[Rezension] „Berlin, April 1933“ | Felix Jackson

In der Regel beginnt man eine Buchbesprechung entweder mit dem Autor oder gleich mit dem Buch, um das es geht, – nie mit dem Nachwort. Eigentlich. In diesem Fall finde ich das aber ganz passend, da der Verleger Stefan Weidle sehr wichtige und eindrückliche Worte in seinem Nachwort zu Felix Jacksons „Berlin, April 1933“ findet, die die Bedeutsamkeit dieses Werkes zum Ausdruck bringen. Ich möchte jetzt gar nicht auf den gesamten Text eingehen, aber gerne noch mal betonen, dass man gerade bei solchen Werken das Nachwort nicht vernachlässigen sollte. Es ordnet das Buch ein, bettet es in einen (manchmal anderen) Kontext, gibt Denkanstöße, macht Mut oder mahnt. „Berlin, April 1933“,  ist heute, (zeitlich gesehen) 85 Jahre später, so aktuell wie damals – und das betont Weidle sehr gekonnt, in dem er u.a. das Motto Jacksons aufleben lässt: „Wenn wir über gestern reden, sprechen wir von heute und morgen.“

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April 1933: Dr. Hans Bauer, Rechtsanwalt, reist nach einem mehrmonatigen Genesungsurlaub in der Schweiz nach Berlin zurück und findet die Stadt verändert vor. Mit Hitler als Reichskanzler und der NSDAP als herrschende, allein gültige Partei wird Deutschland zu einem diktatorischen Staat, dem „Führerstaat“. Neue Gesetze und Verordnungen führen dazu, dass sich die Atmosphäre in Deutschland wandelt. Gewalt, Verrat und Bespitzelung herrschen nun vor. Man weiß nicht, wem man noch trauen kann, selbst Freunde und Familie können zu Verrätern werden. Menschen werden in „Arier“ und „Nicht-Arier“ geteilt, Juden enteignet. So kommt es, dass Bauer schockiert ist, als er feststellt, dass seine Großmutter jüdischer Abstammung ist. Nach den neuen Rassengesetzen gilt Bauer somit als Jude und dürfte seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt nicht mehr nachgehen. Über Kontakte lernt Bauer Carl Adriani kennen, einen hochrangigen und einflussreichen NS-Funktionär, der ihm helfen soll einen arischen Pass zu bekommen. Schnell merkt Bauer, dass er hierfür nicht nur einen finanziell hohen Preis zahlen muss.

Berlin, April 1933“ ist eine eindringlich erzählte Geschichte, die so zu lesen nicht immer einfach ist. Das ist keinesfalls schlecht, im Gegenteil, das ist besonders gut, weil solche Erlebnisse nur in ihrer brutalen und drastischen Ehrlichkeit vollends wirken können. Der Autor Felix Jackson betont in seiner Vorbemerkung, dass der Roman auf tatsächlichen Ereignissen beruht, auch die Figuren haben wirklich gelebt. Nur ihre Namen sind geändert worden. (vgl. Vorbemerkungen des Autors in „Berlin, April 1933“) Vieles, das in dem Buch seinen Platz gefunden hat, gründet auf Erlebnissen und Erfahrungen Jacksons, der damals noch Joachimson heißt.

Der Roman wird aus Sicht des Protagonisten Dr. Hans Bauer geschildert. In einzelnen Tagebucheinträgen hält er seine Erlebnisse zunächst tageweise fest, später als einzelne Sachverhalte zusammengefasst. Die historische Genauigkeit ist nicht immer ganz gegeben, einige Ereignisse treffen im Buch früher ein als in der Wirklichkeit. Jackson hat die Geschehnisse für den Roman gerafft, sodass eine atmosphärisch dichte und spannende Geschichte entsteht und das wirkt unfassbar gut. Sicher fällt während des Lesens auf, dass die Eintragungen etwas zu ausschweifend, zu detailliert werden, um einen authentischen Tagebucheintrag wiederzugeben, aber das macht die Besonderheit dieses Romans aus. Die Geschichte wirkt umso eindringlicher, weil sie eben durch eine Person geschildert und gleichzeitig von außen mit mehr Informationen gefüttert wird. Der Protagonist schwankt. Er schwankt zwischen „Gut und Böse“, wobei beides irgendwann nicht mehr unterscheidbar wird, zwischen dem, was er will und den gegebenen Umständen. Dieses Schwanken schlägt sich im Text nieder. Als Leser*in kann man geradezu miterleben, wie gewisse Erlebnisse den Protagonisten immer wieder niederstrecken, aufstehen oder auch liegen lassen. Man spürt, wie sich die psychische Belastung immer tiefer eingräbt, allumfassend wird. Dieser Roman stellt mit seinen Leser*innen etwas an, er beschönigt nicht, er teilt aus. Und das ist – gerade jetzt, wo wir uns in einer solch unsicheren Zeit befinden, in der manches sich wie wiederhergeholt anfühlt, das längst begraben schien – so wichtig!

Weidle Verlag | 286 S.

[Rezension] „The Woman in the Window“ | A. J. Finn

Klappt man den Umschlag von „The Woman in the Window“ auf, springen einen sogleich Lobpreisungen von Stephen King, Gillian Flynn, Tess Gerritsen, Val McDermid und Nicci French an. Alles bekannte Thriller und Crime Autor*innen, die selbst große Erfolge feierten und dieses Buch ausdrücklich empfehlen. Noch dazu verrät der Klappentext, dass „The Woman in the Window“ bereits in 38 Sprachen übersetzt worden ist und derzeit von FOX verfilmt wird. Ok. Und was denkt man dann als geneigte*r Vielleser*in? Puh. Man fühlt sich ein bisschen unter Druck gesetzt. Ich verrate nun schon mal so viel: ich bin froh, dass ich es dennoch gelesen habe und mich nicht von dem Hype habe abschrecken lassen, denn es ist wirklich gut!

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Anna Fox lebt nach einem traumatischen Erlebnis alleine in New York. Vor die Tür zu gehen wird für sie zur Qual, weshalb sie ihre Zeit damit verbringt, ihre Medikamente mit Alkohol zu schlucken, in online Foren nach Gleichgesinnten zu suchen, Film-Klassiker zu schauen oder ihre Nachbarn vom Fenster aus zu beobachten. (Na, kommt euch das irgendwie bekannt vor?) Die neuen Nachbarn, vor allem Mutter und Sohn, sind ihr sofort sympathisch, auch wenn sie sich gar nicht kennen, doch dann wird Anna durchs Fenster Zeugin eines fürchterlichen Überfalls, von dem ihr keiner so recht glauben will…

A. J. Finn, der übrigens ein der und keine die ist (Ich weiß nicht, warum ich das zunächst gedacht habe? Vielleicht, weil A. J. und J. K. … oder wegen der Ich-Erzählperspektive aus Annas Sicht?), nimmt sich in seinem Debütroman die Film-Klassiker zum Vorbild, allen voran, aber nicht nur, solche von Alfred Hitchcock. Alleine Titel und Geschichte erinnern bereits ein wenig an „Das Fenster zum Hof“, – einen wirklich tollen Film -, aber halt. Darum geht es hier ja nicht. Jedenfalls nicht im Detail, auch wenn knapp 50 Filmtitel im Laufe des Textes erwähnt – ja, ich habe sie alle gezählt! – werden und immer wieder Anspielungen darin vorkommen. Finn schreibt flüssig, klar, präzise und mit einem wunderbar trockenen Humor, der auch durch die Übersetzung noch wirkt (dafür ein Lob an Christoph Göhler) aus der Sicht von Anna, die leicht verrückt, aber doch trotzdem mutig dargestellt wird. Anfangs mag man noch ein wenig verwirrt sein, ich kann an dieser Stelle jedoch nicht verraten wieso, denn dann würde ich zu stark spoilern – und das will ja niemand, ich am wenigsten -, aber das legt sich ganz rasch. Der Autor schafft es, die Geschichte so spannend zu verfassen, dass man sie fast in einem Rutsch lesen möchte und setzt dafür gekonnt tolle Vergleiche ein, sodass einem die Figuren praktisch vor den Augen tanzen:

„Ich studiere mich im Spiegel. Ein Speichenrad von Falten rund um die Augen. Ein Legatobogen aus dunklem Haar, hier und dort grau getigert, der mir lose auf die Schultern fällt (…)“

Mit der nicht ganz zurechnungsfähigen Anna, der mysteriösen Nachbarsfamilie Russel, einem hübschen, aber unnahbaren Untermieter sowie Annas Psychiater als Vertrauensperson und dem guten wie dem bösen Cop, sind alle Gefühlsregungen des Lesers abgedeckt. Es gibt Figuren, mit denen man mitfiebern kann und solche, die man nicht mögen will. Letztlich ist es aber doch so, ein Buch im Film-Noir-Stil wäre kein solches, wenn nicht alles irgendwie doch nicht ganz so wäre, wie es auf den ersten Blick scheint. Wer sich mit Film-Klassikern auskennt, der wird vielleicht etwas weniger überrascht sein, was den Ausgang des Buches angeht, aber vielleicht auch nicht. Spannend und unterhaltsam geschrieben ist es so oder so, demnach reihe ich mich ein und sage: lesenswerte Zwischendurch-Spannungslektüre!

Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Göhler | blanvalet Verlag | 541 S.

[Rezension] „Tod in Connecticut“ | Wilson Collison

Wilson Collison hat sich vor allem durch seine Broadway-Stücke und Kino-Hits, die u.a. mit Clark Gable und Shirley Temple zu Kassenschlagern wurden, einen Namen gemacht. Er veröffentlichte ebenso zahlreiche Romane, in denen meist junge Frauen, die nicht den Regeln folgten, zu Heldinnen avancierten. „Tod in Connecticut“ wurde 1931 zum ersten Mal in englischer Originalausgabe veröffentlicht und liegt nun dank des Louisoder Verlages in deutscher Übersetzung durch Johanna von Koppenfels vor.

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New York in den 1920er Jahren: Nolya, eine bildhübsche und intelligente Millionenerbin hält nicht viel von den Konventionen der Gesellschaft, die sich durch Moral und Sittenregeln auszeichnen, und lebt ihr Leben lieber so, wie es ihr gefällt. Ihr freier Lebensstil verleitet die Menschen um Nolya herum, ihr einen nicht gerade hübschen Stempel zu verpassen. Doch es ist ihr ziemlich egal, was andere denken. Sie kann es sich zudem leisten, da die Gesellschaft durch ihren hohen Stand immer noch einen gewissen Respekt vor ihr walten lässt. (Immer im Hinblick darauf, in welcher Zeit wir uns mit dem Roman befinden!) Ja, manche bewundern sie sogar für ihren Mut. Nur wenn es um Arthur, den bereits verheirateten Sohn eines angesehenen Rechtsanwalts geht, in den sie schwer verliebt ist, versucht sie Vernunft walten zu lassen, um ihn zu schützen. Denn Arthurs Vater ist hinter die Affäre gekommen und versucht diese mit allen Mitteln zu unterbinden. Währenddessen bemüht sich der Künstler Neil um Nolyas Gunst, aber die hat eben trotzdem nur Augen für Arthur. Als noch ein dritter Mann, Bobby, in Nolyas Leben auftaucht, ist das Chaos komplett. Auf der Silvesterparty von Arthurs Vater eskaliert die Situation und es kommt zu einem Todesfall.

Ich habe schon oft erwähnt, dass mich Romane und Geschichten aus den 1920er und 1930er Jahren besonders interessieren. Gerade wenn es um Bücher geht, die auch tatsächlich während dieser Zeit verfasst wurden. Denn aus heutiger Perspektive ist es nahezu unmöglich eine derartige sprachliche Authentizität einzufangen wie es zum Beispiel bei Wilson Collison der Fall ist. Man merkt schnell, aus welchem Metier Collison kommt und nach wenigen Zeilen schon fühlt man sich direkt wie in einem Film mit Clark Gable. Die Figuren sind klar gezeichnet und permanent hängen Fragen im Raum, die der Roman aufwirft und die man als Leser*in hofft gegen Ende der Geschichte beantwortet zu finden. Die Gespräche sind intelligent und erinnern in ihrer Formulierung an Theaterstücke, doch trotzdem hat mich „Tod in Connecticut“ nicht vollends begeistern können – und das liegt an der Geschichte selbst, die gar nicht schlecht ist, nur einfach nicht meinen Geschmack getroffen hat. Es dauert etwas mehr als die Hälfte des Romans, bis dieser eine richtig spannende Moment auftritt und dieser zerbröselt dann relativ schnell auch schon wieder. Stattdessen geht es in „Tod in Connecticut“ hauptsächlich um eine Vierecks-Geschichte, um unerfüllte, unerwiderte Liebe und zwischendurch, da bricht das auf und Collison bringt richtig gute Gedanken hervor, die die damalige Gesellschaft kritisieren. Leider für mich einfach zu wenig, um gänzlich am Ball bleiben zu können. Ich habe mir wohl einfach eine spannendere Detektivgeschichte oder etwas ähnliches erwartet. Auf Leinwand oder Theaterbühne gebracht, kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen, dass die Geschichte glänzt. Auf papierne Seiten gedruckt, ist sie für mich ein wenig zu blass geblieben, auch wenn ich die Sprache und Ausdrucksformen des Autors als sehr eindrücklich empfunden habe.

Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna von Koppenfels | Louisoder Verlag | 303 Seiten

[Rezension] „Jack“ | Anthony McCarten

Ich freue mich immer sehr über einen neuen Roman von Anthony McCarten, weil dieser Autor/Drehbuchautor/unfassbar kluge Mensch ein ganz feines Gespür dafür hat, seine Figuren, die oft nach realen Vorbildern kommen, so authentisch wie möglich darzustellen. Dazu gehört neben einer genauen Recherche auch eine ganze Menge Humor und ein detaillierter Blick für solch kleine Dinge wie besondere Angewohnheiten. McCarten ist so eine Art Multi-Talent und ich kann nicht anders, als ihn dafür zu bewundern. Für seinen neuesten Roman hat sich McCarten Jack Kerouac und die Beat Generation zur „Buchvorlage“ gewählt:

„Von Kerouac lernte ich zu schreiben. Seine Engel und Dämonen waren meine eigenen. Er ist der Held meines Buches über die Frage, wer wir wirklich sind.“

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In „Jack“ geht es also um Jack Kerouac, den berühmten Autor von „On the Road“ („Unterwegs“), der mittlerweile seine Glanzzeit hinter sich gelassen hat und als mehr oder weniger galantes Wrack in Florida vor sich hinlebt bzw. … -stirbt, denn vom Alkohol kann er schon seit Jahren nicht mehr die Finger lassen. Er fristet sein Dasein mit Bier vor dem Fernseher statt mit dem Kopf im Buch, ungepflegt und mit einem wirren Ausdruck im Gesicht, aber der Geist ist höchstens beduselt, sonst noch ganz klar, da steht plötzlich die Literaturstudentin Jan vor der Tür. Sie möchte Kerouacs Biographie aufschreiben. Dieser will sie fortjagen, doch die Möglichkeit, einen Blick zurück zu wagen, ist verlockend und so beginnt eine Art gedanklicher Road-Trip, der für alle zur Belastungsprobe aus Liebe, Verrat, Geheimnissen, Drogen und Tod wird.

McCarten schafft es in seiner Geschichte über Kerouac und die Beat Generation neben dem ernsten Grundton des Romans doch immer eine Menge Humor zu wahren. Nein, nicht nur zu wahren, er setzt ihn gekonnt an den richtigen Stellen ein, so dass das melancholische Gefühl, das beim Lesen entsteht, lediglich in ganz zarter Dosierung abgegeben wird und der Roman an Schwung und Dynamik gewinnt. Zusätzlich baut McCarten immer wieder Sachen ein, die man so gar nicht erwartet hätte: er überrascht – und das immer wieder! Trotzdem muss ich gestehen, dass ich „Jack“ nicht als McCartens besten Roman empfinde. Ich nehme das aber auf meine Kappe, denn ich glaube, dass man für das Buch noch sehr viel mehr Hintergrundwissen benötigt, um so richtig tief in die Geschichte einzutauchen – und dieses Wissen fehlt mir. Ja, die Beatniks und Kerouac sind mir ein Begriff und man kann McCartens „Jack“ auch sehr gut lesen, ohne dass man alles über die Gang um „On the Road“ weiß, aber, nun ja, es hilft dann doch beim Lesen, um gewisse Verbindungen herzustellen. Da es in „Jack“ aber noch um viel mehr geht als Kerouac und seine Generation, nämlich vor allem auch um die Frage, wer man wirklich ist und was man vom Leben will, hat es mich dann doch gekriegt. Ganz besonders natürlich wegen McCartens Art zu schreiben, die neben Unterhaltung auch Tiefgang bietet. Fazit: Unbedingt lesenswert!

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié |Diogenes Verlag | 256 S.

[Rezension] „Dunkelgrün fast schwarz“ | Mareike Fallwickl

Es ist jetzt schon ein Weilchen her, dass ich „Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl gelesen habe, aber dieses durchdringende Gefühl, das es hinterlassen hat, das bleibt – und das ist wahrscheinlich auch mit das Wichtigste, was man über dieses Buch wissen sollte. Merkt euch noch: es ist anders, es sticht hervor und es ist sprachlich ganz groß – dann habt ihr fast alles Wissenswerte beisammen und könnt gleich schon mal loslegen mit in die Buchhandlung preschen oder wenn ihr es schon habt: lesen. Noch nicht überzeugt? Ok gut, dann erkläre ich noch kurz, worum es inhaltlich geht (aber so, dass ihr keine Angst vor Spoilern haben müsst!) und was genau dieses Etwas ist, was es so besonders macht. Und dann aber wirklich: lesen!

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Moritz, Raffael und Johanna sind Freunde. Sie bilden zusammen ein Dreieck (wie die Beziehung der drei wunderschön und passend in der Verlagsbeschreibung bezeichnet wird), dessen nach allen drei Seiten hin zeigende Spitzen giftig sind. Die Spitzen bildet Raffael, der alles durchdringt, das Dreieck komplett mit seinem Ich ausfüllt, der allen voran den Ton angibt, dem alle folgen sollen. Raffael, der hinter seinem glänzenden Äußeren und dem bestechenden Blick etwas verbirgt, das durch und durch böse ist und alles infiziert, was er berührt – und sei es nur mit den Augen -, vor allem aber Moritz und Johanna. Lediglich eine kann sich seinen Klauen entziehen und das ist Marie, die Mutter von Moritz. Doch auch sie hat Geheimnisse, die tief in ihrem Inneren schlummern. Sechzehn Jahre später wird die Vergangenheit zur Gegenwart und alles, was längst verdrängt geglaubt war, reißt ein Loch ins Hier und Jetzt und stellt alle Beteiligten auf die Probe.

Mareike Fallwickl schreibt mit einer unglaublichen Wucht und einer faszinierenden Zärtlichkeit von einem Menschen, der allein durch seine Gegenwart andere mit sich in den Abgrund reißt. Ein Mensch, der ohne Verluste und Rücksicht auf seine Umwelt, seine Mitmenschen lebt und Macht ausübt wie es ihm beliebt – und zeigt dabei in einer anderen Perspektive die Rückseite, das, was ankommt bei denjenigen, die unter diesem Einfluss einer solchen Person stehen. Die Autorin zeigt Angriff und Abwehr, Licht und Schatten, Hell und Dunkel. In all ihren Worten und vor allem auch in der Geschichte selbst stecken Gegenteile, die sich gegenseitig anziehen und abstoßen, die das Gesagte schwimmen lassen, die nachdenklich machen, die sich flüsternd um uns Leser*innen legen und dabei wispern, kennst du sie nicht auch? Diese Person, die herrisch alles verlangt, weil sie meint, sie kann und sie darf, dabei steckt in ihr ein genauso getaktetes Herz wie in allen anderen. Und die uns letztlich fragen lässt, gibt es ausschließlich Licht und Schatten oder gibt es nicht auch Orte, wo beides zusammenfällt?

„Dunkelgrün fast schwarz“ hat alles, was ein Buch braucht, um völlig zu fesseln. Eine mitreißende Geschichte, in der sich Vergangenheit und Gegenwart verstricken und eine Einheit im Gesagten bilden. Figuren, die man an sich drücken und von sich stoßen will. Einen Erzählstil, der gekonnt in Zeiten und Personen springt und dabei immer gerade so verwirrt, wie es angenehm und spannend zu lesen ist. Eine Sprache, in die man eintauchen möchte, in der man Worte schmecken, fühlen und riechen kann und die die Buchstaben auf Papier zum Tanzen bringen. Sätze, nach denen man seine Hand ausstrecken will, um sie herauszuziehen und zu umarmen. Und letztlich verbindet sich das alles zu einem Sog, der mitunter das schönste am Lesen ist und aus dem man nicht mehr auftauchen mag, auch nicht, wenn es drei Uhr nachts ist und man morgens früh raus muss.

Also bitte, lasst euch nicht irritieren, wenn ihr dieser und der letzten Tage schon an die hundertmal ein und dasselbe Buch gesehen habt – es fängt bestimmt gerade erst an -, denn „Dunkelgrün fast schwarz“ ist es sowas von wert, gelesen, gelobt und gezeigt zu werden. Gestern, heute und morgen.

Frankfurter Verlagsanstalt| 480 S.

[Rezension] „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ | Jesmyn Ward

Jesmyn Ward kannte ich bis dato noch nicht. (Ja, shame on me!) Und während ich das so tippe, darüber nachdenke und recherchiere, merke ich, dass das so nicht stimmt. Vor einiger Zeit hatte ich in der Buchhandlung ihren Roman „Vor dem Sturm“ in der Hand, aber aus irgendeinem Grund, der wahrscheinlich mit einem weinenden Portemonnaie zu tun hatte, habe ich es nicht gekauft. Ich weiß aber noch, dass mir die Thematik sofort über die Augen durchs Lesen des Klappentextes und der ersten Zeilen bis in den Bauch gerutscht ist und dabei dort so schwer wie ein Stein lag. Denn als ich vorhin nachlesen wollte, welche Romane Ward bereits verfasst hat und worum es da geht, geriert dieser Stein trotz seines Gewichts ins Schlingern. „Vor dem Sturm“ erzählt die Geschichte eines Ortes, zehn Tage bevor Hurrikan Katrina mit einer tosenden Macht alles an sich reißt. Ward erhielt für ihren zweiten Roman den ‚National Book Award‘, den sie auch für ihr kürzlich auf Deutsch erschienenes Werk „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ gewann.

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Die Autorin schreibt von schicksalhaften Katastrophen, von Angst, Kummer und Sorgen und von Rassismus in all seinen Facetten. Sie weiß, wovon sie erzählt, denn Ward wuchs selbst in einem kleinen Ort in Mississippi auf und wurde in ihrer Kindheit von vielerlei Seiten her gehänselt, gemobbt, ausgestoßen. Es gibt einige Punkte in Wards eigener Biografie, die sich in ihren Texten wiederfinden lassen, aber das jetzt aufzuzählen und zu analysieren würde an dieser Stelle zu weit führen. (Zumal ich selbst bisher nur dieses eine Buch gelesen habe.) Wichtig ist, dass Wards Erzählkraft von innen kommt, von dem, was sie kennt, was sie gehört hat, was sie fühlt – und das spürt man als Leser*in auf jeder Seite, in jeder Zeile, jedem Wort.

„Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ ist ein Familienporträt einer amerikanischen Familie, die in den Südstaaten lebt. Es ist heiß, die Hitze flimmert einem buchstäblich entgegen – und das im doppelten Wortsinn, denn hier braut sich etwas zusammen. Jojo und seine kleine Schwester Michaela – kurz Kayla – wachsen bei ihren Großeltern auf: Mam und Pop. Der Vater Michael sitzt im Gefängnis, die Mutter Leonie nimmt Drogen und kümmert sich kaum um ihre Kinder, die ihr fremd sind. Immer wenn Leonie high ist, sieht sie Dinge, hat Visionen von ihrem toten Bruder Given, den sie Given-nicht-Given nennt. Während Pop versucht die Kinder zu erziehen, muss sich Mam einer schwierigen Prüfung stellen: sie hat Krebs. Als Michael aus dem Gefängnis entlassen wird, nimmt Leonie ihre beiden Kinder mit auf einen Roadtrip, der neben der Aussicht auf ein besseres Leben auch eine Reise voller Gefahren ist.

Eins steht fest. Aus diesem Roman kommt man als Leser*in nicht mehr heil heraus. Hier muss man ganz viel geben. Jesmyn Ward fordert einen heraus, nicht nur mit der Geschichte, die so tragisch und kummervoll ist, dass einem das Herz eingeklemmt wird, sondern auch mit der Sprache, die wundervoll warm im Kontrast zum Erzählten steht und dadurch fast ihre Wärme verliert. Die Beziehung zwischen Jojo und Kayla; Jojo, Kayla, Pop und Mam geht durch und durch. Als Gegenpart steht da Leonie, die scheinbar nichts richtig machen kann, ob sie es versucht oder nicht. Das liest sich schön und schlimm zugleich. Interessant ist auch, wie Ward die Grenzen zwischen weiß und schwarz verschwimmen lässt, die sonst in (ansatzweise) vergleichbarer Literatur doch recht klar abgesteckt sind und gleichzeitig ziemlich deutlich macht, wie stark der Einfluss von Rassismus dennoch ist. So sehr ich Ward für ihre Art, ungewöhnliche Vergleiche und Metaphern einzubauen, während des Lesens auch bewundert habe, so muss ich aber gleichzeitig ehrlich zugeben, dass es ab und an ein wenig viel ist. Es fällt zwischendurch schwer, dem eigentlichen Erzählstrang noch folgen zu können, weil der Kopf ständig in eine andere Richtung gerissen wird. Auch die Sache mit den Visionen gestaltet sich zunächst ein klein wenig schwierig, denn es verwirrt teils sehr. Doch das gehört irgendwie dazu. Intensiviert wird das Leseerlebnis durch den Wechsel der Personen, wodurch verschiedene Einblicke gegeben werden. „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ ist keine Wohlfühlliteratur und ich musste es etliche Male beiseite legen, weil es zu viel verlangt hat. Das meine ich aber gar nicht negativ, auch wenn sich das vielleicht so liest, im Gegenteil: das darf so! Am Ende löst sich dann beinahe explosionsartig ein riesiger Knoten und es fühlt sich an als wäre man unter höchster geistiger wie körperlicher Anstrengung (wie gesagt: Ward fordert ihre Leser*innen heraus) auf einen Berg geklettert, um dann eine irgendwie melancholische Ruhe in sich zu finden.

Jesmyn Wards neuester Roman ist ein bedrückendes, aufrüttelndes und wichtiges Buch, das nicht belehrend wirkt, obwohl es ein politisches Statement setzt. Welches und wieso kann man sich vielleicht zwar denken, sollte man doch aber lieber selbst lesen und erleben.

Aus dem Englischen von Ulrike Becker | Verlag Antje Kunstmann | 304 S.

[Rezension] „Das Mädchen im blauen Mantel“ | Monica Hesse

Der Zweite Weltkrieg umfasst eine Zeit voller Schrecken und Grauen. Eigentlich unnötig, das hier noch mal explizit zu erwähnen, denn das sollte als Mahnmal im Kopf fest verankert sein. Andererseits schadet es aber auch nicht, sich das immer wieder bewusst zu machen, denn die Vergangenheit lehrt uns doch manchmal mehr als die Gegenwart. „Das Mädchen im blauen Mantel“ ist also ein historischer Roman, zeitlich einzuordnen in die Zeit des Zweiten Weltkrieges – genauer 1943 – und spielt in Amsterdam. Amsterdam? Ja, klingelt da was? Genau! Amsterdam, wo auch Anne Frank gelebt hat und in ihrem Versteck wichtige Zeilen schrieb, die nie vergessen werden sollen. Jetzt könnte man denken, dieser Roman hier sei ähnlich. Ist er in gewisser Weise auch, denn er beschäftigt sich mit demselben historischen Ereignis, aber doch anders.

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Hanneke, die Protagonistin des Romans, ist eine Schwarzmarkthändlerin. Als junges Mädchen, deren Vater eine Verletzung aus dem ersten Weltkrieg arbeitsunfähig macht und deren Mutter durch den zweiten Weltkrieg wie gelähmt erscheint, weiß sie, wie sie die Polizei und Aufseher becircen kann. Nicht, dass sie darauf stolz wäre, aber die Not treibt sie an, macht sie erfinderisch und härtet sie ab. Es ist ein Akt der Rebellion. Eines Tages bittet sie eine Kundin um einen ungewöhnlichen Gefallen. Sie soll für sie ein Mädchen finden, das sie versteckt gehalten hat und das nun auf unerklärliche Weise verschwunden ist. Auf der Suche nach dem Mädchen gerät Hanneke in ein Netz aus Rebellion, Lügen, Schuld, Verrat und Geheimnissen..

Was diesen Roman so besonders macht, ist nicht nur die Geschichte an sich, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Hanneke ist keine „typische“ Rebellin, wie wir sie vielleicht aus anderen historischen Romanen dieser Art kennen. Hanneke wirkt egoistisch und selbstsüchtig, auch wenn sie anderen hilft. Sie ist auf ihren Vorteil bedacht und den ihrer Familie. Doch auch in Hanneke schlummert etwas, das schwer schwiegt, das sie antreibt, Dinge zu tun, die ihr verhasst sind. Es ist, als würde sie sich bestrafen für etwas, woran sie sich die Schuld gibt. Im Verlauf des Romans beobachtet man als Leser*in die Entwicklung Hannekes. Als sie sich auf die Suche nach dem Mädchen im blauen Mantel macht, lernt sie junge Untergrundaktivisten kennen, die ihr zunächst helfen sollen. Aus Eigennutz, wieder mal. Doch Hilfe bekommt sie nur gegen Hilfe ihrerseits. Und so steckt sie plötzlich mittendrin. Da gerät fast die eigentliche Story in den Hintergrund, nämlich die Suche nach dem Mädchen – und diese gestaltet sich nicht nur als schwierig, sondern auch als besonders spannend zu lesen.

„Das Mädchen im blauen Mantel“ ist ein Roman, der für Jugendliche gedacht ist, den aber auch Erwachsene lesen sollten. Die Protagonistin wächst einem nicht sofort ans Herz, sie ist zunächst mehr eine Antiheldin, aber eine authentisch beschriebene, denn sicher war nicht jeder in dieser Zeit von vornherein selbstlos und mutig genug, für andere einzustehen – eher im Gegenteil. Diese Geschichte zeigt, dass es manchmal einer Entwicklung bedarf und dass sich diese lohnt. Sie zeigt, wie wichtig es ist, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, in Zeiten der Not Hilfe zu leisten sowie Mut und Stärke zu beweisen, selbst wenn man sich selbst ganz klein fühlt.

Aus dem Amerikanischen von Cornelia Stoll | cbj Verlag

[Rezension] „Zimmer mit Pflanze. Kreative Wohn-Ideen und praktische Tipps“ | Ian Drummond & Kara O’Reilly

Es ist mir ganz offiziell von Familie, Freunden und Bekannten bestätigt worden: ich habe einen schwarzen Daumen. Sogar Kakteen habe ich früher binnen kürzester Zeit verschimmeln lassen (ja, ich war eine freudige zu-viel-Gießerin). Das hält mich allerdings nicht davon ab, mein Zuhause in einen „Urban Jungle“ verwandeln zu wollen. Nicht nur, aber auch ein bisschen, weil das in Interior Blogs, auf Instagram, Pinterest und all diesen Plattformen, wo man schön in anderer Leute Wohnungen schauen kann, so wunderbar toll und wohnlich aussieht – nein, das macht irgendwas mit mir (glücklich) und meiner Wohnung (gemütlich). Aber, um ehrlich zu sein, ich habe den Dreh da noch nicht so ganz raus. Wie dem auch sei, Grünpflanzen sind wieder ungefähr so modern wie in den 60ern und 70ern, kein Wunder also, dass es jetzt ein eigenes Buch zu diesem Thema gibt: „Zimmer mit Pflanze. Kreative Wohn-Ideen und praktische Tipps“ – und ebenfalls kein Wunder, dass ich da mal reinschauen musste.

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Nach einer kurzen Einleitung über die Rückkehr der Zimmerpflanzen und einem Ausflug zu aktuellen Trends sowie guten Gründen, die für eine Zimmerpflanze sprechen (reinigt die Luft!), stellen die Autoren Ian Drummond und Kara O’Reilly zunächst einmal unterschiedliche Pflanzen-Kategorien vor. Von diesen Kategorien geht es über zu einem Kapitel über Pflanzen-Behältnisse (oh – und da gibt es viele! Körbe, Terrarien; alles erlaubt) und wie die unterschiedlichen Pflanzen in der Wohnung am besten zur Geltung kommen. Danach erfahren wir in einem weiteren Kapitel, welche Pflanzen für welchen Raum (und zwar wirklich alle Räume: Wohnzimmer, Küche und Esszimmer, Schlafzimmer, Badezimmer, Kinderzimmer, ) geeignet sind sowie wieso und weshalb. Im letzten Abschnitt geht es ans Eingemachte, nämlich die Pflege und was man alles so beachten muss. Wie viel Licht braucht meine Pflanze? Wie oft muss ich sie gießen? (… das sollte ich mir rot anstreichen!) Und generell: was sagt mir meine Pflanze, wenn z.B. die Blätter gelb werden oder sich weiße Punkte auf ihr finden?

Was beim ersten Durchblättern, ach was, schon beim Anblick des Covers auffällt, ist die Ästhetik und Gestaltung des Buches. Man sieht auf Anhieb, dass hier nicht bloß Informationen runter geschrieben werden, sondern dass es darum geht, wie viel Mehrwert einem Pflanzen geben können. Angefangen vom gesundheitlichen (Wohl-)Befinden, über Pflanzen Feng Shui bis hin zu einer Wohnung, die optisch aufgewertet wird. Ian Drummond, preisgekrönter Landschaftsdesigner, und Kara O’Reilly, Interior-Autorin, ergänzen sich hier perfekt. Nicht nur, dass man gerne durch das Buch blättert, um sich inspirieren zu lassen, sondern man lernt auch gleich eine ganze Menge (ich vielleicht sogar mehr als andere) über verschiedene Pflanzensorten, für welchen Raum sie am besten geeignet sind und worauf man achten sollte. Das Design ist übersichtlich, auch wenn es auf den ersten Blick verwirrend erscheint, und immer wieder gibt es nette Tipps und Tricks in Seitenrändern oder Infoblasen, die es ermöglichen, viel Wissen in kleinen Portionen aufzunehmen. Auch wenn ich nicht alle Wohnvorschläge für umsetzbar halte (zumindest mit einem geringen Budget oder einem nicht ganz so grünen Daumen), so ist es doch ein durchaus gelungener Ratgeber, der darüber hinaus als Interior-Buch noch viel mehr ist als das. Wer sich also für das wohlverdiente Comeback der Grünpflanzen und ein bisschen Interior interessiert, der oder die wird mit „Zimmer mit Pflanze“ sicher glücklich werden!

Aus dem Englischen von Wiebke Krabbe | DVA Bildband Verlag | 176 S. mit ca. 250 Farbabbildungen

[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

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Genau darüber schreibt Franziska Seyboldt in „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst.“ Ein Titel, der nicht nur toll und sehr persönlich gewählt ist, sondern gleich zeigt, dass hier viel mehr drinsteckt als ein blasses Sachbuch mit Ratgeberanteil. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie es ihr geht und ergeht mit dieser ominösen, meist nicht greifbaren, oft irrational denkenden und handelnden Angst zu leben, in welchen Situationen sie sie begleitet und wie sie lernt, mit einem zu viel an Angst umzugehen. Nämlich von den Tagen, an denen sie aufwacht und keine Schildkröte, sondern vielmehr ein Sieb ist, das Geräusche, Gerüche, Farben hindurchplätschern lässt. (Vgl. S. 15/16) Darüber zu schreiben gelingt ihr scheinbar mit einer Leichtigkeit, hinter der vermutlich sehr viel Mut steckt und mit einem Humor, unter dem sich sehr viel Stärke verbirgt. Franziska Seyboldt breitet vor uns, ihren Leser|innen, ihr ganzes Leben mit der Angst dar, von der lange Zeit kaum jemand wusste. Wann sie sich zum ersten Mal anschlich, nicht leise, sondern direkt mit einem – BAMM – zuschlug, wie sie sich bei ihr einnistete und wie sie beschloss zu bleiben. So lange, bis sich die Autorin entscheidet, einen Weg zu finden, wie sie ihr die Stirn bieten kann – noch mehr, als sie es bisher schon getan hat. Dabei geht es in dem Buch aber keineswegs hauptsächlich darum: wie besiege ich die Angst?, sondern vielmehr zeigt es einen authentischen Blick in den Alltag mit ihr – und das ist wichtig, dass man, wenn man kann, darüber spricht und nicht schweigt. Daher werden sich in diesem Buch nicht nur explizit Betroffene wiederfinden, sondern vielleicht sogar ein Stück weit jeder und wenn nicht, so schafft sie es doch mit viel Witz und Sachverstand, die Thematik der Angst und der Angststörung spielend leicht verständlich zu machen. So, dass auch Leser|innen, die mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen sind, einen Zugang finden.

Deshalb ist dieses Buch nicht nur ein gutes, sondern vor allem auch ein wichtiges, denn immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung, aber kaum einer mag öffentlich darüber reden. Aus dem „einfachen Grund“: Angst. Angst davor, was andere denken. Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Angst davor, Job und Freunde zu verlieren. – Mir hat an manchen Stellen noch ein wenig Tiefgang im Text gefehlt und der Humor der Autorin, den ich zwar wichtig und gut finde, um das Thema aufzulockern und verständlich zu machen, versteckt doch ab und an etwas die Ernsthaftigkeit des Themas. Davon abgesehen halte ich das Buch für enorm wichtig und absolut lesenswert – sowohl für Betroffene als auch nicht explizit Betroffene.

Kiepenheuer & Witsch Verlag | 251 S.

[Rezension] „Leere Herzen“ | Juli Zeh

Juli Zeh ist für mich eine bewundernswerte und inspirierende Schriftstellerin, von der man ganz ungeniert und neidlos behaupten kann, dass sie „zu den großen deutschen Autor|innen“ zählt. Ich tastete mich vorsichtig an ihre Texte heran. Zuerst in der Uni, in einem Kurs, der sich mit deutscher Gegenwartsliteratur befasste und dann später mit Romanen wie „Spieltrieb“, „Nullzeit“ und „Unterleuten“. Immer etwas gesellschaftskritisch. Immer etwas politisch. Und immer sehr klug und wortgewandt, mit diesem gewissen scharfen Blick, den man als genaue Beobachterin zum Verfassen solcher Texte benötigt.

Ihr neuester Roman „Leere Herzen“ befasst sich nun mit der aktuellen gesellschafts- politischen Lage Deutschlands, verpackt in ein Deutschland der nahen Zukunft. So, wie es sein könnte.

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Britta Söldner, Hauptfigur des Romans, leitet mit Babak Hamwi „Die Brücke“, eine Einrichtung, die nach außen hin den Schein als psychotherapeutische Heilpraxis wahrt. Was sich tatsächlich hinter der Fassade verbirgt, ist aber etwas ganz anderes. Britta und Babak machen Geschäfte mit dem Tod, genauer mit potentiellen Selbstmördern bzw. Selbstmordattentätern – und das nicht gerade wenig. Britta und Babak nutzen also die gegenwärtige Lage zu ihren Gunsten. Während Britta viel Geld mit zwielichtigen, moralisch grenzwertigen Deals macht, verdient ihr Mann Richard vergleichsweise wenig. Auch Brittas Freunde Janina und Knut entsprechen quasi dem Gegenentwurf zu Britta. Sie leben als Künstler vom bedingungslosen Grundeinkommen – gut, aber auch nicht herausragend. Sowohl Britta und Richard, als auch Janina und Knut haben je eine Tochter. Zwei Familien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch mit einem gemeinsamen Fixpunkt: gesellschaftliche und politische Desillusion geschuldet der Flüchtlingskrise, Brexit, Trump, einer zweiten Finanzkrise und dem schnellen Aufstieg der BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Eigentlich läuft das Leben wie gewohnt vor sich hin, bis sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. Irgendjemand scheint sich Brittas und Babaks Geschäftsidee zu eigen machen zu wollen und droht nicht nur ihre Firma zu ruinieren, sondern auch Brittas Familie sowie ihres und Babaks Leben zu bedrohen.

„Leere Herzen“ ist ein zukunftsorientierter Politthriller, der erschreckend an die tatsächliche Welt da draußen erinnert. Wir begleiten Britta, tauchen tief in ihre Gedanken und Gefühlswelt ein und da geschieht etwas, was fast noch bedenklicher ist: wir spüren die Desillusion, welche die Figuren im Buch eingenommen hat und diese scheint fast auf uns Leser|innen übergreifen zu wollen. Juli Zeh schreibt intelligent, wie gewohnt wortgewandt und unterkühlt, leicht zynisch, vielleicht ist es auch ironisch von einem Deutschland, das sich selbst verliert, von einer Gesellschaft, die sich in Teilen zerstört. Das ist gut, das ist durchdacht, das soll die Augen öffnen. Britta wirkt durch diese Schreibweise und auch durch ihre Art sowie durch die erzählte Geschichte leider äußerst unsympathisch – und ohne Sympathieträger fällt es beim Lesen schwer, eine Bindung zu dem Gelesenen aufzubauen. Vielleicht soll das so. Wenn ja, es funktioniert, die Botschaft kommt an. Unglücklicherweise lässt sich das aber nicht auf den ganzen Roman übertragen. Die Autorin verknüpft Roman, Zukunftsvision und Politthriller – das ist ein Punkt zu viel. Man weiß nicht ganz, welchem Faden man folgen soll. Dem politischen wie gesellschaftlichen Zukunftsszenario oder dem Politthriller? Dadurch hängt man als Leser|in ein wenig in den Seilen. Mir persönlich hätte eine Richtung, auf die man sich ganz einlassen kann, vollkommen ausgereicht. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass der Roman nicht gut sei. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass da noch mehr Potential drinsteckt. „Leere Herzen“ ist sicher ein wichtiges Buch, mit einer dringlichen indirekten Warnung, welches durchaus lesenswert ist, aber es holpert auf dem Weg ein wenig.

Luchterhand Literaturverlag | 352 S.