[Rezension] & [Geschenktipp] „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ | Pablo Salvaje

Der spanische Künstler Pablo Salvaje wurde quasi in die Welt des Druckens hineingeboren. Aufgewachsen zwischen riesigen Druckmaschinen in der familieneigenen Druckerei, ist es kaum verwunderlich, dass sein Herz für Papier und Druckerfarbe schlägt. Inspirieren lässt er sich vor allem in der Natur – insbesondere von Tieren -, was sich in „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“ deutlich spüren und selbst erleben lässt. In Zusammenarbeit mit Mia Cassany, die die Geschichten hinter Pablo Salvajes Drucken auf Papier gebracht hat, und Anna Prats, die den zahlreichen sowie vielfältigen Drucken des Künstlers Farbe und Form eingehaucht hat, ist ein Bildband entstanden, der Groß und Klein zu begeistern weiß, weil er die Seele der Tiere sprechen lässt.

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„Diese Seele ist es, die uns das Buch erschaffen ließ, das du nun in den Händen hältst. Damit möchten wir uns zusammen mit dir in die Natur vertiefen und Verhaltensweisen, Kuriositäten, Geschichten und Wahrheiten gemeinsam erkunden – um jene Tierseele zu pflegen und zu verstehen, die uns allen innewohnt.“ (aus dem Vorwort von „Vom Leben der Tiere. Wie sie handeln, was sie fühlen“)

 

Auf knapp 72 Seiten entführt uns dieses farbenfrohe Buch in die Welt der Tiere und geht dabei noch sehr viel weiter. Unter verschiedenen Kapitelüberschriften wie „Liebe“, „Rhythmen“, „Überleben“ „Wandlung“, „Lebensraum“, „Wasser“, „Schätze“ und „Zum Andenken“ plus Vor- und Nachwort werden jede Menge Tiere in äußerst sehenswerten Drucken dargestellt, bei denen es sich lohnt nicht nur ein- oder zweimal kurz drüber zu schauen, sondern die zum längeren Verweilen einladen. Die Texte sind dabei kurz, aber von poetischer Kraft und eignen sich bestens zum Vorlesen. Hier kann man gemeinsam (oder auch alleine) mit einem ganz besonders tiefgründigen Blick in die Welt der Tiere eintauchen. Ein Buch voll Detailliebe, das sich vor allem für kleine und große Entdecker lohnt.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Empfohlen ab 8 J. | Aus dem Katalanischen von Maria Meinel | Prestel junior | 72 S., durchgehend illustriert | ISBN: 978-3-7913-7309-6

[Rezension] „Kafka und Felice“ | Unda Hörner

Kafka fand ich schon immer sehr faszinierend. Nicht nur als Autor, sondern vor allem auch als der Mensch, der sich hinter diesen Texten verbirgt, für die es sogar einen eigenen Namen gibt, weil uns sonst die Worte zum Beschreiben fehlen würden: kafkaesk.

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Felice und Kafka lernen sich 1912 während eines Treffens bei Max Brod kennen. Von da an schreibt Kafka Felice beinahe unermüdlich täglich Briefe, in denen er um sie wirbt. Felice ringt daraufhin immer wieder mit sich selbst und ihren Gefühlen. Was will einer wie Kafka von ihr, die sich selbst weder als besonders hübsch noch belesen genug bezeichnen würde, um mit diesem Mann Schritt halten zu können? Schnell wird deutlich, wofür Kafka wirklich brennt: das Schreiben, denn auch er ringt immer wieder mit sich und seinen Gefühlen und lässt Felice buchstäblich im Regen stehen. Es ist die (Liebes)-Geschichte eines ungleichen Paares: Kafka, der schwermütige Schriftsteller und Felice, die lebenslustige Frau, die ihre Arbeit sehr schätzt, die gleichwohl interessant wie erstaunlich zu lesen ist. Eine Liebe, die beinahe nur auf dem Papier existiert – in einer Zeit, in der alles im Wandel scheint.

Unda Hörners Roman „Kafka und Felice“, der um tatsächliche Briefe des zweimal verlobten und dann wieder entlobten Paares herum konstruiert ist, beschreibt Kafka aus der Sicht von Felice. Leider fehlen die Originalbriefe Felices an Kafka, dafür sind weitestgehend alle aus Kafkas Feder noch vorhanden. So entsteht durch die Autorin und der in den Briefen genannten Details Kafkas ein Bild einer wahrhaft lebenslustigen, mutigen und starken Persönlichkeit (und aus heutiger Sicht unfassbar modern). Dagegen kann Kafka – zumindest in diesem Roman – einpacken. (Kein Witz.) Denn Kafka war wohl eher das genaue Gegenteil: ein asketisch lebender Schwarzmaler mit Hang zum Schwermut. (Wobei das wohl auch wieder das Faszinierende ist.)

Was diesen Roman so toll macht, ist zum einen die Perspektive, die man als Leser einnimmt. Also Kafka aus der Sicht von Felice zu lesen, einer Frau, die seine Werke sicher auch ein wenig mitgeprägt hat – und Kafka aus zeitgeschichtlicher Perspektive zu lesen, eingebettet in die Zeit vor dem 1. Weltkrieg bis hinein in die 1920er Jahre. Man spürt den Umbruch, man spürt Kafkas Angst vor einem bürgerlichen Leben, das ihn am Schreiben hindern könnte – und man spürt seine innere Zerrissenheit, auch Felice gegenüber. Kafka und Felice – eine Liebe? Das mag man sich während des Lesens des Romans ein ums andere Mal fragen. Wie hat es Felice so lange mit ihm ausgehalten? Wieso handelt Kafka so und nicht anders? Es bereitet einerseits enorm viel Freude, diesen Roman zu lesen und andererseits wirft er viele Fragen auf, was gut ist, denn so wird Kafka, der berühmte Schriftsteller, auch mal in ein anderes Licht gerückt.

Dieser Roman wirkt absolut authentisch, obwohl es kaum Aufzeichnungen über Felice gibt. Unda Hörner schafft es, ein Bild Kafkas und Felices zu zeichnen, das nicht konstruiert, sondern vielmehr echt wirkt, ohne dabei zu übertreiben. So oder so ähnlich hätte es sich tatsächlich zugetragen haben können. Ich bin begeistert von diesem Buch und lege es jedem, der oder die sich für Kafka, die 1920er Jahre oder einfach für klug recherchierte sowie gut geschriebene (biografische) Romane interessiert, sehr ans Herz.

Herzlichen Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag!

ebersbach & simon | 336 S. | ISBN: 978-3-86915-152-6

[Rezension] „Der Sympathisant“ |Viet Thanh Nguyen

„Der Sympathisant“ von Viet Thanh Nguyen wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Ein Medienpreis, den ich für sehr wichtig und aussagekräftig halte, weshalb ich mir kurze Zeit später das Buch in seiner englischen Originalfassung („The Sympathizer“) kaufte. Leider kam ich nicht recht voran, was weniger am Inhalt, sondern an der Sprachbarriere gelegen hat. Ich lese regelmäßig Bücher im englischen Original, was meistens recht gut klappt, aber hier fiel es mir aufgrund einiger spezifischer Vokabeln schwer, dem roten Faden zu folgen und ich kam an meine Grenzen. Daher freut es mich sehr, das Buch nun in der deutschen Übersetzung lesen zu können (an meinen Fremdsprachen-Kenntnissen arbeite ich weiterhin, versprochen!).

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Es ist April 1975, das gewaltige und dramatische Ende eines langen und auszehrenden Krieges in Sicht, als eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere von Saigon in die USA ausgeflogen wird. Unter ihnen befindet sich ein Adjutant eines hochrangigen Generals, dessen Aufgabe aber eigentlich eine ganz andere ist: kommunistische Spionage. In Los Angeles beginnt ihm sein Doppelleben über den Kopf zu wachsen. All die Dinge, die als Spion von ihm verlangt werden und die er notgedrungen erledigt, während gleichzeitig die Konsumgesellschaft an jeder Ecke mit Verlockungen wirbt. Und dann ist da auch noch er selbst und die Frage nach dem: wer bin ich eigentlich?

Dieses Buch ist ein Spionagethriller, gar keine Frage, aber es ist auch weitaus mehr, denn es behandelt ein Thema – den Vietnamkrieg – aus einer gänzlich anderen Perspektive. Der namenlose Protagonist berichtet aus einer Art Exil von seinem Leben als kommunistischer Spion und den damit einhergehenden Absurditäten wie Verlockungen. Es zeigt sich, dass in ihm eine zutiefst gespaltene Persönlichkeit steckt. Sozusagen wortwörtlich, denn er soll einerseits als kommunistischer Spion tätig sein, andererseits aber auch seiner Arbeit als Adjutant des Generals nachgehen und ebensolche Spione ausfindig machen (und bestenfalls vielleicht sogar gleich beseitigen). Dass das Schwierigkeiten nach sich zieht ist selbstverständlich. Es fällt mir an dieser Stelle schwer, Details zu nennen, denn so würde ich einerseits zu viel vom Inhalt verraten, andererseits würde sich dies auch unmöglich in ein paar Sätzen wiedergeben lassen. Denn es ist – trotz des Stempels „Spionagethriller“ – ein anspruchsvoller Roman, der den Vietnamkrieg und die Zeit danach aus vietnamesischer Sicht thematisiert. (Also mal nicht „typisch amerikanisch“ à la „Full Metal Jacket“ oder „Good Morning, Vietnam“). Der Autor, der selbst nach dem Fall Saigons 1975 mit seinen Eltern in die USA flieht, nutzt so sicher ein wenig seine eigenen Erfahrungen, seine Sichtweise über die USA und Vietnam und deren Gegensätze. Die Schwierigkeiten, in einer fremden Welt groß zu werden und dabei die Vergangenheit der Familie und des Landes, in dem er geboren worden ist, permanent mit dabei im Hinterkopf.

Ja, es ist ein politisches Buch, aber doch schafft es Viet Thanh Nguyen dies mit seiner bildhaften Sprache, den spannenden Szenenwechseln und dem ab und an aufblitzenden Humor den|die Leser|in fast vergessen zu lassen. Manchmal hat mich die teilweise leicht vulgäre, grobe Sprache oder auch die ein oder andere Szene etwas abgeschreckt – auch wenn man beides mit einer gewissen Ironie betrachten und lesen sollte. Es ist jedoch passend zur Thematik und letztlich einfach Geschmackssache.

Wer nun denkt, in diesem Roman würde die Perspektive einfach bloß umgedreht werden, der irrt. Viet Thanh Nguyen macht es sich nicht einfach, sondern versucht beide Seiten – die vietnamesische und amerikanische – zu beleuchten, das macht alleine schon seine im äußersten Zwiespalt steckende Hauptfigur deutlich. Ein sehr lesenswerter, durch und durch spannender Roman, bei dem wir auf eine Fortsetzung hoffen dürfen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Leseexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller | Blessing Verlag | 528 S. | ISBN: 978-3-89667-596-5

[Rezension] & [DIY-Tipps] „NaturLiebe“ | Rebecca Wallenta

Einen wesentlichen Teil meiner Kindheit habe ich in der Werkstatt meines Papas verbracht. Man sollte also meinen, ich sei was das Heimwerken angeht doch zumindest ein wenig begabt. Nun, ich fürchte, das Gegenteil ist der Fall. Es scheint, als sei ich mit zwei linken Händen geboren worden zu sein. Darum bin ich froh, dass es so tolle Sachen wie DIY-Bücher gibt, die neben Deko-Ideen gleich eine komplette Anleitung mitschicken. Da sollte dann eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder?

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„NaturLiebe“ von Rebecca Wallenta vereint zwei Dinge, die ich sehr gerne mag. Natur und Dinge selber bauen/basteln. Dass Zweiteres nicht immer klappt, habe ich eingangs bereits kurz erwähnt, aber das heißt ja nicht, dass ich es nicht noch mal versuchen möchte. Das Buch ist in sieben Kapitel plus Vor- und Nachwort in Form eines Anhangs eingeteilt. Die Kapitel beschäftigen sich mit je unterschiedlichen Materialien und Farben (z.B. Holz, Beton, Kork usw.) und in diesen Unterkategorien finden sich verschiedene Deko-Ideen zum Nachmachen, deren Schwierigkeitsgrade unterschiedlich sind. Jeder einzelne Vorschlag ist übersichtlich und verständlich aufgebaut. Links ein Bild der nachzubastelnden Idee, rechts eine Übersicht der benötigten Materialien sowie die voraussichtlich benötigte Zeit und je nachdem ein bis zwei Seiten bebilderte und beschriebene Bastelanleitung. Hierbei wird in knappen, gut nachvollziehbaren, Worten beschrieben, welche Arbeitsschritte zu durchlaufen sind. Ich bin durchaus positiv überrascht, muss aber sagen, dass mir zum einen genauere Angaben in der Materialliste fehlen (z.B. wie viel genau man von einem Material benötigt) und zum anderen genauere Hilfestellungen. Wer als Anfänger keine bis wenig Erfahrung hat mit beispielsweise Laubsägearbeiten, Lackfarben etc. hat, der wird hier sicher kleinere Probleme haben. Im Anhang finden sich zwar nähere Erläuterungen zu den wichtigsten Tools, das ist aber so kurz ausgefallen, da muss man als Unwissende|r zusätzlich leider Doktor Google befragen. Processed with VSCOcam with t1 preset

Nichtsdestotrotz finde ich die Deko-Ideen zu einem großen Teil sehr gelungen, auch wenn einige Sachen dabei sind, die man als Anfänger mit zwei linken Händen und ohne heimische Werkstatt schlecht nachbauen kann. Das ist aber total in Ordnung, denn es gibt ja auch eine Menge äußerst begabter Bastler|innen da draußen. Ich habe mich zunächst für einen Wandbehang aus Holzkugeln und Fimoblättchen entschieden. (S.97) Die Materialkosten belaufen sich auf ca. 40€, was schon eine Menge ist, mit der ich tatsächlich so nicht gerechnet habe. (Angaben zu Kosten fehlen leider gänzlich im Buch.) Vieles davon kann man sicher weiterverwenden, aber wer hofft, sich durchs Selberbasteln Geld zu sparen, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Auch die angegebenen 2h Arbeitszeit (ohne Trocknungszeit) haben sich bei mir glatt verdreifacht – das ist aber normal (vor allem als Anfängerin), denke ich. Man kennt Ähnliches von Kochrezepten. Ich bin mit den Arbeitsschritten und Tipps der Autorin sehr gut zurechtgekommen, hätte mir allerdings an mancher Stelle ein paar mehr Details gewünscht. Zum Beispiel müssen die Fimo-Plättchen vor dem Aushärten im Ofen mit Löchern versehen werden. Hierbei wird versäumt zu erwähnen, dass man darauf achten muss, welche Dicke die Lederbänder haben, die man zum Auffädeln benutzt (diese Angabe fehlt generell in der Materialliste). Es ist anschließend kein großes Problem, dies auszubessern – sieht allerdings nicht mehr ganz so schön aus.

Alles in allem bin ich jedoch sehr zufrieden und werde sicher die ein oder andere Idee noch ausprobieren. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit finden sich einige schöne Geschenkideen (z.B. Kerzenhalter aus Fimo, Monstera-Untersetzer, Passepartout, Hängeregal aus Kupfer) zum Nachbauen und Verschenken. Das Thema der Naturliebe ist – wie ich finde – gut und vor allem anschaulich getroffen und Freunde von Holz, Kork, Blumen usw. werden hier bestimmt fündig werden. Ich empfehle dennoch eine kleine Hobbywerkstatt zuhause zu haben, dann wird es mit Sicherheit leichter, auch die umfangreicheren Ideen (z.B. den tollen Lampenschirm aus Holz) umzusetzen!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

DVA | 160 S. mit ca. 250 Farbabbildungen | ISBN: 978-3-421-04084-8

[Rezension] „Schwimmen“ | Sina Pousset

Es ist nicht so, dass ich diesen Monat eine richtige Leseflaute gehabt hätte, aber doch hat mir dieses eine spezielle Buch gefehlt. Jenes, welches einen nachts wachhält, wie gebannt Seite um Seite umblättern und alles um einen herum vergessen lässt. In „Schwimmen“, das mir überraschend vom Verlag zugesandt wurde (vielen lieben Dank dafür!), wollte ich eigentlich nur kurz hereinlesen. Ich las die ersten Zeilen, aus denen schnell Seiten wurden, aus denen fix in einem Rutsch der ganze Roman wurde. Das nennt man wohl Binge-Reading? Und ja, das ist ein sehr gutes Zeichen!

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Es ist ein kalter Morgen in der Stadt. Milla Anton, die junge Protagonistin in Sina Poussets Debütroman, ist auf dem Weg zu Arbeit in den Verlag, muss aber zuvor noch die kleine Emma in den Kindergarten bringen. Jan, der Vater der Kleinen, ist verstorben. Emma kennt ihn nicht. Schnell wird klar, dass es sich nicht um ein „einfaches“ Familiendrama handelt, sondern dass sehr viel mehr dahintersteckt, als man zunächst vermuten würde. Denn als Milla an diesem Tag an der Arbeit auf Jans Tagebuch stößt, das sie bewusst lange unter einem hohen Stapel aus noch abzuarbeitenden Manuskripten verborgen hält, weiß sie: sie muss sich ihrer Vergangenheit stellen. Dem, was wirklich mit Jan passiert ist. In dem einen Sommer, in welchem sie, Jan und Kristina, seine Freundin, gemeinsam ans Meer gefahren sind und ohne Jan zurückkehren.

„Schwimmen“ ist ein sehr bewegender Roman über die Liebe, Sehnsucht und Freundschaft, der tief in die Gefühlswelt seiner Protagonisten hereinreicht. Im Fokus Milla, die immer wieder in kurzen und längeren Rückblenden davon erzählt wie es „früher“ war, mit Jan, ihrem Freund aus Kindertagen – und wie es „heute“ ist, jetzt, da Jan nicht mehr da ist. Wir als Leser|innen wissen (noch) nicht, was geschehen ist, können aber erahnen, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Nicht nur, weil dies mehr oder weniger deutlich lesbar ist, sondern vor allem in der Atmosphäre, in die der Roman gebettet ist. Er strahlt förmlich eine Art Kühle und Bedrücktheit aus, die den|die Leser|in ansatzweise fühlen lassen, was die Figuren empfinden. Die Autorin deutet vieles nur an, ertränkt den Plot nicht in zu ausschweifenden Erzählungen und das macht den Roman zugleich dynamisch sowie spannend und man kann gar nicht aufhören zu lesen, obwohl man sich eigentlich wünscht, man dürfe ewig in dieser schönen Sprache verweilen, die zugleich poetisch wie auch klug und einfach nur wunderschön ist.

„Draußen geht das Leben weiter. Beim Bäcker gehen die Menschen ein und aus und tragen Duft auf die Straße. Ein Kind baut im Kindergarten Klötze aufeinander und will mittags Kroketten mit den Fingern essen. Milla ist dazwischen, irgendwo.“ (S. 24)

In Sina Poussets Debütroman geht es um die Vergangenheit, die einen jeden schmerzhaft früher oder später wieder einholt. Es geht um die Liebe, die sich niemand je aussuchen kann. Um Freundschaften, die erwachsen werden (müssen) und um den Umgang mit Verlust, der Menschen an den Rand des Abgrunds bringen kann. „Schwimmen“ schafft es trotz schweren Themas ein Gefühl der Wärme zu erzeugen. Es ist ein zugleich tieftrauriger und Hoffnung gebender Roman, dessen Sprache und Inhalt den|die Leser|in von der ersten bis zur letzten Seite tragen und der noch lange nachhallt.

Ullstein fünf | 224 S. | ISBN: 978-3-96101-007-3

[Rezension] & [Geschenktipp] „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“ | Maja Säfström

Wer sich schon mal so langsam auf die Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für kleine und große Tierfreunde und/oder Fans von zauberhaften Illustrationen machen möchte (weil, es geht doch immer so schnell und zack, da ist schon Weihnachten!), für den habe ich einen Tipp: „Pinguine sind kitzlig, Bienen schlafen nie, und keiner schwimmt so langsam wie das Seepferdchen. Verblüffendes aus der Tierwelt.“

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Wie der Titel bereits vermuten lässt, findet sich in dem Buch, allerhand Wissenswertes und auch viel Lustiges aus dem Bereich der Tierwelt. Einige wenige Dinge sind mir vorher schon bekannt gewesen, doch vieles habe ich nicht mal geahnt und so habe ich ein ums andere Mal verblüfft oh!, erstaunt ah! und beinahe erschüttert igitt! ausgerufen (zum Beispiel bei Fliegen und Ziegen). Oder habt ihr gewusst, dass sich Seeotter beim Schlafen im Wasser einander die Hand halten, damit sie nicht auseinandertreiben? (vgl. S. 30), dass Kühe im Stehen schlafen können, jedoch nur im Liegen träumen? (vgl. S. 96) und dass im Fell von Faultieren Grünalgen wachsen, weil sie SO langsam sind (vgl. S. 110)?

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„Faultiere sind so langsam, dass in ihrem Fell Grünalgen wachsen.“ (S.110/111)

Die Fakten alleine sind schon ziemlich toll zu lesen und zu erfahren, aber die zugehörigen Zeichnungen der Illustratorin Maja Säfström runden das Ganze zu einem richtig schönen Buch ab, das man gerne erneut in die Hand nimmt. Zum nochmal Nachlesen und zum nochmal Anschauen. Ihre Illustrationen sind schlicht, in schwarz/weiß gedruckt und sehr minimalistisch gehalten, dafür aber umso liebevoller gestaltet – auch in den kleinen Details. Ich bin ganz begeistert und alle, die bisher mit mir durchgeblättert haben ebenfalls! (Übrigens die ganze Familie!) Einziger Wermutstropfen: es ist viel zu schnell ausgelesen! Aber das Gute daran? Man kann einfach wieder von vorne anfangen! Von daher bin ich ziemlich sicher, dass dieses Buch perfekt als Geschenk (auch an sich selbst) geeignet ist – und zwar für die ganze Familie!

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„Unter dem schwarzen Fell ist die Haut der Pandas schwarz und unter dem weißen Fell rosa.“ (S.14/15)

PS: Die Autorin & Illustratorin findet ihr unter anderem auch auf Instagram unter: @majasbok! Wer sich also vorab noch ein paar Illustrationen anschauen möchte oder so begeistert ist, dass er|sie noch mehr Inspiration benötigt (kann ich sehr gut verstehen), der wird dort sicher fündig!

 

 

 

 

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Elvira Willems | Penguin Verlag | 120 S. | ISBN: 978-3-328-10152-9

[Rezension] „Ehemänner“ | Jami Attenberg

„Ehemänner“ ist nach „Die Middlesteins“ und „Saint Mazie“ Jami Attenbergs dritter auf Deutsch erschienener, äußerst vielversprechender Roman. Nachdem mir „Saint Mazie“ bereits so zugesagt hat (was ihr, wenn ihr möchtet, hier nachlesen könnt), bin ich dementsprechend gespannt gewesen, ob auch „Ehemänner“ meinen Lesenerv treffen würde.

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In Attenbergs drittem Roman geht es weder um eine neurotische jüdische Familie, noch um das New York der 1920er Jahre. Stattdessen befinden wir uns im New York der heutigen Zeit. Genauer gesagt in dem durchaus hippen Viertel Williamsburg, welches sich freiheitsliebende, kreative und kunstbegeisterte Menschen mittlerweile erobert haben. Hier lebt Jarvis Miller, Ehefrau des berühmten Künstlers Martin Miller, der vor sechs Jahren einen tragischen Unfall erlitten hat und seitdem im Koma liegt. Jarvis befindet sich in einer Art Blase, vor fast allem und jedem zurückgezogen, ganz besonders vor dieser ominösen und fordernden Kunstwelt, die vielleicht über mehr Schein als Sein verfügt, aber doch eine ganz gewisse Anziehungskraft auf sie ausübt. Durch einen Zufall trifft sie eines Tages in einem Waschsalon auf drei junge Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Mal, der gefühlt seit Jahren an seinem Roman arbeitet. Tony, der gutaussehende Immobilienmakler mit Hang zur Schauspielerei. Scott, der fürsorgliche Familienvater. Doch alle suchen sie im Wachsalon Zuflucht. Zuflucht vor ihrem Leben. Zuflucht vor sich selbst. So auch Jarvis, für die diese Männer mehr als ein kleiner Flirt sind. Sie helfen ihr – zunächst unabsichtlich – zurück ins Leben.

Klug und voller Wortwitz entfaltet sich hier eine Identitätssuche der etwas anderen Art. Zu Beginn des Romans weiß man noch nicht ganz, wo die Geschichte hinführen soll. Die Charaktere werden vorgestellt, die Sachlage erklärt, man bekommt als Leser|in ein Gefühl für die Situation, in der Jarvis sich befindet und für die Protagonistin selbst. Nicht zuletzt durch die Ich-Perspektive, in der aus Jarvis Sicht berichtet wird. Weiterhin erfahren wir in Rückblenden Dinge aus der gemeinsamen Vergangenheit Jarvis‘ und Martins aus der Zeit vor dem Unfall: Jarvis und Martin als Ehepaar. Von einer großen Liebe, die, wie alle großen Lieben, nicht vor Schwierigkeiten gefeit ist. Das hilft zusätzlich zu verstehen, wie Jarvis sich fühlen muss und wieso sie so und nicht anders denkt und handelt.

Die Geschichte ist in drei Abschnitte plus Prolog und Epilog eingeteilt, wobei jeder Abschnitt einer Entwicklungsstufe Jarvis entspricht. Ungefähr ab Teil zwei beginnt sich der Plot zu verdichten. Jarvis ist nun nicht mehr vollends die vom Ehemann abhängige Frau, sondern auf dem Weg sich abzunabeln, sich zu emanzipieren. Vor allem auch aufgrund dessen, was ans Licht gekommen ist. Aber natürlich ist sich selbst neu zu finden und zu definieren in einer solchen Situation wie der ihren alles andere als einfach. Wie soll man einen Mann verlassen, der seit sechs Jahren im Koma liegt, ohne gefühlskalt und egoistisch zu wirken? Das ist ein Thema, das ich für sehr wichtig und gleichzeitig sehr schwierig halte und bin daher erstaunt, wie feinfühlig Attenberg dies darstellt, ohne dabei zu wertend zu sein. Auch wenn sie natürlich Martin irgendwie als Buhmann dastehen lässt, macht sie dennoch die innere Zerrissenheit Jarvis deutlich und zeigt, dass es nie leicht ist, sich zu trennen oder jemanden gehen zu lassen. Egal aus welchen Gründen und ganz besonders, wenn noch Liebe vorhanden ist. Dennoch: Jarvis muss und will zurück ins Leben, um nicht als Phantom an der Seite eines komatösen Ehemannes immer kleiner und kleiner zu werden, bis sie selbst verschwunden ist. Sie will und muss sich wieder lebendig fühlen – und genau das ist es, worum es in „Ehemänner“ vorrangig geht. Nicht um Krankheit, nicht um Kunst, nicht um ein hippes Leben in Williamsburg, nicht um Affären, (wenn auch alles eine Rolle spielt) sondern um das Leben, das trotz aller Widrigkeiten voranschreitet und um das, was wirklich wichtig und gut ist.

Auch wenn ich gegen Ende ein klein wenig skeptisch der Geschichte gegenüber geworden bin, so bin ich doch vom Schreibstil und der Empathiefähigkeit Attenbergs restlos begeistert. Ich würde sagen, hier habe ich eine neue Lieblingsautorin gefunden.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. Verlag | 328 S. | ISBN: 978-3-89561-204-6

[Rezension] „Das Wunder der wilden Insel“ | Peter Brown

Oha, jetzt liest sie auch noch Kinderbücher. Ich könnte mich jetzt damit „verteidigen“, dass ich generell keinem Genre komplett abgeneigt bin (ok, bis auf totalen Kitsch und Horror) und/oder, dass ich ein Buch suche, das sowohl Kindern als auch Erwachsenen zugänglich gemacht werden kann und somit perfekt zum Vorlesen geeignet ist. Allerdings ist es so, dass mich „Das Wunder der wilden Insel“ einfach sofort hatte. Ich sah das Cover und dachte mir, nunja, ich dachte gar nicht, ich wollte nur noch lesen und in den wunderbaren Illustrationen versinken.

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Auf dem Cover dieses Buches von Peter Brown, das für Kinder ab 10 Jahren empfohlen wird, befindet sich ein kleiner, minimalistisch gehaltener Roboter mit ausdrucksstarken Augen (man sieht nämlich nur diese von seinem Gesicht, sonst nichts) auf einem steinigen Hügel. Im Hintergrund ein dichter Wald, davor ein Fluss. Es sind genau die Augen – eigentlich nur zwei dicke Kreise -, die mich dazu bewegt haben, das Buch lesen zu wollen. Sie wecken in mir eine Art Beschützerinstinkt und gleichzeitig Neugier. Was macht ein Roboter (wie sich später herausstellen wird: ein Robotermädchen) auf einem Berg aus Steinen?! Mitten in einem Wald?! Alleine?! Nun, genau dies werden wir in der Geschichte erfahren. Unsere Protagonistin, das Robotermädchen Roz, landet unter widrigen Umständen auf einer einsamen Insel. Sie weiß weder wie sie dort hingekommen ist, noch warum – und Roz hat so gar keine Ahnung vom Leben auf einer Insel, umgeben von Gefahren und unbekannten Dingen sowie Tieren, die sie für ein Monster halten! Doch Roz ist ein starkes Mädchen. Nach einigen Rückschlägen lernt sie, sich anzupassen, die Sprache der Tiere zu lernen, wird Mama eines hilflosen Gänsekükens, baut mithilfe der Biber ein Haus und, und, und. Die Tiere der Insel erkennen, das Roz kein Ungeheuer ist und fassen langsam Vertrauen. Doch dann braucht Roz selbst Hilfe…

„Das Wunder der wilden Insel“ ist eine warmherzige Geschichte über Freundschaft, Liebe, Vertrauen und das „Anderssein“, die nicht nur für Kinder geeignet, aber doch kindgerecht ist. Ich hatte jede Menge Freude an Roz und den vielen, recht eigensinnigen, aber liebenswürdigen Tieren der Insel, die alle ganz wunderbar gezeichnet sind – und das im doppelten Wortsinn! Peter Browns Illustrationen gehen mitten ins Herz, sie sind so liebevoll, detailreich, dabei aber nicht zu ausgeschmückt, dass man stundenlang durch das Buch blättern möchte. Seine Zeichnungen sind relativ minimalistisch gehalten, was mir besonders gut gefällt, so wirkt die Geschichte nicht zu überladen. Ebenso der Inhalt, welcher in 80 kurze Kapitel unterteilt perfekt zum Vorlesen und Wegträumen geeignet ist! Die Sprache ist dabei relativ einfach und verständlich gehalten, aber keineswegs stumpf und gibt immer wieder Denkanstöße. Was ich ebenfalls gerne noch hervorheben möchte ist der Kontrast von Natur und Technik, der in unserer schnelllebigen, von technischen Geräten (und Robotern!) durchdrungenen Welt umso aktueller ist. Peter Brown zeigt hier Schwierigkeiten und Lösungen auf, die zwar – klar – nicht ganz so ernst zu nehmen sind, aber doch das gewisse Etwas haben.

Roz und die ganze wundersame Welt der wilden Insel sind mir schrecklich (im positiven Sinne) ans Herz gewachsen und ich freue mich schon sehr darauf, diese Geschichte bald mit jüngeren Leser|innen teilen zu dürfen!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Uwe-Michael Gutzschhahn | cbt Verlag | 288 Seiten mit s/w Illustrationen | ISBN: 978-3-570-16483-9

[Rezension] „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ | Madeleine Thien

Madeleine Thiens neuester Roman „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ (Originaltitel: ‚Do Not Say We Have Nothing‘) wurde nicht nur mit zahlreichen, renommierten Literaturpreisen Kanadas ausgezeichnet, sondern stand auch auf der Shortlist des Man Booker Prizes 2016. Ja, ich bin mir dessen bewusst, dass man eigentlich nicht unbedingt ausschließlich danach gehen sollte, welche|r Autor|in für welches Buch welchen Preis gewonnen hat, aber aus persönlicher Erfahrung heraus weiß ich, dass Bücher, die für den Man Booker Prize nominiert gewesen sind (oder gar den Preis erhalten haben), genau meins sind. So. Damit wäre fast schon geklärt, warum ich „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ unbedingt lesen wollte. Fast. Inhaltlich trifft der Roman nämlich auch ein Thema, das mich sehr interessiert, wenn ich auch – zugegeben – nicht allzu viel darüber weiß.

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Der Roman umfasst die Geschichte zweier (Musiker)Familien im China der 1940er Jahre bis heute. Es geht um ihr Schicksal und ihre Liebe zur Musik, die durch politische Willkür, Gewalt und Unterdrückung bedroht sind. Nicht nur das Leben und das Freiheitsgefühl der Familien sind in Gefahr, sondern vielmehr auch ihr persönlicher Ausdruck, ihre Kreativität und freie Form der Entfaltung, denn, wie soll ein Mensch sich selbst treu bleiben können, wenn er sich in permanenter Angst vor Verrat und Verhaftung entweder verstecken oder vor anderen verstellen muss?

Wir als Leser|innen begleiten Marie, die Hauptfigur in Thiens Roman, durch mehrere Zeiten und Ebenen hinweg an einen Ort, der gleichwohl fremd und vertraut ist, denn obwohl Marie nicht in China aufgewachsen ist, hat sie doch dort ihre Wurzeln. Marie ist ein junges Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen in Kanada lebt. Ihr Vater ist zuerst zurück nach China gegangen, um anschließend dort Selbstmord zu begehen – für Marie bricht eine Welt zusammen, denn sie kann das Wieso und Weshalb nicht nachvollziehen. Was soll es für einen Sinn machen, in ein Land zurückzukehren, das so viel Leid über ihre Familie gebracht hat, um dann noch mehr Leid zu verursachen? Es fühlt sich an wie Verrat. Als Marie 10 Jahre alt ist (in 1990) kommt Ai-Ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking hat fliehen müssen, zu ihnen nach Kanada. Ai-Ming ist anders als Marie, in ihrem Verhalten, in ihrer Art und Weise, in ihrem Denken, denn sie hat viel erlebt – darunter jede Menge Schlechtes – und doch ahnt Marie, dass die beiden etwas verbindet. Etwas, das in ihrer gemeinsamen Vergangenheit liegt. Etwas, das es gilt herauszufinden. Und so beginnt Ai-Ming Marie die Geschichte ihrer beider Familien zu erzählen. Die Geschichte ihrer Väter und Familien, die schon so lange miteinander verbunden sind.

In einer weichen und fließenden Sprache schildert Madeleine Thien einen wunderbaren, aber auch schmerzhaften Generationenroman, der sich mit einem ganz besonderen Thema befasst. Für mich war es zu Beginn ein wenig schwierig, die vielen unterschiedlichen Personen auseinanderzuhalten (die oft zusätzlich auch noch Spitznamen tragen) und so konnte ich dem roten Faden zunächst nicht ganz folgen. Etwas erschwerend kommt hinzu, dass ich von der Geschichte Chinas leider nicht allzu viel weiß – eigentlich ein Grund mehr, das Buch zu lesen, aber so fehlte mir hier etwas Hintergrundwissen, was für den Fortgang des Romans von Nutzen gewesen wäre. So dauert es seine Zeit, bis man im Buch angekommen ist, mitunter bleibt aber doch immer ein ganz klein wenig Distanz erhalten. Was mir dafür neben der außerordentlichen Erzählkraft der Autorin sehr zugesagt hat, ist die Art und Weise, wie sie hier zwei Sprachen, zwei Staaten, zwei Leben und Lebensansichten miteinander verbindet. Thien baut immer wieder die Bedeutung einzelner chinesischer Schriftzeichen in den Text mit ein, erklärt, welch unterschiedliche Bedeutung ein einzelner Wortlaut haben kann und schafft mit Ai-Ming und Marie zwei solch unterschiedliche und doch ähnliche Charaktere, dass man hier sofort einen Zugang zu diesen Personen und somit zur Geschichte selbst findet. Beide wirken einerseits zart und zerbrechlich, aber doch so stark – wie der Roman selbst.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Anette Grube | Luchterhand Literaturverlag | 656 S. | ISBN: 978-3-630-87520-0

[Rezension] „Saint Mazie“ | Jami Attenberg

„Saint Mazie“ ist nach „Die Middlesteins“ Jami Attenbergs zweiter ins Deutsche übersetzter Roman mit einer außergewöhnlichen und eindringlichen Erzählkraft.

Es sind die 1920er Jahre in New York. Mazie Phillips könnte man als ein typisches Flapper Girl bezeichnen, das selbstbestimmt tagsüber ihrer Arbeit nachgeht und abends lebenslustig um die Häuser zieht. Könnte man. Wäre da nicht ihr immens großes Herz, das sie zwischen ihrer Tätigkeit im Kassenhäuschen des Lichtspieltheaters (in ihrer „Zelle“) und ihrer liebevoll ruppigen Fürsorge für die Familie nun auch während der Weltwirtschaftskrise denjenigen zukommen lässt, die nichts bis weniger als nichts haben. Solchen, die auf der Straße leben, kein Geld für Seife oder gar etwas zu essen übrighaben, oft dem Alkohol und anderen Substanzen verfallen. Mazie würde ihr letztes Hemd für diese Menschen geben, die sie meistens nicht mal kennt, dabei hat auch sie nicht gerade wenige Probleme. In der eigenen Familie, in der Liebe, mit sich selbst.

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Mazie Phillips ist sowas wie eine New Yorker Legende, eine Art Heilige, die tatsächlich gelebt hat. Jami Attenberg nimmt sich ihrer an und schreibt um die Fakten und Mythen der Saint Mazie herum eine Mischung aus fiktiven Tagebucheinträgen und Zeitzeugenberichten. Das klingt erst einmal kurios. Kann das wirklich funktionieren? Ja, definitiv! Für mich war es zunächst ein wenig verwirrend, all die Personen auseinanderzuhalten, wer spricht wann und worum geht es gerade, aber nach wenigen Seiten ist man drin, in dem Mythos der Saint Mazie – und man muss sie einfach lieben! Besonders gelungen finde ich die übergreifenden Anspielungen, die Attenberg immer wieder einbringt. Personen, die neben Mazies Tagebucheinträgen das Geschehen wiedergeben, greifen oft Themen oder Dinge auf, von denen Mazie spricht und erläutern diese oder geben ihre eigene Meinung darüber ab. Sie erzählen die Geschichte aus der Außenperspektive. So erfährt man nach und nach immer mehr Details fernab der Inneneinsichten durch die Tagebücher Mazies. Auch Attenbergs ganz eigener Schreibstil und Humor sind grandios! Dass hier keine direkte wörtliche Rede mit den entsprechenden Satzzeichen benutzt wird, fällt kaum auf und lässt das Geschehen noch unmittelbarer wirken als so schon. Dadurch entsteht das Gefühl, man würde etwas wirklich „Echtes“ lesen, was theoretisch auch so ist, eben nur durch die Elemente der Fiktion. Mazie wirkt zu Beginn des Romans noch etwas flach und schwer greifbar, dies relativiert sich jedoch mit dem Voranschreiten des Erzählten recht schnell (zumindest für mich).

Die Geschichte erstreckt sich von Mazies erstem Tagebucheintrag in 1907 (da war sie zehn Jahre alt) bis hin zu ihrem letzten Eintrag sowie darüber hinaus bis zu ihrem Tod in 1964 und gibt so ein beinahe komplettes Leben wieder. Sie erzählt davon, wie Mazie zuerst selbst aus ihrer eigenen Vergangenheit gerettet werden musste, um dann selbst zur Retterin zu werden. Davon, dass Mazie nach Liebe sucht, sie findet, aber nicht halten kann. Davon, dass es immer Hoffnung gibt, selbst wenn alles verloren scheint.

Ich muss ehrlich zugeben, dass mich das Buch überrascht hat. So viele verschiedene Personen zu Wort kommen zu lassen (auch wenn es fiktiv ist), kann leicht nach hinten losgehen. Das tut es in diesem Fall aber ganz und gar nicht. Mazie als Hauptfigur sowie viele der Nebenfiguren sind mir durch diese Erzählweise sehr ans Herz gewachsen und auch die Stadt New York sowie die Zeit, vor allem die 20er, werden hier so plastisch – nicht immer unbedingt wohlwollend, dafür aber authentisch – dargestellt, dass es einfach Spaß macht, diesen Roman zu lesen. „Saint Mazie“ unterhält auf kluge, eingängige und humorvolle Weise und trifft mit dem Thema genau das, was ich gerne lese. Von mir gibt es daher eine klare Leseempfehlung!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Barbara Christ | Schöffling & Co. | 384 S. | ISBN: 978-89561-203-9