[Rezension] „Romeo oder Julia“ | Gerhard Falkner

„Romeo oder Julia“ von Gerhard Falkner steht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises. Letztes Jahr – in 2016 – schafft er es mit seinem Roman „Apollokalypse“ auf die Longlist. Falkner hat noch etliche weitere Preise zu verzeichnen, aber um einen Eindruck für die Reichweite seiner Sprachkraft zu gewinnen, reicht die Information: nominiert für den Deutschen Buchpreis vollkommen aus. (Keine Ironie!)

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In „Romeo oder Julia“ begibt sich der Ich-Erzähler Kurt Prinzhorn zu einem Schriftstellertreffen nach Innsbruck. Hier vereint sich allerhand – nicht nur, aber auch – menschlich Kurioses. Ebenfalls kurios ist die Tatsache, dass sich während Kurts Abwesenheit wohl jemand in seinem Zimmer aufgehalten haben muss und das nicht einfach so oder mit der Absicht etwas Wertvolles zu stehlen, nein, er oder sie scheint ein ausgedehntes Schaumbad genossen zu haben und hat dabei, neben Seifenresten, auch ein großes Haarbüschel hinterlassen. Kurze Zeit später wird Kurts Schlüsselbund entwendet, von dem oder der Täterin fehlt nach wie vor jede Spur. Auch während seines Aufenthalts in Moskau und später in Madrid kommt es zu mysteriösen Ereignissen. Kurt ist ratlos. Dann trifft er durch Zufall auf genau das fehlende Puzzleteil in der Beweiskette und findet sich plötzlich ganz tief vergraben in seiner eigenen Vergangenheit wieder…

Eine (obsessive) Liebe gepaart mit Skurrilität trifft auf die Leidenschaft zur (Welt)literatur.

Nachdem ich die Leseprobe von „Romeo oder Julia“ gelesen habe, stand für mich sofort fest, dass der Roman zu meinen persönlichen Highlights des diesjährigen Deutschen Buchpreises gehört. Bereits auf diesen wenigen Seiten im Leseprobenheft habe ich mehrmals laut lachen müssen und mir einige Stellen markiert, weil Falkner so herrlich zynisch und schwarzhumorig schreibt.

„Während aber die Erste sich mit den Haaren und Brillen erstaunliche Freiheiten erlaubte, büßte die Zweite ihren gesellschaftlichen Status mit Frisuren, die keine Experimente duldeten.“

Im ganzen Text verteilt sich der rabenschwarze Humor zwar leider etwas, ist aber dennoch vorhanden. Dazu kommt Falkners ganz eigene Art selbst die sonst langatmigsten Beschreibungen von Landschaften und Dingen lebendig und spritzig zu gestalten, so dass es auch auf mehreren Seiten ausgedehnt faszinierenderweise trotzdem noch sehr lesbar bleibt.

„Die cremefarbenen Sonnenschirme spannten sich melancholisch über der von ihnen beschatteten Leere, da sich trotz der milden, sogar warmen Abendluft alle Gäste in der Halle aufhielten.“  

Sprachlich bin ich also mehr als begeistert von dem Buch. Auch inhaltlich bleibt die Spannung bis beinahe zum Schluss, aber leider verpufft am Ende alles irgendwie ein wenig wie bei einem Ballon, der erst prall gefüllt ist und mit einem Mal platzt. Ebenfalls ein wenig störend empfinde ich Kurts chauvinistische Art, die zwar zu einem großen Teil mit Humor zu lesen ist, aber doch in manchen Passagen etwas frauenfeindlich und arg überheblich daherkommt. Es ist nicht so, dass mich das grundlegend gestört hätte, denn es passt zum Buch, aber wäre diese Figur in einem anderen Roman, mit einer anderen sprachlichen Gestaltung, in einem anderen Kontext aufgetaucht, hmm, da würde ich salopp sagen: das geht gar nicht. So kann ich darüber hinwegsehen. Doch muss ich zugeben, dass das einige Sympathiepunkte Abzug gekostet hat. Leider. Bevor ich jetzt zu negativ ende, was ich gar nicht will, betone ich gerne nochmals die absolute Sprachbrillanz des Romans und bin gespannt, ob Falkner damit zum Buchpreisträger 2017 wird!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH |272 S. | ISBN: 978-3-8270-1358-3

[Rezension] „Stimme der Toten“ | Elisabeth Herrmann

Bjarne Mädel als „Der Tatortreiniger“ war gestern, jetzt kommt Judith Kepler. „Stimme der Toten“ ist der neueste Fall für die Cleanerin, die bereits in „Zeugin der Toten“ einiges hat einstecken müssen. Die Autorin Elisabeth Herrmann hat bisher einige zahlreiche, preiswürdige und äußerst spannende Kriminalromane verfasst. Darunter ihr erstes Werk „Das Kindermädchen“ aus der Joachim-Vernau-Reihe. Insgesamt hat Herrmann mittlerweile drei Spannungsreihen veröffentlich: Die eben genannte, die Sanela-Beara-Reihe und die Judith-Kepler-Reihe. Hinzu kommen historische Romane, Jugendbücher und alleine stehende Kriminalfälle.

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Eigentlich sollte es ein ganz normaler Job für die Tatortreinigerin sein: ein Mann ist in einem großen Berliner Bankhaus in die Tiefe gestürzt. Alles deutet auf Selbstmord oder einen Unfall hin. Wirklich? Judith Kepler entdeckt Spuren, die auf einen Mord hindeuten und informiert die Polizei. Was sie in diesem Moment nicht wissen kann: sie gerät dadurch in den Fokus einer Gruppe – allen voran der Waffenhändler Bastide Larcan – die mit dem „Unfall“ zu tun haben. Larcan weiß eine Menge über Judiths Vergangenheit. Dinge, die sie verdrängt hat. Dinge, die sie gar nicht mehr zu wissen scheint. Dinge, die besser im Verborgenen geblieben wären. Um herauszufinden, was Larcan mit dem Toten in der Bank zu tun hat und wieso er so viel über Judiths dunkle Vergangenheit weiß, lässt sie sich auf einen Deal mit ihm ein. Ob das gut geht?

„Stimme der Toten“ ist nun also der zweite Fall der Tatortreinigerin Judith Kepler, die mit einer nicht ganz einfachen Vergangenheit zu kämpfen hat. Wie schon im ersten Teil der Reihe wird die eigentliche Geschichte immer wieder durch kleine und auch größerer Erinnerungsfetzen an früher durchbrochen, weshalb wir als Leser|innen uns auf zwei Ebenen bewegen: der Geschichte um den Mord in der Bank und der Vergangenheit Judith Keplers. Das erhält die Spannung. Wer den ersten Teil der Kepler-Reihe gelesen hat, wird sicher die Anspielungen verstehen, die im zweiten Teil immer mal wieder auftauchen. Wer dies nicht getan hat, wird dennoch recht problemlos in den Roman finden, da die Autorin die wichtigsten Momente erwähnt, das ist auch für diejenigen praktisch, die sich nicht mehr ganz an alles erinnern können.

Judith selbst ist eine eigensinnige, in sich gekehrte, schwarzhumorige, aber auch liebevolle Person, die sich als Protagonistin recht gut macht. Insgesamt ist der Erzählstil flüssig lesbar und mit Witz durchwebt, was mir persönlich gut gefällt. Doch wer jetzt – wie ich- auf einen Kriminalroman gehofft hat, der wird wohl ein wenig enttäuscht werden. Statt dass Judith einen Kriminalfall als Cleanerin löst, worauf man zu Beginn des Romans noch hoffen mag, endet ihre ermittlerische Tätigkeit praktisch mit der Meldung an die Polizei. Von nun an steht sie und ihre Vergangenheit selbst im Visier und der Roman entpuppt sich als eine Art Agententhriller, der vor allem die ehemalige DDR und den Kalten Krieg thematisiert, wenn man es so verkürzt ausdrücken kann. Das ist nicht schlecht – keineswegs -, aber auch nicht ganz das, was man vielleicht vom Klappentext her erwarten würde. Zudem haben wir nun noch eine dritte Ebene im Buch, weshalb es nicht immer ganz einfach ist, dem roten Faden folgen zu können. Dennoch ist „Stimme der Toten“ eine unterhaltsame, gut durchdachte, wenn auch in Teilen verworrene Mischung aus Politthriller und Kriminalroman, der vor allem durch seine äußerst sympathische Hauptfigur besticht.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Goldmann Verlag – 544 Seiten – ISBN: 978-3-442-31391-4

[Rezension] „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ | Walter Moers

Er ist endlich da, der neue Roman aus der spitzen Feder des Zamonienmeisters Walter Moers. Ich glaube, etliche Herzen liefen bei dieser Nachricht über vor Glück. „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ ist der mittlerweile siebte Zamonien Roman und entführt uns in die Welt ebenjener titelgebenden schlaflosen Prinzessin, besser gesagt: in ihr Gehirn.

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Es war einmal die schlafloseste der schlaflosen Prinzessinen: Dylia Insomnia. Diese lebte zwar in Zamonien, aber doch in ihrer ganz eigenen zamonischen Welt. – Präteritum Ende. Ab ins Buch: Mit Vorliebe hält sie sich in ihren persönlichen Gedanken auf, denn irgendwie muss sie sich ja die viele Zeit vertreiben, die sie dank Schlaflosigkeit zu bewältigen hat. Dylia unterhält sich mit den zwielichtigen Zwergen (die sie nur zu einer ganz bestimmten magischen Tageszeit und zwischen Frühling und Spätsommer sehen kann) und lernt Pfauenvokabeln (solche Wörter, die eigentlich überflüssig, aber doch so exotisch anmuten, dass man sie nicht vergessen kann), bis eines Nachts der alptraumfarbene Nachtmahr Havarius Opal an ihrem Bett steht und ihr freudig verkündet, sie in den Wahnsinn treiben zu wollen. Oha! Selbstverständlich nicht, ohne vorher einen Ausflug nach Amygdala, jene Stadt, in der das dunkle Herz der Nacht regiert, zu machen. Prinzessin Dylia bleibt nun keine Wahl, sie muss Havarius Opal folgen, bis hinein in die tiefsten Abgründe ihres Gehirns …

Der Einfallsreichtum Walter Moers ist nach wie vor ungebrochen. Feinfühlig und mit viel Liebe zum Detail beschreibt Moers seine Hauptfigur Dylia Insomnia in den ersten Kapiteln sehr ausführlich, das kann sich schnell etwas langatmig und zäh anfühlen, doch macht es dennoch Spaß, diese Figur und vor allem ihre Sprachgewandtheit kennenzulernen. Es ist einfach wunderbar wie Walter Moers hier mit Wörtern spielt, bunte und skurrile Wortneuschöpfungen zaubert und so die Welt der Dylia Insomnia lebendig macht. Etwas spannender wird es dann, nachdem Havarius Opal das Geschehen bereichert und Dylia praktisch in das dunkle Herz der Nacht entführt. Auf ihrer Reise dorthin lernen Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr einige lustig-merkwürdige Bewohner des Gehirns kennen und müssen auch so manche Hürde überqueren.

Was hier wirklich lobenswert erwähnt werden muss, ist – neben Walter Moers Einfallsreichtum und Humor – auch Lydia Rodes Illustrationen, die das Buch zu einem kleinen Kunstwerk machen. Sie passen einfach immer und wirken nie fehl am Platz. Es macht unglaublich viel Freude, die Seiten zu betrachten und so für Moers skurille Welt(en) gleich eine Fülle an Bildern vor Augen zu haben. Aber all des Lobes zum Trotz ist „Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr“ leider an einigen Stellen für meinen Geschmack doch etwas zu fad. Vor allem dann, wenn man dieses Buch mit den Vorgängern vergleicht (was man nicht unbedingt tun sollte, es aber automatisch doch macht). Die Geschichte kommt etwas schwerfällig in Gang, es fehlt irgendwie an Schwung. Man verschlingt es nicht unbedingt am Stück, sondern genehmigt sich auch mal ein Lesepäuschen. Das ist jetzt keinesfalls schlecht, aber auch nicht herausragend. Dennoch ein schöner Ausflug nach Zamonien, um das Niemalsweh ein wenig zu stillen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Mit Illustrationen von Lydia Rode | Knaus Verlag | 344 S. | ISBN: 978-3-8135-0785-0

[Rezension] „Vernunft & Gefühl“ | Jane Austen

Ich muss es leider zugeben: ich habe (bisher) noch nie einen Roman aus der Feder – im wahrsten Sinne des Wortes – Jane Austens gelesen. „Stolz und Vorurteil“ habe ich vor Jahren mal angefangen, aber nie beendet, weil… das weiß ich leider auch nicht. Den Inhalt ihrer Romane kenne ich natürlich trotzdem. Da dieses Jahr – 2017 – aber den 200. Todestag Jane Austens beherbergt (feiert kann man wohl nicht sagen), habe ich mir das zum Anlass genommen, eine Bildungslücke dahingehend zu schließen. Und, warum auch nicht? Jane Austen gilt heute als eine der beliebtesten Schriftstellerinnen. Um 1813, zur Zeit des Erscheinens von „Stolz und Vorurteil“ ist es jedoch alles andere als selbstverständlich als unabhängige im Sinne auch von unverheiratete Frau erfolgreich zu sein – und dann noch als Schriftstellerin, also: gebildet zu sein. Jane Austen schreibt vor allem über damalige vorherrschende gesellschaftliche Gepflogenheiten. Immer im Mittelpunkt: die Rolle der Frau. Berühmt wurde sie Zeit ihres Lebens nicht, dafür hallen ihre Werke heute umso stärker nach. Austen karikiert ihre Figuren, überspitzt die Situationen, beobachtet dennoch ganz genau und legt vor allem die Liebe und Romantik in den Fokus ihrer Romane, ohne dabei zu kitschig zu werden.

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„Vernunft & Gefühl“ – Jane Austens erster Roman, damals noch unter dem Pseudonym „Von einer Dame“ veröffentlicht – hat auf den ersten Blick alles, was ein typischer Liebesroman benötigt. Ein wenig Herz und Schmerz, unerwiderte Liebe, erwiderte Liebe (aber zum falschen Zeitpunkt) den Verlust der Liebe (einhergehend mit offenen Fragen, Streit, Unmut usw.) und natürlich ganz viel Dramatik.

Marianne und Elinor Dashwood sind Schwestern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Während die eine temperamentvoll und aufbrausend ist („Gefühl“), ist die andere ruhig und in sich gekehrt („Vernunft“). Beide wachsen bei ihrem Vater und ihrer Mutter, der zweiten Ehefrau Mr. Henry Dashwoods, in Norland Park auf. Dieses Anwesen geht nach dem Tod Henry Dashwoods auf seinen Sohn John aus erster Ehe über, der sich nun um seine beiden Halbschwestern zu kümmern hat. Seine Frau jedoch, gewitzt und bestimmend, verhindert, dass sich John als allzu großzügig ihnen gegenüber verhält. Dies führt dazu, dass Mrs. Henry Dashwood und ihre Töchter Norland Park verlassen müssen und ein kleineres Anwesen in Barton Park beziehen. Natürlich geht das alles nicht ohne Herzschmerz vonstatten, denn Elinor lernt vor ihrer Abreise aus Norland Park den Bruder ihrer gehässigen Schwägerin kennen: Mr. Edward Ferrars, der ein liebenswürdiger und ehrlicher Mensch zu sein scheint. Doch bevor sich etwas Ernsthaftes entwickeln kann, muss Elinor Norland Park verlassen.

In Barton Park leidet nun nicht nur Elinor unter Liebeskummer, sondern mittlerweile auch Marianne, die durch Glück im Unglück John Willoughby kennengelernt hat. Beide gehen ganz offen mit ihren Gefühlen um, während Elinor und Mr. Ferrars diese eher versteckt gehalten haben. Doch plötzlich verschwindet Willoughby und mit ihm Mariannes Fröhlichkeit und Lebensenergie. Wird es für die beiden ungleichen Schwestern dennoch ein „Happy End“ geben?

In „Vernunft & Gefühl“ arbeitet Jane Austen auf wunderbare Weise zwei gegensätzliche Charaktermerkmale heraus und zeigt, dass trotz Unterschiedlichkeit der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit doch immer gleich ist. Es ist faszinierend, wie genau Austen die Gesellschaft beleuchtet und auch ein wenig aufs Korn nimmt. Die Suche nach einer „guten Partie“ ist sowohl für Frauen als auch Männer obligatorisch, aber keineswegs immer gewollt. Austens Sprache ist angenehm, in der Neuübersetzung durch Andrea Ott aber ein wenig verfremdet worden. Damit möchte ich keineswegs ausdrücken, dass diese schlecht sei, aber ich persönlich bevorzuge doch die alte Übersetzung oder womöglich beim nächsten Mal gleich das Original (auch wenn ich da mit Sicherheit nur die Hälfte verstehen werde). Mir wäre das wahrscheinlich gar nicht groß aufgefallen, wenn ich nicht in Teilen das Hörbuch nebenbei hätte laufen lassen, wodurch mir die Unterschiede stärker bewusstgeworden sind. Die Austen Romane sind nun einmal vor rund 200 Jahren geschrieben worden, ein wenig Staub und ältere Ausdrucksweisen gehören dazu. Alles andere wirkt unauthentisch. Nichtsdestotrotz ist „Vernunft & Gefühl“ ein durchaus sehr lesbarer Roman, der mir – bis auf ein paar langatmige Stellen – äußerst gut gefallen hat. Demnächst versuche ich es dann doch noch mal mit „Stolz und Vorurteil“.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Andrea Ott | Manesse Verlag | 416 S. | ISBN: 978-3-7175-2354-3

[Rezension] „Das Original“ | John Grisham

Bücher von John Grisham haben mich bisher nie so angelacht. Ich weiß auch nicht genau warum, aber vielleicht hatte ich immer das Bild von älteren, bärtigen und meistens beanzugten Männern vor Augen (Klischee!) und dachte mir daher: das ist nix für mich! Als ich dann aber gelesen habe, dass es sich bei seinem neuesten Roman um gestohlene Fitzgerald-Manuskripte handelt, bin ich sofort hellhörig geworden. FITZGERALD? F. SCOTT FITZGERALD? Ja, gut, das muss ich dann wohl lesen!

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In „Das Original“ von John Grisham stehlen fünf gewiefte Verbrecher in einem gemeinsamen Coup die handgeschriebenen Manuskripte von F. Scott Fitzgerald aus der Bibliothek der Princeton Universität. Einige der Beteiligten werden wenige Tage nach der Tat gefasst, die anderen bleiben unauffindbar – ebenso die Manuskripte. Eine Spur führt zu Bruce Cable, einem Buchladenbesitzer und leidenschaftlichen Sammler alter Manuskripte und Erstausgaben auf Camino Island in Florida. Sowohl das FBI als auch das Versicherungsunternehmen der Uni wollen ihm eine Falle stellen und ordern dazu Mercer Mann an, eine Autorin, die früher auf der Insel viel Zeit verbracht hat und die ihm so als „Alteingesessene“ ein bisschen aufs Zahnfleisch fühlen soll. Es gelingt ihr tatsächlich, sich bei Bruce einzuschmeicheln, doch haben weder sie, noch das FBI, noch das Versicherungsunternehmen mit Cables ganz eigenen Ideen gerechnet…

John Grisham ist ein begnadeter Erzähler. Die Geschichte kommt schnell in Gang, ist detailreich und klug ausgedacht. Er beleuchtet das Geschehen aus immer wieder anderen Blickwinkeln heraus, sodass man als Leser über alles Bescheid weiß, aber doch nicht im Einzelnen über den tatsächlichen Hergang (so bleibt es spannend)! Besonders gut haben mir die Passagen über den Literaturbetrieb gefallen, also alles, was auf Camino Island spielt. Grisham macht sich ein wenig über diesen lustig, indem er ganz leise den Kapitalismus anprangert sowie schrullige, witzige und scharfsinnige Autorenfiguren kreiert, was natürlich vor allem für Buchbegeisterte wie mich ein Spaß zu lesen ist. Auch bringt er immer wieder ein wenig aus Fitzgeralds Leben (Fiktives wie Reales) mit ein. Wäre dieser Teil nicht, kann ich nicht genau sagen, ob mir das Buch ebenso viel Freude zu lesen gemacht hätte, wahrscheinlich hätte mir dann etwas gefehlt, aber so ist es ein wunderbarer Roman für zwischendurch, der absolut Spaß macht zu lesen und der bis zum Schluss die Spannung bewahrt.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya – Heyne Verlag – 368 S. – ISBN: 978-3-453-27153-1

[Rezension] „Geständnisse“ | Kanae Minato

Kanae Minato erzielte mit „Geständnisse“ in Japan einen sensationellen Erfolg und gewann hierfür den Japan Booksellers‘ Award (in der Zwischenzeit ist das Buch sogar verfilmt worden). Mittlerweile ist der Roman aber nicht mehr nur in Japan ein Thema, sondern zählte u. a. 2014 in den USA zu den zehn besten Thrillern und wird nun auch in Europa viel und wohlwollend besprochen.

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Jede(r) hält mehr oder wenige große Geheimnisse in sich verborgen. Sei es die kleine Notlüge von gestern, die Flunkerei von letzter Woche oder etwas weitaus Tiefergehendes bis Bösartiges. In „Geständnisse“ von Kanae Minato geht es um eben jene Dinge, die einen bis hin zum Äußersten leiten und quälen können:

Moriguchis vierjährige Tochter ist im schuleigenen Schwimmbad ertrunken. Ein Unfall, so heißt es. Einige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle, verlässt die Schule aber nicht ohne ihrer Klasse einen letzten Vortrag zu halten, der den Schülern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie weiß, dass einige Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter tragen und sie offenbart eine Rache, wie sie böser kaum sein könnte. Ein Reigen aus Schuld, Sühne und Rache entspinnt sich, der Dinge zu Tage befördert, die man nicht für möglich gehalten hätte. Hier bleibt niemand verschont.

Es ist ein Buch, das einen von der ersten Minute an fesselt und in einen Sog aus ungläubigem Staunen und tiefer Erschütterung zieht. Selten bin ich in letzter Zeit so gespannt darauf gewesen, was wohl noch passieren mag, wie bei diesem Buch. Sicher klingt manches sehr haarsträubend bis hin zu an den Haaren herbeigezogen, doch Minato schafft es dennoch durch eine klare und kühle Sprache eine Distanz zu wahren, die das Erzählte nicht unsinnig wirken lässt, sondern vielmehr noch wirklich glaubhaft. Dies gelingt ihr zudem noch durch den Kniff, jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen – am maßgeblichen Geschehen beteiligten – Person zu schildern. Die Tat und ihre Konsequenzen werden aus immer wieder neuen und anderen Blickwinkeln betrachtet. So wird zusätzlich Spannung gewahrt. Das erste Kapitel mag noch ein wenig verwirren und dahinplätschern, aber ist man erst einmal im Buch angekommen, so hält es einen bis zum Schluss gefangen.

Ich kann den Roman jedem empfehlen, der Thriller mag und gerne Bücher liest, die jenseits der (gesellschaftlichen) Norm liegen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann – C. Bertelsmann Verlag – 272 S. – ISBN: 978-3-570-10290-9

[Rezension] „Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Theresia Enzensberger schreibt in ihrem Debütroman über genau das eine Thema, welches mir persönlich besonders am Kunst-, Design und Architekturherzen liegt: Bauhaus. Oft und gerne habe ich schon ziemlich früh (sicherlich familiär bedingt – ein Hallo an Papa!)  in der zugehörigen Literatur gestöbert und empfand dabei immer wieder aufs Neue eine gewisse Faszination für das Bauhaus, das so viel Innovatives hervorgebracht hat, dass man auch heute noch nur darüber staunen kann. Selbstverständlich habe ich mich da sehr auf Theresia Enzensberger Roman gefreut.

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In „Blaupause“ – so lautet der treffende Titel des Buches – arbeitet Enzensberger mit historischen Figuren und Fakten sowie fiktiv Erdachtem, kombiniert also fiktives mit realem und lässt so den Bauhaus-Mythos in der Gegenwart wieder auferstehen:

Luise Schilling kommt Anfang der 20er Jahre an das Weimarer Bauhaus. Sie ist jung. Sie ist naiv. Sie ist voller Ideen und Tatendrang. Am Bauhaus lernt sie neben gestandenen Professoren (die uns namentlich heute sehr bekannt sein dürften) wie Gropius, Klee und Kandinsky auch die Naturmystiker um Johannes Itten kennen. Luise ist hin und hergerissen zwischen ihrem Traum als Architektin (!) erfolgreich zu werden und dem bestätigenden Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz. Diese Bestätigung sucht sie zuerst in der Gruppe um Itten, wo sie auf Jakob trifft. Hier entspinnt sich eine erste Romanze. Später wird Luise Hermann kennenlernen. Beide Männer verdrehen ihr den Kopf (wie man so schön sagt), so dass alles Weitere beinahe unwichtig wird. Dennoch versucht Luise immer wieder sich als Frau am Bauhaus durchzusetzen – aller Widrigkeiten zum Trotz.

Wie eingangs bereits erwähnt, gehört das Bauhaus zu einer für mich äußerst faszinierenden Zeit. Eine Welt im Umbruch, nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich – und das in vielerlei Hinsicht. Zwischen zwei Weltkriegen, Verlustangst und Lebensfreude, mehr oder weniger erfolgreichen Emanzipationsversuchen der Frau und neuen Lebenseinstellungen blitzen doch immer wieder noch die alten Werte durch. Das ist nicht immer schön, aber im Falle des Bauhauses soll und wird es das sein – zumindest im ästhetischen Sinn. Der Grundgedanke, die Kunst von der Industrialisierung zu entbinden – Kunst also als solche wieder begreiflich und dennoch funktional zu gestalten – hat etwas sehr Altmodisches und zugleich Modernes an sich. Diesen Gedanken greift Enzensberger auf und verwebt ihn gekonnt und detailreich in „Blaupause“. Processed with VSCOcam with t1 preset

Was mich dabei aber leider etwas gestört hat ist die Überfülle an Detailwissen, die Enzensberger in jeden noch so kurzen Absatz packt. Es scheint fast so, als würde hier das journalistische Schreiben durchkommen, denn häufig schiebt sie in einem Nebensatz das wer/wie/was/wo ein, welches an dieser Stelle (oder manchmal auch gar nicht) von Belang ist. Dadurch wirken ihre Sätze etwas hölzern, nicht greifbar und oft ein wenig leidenschaftslos. Diese Leidenschaftslosigkeit versucht die Geschichte an anderer Stelle mit kleinen Romanzen („Männergeschichten“) und anderen Problemen der Protagonistin Luise (z.B. in der Familie, mit Freunden oder als Frau an sich) wieder wett zu machen. Das gelingt eher mäßig. Luise überzeugt leider weder als Hauptfigur noch als emanzipierte Frau. Die Protagonistin will rebellisch, revolutionär und selbstbestimmt sein, verstrickt sich aber viel zu oft in naiven, anderen (vor allem Männern) hinterherlaufenden Gedanken. Sie versucht und versucht ihren Weg zu gehen, aber auch wenn sie sich letztlich von einigen Dingen (auch hier gilt: vor allem Männern) losreißen kann, hakt es doch irgendwie. Hier ein Beispiel: „Ich möchte nicht, dass mein Name auf diesem langweiligen und unpraktischen Entwurf steht, aber alleine kann ich nichts gegen Karl ausrichten. Ich tröste mich mit dem Gedanken an meine Siedlungsentwürfe, auf die ich mehr Zeit verwenden kann, wenn ich mich hier nicht verausgabe.“ Aus dem Zusammenhang gerissen klingt es gar nicht so unterwürfig, aber im Kontext hat es mich doch sehr gestört. Es tut mir furchtbar leid das so zu schreiben, weil ich sowohl Thema als auch Idee des Buches wirklich grandios finde und man merkt, dass Enzensberger viel Zeit und Mühe in ihre Recherchearbeit investiert hat, aber leider überzeugen mich weder Inhalt noch Schreibstil ausreichend, um es vorbehaltlos empfehlen zu können. – Wer sich nun jedoch wie ich für das Bauhaus, Architektur, Design und die 1920er interessiert, der sollte hier ruhig mal reinlesen! Außerdem ist dies lediglich mein persönliches Empfinden, zum Beispiel findet ihr auf fluffywordsblog eine äußerst lesenswerte Besprechung zu „Blaupause“, die ich euch nur ans Herz legen kann.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hanser Verlag – 256 S. – ISBN: 978-3-446-25643-9

[Rezension] „Fast eine Liebe. Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach.“ | Alexandra Lavizzari

„Fast eine Liebe“ von Alexandra Lavizzari befasst sich mit der tragischen Liebesgeschichte zwischen den beiden Schriftstellerinnen Carson McCullers („Das Herz ist ein einsamer Jäger“) und Annemarie Schwarzenbach („Das glückliche Tal“), die, wie der Titel schon sagt, nur fast eine Liebe ist.

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Carson McCullers gilt mit Anfang 20 als ‚Shooting Star‘ der US-amerikanischen Literaturszene der 1940er Jahre und steht von einem Tag auf den anderen plötzlich im grellen Licht der Öffentlichkeit. In diesem ersten Jahr als „Berühmtheit“ lernt die zunächst schüchterne Carson McCullers die Reiseschriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in New York kennen, welche ihr sofort imponiert und die sie in eine Art magischen Bann zieht. Beide freunden sich an, die Anziehungskraft ist enorm, beinahe greifbar, aber doch bleiben sie für die je andere ein Stück weit unerreichbar. Ihre Liebe lässt sich schwer in Worte fassen, handelt es sich doch um viel mehr und gleichzeitig viel weniger als das. Es ist eine Art Seelenverwandtschaft, die beide zugleich immer wieder verspüren, selbst wenn sie sich weit voneinander entfernt aufhalten. Man könnte im Nachhinein sagen, dass sich schlichtweg nie der richtige Zeitpunkt für sie ergeben hat. Nicht, weil Carson McCullers verheiratet und Annemarie Schwarzenbach mit der Ehefrau Heinz von Opels liiert – beide also bei ihrer ersten Begegnung „vergeben“ – gewesen sind, sondern weil es die jeweiligen Lebensumstände nicht zugelassen haben. Krankheiten, Drogen, Skandale und ein zeitweilen unfreies Herz Schwarzenbachs (welches für Erika Mann geschlagen hat) standen ihnen beiden im Weg.

Alexandra Lavizzari zeichnet auf sehr feinfühlige Art und Weise das Leben beider Autorinnen nach, indem sie eine Doppelbiografie schreibt, die sich sowohl mit Carson McCullers als auch mit Annemarie Schwarzenbach als Einzelpersonen befasst, aber auch genügend Raum für die Liebe der beiden, die eigentlich keine „richtige“ ist, lässt. McCullers und Schwarzenbach sind an sich grundverschieden, aber doch gleich – gerade darin liegt der Zauber ihrer Anziehungskraft. Lavizzari berichtet von den unterschiedlichen Schicksalen beider, von der Schlüsselfigur Erika Manns, der Krankheit McCullers (die aber auch dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen ist) und der Drogensucht Schwarzenbachs, ihrer Seelenverwandtschaft zueinander, ihrem stetigen Streben nach Liebe und Anerkennung, die beide zugleich wieder abstoßen und ihrem schriftstellerischen Wirken, welches sie gegenseitig bewundert haben. Es ist eine tragische, aber auch eine schöne Geschichte, die Lavizzari äußerst gelungen erzählt, ohne dabei wertend zu sein (was nicht immer einfach ist) und die leicht federnd in einem nachhallt.

Ich bin erst mit diesem Buch auf den Verlag „ebersbach & simon“ aufmerksam geworden, aber schon jetzt sehr begeistert. Im Fokus des Verlages stehen Bücher und Kalender von und über außergewöhnliche Frauen, die allesamt durch ihre liebevolle Aufmachung mit qualitativ hochwertigen Inhalten bestechen. Es ist ein kleiner, unabhängiger Verlag, der pro Jahr circa 20 neue Titel auf den Markt bringt, die wohl gewählt ins Programm passen. (Quelle: hier) Für mich wird es mit Sicherheit nicht das letzte Buch aus diesem Verlag gewesen sein.

Ich danke dem ebersbach & simon Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

ebersbach & simon Verlag – Reihe: blue notes 65 – 144 S. – ISBN: 978-3-86915-139-7

 

[Rezension] „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ |Dr. Ortrud Westheider (Hrsg.), Michael Philipp (Hrsg.)

Es ist mal wieder an der Zeit für ein wenig Kunst hier auf dem Blog, oder? „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ aus dem Prestel Verlag widmet sich amerikanischer moderner Kunst (klingt irgendwie merkwürdig auf Deutsch, also besser: American Modern Art) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die erstaunlicherweise noch relativ unbekannt in Europa ist. Klar, von Edward Hopper und Mark Rothko hat man sicher schon mal irgendwann etwas gehört, aber was ist zum Beispiel mit Milton Avery, Marsden Hartley, Georgia O’Keeffe oder John Sloan?

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Dem Kunstsammler und Mäzen Duncan Phillips ist es zu verdanken, dass 1921 das erste Museum für Moderne Kunst in den USA eröffnet werden konnte (noch vor dem allseits bekannten Museum of Modern Art in 1929). Nämlich in seinem eigenen Haus. Später wird das gesamte Wohnhaus zum Museum werden und als solches (meines Wissens nach) auch heute noch dienen. Die Sammlung der sogenannten „Phillips Collection“ beherbergt und verdeutlicht die Entwicklung der amerikanischen Malerei der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mittels drei dominierender Themengebiete: Landschaften, Portraits und Stadtbilder. Aktuell kooperiert die Phillips Collection mit dem Museum Barberini Potsdam und zeigt vom 17. Juni bis 03. Oktober 2017 ausgewählte Werke. Wer sich diese (wie ich) leider nicht persönlich anschauen kann, der freut sich vielleicht über das thematisch begleitende Buch hierzu.

In „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ findet sich neben bebilderten Essays von Susan Behrends Frank, Miriam Häßler, Alexia Pooth, Susanne Scharf, Corinna Thierolf, Ortrud Westheider und Sylvia Yount allerhand Wissenswertes über Duncan Phillips und die Phillips Collection sowie je kurze Künstlerbiografien zu den einzeln genannten Künstlern am Ende des Bandes. Die Essays behandeln chronologisch die Entwicklung und Veränderung der American Modern Art von Anfang des 20. Jahrhunderts bis nach dem 2. Weltkrieg. Von Portrait-Malerei, über den Einfluss des Impressionismus aus Frankreich, die Werke Marsden Hartleys, der psychologisch-innerlichen Städtebetrachtung Edward Hoppers, die abstrakten Landschaftsbilder Arthur Doves und Georgia O’Keeffes bis hin zur abstrakten Malerei z.B. Mark Rothkos (und mehr!). Ausstellung und Buch zeigen nicht nur die verschiedenen Künstler und Kunstwerke, sondern vielmehr noch auch eine gesellschaftliche, kulturelle und künstlerische Entwicklung Amerikas.

Alle Essays sowie Vorwort und bibliographische Angaben sind auf Englisch verfasst. Es sollte aber sprachlich aufgrund der vielen Bildbeispiele kaum ein Problem geben. Inhaltlich sind die Essays knapp und nüchtern, aber gut verständlich und sinnvoll aufgebaut verfasst. Genau deswegen finde ich „From Hopper to Rothko. Americas’s Road to Modern Art“ äußerst gelungen. Ob nun aus Interesse an American Modern Art bis 1945 oder als Ausstellungskatalog ist dieser Band nicht nur ansehens- sondern vor allem auch lesenswert und informativ!

Prestel Verlag | 248 S. | 219 farbige Abbildungen | ISBN: 978-3-7913-5693-8

[Rezension] „Sieh mich an“ | Mareike Krügel

„Sieh mich an“ ist Mareike Krügels vierter Roman und wird mit folgenden Worten vom Verlag kurz zusammengefasst: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt. – Die Heldin in Mareike Krügels rasantem, klugem Roman gehört ganz sicher zu den einnehmendsten Frauengestalten in der deutschen Gegenwartsliteratur.“ (Quelle: Piper Verlag)

Ich persönlich habe bereits nach den ersten Zeilen des Verlagstextes beschlossen, dass ich das Buch lesen muss. Nein, muss möchte. Es verspricht ein ernstes, sensibles und heikles Thema in authentischen Humor zu verpacken, der ja gerade bei solchen Dingen unfassbar wichtig ist.

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Kathi ist Mama zweier Kinder, einem halberwachsenen und recht ruhigen Jungen (Alex) und einer hibbeligen, lauten, anstrengenden, aber doch äußerst sympathischen Tochter (Helli). Costas, Kathis Mann, ist aufgrund seiner Arbeit die meiste Zeit nicht Zuhause, weshalb der Alltag an Kathi hängenbleibt. Klingt jetzt nach Klischee, ist aber so humorvoll beschrieben, dass es das absolut wettmacht. Zu Beginn des Buches finden wir uns mit Kathi und Helli in deren Schule wieder. Helli hat Nasenbluten (mal wieder) und treibt damit und mit ihrer Nasenblutspur die Sekretärin in den Wahnsinn. Kathi nimmt es gelassen und ihre Tochter mit nach Hause, ihren Termin muss sie absagen, dafür aber einen Vermerk in ihrem Notizheft machen: Tampons für Helli kaufen. Nach und nach erfahren wir als Leser|in, dass sich da ein Etwas in Kathis Brust befindet. Weshalb Kathi sich eigentlich wünscht, alles bliebe so wie immer. Ihre Gedanken, Gefühle und Ängste diesbezüglich behält sie für sich und vertraut sich lediglich ihrem Notizbuch an. Wir als Leser|in erfahren durch die Ich-Erzählweise sowie Rückblenden Kathis mehr über sie, Costas und ihr gemeinsames Familienleben, all ihre Sorgen und Erlebnisse und tauchen auf diese Weise tiefer in ihre Familiengeschichte ein, die uns verstehen lässt, wieso Kathi so und nicht anders handelt – und vor allem, was sie bewegt.

Ich habe wirklich oft gelacht und mich der Familie, trotz Katastrophenmodus und manchmal doch leicht überzogener Realität sehr nahe gefühlt. Es ist so wichtig, heiklen Themen wie Krankheit und Tod, die leider allgegenwärtig sind, mit Humor zu begegnen. Man darf das Leben nicht als ein Trauerspiel begreifen, man muss sich mit Lachen und Humor den „bösen“ Dingen des Lebens entgegenstellen. Nur so wird es erträglich!

Achtung: Spoiler!

Die Rückblenden habe ich sehr gerne gelesen, wodurch wir als Leser|innen sehr viel mehr über die eigentlichen Gründe für Kathis Verhalten erfahren können und auch so manches kleine Geheimnis aufgedeckt wird. Bis zum Schluss bin ich schier begeistert gewesen, aber leider haben mir die letzten knapp 50 Seiten weniger zugesagt. Die finale Szene auf der Party empfand ich als zu an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es perfektes Kinomaterial ist. Ebenfalls eher missfallen hat mir die Tatsache, dass Kathis Krankheit „offen bleibt“. Bis zum Schluss wird immer vom nahen Tod gesprochen, aber letztlich stellt sich heraus, dass Kathi erst noch untersucht werden muss. Da sollte man vielleicht doch etwas vorsichtig sein. Einen Knoten in der Brust zu haben heißt nicht gleich sterben zu müssen. Dass man sich angesichts eines solchen Befundes Gedanken über sein ganzes bisheriges und auch sein zukünftiges Leben macht, ist klar und absolut verständlich. Dies macht das Buch auch sehr gut deutlich, indem Kathi sich und alles in ihrem Leben hinterfragt, sich nach dem „was wäre, wenn?“ umschaut und sich ihre Kinder in Zukunft ohne sie vorstellt. Leider verpasst die Autorin es aber, hier eine Grenze zu ziehen – zwischen „ich bin tatsächlich todkrank“ und zwischen „ich befürchte, ich bin todkrank“ – und lässt so am Ende die Geschichte und vor allem Kathi etwas unglaubwürdig, zumindest aber überzogen dastehen. Vielleicht bin ich da auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen etwas pingelig, aber dies ist nun mal meine persönliche und subjektive Meinung und ich bitte euch, mir das nicht übel zu nehmen. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch (abgesehen vom letzten Teil) außerordentlich gut gefallen, vor allem aufgrund des klugen Witzes, des trockenen Humors und des eingängigen Schreibstils!

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar!

Piper Verlag |256 S. |Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978-3-492-05855-1