[Rezension] „Zimmer mit Pflanze. Kreative Wohn-Ideen und praktische Tipps“ | Ian Drummond & Kara O’Reilly

Es ist mir ganz offiziell von Familie, Freunden und Bekannten bestätigt worden: ich habe einen schwarzen Daumen. Sogar Kakteen habe ich früher binnen kürzester Zeit verschimmeln lassen (ja, ich war eine freudige zu-viel-Gießerin). Das hält mich allerdings nicht davon ab, mein Zuhause in einen „Urban Jungle“ verwandeln zu wollen. Nicht nur, aber auch ein bisschen, weil das in Interior Blogs, auf Instagram, Pinterest und all diesen Plattformen, wo man schön in anderer Leute Wohnungen schauen kann, so wunderbar toll und wohnlich aussieht – nein, das macht irgendwas mit mir (glücklich) und meiner Wohnung (gemütlich). Aber, um ehrlich zu sein, ich habe den Dreh da noch nicht so ganz raus. Wie dem auch sei, Grünpflanzen sind wieder ungefähr so modern wie in den 60ern und 70ern, kein Wunder also, dass es jetzt ein eigenes Buch zu diesem Thema gibt: „Zimmer mit Pflanze. Kreative Wohn-Ideen und praktische Tipps“ – und ebenfalls kein Wunder, dass ich da mal reinschauen musste.

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Nach einer kurzen Einleitung über die Rückkehr der Zimmerpflanzen und einem Ausflug zu aktuellen Trends sowie guten Gründen, die für eine Zimmerpflanze sprechen (reinigt die Luft!), stellen die Autoren Ian Drummond und Kara O’Reilly zunächst einmal unterschiedliche Pflanzen-Kategorien vor. Von diesen Kategorien geht es über zu einem Kapitel über Pflanzen-Behältnisse (oh – und da gibt es viele! Körbe, Terrarien; alles erlaubt) und wie die unterschiedlichen Pflanzen in der Wohnung am besten zur Geltung kommen. Danach erfahren wir in einem weiteren Kapitel, welche Pflanzen für welchen Raum (und zwar wirklich alle Räume: Wohnzimmer, Küche und Esszimmer, Schlafzimmer, Badezimmer, Kinderzimmer, ) geeignet sind sowie wieso und weshalb. Im letzten Abschnitt geht es ans Eingemachte, nämlich die Pflege und was man alles so beachten muss. Wie viel Licht braucht meine Pflanze? Wie oft muss ich sie gießen? (… das sollte ich mir rot anstreichen!) Und generell: was sagt mir meine Pflanze, wenn z.B. die Blätter gelb werden oder sich weiße Punkte auf ihr finden?

Was beim ersten Durchblättern, ach was, schon beim Anblick des Covers auffällt, ist die Ästhetik und Gestaltung des Buches. Man sieht auf Anhieb, dass hier nicht bloß Informationen runter geschrieben werden, sondern dass es darum geht, wie viel Mehrwert einem Pflanzen geben können. Angefangen vom gesundheitlichen (Wohl-)Befinden, über Pflanzen Feng Shui bis hin zu einer Wohnung, die optisch aufgewertet wird. Ian Drummond, preisgekrönter Landschaftsdesigner, und Kara O’Reilly, Interior-Autorin, ergänzen sich hier perfekt. Nicht nur, dass man gerne durch das Buch blättert, um sich inspirieren zu lassen, sondern man lernt auch gleich eine ganze Menge (ich vielleicht sogar mehr als andere) über verschiedene Pflanzensorten, für welchen Raum sie am besten geeignet sind und worauf man achten sollte. Das Design ist übersichtlich, auch wenn es auf den ersten Blick verwirrend erscheint, und immer wieder gibt es nette Tipps und Tricks in Seitenrändern oder Infoblasen, die es ermöglichen, viel Wissen in kleinen Portionen aufzunehmen. Auch wenn ich nicht alle Wohnvorschläge für umsetzbar halte (zumindest mit einem geringen Budget oder einem nicht ganz so grünen Daumen), so ist es doch ein durchaus gelungener Ratgeber, der darüber hinaus als Interior-Buch noch viel mehr ist als das. Wer sich also für das wohlverdiente Comeback der Grünpflanzen und ein bisschen Interior interessiert, der oder die wird mit „Zimmer mit Pflanze“ sicher glücklich werden!

Aus dem Englischen von Wiebke Krabbe | DVA Bildband Verlag | 176 S. mit ca. 250 Farbabbildungen

[Rezension] „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ | Franziska Seyboldt

Rattatatam, da ist sie, die Angst. Jeder kennt sie. Jeder weiß, wie sie sich anfühlt. Manchmal aufwühlend, das Herz poltern lassend, manchmal einengend, sich ganz klein machen wollend. Die Angst kommt in vielen Formen und Farben, mal mehr, mal weniger stark und sie kann über ihre eigentliche Aufgabe, das Warnen und Beschützen hinauswachsen. Nämlich dann, wenn die Angst übermächtig wird und vor Situationen warnt, die uns eigentlich ganz alltäglich vorkommen. Beim Bäcker in der Schlange stehen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, vor anderen Menschen reden, zu einer Routineuntersuchung zum Arzt gehen. (Um nur einige wenige Beispiele zu nennen.)

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Genau darüber schreibt Franziska Seyboldt in „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst.“ Ein Titel, der nicht nur toll und sehr persönlich gewählt ist, sondern gleich zeigt, dass hier viel mehr drinsteckt als ein blasses Sachbuch mit Ratgeberanteil. Die Autorin berichtet von sich selbst, wie es ihr geht und ergeht mit dieser ominösen, meist nicht greifbaren, oft irrational denkenden und handelnden Angst zu leben, in welchen Situationen sie sie begleitet und wie sie lernt, mit einem zu viel an Angst umzugehen. Nämlich von den Tagen, an denen sie aufwacht und keine Schildkröte, sondern vielmehr ein Sieb ist, das Geräusche, Gerüche, Farben hindurchplätschern lässt. (Vgl. S. 15/16) Darüber zu schreiben gelingt ihr scheinbar mit einer Leichtigkeit, hinter der vermutlich sehr viel Mut steckt und mit einem Humor, unter dem sich sehr viel Stärke verbirgt. Franziska Seyboldt breitet vor uns, ihren Leser|innen, ihr ganzes Leben mit der Angst dar, von der lange Zeit kaum jemand wusste. Wann sie sich zum ersten Mal anschlich, nicht leise, sondern direkt mit einem – BAMM – zuschlug, wie sie sich bei ihr einnistete und wie sie beschloss zu bleiben. So lange, bis sich die Autorin entscheidet, einen Weg zu finden, wie sie ihr die Stirn bieten kann – noch mehr, als sie es bisher schon getan hat. Dabei geht es in dem Buch aber keineswegs hauptsächlich darum: wie besiege ich die Angst?, sondern vielmehr zeigt es einen authentischen Blick in den Alltag mit ihr – und das ist wichtig, dass man, wenn man kann, darüber spricht und nicht schweigt. Daher werden sich in diesem Buch nicht nur explizit Betroffene wiederfinden, sondern vielleicht sogar ein Stück weit jeder und wenn nicht, so schafft sie es doch mit viel Witz und Sachverstand, die Thematik der Angst und der Angststörung spielend leicht verständlich zu machen. So, dass auch Leser|innen, die mit diesem Thema bisher nicht in Berührung gekommen sind, einen Zugang finden.

Deshalb ist dieses Buch nicht nur ein gutes, sondern vor allem auch ein wichtiges, denn immer mehr Menschen leiden unter einer Angststörung, aber kaum einer mag öffentlich darüber reden. Aus dem „einfachen Grund“: Angst. Angst davor, was andere denken. Angst davor, nicht mehr ernst genommen zu werden. Angst davor, Job und Freunde zu verlieren. – Mir hat an manchen Stellen noch ein wenig Tiefgang im Text gefehlt und der Humor der Autorin, den ich zwar wichtig und gut finde, um das Thema aufzulockern und verständlich zu machen, versteckt doch ab und an etwas die Ernsthaftigkeit des Themas. Davon abgesehen halte ich das Buch für enorm wichtig und absolut lesenswert – sowohl für Betroffene als auch nicht explizit Betroffene.

Kiepenheuer & Witsch Verlag | 251 S.

[Rezension] „Leere Herzen“ | Juli Zeh

Juli Zeh ist für mich eine bewundernswerte und inspirierende Schriftstellerin, von der man ganz ungeniert und neidlos behaupten kann, dass sie „zu den großen deutschen Autor|innen“ zählt. Ich tastete mich vorsichtig an ihre Texte heran. Zuerst in der Uni, in einem Kurs, der sich mit deutscher Gegenwartsliteratur befasste und dann später mit Romanen wie „Spieltrieb“, „Nullzeit“ und „Unterleuten“. Immer etwas gesellschaftskritisch. Immer etwas politisch. Und immer sehr klug und wortgewandt, mit diesem gewissen scharfen Blick, den man als genaue Beobachterin zum Verfassen solcher Texte benötigt.

Ihr neuester Roman „Leere Herzen“ befasst sich nun mit der aktuellen gesellschafts- politischen Lage Deutschlands, verpackt in ein Deutschland der nahen Zukunft. So, wie es sein könnte.

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Britta Söldner, Hauptfigur des Romans, leitet mit Babak Hamwi „Die Brücke“, eine Einrichtung, die nach außen hin den Schein als psychotherapeutische Heilpraxis wahrt. Was sich tatsächlich hinter der Fassade verbirgt, ist aber etwas ganz anderes. Britta und Babak machen Geschäfte mit dem Tod, genauer mit potentiellen Selbstmördern bzw. Selbstmordattentätern – und das nicht gerade wenig. Britta und Babak nutzen also die gegenwärtige Lage zu ihren Gunsten. Während Britta viel Geld mit zwielichtigen, moralisch grenzwertigen Deals macht, verdient ihr Mann Richard vergleichsweise wenig. Auch Brittas Freunde Janina und Knut entsprechen quasi dem Gegenentwurf zu Britta. Sie leben als Künstler vom bedingungslosen Grundeinkommen – gut, aber auch nicht herausragend. Sowohl Britta und Richard, als auch Janina und Knut haben je eine Tochter. Zwei Familien, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, aber doch mit einem gemeinsamen Fixpunkt: gesellschaftliche und politische Desillusion geschuldet der Flüchtlingskrise, Brexit, Trump, einer zweiten Finanzkrise und dem schnellen Aufstieg der BBB (Besorgte-Bürger-Bewegung). Eigentlich läuft das Leben wie gewohnt vor sich hin, bis sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. Irgendjemand scheint sich Brittas und Babaks Geschäftsidee zu eigen machen zu wollen und droht nicht nur ihre Firma zu ruinieren, sondern auch Brittas Familie sowie ihres und Babaks Leben zu bedrohen.

„Leere Herzen“ ist ein zukunftsorientierter Politthriller, der erschreckend an die tatsächliche Welt da draußen erinnert. Wir begleiten Britta, tauchen tief in ihre Gedanken und Gefühlswelt ein und da geschieht etwas, was fast noch bedenklicher ist: wir spüren die Desillusion, welche die Figuren im Buch eingenommen hat und diese scheint fast auf uns Leser|innen übergreifen zu wollen. Juli Zeh schreibt intelligent, wie gewohnt wortgewandt und unterkühlt, leicht zynisch, vielleicht ist es auch ironisch von einem Deutschland, das sich selbst verliert, von einer Gesellschaft, die sich in Teilen zerstört. Das ist gut, das ist durchdacht, das soll die Augen öffnen. Britta wirkt durch diese Schreibweise und auch durch ihre Art sowie durch die erzählte Geschichte leider äußerst unsympathisch – und ohne Sympathieträger fällt es beim Lesen schwer, eine Bindung zu dem Gelesenen aufzubauen. Vielleicht soll das so. Wenn ja, es funktioniert, die Botschaft kommt an. Unglücklicherweise lässt sich das aber nicht auf den ganzen Roman übertragen. Die Autorin verknüpft Roman, Zukunftsvision und Politthriller – das ist ein Punkt zu viel. Man weiß nicht ganz, welchem Faden man folgen soll. Dem politischen wie gesellschaftlichen Zukunftsszenario oder dem Politthriller? Dadurch hängt man als Leser|in ein wenig in den Seilen. Mir persönlich hätte eine Richtung, auf die man sich ganz einlassen kann, vollkommen ausgereicht. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass der Roman nicht gut sei. Ich persönlich habe aber den Eindruck, dass da noch mehr Potential drinsteckt. „Leere Herzen“ ist sicher ein wichtiges Buch, mit einer dringlichen indirekten Warnung, welches durchaus lesenswert ist, aber es holpert auf dem Weg ein wenig.

Luchterhand Literaturverlag | 352 S.