[Rezension] „Geständnisse“ | Kanae Minato

Kanae Minato erzielte mit „Geständnisse“ in Japan einen sensationellen Erfolg und gewann hierfür den Japan Booksellers‘ Award (in der Zwischenzeit ist das Buch sogar verfilmt worden). Mittlerweile ist der Roman aber nicht mehr nur in Japan ein Thema, sondern zählte u. a. 2014 in den USA zu den zehn besten Thrillern und wird nun auch in Europa viel und wohlwollend besprochen.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Jede(r) hält mehr oder wenige große Geheimnisse in sich verborgen. Sei es die kleine Notlüge von gestern, die Flunkerei von letzter Woche oder etwas weitaus Tiefergehendes bis Bösartiges. In „Geständnisse“ von Kanae Minato geht es um eben jene Dinge, die einen bis hin zum Äußersten leiten und quälen können:

Moriguchis vierjährige Tochter ist im schuleigenen Schwimmbad ertrunken. Ein Unfall, so heißt es. Einige Wochen später kündigt Moriguchi ihre Stelle, verlässt die Schule aber nicht ohne ihrer Klasse einen letzten Vortrag zu halten, der den Schülern das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sie weiß, dass einige Schüler Schuld am Tod ihrer Tochter tragen und sie offenbart eine Rache, wie sie böser kaum sein könnte. Ein Reigen aus Schuld, Sühne und Rache entspinnt sich, der Dinge zu Tage befördert, die man nicht für möglich gehalten hätte. Hier bleibt niemand verschont.

Es ist ein Buch, das einen von der ersten Minute an fesselt und in einen Sog aus ungläubigem Staunen und tiefer Erschütterung zieht. Selten bin ich in letzter Zeit so gespannt darauf gewesen, was wohl noch passieren mag, wie bei diesem Buch. Sicher klingt manches sehr haarsträubend bis hin zu an den Haaren herbeigezogen, doch Minato schafft es dennoch durch eine klare und kühle Sprache eine Distanz zu wahren, die das Erzählte nicht unsinnig wirken lässt, sondern vielmehr noch wirklich glaubhaft. Dies gelingt ihr zudem noch durch den Kniff, jedes Kapitel aus der Sicht einer anderen – am maßgeblichen Geschehen beteiligten – Person zu schildern. Die Tat und ihre Konsequenzen werden aus immer wieder neuen und anderen Blickwinkeln betrachtet. So wird zusätzlich Spannung gewahrt. Das erste Kapitel mag noch ein wenig verwirren und dahinplätschern, aber ist man erst einmal im Buch angekommen, so hält es einen bis zum Schluss gefangen.

Ich kann den Roman jedem empfehlen, der Thriller mag und gerne Bücher liest, die jenseits der (gesellschaftlichen) Norm liegen.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Japanischen von Sabine Lohmann – C. Bertelsmann Verlag – 272 S. – ISBN: 978-3-570-10290-9

[Rezension] „Blaupause“ | Theresia Enzensberger

Theresia Enzensberger schreibt in ihrem Debütroman über genau das eine Thema, welches mir persönlich besonders am Kunst-, Design und Architekturherzen liegt: Bauhaus. Oft und gerne habe ich schon ziemlich früh (sicherlich familiär bedingt – ein Hallo an Papa!)  in der zugehörigen Literatur gestöbert und empfand dabei immer wieder aufs Neue eine gewisse Faszination für das Bauhaus, das so viel Innovatives hervorgebracht hat, dass man auch heute noch nur darüber staunen kann. Selbstverständlich habe ich mich da sehr auf Theresia Enzensberger Roman gefreut.

Processed with VSCOcam with t1 preset

In „Blaupause“ – so lautet der treffende Titel des Buches – arbeitet Enzensberger mit historischen Figuren und Fakten sowie fiktiv Erdachtem, kombiniert also fiktives mit realem und lässt so den Bauhaus-Mythos in der Gegenwart wieder auferstehen:

Luise Schilling kommt Anfang der 20er Jahre an das Weimarer Bauhaus. Sie ist jung. Sie ist naiv. Sie ist voller Ideen und Tatendrang. Am Bauhaus lernt sie neben gestandenen Professoren (die uns namentlich heute sehr bekannt sein dürften) wie Gropius, Klee und Kandinsky auch die Naturmystiker um Johannes Itten kennen. Luise ist hin und hergerissen zwischen ihrem Traum als Architektin (!) erfolgreich zu werden und dem bestätigenden Gefühl der Zugehörigkeit und Akzeptanz. Diese Bestätigung sucht sie zuerst in der Gruppe um Itten, wo sie auf Jakob trifft. Hier entspinnt sich eine erste Romanze. Später wird Luise Hermann kennenlernen. Beide Männer verdrehen ihr den Kopf (wie man so schön sagt), so dass alles Weitere beinahe unwichtig wird. Dennoch versucht Luise immer wieder sich als Frau am Bauhaus durchzusetzen – aller Widrigkeiten zum Trotz.

Wie eingangs bereits erwähnt, gehört das Bauhaus zu einer für mich äußerst faszinierenden Zeit. Eine Welt im Umbruch, nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich – und das in vielerlei Hinsicht. Zwischen zwei Weltkriegen, Verlustangst und Lebensfreude, mehr oder weniger erfolgreichen Emanzipationsversuchen der Frau und neuen Lebenseinstellungen blitzen doch immer wieder noch die alten Werte durch. Das ist nicht immer schön, aber im Falle des Bauhauses soll und wird es das sein – zumindest im ästhetischen Sinn. Der Grundgedanke, die Kunst von der Industrialisierung zu entbinden – Kunst also als solche wieder begreiflich und dennoch funktional zu gestalten – hat etwas sehr Altmodisches und zugleich Modernes an sich. Diesen Gedanken greift Enzensberger auf und verwebt ihn gekonnt und detailreich in „Blaupause“. Processed with VSCOcam with t1 preset

Was mich dabei aber leider etwas gestört hat ist die Überfülle an Detailwissen, die Enzensberger in jeden noch so kurzen Absatz packt. Es scheint fast so, als würde hier das journalistische Schreiben durchkommen, denn häufig schiebt sie in einem Nebensatz das wer/wie/was/wo ein, welches an dieser Stelle (oder manchmal auch gar nicht) von Belang ist. Dadurch wirken ihre Sätze etwas hölzern, nicht greifbar und oft ein wenig leidenschaftslos. Diese Leidenschaftslosigkeit versucht die Geschichte an anderer Stelle mit kleinen Romanzen („Männergeschichten“) und anderen Problemen der Protagonistin Luise (z.B. in der Familie, mit Freunden oder als Frau an sich) wieder wett zu machen. Das gelingt eher mäßig. Luise überzeugt leider weder als Hauptfigur noch als emanzipierte Frau. Die Protagonistin will rebellisch, revolutionär und selbstbestimmt sein, verstrickt sich aber viel zu oft in naiven, anderen (vor allem Männern) hinterherlaufenden Gedanken. Sie versucht und versucht ihren Weg zu gehen, aber auch wenn sie sich letztlich von einigen Dingen (auch hier gilt: vor allem Männern) losreißen kann, hakt es doch irgendwie. Hier ein Beispiel: „Ich möchte nicht, dass mein Name auf diesem langweiligen und unpraktischen Entwurf steht, aber alleine kann ich nichts gegen Karl ausrichten. Ich tröste mich mit dem Gedanken an meine Siedlungsentwürfe, auf die ich mehr Zeit verwenden kann, wenn ich mich hier nicht verausgabe.“ Aus dem Zusammenhang gerissen klingt es gar nicht so unterwürfig, aber im Kontext hat es mich doch sehr gestört. Es tut mir furchtbar leid das so zu schreiben, weil ich sowohl Thema als auch Idee des Buches wirklich grandios finde und man merkt, dass Enzensberger viel Zeit und Mühe in ihre Recherchearbeit investiert hat, aber leider überzeugen mich weder Inhalt noch Schreibstil ausreichend, um es vorbehaltlos empfehlen zu können. – Wer sich nun jedoch wie ich für das Bauhaus, Architektur, Design und die 1920er interessiert, der sollte hier ruhig mal reinlesen! Außerdem ist dies lediglich mein persönliches Empfinden, zum Beispiel findet ihr auf fluffywordsblog eine äußerst lesenswerte Besprechung zu „Blaupause“, die ich euch nur ans Herz legen kann.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hanser Verlag – 256 S. – ISBN: 978-3-446-25643-9

[Rezension] „Fast eine Liebe. Carson McCullers und Annemarie Schwarzenbach.“ | Alexandra Lavizzari

„Fast eine Liebe“ von Alexandra Lavizzari befasst sich mit der tragischen Liebesgeschichte zwischen den beiden Schriftstellerinnen Carson McCullers („Das Herz ist ein einsamer Jäger“) und Annemarie Schwarzenbach („Das glückliche Tal“), die, wie der Titel schon sagt, nur fast eine Liebe ist.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Carson McCullers gilt mit Anfang 20 als ‚Shooting Star‘ der US-amerikanischen Literaturszene der 1940er Jahre und steht von einem Tag auf den anderen plötzlich im grellen Licht der Öffentlichkeit. In diesem ersten Jahr als „Berühmtheit“ lernt die zunächst schüchterne Carson McCullers die Reiseschriftstellerin Annemarie Schwarzenbach in New York kennen, welche ihr sofort imponiert und die sie in eine Art magischen Bann zieht. Beide freunden sich an, die Anziehungskraft ist enorm, beinahe greifbar, aber doch bleiben sie für die je andere ein Stück weit unerreichbar. Ihre Liebe lässt sich schwer in Worte fassen, handelt es sich doch um viel mehr und gleichzeitig viel weniger als das. Es ist eine Art Seelenverwandtschaft, die beide zugleich immer wieder verspüren, selbst wenn sie sich weit voneinander entfernt aufhalten. Man könnte im Nachhinein sagen, dass sich schlichtweg nie der richtige Zeitpunkt für sie ergeben hat. Nicht, weil Carson McCullers verheiratet und Annemarie Schwarzenbach mit der Ehefrau Heinz von Opels liiert – beide also bei ihrer ersten Begegnung „vergeben“ – gewesen sind, sondern weil es die jeweiligen Lebensumstände nicht zugelassen haben. Krankheiten, Drogen, Skandale und ein zeitweilen unfreies Herz Schwarzenbachs (welches für Erika Mann geschlagen hat) standen ihnen beiden im Weg.

Alexandra Lavizzari zeichnet auf sehr feinfühlige Art und Weise das Leben beider Autorinnen nach, indem sie eine Doppelbiografie schreibt, die sich sowohl mit Carson McCullers als auch mit Annemarie Schwarzenbach als Einzelpersonen befasst, aber auch genügend Raum für die Liebe der beiden, die eigentlich keine „richtige“ ist, lässt. McCullers und Schwarzenbach sind an sich grundverschieden, aber doch gleich – gerade darin liegt der Zauber ihrer Anziehungskraft. Lavizzari berichtet von den unterschiedlichen Schicksalen beider, von der Schlüsselfigur Erika Manns, der Krankheit McCullers (die aber auch dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen ist) und der Drogensucht Schwarzenbachs, ihrer Seelenverwandtschaft zueinander, ihrem stetigen Streben nach Liebe und Anerkennung, die beide zugleich wieder abstoßen und ihrem schriftstellerischen Wirken, welches sie gegenseitig bewundert haben. Es ist eine tragische, aber auch eine schöne Geschichte, die Lavizzari äußerst gelungen erzählt, ohne dabei wertend zu sein (was nicht immer einfach ist) und die leicht federnd in einem nachhallt.

Ich bin erst mit diesem Buch auf den Verlag „ebersbach & simon“ aufmerksam geworden, aber schon jetzt sehr begeistert. Im Fokus des Verlages stehen Bücher und Kalender von und über außergewöhnliche Frauen, die allesamt durch ihre liebevolle Aufmachung mit qualitativ hochwertigen Inhalten bestechen. Es ist ein kleiner, unabhängiger Verlag, der pro Jahr circa 20 neue Titel auf den Markt bringt, die wohl gewählt ins Programm passen. (Quelle: hier) Für mich wird es mit Sicherheit nicht das letzte Buch aus diesem Verlag gewesen sein.

Ich danke dem ebersbach & simon Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar!

ebersbach & simon Verlag – Reihe: blue notes 65 – 144 S. – ISBN: 978-3-86915-139-7

 

[Rezension] „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ |Dr. Ortrud Westheider (Hrsg.), Michael Philipp (Hrsg.)

Es ist mal wieder an der Zeit für ein wenig Kunst hier auf dem Blog, oder? „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ aus dem Prestel Verlag widmet sich amerikanischer moderner Kunst (klingt irgendwie merkwürdig auf Deutsch, also besser: American Modern Art) der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die erstaunlicherweise noch relativ unbekannt in Europa ist. Klar, von Edward Hopper und Mark Rothko hat man sicher schon mal irgendwann etwas gehört, aber was ist zum Beispiel mit Milton Avery, Marsden Hartley, Georgia O’Keeffe oder John Sloan?

fullsizerender1.jpg

Dem Kunstsammler und Mäzen Duncan Phillips ist es zu verdanken, dass 1921 das erste Museum für Moderne Kunst in den USA eröffnet werden konnte (noch vor dem allseits bekannten Museum of Modern Art in 1929). Nämlich in seinem eigenen Haus. Später wird das gesamte Wohnhaus zum Museum werden und als solches (meines Wissens nach) auch heute noch dienen. Die Sammlung der sogenannten „Phillips Collection“ beherbergt und verdeutlicht die Entwicklung der amerikanischen Malerei der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts mittels drei dominierender Themengebiete: Landschaften, Portraits und Stadtbilder. Aktuell kooperiert die Phillips Collection mit dem Museum Barberini Potsdam und zeigt vom 17. Juni bis 03. Oktober 2017 ausgewählte Werke. Wer sich diese (wie ich) leider nicht persönlich anschauen kann, der freut sich vielleicht über das thematisch begleitende Buch hierzu.

In „From Hopper to Rothko. America’s Road to Modern Art“ findet sich neben bebilderten Essays von Susan Behrends Frank, Miriam Häßler, Alexia Pooth, Susanne Scharf, Corinna Thierolf, Ortrud Westheider und Sylvia Yount allerhand Wissenswertes über Duncan Phillips und die Phillips Collection sowie je kurze Künstlerbiografien zu den einzeln genannten Künstlern am Ende des Bandes. Die Essays behandeln chronologisch die Entwicklung und Veränderung der American Modern Art von Anfang des 20. Jahrhunderts bis nach dem 2. Weltkrieg. Von Portrait-Malerei, über den Einfluss des Impressionismus aus Frankreich, die Werke Marsden Hartleys, der psychologisch-innerlichen Städtebetrachtung Edward Hoppers, die abstrakten Landschaftsbilder Arthur Doves und Georgia O’Keeffes bis hin zur abstrakten Malerei z.B. Mark Rothkos (und mehr!). Ausstellung und Buch zeigen nicht nur die verschiedenen Künstler und Kunstwerke, sondern vielmehr noch auch eine gesellschaftliche, kulturelle und künstlerische Entwicklung Amerikas.

Alle Essays sowie Vorwort und bibliographische Angaben sind auf Englisch verfasst. Es sollte aber sprachlich aufgrund der vielen Bildbeispiele kaum ein Problem geben. Inhaltlich sind die Essays knapp und nüchtern, aber gut verständlich und sinnvoll aufgebaut verfasst. Genau deswegen finde ich „From Hopper to Rothko. Americas’s Road to Modern Art“ äußerst gelungen. Ob nun aus Interesse an American Modern Art bis 1945 oder als Ausstellungskatalog ist dieser Band nicht nur ansehens- sondern vor allem auch lesenswert und informativ!

Prestel Verlag | 248 S. | 219 farbige Abbildungen | ISBN: 978-3-7913-5693-8

[Rezension] „Sieh mich an“ | Mareike Krügel

„Sieh mich an“ ist Mareike Krügels vierter Roman und wird mit folgenden Worten vom Verlag kurz zusammengefasst: „Man kann ja nicht einfach sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind. Das denkt Katharina, seit sie vor Kurzem das Etwas in ihrer Brust entdeckt hat. Niemand weiß davon, und das ist auch gut so. Denn an diesem Wochenende soll ein letztes Mal alles wie immer sein. Und so entrollt sich das Chaos eines ganz normalen Freitags vor ihr. Während sie aber einen abgetrennten Daumen versorgt, ihren brennenden Trockner löscht und sich auf den emotional nicht unbedenklichen Besuch eines Studienfreundes vorbereitet, beginnt ihr Vorsatz zu bröckeln, und sie stellt sich große Fragen: Ist alles so geworden, wie sie wollte? Ihre Musik, ihre Kinder, die Ehe mit dem in letzter Zeit viel zu abwesenden Costas? Als der Tag fast zu Ende ist, beschließt sie, endlich ihr Geheimnis mit jemandem zu teilen, den sie liebt. – Die Heldin in Mareike Krügels rasantem, klugem Roman gehört ganz sicher zu den einnehmendsten Frauengestalten in der deutschen Gegenwartsliteratur.“ (Quelle: Piper Verlag)

Ich persönlich habe bereits nach den ersten Zeilen des Verlagstextes beschlossen, dass ich das Buch lesen muss. Nein, muss möchte. Es verspricht ein ernstes, sensibles und heikles Thema in authentischen Humor zu verpacken, der ja gerade bei solchen Dingen unfassbar wichtig ist.

Processed with VSCOcam with t1 preset

Kathi ist Mama zweier Kinder, einem halberwachsenen und recht ruhigen Jungen (Alex) und einer hibbeligen, lauten, anstrengenden, aber doch äußerst sympathischen Tochter (Helli). Costas, Kathis Mann, ist aufgrund seiner Arbeit die meiste Zeit nicht Zuhause, weshalb der Alltag an Kathi hängenbleibt. Klingt jetzt nach Klischee, ist aber so humorvoll beschrieben, dass es das absolut wettmacht. Zu Beginn des Buches finden wir uns mit Kathi und Helli in deren Schule wieder. Helli hat Nasenbluten (mal wieder) und treibt damit und mit ihrer Nasenblutspur die Sekretärin in den Wahnsinn. Kathi nimmt es gelassen und ihre Tochter mit nach Hause, ihren Termin muss sie absagen, dafür aber einen Vermerk in ihrem Notizheft machen: Tampons für Helli kaufen. Nach und nach erfahren wir als Leser|in, dass sich da ein Etwas in Kathis Brust befindet. Weshalb Kathi sich eigentlich wünscht, alles bliebe so wie immer. Ihre Gedanken, Gefühle und Ängste diesbezüglich behält sie für sich und vertraut sich lediglich ihrem Notizbuch an. Wir als Leser|in erfahren durch die Ich-Erzählweise sowie Rückblenden Kathis mehr über sie, Costas und ihr gemeinsames Familienleben, all ihre Sorgen und Erlebnisse und tauchen auf diese Weise tiefer in ihre Familiengeschichte ein, die uns verstehen lässt, wieso Kathi so und nicht anders handelt – und vor allem, was sie bewegt.

Ich habe wirklich oft gelacht und mich der Familie, trotz Katastrophenmodus und manchmal doch leicht überzogener Realität sehr nahe gefühlt. Es ist so wichtig, heiklen Themen wie Krankheit und Tod, die leider allgegenwärtig sind, mit Humor zu begegnen. Man darf das Leben nicht als ein Trauerspiel begreifen, man muss sich mit Lachen und Humor den „bösen“ Dingen des Lebens entgegenstellen. Nur so wird es erträglich!

Achtung: Spoiler!

Die Rückblenden habe ich sehr gerne gelesen, wodurch wir als Leser|innen sehr viel mehr über die eigentlichen Gründe für Kathis Verhalten erfahren können und auch so manches kleine Geheimnis aufgedeckt wird. Bis zum Schluss bin ich schier begeistert gewesen, aber leider haben mir die letzten knapp 50 Seiten weniger zugesagt. Die finale Szene auf der Party empfand ich als zu an den Haaren herbeigezogen, auch wenn es perfektes Kinomaterial ist. Ebenfalls eher missfallen hat mir die Tatsache, dass Kathis Krankheit „offen bleibt“. Bis zum Schluss wird immer vom nahen Tod gesprochen, aber letztlich stellt sich heraus, dass Kathi erst noch untersucht werden muss. Da sollte man vielleicht doch etwas vorsichtig sein. Einen Knoten in der Brust zu haben heißt nicht gleich sterben zu müssen. Dass man sich angesichts eines solchen Befundes Gedanken über sein ganzes bisheriges und auch sein zukünftiges Leben macht, ist klar und absolut verständlich. Dies macht das Buch auch sehr gut deutlich, indem Kathi sich und alles in ihrem Leben hinterfragt, sich nach dem „was wäre, wenn?“ umschaut und sich ihre Kinder in Zukunft ohne sie vorstellt. Leider verpasst die Autorin es aber, hier eine Grenze zu ziehen – zwischen „ich bin tatsächlich todkrank“ und zwischen „ich befürchte, ich bin todkrank“ – und lässt so am Ende die Geschichte und vor allem Kathi etwas unglaubwürdig, zumindest aber überzogen dastehen. Vielleicht bin ich da auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen etwas pingelig, aber dies ist nun mal meine persönliche und subjektive Meinung und ich bitte euch, mir das nicht übel zu nehmen. Nichtsdestotrotz hat mir das Buch (abgesehen vom letzten Teil) außerordentlich gut gefallen, vor allem aufgrund des klugen Witzes, des trockenen Humors und des eingängigen Schreibstils!

Herzlichen Dank an den Piper Verlag für das Rezensionsexemplar!

Piper Verlag |256 S. |Hardcover mit Schutzumschlag | ISBN: 978-3-492-05855-1

 

[Rezension] „Die neunte Stadt“ | J. Patrick Black

Ich habe einen kleinen Ausflug ins Genre des Sci-Fi gewagt, oder besser gesagt in eine Dystopie: „Die neunte Stadt“ von J. Patrick Black verspricht ein aufreibendes Zukunftsszenario zu sein. Mit allem, was so dazugehört. Aliens, die die Menschheit bedrohen; ein Kampf um die Erde; geheimnisvolle Kräfte; einige wenige auserlesene Helden, die die Erde retten sollen. Das mag jetzt abgedroschen klingen und diejenigen unter euch, die generell weder Fantasy noch Science-Fiction mögen, werden vielleicht sogar mit den Augen rollen und sich denken: Was für ein Käse. Aber bitte nicht vorschnell urteilen. In den meisten Geschichten steckt sehr viel mehr drin, als man vermuten würde und auch wenn ich keine regelmäßige Sci-Fi-Leserin bin, finde ich es doch ab und zu sehr gut, darin einzutauchen und einen anderen Blickwinkel einzunehmen. (Vielleicht auch einfach nur, um der Realität zu entfliehen.)

Processed with VSCOcam with t1 preset

„Die Erde in der Zukunft: Ausgerechnet am Valentinstag wurde die Menschheit von einer unbekannten, mächtigen Alien-Spezies angegriffen. Innerhalb kürzester Zeit wurden Länder zerstört und Städte dem Erdboden gleichgemacht. Und doch waren die Menschen nicht völlig wehrlos, denn der Angriff der Aliens stattete sie mit einer Macht aus, die sie bisher ins Reich der Magie verbannt hatten. Nun, fünfhundert Jahre später, tobt der Kampf um die Erde noch immer, und das Schicksal der gesamten Menschheit ruht auf den Schultern von acht ungleichen Helden. Dies ist ihre Geschichte…“ (Verlagsbeschreibung; Quelle: hier)

Es dauert ein Weilchen, bis man wirklich in der Geschichte angekommen ist. Zunächst werden dem|der Leser|in die verschiedenen Protagonisten Jax, Naomi, Torro, Vinneas, Rae, Imway und Kizabel vorgestellt, was bei der Anzahl der Figuren natürlich einige hundert Seiten dauert. Der Autor J. Patrick Black lässt die Personen je aus der Ich-Perspektive erzählen und so aus ihrer Sicht das Geschehen schildern. Da es sich um recht unterschiedliche Charaktere mit je besonderen Eigenarten handelt, ist es als Leser|in ab und an – vor allem zu Beginn – etwas schwierig, den roten Faden des Buches zu finden bzw. der Geschichte folgen zu können. Die Story an sich nimmt so auch erst nach ca. 200 Seiten richtig an Fahrt auf. Man muss also wirklich etwas Ausdauer beweisen, sollten einem lange Personenbeschreibungen, die zwar das wieso, weshalb und warum erörtern, aber doch etwas langatmig wirken können, eher stören. Sobald man den eigentlich spannenden Teil der Geschichte erreicht hat, wird es sehr detail- und bildhaft. Black lässt eine Welt auferstehen, die nach Kinosaal und Popcorn ruft. Das ist zwar sehr gut, an manchen Stellen allerdings so viel, dass man ein wenig den Überblick verliert. Ich habe aber auch noch keinen Roman dieser Art gelesen, bei dem das nicht der Fall ist. Ein bisschen verwirrt zu sein ist wohl einfach eine normale Begleiterscheinung eines „Kampfchaos“ (egal ob Film oder Buch) – vielleicht liegt es aber auch nur an mir selbst.

„Die neunte Stadt“ beinhaltet keine noch nie dagewesene Geschichte, dafür gibt es einfach auch viel zu viel Konkurrenz, aber doch ist seine Umsetzung recht gut gelungen, sodass sich einige angenehme Lesestunden verbringen lassen. Es ist allerdings kein Buch, welches man unbedingt gelesen haben muss – und das soll gar nicht böse klingen – denn es hat definitiv noch Luft nach oben (dafür ist es auch Black’s Debütroman), aber wer Lust auf eine gute Mischung aus Dystopie, Sci-Fi und vielleicht ein bisschen Fantasy hat, der wird hier sicher fündig.

Aus dem Amerikanischen von Markus Mäurer | Heyne Verlag | 800 S. | ISBN: 978-3-453-31788-8