„On the Come Up“ | Angie Thomas

aus dem Amerikanischen von Henriette Zeltner

„On the Come Up“ ist nach dem preisgekrönten Roman „The Hate U Give“ Angie Thomas zweites Jugendbuch, das thematische Ähnlichkeiten aufweist, aber doch ganz anders ist. 

Bri’s größter Traum ist es, als Rapperin groß rauszukommen. Ihre Welt besteht beinahe nur aus Worten, die umeinander tanzen, sich sprachboxend gegenüberstehen und friedlich einen Kampf austragen. Alles wird zum Beat. Alles zum Reim. Alles zum Rap. Doch nicht nur für sich, sondern vor allem für ihre Familie, die nach dem Tod des Vaters – einer Rap-Legende – und der Arbeitslosigkeit der Mutter mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben, will Bri es schaffen, zum neuen Star in Garden Heights zu werden. Sie will nicht nur, sie muss!

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Angie Thomas hat mit der 16-jährigen Brianna eine coole, toughe, begabte, aber auch leicht naive Heranwachsende geschaffen, die sich viel mit ihrem Bruder, ihrer Mutter und ihren Freunden streitet. Sie ist impulsiv und manchmal aufbrausend und weiß nicht so richtig, wohin mit ihren Gefühlen, was sie für viele junge Leser*innen zu einer Bezugsfigur werden lassen kann. Es könnte einem aber auch etwas schwerfallen, Bri in manchen ihrer Aussagen oder Handlungen ernstzunehmen. Sie reagiert überheblich, schnippisch, egoistisch und unempathisch denjenigen gegenüber, die sie lieben und die ihr Bestes wollen. Das macht Bri aber keinesfalls zu einem schlechten Menschen und noch weniger zu einer schlechten Romanfigur (obwohl sie sich manchmal scharf am Rande dazu bewegt), denn damit bastelt Angie Thomas einen Rohling für Gefühle, Ängste und Befindlichkeiten jener Leser*innen, die im Fokus des Romans stehen. Und wenn man versucht, sich während des Lesens in diese Zeit hineinzuversetzen, in genau dieses Gefühl der Ohnmacht, dem unabdingbaren Wunsch erwachsen sein zu wollen, es aber doch noch nicht zu sein, dann wird man sich Bri gleich viel näher fühlen. Das ändert allerdings leider nichts an der Tatsache, dass manche Passagen sprachlich holpern. Vielleicht liegt es zum Teil auch an der deutschen Übersetzung, dass der Text irgendwie stockt und man manchmal den Eindruck bekommt, der Ton der Autorin sei übermalt worden. Der Übersetzung zugute halten sollte man aber auf jeden Fall, – und das finde ich wirklich toll! -, dass umgangssprachliche Besonderheiten und Rap-Texte nicht wild übersetzt, sondern tatsächlich im Originalausdruck übernommen worden sind. Im Anhang findet sich eine Übersicht all dieser Wörter. 

Wir sind mit Bri wieder – wie auch schon in „The Hate U Give“ – in Garden Heights. Es gibt Verweise auf Angie Thomas Debüt und auch der Plot weist Ähnlichkeiten auf: eine junge Protagonistin; Probleme mit den Eltern; erste große Verliebtheit; Anspielungen auf Harry Potter, Tupac und andere Gegenwartsbezüge. Wichtig vor allem: (Alltags)Rassismus wird hier wie bereits zuvor in „The Hate U Give“ ehrlich, feinfühlig und nachvollziehbar dargestellt. Was heißt dargestellt, Angie Thomas schreibt sich die Wahrheit von der Seele und das ist gut so. Das macht was! Dadurch, dass der*die Leser*in in die Rolle von Bri schlüpft, wird die Wut und das Gefühl, dem weißen System hilflos ausgesetzt zu sein, aber doch etwas tun zu wollen, auf den*die Leser*in übertragen, was wesentlich dafür ist, mehr Verständnis zu schaffen. Angie Thomas schreibt aus eigenen Erfahrungen heraus und auch, wenn einiges konstruiert wirkt (ein Roman ist nun mal ein Roman), ist das ein Punkt, den es zu betonen und – ja, bitte! – immer wieder zu betonen gilt. Sie gibt vielen Leser*innen eine Stimme, die viel zu oft zum Schweigen gebracht werden und hilft, dass diese auch gehört wird. 

„On the Come Up“ ist besonders für Jugendliche ein wertvolles Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, Autorin und Verlag hätten sich mehr Zeit gelassen, um die Ideen, Charaktere und den Plot noch weiter reifen zu lassen. Dann wäre es sicher noch viel wertvoller geworden.  

 

„Ich werde ein Glanz!“ – „Das kunstseidene Mädchen“ | Irmgard Keun

„Ich werde ein Glanz!“

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„Das kunstseidene Mädchen“ ist ein vielgelesener Klassiker der Weimarer Republik und Irmgard Keuns zweiter Roman, der 1932 sogleich ein großer Erfolg wurde, bevor er nur ein Jahr später auf der Liste der verbotenen Bücher landete. Zum Glück ist der Text längst wieder zugänglich, denn – wie ich finde – ist „Das kunstseidene Mädchen“ eines der großartigsten Bücher überhaupt. Nun mag man sich fragen, ob ein Roman, der mehrere Jahrzehnte alt ist, mit der heutigen Zeit überhaupt noch mithalten kann? Tatsächlich ist das aber mit guten Romanen so wie mit guten Weinen: manche werden mit den Jahren sogar noch besser.

Doris, das kunstseidene Mädchen, arbeitet als Sekretärin bei einem Rechtsanwalt, will sich damit aber nicht zufriedengeben und beschließt nach einem (un)glücklichen Zwischenfall nach Berlin zu ziehen, um dort ein Glanz und ganz furchtbar glücklich zu werden. Dort ist sie in Tanzhallen, Bars und Cafés zu Hause, lebt von Affäre zu Affäre, aber das Glück und die große Karriere wollen einfach nicht eintreffen. Stattdessen wird Doris einsamer und einsamer und das, was einst ein Glanz werden sollte, matter und matter.

Keuns Protagonistin ist eine freche, schnoddrige, selbstbewusste junge Frau, die sich hinter einer Fassade aus Arroganz und großen Träumen verbirgt. Unter der Kunstseide glänzt aber ein herzensgutes Mädchen, das längst noch nicht erwachsen ist und nur versucht, ihren Weg zu finden, ohne die ihr gegebenen Umstände zu akzeptieren. Selbst wenn einem als Leser*in manches Denken und Verhalten veraltet vorkommen mag, so ist die Aussage des Romans durchaus sehr modern. Mit viel Witz, in großartigen dynamischen Bildern, die das Leben wie einen Film einfangen und die grammatikalischen Grundregeln über den Haufen werfend, schreibt Keun davon, was junge Frauen in einer Zeit des Umbruchs, der Not, aber auch der großen Träume bewegt und schafft damit etwas Bewundernswertes: einen Roman, der klug, witzig, traurig und ehrlich, alte wie neue Sorgen miteinander verbindet.