[Rezension] „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ | Boris Friedewald

Ein Vorhaben für 2017, von dem ich – soweit ich mich erinnern kann – noch nicht auf dem Blog berichtet habe, lautet: Mehr Biographien, Sachbücher und Kunstbände zu lesen bzw. zu studieren.  Bisher klappt das so mittelmäßig bis gut. Immer mal wieder ist eines dabei, ungefähr so einmal im Monat, aber das ist ok. Zwischendurch blättere ich gerne in meiner bescheidenen Kunstbuchsammlung und vor allem in Büchern von und über Frida Kahlo (die mich schon seit etlichen Jahren fasziniert und begeistert). Es soll aber heute nicht um Frida, sondern um Maria Sibylla Merian gehen, einer mutigen, eigensinnigen und erstaunlichen Frau aus dem 17. Jahrhundert.

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In „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ von Boris Friedewald (mit Begeisterung habe ich bisher „Dalís Bärte“ und „Die Tiere von Picasso“ gelesen) erzählt der Autor die fesselnde Geschichte von Sibylla Merians Leben anhand ihrer größten Leidenschaft: Schmetterlinge.

Sibylla Merian wächst zu einer Zeit auf, in der der Natur, dem Getier, den Insekten, wenig Beachtung geschenkt wird, aber umso mehr Gott, als dem Schöpfer der Natur. Diese Insekten, vor allem Raupen, sind aber das größte Hobby der 1647, im Dreißigjährigen Krieg, geborenen Sibylla. Ihr Vater, der Verleger und Kupferstecher Matthäus Merian, stirbt, als sie gerade drei Jahre alt ist. Ihre Mutter, Johanna Katharina Sibylla Heim, heiratet daraufhin den Blumenmaler Jacob Marrel, der nach einigem hin und her, vor allem seitens Sibyllas Mutter (man bedenke die Stellung der Frau zu dieser Zeit!) die Ausbildung seiner Stieftochter zur Malerin und Kupferstecherin befürwortet. Diese ist unfassbar begabt und übertrifft sogar ihren Lehrer. Doch nicht nur das. Sibylla ist fasziniert von diesen geheimnisvollen Wesen, den unterschiedlichen Tieren und Insekten, allen voran den Seidenraupen und deren Metamorphose. Sie fängt bereits im Kindesalter an, die Entwicklung der Insekten zu erforschen, indem sie sie beobachtet und jedes einzelne Stadium naturgetreu zeichnet und beschreibt. Es entstehen zahlreiche Skizzen und Zeichnungen, die Sibylla unter anderem 1679 in dem ersten Teil ihres Raupenbuchs mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“ festhält und publiziert. Ein waghalsiges Unterfangen, da Wissenschaft und Forschung diesbezüglich gerade erst im Wandel sind und Sibylla als weibliche Forscherin viel Größe und Mut beweisen muss.

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Wir erfahren in „Maria Sibylla Merians Reise zu den Schmetterlingen“ nicht nur viel historisch interessante und wissenschaftliche Fakten zu der Zeit, in der Sibylla Merian aufwächst und lebt, sondern auch über ihr Privatleben. Vieles lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren, aber eines ist sicher: sie muss eine unglaubliche Frau gewesen sein. Das macht der Autor Boris Friedewald wortgewandt und mit den passenden Abbildungen mehr als deutlich. Es macht sehr viel Spaß, sich durch die einzelnen Stationen Sibyllas zu blättern, zu lesen und zu schauen, denn ihre Skizzen und Malereien sind nicht nur wissenschaftlich relevant, sondern auch noch wunderbar anzusehen. Gelungen finde ich auch die kurze Zusammenfassung zu Sibylla Merians Lebensstationen und ihrer wichtigsten Werke, die man am Ende des Buches findet.

Ich finde dieses kleine und wunderschöne Buch rundum gelungen und empfehlenswert und werde mit Sicherheit noch das ein oder andere Mal hineinschauen, um mich in die Zeit der Sibylla Merian, der Schmetterlingsfrau, zu verlieren.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Prestel Verlag – 166 S. – 70 farbige Abbildungen – ISBN: 978-3-7913-8148-0

 

[Rezension] „Altes Land“ | Dörte Hansen

„Altes Land“ von Dörte Hansen war der Überraschungserfolg in 2015 und ist nun kürzlich bei Penguin im Taschenbuch erschienen. Bereits im Ersterscheinungsjahr (als Hardcover im Knaus Verlag) fiel es mir immer wieder durch sein ansprechendes Cover auf, vor allem aber wohl auch, weil es so unfassbar viele gelesen haben und diese Leser|innen durchweg begeistert waren/sind. Klar, dass da auch ich neugierig geworden bin. Ich nehme die Pointe aber schon mal vorweg: Ich bin nicht ganz so angetan von dem Buch. Warum, wieso, weshalb, das erkläre ich weiter unten in der Besprechung.

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Vera lebt seit 1945 auf einem Bauernhof im Alten Land, wo sie sich weder richtig wohl, noch unwohl fühlt. Sie ist als Flüchtling, als „Polackenkind“, mit ihrer Mutter auf den Hof gekommen und noch heute kann und will sie diesen nicht verlassen. Dinge, Erinnerungen, Menschen aus der Vergangenheit halten sie und ihr Herz dort fest. Circa sechzig Jahre später klopft es an der Tür und ihre Nichte Anne aus dem schicken Hamburger Stadtteil Ottensen steht samt Sohn und Gepäck davor. Zwei Flüchtlinge, wie einst sie selbst einer gewesen ist (wenn auch aus anderen Gründen), um Hilfe suchend und um einen Neuanfang bemüht. Können aus Vera, der einsamen, aber resoluten älteren Dame und Anne, der gedemütigten, aber um Stolz ringenden jungen Mutter sowas wie eine Familie werden?

Dörte Hansens Debütroman besticht durch seinen bissigen, fast schon zynischen Blick auf die Figuren, deren Leben und prinzipiell die ganze Gesellschaft. In „Altes Land“ begleitet der|die Leser|in hauptsächlich die beiden Protagonistinnen Vera und Anne, doch immer wieder finden sich neue Figuren im Erzählstrang ein, was vor allem dazu dient, einerseits das Alte Land und andererseits die „modernere“, „feinere“ Hamburger Gesellschaft zu charakterisieren und ein Kontrastbild zu erschaffen zwischen Jung und Alt, Modern und Traditionell, Schnelllebig und Stabil. Das gelingt Hansen sehr gut, doch an manchen Stellen habe ich da etwas den Faden verloren, wusste nicht mehr ganz, wo ich jetzt bin, von wem genau die Rede ist etc. Das hat sich aber meistens relativ schnell aufgelöst und kann daher also nicht wirklich als großer Kritikpunkt gezählt werden, wobei ich mich doch fragen muss, wo manche Figuren hin sind und was mit ihnen geschehen ist. Vielmehr hatte ich jedoch Schwierigkeiten mit Hansens Schreibstil, der sicher sehr gut und wohl gewählt (vor allem dem Text angepasst) ist, mich aber nicht mitreißen konnte. Hansen schafft es authentisch die Starrköpfigkeit der Bewohner des Alten Landes rüberzubringen, dazu bedient sie sich immer mal wieder des Plattdeutschen, welches ich sonst nur von meinen Großeltern her kenne. Um die „schicke“ Hamburger Szene zu beschreiben, nutzt Hansen oft stereotype Beschreibungen (nicht negativ gemeint!) von z.B. „Helikopter-Müttern“ oder „Ökos“ etc. Obwohl beide Welten absolut authentisch wiedergegeben werden, konnte mich Hansen auch inhaltlich nicht überzeugen, ich bin mit der Geschichte nicht richtig warm geworden. Lange habe ich überlegt, woran das wohl gelegen haben könnte und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht zur Zielgruppe des Buches gehöre. Ich habe mich schlichtweg „zu jung“ gefühlt, auch auf die Gefahr hin, dass sich das vielleicht schräg anhört. Einige Stellen im Buch haben mir sehr gut gefallen, andere haben mich furchtbar genervt (hauptsächlich die Hamburger Szenen). Vielleicht, weil das mittlerweile schon so oft thematisiert worden ist.

„Altes Land“ ist keineswegs ein schlechtes Buch, aber es war nicht mein Fall. Das kommt vor. Deswegen rate ich keinesfalls davon ab, ich kann es jedoch Leser|innen meines Alters (Mitte|Ende 20) leider nur begrenzt weiterempfehlen. Diese Bewertung ist natürlich rein subjektiv, wer also Lust hat, das Buch zu lesen, der|die sollte dies auch tun!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Erstmalig als Taschenbuch im Penguin Verlag – 304 S. – ISBN: 978-3-328-10012-6

[Rezension] „Die Erfindung der Flügel“ | Sue Monk Kidd

Sue Monk Kidd ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, die mit „Die Bienenhüterin“ ihren internationalen Durchbruch feierte. „Die Erfindung der Flügel“ ist ihr neuester (kürzlich im Taschenbuch erschienener) Roman. Die Autorin ist vor allem durch das Verfassen von Biografien bekannt geworden, was sich auch in diesem Buch bemerkbar macht.

In „Die Erfindung der Flügel“ finden wir uns Anfang des 19. Jahrhunderts in Charleston, einer Hafenstadt im US-Bundesstaat South Carolina, vor. Charleston ist zu dieser Zeit eine der reichsten Städte des Landes, wohl vor allem aufgrund ihres Rufs als Hafenstadt. Insbesondere Baumwolle wird hierüber um 1800 herum zum „boomenden“ Faktor der Stadt. (Quelle: hier )  Es ist vor allem die farbige Bevölkerung, die in Form von Sklavenarbeit darunter leiden muss. Denn obwohl ‚Schwarze‘ den größten Teil der Bevölkerung Charlestons ausmachen, haben doch ‚Weiße“ die Macht an sich gerissen, wie es wohl zu dieser Zeit überall der Fall ist.

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Viele Farbige träumen davon frei und unabhängig leben zu können, so auch Hetty Handful Grimké, die als Sklavenmädchen, Dienerin und Kammerzofe das Geschenk zu Sarah Grimkés elften Geburtstag darstellt. Diese ist davon so gar nicht angetan, ist sie doch als eine der wenigen nicht einverstanden mit der Sklavenhaltung. Als Tochter eines angesehenen Plantagenbesitzers und einer Mutter mit strengen Richtlinien, hat sie es da jedoch schwer. Noch dazu als Mädchen. Sarah und Handful trennen – nicht nur äußerlich und familiär – Welten, doch sie nähern sich an, lernen sich kennen und fassen Vertrauen zueinander. Vor allem in ihren Träumen finden sie Gemeinsamkeiten: beide wünschen sich ein freies und selbstbestimmtes Leben ohne Sklaverei und mit mehr Rechten für einerseits ‚Schwarze‘ und andererseits ‚Frauen‘. Sie träumen sozusagen davon, sich ihre eigenen Flügel neu (oder überhaupt) zu erfinden.

Die Geschichte beider Hauptfiguren wird abwechselnd aus der Perspektive Handfuls und Sarahs geschildert, wodurch wir als Leser einen sehr guten Einblick in beiderlei Sichtweisen bekommen, die teils tief berühren. Ich habe vor allem die Perspektive Handfuls besonders gerne gelesen, weil sie uns in „ihre Welt“ entführt und mir – auch wenn Sarah keine unsympathische Figur ist – einfach menschlicher und näher vorgekommen ist. Doch auch Sarah begehrt auf und hat ein hartes Los, als sie beginnt für ihre Überzeugung zu kämpfen. Beide Sichtweisen sind unfassbar interessant (und sprachlich gut!) zu lesen, was zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass das Buch in fünf Zeitabschnitte gegliedert ist. Dies ermöglicht dem Leser die Entwicklung beider Mädchen/Frauen zu verfolgen sowie gleichzeitig einen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen des Landes zu werfen. Ein paar Stellen des Buches hätten meiner Meinung nach weniger ausschweifend erzählt werden können, vor allem was Sarahs Reisen und ihren Glauben angeht. Ihr Kampf für die Rechte von Sklaven und Frauen finde ich bewundernswert und mutig, keine Frage, dass die Autorin dies so stark betont, aber doch schweift sie da mancherorts etwas ab, wohingegen die Kapitel aus Handfuls Sichtweise ein wenig zu kurz kommen. Das ist jedoch mein einziger kleiner Kritikpunkt an diesem Buch, welches ich wirklich sehr gerne gelesen habe. Nicht übersehen sollte man vor allem die Anmerkungen der Autorin im Nachwort, denn dort schildert sie die Gründe und ihre persönliche Motivation für das Buch, was mir „Die Erfindung der Flügel“ noch ein Stück nähergebracht hat.

Eine klare Empfehlung für all jene, die gerne historisch interessantes Wissen in Verbindung mit wunderbarer Erzählweise lesen. Und Sue Monk Kidd, die kann wahrlich gut erzählen!

Aus dem Amerikanischen von Astrid Mania – btb Verlag – 496 S. – ISBN: 978-3-442-71467-4

[Rezension] ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ | Jonas Hassen Khemiri

Jonas Hassen Khemiri ist ein schwedischer Schriftsteller und gilt in der dortigen Literaturszene als „Star“. Bereits mit seinem Debütroman ‚Das Kamel ohne Höcker‘ erlangte er internationalen Erfolg. ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ ist sein vierter Roman und in 25 Ländern erschienen.

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In ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ geht es um Samuel. Samuel ist tot, aber nicht vergessen, denn er lebt in den Erinnerungen seiner Freunde und Familie weiter. Diese wissen aber alle nicht so recht, was nun eigentlich passiert ist. War es ein Unfall? War es Selbstmord? Wenn ja, wer oder was hat ihn so weit gebracht? Und, wer war Samuel eigentlich wirklich? Denn Samuel hat viele Gesichter und für jeden ein anderes. Das Herauszufinden versucht ein namenloser Journalist, zeitweise gleichzeitig der Erzähler, der dazu mit den Personen spricht, die mit Samuel in Kontakt gestanden haben. Er interviewt Nachbarn, Krankenschwestern und -pfleger und versucht, auch zu Samuels Familie und näheren Freunden Kontakt aufzunehmen. Nach und nach setzt sich so aus einzelnen Fragmenten und Puzzleteilen der wahre Samuel – oder zumindest ein Teil dessen – zusammen.

Es gibt drei Personen, denen Samuel besonders nahegestanden hat. Da ist zunächst Vandad, Samuels bester Freund, nach außen knallhart, Typ Möchtegern-Gangster mit ewig anhaltenden Geldsorgen. Laide, Samuels große Liebe, zum Teil schwer durchschaubar und so für Samuel kaum greifbar und für Vandad ein Dorn im Auge sowie „die Pantherin“, eine gemeinsame Freundin Samuels und Vandads, in die Samuel früher vielleicht sogar verliebt gewesen ist und die mittlerweile in Berlin lebt. Alle haben, wenn auch in Schweden geboren bzw. aufgewachsen, arabische Wurzeln und das ist es, was sie, neben Samuel als Knotenpunkt, am Stärksten miteinander verbindet.

Zunächst mag ‚Alles, was ich nicht erinnere‘ den|die Leser|in verwirren, denn es ist schon etwas schwierig auszumachen, wer nun erzählt. Ist es Vandad, Laide, der namenlose Interviewer oder jemand ganz anderes? Anhand der drei Teile ‚AM‘, ‚Laide‘ und ‚PM‘ kann man sich etwas orientieren und generell gilt: ein Abschnitt Interviewer (Gegenwart), einer Vandad (Vergangenheit), einer Laide (Vergangenheit) – das stimmt nicht immer, aber so grob. ‚AM‘ beschreibt den Zustand, bevor der Leser Samuel näher kennt. Er|Sie lernt diesen in dem Abschnitt etwas, aber noch nicht richtig, kennen. Im zweiten Teil, ‚Laide‘, kommt Samuels Freundin Laide hinzu. Hier lernen wir Samuel besser kennen, nämlich unter dem Einfluss Laides. ‚PM‘ beschreibt mögliche Auslöser, die zu Samuels Tod geführt haben können und ist der rasanteste Abschnitt, den man vorzugsweise am Stück lesen sollte. Khemiris Schreibstil baut, aufgrund fehlender Anführungszeichen, moderner Sprache, eigensinniger Grammatik und der eben erwähnten häufigen Perspektivwechsel sowie Zeitsprünge eine unglaublich fesselnde und intensive Dynamik auf. Man spürt förmlich den eigenen Herzschlag während des Lesens von ‚Alles, was ich nicht erinnere‘, ganz so, als würde man mit den Figuren einen wilden Roadtrip durchleben. Rasant, energiegeladen und voll Spannung, aber auch Trauer und Schmerz schildert der Autor eine faszinierende Geschichte, die sich so schnell nicht vergessen lässt und die uns letztlich fragen lässt, kann man eine einzelne Person tatsächlich kennen oder bleibt immer etwas im Verborgenen? Lernt man einen Menschen nicht immer nur aus der eigenen Perspektive kennen? So, wie man diesen sehen und haben will? Nebenbei beleuchtet Khemiri in Ansätzen die Schwierigkeiten und Problematiken von Migranten in Schweden, die wohl als Parallele zum Leben des Autors gesehen werden können.

Es fiel mir tatsächlich etwas schwer, das Buch in Worte zu fassen, gerade weil es (und das fällt mir wiederum leicht) mir außerordentlich gut gefallen hat. Sobald ich verstanden hatte, wer nun wann berichtet (und das ist zunächst wirklich etwas schwierig), war ich im Sog des Buches gefangen. Ich kann es daher nur empfehlen, allerdings muss man zu Beginn etwas durchhalten, um das Erzählergewirr zu entknoten. Danach ist es ein unglaublich faszinierender Roman mit Suchtgefahr, für den jedes weitere Wort eines zu viel wäre.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann – DVA Belletristik – 336 S. – ISBN: 978-3-421-04724-3

[Rezension] „Lanz“ | Flurin Jecker

„Lanz“ ist der Debütroman eines jungen Schweizer Autors mit dem wunderbar lautmalerischen Namen: Flurin Jecker. Dieses Buch ist nach eigenen Worten des Autors „mehr oder weniger zufällig“ (Quelle: hier) gleichzeitig seine Abschlussarbeit am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel geworden und nun bei Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag erschienen.

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Lanz, der titelgebende Vierzehnjährige Protagonist, nimmt in der Schule an einem Kurs teil, der da heißt: ‚Ich schreibe einen Blog.‘ Klingt genauso langweilig, wie Lanz es findet – und trotzdem sitzt er jetzt in diesem Kurs. Wegen Lynn. Doch die erscheint am ersten Kurstag gar nicht, dafür aber sein ungeliebter Lehrer Herr Gilgen, der Gilgonator. Lanz sieht sich von nun an gezwungen, einen Blog zu schreiben, in dem er von seinem Leben erzählt, seinen geschiedenen Eltern, wie es sich für ihn anfühlt, mal bei seiner Mutter, mal bei seinem Vater zu leben und auf welche Art sie jeweils mit ihm umgehen, ihn erziehen oder auch nicht erziehen. Weiterhin schreibt er von Lynn, auf welche Weise er versucht ihr näher zu kommen (und das scheinbar nicht so richtig funktionieren will) seinen Freunden und (Nicht-) Freunden, ja, einfach von seinem kompletten alltäglichen Leben bis hin zu den tiefsten geheimen Empfindungen, die in jedem stecken. Als Lanz alles zu viel zu werden scheint, vor allem, als Gilgen von seinen Kursteilnehmern verlangt, ihre jeweiligen Blogs l-a-u-t vorzulesen, muss Lanz ganz dringend weg. Denn, was da in seinem Blog steht, das soll bitte möglichst keiner lesen. Bloß nicht.

Auf ganz frische und moderne Art, weil einzigartig und sich selbst treu (so meine außenstehende Beobachtung), schildert Flurin Jecker eine Kindheit im Übergang zum Erwachsenwerden. Seine Sprache besticht nicht nur durch seine Eigenwilligkeit, sondern vor allem durch eine nötige Wärme, die dem Geschehen an Authentizität verleiht – viel mehr als es jeder noch so hippe Jugendjargon könnte. Jedes Kapitel entspricht einem Blogeintrag Lanz‘ und liest sich – nicht allein deswegen, aber auch – sogartig weg. Besonders gelungen finde ich die Überschriften, die man sich am besten ganz langsam mit Zeit zum darüber Nachdenken oder auch mal Grinsen durchliest.

Jecker schreibt von einer Kindheit, wie sie sicher viele erleben oder erlebt haben: elterliche Scheidung, eigenes Seelenchaos, wohin mit mir?, etc. . Auch wenn Jeckers Protagonist Lanz einen Blog – also etwas ziemlich Modernes (oder ist das schon wieder out?) – schreibt, erreicht er damit nicht nur die tatsächlich Jüngeren, sondern vor allem auch die im Herzen jung Gebliebenen oder die, die sich zumindest noch an das Gefühl ihrer Kindheit erinnern können. Denn letztlich ist ein Blog in vielen Fällen nichts anderes als ein Tagebuch und wird von Lanz auch als solches genutzt: ein Ventil für seine Gedanken- und Gefühlswelt.

Auch wenn ich zu Beginn einige Zeit gebraucht habe, um mich in das Buch einzufühlen, so gefällt es mir im Nachhinein immer besser. Während des ersten Lesens hatte ich noch meine Bedenken, wo das hinführen sollte, was mir der Roman sagen möchte –  und war teils etwas verwirrt aufgrund der Namen, der vielleicht ‚schwyzerdütschen‘ sprachlichen Eigenarten. Nach dem zweiten Anlesen und Durchblättern (in dem mir oft kleine Details erst richtig bewusstwerden, die das nötige, vielleicht noch fehlende Puzzleteil zum großen Ganzen sind) kann ich sagen: Ich mag es sehr gerne! Es ist aber sicher ein Buch, das aufgrund seiner sprachlichen Eigenheit nicht jedermanns Geschmack trifft. Wer sich für Adoleszenzromane, ‚Coming-of-Age‘-Geschichten und frischem sprachlichen Wind begeistern kann, dem wird der Roman sicher gefallen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Nagel & Kimche im Hanser Literaturverlag – 128 S. – ISBN: 978-3-312-01022-6

[Rezension] „Jürgen“ | Heinz Strunk

Heinz Strunk ist nicht erst seit „Der goldene Handschuh“ einer meiner liebsten deutschen Autoren, ach was, Künstler. Ich mag seine unkonventionelle Art, den bissigen Wortwitz, seine ganz eigene Ausdrucksweise, die sich Zeile für Zeile, Wort für Wort in seinen Texten wiederfinden lässt. Wer Strunk schon einmal live gesehen und gehört hat, der hat beim Lesen immer das Gefühl, dieser würde direkt zu einem sprechen. Denn liest man ein Buch von Heinz Strunk, ist das immer ein bisschen wie sich abends in der Kneipe was erzählen. Nicht immer ist alles ernst zu nehmen, oft wird parodiert und übertrieben, aber immer steckt ein wahrer Kern (und meistens mehr) darin. Vieles hat autobiographische Züge, manches beruht auf der Geschichte anderer. Sein neuester Roman „Jürgen“ ist irgendwie ein bisschen von allem Möglichen. Autobiographie, Erzählung, (nicht ganz ernst gemeinter) Lebensratgeber und papierne TV-Show.

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In „Jürgen“ geht es, wer hätte es gedacht, um Jürgen. Aber auch ein bisschen um Bernd. Jürgen Dose (ein Alter Ego Strunks) und Bernd Würmer, „bester“ und zänkischter (weil getreu dem Motto: wer im Rollstuhl sitzt darf das) Freund Jürgens, sind auf der Suche nach Liebe. Egal, ob beim Speed-Dating, in Polen via ‚Eurolove‘ oder im Supermarkt zwischen Rohrreiniger und Handwerkerfrühstück. Es läuft halt nicht so, mit den Frauen. Vielleicht, weil Jürgen bei seiner pflegebedürftigen Mutter lebt. Da ist es nämlich schon mal schlecht mit: Kommste noch auf einen Kaffee mit hoch? Oder: Willst du meine Briefmarkensammlung sehen? Vielleicht auch, weil Jürgen ein Willi ist, wie all die anderen Willis auch. Da liest er eben noch einen Flirtratgeber: Wie ist denn jetzt noch mal dieses Haare zurückwerfen zu deuten? Heißt das, sie steht auf mich? Ein rasanter und amüsanter Ritt durch die Irrungen und Wirrungen des modernen Flirtens und Liebens – Schwiegertochter gesucht á la Heinz Strunk.

Mit „Jürgen“ kehrt Heinz Strunk wieder zurück zu Altbekanntem: Autobiographisches vermischt mit Textstücken und viel besonderem Humor. Wer also mit einem zweiten goldenen Handschuh gerechnet hat, dem sei hier schon mal gesagt: Nö. Mir macht das gar nichts, denn auch in „Jürgen“ bleibt sich Strunk seinem Schreibstil treu. Sich selbst und seine Figuren nicht allzu ernst nehmend wirft er hier einen Blick auf die „Datingszene“ und die Möglichkeiten, die sich dem Liebessuchenden heute so bieten. Ja. Und da gibt es nun eine Menge abstruses. Ob nun Speed-Dating mit verzweifelten Seelen, eine Busfahrt nach Polen, um dort die Liebe seines Lebens … eh … mit Geschenken zu locken …  oder die neuesten Tipps der Flirtratgeber. Dass das alles nicht wirklich hilfreich und eigentlich nur „Geldmache“ ist, weiß man ja. Eigentlich. Dieses eigentlich führt uns Strunk vor Augen. Ist ein bisschen so wie spätnachmittags oder abends den Fernseher einzuschalten. Nur in gut. Wenn zwischendurch dann mal Stellen „von früher“ (ob nun Jürgens oder Heinz‘ Vergangenheit – oder ob das konformgeht) aufblitzen, naja, das muss jetzt nicht zwingend sein und wenn da Passagen aus früheren Projekten Strunks übernommen worden sind, ja, dann ist das meiner Meinung nach auch nicht schlimm, denn: das Gesamtpaket stimmt.

Auch wenn „Jürgen“ nicht so dicht gestrickt ist wie „Der goldene Handschuh“ oder „Junge rettet Freund aus Teich“ habe ich mich köstlich amüsiert gefühlt und darum geht es doch. Wer das mag, der darf hier also gerne zuschlagen und loslesen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Rowohlt Verlag – 256 S. – Hardcover – 19, 95€ – ISBN: 978-3-498-03574-7

[Rezension] „Summertime. Die Farbe des Sturms.“ | Vanessa Lafaye

Vanessa Lafaye ist in Tampa, Florida aufgewachsen, wo Wirbelstürme beinahe jährlich für Unruhen und Zerstörung sorgen. Sie kennt sich also bestens mit dem Thema ihres Buches „Summertime. Die Farbe des Sturms.“ aus. Hierbei geht es nämlich um den (tatsächlich stattgefundenen) schlimmsten Hurrikan Nordamerikas am Labour Day 1935 – zu einer Zeit, in der Rassentrennungsgesetze und Lynchjustiz den Alltag und das Leben bestimmt haben. Die von Vanessa Lafaye geschilderten Ereignisse und Personen sind dabei fiktiv, geben aber sicher ein gutes (im Sinne von wahrheitsgemäßes) Stimmungsbild der wirklichen Geschehnisse wider.

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Heron Key. Es ist Mitte der 30er Jahre, der erste Weltkrieg ist überstanden, aber einige andere Dinge liegen noch stark im Argen. Unter anderem der Rassenkonflikt einhergehend mit diskriminierenden Rassentrennungsgesetzen und Lynchjustiz. Nach dem ersten Weltkrieg kehren nach und nach viele Kriegsveteranen zurück auf die kleine Insel, aber nicht zu ihren Familien, sondern in ein sogenanntes „Kriegsveteranenlager“. Viele rauchen, trinken, prügeln sich, benehmen sich schlichtweg „nicht angemessen“ und sorgen so für Streitereien und Unruhen. Henry ist einer von ihnen. Der eigentlich liebevolle und strebsame junge Mann kehrt gebrochen zurück. Missy, die als Dienst- und Kindermädchen bei den Kincaids (bestehend aus dem Ehepaar Nelson und Hilda sowieso deren Sohn Noah) arbeitet, erkennt ihn kaum wieder. Die Stimmung unter den Bewohnern Heron Keys heizt sich immer weiter auf. Denn nicht nur die Kriegsveteranen sorgen für Unruhen, sondern auch viele andere Bewohner. Jeder, egal ob weiß oder farbig, hat ein kleines oder großes Geheimnis, das er mit sich trägt. Wer ist der Vater des „milchkaffeefarbenen“ Babys der hellhäutigen Campbells? Wo verbringt Mr. Kincaid seine Zeit, wenn er versucht, seiner aus Einsamkeit essenden und trinkenden Frau aus dem Weg zu gehen? Als es am 04. Juli, dem einzigen Tag, an dem Farbige und Weiße gemeinsam dem Fest zur Feier des Labour Days beiwohnen dürfen, zu weiteren Auseinandersetzungen kommt, spitzt sich die Situation zwischen den Einwohnern Heron Keys zu. Und dann ist da noch ein Sturm im Anmarsch, dessen Ausmaß sich keiner vorzustellen vermag…

Zu Beginn des Buches werden zunächst die Hauptfiguren, Missy, die Familie Kincaid, Doc, Dwayne, Selma, Henry etc. vorgestellt. Manchmal springt die Perspektive ein wenig zu schnell. Gerade sind wir noch bei Missy, dann schon wieder bei Doc, bei Dwayne, oft habe ich zurückblättern müssen, weil ich so den Inhalt natürlich aus einem anderen Blickwinkel gelesen ganz anders gedeutet habe, das hat mich ein klein wenig gestört. Nachdem die Figuren vorgestellt, der Leser sich ein Bild von der vorherrschenden Situation gemacht hat, hätte eigentlich der Hurrikan kommen können, stattdessen besinnt sich die Autorin aber auf eine andere Art von Sturm: dem inneren. In Heron Key wirbelt nicht nur ein Wirbelsturm, eine Naturgewalt sondergleichen, die Gemüter auf, sondern es ist vor allem auch die von Menschen gemachte, hauseigene Zerstörungswut, mit denen die Figuren des Romans zu kämpfen haben. Der Autorin gelingt es sehr gut, den Hurrikan als Ausdruck der inneren Unruhe der Insel zu benutzen und darzustellen. Leider dämpfen die unterschiedlichen Personen und Geschehnisse etwas die Spannung, denn die eigentliche „Hauptattraktion“, der Hurrikan, tritt erst auf den letzten Seiten auf – dafür umso gewaltiger. Die Vorgeschichte, die Probleme der Bewohner, vor allem die Rassenkonflikte und das hohe Gewaltpotential sind interessant und keineswegs langweilig, aber doch dümpelt es manchmal ein wenig vor sich hin. Das turbulente Ende hingegen macht einiges wieder wett. Man sollte sich also nicht von dem farbenfrohen Cover täuschen lassen. Sie spiegeln lediglich die vorgetäuschte Fröhlichkeit Heron Keys und deren Bewohner wider. Für mich ist „Summertime. Die Farbe des Sturms“ ein interessantes Buch mit wahrem Kern. In Ansätzen (z.B. Dienstmädchen, die alle hässlichen Dinge der Familien, für die sie arbeiten, überblicken und Rassendiskriminierung, wenn auch in „Summertime“ aufgrund der früheren Zeit, in der das Buch spielt, noch stark verschärft) hat es mich an „Gute Geister“ von Kathryn Stockett erinnert und wem diese Art von Buch gefällt, der wird sicher auch mit „Summertime“ seine Freude haben (auch wenn ich persönlich „Gute Geister“ etwas besser ausgearbeitet und flüssiger zu lesen finde).

Herzlichen Dank an den Limes Verlag für das Leseexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Andrea Brandl – Limes Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-8090-2653-2