Privatleben der Ermittler und so auch oft der Nebenfiguren und in diesem Band treten neben Kincaid und James auch zahlreiche andere Figuren in Aktion, die in irgendeiner Form beleuchtet werden. Da kann man schon mal durcheinanderkommen. In „Beklage deine Sünden“ bleiben deshalb manche Details etwas auf der Strecke – das ist jetzt allerdings jammern auf hohem Niveau. Wer Lust auf einen Krimi mit britischem Flair ohne Blut und sonstigem Horror, dafür aber mit einer gut erzählten Story hat, der liegt hier goldrichtig!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Urban Hofstetter – Goldmann Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-48024-1

[Rezension] „Die Taufe“ | Ann Patchett

Ann Patchett ist Autorin von bereits sieben Romanen und drei Sachbüchern sowie Preisträgerin u.a. des PEN/Faulkner Awards und des britischen Orange Prizes. Das Time Magazine zeichnete sie 2012 als eine der 100 einflussreichsten Personen auf der ganzen Welt aus. Was mir Ann Patchett allerdings so sympathisch macht und wohl im Gedächtnis verbleiben lässt, ist der Name ihres Hundes: Sparky. (Vielleicht hat sie sich gar auch von Tim Burtons ‚Frankenweenie‘ inspirieren lassen?) Ihr neuester Roman „Die Taufe“ (im Englischen ‚Commonwealth‘) ist erst kürzlich auf Deutsch erschienen und konnte bereits den englischsprachigen Raum begeistern.

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Den Inhalt dieses Romans ohne Spoiler wiederzugeben ist mir leider nicht ganz möglich. Ich versuche jedoch, so wenig wie möglich vom eigentlichen Geschehen zu beschreiben, nur gerade so viel, dass man versteht, worum es geht. Wer lieber nur die Kurzfassung lesen mag, für den|die gilt: Zwei Familien, die Keatings und die Cousins, verbunden durch ein Ereignis, die Taufe Franny Keatings.

In den frühen 1960ern lädt die Familie Keating zur Tauffeier ihrer Tochter Franny ein. Dort taucht – uneingeladen – Albert Cousins (kurz: Bert) auf. In der Hand eine Flasche Gin. Mit dieser Flasche und der Taufe beginnt eine neue Zeit der Erinnerung für die Keatings und die Cousins. Durch einen bestimmten Moment auf der Feier werden beide Familien unwiederbringlich miteinander verbunden. Ein kurzer Augenblick, der alles verändert und die Zukunft beider Familien eine neue Richtung zuweist.
Circa zwanzig Jahre später verliebt sich Franny in einen älteren Mann, Leon Posen, einen Schriftsteller mit fehlender Inspiration. Franny berichtet ihm die Geschichte ihrer beiden Familien und wird so plötzlich Teil einer neuen Erzählung, einer auf ihrer wahren Vergangenheit beruhenden – in Leon Posens Buch! Das hat Folgen. Nicht nur für Franny, sondern für den ganzen Keating-Cousins-Clan.

„Die Taufe“ umfasst einen Zeitraum von circa 50 Jahren und wird oft in Rückblenden und Einschüben erzählt. Die Kapitel sind nicht explizit als solche gekennzeichnet, so dass man als Leser|in manchmal nicht ganz weiß (vor allem zu Beginn), wo und bei wem man sich zeitlich gerade befindet. Ist man erst mal in der Geschichte drin, verschwimmt dieses „Problem“ aber ganz schnell.
Ann Patchett schreibt elegant und ruhig von einer Familie und ihren Problemen, wie sich das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander und untereinander ändert und verschiebt. Wie sie es aber dennoch schaffen, ein enges Band zu knüpfen, zueinander zu halten, eine Familie zu sein. Vor allem geht es in „Die Taufe“ um Erinnerungen, darum, wie jeder einzelne aufgrund von Erinnerungen sein Leben gestaltet. Schuldgefühle, die sie vielleicht verfolgen. Die daraus resultierende Suche und Bitte um Vergebung. Es geht darum, wie ein einzelner Moment das Leben von zwei Familien durcheinanderwirbelt und was diese daraus machen bzw. gemacht haben. Dem|der Leser|in kommt die Aufgabe zuteil, mit den einzelnen Familienmitgliedern Seite um Seite heranzuwachsen, älter zu werden, die Dinge zu verstehen. Ann Patchett gelingt es dank ihres Erzähltalents wunderbar, dem|der Leser|in die Figuren und deren Leben plastisch darzustellen, so dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen, mitzuleiden, mitzuleben.

„Die Taufe“ ist ein wunderbarer, von der Sprachschönheit der Autorin gezeichneter Familienroman, der weder plump, noch einfallslos daherkommt. Sicher ist es kein gänzlich neues Thema, diese Familienproblematik, aber was macht das schon? Ich habe den Roman sehr genossen, ein wenig hat er mich sogar an „Das Nest“ erinnert oder auch an die TV-Serie ‚The Slap‘, und kann ihn all jenen ans Herz legen, die Lust auf etwas anspruchsvollere Sommerliteratur haben.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Thiesmeyer – Berlin Verlag – 400 S. – ISBN: 978-3-8270-1344-6

[Rezension] „Into the Water“ | Paula Hawkins

Seitdem Paula Hawkins mit ihrem Spannungsdebüt „Girl on the Train“ solch einen fulminanten Start als Autorin in diesem Genre (es sind ja nicht ihre ersten Werke) hingelegt hat, kennt ihren Namen wohl so gut wie jede|r. Vor allem auch, weil bereits ihr erster Thriller die Gemüter gespalten hat. Mich konnte Hawkins mit „Girl on the Train“ begeistern, weshalb ich mich sehr auf ihren zweiten Spannungsroman „Into the Water“ gefreut habe. Ob sie mich erneut überzeugt hat, könnt ihr weiter unten nachlesen.

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Beckford. Nel Abbott ist tot. Selbstmord im mysteriösen ‚Drowning Pool‘, der schon so manches Opfer gefordert hat – vermutet man. Doch war es das wirklich? Julia Abbott, Nels Schwester, kehrt trotz schlechter Erinnerungen an ihren Heimatort zurück, um sich um Lena, ihre Nichte, zu kümmern. Diese ist davon überzeugt, dass Nel etwas zugestoßen sein muss. Langsam entspinnt sich ein Faden aus Geheimnissen, verdrängten Erinnerungen und der Frage nach dem: Wem kann man noch trauen? Denn, jeder scheint verdächtig.

„Into the Water“ ist ein klassisch aufgebauter Psychothriller. Ein Ort (Beckford) mit einem dunklen Geheimnis (dem ‚Drowning Pool‘). Menschen, die alle etwas zu verbergen haben. Ungeklärte Todesfälle – war es Selbstmord oder Mord? Was könnten die Gründe dafür sein?

Der Roman wird aus zahlreichen Perspektiven geschildert, wobei jede beteiligte Person eine eigene Stimme bekommt und seine eigene Geschichte, seine eigene Sicht der Dinge erzählen darf. Zusätzlich arbeitet Hawkins mit mehreren Zeitebenen. Der Vergangenheit, in der Geschehenes, welche evtl. zum Verstehen von Nel Abbotts Tod führen können, immer wieder durch Rückblenden oder einzelne Kapitel erzählt wird – und der Gegenwart, in der Nel Abbott tot ist und der oder die Gründe für ihren Tod aufgeklärt werden sollen. Das Prinzip an sich finde ich gut, ich mag Romane mit mehreren Erzählperspektiven und Zeitebenen, aber in diesem Fall sind es mir einfach ein paar zu viel gewesen. So verliert man sich beim Lesen, muss oft zurückblättern und sucht verzweifelt nach dem roten Faden, welcher eigentlich durch den Wechsel vorangetrieben werden soll.

Auch die Geschichte an sich habe ich als zu strukturiert gedacht, aber unstrukturiert erzählt empfunden. Vor allem, weil Paula Hawkins eigentlich sehr angenehmer Schreibstil permanent dadurch gestört wird, dass sie ihre Sprache der jeweiligen Personen anpasst – mal jugendlich, mal verrückt, mal schon etwas reifer – dies aber einfach nicht immer passt und dadurch hölzern wirken lässt. Bereits nach den ersten 100 Seiten habe ich die Lust an dem Roman verloren. Die Idee mit dem ‚Drowning Pool‘, den (Selbst?)mordfällen, der Suche nach Geheimnissen in der Vergangenheit finde ich generell gut, ist  aber leider ein Thema, was zur Genüge in Thrillerromanen aufgegriffen wird und hier durch doch sehr hanebüchene Erklärungen gelöst wird. Mir hat dadurch die Spannung gefehlt, es hat mich nicht gepackt. Ich würde gerne etwas Anderes schreiben, aber auch nach Beendigung des Buches kann ich zu keinem anderen Urteil kommen.

Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht etwas hart urteile, aber wenn ich einen Roman aus der Sparte „Spannung“ lese, dann muss es mich auch wirklich packen und ich möchte wissen, was geschehen ist. Ich möchte das Gefühl haben, mit wenigstens einer Person mitzufiebern, mit dieser gemeinsam „den Fall“ zu lösen – und das hat mir hier leider gänzlich gefehlt. Daher kann ich diesen Roman nur bedingt weiterempfehlen. Leider. Aber: Vielleicht werden diejenigen mit „Into the Water“ glücklich, denen „Girl on the Train“ missfallen hat, denn beide Werke ähneln sich meiner Meinung nach nur bedingt im Schreib- und Thrillerstil.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Christoph Göhler – blanvalet – 480 S. – ISBN: 978-3-7645-0523-3

 

[Rezension] „Sonne und Beton“ | Felix Lobrecht

Gibt man in diesem Internet in die Suchmaske bei Google „Felix Lobrecht“ ein, findet man unter anderem jede Menge lustige Videos, Links zu Comedyseiten und -netzwerken und seine eigene Homepage. Klickt man auf Letzteres, springt einem ein großes Foto von ebenjenem Felix Lobrecht entgegen. Ein bisschen weiter nach unten gescrollt steht da: „Felix Lobrecht ist lustig. Außerdem schreibt er Bücher.“ – und damit wäre dann wohl alles geklärt. Sprich, so viel zu seinem Humor und zu dem, was er macht, denn Felix Lobrecht ist (so steht es auf der Autorenwebseite des Verlages) Stand-Up-Comedian, einer der erfolgreichsten Slampoeten und jetzt eben auch: Autor.

„Sonne und Beton“ ist Felix Lobrechts erster längerer (Solo-)Roman und schlägt etwas andere, irgendwie ernstere Töne an als man vielleicht erwarten würde. Eins schon vorweg: ich bin positiv überrascht!

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Vier Jungs im Berlin Neuköllner Sommer. Ihr Alltag besteht aus Sprüche klopfen, Schule schwänzen, kiffen, hier und dort mal eine Schlägerei, hier und dort mal etwas mitgehen lassen. Ihr Alltag besteht aber auch darin, all die persönlichen, oft nicht gerade kleinen Probleme zu bewältigen. Von Problemen in der Familie, über Geldsorgen bis hin zum Gefühl, von niemandem ernst und/oder unterstützt zu werden – am wenigsten von Lehrern, die oft hilflos und eingeschüchtert zusehen. Der Plan der vier Jungs: sich so durchboxen. Eines heißen Sommertages beschließen sie jedoch etwas „Größeres zu reißen“. Eine Entscheidung, die Folgen haben wird. Für jeden auf andere Weise.

Der Roman wird aus der Ich-Perspektive von Lukas erzählt, der bei seinem alleinerziehenden Vater lebt. Lukas großer Bruder (das Vorbild) ist längst ausgezogen, macht irgendwie sein eigenes Ding, was genau, erfährt man nicht, man mag es aber ahnen. Ein Neuköllner Paradebeispiel. Die Erzählweise vermittelt eine gewisse Authentizität, eine Möglichkeit zu verstehen, wie das Leben in Neukölln wohl so ist (wenn man es nicht schon selbst kennt). Die Sprache, die Felix Lobrecht nutzt, dient eben jener Authentizität. Sie ist flapsig, sie ist derb, sie ist echt (wenn auch für einige bestimmt zunächst gewöhnungsbedürftig). Ungefähr so hört es sich aber an, wenn man in bestimmten Gegenden einer Großstadt – hier natürlich Berlin Neukölln – aufgewachsen ist. „Alter“, „Dicker“, „Shu“, „Dings“ und, klar, es wird berlinert. Lobrecht schlägt aber auch leisere Töne an, zum Beispiel, wenn Lukas über sein Leben nachdenkt, wenn er versucht, irgendwie wieder hinzubiegen, was er verbockt hat. Der harte Sound des Berliner Ghettos trifft auf die leisen Gedanken der Jungs, die eigentlich alle nur eines wollen: irgendwie was aus sich machen. Die Realität in Berlin Neukölln ist keine weichgezeichnete Welt von hilfsbereiten Menschen und einer Portion Glück, sondern vielmehr ein trister Alltag, dem man nur mit viel Mut und Stärke begegnen kann. Lobrecht schafft es, diesen ganz eigenen Sound wiederzugeben und bleibt dabei verdammt ehrlich. Absolut lesenswert!

Weiterführende Links:

http://www.resonanzboden.com/unterwegs/neukoelln-ist-home-felix-lobrecht-gespraech-bezirksbuergermeisterin-franziska-giffey/

http://felixlobrecht.de/

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Ullstein fünf im Ullstein Buchverlag – 224 S. – ISBN: 978-3-96101-002-8

[Rezension] „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ | Marlon James

Marlon James ist ein Wahnsinnstyp. Anders kann ich ihn (unbekannterweise) gar nicht beschreiben – und das meine ich positiv! Oder doch: Marlon James ist ein Wahnsinnsautor. Er schreibt kraftvoll, energisch, aber zugleich beinahe poetisch in einer rauen Sprache, die einem den Atem raubt. Das ändert sich auf keiner der über 850 Seiten, womit „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ alles andere als eine kurze Geschichte ist.

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Wie gibt man nun den Inhalt eines Buches wieder, das sowohl politisch als auch gesellschaftlich so viel vorzuweisen hat, das einem fast der Kopf brummt (aber auf gute Weise!)? Vielleicht zunächst mit dem Dreh- und Angelpunkt des Romans: Der Anschlag auf Bob Marley vom 03.12.1976. An diesem besagten Tag dringen sieben Unbekannte in das Haus Marleys und seiner Frau Rita ein. Es folgen Pistolenschüsse. Bob Marleys Manager wirft sich über den Sänger und fängt somit die schlimmsten Schüsse ab. Auch Rita wird verletzt. Marley selbst kommt mit leichten Verletzungen davon und steht kurze Zeit später für ein Friedenskonzert auf der Bühne. Welche Gründe hinter der Tat stecken oder wer die Männer sind, die auf Marley geschossen haben, bleibt unklar. Vermutlich ist der Überfall politischer Natur, ein Ausdruck von Bandenrivalitäten, die von je unterschiedlichen politischen Gegnern unterstützt werden. Denn: Wenige Tage nach dem Anschlag sind Wahlen angesetzt und Bob Marley soll eine Verbindung zu dem Staatschef gehabt haben.  (Quellen: hier  und hier )

Dies bildet den Mittelpunkt des Romans. Bob Marley, der im Buch immer nur „Der Sänger“ genannt wird, das Attentat auf ihn, mögliche Hintergründe dafür und ein Stimmungsbild Jamaikas, welches beispielhaft an dem Anschlag festgemacht wird bzw. sich um diesen herum manifestiert. „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist Politthriller, Krimi, Historie, Fiktion und sprachlicher Reggae. Knapp 80 Personen erzählen aus ihrer Perspektive vom Jamaika der 70er und 80er, von Drogen, Gewalt, Homophobie, Korruption und politischen Intrigen – nicht selten sind diese Erzähler Mitglied in einer Gang. Ebenfalls nicht selten sind sie bereits tot, denn beinahe alle sieben Seiten stirbt eine Person, noch viel häufiger geht es gewaltsam zu. Die Sprache ist hart, sie ist rau, sie ist ehrlich. Manche Sätze klingen wie Reggae-Musik, manche sind einfach nur brutal (aber eben authentisch). Trotz vieler Slang- und Ghettoworte (z.B. „Bombocloth“, „Gunman“, „Dawta“, „Battyboy“), ist es nicht schwierig zu verstehen, was gemeint ist. Auch wenn es im Anhang ein Glossar dieser Wörter gibt, schaut man eher selten nach, denn Marlon James schafft es, diese praktisch im Kontext zu erklären. Das muss man erst mal können!

Die Sätze reihen sich oft nahtlos aneinander und greifen ineinander über, Satz für Satz, Wort für Wort. So entsteht eine atemlos machende Dynamik und Spannung. Marlon James verwendet keine Anführungszeichen in wörtlicher Rede, sondern einen fließenden Übergang. Wenn ein Gespräch besonders betont werden soll, steht es Zeile für Zeile, mit einem Spiegelstrich markiert, so dass man als Leser|in gleich merkt: Aha. Hier wird es jetzt aber besonders interessant!

Die Sprachgewaltigkeit und Kunstfertigkeit des Autors machen dieses Buch zu einem sogartigen Leseerlebnis, auch wenn der Inhalt oft verwirrend und nicht unbedingt leicht verständlich, geschweige denn leichte Kost ist. Es fällt mir sogar schwer, den Inhalt konkret wiederzugeben, es passiert einfach so viel, aber irgendwie ist das in diesem Fall auch gar nicht schlimm, wenn man nicht alles versteht. Der Roman trägt einen auch so in ein faszinierendes Leseerlebnis, das teils ohnmächtig macht, angesichts dessen, was alles geschieht.

Mit dem Empfehlen wird es jetzt etwas schwierig, nicht, weil dieser Roman nicht empfehlenswert ist (Im Gegenteil! Marlon James hat meiner Meinung nach auch völlig zurecht den Man Booker Prize für dieses beeindruckende Werk gewonnen!), sondern weil das Buch nicht für jeden geeignet ist. Zum einen aufgrund der Gewalt, die aber nun mal Bestandteil der Authentizität und der Geschichte ist und zum anderen aufgrund des Verwirrtheitsgefühls, welches beim Lesen doch schon öfter mal auftritt. Da darf man keine Angst vor haben, wenn man eventuell nicht alles 1 zu 1 versteht – soll man vielleicht auch gar nicht, wenn man nicht tief in der Materie steckt, aber doch wühlt der Roman auf und, auch wenn ich mich wiederhole, die Sprachgewalt Marlon James besticht so sehr, dass allein das Grund genug ist, zumindest mal reinzulesen (und wahrscheinlich bleibt ihr dann im Buchsog stecken!).

Hier und hier findet ihr interessante Interviews mit Marlon James.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner, Kristian Lutze – Heyne Hardcore – 864 S. – ISBN: 978-3-453-27087-9