[Rezension] „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ | Luisa Stömer & Eva Wünsch

„Frau sein ist viel mehr als nur nicht Mann sein.“

Denn, auch wenn die Frau von heute gerne mal so tut, als sei sie grenzenlos aufgeklärt und ihr Wissen über ihren eigenen Körper unendlich, so ist das doch – seien wir mal ehrlich – häufig nicht der Fall. Mich eingeschlossen. Nehmen wir nur das Beispiel der Pille, die von vielen (vor allem jungen Mädchen) als eine Art „Wundermittel“ angesehen wird (ohne dabei wertend zu sein, also bitte nicht falsch verstehen!). Die Pickel verschwinden, der Busen wächst, der Zyklus ist regelmäßig und schwanger werden kann man auch nicht. Wie schön! Aber, was passiert mit dem weiblichen Körper nun wirklich unter der Einnahme künstlicher Hormone? Und generell, wie läuft denn so ein Zyklus überhaupt ab und was passiert währenddessen mit und in der Frau? Diesen und anderen – spannenden sowie wichtigen – Fragen gehen die beiden jungen Autorinnen und Illustratorinnen Luisa Stömer und Eva Wünsch in „Ebbe & Blut. Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus.“ nach. Liebevoll und wunderschön beschreiben und zeigen die beiden Freundinnen den weiblichen Körper mit all seinen Wundern und Macken.

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Auf 240 Seiten führen uns Luisa Stömer und Eva Wünsch durch das Mysterium des weiblichen Körpers. Es zeigt sich (auch wenn wir das sicher schon gewusst haben), dass dieser eine wahre Wunderwelt beherbergt. Mit viel Charme, Witz, Humor und – ganz wichtig – Ästhetik werden in „Ebbe & Blut“ mit Hilfe unterschiedlicher Kapitel die wichtigsten Themen behandelt. Vom eigenen Körperverständnis, über den Zyklus und seine Eigenarten, Schwangerschaft(swunsch), bis hin zu Verhütungsmethoden aller Art und vielen Tipps & Tricks zur richtigen Ernährung und Hilfestellung bei starker Beschwerden (z.B. unter PMS) ist alles dabei – und noch mehr. Dabei wird der weibliche Körper sowohl in Text- als auch in Bildform immer als das absolut Wunderbarste auf der Welt gezeigt (was er ja auch ist!). Keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, was mit ihrem Körper passiert, wenn die Menstruation naht oder gerade stattfindet u.ä. Und keine Frau sollte sich dafür schämen müssen, mal nicht „funktionieren zu können“, weder der weibliche noch der männliche Körper sind Maschinen, aber der weibliche hat eben noch ein paar Aufgaben mehr zu bewältigen. Er trägt schließlich die Wiege des Lebens (wie es die beiden Autorinnen sehr schön in der Einleitung betonen).

Dieses Buch ist ein Fest für jede Frau, die ihren Körper besser verstehen möchte, um ihn noch ein wenig mehr zu mögen als bereits zuvor. Denn das eigene Körperbewusstsein und auch ein bisschen Liebe für diesen jenen ist so, so wichtig! Nur wer auf seinen Körper achtgibt, wird die kleinen und manchmal auch großen Signale richtig deuten und sich selbst sehr viel besser verstehen können. Das wirkt sich auch auf das ganze Leben aus. Klingt etwas überzogen? Nö. Find ich nicht. „Ebbe & Blut“ ist kein staubtrockenes Aufklärungsbuch, wie man sich das jetzt vielleicht so vorstellen würde. Es ist wunderschön mittels ästhetisch ansehnlicher und thematisch durchdachter Collagen illustriert und die Texte dazu sind zwar oft recht kurzgehalten, enthalten aber dennoch die wichtigsten Fakten.

„Ebbe & Blut“ befasst sich mit wichtigen weiblichen Themen, die allgemein (immer noch) häufig verschwiegen werden, weil sie als „unfein“ deklariert werden, da sie eben nicht zum alltäglichen Smalltalk gehören. Warum eigentlich? Der weibliche Körper ist so etwas Tolles – und das beweisen Luisa Stömer und Eva Wünsch hier absolut.

Summa summarum, holt euch dieses Buch und schämt euch nicht dafür. Weder dafür, ein Buch über den weiblichen Zyklus zu besitzen (und es toll zu finden), noch für euren wunderbaren Körper. Er will nur verstanden und wohl behandelt werden!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Euer Exemplar gibt es hier zu erstehen (oder beim Buchhändler des Vertrauens):

Gräfe und Unzer | 240 S. | ISBN: 978-3-8338-6112-3

[Rezension] documenta 14: Daybook

When in Kassel… Alle fünf Jahre ist es soweit und Kassel wird dank der documenta zum Dreh- und Angelpunkt von Künstler|innen und Kunstbegeisterten weltweit. Wenn man dann schon in Kassel wohnt und (wenn auch auf Laienniveau) kunstbegeistert ist, sollte man sich doch etwas näher mit der documenta beschäftigen. So der Plan. Mir hilft es im Allgemeinen sehr – egal bei welcher Art Kunstbetrachtung – ein Buch zur Hand zu haben, das mir die Künstler|innen und deren Ideen näherbringt, weil ich doch an mehr als der bloßen Betrachtung der Kunstwerke/Performances/Installationen etc. interessiert bin. Ein wenig Hintergrundwissen schadet nie.

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Auf gut 163 Einträgen gibt es nun also im „documenta 14: Daybook“ einiges über die jeweiligen Künstler|innen zu lesen. Wissenswertes über ihr Wirken, ihr Ansinnen und zu ihrer Person, wobei hier jedem|jeder Künstler|in eine Doppelseite gewidmet ist. Diese Doppelseite beschäftigt sich nicht bloß mit dem|der Künstler|in und dem jeweiligen documenta 14 Projekt, sondern geht darüber hinaus. Oben rechts befindet sich je eine Art Kalendereintrag, womit alle Tage von Beginn der documenta 14 am 08. April 2017 in Athen bis hin zum Ende am 17. September 2017 in Kassel abgedeckt sind. Raum und Zeit bilden insofern eine universalgültige Einheit, weil Zeit für jeden immer und überall gleich ist, wenn auch nicht auf der Uhr, so doch vom Gefühl her. Dadurch wird auch der räumliche Unterschied von Athen zu Kassel nichtig – in der Kunst verschwimmen Zeit und Raum. Es ist eine Art Spiel mit der Wahrnehmung, die auf politische und persönliche Ereignisse abzielt, die in der Vergangenheit, aber auch genauso gut noch in der Zukunft liegen können – oder eben im hier und jetzt. In einer weiteren dunkel hinterlegten Box (links unten) auf jeder Kalenderdoppelseite befindet sich ein zweites Datum – und zwar eines, das dem|der Künstler|in besonders am Herzen liegt, was ihm|ihr in persönlicher Erinnerung geblieben ist – und dieses Datum ist (optional) mit einem Foto aus dem eigenen Fundus hinterlegt. Aus allen Zeitebenen zusammen ergibt sich ein historischer, chronologischer und persönlicher Diskurs, der äußerst interessant und vielfältig ist.

Jede Künsterdoppelseite ist mit Fotos, Einträgen und Kurzbiografien von unterschiedlichen Autoren|Autorinnen hinterlegt und somit weitaus mehr als bloß ein documenta 14 Begleitbuch, Ausstellungsführer oder gar reine Informationsquelle (daher auch sehr empfehlenswert für alle, die nicht auf der documenta 14 zugegen sein werden). Auf den Umschlagtaschen des im A4 Format gehaltenen Daybooks befinden sich sowohl vorne als auch hinten ein Index aller Künstler|innen, was das Nachschlagen deutlich vereinfacht. Wissenswertes zur documenta 14 finden sich im Vor- und Nachwort, in dem unter anderem auch die einzelnen Autoren des Buches genannt werden. Ergänzend finden sich zwei Map Booklets – je eines für Athen und eines für Kassel -, die als Karte und Orientierungshilfe in den jeweiligen Orten dienen.

Ich kann das „documenta 14: Daybook“ guten Gewissens jedem weiterempfehlen, der sich für die documenta 14 und deren Künstler|innen im Speziellen sowie für Kunst in allen Facetten im Allgemeinen interessiert. Es gibt einen guten Überblick über die einzelnen Künstler|innen hinaus, ohne dabei zu viel vorweg zu nehmen und so der eigenen Gedanken noch Spielraum zu lassen. Mit dem großen Format ist es vielleicht etwas unhandlich, aber dafür gut durchdacht und praktisch einsetzbar.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Quinn Latimer (Hrsg.) | Adam Szymcyk (Hrsg.) | Prestel Verlag | ISBN: 978-3-7913-5654-9

[Rezension] „Beklage deine Sünden“ | Deborah Crombie

Ich lese nicht mehr allzu häufig Krimis und|oder Thriller. Warum? Sie wiederholen sich oft, haben einen ähnlichen Plot, sind voraussehbar und wenig überraschend. Bei Deborah Crombie mache ich aber immer wieder gerne eine Ausnahme. Crombie war – neben ‚Sherlock Holmes‘, ‚Miss Marple‘ und ‚Tina und Tini‘ als Kind – meine erste „richtige“ Krimi-Leseerfahrung, geprägt durch meine Mutter, der ich die Bücher mit vierzehn (oder so) heimlich aus dem Regal gemopst habe.

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Deborah Crombies Romane spielen allesamt in Großbritannien/Schottland, was wohl der Grund ist, warum ich sie so mag, und handeln von dem Ermittlerduo Duncan Kincaid und Gemma James, die mittlerweile nicht nur im Beruf eine Einheit bilden. Obwohl Crombie in den USA lebt ist alles irgendwie ziemlich typisch britisch. Vom Schreibstil über den Handlungsort bis hin zu den Figuren. Es bleibt elegant und unaufgeregt, aber dennoch spannend.

„Beklage deine Sünden“ ist der nun mittlerweile 17. Fall des Ermittlerteams Kincaid & James und führt den|die Leser|in in ein nobles Wohngebiet in Notting Hill, wo die Leiche einer 24-jährigen Frau entdeckt wird, einem Kindermädchen aus Gemma James näherem Bekanntenkreis. Während Gemma hartnäckig an diesem Fall arbeitet, der immer mysteriöser zu werden scheint, muss Kincaid sich mit einem längst abgeschlossen geglaubten Fall erneut beschäftigen. Sein ehemaliger Vorgesetzter Denis Childs ist zurück und wird nach einem gemeinsamen Treffen zusammengeschlagen im Park gefunden. Sind die Gründe dafür in den polizeiinternen Reihen zu suchen? Duncan befürchtet, nicht nur sich selbst, sondern auch Gemma und den Rest seiner Familie in Gefahr zu bringen, aber doch muss er die Wahrheit herausfinden…

Band 17 der Kincaid & James Reihe setzt einiges an Wissen der vorangegangenen Bände voraus. Das heißt nicht, dass man nicht auch so in die Thematik einsteigen könnte, aber doch ist es von Vorteil und erleichtert den Lesefluss, was gleichzeitig den Lesespaß erhöht. (Logisch.) Ich persönlich habe es gerne, wenn viele Personen auftreten, es unterschiedliche Handlungsstränge gibt und doch irgendwie alles zusammengehört. Das mag aber nicht jedem so gehen und denjenigen sei gesagt: dann könnte es hier leserlich etwas anstrengend werden. Denn Crombie verbindet in ihren Büchern immer sehr schön die jeweiligen Kriminalfälle mit dem Privatleben der Ermittler und so auch oft der Nebenfiguren und in diesem Band treten neben Kincaid und James auch zahlreiche andere Figuren in Aktion, die in irgendeiner Form beleuchtet werden. Da kann man schon mal durcheinanderkommen. In „Beklage deine Sünden“ bleiben deshalb manche Details etwas auf der Strecke – das ist jetzt allerdings jammern auf hohem Niveau. Wer Lust auf einen Krimi mit britischem Flair ohne Blut und sonstigem Horror, dafür aber mit einer gut erzählten Story hat, der liegt hier goldrichtig!

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Urban Hofstetter – Goldmann Verlag – 512 S. – ISBN: 978-3-442-48024-1

[Rezension] „Die Taufe“ | Ann Patchett

Ann Patchett ist Autorin von bereits sieben Romanen und drei Sachbüchern sowie Preisträgerin u.a. des PEN/Faulkner Awards und des britischen Orange Prizes. Das Time Magazine zeichnete sie 2012 als eine der 100 einflussreichsten Personen auf der ganzen Welt aus. Was mir Ann Patchett allerdings so sympathisch macht und wohl im Gedächtnis verbleiben lässt, ist der Name ihres Hundes: Sparky. (Vielleicht hat sie sich gar auch von Tim Burtons ‚Frankenweenie‘ inspirieren lassen?) Ihr neuester Roman „Die Taufe“ (im Englischen ‚Commonwealth‘) ist erst kürzlich auf Deutsch erschienen und konnte bereits den englischsprachigen Raum begeistern.

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Den Inhalt dieses Romans ohne Spoiler wiederzugeben ist mir leider nicht ganz möglich. Ich versuche jedoch, so wenig wie möglich vom eigentlichen Geschehen zu beschreiben, nur gerade so viel, dass man versteht, worum es geht. Wer lieber nur die Kurzfassung lesen mag, für den|die gilt: Zwei Familien, die Keatings und die Cousins, verbunden durch ein Ereignis, die Taufe Franny Keatings.

In den frühen 1960ern lädt die Familie Keating zur Tauffeier ihrer Tochter Franny ein. Dort taucht – uneingeladen – Albert Cousins (kurz: Bert) auf. In der Hand eine Flasche Gin. Mit dieser Flasche und der Taufe beginnt eine neue Zeit der Erinnerung für die Keatings und die Cousins. Durch einen bestimmten Moment auf der Feier werden beide Familien unwiederbringlich miteinander verbunden. Ein kurzer Augenblick, der alles verändert und die Zukunft beider Familien eine neue Richtung zuweist.
Circa zwanzig Jahre später verliebt sich Franny in einen älteren Mann, Leon Posen, einen Schriftsteller mit fehlender Inspiration. Franny berichtet ihm die Geschichte ihrer beiden Familien und wird so plötzlich Teil einer neuen Erzählung, einer auf ihrer wahren Vergangenheit beruhenden – in Leon Posens Buch! Das hat Folgen. Nicht nur für Franny, sondern für den ganzen Keating-Cousins-Clan.

„Die Taufe“ umfasst einen Zeitraum von circa 50 Jahren und wird oft in Rückblenden und Einschüben erzählt. Die Kapitel sind nicht explizit als solche gekennzeichnet, so dass man als Leser|in manchmal nicht ganz weiß (vor allem zu Beginn), wo und bei wem man sich zeitlich gerade befindet. Ist man erst mal in der Geschichte drin, verschwimmt dieses „Problem“ aber ganz schnell.
Ann Patchett schreibt elegant und ruhig von einer Familie und ihren Problemen, wie sich das Verhältnis der Familienmitglieder zueinander und untereinander ändert und verschiebt. Wie sie es aber dennoch schaffen, ein enges Band zu knüpfen, zueinander zu halten, eine Familie zu sein. Vor allem geht es in „Die Taufe“ um Erinnerungen, darum, wie jeder einzelne aufgrund von Erinnerungen sein Leben gestaltet. Schuldgefühle, die sie vielleicht verfolgen. Die daraus resultierende Suche und Bitte um Vergebung. Es geht darum, wie ein einzelner Moment das Leben von zwei Familien durcheinanderwirbelt und was diese daraus machen bzw. gemacht haben. Dem|der Leser|in kommt die Aufgabe zuteil, mit den einzelnen Familienmitgliedern Seite um Seite heranzuwachsen, älter zu werden, die Dinge zu verstehen. Ann Patchett gelingt es dank ihres Erzähltalents wunderbar, dem|der Leser|in die Figuren und deren Leben plastisch darzustellen, so dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen, mitzuleiden, mitzuleben.

„Die Taufe“ ist ein wunderbarer, von der Sprachschönheit der Autorin gezeichneter Familienroman, der weder plump, noch einfallslos daherkommt. Sicher ist es kein gänzlich neues Thema, diese Familienproblematik, aber was macht das schon? Ich habe den Roman sehr genossen, ein wenig hat er mich sogar an „Das Nest“ erinnert oder auch an die TV-Serie ‚The Slap‘, und kann ihn all jenen ans Herz legen, die Lust auf etwas anspruchsvollere Sommerliteratur haben.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Thiesmeyer – Berlin Verlag – 400 S. – ISBN: 978-3-8270-1344-6

[Rezension] „Into the Water“ | Paula Hawkins

Seitdem Paula Hawkins mit ihrem Spannungsdebüt „Girl on the Train“ solch einen fulminanten Start als Autorin in diesem Genre (es sind ja nicht ihre ersten Werke) hingelegt hat, kennt ihren Namen wohl so gut wie jede|r. Vor allem auch, weil bereits ihr erster Thriller die Gemüter gespalten hat. Mich konnte Hawkins mit „Girl on the Train“ begeistern, weshalb ich mich sehr auf ihren zweiten Spannungsroman „Into the Water“ gefreut habe. Ob sie mich erneut überzeugt hat, könnt ihr weiter unten nachlesen.

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Beckford. Nel Abbott ist tot. Selbstmord im mysteriösen ‚Drowning Pool‘, der schon so manches Opfer gefordert hat – vermutet man. Doch war es das wirklich? Julia Abbott, Nels Schwester, kehrt trotz schlechter Erinnerungen an ihren Heimatort zurück, um sich um Lena, ihre Nichte, zu kümmern. Diese ist davon überzeugt, dass Nel etwas zugestoßen sein muss. Langsam entspinnt sich ein Faden aus Geheimnissen, verdrängten Erinnerungen und der Frage nach dem: Wem kann man noch trauen? Denn, jeder scheint verdächtig.

„Into the Water“ ist ein klassisch aufgebauter Psychothriller. Ein Ort (Beckford) mit einem dunklen Geheimnis (dem ‚Drowning Pool‘). Menschen, die alle etwas zu verbergen haben. Ungeklärte Todesfälle – war es Selbstmord oder Mord? Was könnten die Gründe dafür sein?

Der Roman wird aus zahlreichen Perspektiven geschildert, wobei jede beteiligte Person eine eigene Stimme bekommt und seine eigene Geschichte, seine eigene Sicht der Dinge erzählen darf. Zusätzlich arbeitet Hawkins mit mehreren Zeitebenen. Der Vergangenheit, in der Geschehenes, welche evtl. zum Verstehen von Nel Abbotts Tod führen können, immer wieder durch Rückblenden oder einzelne Kapitel erzählt wird – und der Gegenwart, in der Nel Abbott tot ist und der oder die Gründe für ihren Tod aufgeklärt werden sollen. Das Prinzip an sich finde ich gut, ich mag Romane mit mehreren Erzählperspektiven und Zeitebenen, aber in diesem Fall sind es mir einfach ein paar zu viel gewesen. So verliert man sich beim Lesen, muss oft zurückblättern und sucht verzweifelt nach dem roten Faden, welcher eigentlich durch den Wechsel vorangetrieben werden soll.

Auch die Geschichte an sich habe ich als zu strukturiert gedacht, aber unstrukturiert erzählt empfunden. Vor allem, weil Paula Hawkins eigentlich sehr angenehmer Schreibstil permanent dadurch gestört wird, dass sie ihre Sprache der jeweiligen Personen anpasst – mal jugendlich, mal verrückt, mal schon etwas reifer – dies aber einfach nicht immer passt und dadurch hölzern wirken lässt. Bereits nach den ersten 100 Seiten habe ich die Lust an dem Roman verloren. Die Idee mit dem ‚Drowning Pool‘, den (Selbst?)mordfällen, der Suche nach Geheimnissen in der Vergangenheit finde ich generell gut, ist  aber leider ein Thema, was zur Genüge in Thrillerromanen aufgegriffen wird und hier durch doch sehr hanebüchene Erklärungen gelöst wird. Mir hat dadurch die Spannung gefehlt, es hat mich nicht gepackt. Ich würde gerne etwas Anderes schreiben, aber auch nach Beendigung des Buches kann ich zu keinem anderen Urteil kommen.

Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht etwas hart urteile, aber wenn ich einen Roman aus der Sparte „Spannung“ lese, dann muss es mich auch wirklich packen und ich möchte wissen, was geschehen ist. Ich möchte das Gefühl haben, mit wenigstens einer Person mitzufiebern, mit dieser gemeinsam „den Fall“ zu lösen – und das hat mir hier leider gänzlich gefehlt. Daher kann ich diesen Roman nur bedingt weiterempfehlen. Leider. Aber: Vielleicht werden diejenigen mit „Into the Water“ glücklich, denen „Girl on the Train“ missfallen hat, denn beide Werke ähneln sich meiner Meinung nach nur bedingt im Schreib- und Thrillerstil.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Christoph Göhler – blanvalet – 480 S. – ISBN: 978-3-7645-0523-3