[Rezension] „Dann schlaf auch du“ | Leïla Slimani

Schon oft gesehen, aber doch irgendwie nie so ganz und gar wahrgenommen habe ich Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“. Dieses Buch kommt so unscheinbar daher, hat es aber ordentlich in sich. Und das meine ich durchaus sehr positiv.

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Ein berufstätiges, engagiertes und gesellschaftlich angesehenes Ehepaar mit zwei kleinen Kindern stellt unterstützend eine Nanny ein, die sich um die Kinder kümmern soll, während das Paar an der Arbeit ist. Schnell entwickelt sich eine sehr enge, fast schon einengende, Bindung zwischen der Nanny und den Kindern, aber auch die Eltern gewöhnen sich rasch an Louise, die irgendwie beinahe mit zur Familie gehört. Sie ist immer da. Sie erledigt alle anfallenden Arbeiten und kümmert sich – man könnte es aufopfernd nennen – um alles. Sie kocht, sie putzt, sie spielt mit den Kleinen, ist wie ein Schatten immer da, wo sie gebraucht wird und fällt dabei kaum auf. Doch niemand kennt Louise eigentlich wirklich. Wer ist diese Frau, wenn sie nach Hause geht? Wenn sie den Tag von sich abstreift? Ist sie glücklich? Hat sie eine eigene Familie, die auf sie wartet? Kann man ihr wirklich trauen?

Gleich zu Beginn werden wir mit dem katastrophalen Ende der Geschichte konfrontiert, das schonungslos bereits im ersten Kapitel auf uns wartet. In den darauffolgenden Kapiteln erfahren wir Stück für Stück, wie es dazu kommen konnte und was wirklich passiert ist. Dadurch, dass wir als Leser eigentlich bereits im Groben wissen, was geschehen ist, aber die Details erst nach und nach erfahren, entfaltet sich eine unfassbar spannende und dichte atmosphärische Erzählung, die man beinahe nicht mehr aus der Hand legen kann und mag. Die Autorin spielt gekonnt mit der Erzählweise, begleitet vorrangig die Nanny Louise, dann die Mutter Myriam und lässt einzelne, nur am Rande des Geschehens beteiligte, Personen kurz in den Fokus rücken, so dass sich das ganze Ausmaß der Geschichte langsam und Stück für Stück ermitteln lässt. Als Leser entwickelt man automatisch eine gewisse Empathie mit gleichzeitiger Antipathie der Hauptfigur gegenüber, die irgendwie ein Mysterium bleibt, was das Lesen noch mal ein Stück aufregender macht, denn man hat permanent das Gefühl, man könne Louise vielleicht helfen oder das Rätsel um sie lösen. Die Eltern, die recht klischeehaft dargestellt werden, werden einem als Leser trotzdem durchaus sympathisch und auch mit ihnen möchte man kommunizieren, Ratschläge erteilen, denn aus unserer Perspektive weiß man, dass ein böses Ende naht.

Es ist ein düsteres Buch – und das ist keineswegs schlecht, im Gegenteil -, es ist ein fesselndes Buch und es hat das Zeug dazu, einen noch lange nach dem Lesen daran denken zu lassen. Theoretisch kommt die Handlung nicht überraschend, aber doch möchte man manchmal: oh!, ausrufen, weil man nicht damit rechnet, auf welche Weise etwas geschieht. Man merkt wahrscheinlich, dass ich versuche Worte für etwas zu finden, das sich schlecht mit bloßen Sätzen beschreiben lässt. (Vor allem, wenn man so wenig wie möglich vom Inhalt verraten möchte!) Darum rate ich tatsächlich einfach dazu dieses Buch zu lesen, so unscheinbar es vielleicht auf den ersten Blick wirken mag. Es hallt nach – und das sind die wirklich guten Bücher!

Aus dem Französischen von Amelie Thoma | Luchterhand Literaturverlag | 224 S.

[Rezension] „TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ | Louise Cheadle & Nick Kilby

Darf’s ein bisschen Tee sein?, fragt die nette Dame im fliederfarbenen Kostüm, die sonntags gerne Pferderennen besucht und dabei nie vergisst, den passenden Hut zu tragen, während sie erwartungsvoll lächelnd eine Hand auf den Deckel der hübsch anzusehenden Teekanne legt und in der anderen Hand einen Teller mit Scones bereithält. – Ungefähr das ist das Bild, das ich jahrelang mit mir herumtrug, wenn ich an Tee dachte. Tee, der ist typisch britisch. Tee, der ist irgendwie ein bisschen konservativ. Stimmt nicht. Tee ist der neue Wein! Das zumindest las ich vor knapp zwei Jahren in einem Artikel des ZEIT Magazins und wäre ich da nicht eh schon eine Teetrinkerin gewesen, dieser hätte mir Tee mit Sicherheit schmackhaft gemacht.

Seit Jahren versucht sich der Tee von seinem angestaubten Image zu befreien – und das gelingt ihm auch recht gut. Mal ganz davon abgesehen, dass es viele Tees gibt, die eine heilende Wirkung haben, schmeckt Tee auch einfach richtig gut, wenn man weiß, wie man welche Sorte zubereitet, wofür oder wogegen man welchen Tee einsetzt und was zu welchem Gericht am besten schmeckt. (Usw., usw.!)

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In „TEE. Sorten, Anbau, Geschichte, Zubereitung, Rezepte und vieles mehr“ steckt genau das drin. Louise Cheadle und Nick Kilby, selbst leidenschaftliche Teetrinker und Gründer von „Teapigs“, nehmen uns u.a. mit auf eine Weltreise durch die teetrinkenden Nationen dieser Welt und zeigen, welch unterschiedliche, aber wichtige Rolle Tee für manche Kulturen spielen kann. Nebenbei geben sie einen kurzen Überblick über die Geschichte des Tees – eine Geschichte, die unfassbar interessant und erstaunlich zu lesen ist, wenn man – wie ich – davon so gar keine Ahnung gehabt hat, informieren, wo und wie Tee hergestellt wird, welche Teesorte zu welchem Gericht passt und noch vieles mehr. Wer zum Beispiel schon immer mal wissen wollte, wie man den perfekten Matcha-Tee zubereitet, dieses Buch verrät es euch! Weiterhin habe ich gelernt, dass in China pro Jahr 548.043 kg Tee verbraucht werden (S. 18/19) und somit die „Topteenation“ ist, was sicher auch auf die Bevölkerungszahl zurückzuführen ist. Deutschland befindet sich da eher so im Mittelfeld. Ganz allgemein stecken in diesem Buch neben vielen nützlichen und toll recherchierten Teeinformationen auch eine Menge Anekdoten und ganz viel Detailliebe. Man blättert gerne durch das Buch, schaut sich die Illustrationen, Fotos und Rezepte an und bekommt schlichtweg einfach sehr große Lust auf… ja, auf was? Tee! Einzig ein wenig bemängeln könnte man die Tatsache, dass auf das Thema „fair trade“ bzw. faire Arbeitsbedingungen nicht in dem Ausmaß eingegangen wird wie ich es mir gewünscht hätte. Die beiden Autoren stellen zwar ihre eigenen Teelieferanten vor, aber es wirkt doch ein wenig so wie Werbung für ihr Unternehmen, was es vielleicht letztlich auch ist. Das lässt sich nachvollziehen, bleibt aber dennoch ein Kritikpunkt. Nichtsdestotrotz ist es ein tolles Buch, nicht nur, aber vor allem für (angehende) Teetrinker! Und jetzt möchte ich mich da bitte einmal durchprobieren, „durchtrinken“ klingt ja doch ein wenig komisch. (Auch wenn es – wie bei Wein – eine Teeprobe gibt!)

Aus dem Englischen von Stefanie Kuballa | Prestel Verlag | 208 S.

[Rezension] & [Geschenktipp] „Der Weihnachtosaurus“ |Tom Fletcher mit Illustrationen von Shane Devries

Dinosaurier sind das, was Lamas, Faultiere, Einhörner und Eulen immer sein wollen, – denn, hey, sie sind einfach cool. Doch mehr als bloß Coolness, bieten Dinosaurier Raum für längst vergangene Zeiten, Fantasie und, ja, auch ein bisschen Magie. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich bei „Im Land vor unserer Zeit“ gebannt vor dem Fernseher saß und auch heute gibt es jede Menge Dino-Filme, -Bücher und -Figuren… Eh, habe ich schon erwähnt, dass Dinos cool sind?

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Noch cooler ist allerdings „Der Weihnachtosaurus“ von Tom Fletcher, in dem sich ein kleiner Junge namens William Trudel nichts mehr wünscht als einen echten Dinosaurier zu Weihnachten. Er hätte allerdings nicht gedacht, dass sich dieser Wunsch erfüllen lassen könnte, aber da hat er wohl nicht mit dem „Oh, heiliger Spekulatius“ ausrufenden Weihnachtsmann und seinen reimenden Helfern aka Wichteln gerechnet. Selbstverständlich dürfen in solch einer munteren Runde auch keine Bösewichte fehlen. Diese Rolle übernehmen der fiese Jäger mit seinem Hund Knurre, die es beide auf den Weihnachtosaurus abgesehen haben. Und auch Brenda Pein macht William das Leben schwer, aber ist sie wirklich das gemeinste Mädchen der Schule oder steckt vielleicht etwas ganz Anderes dahinter? Achso – und dann gibt es da noch die Eltern von William und Brenda, die so ihre ganz eigenen Sorgen um Weihnachten herum haben…

„Der Weihnachtosaurus“ ist eine wunderbar liebevoll gestaltete und urkomisch erzählte Weihnachtsgeschichte, die es schafft, sämtliche Weihnachtsklischees bunt und herzerwärmend zu verpacken, so dass man dieses Buch einfach nur lieben kann. Wirklich! Beinahe jede Seite ist passend illustriert und dank der Geschichte und der vielen Bilder definitiv nicht nur etwas für die Kleinen, sondern auch für die ganz Großen, die mal wieder Lust haben in eine turbulente, fantasievolle Weihnachtsgeschichte einzutauchen. Tom Fletcher beweist hier ein ums andere Mal sein Talent für Wortspielereien und sein Geschick, aus einer einfachen Geschichte etwas ganz Besonderes zu machen. Für mich das beste Weihnachtsbuch des Jahres. Und: wie ihr vielleicht gemerkt habt, habe ich zum Inhalt absichtlich nicht zu viele Worte verloren (vor allem, was die Details angeht), denn der Weihnachtosaurus soll euch von ganz alleine verzaubern!

Aus dem Englischen von Franziska Gehm | empfohlen ab 8 Jahren | cbt Verlag | 384 S. mit s/w Illustrationen