[Rezension] „Das Umgehen der Orte“ von Fabian Hischmann

„Das Umgehen der Orte“ ist Fabian Hischmanns zweites Buch und da mich sein Debütroman „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ so umgehauen hat, dass ich es innerhalb eines Abends am Stück gelesen habe, war ich sehr gespannt auf seinen zweiten Roman. Die Erwartungen sind da natürlich groß, aber auch die Angst vor einer Enttäuschung. Kann mich das Buch wieder so stark Zeit und Raum vergessen lassen? Werde ich auch hiervon noch tagelang sprechen und sämtliche kreativen Kniffe geistig analysieren wollen? (Denn kreativ schreiben, das kann der Hischmann allemal.)

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In „Das Umgehen der Orte“ treffen verschiedene Figuren in unterschiedlichen Situationen aufeinander und sind doch alle miteinander verbunden – vor allem im Umgehen „ihrer“ Orte. Da gibt es „die dicke“ Lisa, die einfach nicht frieren kann und eines Tages ihren toten Vater auf der Toilette findet. Sie lernt Anne kennen, das neue Nachbarmädchen, die mit ihr zusammen die Welt auf den Kopf stellen will. Sie beide gegen den ganzen miesen Rest. Aber irgendwann wirft auch diese Liebe einen dunklen Schatten voraus. Spätestens als Magnus ins Spiel kommt.

– Cut – Es treten neue Personen auf –

Niklas, der in einer Seehundstation arbeitet und irgendwie immer noch an Samuel, seiner (damals nicht eingestehen wollenden?) Liebe, hängt, welcher mittlerweile tot ist. Eines Nachts begegnet er Lennart. Vielleicht ist er der Richtige?

Wir treffen auf Tim, Timmy, dessen Bekanntschaft wir bereits auf den letzten Seiten von „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ machen durften und zusammen mit ihm taucht noch ein weiterer Bekannter auf: Max Flieger, die Hauptfigur aus eben jenem ersten Roman.

Dylan, Katja, Silke, Philip, Clara, Theo, Robin, Hannes, Matteo… – alles Figuren, die mal kurz aufblitzen, dann wieder verschwinden. Alle werden von etwas angetrieben oder auch vertrieben. Sie sind schwer greifbar, aber doch wichtig.

– Erneuter Cut –

Anne taucht wieder auf und mit ihr gegen Ende auch wieder Lisa. Der Kreis schließt sich und die Geschichte beginnt Sinn zu machen. Jetzt ist der Leser gefragt, denn so langsam dämmert es ihm, dass da mehr dahinter steckt.

Alle Personen in „Das Umgehen der Orte“ sind auf irgendeine bestimmte oder unbestimmte Art und Weise miteinander verbunden. Oft bemerkt man das beim ersten Lesen nicht, man muss schon genauer hinschauen, zurückblättern, nachdenken, Verbindungen und Verbindungsnetze herstellen. Doch nicht nur das, hier „muss“ man alles lesen – vor allem Überschriften und zwischen den Zeilen, dann erkennt man sogar die kleinen Links zu „Am Ende schmeißen wir mit Gold“ und die übergreifenden Motive in beiden Büchern. Zum Beispiel das Tiermotiv (eine Figur hat immer einen Hang zu Tieren, sei es nun Fotografie/Film oder bloß das Arbeiten mit ihnen), das Todesmotiv eines oder gleich beider Elternteile, das Beziehungs- und Liebeswirrwar und bestimmt noch etliche Dinge, die ich bisher auch noch nicht erkannt habe.

Man kann Hischmann nur für seine Art zu schreiben bewundern. Auch wenn einem während des Lesens oft nicht ganz klar ist, wo das alles hinführen soll, einem manche Stellen zu vulgär oder gar unnötig erscheinen, ergibt am Ende alles einen Sinn – und dann ist das auch noch so klug und kreativ umgesetzt. Es macht Spaß als Leser selbst gefordert zu sein, die Kniffe und kreativen Einfälle zu entdecken und da darf man manchmal auch denken: Äh, was soll denn das? Das ist ok. Das soll so. Irritieren, verwirren und dann zusammenführen, das macht „Das Umgehen der Orte aus“ – sprachlich schwankt Hischmann dabei zwischen gewöhnlich und außergewöhnlich – auch das soll vermutlich so – und es fügt sich gut ein.

Vermutlich sind Fabian Hischmanns Romane nicht jedermanns Sache und höchst wahrscheinlich spricht er eher das jüngere Publikum an – und das ist gut. Wir brauchen mehr junge deutsche Literatur, die bewegt und kunstvoll ist. Auch wenn ich länger gebraucht habe, um mich für „Das Umgehen der Orte“ begeistern zu können als bei „Am Ende schmeißen wir mit Gold“, so finde ich es jetzt umso großartiger. Ich freue mich auf einen hoffentlich dritten Roman von Fabian Hischmann, der mit Sicherheit noch mehr literarisch-kreative Überraschungen bereithält.

Meinen herzlichsten Dank an den Berlin/Piper Verlag für die freundliche Zusendung eines Rezensionsexemplares!

Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH – 208 S. – ISBN: 978-3-8270-1292-0

[Rezension] „Tony & Susan“ von Austin Wright

Erst das Buch lesen, dann den Film schauen – das ist normalerweise meine Vorgehensweise. Doch ab und an läuft es auch umgekehrt ab, wie in dem Fall von „Tony & Susan“ von Austin Wright. Bevor ich den Film „Nocturnal Animals“ im Kino gesehen habe, ist mir gar nicht bewusst gewesen, dass es dazu einen Roman gibt, aber nachdem mich der Film so irritiert, ein wenig verstört und vor allem voller Fragen zurückgelassen hat, habe ich ein wenig recherchiert und Google sowie @literarischernerd sei Dank, dieses Buch aus dem btb Verlag gefunden (einen ganz herzlichen Dank an Randomhouse für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplares).

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Das Grundgerüst der Geschichte ist relativ schnell erzählt. Susan bekommt von ihrem Ex-Mann Edward, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hat, ein Manuskript geschickt. Edward, der sich bereits vor Jahren schon als Schriftsteller versucht hat, dabei aber kläglich gescheitert ist, (was gleichzeitig einer der Gründe dafür ist, warum die Beziehung zwischen Susan und Edward ebenfalls missglückt) versucht nun mit „Nachttiere“ einen Neustart. Das Manuskript soll die Wende in seiner „Karriere“ beschreiben und ihm endlich seinen wohlverdienten Erfolg bescheren. Susan, die zugleich besorgt und neugierig ist, liest sich in das Manuskript ein und gerät in einen tiefen Sog um die darin enthaltene Geschichte von Tony und dessen Familie, die während eines Ausflugs von zwielichtigen Männern von der Straße abgebracht werden, womit eine lange Reihe an sich überbietendem Unglück beginnt. „Nachttiere“ lässt Susan nicht mehr los. Sie kann fast nicht mehr unterscheiden, was Fiktion und was Realität ist und so beginnt sie sich Tony nahe zu fühlen, seinem Elend, seiner Unfähigkeit, seiner Wut und Verzweiflung – so nahe, dass sie beginnt, sich zu fragen, ob Edward auf eine verschlüsselte Art und Weise vielleicht sogar von ihr erzählt?

„Tony & Susan“ ist ein raffiniert und gut geschriebener Roman, der nicht nur Susan, sondern auch den Leser an seine Grenzen des möglich Denkbaren bringt. Was ist Wahrheit? Was ist Fiktion? Dieses literarische Spiel kommt zwar häufiger in Romanen vor, aber nicht immer glückt es auch. In dem Fall von „Tony & Susan“ gelingt es insofern, dass der Leser aufgrund der Perspektive, die er mit Susan einnimmt, sozusagen doppelt Leser ist. Einmal von außen betrachtet (die „normale“ Leseposition) und dann noch einmal im Lesevorgang selbst mit Susan, die als Figur des Romans wiederum einen Roman liest. Dadurch, dass die von Susan gelesene Geschichte „Nachttiere“ („Nocturnal Animals“, nachdem der Film später benannt wird) so spannend und erschütternd und vom Autor so gut inszeniert ist, wird nicht nur die Figur des Romans in den Sog der Geschichte gezogen, sondern auch wir als Leser. Vor und nach jedem Abschnitt des Manuskripts, das Susan liest, werden ihre Gedanken und Erlebnisse wiedergegeben, sodass man als Leser seine eigenen Gefühle beim Lesen von „Nachttiere“ mit denen Susans vergleichen kann und zusätzlich dem Rätsel um Susans und Edwards Vergangenheit auf die Spur kommt bzw. kommen möchte, denn dieses Geheimnis wird immer undurchsichtiger. Was ist damals mit Susan und Edward passiert? Und was ist mit Tony und seiner Familie geschehen? Zwei Erzählstränge, die den Roman „Tony & Susan“ ebenso spannend und erschütternd wirken lassen wie den Film „Nocturnal Animals“. Beides, Film und Buch, ist inhaltlich sogar relativ identisch (bis auf ein paar klug veränderte Details im Film, sodass der Film noch mehr mit Realität und Fantasie spielen kann).

Ich persönlich bin vom Buch fast schon ein wenig enttäuscht, da der Film so gut umgesetzt ist, dass mir „Tony & Susan“ kaum neue Erkenntnisse bringen kann. Offene Fragen, die ich nach „Nocturnal Animals“ gehabt habe, habe ich zum Teil noch immer, aber nichtsdestotrotz sind Buch und Film beide unbedingt lesens- und sehenswert. Vor allem, wenn man ein kluges Verwirrspiel, spannende Szenen, ein wenig verstörende Elemente und offene, fragen hinterlassende, aber dadurch zum Nachdenken anregende Geschichten mag. Lange hat mich kein Film und kein Roman mehr so sehr beschäftigt wie „Tony & Susan“ / „Nocturnal Animals“.

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth – btb Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-442-74704-7

[Rezension] „Das Haus in der Nebelgasse“ von Susanne Goga

An dunklen und grauen Tagen verschlägt es mich oft in eine andere Zeit. Vorzugsweise in eine solche vor Handys und Internet und am allerliebsten nach London, denn von Jennifer Donnellys „Rosentrilogie“ bin ich immer noch begeistert, habe aber leider (bis jetzt) noch nichts Vergleichbares gefunden. Da kam mir der neue Roman von Susanne Goga – „Das Haus in der Nebelgasse“ sehr gelegen.

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Wir befinden uns im London um 1900 herum. Matilda Gray, die Hauptfigur der Geschichte, arbeitet als Lehrerin an einer Mädchenschule und führt ein unabhängiges, relativ freies Leben (man bedenke: Für die damalige Zeit als Frau noch eher selten). Durch ihren Beruf hat sie eine enge Bindung zu vielen ihrer Schülerinnen aufbauen können, doch am stärksten zu Laura. Als diese eines Tages nicht mehr zum Unterricht kommt, beginnt sich Matilda zu sorgen. Ihr Verschwinden ist zwar rational begründbar, doch Matilda ahnt, dass mehr dahinter stecken könnte als es auf den ersten Blick scheint. Nachdem Matilda eine mysteriöse Postkarte von Laura erhält, die sie damit auf eine Art „Schnitzeljagd“ schickt, ist Matilda überzeugt: Hier stimmt was nicht! Immer tiefer gerät die junge Lehrerin in einen Strudel voller Geheimnisse um Laura, ein altes Haus und ein längst vergessen geglaubte Familiendrama, bei der sie sich nicht nur einmal in Gefahr begeben muss. Auf ihrer Suche nach dem Mädchen wird Matilda von Stephen Fleming, einem jungen Historiker, begleitet. Werden die beiden das Rätsel um Laura und das Haus lösen können?

„Das Haus in der Nebelgasse“ liest sich locker-leicht, ohne dabei zu platt zu sein. Man mag sich ja schon denken, dass sich zwischen Matilda und Stephen eine Liebesgeschichte anbahnt, doch diese wird nicht all zu sehr betont und ausgeschmückt, was ich als sehr angenehm empfunden habe. Auch ist die Wortwahl bzw. Sprache der Thematik des Buches angemessen, denn oft wird gerade bei Romanen aus der Kategorie „Historie“ meines Erachtens zu wenig auf einen schönen Schreibstil geachtet, was mich des öfteren ein Buch hat aus der Hand legen lassen.

Die Geschichte wird in der Vergangenheit und größtenteils aus Matildas Perspektive erzählt, immer mal wieder unterbrochen durch kleinere Passagen, in denen Briefe aus einer noch länger vergangenen Zeit von ihr gelesen werden, um so verschiedene Zeiten und das Geheimnis um das Haus miteinander zu verknüpfen.

Geheimnis ist allerdings in dem Fall fast schon zu viel gesagt, denn relativ schnell ist die Handlung vorhersehbar und die Ereignisse sowie das Ende keine große Überraschung, was wirklich schade ist. Auch die Figuren können mich leider nicht wirklich begeistern. Hätte es mehr Szenen (Achtung, kleiner Spoiler!) wie diejenige um Stephens geistig erkrankte Frau gegeben, hätten die Personen sowie die Geschichte mehr Tiefe erhalten, was ich persönlich schon etwas vermisst habe. Denn auch Lauras persönliches Geheimnis und Matildas Ängste kommen teils unglaubhaft herüber. Klappentext und Beginn sind noch recht vielversprechend, aber Seite um Seite wird die Geschichte langatmiger und es ist mühsam, Spannung darin zu finden Aus diesem Grund kann ich das Buch leider nur bedingt weiter empfehlen.

Diana Verlag – 448 S. – ISBN: 978-3-453-35885-0

[Rezension] „Das dunkle Herz des Waldes“ von Naomi Novik

Auf „Das dunkle Herz des Waldes“ bin ich durch eine etwas ungewöhnliche Buchempfehlung einer Bekannten aufmerksam geworden. „Lies dieses Buch unbedingt, auch wenn das Cover, der Titel und der Klappentext dich zunächst eher abschrecken als anlocken sollte!“ – und in der Tat, das Cover und der dazugehörige Klappentext werden dem Inhalt (auch meiner Meinung nach) nicht mal annähernd gerecht. Doch zuerst, wer ist denn eigentlich Naomi Novik? Noch nie gehört? Ja, das liegt daran, dass das„Das dunkle Herz des Waldes“, ihr erster Roman ist. Vorher arbeitete sie im IT-Bereich, hat aber englische Literatur studiert und lebt heute mit ihrem Mann, sowie sechs Katzen zusammen. Das klingt doch irgendwie sympathisch, oder? Und ihr Debütroman, der ist wirklich vielversprechend, wenn er mich auch nicht gänzlich überzeugen kann.

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In „Das dunkle Herz des Waldes“ lebt Agnieszka zusammen mit ihren Eltern in einem friedvollen Dorf, das unweit des Dunklen Waldes liegt. Dieser Ort wird von einer unbekannten dunklen Macht regiert, sodass die Dorfbewohner in Angst und Schrecken leben. Die dunkle Macht bringt Unglück und Krankheit über die Bewohner des Dorfes und nur ein einziger ist in der Lage, die Macht einigermaßen zu besänftigen und unter Kontrolle zu halten: Der „Drache“. Dieser ist kein Drache im eigentlichen Wortsinn, aber im übertragenen – und ein Zauberer, der mit seiner ganzen Kraft gegen die dunkle Macht des Waldes ankämpft. Doch dies tut er nicht, ohne einen Preis dafür zu fordern. Genau alle zehn Jahre wählt er ein junges Mädchen aus dem Dorf aus, welches ihm dienen soll. Als es wieder so weit ist, sind sich alle sicher, dass Kasia, Agnieszka’s beste Freundin, vom Drachen auserwählt wird. Denn Kasia ist besonders, in jeglicher Hinsicht. Gegen aller Erwartungen entscheidet sich der Drache für die chaotische, unberechenbare Agnieska. Also muss doch mehr hinter der Wahl stecken, als bloß eine junge Dienerin auf Zeit zu finden, denn Agnieska hat eine besondere Gabe.

Zunächst sträubt sich Agnieska gegen alles, was ihr der Drache befiehlt. Sie möchte weder Zauberkräfte erlernen, noch sich dem Willen des Drachen beugen, aber als der dunkle Wald seine Macht ein ums andere Mal demonstriert und nun auch Kasia in Gefahr gerät, muss sich Agnieszka entscheiden..

Zugegeben, ich habe wirklich einige Seiten gebraucht, um so richtig in die Geschichte einsteigen zu können. Anfangs war ich noch sehr skeptisch, wo das denn alles hinführen würde. Würde das eine „einfache“ Liebesgeschichte werden? (Da bin ich ja eher nicht so der Fan von) Oder würde da noch mehr passieren? (Und ja, es passiert noch mehr.) Novik ist ein schöner Fantasy-Roman gelungen, der es schafft, individuelle Charaktere und Orte zu kreieren, die einen durch das Buch begleiten und zu treuen Gefährten werden lassen. Zu Beginn störte ich mich jedoch noch sehr an der Sturheit Agnieszkas und der Dominanz des Drachens, denn dieser Kontrast wirkt auf mich zu gewollt und unnatürlich. Zeitweilig ist mir persönlich auch alles etwas zu ausführlich beschrieben, richtig „echte“ Fantasyfans werden das aber wohl eher bejubeln als kritisieren. Mit dem Voranschreiten der Geschichte legte sich aber mein Unbehagen und ich habe die Lektüre genossen, bin aber vielleicht doch zu wenig Fantasyfan als dass mich die Geschichte komplett mitreißen konnte. Empfehlen kann ich „Das dunkle Herz des Waldes“ dennoch allen eingefleischten Fantasyliebhabern und solchen, die es noch werden wollen.

Aus dem Amerikanischen von Marianne Schmidt – cbj Verlag – 576 S. – ISBN: 978-3-570-17268-1

[Rezension] „Der begrabene Riese“ von Kazuo Ishiguro

Vielen dürfte Kazuo Ishiguro vor allem durch seine Romane „Was vom Tage übrig blieb“ (1989), für das er den ‚Booker Prize‘ bekam und „Alles, was wir geben mussten“ (2005) bekannt sein. Beide genannten Werke wurden mit namhaften Schauspielergrößen verfilmt, die Bücher sind weltweite Bestseller – So viel zu den grundlegenden Fakten. Doch was machen Ishiguros Geschichten aus?

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Sie berühren und bewegen den Leser sowohl inhaltlich, als auch durch dessen bildhaft schöne und leise Sprache, die selten geworden ist, seitdem moderne Literatur oft eine klare, präzise und lautstarke Wortwahl bevorzugt. In seinem neuesten Roman „Der begrabene Riese“ vermischt Ishiguro nun sämtliche Genres und schafft ein Werk, welches sich zwischen Literatur, Historie und Fantasy bewegt und wirklich alles ist, nur nicht gewöhnlich. Auch hier überwiegen leise Töne und Naturbeschreibungen, sodass man meint, man stünde tatsächlich im Wald und atme dessen frischen Duft ein. Aber, worum geht es überhaupt in „Der begrabene Riese“?

Wir befinden uns mit Axl und Beatrice im Britannien des 5. Jahrhunderts. Das Paar wird in ihrem Dorf als Außenseiter behandelt, weshalb sie sich dazu entschließen, sich auf die Reise zu ihrem Sohn zu machen, den sie schon lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Dabei treffen sie auf allerhand mysteriöse und zauberhafte Gestalten (Drachen, Ritter, Merlin usw.) und sie lernen, dass ihre Welt unter einem Nebel des Vergessens liegt, weshalb alle Figuren praktisch vergangenheitslos sind. Dieser Nebel ist im Begriff alles und jeden einzuhüllen, sie sozusagen auszulöschen. Wird es Axl und Beatrice gelingen ihre Erinnerungen und somit sich selbst zu bewahren?

„Der begrabene Riese“ ist ein Roman, in dem sich zwischen den Zeilen wohl jeder wiederfinden kann, denn nicht nur die Protagonisten sind von dem Nebel betroffen, sondern irgendwie wir alle. Das Leben rauscht nur so vorbei und wir vergessen, was wirklich zählt, wer wir wirklich sind. Hier bietet das Buch viel Raum für Interpretation, die jedem selbst überlassen ist. Ishiguros so wunderbar zarte Sprache und sein Erzählgeist tragen den Leser von der ersten Minute an und ziehen ihn in eine Art traumhaften Sog, dem man sich nicht entziehen kann, geschweige denn möchte. Einziger Nachteil der ausführlichen Beschreibungen Ishiguros sind die Längen, die der Roman dadurch teilweise aufweist. Zusätzlich sollte man, meiner Meinung nach, ein wenig Historie- und Fantasy affin sein – oder sich eben komplett auf die Geschichte einlassen können, dann begeistert das Buch und lässt einen auch lange Zeit später noch in Gedanken darin eintauchen, so lange man nicht dem Nebel des Vergessens begegnet.

Aus dem Englischen von Barbara Schaden – Heyne Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-453-42000-7

[Rezension] Neuerscheinung im Januar – „Elefant“ von Martin Suter

Der neue Roman „Elefant“ von Martin Suter ist endlich im Diogenes Verlag erschienen (an dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an diesen tollen Verlag für die Zusendung eines Vorab-Leseexemplars!) und bezaubert mit einem kleinen, rosafarbenen Elefantenwunder der Gentechnik. Ein modernes Märchen über das, was wirklich zählt.

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Die Hauptrolle in der „Elefant“ kommt sicherlich, logisch, dem titelgebenden rosaroten Elefanten zu, der sogar im Dunkeln leuchten kann. Wie aus dem Nichts taucht dieses kleine, scheinende Geschöpf vor Schoch, einem Obdachlosen, in dessen verlassener Höhle auf und bezaubert ihn auf Anhieb. Doch woher kommt diese Miniaturausgabe eines grauen Riesen in zartrosa Marzipanhautoptik und welchem Zweck dient es?

Der „Elefant“ besteht aus drei Abschnitten, wobei der Leser im ersten Teil in die Geschichte um den Elefanten eintaucht und selbst nicht weiß, was genau überhaupt passiert ist. Langsam lernt er alle beteiligten Personen kennen. Schoch und die Tierärztin Valerie als Elefantenretter, den Genforscher Roux als maßgeblich beteiligten an dessen Existenz und den burmesischen Elefantenflüsterer Kaung, der sein Herz am rechten Fleck hat und ebenfalls als kleiner rosa Elefantenretter zu gelten hat. Im zweiten Teil erfährt der Leser rückblickend, wie es zur Erschaffung des Elefanten kommen konnte und wieso dieser letzten Endes in Schochs Höhle steht und eine Butterblume futtert. Der dritte Teil setzt wieder am 12. Juni 2016, dem Tag X der Schoch-Elefanten-Zusammenführung, ein und führt die Geschichte fort, die zwischen Teil eins und zwei unterbrochen wurde.

„Elefant“ ist ein zauberhafter Roman, nicht alleine, aber vor allem, des rosa Elefanten wegen. Ich persönlich habe ihn, ebenso wie Schoch, Valerie, Kaung und zahlreiche andere, sofort in mein Herz geschlossen. Noch dazu schafft es Suter den Kleinen so fantastisch zu beschreiben, dass man dieses Geschöpf praktisch vor sich leuchten sieht. Gleichzeitig kritisiert der Autor, versteckt, aber vorhanden den kommerziellen Wert von Wissenschaft und Gentechnik, der heute zum Teil über dem individuellen Wert eines Einzelnen (ob Mensch oder Tier) steht. Im Roman repräsentieren der Genforscher und sein Gefolge den die-Gesetze-der-Natur-missachtenden-Part, also die „Unmenschlichkeit“, wohingegen Schoch, Valerie und Kaung für „Menschlichkeit“ (oder auch „Tierlichkeit“) einstehen – ein schöner und wichtiger Punkt.

Suter schafft es immer wieder mich zu überraschen. Er greift aktuelle Themen auf und verwandelt sie in magische, wunderbar zu lesende, aber auch nachdenklich machende Geschichten. In manchen seiner Romane steht mir jedoch „die Frau“ als Motiv, als Grund für den männlichen Protagonisten zu handeln zu sehr im Vordergrund. Das ist hier nicht so. Ok, man könnte sagen, dass der Elefant in diesem Roman die Rolle der Frau einnimmt, aber dennoch entspannt sich auch eine zarte Liebesgeschichte zwischen Schoch und Valerie, die nicht im Vordergrund steht.. Die ganze Zeit über bleibt der Elefant das Leitmotiv und alle Gedanken, alle Geschehnisse entwickeln sich um ihn herum. Ich kann „Elefant“ nur jedem ans Herz legen, der gerne mal aus dem Alltag abtauchen möchte, an kleine Wunder glaubt und das Leben als solches erkennt, was es ist: Nämlich wunderbar, erstaunlich und voll schöner Begebenheiten – mit und ohne rosa, im dunkeln leuchtende Miniaturelefanten (der steht nämlich getrost für jedes erdenkliche Wunder, egal welches man gerade so in seinem eigenen Leben braucht!)

Diogenes Verlag – 352 Seiten – ISBN: 978-3-257-06970-9

[Rezension] „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora

Manchmal liegt ein Buch aus unbestimmten Gründen länger als beabsichtigt auf dem „Noch-zu-lesen-Stapel“, dann schlägt man die erste Seite auf, liest ein paar Zeilen und fragt sich: „Verdammt, wieso habe ich so lange gewartet?“ – So geschehen mit „Die Liebe unter Aliens“ von Terézia Mora.

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„Die Liebe unter Aliens“, das ist ein Buchtitel, der mich sofort anspricht. Ein wenig schräg, eher unkonventionell und irgendwie magisch anziehend. Doch nicht nur das, Terézia Mora ist eine Autorin, die mich mit so ziemlich allem begeistern kann, was sie veröffentlicht – und für „Das Ungeheuer“ erhielt sie 2013 sogar den Deutschen Buchpreis. Nicht immer ein Gütesiegel, aber in diesem Fall schon. Auch für ihren Erzählband „Seltsame Materie“ ist Mora bekannt und mit „Die Liebe unter Aliens“ legt sie einen weiteren, soghaft wirkenden Band voller Erzählungen über Einsamkeit und Hoffnung vor.

Insgesamt enthält das Buch zehn Erzählungen mit eindrucksvollen Titeln wie „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“, „Perpetuum mobile“, „Ella Lamb in Mulligar“ oder „Selbstbildnis mit Geschirrtuch“. Alle Figuren in Moras Erzählungen sind irgendwie, irgendwo durch irgendwas auf der Suche. Sie sind noch längst nicht angekommen in ihrem Leben, in dem, was sie erreichen wollen oder bei der Person, die sie lieben und wirken zum Teil verloren, aber doch voll Hoffnung. Das ist das schöne an diesen Erzählungen, so traurig und einsam die Personen auch wirken, am Ende winkt doch allen ein Hoffnungsschimmer, mag er auch noch so klein sein.

Da gibt es zum Beispiel die junge Mutter Ella, die nach etlichen beruflichen Fehltritten als Fotografin in Berlin lebt und sich dort gerade so durchkämpft. Sie hat Stress mit ihrem Chef, weil sie oft völlig übermüdet und verkatert am Arbeitsplatz auftaucht, Stress mit sich selbst, weil sie ihren eigenen und den von außen an sie herangetragenen Ansprüchen nicht genügt und Stress mit ihrer Mutter, die zu Hause, ein paar Stunden Zugfahrt entfernt, auf ihren kleinen Sohn aufpasst – und eigentlich möchte Ella doch nur alles richtig machen. Nicht nur für sich, sondern vor allem für ihr Kind. – In einer anderen Erzählung kämpft ein Nachtportier mit sich und seinen Gefühlen seiner Halbschwester gegenüber, die diesen Kampf nicht einmal ahnt. – Und dann gibt es da noch den Vater, der einzig für seinen Sohn lebt, welcher er nur an Besuchswochenenden sehen darf. – Oder das Künstlerpaar, das am Abgrund, am Rande der Gesellschaft lebt und letztlich durch ihre Liebe an Zuversicht gewinnt.

All diese Figuren scheinen verloren zu sein, aber doch geben sie ihre Suche nach Freundschaft, Liebe und Glück nicht auf – und das sollten wir alle nicht tun.

Es ist wunderbar, wie Mora ihre Figuren zugleich hart und weich zu zeichnen vermag und erstaunlich, wie viel Ausdruckskraft in ihren Worten liegt, selbst wenn diese noch so leise zu sein scheinen. Auch wenn mich nicht alle Erzählungen restlos begeistern konnten, so haben es dafür andere doppelt getan. Ich bin mir sicher, dass „Die Liebe unter Aliens“ zu so einem Buch wird, welches ich immer mal wieder aus dem Regal nehmen werde, um mir die ein oder andere Geschichte durchzulesen. Einfach so. Für mich. Zum Durchatmen. Um Hoffnung zu schöpfen und den Figuren erneut ganz nah zu sein.

Luchterhand Literaturverlag – 272 Seiten – ISBN: 978-3-630-87319-0

[Rezension] Neuerscheinung im Januar – „Die Terranauten“ von T.C. Boyle

T.C. Boyles neuester Roman, „Die Terranauten“, ist kürzlich auf Deutsch im Hanser Verlag erschienen und verknüpft, ganz grob gesagt, Wissenschaft mit Psychoanalyse. Das klingt jetzt erst einmal ziemlich hoch gegriffen, doch tatsächlich sind das die beiden Schlagworte, die mir spontan zu „Die Terranauten“ einfallen. Aber klar, das ist natürlich nicht alles.

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Zunächst ist es wohl spannend zu wissen, dass „Die Terranauten“ auf einem wissenschaftlichen Experiment, dem Biosphäre-2-Versuch (Biosphere 2), beruht, welches Anfang der 90er Jahre in den USA stattgefunden hat. Hierbei wurde ein riesiger Gebäudekomplex in Arizona erschaffen, den man sich wie ein enorm großes Terrarium vorstellen kann. Alle Außenwände wurden verglast und unterhalb der Glaskuppel entstand die „Biosphäre-2“ („Biosphäre-1“ entspricht dabei der Erde), welche ein komplett selbstständiges Ökosystem inkl. Selbstversorgung durch Nahrungsanbau und verschiedenster Tierpopulationen, sein sollte. Zu diesem Zweck wurden Teams bestehend aus je vier Frauen und Männern aus unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen für zwei Jahre auf freiwilliger Basis dort „eingeschlossen“ und beobachtet. So der Plan, mit dem man beweisen wollte, dass es möglich ist in einem komplett geschlossenen, eigenen Ökosystem zu leben. Sozusagen leben auf dem Mars, nur doch auf der Erde. Mission 1 (von 1991 – 1993) scheiterte, Mission 2 (1994) ebenso.

„Die Terranauten“ übernimmt die gegebenen Fakten und setzt an der Stelle ein, an der die Mitglieder für Mission 2 ausgewählt werden, nachdem Mission 1 gescheitert war. Mit großem Medienaufgebot werden die vier Männer (Tom, der Technosphärensupervisor; Richard, der Missionsarzt; Ramsay, der Kommunikationsoffizier und Leiter der Bereichs Wassermanagement sowie Troy, der Leiter des Bereichs Analytische Systeme) und vier Frauen (Dawn, die Nutztierwärterin; Gretchen, die Wildbiotopsupervisorin; Diane, die Kapitänin und Nutzpflanzensupervisorin sowie Stevie, die Spezialistin für Meeresökologie) bei ihrem Einzug begleitet und die ganze Zeit über beobachtet. Quasi Bio Big Brother. Was man unbedingt vermeiden möchte, ist ein erneutes Scheitern des Experiments, denn Mission 1 musste abgebrochen werden, die Luftschleuse wurde geöffnet und der Sauerstoff der Biosphäre-1 konnte sich mit dem der Biosphäre-2 wieder vermischen. Das soll kein zweites Mal geschehen und Mission 2 ist daher gewillt, alles dafür zu tun, damit es nicht so weit kommt. Alles? Denn sicher gibt es auch bei Mission 2, die doch alles so viel besser machen will, kleinere und größere Katastrophen, Streitigkeiten, welche die Gruppendynamik stören, Liebeleien und und und. Was eben so passiert, wenn Menschen mit zu wenig und einseitiger Ernährung, kaum Ablenkung und ohne realen Außenkontakt eingeschlossen sind. Klingt irgendwie menschlich, oder?

Der Roman berichtet abwechselnd aus der Perspektive von Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu. Alle sprechen immer mal wieder den Leser an, als ob sie ihre Geschichte in einem Interview erzählen würden, was dem Leser das Gefühl gibt, Boyle berichte wirklich die Geschichte aus Biosphäre-2 (auch wenn das, was er erzählt, zum größten Teil fiktiv um das herum gebaut ist, was wirklich geschehen ist).

Dawn und Ramsay sind Terranauten der Mission 2, sie haben das Privileg, an diesem einzigartigen Experiment teilzunehmen. Linda Ryu nicht. Sie verkörpert den Typ Außenseiterin, die in Dawn Chapmans Schatten steht, aus dem sie gerne hervortreten würde, es aber einfach nicht schafft. Die Freundschaft zwischen Linda und Dawn wird ein ums andere Mal auf die Probe gestellt, während sich zwischen Dawn und Ramsay eine Romanze entwickelt, die später für einigen Tumult sorgen wird. Für den Roman interessant wird es dadurch, dass wir mittels der verschiedenen Perspektiven immer wieder eine andere Position einnehmen und so die ganze Geschichte, das ganze Ausmaß der Geschehnisse, sowohl von innen als auch außen betrachten können. Hört ein Kapitel auf, setzt das nächste an dieser Stelle, aber mit einem anderen Erzähler ein, sodass immer wieder Spannung entsteht und der Leser dazu geneigt ist, Position für den ein oder anderen zu ergreifen. Mittels der Erzähler lernen wir auch die anderen Beteiligten und für das Geschehen wichtige Personen wie den „Gottvater“ (kurz GV), Judy (GV’s Assistentin und Geliebte Ramsays), Johnny (Dawns Freund vor dem Einschluss) und Gavin (ein Anwärter auf Mission 3) kennen und so entsteht für den Leser ein Gesamtbild, gleichzeitig ein Blick auf die Bühne wie hinter die Kulissen.

Hauptsächlich thematisiert „Die Terranauten“ die tiefsten, menschlichen Neigungen zu Neid, Missgunst, Rivalität, Liebe und Hass – sowohl innerhalb der Biosphäre-2 als auch außerhalb. Was sind Menschen bereit zu tun, wenn sie nichts mehr oder im Gegenteil alles zu verlieren haben? Wie verhalten sich Menschen in einer Gruppe, in der Zusammenhalt so wichtig und doch so schwer ist, weil das Eigenwohl irgendwie mehr wiegt?

Auch im Fokus, aber eher als Begleiterscheinung, liegt der wissenschaftliche Aspekt des Experiments. Boyle arbeitet die Ergebnisse und Hindernisse, die so tatsächlich im echten Biosphäre-2 Versuch stattgefunden haben in „Die Terranauten“ mit ein, zum Beispiel die „ungebetenen Gäste“ (Kakerlaken), die einseitige und dadurch entstehende Mangelernährung der Terranauten und im Ganzen der Aufbau der Biosphäre-2 und bastelt die Geschichte um Dawn, Ramsay, Linda und all die anderen drumherum. Das, was sie erleben, das wer-mit-wem, der Neid, die Rivalitäten mag ein wenig an eine Soap oder gar an Big Brother erinnern, aber mit schlauen und wortwitzigen Eingebungen Boyles , die ich für sehr gelungen halte (denn ich gehe stark davon aus, dass es im Boyleschen Sinn ist, nicht alles so bierernst zu nehmen)!

Wer auf einen rein wissenschaftlich fundierten Biosphären-Roman hofft, der wird ihn in „Die Terranauten“ nicht finden, dafür aber jede Menge Unterhaltung mit dem ein oder anderen Nachhall. Manch eine Situation wirkt ein wenig zu arrangiert und mehr Tiefe hätte der ein oder anderen Figur sicher auch nicht geschadet, aber dafür liest sich der Roman spannend und unterhaltsam bis zur letzten Seite. (Und das sind bei knapp 600 schon eine Menge!)

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren – Carl Hanser Verlag – 608 Seiten – ISBN: 978-3-446-25386-5

[Rezension] „Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante – Teil 2 der Neapolitanischen Saga

Das #FerranteFever ist wieder da und breitet sich stärker aus als zuvor! In Band zwei der Neapolitanischen Saga, „Die Geschichte eines neuen Namens“, wird endlich die Geschichte von Lina und Elena aus „Meine geniale Freundin“ fortgesetzt (vielen herzlichen Dank an den Suhrkamp Verlag für die freundliche Zusendung eines Vorab-Exemplares) und gleich vorweg: Es handelt sich um eine relativ allgemein gehaltene, „spoilerfreie“ Rezension, damit ihr sowohl Teil eins als auch Teil zwei (wer es noch nicht getan hat) völlig unverfänglich lesen könnt! Auch in Band zwei geht es wieder um Freundschaft, Liebe, Familie, Verrat, Rivalität, Bösartigkeit, Glück und Pech. Allerdings befinden wir uns nicht mehr im Neapel der fünfziger, sondern ein Jahrzehnt weiter, der sechziger Jahre. Lina und Elena sind dabei, ihrer Kindheit und Jugend zu entwachsen und zu eigenwilligen Frauen, die dem Elend ihres Viertels entfliehen wollen, zu werden. Jede der beiden versucht ihren eigenen Weg zu gehen, sowohl beruflich als auch familiär, was nicht immer einfach ist. Lina als „Senora Carracci“ und Elena als fleißige Schülerin/Studentin. Sowohl Lina als auch Elena kommen immer wieder vom Weg ab, müssen sich neuen Widerständen in Form von Männern, Kindern, Familien und Gerede gegenüberstellen und dabei lernen, sich selbst zu behaupten und ihre eigenen Ziele, egal, was andere denken und sagen, zu verwirklichen. Das ist in der heutigen Zeit schon nicht einfach, aber im Neapel der sechziger Jahre, in der Frauen recht wenig (wenn auch schon mehr als vorher) zu bestimmen hatten, schwierig bis unmöglich. Linas und Elenas Freundschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt und schwankt, wie auch schon in Band eins, permanent zwischen inniger Liebe und tiefstem Groll hin und her. Wird ihre Freundschaft den bitteren Kampf um die eigene Identität standhalten können?

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„Die Geschichte eines neuen Namens“ von Elena Ferrante beginnt zunächst mit einer siebenseitigen Einleitung der Personen und einer Zusammenfassung der bisherigen Handlung, welche sprachlich einfach, aber dafür sehr verständlich gehalten ist. Um sich wirklich in Geschichte und Personen einfühlen zu können, reichen diese Seiten nicht aus, dennoch sind sie sehr hilfreich, um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen (sollte es mit dem Lesen von Band eins schon etwas länger her sein) oder auch mal zwischendurch (sollten einen die vielen ähnlich klingenden Namen und Spitznamen doch mal verwirren).

Auch in Band zwei ist Elena die Erzählerin, die aus ihrer Perspektive die Geschehnisse schildert und die wir durch alle Höhen und Tiefen begleiten dürfen. Zu Beginn des Buches erhält Elena acht Schreibhefte von Lina, in welcher diese ihre Gedanken zum Rione, zu den darin lebenden Menschen und ihrem eigenen Leben festhält. Dies ermöglicht es Elena dem Leser auch an Linas Gedanken- und Erlebniswelt teilnehmen zu lassen (ein raffinierter Schachzug der Autorin). Auch im späteren Verlauf tauchen diese Hefte immer mal wieder auf und der Leser erfährt weitere Details zum Entstehen der Hefte und zu dessen Inhalt. Diese Hefte und auch die sich darin befindende Erzählung „Die blaue Fee“, welche bereits in Band eins eine wichtige Rolle spielte, sind sozusagen der Leitfaden der Geschichte.

Sprachlich ist das Buch gut, jedoch nicht herausragend, dafür aber dessen Inhalt und darin enthaltene zwischenmenschliche Aspekte. Ich habe selten ein Buch so intensiv gelesen, sodass ich wirklich praktisch zwischen den Buchseiten gefangen mitfiebere (da ist es wieder, das Ferrante-Fieber!), mit den Figuren mitleide, sie anfeuere, beglückwünschen oder auch schimpfen möchte. Das ist es auch, was das Buch oder besser gesagt die ganze Neapolitanische Saga zu etwas Besonderem macht. Auch wenn ich nicht behaupten kann, noch nie ein so literarisch hochwertiges Buch gelesen zu haben (denn das habe ich), kann ich doch guten Gewissens sagen, dass ich selten so mitgefiebert habe und selten so unbedingt weiterlesen wollte, wie es hier der Fall ist. Die Geschichte von Lina und Elena besticht vor allem durch ihre Dynamik, den Leser erschütternd zurücklassende Ereignisse und – ich wiederhole mich – das Mitfiebern. Lina und Elena, das ist eine Freundschaft, die wir so schnell nicht vergessen werden können (und dank zwei weiterer Folgebände zum Glück auch noch nicht müssen)!

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Aus dem Italienischen von Karin Krieger – Suhrkamp Verlag – 624 S. – ISBN: 978-3-518-42574-9

 

[Rezension] „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante – Teil 1 der Neapolitanischen Saga

Zugegeben, zunächst konnte ich mit „Meine geniale Freundin“ von Elena Ferrante so gar nichts anfangen. Die vielen Charaktere und deren ähnlich klingenden Namen verwirrten mich endlos und die Geschichte gefiel mir nicht. Ein weltweiter Bestseller, ein im Internet gehyptes Phänomen, das #FerranteFever, viele Freunde und Buchblogger, die fast alle Begeisterung zeigten und ich fand es blöd? Gründe genug, um einen Zweitversuch zu starten. Ich entschied mich also für die Hörbuchfassung aus dem Hörverlag (An dieser Stelle: Vielen herzlichen Dank für die Zusendung, liebes Randomhouse-Team!), gelesen von Eva Mattes – und siehe da, das #FerranteFever infizierte nun auch mich. Die ruhige, aber dennoch ausdrucksstarke, an den richtigen Stellen lauter werdende und die Tonart anpassende Stimme der erfahrenen Schauspielerin konnte mich vollends ins Neapel der fünfziger Jahre beamen und mitten hinein in die Geschichte von Lina, Elena und all den anderen Bewohnern des Riones. Aber worum genau geht es nun in der vierteiligen, über alle Kontinente gefeierten Saga?

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Elena (die fiktive Ich-Erzählerin des Werkes) und Lina (auch Lila genannt) sind von klein auf beste Freundinnen, sie haben so ziemlich alles miteinander erlebt und durchgemacht, was man als Freundinnen, aufgewachsen im Rione, einem ärmlichen Viertel Neapels der fünfziger Jahre, so erlebt. Gewalt, Unterdrückung, Neid, Missgunst, familiäre Streitigkeiten, Armut, Dreck, Schmutz und Elend. Sie träumen davon, es einmal besser zu haben. Ein gesichertes Leben voll Liebe, Zuversicht, Anerkennung, Freude und Reichtum. Dabei sind beide Mädchen von grundauf verschieden. Lina, als die aufbrausende Tochter eines Schusters und Elena, als die eher zurückhaltende Tochter eines Pförtners, beide nach Bildung strebend, beide sich gegenseitig überbieten wollend. Das Leben im Rione macht aus den Freundinnen rivalisierende Kämpferinnen und führt sie dann wieder zusammen. Immer und immer wieder. Von der Jugend, über das Erwachsenenalter bis in die heutige Zeit, in der Lina plötzlich verschwunden ist und die Geschichte um „Meine geniale Freundin“ startet. Warum verschwindet Lina plötzlich? Was ist passiert? Gibt es Gründe aus ihrer Vergangenheit, die zu ihrem Verschwinden führen? Elena nimmt sich dieser Fragen an und erzählt. Erzählt die Geschichte von ihnen beiden, in einer Welt, in der sie sich nicht nur gegenüber strenger Regeln, alten Ordnungen und brutalen Männern behaupten müssen.

Hauptsächlich dominiert wird die Tetralogie einerseits durch die Freundschaft zwischen Lina und Elena, die permanent zwischen Harmonie und Rivalität schwankt, sowie des Phänomens des „bösen Mannes“. Lina und Elena treffen immer wieder auf Männer, die betrügen, die schlagen, die lügen, (ihre) Frauen und Töchter schlecht behandeln, die sozusagen dem gängigen, stereotypen Bild eines „starken Mannes“ (nicht nur, aber auch) in den fünfziger Jahren entsprechen. Denn: Ein netter Mann gilt als verweichlicht, als ein, wie man ihn heute bezeichnen würde, Pantoffelheld. Die Freundinnen müssen sich der harten Realität stellen, dass Frauen in den Augen der meisten Männer wenig(er) wert sind und daher umso härter um Anerkennung kämpfen müssen. Beide, Lina und Elena, sind sture, unnachgiebige Mädchen, die zu sturen und unnachgiebigen Frauen heranwachsen, aber sie müssen auch einstecken. Von Vätern, von Vätern ihrer Freunde, von ihren Freunden, von Brüdern und Verlobten und späteren Ehemännern. Das Leben im Neapel der fünfziger Jahre ist also, nicht nur für Lina und Elena, alles andere als leicht.

Als Leser folgt man dieser Geschichte teils erstaunt, teils bedrückt, teils fassungslos, aber immer gespannt auf das, was da noch kommt. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich immer mal wieder eine der Personen, besonders Elena, anbrüllen oder ihr Ratschläge geben wollte, manchmal schüttelte ich auch einfach nur den Kopf angesichts der vielen Dinge, die Elena macht und die man ihr ausreden möchte. Das ist das Schöne an dieser Form der Ich-Erzählung. Man kann die Protagonistin bis ins kleinste Detail verstehen, man kann und muss ihre Handlungen nicht nachvollziehen können, aber man kann sich einfühlen und das macht enorm viel Spaß, denn dann ist man wirklich angekommen. Angekommen in der Geschichte von Lina und Elena im Neapel der Fünfziger. Ich bin jetzt schon ganz gespannt, wie es in „Die Geschichte eines neuen Namens“ weitergeht und kann die Fortsetzung kaum erwarten.

Übersetzt von Karin Krieger – gelesen von Eva Mattes – der Hörverlag – ISBN: 978-3-8445-2352-2