[Rezension] „Giacinta“ | Luigi Capuana

„Giacinta“ ist Luigi Capuanas Romandebüt aus dem Jahre 1879, welches in seiner Erstauflage bereits nach sechs Monaten vergriffen war. Es ist ein – für damalige Verhältnisse – unmoralisches, skandalöses Buch und daher umso lesenswerter, nicht aufgrund des Skandals, sondern weil es Authentizität und künstlerischen Mut ausstrahlt. Luigi Capuana überarbeitete „Giacinta“ infolge der öffentlichen Kritik, wohl aber auch aus eigenem Anspruch heraus, so dass 1886 eine geänderte Fassung des Romans auf den Markt kam. Die deutsche Erstausgabe, die nun dank des Manesse Verlages vorliegt, bedient sich des ursprünglichen Textes aus 1879.

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„Giacinta“ reiht sich in die Riege der Klassiker von „Anna Karenina“ über „Madame Bovary“ bis hin zu „Effi Briest“ ein, die alle eines gemeinsam haben: ein dramatisches Frauenschicksal. Alleine das zu schreiben klingt pathetisch, doch ist es eigentlich bewundernswert. Was diese Romane allesamt gemeinsam haben ist vielmehr der Autorenmut und die authentische Feinfühligkeit, mit der hier Themen von Ehe und Zwangsehe, Liebe und Nicht-Liebe, Verbundenheit und Verrat, Schuld und Sühne behandelt werden und das mit einer weiblichen Protagonistin, die sich gegen gesellschaftliche Konventionen stellt (oder es zumindest versucht).

Giacinta Marulli wächst, nach außen hin wohlbehütet, in einem materiell sorgenfreien Haushalt in der italienischen Provinz auf, doch der Schein trügt. Sie wird als Kind statt von ihrer Mutter von einer Amme aufgezogen (hier fehlt ihr die nötige elterliche Liebe und Anerkennung) und später von einem Hausangestellten missbraucht. Ein Erlebnis, das sich tief in ihrem Herzen verankert. Innerlich gebrochen, gesellschaftlich belächelt, von der Mutter nicht ernstgenommen, versucht sich Giacinta einen Platz im Leben zu erkämpfen. Reihenweise verdreht sie den Männern den Kopf, was letztlich in einer Ménage-à-trois endet. Trotz aller charakterlichen Stärke Giacintas, kann man sich schon denken: das wird nicht gut enden.

Luigi Capuana ist ein großartiger Erzähler. Durch seine bestechende Sprache verleiht der Autor seinen Figuren eine charakterliche Tiefe und Brillanz, die ich als sehr eindrücklich empfunden habe. Er beschreibt die Charaktere so deutlich und scharf, dass man meinen könnte, sie kämen jederzeit durch die eigene Haustür herein. („Die Signora Penci? Oha! Ein einbeiniger Kranich, so ein Schlenkerhals und eine krumme Nase: ein Schnabel, wie er im Buche stand.“) Man fühlt sich sprachlich auch gar nicht 138 Jahre zurückversetzt, sondern eher inmitten eines eleganten Sonntagsspaziergangs und angesichts der Thematiken Kindesmissbrauch und Ménage-à-trois, ist der Roman für unser modernes Empfinden äußerst zurückhaltend geschrieben (dahingehend braucht man sich also keine Sorgen zu machen). Man merkt, dass „Giacinta“ von einem Autor verfasst worden ist, der seine Sprache als eine Art künstlerischen Ausdruck zu verstehen und einzusetzen weiß. Das mag an einigen Stellen zwar inhaltliche Längen bedeuten, tut der sprachlichen Schönheit jedoch keinen Abbruch. Giacinta selbst ist eine eindrückliche Figur, die ein dramatisches Schicksal durchläuft und vor nichts Halt zu machen scheint, auch wenn man spürt, dass sie eigentlich nur geliebt werden möchte.

Kurzum, „Giacinta“ ist für mich definitiv ein Buch, das man neben „Anna Karenina“, „Madame Bovary“ und „Effi Briest“ im Regal stehen haben sollte. Gelesen, versteht sich! 🙂

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Italienischen von Stefanie Römer | Manesse Verlag | 336 S. | ISBN: 978-3-7175-2434-2

[Rezension] „Magonia“ |Maria D. Headley

Jugendbücher und ich. Das hatte eine lange Zeit Tradition. Und auch heute noch greife ich gerne zu einem solchen Exemplar, wenn mir der Sinn danach steht. Leider musste ich in letzter Zeit häufig feststellen, dass viele Jugendbücher nach einem ähnlichen Schema gestrickt sind und dadurch wenig Neues und wenig Innovatives zu bieten haben – jedenfalls für mich. Ausnahmen gibt es sicher – wie überall – aber diese muss man erst einmal finden. Daher lese ich mittlerweile viel seltener Jugendbücher, was ich aber doch ab und an sehr vermisse. Mit „Magonia“ wollte ich einen neuen Versuch in diese Richtung starten. Warum? Es klingt so magisch wunderbar, zum der Realität entfliehen.

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Aza Ray leidet seit ihrer Geburt an einer unheilbaren und höchst seltenen Lungenkrankheit. Niemand weiß so recht, worum es sich dabei handelt und niemand findet ein Gegenmittel. Daher weiß Aza: Eher früher als später muss sie sterben. Als es ihr wieder besonders schlecht geht, scheint daher alles verloren. Ihre Familie und ihr bester Freund Jason müssen sie gehen lassen, aber Jason glaubt nicht daran, dass Aza wirklich tot ist. Er beginnt nachzuforschen und kommt so einem mystischen, mysteriösen und zugleich magischen Geheimnis auf die Spur, dem von Magonia. Einem Land über der Erde, mit Vogelwesen und fliegenden Schiffen in den Wolken. Einem Land, in dem Aza wieder gesund ist und welches ihr eine große Aufgabe auferlegt. Doch ist Aza bereit, diese Aufgabe zu erfüllen oder hängt ihr Herz doch noch ein Stück zu sehr an der Erde?

„Magonia“ von Maria D. Headley ist zu einem großen Teil Jugendroman, inklusive patziger Protagonistin und Außenseitertum und zu einem großen Teil Fantasyroman, inklusive magischer Geschöpfe und einer fremden Welt. Headley verwendet in „Magonia“ eine besondere Sprache, indem sie mit Wörtern spielt, wenn sie diese extra betonen möchte. (Zum Beispiel formt sie aus dem Wort „Zuhause“ ein Quadrat, welches das Zuhause darstellen soll.) So etwas mag ich sehr, weil sich so die Geschichte alleine durch ihren Schreibstil aus der Masse hervorhebt.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt. Aus Azas Sichtweise, die ich manchmal als etwas zu anstrengend empfunden habe, denn, auch wenn man todkrank und ein Teenie ist, muss man das doch bitte nicht ganz so doll heraushängen lassen – und aus Jasons Sichtweise, der mir persönlich sehr viel sympathischer gewesen ist. Schade, dass seine Kapitel im Vergleich zu Azas viel zu kurz gekommen sind. Was mich gleich zu meinem „Problem“ mit dem Buch führt: Ich habe es als etwas zu langatmig empfunden. Viele Sequenzen in Magonia sind zu gewollt. Vielleicht empfinde ich das auch nur so, weil ich schon so viele Fantasyromane und Dystopien gelesen habe, aber ich hätte mir hier irgendwie etwas Überraschenderes gewünscht und, wie ich eben bereits schon erwähnt habe, Aza ist einfach nervig. Es tut mir leid, aber ihre Denkweise, ihr Handeln, ihr Fühlen, das ist bis auf ein paar Ausnahmen wirklich daneben. In Teilen habe ich das Buch sehr gerne gelesen und vor allem die Sprachspielereien finde ich nach wie vor gelungen, aber Aza als Protagonistin und die Handlung in Magonia, naja, das ist – meiner Meinung nach – ausbaufähig. Wäre ich jetzt allerdings in Azas Alter, würde ich das sehr wahrscheinlich etwas anders beurteilen, daher kann ich „Magonia“ guten Gewissens an ein jüngeres Lesepublikum weiterempfehlen (denn ich fand es ja keineswegs schlecht!) und an Leser meines Alters auch, aber mit Abstrichen (wie oben genannt), wenn sie denn gerne von magischen Welten lesen oder einfach nur mal abtauchen möchten.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Julia Walther – Heyne fliegt – 368 S. – ISBN: 978 – 3 -453 – 27017-6

[Rezension] „Lily und der Oktopus“ | Steven Rowley

Auf dem Buchcover von „Lily und der Oktopus“ ist eine Dackeldame abgebildet. Sie ist zuckersüß und spielt mit einem roten Ball. Selbst wenn sie nicht zuckersüß und Ball spielend wäre, es ist eine Dackeldame! Muss ich jetzt noch weitere Gründe nennen, warum ich dieses Buch unbedingt lesen wollte? Ja? Echt? Na gut. Hier geht es um Tierliebe, um Hundeliebe, um Liebeliebe. Ted (der menschliche Protagonist) und Lily (die tierische Protagonistin) lernen sich auf einer Farm kennen. Da ist Lily gerade mal 12 Wochen alt. Es ist, wie man so schön sagt, Liebe auf den ersten (Hunde)blick. Mittlerweile leben Lily und Ted 12 Jahre miteinander (das sind 84 Hundejahre!), sie machen Spieleabende, unterhalten sich über Schauspieler, die Liebe, das Leben und essen auch mal gemeinsam Pizza. Kurz: Lily und Ted sind untrennbar. Und dann entdeckt Ted etwas auf Lilys Kopf, das so gar nicht nach Pizza aussieht. Ein Oktopus klammert sich mit seinen fiesen Tentakeln an die Hündin und macht sie kränker und kränker.

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Mit viel Fantasie und ganz viel Liebe, die tief aus dem Bauch heraus kommt, erzählt Steven Rowley eine Geschichte von Freundschaft und Tierverbundenheit, wie sie nur geschrieben werden kann, wenn sie auf eigenen Erfahrungen beruht. („Für Lily“.)

Ted ist ein etwas verschrobener Drehbuchautor, bei dem es auch in der Liebe nicht so richtig funktionieren will. Denn die Sache mit den Beziehungen, die klappte bisher nie so. Die Sache mit den Dates, ja, die irgendwie auch nicht. Und jetzt die Sache mit dem Oktopus, der ihm das Wichtigste nehmen will, was Ted besitzt. Da gerät sowieso alles außer Kontrolle.

Man darf sich beim Lesen des Buches nicht wundern, dass zwischen Hund und Mensch reale Gespräche geführt werden und dass der Oktopus, der ja eigentlich etwas ganz anderes Boshaftes darstellt, ebenfalls personifiziert wird. Auf diese Art bringt der Autor uns Lesern die Geschichte, die Gefühle und auch ein bisschen die (positive) Verrücktheit Teds näher. An manchen Stellen wirkt es leider doch ein wenig übertrieben. Vor allem in den traumhaften Szenen mit dem Oktopus und manchmal auch in den Gesprächen zwischen Ted und Lily. Trotzdem wird jede|r Hundebesitzer|in oder vielleicht auch nicht Hundebesitzer|in nachvollziehen können, wie stark das Band zwischen Mensch und Hund sein kann, denn das wird hier im Buch wirklich deutlich. Es werden todtraurige, aber auch wunderbar lustige und zutiefst emotionale Dialoge geführt. In Rückblenden erfahren wir, warum Ted ist, wie er ist, wie Ted und Lily zusammengefunden haben und wieso solch eine Beziehung und auch ein bisschen Magie und Verrücktheit im Leben so wichtig sind. Sprachlich ist der Roman gut lesbar, aber teils auch etwas anstrengend, wenn die Dialoge zwischen Hündin und Mensch geführt werden. Tierisch wird sich da nämlich komplett in Großbuchstaben und Ausrufezeichen ausgedrückt, das empfand ich persönlich als ein bisschen „too much“.

„Lily und der Oktopus“ ist ein herzerwärmendes, aber auch trauriges Buch, das vor allem durch die Skurrilität und den Fantasiereichtum des Autors lebt. Es ist ein fluffiges und zugleich nicht fluffiges Buch. Für Fans von „Das Rosie-Projekt“ und schweren Themen, die schön und leicht locker verpackt sind, eine klare Empfehlung!

Herzlichen Dank an den Goldmann Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Sibylle Schmidt – Goldmann Verlag – 352 S. – ISBN: 978-3-442-31433-1