„Herkunft“ | Saša Stanišić

Ich habe mehrere Freundinnen, die finden Saša Stanišić ganz großartig. Auch in meiner Instagram-Blog-Buchbubble gibt es viele Fans. Und eine ehemalige Kollegin aus meiner Zeit in einer Buchhandlung drückte mir schon damals eines seiner Bücher in die Hand und ans Herz. Ach was soll ich sagen, ich war eine lange Weile sehr resistent. Nicht schon wieder ein Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann, der für Buchpreise nominiert ist, hab ich gedacht. Zum Glück hab ich dann irgendwann nachgegeben und umgedacht. Saša Stanišić ist nämlich wirklich witzig. Und klug. Und talentiert. Seine Worten machen glücklich, nachdenklich und irgendwas in einem drin wieder ganz. Aber zurück auf Anfang. 

HERKUNFT von Saa Stanii

„Herkunft“ ist nach „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“ Stanišić’s dritter Roman. Eine Autobiografie, die vielmehr als das ist: Abenteuerroman, Hommage an die eigene Familie, die Herkunft, das, was Heimat ist und ein Stück von Stanišić selbst. Nicht chronologisch und ein bisschen durcheinandergewürfelt wie das Leben eben so ist, erzählt der Autor von sich und dem Land, in das er hineingeboren wurde und das es so nicht mehr gibt. Von seiner Familie, der ersten großen Liebe (auch der zur Sprache), von den Lebenden und den Toten. Dieser Roman ist Ankommen und Abschied. Stanišić erinnert sich dabei vor allem auch an seine demente Großmutter, die ihre Erinnerungen verliert, während der Autor sie sammelt und auf Papier zu seiner Geschichte, seiner Herkunftsgeschichte zusammensetzt. Denn Herkunft mag ein Zufall sein, nicht mehr und nicht weniger als das, aber doch so mächtig und formend. 

Saša Stanišić macht in „Herkunft“ etwas, was nicht viele können: er schreibt klug und witzig (ja, das hatten wir schon, aber ich wiederhole mich gerne), selbstreflektierend und erfrischend ironisch in einzelnen Anekdoten, Erzählungen, Erinnerungen und manchmal auch Fantasiegebilden wie es sich anfühlt, in Jugoslawien geboren, mit 14 nach Deutschland gekommen zu sein und das Herz immer da zu haben, wo die eigenen Worte sind. Zu Beginn muss man sich ein wenig hereinfinden, in diesen Melting Pot an eigensinniger Sprache. Der Schreibstil wirkt zunächst etwas abgehackt, beinahe gehetzt als dürfe keine Zeit mehr vergehen, bevor sich die Erinnerungen in Luft auflösen. Man muss lernen, sich darin zurechtzufinden, wo sind wir jetzt: in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Das ist es auch, was es mir etwas schwer gemacht hat, dieses Buch in einem Rutsch durchzulesen. Ich habe es – und ich will nicht lügen – dreimal angefangen, jedes einzelne Mal wie Balsam auf der Seele empfunden und trotzdem wieder beiseite gelegt. Verstörenderweise (und das ist mir jetzt fast ein bisschen peinlich) beinahe ein halbes Jahr lang. Der Kopf war zu schwer, ich habe das nicht aufnehmen können, was Stanišić auf Papier gedruckt in meine eigenen Gedanken schicken wollte, damit daraus wieder etwas Neues entstehen kann. Denn das ist es doch, was wir uns von Literatur wünschen, dass die was mit uns macht. Und dann, endlich, ist der Knoten geplatzt. Ich habe wieder lesen können, richtig lesen können, so mit Haut und Haar und Leib und Seele, egal, wie blöd das jetzt klingt. Und vielleicht hat auch der Stanišić dazu beigetragen, ganz bestimmt sogar. Ich habe nämlich unfassbar viel markiert und mir gedacht: this! Und ich habe mich gefreut, über das „Choose your own adventure“-Kapitel, weil ich das früher immer so geliebt habe und über die schönen Worte und darüber, dass ich zwischendurch einfach mal laut lachen musste und dann wieder weinen wollte, weil Schönes auch Trauriges mit sich bringt und umgekehrt. 

Zu guter Letzt muss ich zugeben, dass ich ganz schön viel „ich“ geschrieben habe, aber möglicherweise gar nicht so viel über den Roman selbst. Doch was man aus „Herkunft“ lernen und mitnehmen darf, was dieses Buch mit einem machen wird, das ist etwas, das man nur selbst herausfinden kann. Choose your own adventure! Und: zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, jawohl! 

Nachtrag: Diesen Text schrieb ich, als ich noch nicht wusste, dass „Herkunft“ tatsächlich den Buchpreis gewinnen würde. Juchu, juchu, juchu. Natürlich weil es so sehr verdient ist, aber auch weil ich jetzt endlich einmal das Buchpreisbuch schon vor der Verleihung gelesen habe (und bin trotzdem zu spät dran mit meiner Besprechung – äääh… im nächsten Jahr dann). 

„Flammenwand“ | Marlene Streeruwitz

Das erste Mal begegnete mir Marlene Streeruwitz in einer Folge von „Gottschalk liest?“, bei der Frau Streeruwitz konsequent bestimmend und eloquent konternd auf Herrn Gottschalks … nunja, wie formuliere ich das höflich … unangenehme, teils unpassende Fragen reagiert hat. Da dachte ich mir schon: Ok, die kann was. Selbstverständlich ist das keine qualitativ hochwertige Meinungsäußerung und noch dazu saß ich bloß gemütlich vorm Fernseher, also was weiß ich schon. Aber dennoch, der Eindruck blieb und meine Neugierde war geweckt. Dass ich nun also „Flammenwand“, den neuesten Roman von Marlene Streeruwitz, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, im Rahmen des #buchpreisbloggen’s lesen durfte, hat mich unerwartet gefreut, aber auch vor eine Herausforderung gestellt. 

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Adele, eine selbstbewusste und finanziell unabhängige Frau in den 50ern liebt Gustav. Gustav liebt Adele auch, sagt er. Er sagt aber ebenfalls, er sei impotent und das ist, wie sich bald herausstellen wird, eine Lüge. Es wird vielleicht nicht die letzte Lüge sein, die Gustav Adele auftischt und die wir zusammen mit ihr in einem Stream of consciousness erfahren, mitfühlen, mittragen. In kurzen Sätzen, die oft nur aus einzelnen Wörtern bestehen, führt uns Marlene Streeruwitz mitten hinein in eine Art moderne Flammenwand. Den Ort (wenn man ihn denn so nennen kann), den Dante in der Göttlichen Komödie durchqueren muss, um ins Paradies zu gelangen. Die Flammenwand also, die für jeden unterschiedlich ist, aber im Einzelnen wohl sowas wie die Grausamkeit des Lebens darstellt. Ein Belogen, Betrogen und Hintergangen werden, von anderen und sich selbst. Das macht auch die „Flammenwand“, den Roman von Marlene Streeruwitz aus. Adele muss sich durchkämpfen, durchquälen, stark und mutig sein, Emotionen aushalten, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade ihr eigenes Sein verteidigen. Vor allem auch ihr eigenes Sein als Frau. Dabei ist sie selbst nicht immer die sympathischste aller Figuren. Wir als Leser*innen irren gemeinsam mit der Erzählerin mehrere Stunden durch die Flammenwand und geraten mittels des Schreibstils, der vollständig auf Frage- und Ausrufezeichen verzichtet, aber mithilfe des Stakkatos der Sätze ordentlich Tempo vorgibt, in eine Art Rausch. Was hier passiert ist das Einswerden mit den Gedanken der Hauptfigur, mit der Geschichte, mit der Wirklichkeit. Immer wieder schafft es Streeruwitz mit nur einem kleinen Satz, die Begebenheiten in Adeles Kopf in die Vergangenheit zu rücken. Dann ist sie bei ihren Eltern, ihrem Bruder und das Puzzle ihres Lebens wird langsam zusammengesetzt. Auch für uns: ein Verständnis setzt ein, warum Adele so und nicht anders fühlt, denkt, handelt. Und beinahe nebenbei thematisiert Streeruwitz zusätzlich die Rolle der Frau und die aktuellen politischen Entwicklungen.

Dieser Roman macht also eine ganze Menge auf kleinem Raum. Er erzählt im Kern eine Liebesgeschichte, weil alle Geschichten irgendwie Liebesgeschichten sind (das ist das Leben), ist aber auch ein Gesellschaftsroman (auch das ist das Leben), ein bisschen ein Politthriller (dito) und ganz allgemein schreibt er die Absurdität der Gegenwart aufs Papier und in unsere Körper. Streeruwitz verknüpft Fiktion mit realen Geschehnissen, durchbricht immer wieder die erzählte Geschichte mit tatsächlichen Fakten. So schreibt sie die Gegenwart in unsere Köpfe, macht das Private unabdingbar und deutlich politisch. Diese Gegenwart findet sich als Datum eingefügt zwischen jedem Abschnitt im Roman als Anmerkung im hinteren Teil des Buchs. Eine Chronik der politischen Ereignisse in Österreich vom 19. März 2018 bis zum 9. Oktober 2018. Alleine das Umblättern führt also dazu, dass man als Leser*in immer wieder aus dem fiktiven Geschehen herausgerissen wird, umdenken muss, Verknüpfungen erstellen muss – oder auch nicht. Je nachdem. Aber auf jeden Fall in die Jetztzeit hineinrutscht. 

Es ist – und das muss ich wirklich zugeben – kein leichtes Unterfangen, diesen Roman zu lesen. Er ist anstrengend, verdammt anstrengend. „Flammenwand“ ist ein Buch, das viel fordert und am Ende wenig versöhnlich ist. Aber das ist es, was Literatur ausmacht. Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, denn Literatur ist unbequem, sie zwickt, sie darf und will alles – und das kann sie auch.

#LebenSchreibenAtmen von Doris Dörrie – Wir laden euch zum Schreiben ein

unbezahlte Kooperation

Es war in der Grundschule, zur Zeit der Poesiealben und Freundschaftsbücher, wo man unter Lieblingsbands „The Kelly Family“ (meine Freund*innen) oder „Caught in the Act“ (ich) eintrug und bei Berufswunsch „Kindergärtnerin“, „Tierärztin“ oder auch „Fußballstar“ und „Müllmann“. (Vom Gendern und aufbrechenden Rollenklischees hatten wir ja noch keine Ahnung.) Ich aber schrieb selbstbewusst – was mir wiederum überhaupt nicht bewusst war -, „Schriftstellerin“ an die Stelle meines Traumberufs und an diesem Wunsch hat sich bis heute nichts geändert. 

Schreiben ist sehr viel mehr als bloß Buchstaben, Worte und Sätze aneinanderzureihen, das habe ich früh verstanden, obwohl ich nie so genau erklären konnte, was denn nun das Schreiben ausmacht und was mich daran so fasziniert. Sind doch eigentlich nur Zeichen auf Papier: schwarz auf weiß. Aber ja, genau das ist es! Heute habe ich verstanden, dass es die Geschichten sind, die wir alle in uns tragen. In unseren Köpfen, Herzen, Erinnerungen, Beziehungen, Familien, Freundschaften usw. Die Liste ist endlos. Hauptsächlich besteht das Schreiben nämlich tatsächlich aus fühlen, tasten und schmecken. Alle Sinne konzentrieren sich auf eins: auf das, was erzählt werden will – und das funktioniert nur, wenn man die Worte, die Geschichte spürt.

Das ist es auch, was Doris Dörrie in „Leben, Schreiben, Atmen“ vermittelt. Es ist erst einmal völlig egal, wie und was man schreibt, aber man soll es bloß bitte unbedingt tun. (Ja!) 10 Seiten am Stück, am besten morgens, bevor der Alltag mit Ablenkung winkt. (Da ich eine Nachteule bin, bevorzuge ich es nachts zu schreiben – für mich funktioniert das super.) Sie gibt wertvolle Tipps und Anregungen zum Schreiben und erklärt, dass alles, was sich in greifbarer Nähe befindet – oder vielleicht auch erst einmal nur als Gedankenfetzen im eigenen Kopf -, eine mögliche Geschichte beinhaltet. Und das ist so schön, weil es wahr ist. Die Tasse, die im Regal steht, wann und wo habe ich die gekauft? Wann habe ich zuletzt daraus getrunken? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Was ist an dem Tag passiert? Eine Assoziationskette, die zack! eine Geschichte ergeben könnte. 

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Dörrie verknüpft ihre Schreibtipps dabei mit autobiographischen Erzählungen, die von der Kindheit bis ins Heute reichen und gibt teilweise sehr persönliche Einblicke in ihr Leben. Gerade die Mischung aus autobiographischem Erzählen und Leser*innen zugewandten Schreibtipps hebt sich von – naja, ich nenne es mal „herkömmlichen“ Schreibratgebern, die ich (sorry, sorry) leider meistens ziemlich furchtbar finde – ab. Und! Das! Ist! Gut! Manchmal braucht es nämlich etwas Motivation von außen, um etwas zu tun, was man schon lange tun möchte. Gerade beim Schreiben ist das so, weil es eine mühselige Tätigkeit ist, die viel Freude bereiten, aber auch mega frustrieren kann, wenn die Sätze irgendwie klemmen, man sich fragt: will das überhaupt jemand lesen? oder einem plötzlich jeglicher Mut abhanden gekommen ist. Denn, wenn man eins zum (publizierten) Schreiben wirklich braucht, dann ist das Mut. Aber: es lohnt sich. Immer!

So – und jetzt seid ihr dran! In Kooperation mit dem Diogenes Verlag berichten Sarah von Pinkfisch.net (der Schirmherrin dieses tollen Projekts), sechs weitere Bloggerinnen: Anabelle von Stehlblueten, Alex von Readpackblog, Anne von fuxbooks, Bettina von Bleisatz, Steffi von lesenlebenlachen, Wibke von sinnundverstand und ich von unseren Schreiberfahrungen, wie wir die Schreibanregungen Dörries umgesetzt haben, was wir mitgenommen haben, was uns bewegt hat und/oder ob wir dem Schreiben ein Stückchen näher gekommen sind. Das könnt, dürft und sollt ihr auch und dabei gibt es sogar etwas zu gewinnen! 

Wenn ihr bis zum 22. September einen Beitrag unter dem Hashtag #LebenSchreibenAtmen auf Facebook, eurem Blog oder euren sozialen Kanälen mit eurem durch die Schreibanregungen entstandenen Text teilt und diesen Link anschließend per Mail mit dem Betreff #LebenSchreibenAtmen und eurer Postadresse an gewinnspiel@diogenes.ch (Teilnahmebedingungen) sendet, könnt ihr eins von zehn Exemplaren des Buches gewinnen oder eine von drei Karten + Buch für die Live-Schreibwerkstatt (Link) am Buchmessemittwoch, den 16.10.2019 im Frankfurter Literaturhaus gewinnen. 

Ihr wollt sofort loslegen, ja? Hier ist die erste Schreibanregung für euch:

„Erinnere dich an ein Kinderbuch. An die Bilder und daran, was sie ausgelöst haben. (…)“ 

So oder so ähnlich:

Meine ersten Geschichten schrieb ich, da war ich 8 oder 9 Jahre alt. So ganz genau weiß ich das nicht mehr, aber dafür kann ich mich noch sehr gut an den Titel erinnern „Mia, Pia und Jessy“. Kreativ wie sonst nix. Ich schrieb diese Geschichten auf weißes Kopierpapier, herrlich schief und voller Rechtschreibfehler und sie wurden meine ersten Fanfictions, ohne dass ich gewusst hätte, was das überhaupt ist. Eigentlich wollte ich doch einfach nur so sein wie „Tina und Tini“, meine Vorbilder, die in immer wieder neuen rätselhaften Fällen für Aufklärung sorgen, Bösewichte schnappen und überhaupt, die Guten sind. 

Ich wollte nicht nur immer wie Tini sein, bebrillt (das stimmte schon mal), lange Haare (auch das hatten wir gemeinsam), klug und gewitzt (Eigenschaften, die ich mir sehr wünschte), sondern auch so schreiben können wie Enid Blyton. (Hihi)

Auch wenn ich heute andere literarische Vorbilder habe und darüber sehr froh bin, hat mich diese Tina und Tini Phase unfassbar geprägt. Besonders Tini hat mir eine starke Frauen- bzw. Mädchenfigur vorgelebt. Ich kann nicht mal sagen, ob das wirklich stimmt, weil Enid Blyton nicht unbedingt als feministische Autorin zu lesen ist – eher das Gegenteil – oder ob ich das einfach für mich so herausgelesen habe, dass Tini eine toughe Person ist, aber ich hab das so in meinem Kopf abgespeichert und nie daran gezweifelt. Für mich war klar: ich werde eine Tini. Intelligent, wortgewandt, ruhig, überlegt, belesen, sensibel, mitfühlend und naja… halt eine clevere Detektivin! Hat jetzt nicht unbedingt alles so geklappt, besonders diese Detektivsache, aber meine Geschichten, die waren schon wirklich großartig und ganz besonders vielfältig. (Obacht: Ironie!) Meine eigene „Reihe“, wenn man sie denn überhaupt als eine solche bezeichnen kann, aber eigentlich nicht darf, die „Mia, Pia und Jessy“-Reihe, die aus einseitigen Kopierpapier-Geschichten bestehende Reihe erzählt von drei Mädchen, die mysteriösen Geheimnissen im Krankenhaus auf den Grund gehen und leider nie lösen werden, weil meine Geschichten kein Ende haben. Das Krankenhaus, von dem ich mich weglesen und wegschreiben wollte, war mein persönliches Pendant zum „Tina und Tini“ Internat. Noch ein Grund, warum ich „Tina und Tini“ so geliebt habe, weil ich mich auf eine irgendwie abstrakte Weise mit ihnen identifizieren konnte. Ich hatte immer das Gefühl, wir hätten etwas gemeinsam; sie würden mich verstehen; ich fühlte mich von ihnen abgeholt und umarmt.

Manche Bücher und Geschichten schaffen das auch heute noch und genau das ist es, was ich will, wenn ich schreibe: mit Worten anderen das Gefühl geben, nicht allein zu sein; für einen Moment ankommen zu dürfen in einer Welt, die keinen festen Anker mehr zulässt. Tina und Tini waren mein Anker, mein Halt und für eine Weile meine besten Freundinnen. 

 

(Und außerdem war ich in Toby verliebt. Aber das ist echt eine ganz andere Geschichte.)

Und für alle, die gerne gemeinsam schreiben möchten, gibt es am Samstag, den 31. August ab 20 Uhr eine Schreibnacht auf Facebook und Twitter! (Zur Facebook-Veranstaltung)

Wir wünschen euch viel Spaß beim Schreiben, Herumexperimentieren und Ausprobieren und natürlich viel Glück beim Gewinnspiel!

„Freiraum“ |Svenja Gräfen

Svenja Gräfen ist so ein bisschen das Spirit Animal der modernen, starken, mutigen und selbstbestimmten jungen Frau – in cool und intelligent. Mit ihrem Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ hat sie sich bereits ziemlich doll und ziemlich tief in die Falten meiner Haut geschrieben und wer Svenja Gräfen auf ihren sozialen Kanälen unter @gehraven folgt, weiß, dass sie u.a. auch dort zu wichtigen gesellschaftlichen wie politischen Themen etwas beizusteuern hat, dabei bewundernswerterweise kein Blatt vor den Mund nimmt und so zum Überdenken eingefahrener Strukturen anregt. Es ist demnach nicht unbedingt überraschend, dass auch ihr neuer Roman „Freiraum“ mit Sachverhalten jongliert, die derzeit aktuell sind und eine Menge Diskussionsbedarf bereithalten. 

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Vela und Maren leben in der Großstadt, wo bezahlbarer Wohnraum rar ist und man auf der Suche nach der perfekten Wohnung schon so viele Abstriche machen muss, bis da am Ende nur noch irgendeine Wohnung, aber Hauptsache eine Wohnung bei herauskommt. Als sich für Vela und Maren, die mittlerweile einen gemeinsamen Kinderwunsch hegen, die Gelegenheit bietet, an den Stadtrand in eine Art Gemeinschaftshaus ohne Mietanpassungen und überraschende Mieterhöhungen zu ziehen, scheint einer ideal geformten gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Weg zu stehen. Doch sind Vela und Marens jeweilige Vorstellungen von dieser wirklich kompatibel? Und was ist mit Theo, ihrem Mitbewohner, der das Zentrum der Gemeinschaft darstellt und wie ein dunkler Schatten in sämtlichen Winkeln des Hauses lauert, um das Gleichgewicht zu stören? Vielleicht sind Freiräume, so individuell sie sind, doch nicht so leicht zu fassen..

Gräfens Sprache ist kunstvoll zart und gleichzeitig bestimmend rau. Sie hat etwas zu sagen, das schwingt in jeder Zeile mit. Dialoge werden ohne Satzzeichen in den Fließtext integriert, Bewegungen und Handlungen der Figuren in Halbsätzen aneinandergereiht, Beschreibungen konzentriert auf wenige Adjektive gehalten. Das betont die Klarheit und Schönheit der einzelnen Sätze umso mehr, es gibt keinen Schnickschnack, nichts, was ablenken könnte. In dieser reduzierten Sprache liegt die Stärke, aber auch die „Schwäche“ des Romans, weil man sich als Leser*in voll und ganz auf dieses Projekt, auf diese ebenso filigranen wie robusten Worte einlassen muss – und das ist so eine Sache, die einem dann entweder richtig gut gefällt oder nicht, eben total subjektiv. 

Was mich immer wieder erstaunt und ganz tief drinnen kriegt, ist die Art, wie die Autorin es schafft, Beziehungen, individuelle Ängste, ungleiche Vorstellungen von Zukunft und Themen, die so aktuell wie wichtig sind, dass sie uns alle irgendwie irgendwo irgendwann mindestens einmal begegnet sind, sichtbar zu machen. Im Fall von Vela und Maren sind das vor allem der gemeinsame Kinderwunsch, die prekäre Arbeits- und schwierige Wohnsituation und die Gefahr sich auseinanderzuleben, wenn einzelne Wünsche womöglich nicht gemeinsam vereinbar sind – aus welchen Gründen auch immer. Das liest sich gleichzeitig bekannt wie fremd, schön wie traurig. 

„Freiraum“ vereint scheinbar leichtfüßig unterschiedliche Lebens- und Beziehungsentwürfe und macht auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam, ohne anzuklagen. Auch wenn im Roman nicht alle angerissenen Themen ausdiskutiert werden können und mir dadurch zu viele Fragen offen bleiben, gehört dieses Buch zu denen, die einen Mehrwert haben. Es ist keines dieser Bücher, das man liest, um nach zwei Wochen schon wieder vergessen zu haben, worum es geht oder was es mit einem gemacht hat. Svenja Gräfen enthüllt Schicht für Schicht die Verletzlichkeit von Millenials, ganz zart, leise und unaufdringlich, aber nachdrücklich. 

ullstein fünf | 293 S.

„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ | Katherine Mansfield | Übersetzt von Irma Wehrli

Zugegeben, ich hatte mir von Katherine Mansfield gar nicht sooo viel erwartet, schlichtweg, weil sie für mich ein Name unter vielen war (so traurig das jetzt klingt). Manchmal braucht es einen ordentlichen Schubser in die richtige Richtung und da reicht auch oft ein ansprechender Titel wie „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ aus, um aufmerksam zu werden, wo man sonst bloß vorbeigeschaut hat. 

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„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ lautet nun also der Titel der Neuausgabe von Katherine Mansfields Tagebüchern, deren Eintragungen zwischen 1903 und 1922 entstanden sind. Sie werden auch als „Vignetten eines Frauenlebens“ bezeichnet, da viele Eintragungen quasi an den Rand gekritzelt dazu gehören, die in dieser Ausgabe mittels Fußnoten und einem Personenverzeichnis im Anhang dargestellt werden. 

Mansfield hat ein turbulentes Leben geführt, voll Emotionalität, Stimmungsschwankungen, die zum Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt umfassen, Schicksalsschlägen und einem Liebesleben, das gut und gerne auch ein Roman hätte gewesen sein können. In ihren Tagebüchern wechseln sich diese Gefühle spürbar und lesbar in kurzen Versen, Überlegungen, Gedankengängen, fragmentarischen Kurzgeschichten, Ideen für Romane und Geschichten sowie tatsächlichen Erlebnissen ab. All das geht fließend ineinander über wie geschmolzenes Wachs, das erkaltet wieder ein Ganzes ergibt – und es liest sich so gut (!), was sicher auch an der Neuübersetzung durch Irma Wehrli liegt, die scheinbar leichtfüßig zu Mansfields erweitertem Sprachrohr wird und dann entstehen Sätze wie: „Mein Kopf ist wie ein russischer Roman“ und man selbst ist erfüllt von diesem ganz besonderen, berauschenden Gefühl, das nur entsteht, wenn man Sprache so sehr liebt und Zeilen liest, die einem genau das geben, was man braucht. 

Mansfield schreibt von Begegnungen, vom Lesen und Schreiben, von Affären, kleinen und großen Lieben und der Suche nach dem erfüllenden Leben, dabei ist sie ganz modern in ihren Ansichten, verzehrt sich nicht nach der klassischen Idee einer Familie, dafür aber nach dem Geliebtwerden und dem puren Sein. Viel zu früh wird sie schwer krank und auch diese Erfahrung verarbeitet sie in poetischen Texten und dafür liebe ich sie. Ja, wirklich und ganz egal, wie pathetisch das klingt. Es hat mich sehr bewegt und fast noch mehr gefreut, dass Mansfield so locker, lebendig und einfach ehrlich über ihre Erkrankung schreibt, dass ich mich ihr durch Zeit und Raum hindurch fast schon nahe gefühlt habe. Das, was sie berichtet, das sich verzehren nach der Außenwelt, aber zu krank dafür sein, die kleinen Momente des Glücks, die sich mit Rückschlägen abwechseln, das zu müde und schwach sein, um alles leisten zu können, was man sich vorgenommen hat und die Tage, an denen es ganz gut geht lieber für sich selbst zu verwenden, als pur leistungsfähig zu sein. Das und noch viel mehr kann ich so gut nachvollziehen. In ihren Worten schwingt weder die Suche nach Mitleid noch nach Aufmerksamkeit im negativen Sinne mit und das kann man nur bewundern. Auch abgesehen von diesem Teil ihres Lebens, liest sich ihre Tagebuchprosa spannend, unterhaltend und lyrisch ansprechend, so dass man sich dieses Büchlein zum immer mal wieder reinschauen bewahren möchte. Sowohl Virginia Woolf als auch Dörte Hansen, die beide sehr passende Zeilen über Katherine Mansfields empathisches Gemüt und zu ihrem erstaunlichen Talent verfasst haben, runden das Werk gelungen ab. 

[Good Night Stories for Rebel Girls] & Boys

Wer erinnert sich noch an die „Good Night Stories For Rebel Girls“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo? Ja? Bei mir liegen sie auch griffbereit zum immer wieder darin Blättern (und, ja, klar, Lesen) in Nachttischnähe. Nun gibt es passend zu den Geschichten von tollen, starken, mutigen und einflussreichen Frauen ein Postkartenset, das noch einmal in Kurzform die individuellen Stärken der jeweiligen Rebel Girls hervorhebt.

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Da ist zum Beispiel Amna Al Haddad, Gewichtheberin der Vereinigten Arabischen Emirate, die Frauen den Weg geebnet und gezeigt hat, dass auch sie die Stärke besitzen, in einer männlich dominierten Sportart wie Gewichtheben erfolgreich zu sein und damit Gold- und Silbermedaillen zu gewinnen. Oder Ada Lovelace, eine englische Mathematikerin, deren Berechnungen als Grundlage für den Bau des ersten Computers gelten. Oder Maya Angelou, eine US-amerikanische Schriftstellerin, die, als sie ein junges Mädchen war, nach brutalen Ereignissen ihre Stimme für mehrere Jahre verlor. Nachdem sie sie wiederfand, war diese umso besonderer und wertvoller und wurde zum Sprachrohr für diejenigen, die ihre Stimme ebenso verloren hatten bzw. haben, denn ihre Worte besitzen noch immer dieselbe Kraft. Oder, oder, oder. Es gibt viel zu entdecken!

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Das Schöne an den Karten sind nicht nur die Illustrationen, die wie im Buch von unterschiedlichen Künstlerinnen auf der ganzen Welt gestaltet worden sind, sondern auch die abgerundete Form, das kraftvolle Papier und ein Zitat des jeweiligen Rebel Girls auf der Rückseite der Postkarten. Zusätzlich sind die Karten aufgeteilt in „Siegerinnen“, „Künstlerinnen“, „Anführerinnen“, „Pionierinnen“ und „Kämpferinnen“ aus vielen Zeiten und Ländern (die Auswahl ist sicher nicht gänzlich perfekt, aber zumindest ist schon einmal ein guter Versuch da, Diversität zu zeigen). Auf jeder Übersichtskarte finden sich die jeweiligen zu der Kategorie gehörenden Rebel Girls, ein Zitat und das Jahr, aus dem dieses stammt. So gelungen ich die Übersicht finde, so schade ist auch die Kategorisierung, weil dadurch impliziert wird, dass eine Künstlerin nicht gleich eine Siegerin oder Kämpferin oder, oder ist. Besser wäre noch einmal zu betonen, dass jede*r alles sein kann!  

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Wer die Karten nun lieber selbst behalten mag – I feel u! -, der*die kann da auch einfach eine Art Kartenspiel draus machen (so in die Richtung Quartett), seine*ihre Wand damit verschönern oder immer wieder die Intelligenz, den Mut, die Kraft und Schönheit dieser außergewöhnlichen Frauen bewundern. Für mehr analoge Nachrichten und zukünftige Rebel Girls & Boys!

„Effingers“ | Gabriele Tergit

Gabriele Tergit, geb. Elise Hirschmann und später Elise Reifenberg, zählte zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands der 1920er Jahre. Vor allem als Gerichtsschreiberin und einzige Frau in einer „Männerdomäne“ wie dem Berliner Kriminalgericht machte sie sich einen Namen, der heute leider weitaus weniger bekannt ist, als er hätte sein sollen. Sie schrieb Reportagen, die die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“ im Fokus behielten und berichtete von Frauenschicksalen, wobei sie stets die Beweggründe der Angeklagten im Blick behielt. Denn nur wer es sich leisten konnte, kam in den Genuss, die „Goldenen Zwanziger“ so zu erleben wie wir uns das heute gerne verklärt vorstellen: rauschartig-pulsierend in Bars, Tanzsälen, Varietés und Lichtspielhäusern. Die meisten mussten wortwörtlich um ihr täglich Brot kämpfen. Dies führte zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Kriminalitätsrate. (Vgl. „Gerichtsreporterin Gabriele Tergit: Die Stenographin des Verbrechens“ von Lydia Leipert)

Tergit bemühte sich, die Situation so authentisch wie möglich zu beleuchten. Mit zunehmenden rechten Tendenzen und letztlich der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten musste Tergit 1933 jedoch ins Exil gehen. Dort schrieb sie über mehrere Jahre hinweg ihren zweiten Roman „Effingers“, der eine jüdische Familie in Deutschland von 1878 bis 1948 begleitet, und dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaum Beachtung geschenkt wurde. Auch Zeitungen interessierten sich nun kaum mehr für Tergit. Im Rahmen der „Berliner Festwochen 1977“ wurde sie jedoch erfreulicherweise wiederentdeckt.

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Heute ist Tergit hauptsächlich für ihre Gerichtsreportagen und ihren ersten Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ bekannt, ihren zweiten Roman kennen die wenigsten. Mit der Neuauflage durch den Schöffling & Co. Verlag wird sich dies hoffentlich ändern, denn „Effingers“ hat den Fallada-Effekt! Es schleicht sich leichtfüßig erst ins Leser*innenherz und dann immer mehr in den Kopf, bis es sich fest in der Seele verankert hat. Gabriele Tergits Figuren in “Effingers” wirken so lebendig, dass man beinahe glaubt, da stünden die eigenen Verwandten vor einem und erzählten ihre Geschichte aus einer Zeit, die geprägt ist von Umbrüchen, von Kriegen, von Misstrauen, Hass und doch so viel Liebe. Dies ist die Familienchronik einer jüdischen Familie – den Buddenbrooks nicht unähnlich -, die als Bankiers und Kunstmäzenen in Berlin leben, die das Auf und Ab einer Gesellschaft miterleben; wie sich die Rolle der Frau ändert, wie der Aufschwung der Technik alles durcheinander wirbelt, wie sich verzweifelt einzelne Familienmitglieder an alten Werten festhalten und andere an den neuen zerbrechen. Dies ist so viel mehr als bloß eine Geschichte von vielen. Tergit erzählt dabei gar nicht pathetisch, aber trotzdem aus tiefster Seele heraus und sehr persönlich in einem Detailreichtum der an Fontane erinnert (nur ohne Staub, mit Verlaub) von dem Untergang einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, in der wir nicht gelebt haben, aber von der wir eine Menge lernen können. Die 900 Seiten lesen sich weder altmodisch noch langweilig, sondern mutig und aufregend. Ganz große Leseempfehlung mit drei und mehr Ausrufezeichen, denn „Effingers“ ist ein so großartiger Roman, der es verdient hat als zeitloser Klassiker immer und immer wieder gelesen zu werden.

Und PS: Nix gegen Fontane, den mag ich nämlich auch.

Schöffling & Co. Verlag | mit einem Nachwort von Nicole Henneberg | 898 S.

„Weißer Tod“ | Robert Galbraith

Wie mittlerweile wahrscheinlich schon fast alle wissen, verbirgt sich hinter dem Pseudonym von Robert Galbraith Joanne K. Rowling, die unter diesem Namen eine ganze Reihe an Krimis verfasst hat. Und das ist sogar wortwörtlich so zu verstehen. „Weißer Tod“ ist der mittlerweile vierte Teil der Reihe um Cormoran Strike, einem Kriegsveteranen, der als privater Ermittler arbeitet, und seiner Assistentin Robin Ellacott. Ein Kennzeichen der Romane ist das very british gehaltene Whodunit, das einen Teil des Plots ausmacht, während der andere Teil der Geschichte vom privaten Geschehen der beiden Protagonisten erzählt. Wer Teil eins bis drei gelesen hat, wird sich sehr deutlich an den Cliffhanger des letzten Bandes „Die Ernte des Bösen“ erinnern, der – Achtung Spoiler! – damit endet, dass Robin vor dem Traualtar steht. Ohne Job, ohne Cormoran Strike, dafür aber mit ihrem mehr als unsympathischen langjährigen Freund und bald Ehemann Matthew Cunliffe. Warum nur?, mag man sich fragen. Aber ja, treue Leser*innen kennen die Antwort: es erzeugt Spannung. Und mit Spannung erwartet habe ich demnach auch den vierten Teil „Weißer Tod“, weil einfach kaum jemand so gut Geschichten erzählen kann wie J.K. Rowling.

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„Weißer Tod“ beginnt da, wo „Die Ernte des Bösen“ aufhört. Robin Ellacott ist jetzt Mrs. Matthew Cunliffe und so richtig nachvollziehen kann man das nicht, aber, hmm, was wäre eine gute Geschichte ohne Antagonisten? Einige Zeit später – Robin ist mittlerweile Strikes Geschäftspartnerin – stürmt Billy in Cormoran Strikes Büro, um ihm von einem Mord zu erzählen, der Jahre zurückliegt, den er aber ganz bestimmt gesehen haben will. Strike weiß zunächst nicht, ob er ihm glauben kann, denn Billy scheint verstört und hat offensichtlich psychische Probleme. Doch trotzdem wirkt das, was er sagt, aufrichtig. Bevor Strike ihn näher befragen kann, ist Billy bereits verschwunden. Strike und Robin nehmen seine Spur auf, die sie durch alle Teile Londons bis hinein ins Parlament und in die Oberschicht Londons führt. Die Geschichte wird immer mysteriöser, als ein weiterer Mord geschieht. Nebenbei ist auch das Privatleben Robins und Strikes ein ständiges Auf und Ab und mindestens ebenso fesselnd wie die Kriminalgeschichte.

Auf knapp 860 Seiten breitet J.K. Rowling alias Robert Galbraith eine gut durchdachte, wohl recherchierte und fesselnde Kriminalgeschichte, die die britische Oberschicht ein wenig aufs Korn nimmt, vor ihren Leser*innen aus, die trotz langer Beschreibungen und teils langsam voranschreitendem Plot kaum Langeweile aufkommen lässt und die vor allem dadurch besticht, dass ihre Charaktere alle so einen gewissen Glanz haben. Sie wirken greifbar, nicht wie aus Pappe, sondern vielmehr zum Anfassen, haben Herz (oder eben keins), ziehen sich an und stoßen sich gegenseitig ab. Der Hauptplot steht im Gegensatz zu den privaten Erlebnissen der Protagonisten fast ein wenig im Hintergrund, was – so vermute ich – gewollt ist. Was mich ein wenig gestört hat, ist der mehr oder weniger misslungene Versuch Rowlings, Robin feministisch wirken zu lassen. Robin ist endlich dabei, sich von den Erwartungen anderer zu befreien und beginnt immer mehr, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist großartig! Gerade, weil Robin die ganze Zeit mit diesem leidigen Matthew zusammen ist, von dem jede*r weiß, dass er kein guter Mensch ist – und erst recht kein guter Partner. Leider werden diese feministischen Aspekte immer wieder von gegenteiligen Geschehnissen unterbrochen, indem z.B. Strike als Beschützer auftritt und häufiger der männliche als der weibliche Blick im Fokus steht. Robin wirkt vor allem dann in Bezug auf Strike hilflos, wenn es um ihre Panikattacken geht, die sie vor allem vor ihm verstecken möchte, obwohl es sicher hilfreicher gewesen wäre, wenn Robin dies nicht getan, sondern von Anfang an einen offeneren Umgang damit gezeigt hätte oder Rowling sie es zumindest hätte versuchen lassen können. (Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass sowas einfach ist – ich hätte es einfach schöner und hilfreicher gefunden, wenn Rowling auf Klischeedenken verzichtet hätte, auch wenn ich es ihr hoch anrechne, dass sie dieses Thema und die damit verbundenen Probleme überhaupt aufgreift.) Es hätte mich sehr gefreut, wenn beide Themen weniger vorsichtig im Sinne von lieber zu wenig als zu viel aufgearbeitet worden wären, aber vielleicht ist das alles zumindest schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich mag das Buch – wie eigentlich die ganze Reihe – trotz meiner Kritikpunkte dennoch unbedingt empfehlen. Gerade an Leser*innen klassischer Krimis, die gerne Bücher lesen, die den Fokus auf das private Geschehen der Ermittler*innen legen, denn es sind die Figuren, die einem die Lesestunden so vergnüglich machen. Ähnlich wie bei Harry Potter lebt die Geschichte zu einem sehr großen Anteil davon. Mich erinnert Cormoran Strike auch immer ein wenig an Hagrid und ich wünschte, Robin hätte noch eine Spur mehr Hermine in sich, dann wäre ich restlos begeistert.

Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz | Blanvalet Verlag

„Gilgi, eine von uns“ | Irmgard Keun ODER warum wir alle mehr Bücher dieser großartigen Frau lesen sollten

Gegenwart und Zukunft sind immer auch ein Stückchen Vergangenheit. Wie Puzzleteile, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Kein Wunder also, dass man sich irgendwie verbunden, manchmal beinahe schon erinnert fühlt als hätte man das selbst erlebt, wenn man heute Texte von gestern liest. Mir geht das ganz besonders so bei Romanen und Geschichten von vor ~ 100 Jahren (100! Meine Güte!), weil sich da wirklich viel ähnelt. Es ist nicht so, dass alles gleich ist – ich möchte jetzt auch gerne laut ausrufen: zum Glück! -, aber manchmal doch erschreckend, wie wenig sich in unserem Denken und Handeln ändert und wie viele Schritte rückwärts wir derzeit gehen. Es ist bekannt, dass es viele Parallelen zu einer früheren Welt gibt (wir Menschen ändern uns nämlich eigentlich nicht wirklich, nur das Drumherum), ganz besonders zur Zeit ab der Industrialisierung und von da an immer stärker werdend. Daher sollte es wohl keine Überraschung sein, dass Irmgard Keuns „Gilgi, eine von uns“ so modern ist, auch wenn der Roman 1931 zum ersten Mal erschienen ist. War es dann aber für mich auf gewisse Weise trotzdem, weil ich nicht mit einer solch aktuellen Thematik gerechnet habe.

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Gilgi, Anfang 20, selbstdiszipliniert, für die 1930er Jahre durchaus sehr emanzipiert und auf jeden Fall zielstrebig, verliebt sich Hals über Kopf in einen 22 Jahre älteren undiszipliniert lebenden „Schriftsteller“. (Ja, die Anführungszeichen sind gerechtfertigt.) Typ Möchtegern-Lebemann, der lieber daheim im Bett bleibt als arbeiten zu gehen und sobald Geld da ist, dieses mit beiden Händen vergnüglich aus dem Fenster wirft. Aufregend ist das, ja, aber nach einer Weile auch anstrengend. Doch so verschieden beide auch sind, so groß ist auch die Liebe und vielleicht sogar noch größer, denn Gilgis Denken verschiebt sich von sich selbst, ihrer eigenen Zukunft und Chancen auf diesen einen Mann, bis sie beinahe nur noch an ihn denken kann. Er wird zum Zentrum ihres Lebens. Gemeinsam stürzen sie gesellschaftlich immer weiter ab, verlieren sich und klammern sich doch aneinander.

Anfangs denkt man noch, ok, das wird jetzt so eine typische junge, starke Frau verliebt sich so sehr, dass sie sich selbst aufgibt Geschichte voll Drama, vielleicht mit Happy End. Ist aber nicht so. Der Roman nimmt immer wieder andere Abzweigungen, thematisiert sozialen Abstieg, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Kapitalismus, die Rolle der Frau und – ganz wichtig – Mütter! Das ist so gut, wichtig und authentisch beschrieben, dass man das heute nicht nur nachvollziehen, sondern fast schon spüren kann. Ein paar Szenen kommen mir aus heutiger Perspektive etwas unglaubwürdig vor, z.B. wenn Gilgi sich dem Arzt lautstark widersetzt (hätte sich das eine Frau in der Form wie beschrieben damals schon getraut, ohne Konsequenzen zu befürchten?), aber dennoch sind es gerade diese Szenen, die so hervorstechen und die mir noch einmal bewiesen haben, dass uns die 1920er und 1930er Jahre erstaunlich nahe sind. Ähnliche Diskussionen führen wir auch heute noch – oder wieder. „Das entzieht sich ja nun doch wohl ein bisschen Ihrer Kenntnis, was da das beste ist, nicht wahr? Und außerdem, das wäre das wenigste. Würde mir absolut nichts ausmachen, fünf gesunde uneheliche Kinder in die Welt zu setzen, wenn ich für sie sorgen könnte. Aber das kann ich nicht. Ich hab´kein Geld, mein Freund hat kein Geld (…)“„Hören Sie, Herr Doktor, es ist doch das Unmoralischste und Unhygienischste und Absurdeste, eine Frau ein Kind kriegen zu lassen, wenn sie es nicht haben will …“ Hinzu kommen Keuns ganz eigene, bildhafte Sprache und Wortkreationen, die da einen Punkt setzen, wo andere gerade erst anfangen zu erzählen. „Alle drei essen Brötchen mit guter Butter. Herr Kron (Karnevalsartikel en gros) ißt als einziger ein Ei. Dieses Ei ist mehr als Nahrung. Es ist Symbol. Eine Konzession an die männliche Überlegenheit. Ein Monarchenattribut, eine Art Reichsapfel.“ Zugegeben, das und den ab und zu aufblitzenden Kölner Dialekt muss man mögen, aber dann findet man immer wieder Sätze, die man ins Gedächtnis schreiben und fest darin einschließen möchte. „Hübsch ist das, so still nebeneinander zu liegen. Man denkt und spricht sich nicht auseinander, man atmet sich zusammen.“ Neben Irmgard Keuns Scharfsinnigkeit, ihrem trockenen Humor und ihrer (unbewusst?) feministischen Ader ist das etwas, was ich sehr an ihr schätze: die in ihren Texten pointierte, etwas überspitzte Realität formschön in Sätzen, Figuren und Geschichten verpackt, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten: „Marie Curie“ | Isabel Thomas & Anke Weckmann, „Anne Frank“ | Isabel Thomas & Paola Escobar

Marie Curie und Anne Frank, die auf den ersten Blick wohl nicht ganz so viel gemeinsam haben, sind sich doch mächtig ähnlich: beides sind wichtige und großartige Mädchen bzw. Frauen, mit eigensinnigen Persönlichkeiten und willensstarken Charakteren, die auf ihre je eigene Weise einen enormen Beitrag für diese Welt geleistet haben und es auch weiterhin tun werden, weil sie in ihren Taten und Worten fortleben. Sie dürfen nie vergessen werden.

Was Marie Curie und Anne Frank so besonders macht, davon erzählen die beiden Ausgaben „Marie Curie“ und „Anne Frank“ aus der Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“.

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Isabel Thomas beschreibt Marie Curies und Anne Franks Leben in einfachen, kindgerecht verständlichen Worten, die in je kurzen Absätzen eine Menge Wissen bereithalten. Unterstrichene Worte können im hinteren Teil der Bücher, im Glossar, nachgeschlagen werden. Dort finden sich auch ein Register und eine Zeitleiste sowie (bei „Anne Frank“) Buchtipps zum Weiterlesen. Während das Buch über Anne Frank im Mittelteil teilweise eine Nacherzählung und Interpretation ihres Tagebuchs ist, das sie während ihrer Zeit im Versteck vor den Nationalsozialisten geschrieben hat, bleibt das Marie Curie Buch mehr eine Biografie und berichtet zeitgleich von ihren Entdeckungen und Forschungen sowie aus ihrem privaten Leben. Processed with VSCO with t1 preset Beide Texte erzählen – stark gekürzt, aber gut nachvollziehbar – , je ein ganzes Leben von der Geburt an über die familiären Umstände, Vorlieben, Wünsche und Träume bis hin zu dem, was ihr Wirken so besonders macht und verwenden hin und wieder die persönliche Anrede an den oder die Leser*in, damit sie sich mehr miteinbezogen und verbunden fühlen. Es wird deutlich: auch du kannst deine Träume verwirklichen. Gerade für Kinder eine sehr schöne und relevante Aussage. Aber auch die bedrückenden Aspekte werden kindgerecht aufgearbeitet, was ich ebenfalls für sehr wichtig halte.

Ergänzend zum textlichen Inhalt illustrieren Anke Weckmann („Marie Curie“) und Paola Escobar („Anne Frank“) die beiden Bände. Durch ihre sich in ihrer eigenen Bildsprache unterscheidenden Illustrationen unterstreichen die Künstlerinnen die jeweiligen Charaktere von Marie Curie und Anne Frank.

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Während Anke Weckmann Marie Curie mehr durch viele kleine Details wie z.B. ihr störrisches Haar oder ihre Notizen zu ihrer Tochter Irène auf Papier zu Leben erweckt, legt Paola Escobar ihren Fokus auf Gesichtsausdrücke, die z.B. Anne Franks Gefühle widerspiegeln. Nicht, dass Paola Escobar keine Details zeichnet oder Anne Weckmann keine Gesichtsausdrücke, aber beide schaffen es, durch ihre je eigene künstlerische Kraft, zwei Menschen lebendig und eigenständig, in all ihren Merkmalen und Facetten zu zeigen, sie voneinander abzugrenzen und Ähnlichkeiten hervorzuheben. Die Bücher sind, obwohl bunt, relativ minimalistisch und übersichtlich gehalten. „Marie Curie“ leuchtet in einem Neongelb, mattem Pink und neutralisierendem Schwarz, um das Thema, die Entdeckung und Erforschung von Radioaktivität und Strahlung aufzugreifen (dazu gibt es auch die passenden kleinen Symbole auf dem Cover). „Anne Frank“ wird farblich ihrem Tagebuch nachempfunden (hier gibt es ebenso die passenden Symbole auf dem Cover) und wird ebenfalls in nur drei Farben: dunklem Braun, mattem Rot und hellem Lila gezeichnet. Die Farbgebung rundet das Gesamtkonzept perfekt ab, alles wirkt in sich stimmig und das spürt man auch beim Lesen. (Großartig!)

Ich könnte und wollte nicht sagen, welches Buch mir besser gefällt, beide sind so arg liebevoll gestaltet und haben eine ganz eigene, große Persönlichkeit verpasst bekommen, wodurch jedes auf seine Weise ganz besonders ist. Genau so wie Marie Curie und Anne Frank. Hoffentlich werden diese Bücher in ganz vielen (Kinder)zimmern, von ganz vielen wissbegierigen Mädchen, Jungen, Eltern, Großeltern, Verwandten, Freund*innen und noch so vielen mehr gelesen.

je aus dem Englischen übersetzt von Bettina Eschenhagen, erschienen im Laurence King Verlag

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