[Rezension] „Das Buch der Spiegel“ | E.O. Chirovici

„Das Buch der Spiegel“ ist wohl momentan in aller Munde. Die Pressestimmen sind begeistert, Denis Scheck beurteilt den Roman wie folgt: „Das ist Unterhaltungsliteratur auf hohem Niveau, im Thriller-Genre ein herausragendes Buch.“ Dabei ist der ukrainische Autor E.O. Chirovici hierzulande noch gänzlich unbekannt. Chirovici stammt aus einer rumänisch-ungarisch-deutschen Familie aus Transsilvanien (klingt schon mal spannend) und hat in seinem Heimatland nicht nur etliche Romane veröffentlicht, sondern auch eine namhafte Zeitung sowie einen Fernsehsender geleitet. Nun ist sein erstes englischsprachiges Buch gleich in 38 Länder verkauft worden, was seinen Bekanntheitsgrad vermutlich deutlich ändern wird.

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Worum geht es nun, in diesem hochgelobten Roman? Zum einen um ein Buch im Buch. Um einen Mord, der nie aufgeklärt worden ist und Figuren, die alle irgendwie ein Geheimnis haben, welches sie um alles in der Welt verbergen möchten. „Das Buch der Spiegel“ beginnt damit, dass Peter Katz, Literaturagent, ein Manuskript von Richard Flynn zugeschickt bekommt, der in diesem von einer Geschichte, von einem Mord erzählt, der uns in „Das Buch der Spiegel“ beschäftigen soll. Er berichtet von einem Mord an dem etwas fragwürdigen Psychologieprofessor Joseph Wieder, der sich 1987 zugetragen hat und für den Flynn selbst als Verdächtiger gegolten hat. Richard Flynn schreibt in dem Manuskript weiterhin von Personen, unter anderem seiner ehemaligen Mitbewohnerin Laura Baines, die uns im weiteren Verlauf des Buches noch häufiger begegnen werden und auf gewisse Weise alle verdächtig wirken. Das Manuskript endet leider abrupt und Richard Flynn ist mittlerweile verstorben, sodass Peter Katz einen Detektiv beauftragt, der ihm bei der Suche nach dem Manuskript helfen soll. Immer wieder tauchen Charaktere auf, die rätselhaft sind, die ein Motiv gehabt haben könnten, aber wird sich das Geheimnis wirklich lüften lassen?

„Das Buch der Spiegel“ wird aus drei Perspektiven (= in drei Abschnitten) fortlaufend erzählt. Zum einen von Peter Katz, der das Manuskript von Richard Flynn erhält und so die Geschichte ins Rollen bringt. Der zweite Erzähler ist der Detektiv Joseph Keller, der weitere Nachforschungen zum Verbleib des Manuskripts anstellt und so tiefer in die Geschichte eintaucht. Der dritte und letzte Erzähler ist der pensionierte Polizist Roy Freeman, der versucht, die Stränge zu entwirren und der eine wichtige Spur verfolgt.

Was wie ein spannender Campusroman voller Intrigen und dubioser Machenschaften beginnt, endet leider in einer etwas langatmigen, wenig nervenaufreibenden Story. Der erste Teil hat mir noch sehr gut gefallen, aber danach ist es mir schwergefallen, am Ball zu bleiben. Immer öfter habe ich das Buch zur Seite gelegt, habe mich ablenken lassen und irgendwie hat es mich gar nicht mehr so wirklich interessiert, was noch passieren würde. Denn was mir hier eindeutig gefehlt hat: das Herzrasen, das Mitfiebern, das Miträtseln. Die Grundidee, die äußerst gelungen ist, hätte man in dieser Richtung besser bzw. weiter ausbauen können, auch wenn der Schluss mit dem „Oh!“-Effekt versucht, den flacheren (im Sinne von weniger spannenden) Mittelteil auszugleichen. Eigentlich schade, denn die Geschichte hat auf alle Fälle Potential.

Meiner Meinung nach ist „Das Buch der Spiegel“ ein kluges Buch, in feinem Schreibstil verfasst, das sich gut nebenbei lesen lässt, aber der Thriller-Faktor, das bis-zur-letzten-Seite-in-atemloser-Spannung-weiterlesen hat mir hier leider sehr gefehlt.

Aus dem Englischen von Werner Schmitz und Silvia Morawetz, Goldmann Verlag, 384 S., ISBN: 978-3-442-31449-2

[Rezension] „Durch Mauern gehen“ | Marina Abramović mit James Kaplan

Auf starke Frauen sollte man nicht nur am Weltfrauentag blicken. Man sollte sie nicht nur zu bestimmten Anlässen ehren, hervorheben und ihren Mut, ihren Willen, ihre Kraft betonen. Nein, man sollte das an jedem Tag tun. Marina Abramović gehört für mich zu dieser „Kategorie Frau“ (darf man das so nennen?). Egal. Ich tue es, denn „Kategorie Frau“ meine ich nicht mal ansatzweise abwertend. Es ist für mich keine Schublade, in die ich gedanklich alle Frauen stecke, die irgendwie irgendwas Besonderes geleistet und erreicht haben. Nein, ich meine damit Frauen, die ich aufrichtig bewundere und von denen es immer noch zu wenige gibt. Denn die meisten starken Frauen bleiben doch im Hintergrund. Das, ist aber wieder eine ganz andere Sache.

Marina Abramović ist eine außergewöhnliche Performance-Künstlerin. Sie hat sich seit den Siebzigerjahren immer wieder körperlichen Extremsituationen ausgesetzt, ist bis an die Grenzen des körperlich zumutbaren gegangen. Hat sich mit einer Glasscherbe ein Pentagramm in den Bauch geritzt, ein Messer in die Finger, so lange geschrien, bis ihr die Stimme versagt hat, hat sich an den Haaren gerissen und 2010 für 75 Tage lang je sieben Stunden stumm auf einem Stuhl im MoMa New York ausgeharrt. Abramović fasziniert, weil sie so radikal, so stark ist und unheimlich erbittert an etwas festhält. Man weiß nicht genau, wogegen sie kämpft. Gegen alles und nichts, so scheint es. Eine Verfechterin des selbst, der Welt, der Kulturen? Aber vor allem, dass Kunst die Ideologie einer Gesellschaft verändern kann, soll und darf und nicht bloß als ästhetisch wertvoll anzusehen ist.  Anlässlich ihres siebzigsten Geburtstags erschien nun ihre Autobiographie, die in Zusammenarbeit mit James Kaplan entstanden ist. Vielleicht gibt uns diese etwas mehr Einblick in den Mythos Abramović, in ihr Leben, ihre Kunst.

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„Durch Mauern gehen“ heißt Abramovićs Autobiografie und hat damit einen sehr sprechenden Titel. Ist es nicht irgendwie Abramovićs selbstgewählte Aufgabe, durch Mauern zu gehen? Ihre körperlichen Grenzen auszuloten und körpereigene Mauern zu durchbrechen? Das Buch beginnt mit Abramovićs Kindheit, die im kommunistischen Jugoslawien als Tochter zweier Partisanen aufgewachsen ist und so um Liebe und Aufmerksamkeit kämpfen musste. Dadurch geprägt wird sie eine Ausnahmekünstlerin, das Durch- und Aushalten in Extremsituationen hat sie von klein auf gelernt. Wir begleiten sie in dem Buch durch die verschiedenen Stationen ihres Lebens und ihrer Kunst. Momente, die sie persönlich und ihr (künstlerisches) Leben beeinflusst und vorangetrieben haben. Ihre ersten Erfahrungen mit Performances, wie sich das alles bis heute gewandelt hat und natürlich ihre beiden großen Lieben: Ulay und Paolo. Ich möchte gar nicht zu viel vom Inhalt verraten, denn Abramovićs Lebensgeschichte ist wirklich eine spannende, eine interessant zu lesende, durch Mut und Stärke geprägte, die sich erst während des Lesens voll entfalten kann.

Die Autobiographie lässt sich flüssig und gut lesen, ist aber sicher kein Meisterstück der Literatur (und das klingt jetzt böser als es gemeint ist). Das darf man jedoch auch gar nicht erwarten – und habe ich auch nicht. Deshalb bin ich positiv überrascht. Klar, der Einfluss bzw. die Schreibhilfe von James Kaplan hat sicherlich viel dazu beigetragen, aber es ist doch der Inhalt, Abramović Geschichte, ihr Leben, welches fasziniert und Seite um Seite Neues enthüllen lässt. Abramović ist selbstbewusst, das zeigt sich deutlich, nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in dem Buch. Ich mag nicht selbstverliebt sagen, das wäre vielleicht zu viel, aber sie verfügt doch über ein gesundes Ego. Man kann es ihr nicht verdenken, sie hat viel geschafft, viel geleistet, aber doch spürt man dieses Ego zwischen den Zeilen. Ja, das kann man als störend empfinden, aber für mich hat sich das einfach nur authentisch angefühlt. Wer sich, wie ich, erhofft hat, hinter diesen Mythos Abramović zu blicken, wird etwas enttäuscht sein, aber im Nachhinein leuchtet es auch ein. Abramović will und soll ein Mythos bleiben.

Abramović Autobiografie, die mit vielen Bildern untermauert (ha!) ist, ist eine wunderbare Ergänzung zu ihrer sonst so radikalen Kunst. Es ist eine Zusammenfassung ihrer atemberaubenden Leistungen, eine Erzählung ihres Lebens, auch in Teilen sehr persönlich und sicher absolut zu empfehlen.

Aus dem Amerikanischen von Charlotte Breuer & Norbert Möllemann – Luchterhand Verlag – 480 S. (mit 141 Schwarz-Weiß-Fotos und 16 Seiten Farbbildteil) – ISBN: 978-3-630-87500-2

[Rezension] „Eine englische Ehe“ von Claire Fuller

Claire Fuller ist die Neuentdeckung aus England. Mit ihrem Debütroman ‚Our Endless Numbered Days‘ wurde sie mit dem Eliot Award ausgezeichnet. Ihr zweiter Roman ‚Swimming Lessons‘ („Eine englische Ehe“) wird aktuell in zehn weitere Sprachen übersetzt. Mich hat – neben der Besprechung auf zahlreichen Blogs – vor allem das Cover neugierig gemacht. Es zeigt eine Frau, die eins mit dem Meer zu werden scheint, deren Haare sich im Sog der Wellen bewegen. Das passt irgendwie so gar nicht zu den fröhlichen, mir fast schon zu bunten Farben des Covers. Klar, dass ich da mehr erfahren möchte… Worum geht es nun in „Eine englische Ehe“?

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Ingrid Coleman hat für ihren Literaturprofessor und späteren Mann Gil alles aufgegeben, wovon sie geträumt hat. Karriere, Freiheit, Selbstbestimmung. Alles, was sie bedrückt, vor allem Gils nach weiblicher Anerkennung gierendes Verhalten, schreibt sie in schlaflosen Nächten auf und versteckt diese Briefe in Büchern der hauseigenen Bibliothek. Eines Tages verschwindet Ingrid spurlos im Meer und hinterlässt ein Rätsel. Zwölf Jahre später meint Gil seine Frau wiederzusehen und hat prompt einen Unfall, der alle Familienmitglieder auf den Plan ruft. Darunter die beiden Töchter Nan und Flora. Nan, die „Erwachsene“, die ältere Schwester, vernünftig und überlegt, die die Mutterrolle nach deren Verschwinden übernommen hat. Flora, die „Kindgebliebene“, aufbrausend, künstlerisch nach ihrem Vater kommend, an dem sie sehr hängt. Werden sie herausfinden, was eigentlich passiert ist oder bleiben die Briefe, die sicher einiges erklären könnten, für immer im Verborgenen?

„Eine englische Ehe“ behandelt, wie der Titel bereits vermuten lässt, das Thema einer Ehe, der Schwierigkeiten darin, auch Veränderungen in Kauf zu nehmen, die zwangsläufig mit dem Bund der Ehe, der Gründung einer Familie einhergehen und um die Bereitschaft alte Gewohnheiten und Dinge, die einem einst wichtig waren, aufzugeben. Dass das nicht immer einfach ist, davon berichtet der Roman aus zwei unterschiedlichen Erzählsträngen heraus. Einer der Erzählstränge wird durch die Briefe von Ingrid an Gil bestritten, die je in einem separaten Kapitel stehen und so eine Episode aus dem gemeinsamen Leben erzählen, vom Kennenlernen bis zu dem Tag des Verschwindens Ingrids. Auf diese Weise erfährt der Leser viel aus Ingrids Gedanken und Gefühlen und mit welchen Problemen und Ängsten sie in ihrer Ehe zu kämpfen hat. Auch Gils Seite wird beleuchtet, obwohl die Briefe größtenteils Ingrids Sicht der Dinge zeigen. Besonders schön: die Briefe stecken in je einem zum Inhalt passenden Umschlag. Zum Beispiel liegt ein Brief, der die Zukunft beider betrifft, in „Prophezeiungen. Was vor uns liegt.“ von Oswald J. Smith. Der zweite Erzählstrang wird aus der Sicht eines außenstehenden Erzählers geschildert, der die Geschehnisse nach dem Verschwinden Ingrids beleuchtet, was mit der Familie passiert, in welcher Beziehung die beiden Schwestern Nan und Flora zueinander, zu ihrer Mutter und ihrem Vater stehen und wie die Familie mit ihrem Unglück umgeht.

Claire Fuller erzählt in einer zarten, unaufdringlichen Sprache von einer Familientragödie, von einem Eheleben, wie es sicher häufiger vorkommt und bleibt dabei doch relativ neutral. Auch wenn die Autorin sich mehr auf die Interessen Ingrids einlässt und ihr durch die Briefe eine aussagekräftige Stimme verleiht, merkt man doch, dass auch Gil gezeichnet ist. Er wird nicht als der Buhmann schlechthin dargestellt, als das personifizierte Böse, für das man ihn halten könnte, sondern schlichtweg als Mensch, der Fehler gemacht hat, die ihn belasten und nicht mehr loslassen. Genauso Nan und Flora, die beide ihre Macken haben, wie ihre Eltern, und sich doch lieben. Man möchte die Figuren eigentlich gar nicht mögen, aber ihre Menschlichkeit, ihre Fehlbarkeit, machen sie so lebensecht, dass man doch mitfühlt. Die Protagonisten sind es dabei gar nicht, die mir besonders im Gedächtnis bleiben, sondern eher die Nebenfiguren: Richard und Jonathan, denen eindeutig meine Sympathiepunkte gehören. Sie wirken wie unparteiische Schiedsrichter, die das Geschehen begleiten und dadurch etwas Ruhe in die Entwicklung bringen, auch wenn sie sicher nicht gänzlich unparteiisch sind.

„Eine englische Ehe“ ist ein Frauenroman, ja, aber elegant geschrieben, mit viel Liebe zum Detail und gerade deswegen wunderbar lesbar.

Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Piper Verlag – 356 S. – ISBN: 978-3-492-05791-2

[Rezension] „Bis an die Grenze“ von Dave Eggers

Bekannt geworden ist Dave Eggers mit seinem Debütroman „Ein herzzerreissendes Werk von umfassender Genialität: eine wahre Geschichte“ (‚A Heartbreaking Work of Staggering Genius‘), welches autobiographische Züge aufweist und daher als Mischform aus Roman und Autobiographie gehandelt wird und das 2001 für den Pulitzer-Preis nominiert worden ist. Im deutschsprachigen Raum ist er spätestens seit der Erscheinung seines Romans „Der Circle“ (‚The Circle‘) und „Ein Hologramm für den König“ (‚A Hologram For The King‘) vielen Lesern (und Nichtlesern) ein Begriff. Eggers polarisiert. Nicht nur, weil er gesellschaftskritische Themen aufgreift, sondern auch, weil sein Schreibstil aneckt. Er übertreibt gern mit seinen Beobachtungen und Ironisierungen, das ist nicht jedermanns Geschmack, aber dadurch schafft er es immer, [mich] auf sich aufmerksam und neugierig zu machen. So auch mit seinem neuesten Werk „Bis an die Grenze“ (‚Heroes of the Frontier‘), in dem Eggers ein ums andere Mal sein Erzähltalent unter Beweis stellt.

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In „Bis an die Grenze“ begibt sich der Leser zusammen mit Josie und ihren beiden Kindern Paul und Ana auf einen Roadtrip durch Amerika, genauer, nach Alaska – und das in einem klapprigen Wohnwagen, dem „Chateau“. Josie kehrt nicht nur ihrem Ex-Mann Carl den Rücken, sondern auch ihrer Zahnarztpraxis. Ersterer ist in Josies Augen ein mehr oder weniger liebevoller Nichtsnutz, ein ewig Kindgebliebener und die Praxis hat ihr letztlich nur noch Ärger gebracht. Josie ist also auf der Flucht. Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und am allermeisten vor sich selbst. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser immer mehr aus Josies Vergangenheit, zwar oft nur Bruchstücke, aber doch lässt sich so erahnen, warum Josie handelt wie sie eben handelt und es gibt viel, was sie versucht zu verdrängen…

Dave Eggers neuester Roman erzählt eine düstere Geschichte vom Amerika des hier und jetzt, vom Verlassen (werden), von Gerichtsklagen und traumatischer Kindheit. Gemeinsam mit Josie, Paul und Ana fahren wir durch ein kahles, tristes Land, das viele Gefahren birgt. Von Waldbränden über bewaffnete Veteranen und anderen kauzigen Menschen bis hin zu einer verlassenen Silbermine. Nicht immer ist es die Natur, die Angst macht, sondern vor allem die Spezies Mensch, die bedrohlich wirkt und vor der Josie zu fliehen versucht. Immer wieder holt sie die Vergangenheit ein, bei ihrer „Schwester“ Sam hält sie es nicht lange aus, zu deutlich werden ihr hier ihre Probleme vor Augen geführt. Ihre Unfähigkeit sich um sich selbst zu kümmern, um ihre Kinder, die zum einen schon erwachsener sind als sie und ihr Ex-Mann Carl (Paul) oder die verzweifelt und mit allen Mitteln nach Aufmerksamkeit schreiende (Ana). Josie belügt ihre Kinder oft, erfindet Geschichten, teils um sie zu schützen, doch vielmehr noch um sich zu schützen und unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen.

Die Erzählung an sich schweift immer wieder ab, wird durch Josies Gedankenwirrwarr und Rückblenden unterbrochen. Anekdoten verschwimmen mit der Geschichte, was den Leser ab und an etwas durcheinanderbringen kann, gleichzeitig macht es die Verwirrtheit Josies nur umso deutlicher und die soll und muss man beim Lesen spüren. Auch Josies Kindheit, die in Teilen angerissen wird, ist irgendwie „verrückt“ und klingt manchmal nicht ganz glaubhaft. Aber, hej, gibt es in den USA irgendwas, was es nicht gibt?

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Ein paar Passagen in „Bis an die Grenze“ sind anstrengend, sie sollen die Tragik-Komik des Lebens, der hier berichteten Geschichte unterstreichen, wirken aber auf mich etwas deplatziert (z.B. die Fäkalienheizung und unnötig vulgäre Szenen). Ich bin da einfach kein Fan von. Diese Dinge erzählen allerdings von der Erniedrigung, der sich Josie ein ums andere Mal hingibt. Will sie sich bestrafen? Hasst sie sich so sehr? Man weiß es nicht, mag es aber vermuten. Fakt ist, es geht immer weiter. Egal, wie schlimm oder gut es gerade laufen mag, es gibt immer ein Morgen und das ist wohl auch die Quintessenz, die man als Leser aus „Bis an die Grenze“ mitnehmen soll.

Was ich an dem Buch besonders gemocht habe (auch wenn es komisch klingt), ist die deprimierte Stimmung, die Düsternis, die schon beinah an ein Endzeitszenario erinnert, das von etwas Getrieben sein – weil wir das in Teilen alle kennen und es so menschlich, so natürlich ist. Nicht alles in „Bis an die Grenze“ klingt glaubwürdig, aber dazu ist es schließlich ein Roman und wozu sollte man keine Bücher lesen, die einem das absurd Mögliche vor Augen führen? Zumal die Angst vor dem Leben, den Problemen und Verpflichtungen darin, gar nicht mal so abwegig ist. Wer also einen Gesellschaftsroman fernab der Norm sucht, liegt mit „Bis an die Grenze“ genau richtig.

Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann – 496 S. – Kiepenheuer & Witsch Verlag – ISBN: 978-3-462-04946-6

[Rezension] „Wenn nachts der Ozean erzählt“ von Zana Fraillon

Von Zana Fraillon, die in Australien lebt, sind bereits mehrere Kinderbücher erschienen (‚No Stars To Wish On‘; ‚Monstrum House‘) – „Wenn nachts der Ozean erzählt“ (‚The Bone Sparrow‘) ist ihr neuestes und wohl auch bekanntestes Werk, obwohl sie wünscht, sie hätte es niemals schreiben müssen. Dennoch hat sie es getan, um an die Menschen und die Schicksale hinter den Statistiken einer gnadenlosen Flüchtlingspolitik zu erinnern.

In „Wenn nachts der Ozean erzählt“ berichtet Zana Fraillon von Subhi und Jimmie. Zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch sind sie sich in zwei Dingen sehr ähnlich: Trauer und Hoffnung. Davon erzählt bereits die Covergestaltung, die Teile eines Maschendrahtzaunes zu einem stilisierten Vogel werden lassen. Gefängnis und Freiheit liegen nahe beieinander. Leider zu häufig im gestern, heute und morgen.

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Subhi wächst in einem Flüchtlingslager, umgeben von Maschendrahtzäunen, Krankheit und Elend auf. Nachts – manchmal auch tagsüber – träumt er sich weit weg. Ans Meer. An den Ozean, welches ihm Geschichten ins Ohr flüstert, die ihn die Zeit im Lager erträglicher erscheinen lassen. Subhi ist nicht alleine, aber doch einsam. Seine Schwester Queeny nimmt ihn nicht ernst und seiner Mutter fehlt die Kraft. Sie ist krank, ihr Herz gefangen und „nie viel hungrig“. Jimmie lebt auf der anderen Seite des Zauns, eigentlich in Freiheit, aber innerlich doch genauso gefangen wie Subhi. Eines Tages steht sie plötzlich vor Subhi und zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte, lebenserhellende Freundschaft, die ihnen wieder Kraft und Stärke verleiht. Doch es kommt zu unvorhergesehenen Ereignissen, die Subhi und Jimmie viel Mut abverlangen…

„Wenn nachts der Ozean erzählt“ ist eine bedrückende und wunderschöne Geschichte zugleich, die aus zwei Perspektiven erzählt wird: Subhis und Jimmies. Zana Fraillon erschafft beeindruckende Figuren, die uns mitfühlen lassen und wachrütteln wollen. Ihre Worte schwimmen leicht wie auf Wellen, machen aber unter ihrer poetischen Kraft eine hässliche Wahrheit deutlich.

„Alle beobachten wir dieselben Lichter, als wären wir noch zusammen, auch wenn wir nie alle gleichzeitig zusammen waren.“

Jimmie und Subhi geben sich Halt in einer Zeit, in der Nächstenliebe und Verständnis alles andere als selbstverständlich geworden sind. Auch Schicksale anderer Figuren wie Eli, ein guter Freund Jimmies, der für die Veröffentlichung der Missstände in dem Flüchtlingslager kämpft, und Harvey, einer der wenigen – teilweise – netten Aufseher im Lager, gehen ans Herz.

Es fällt mir etwas schwer, Kritik an einem Buch auszusprechen, welches ein Thema behandelt, was so bedeutend ist. Doch auch wenn ich die Geschichte sehr schön finde und das Thema als besonders wichtig betrachte, gibt es in dem Buch einige kleine Logikfehler, die sich eingeschlichen haben und manche Dinge bleiben einfach offen (diese kann ich, ohne zu viel vom Inhalt preiszugeben, an dieser Stelle nicht verraten). Manche Abschnitte und Personen wirken zu gestellt, auch wenn sie wichtig sind und ich verstehe, warum die Autorin diese so gewählt hat bzw. beschreibt. Z.B. ist Harvey so eine Figur, die mir zu konstruiert erscheint (auch wenn mir seine Person ans Herz geht). Man muss sich außerdem vor dem Lesen darüber im Klaren sein, dass es sich um eine Geschichte für Kinder handelt. Das merkt man an ein paar Passagen sehr deutlich, z.B. trägt Subhi einen „Shakespeare-Enterich“ mit sich herum, den er von Harvey bekommen hat und der zu ihm spricht. Für Kinder erfüllt die Ente bestimmt eine zweckdienliche und verständliche Rolle, mich als Erwachsene hat sie – ehrlicherweise – etwas gestört. An anderen Stellen, besonders zum Ende hin, werden die Szenen dann teils etwas brutaler, was wiederum für kleine Kinder vielleicht „zu viel“ sein könnte. Dieser Sprung vom Kindlichen ins Erwachsene ist ein wenig hart, auch wenn er wahrscheinlich die Realität wiederspiegeln soll.

Die Geschichte von Subhi und Jimmie ist eine traurige, aber dennoch hoffnungsvolle, mit der die Autorin Zana Fraillon eine wichtige Mission verfolgt: unwissende, die Augen verschließende Menschen aufrütteln. Die Autorin versucht dieses wichtige, politische Thema Kindern greifbar zu machen und dabei Schönes und Hässliches miteinander zu verbinden. Das ist ihr gelungen und ich hoffe, dass wird es auch weiterhin, auch wenn sie mich persönlich leider nicht gänzlich überzeugen konnte.

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Claudia Max – cbt Verlag – ISBN: 978-3-570-16476-1

[Rezension] „Applaus für Bronikowski“ von Kai Weyand

Mit „Applaus für Bronikowski“ schaffte es Kai Weyand 2015 auf die Longlist des Deutschen Buchpreises und obwohl ich mich immer sehr für diesen interessiere, ist dieser Titel (leider) an mir vorübergegangen. Das sollte sich mit Erscheinen der Taschenbuchausgabe aber schleunigst ändern, klingt der Inhalt doch unglaublich vielversprechend!

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Nies ist gerade mal dreizehn, als seine Eltern beschließen nach Kanada auszuwandern und die Verantwortung für Nies von nun an auf seinen großen Bruder übertragen – oder vielmehr auf Nies selbst. Da ist der Punkt erreicht, von dem an Nies trotzig beschließt nicht mehr länger Nies zu sein, sondern „NC“, No Canadian. Während Bernd, NC’s großer Bruder, von Jahr zu Jahr erfolgreicher wird, versucht sich NC mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten und scheint auch mit dreißig kaum ein Stück erwachsener geworden zu sein. Er überlässt sein Leben lieber dem Zufall und den Empfehlungen von Frau März, die ihm nicht nur Streusel, sondern auch die Holpenstraße ans Herz legt, in der er seine neue Arbeitsstelle gefunden zu haben scheint: ein Bestattungsunternehmen! NC arbeitet von nun an als Bestattungshelfer und lernt, dass jeder Tote seine ganz eigene Geschichte und eine individuelle, würdevolle Behandlung verdient. Doch NC wäre nicht NC, wenn er auch dort nicht für Aufsehen sorgen würde…

Dieses knapp 187 Seiten dünne Büchlein beinhaltet eine bitterzarte und tragischkomische Geschichte, die ans Herz geht, ohne dabei zu schwer zu sein. Kai Weyand schafft es mit klugem Wortwitz, viel trockenem Humor und einer leichten, neutralen, aber brillanten Sprache einen herzensguten Außenseiter, eine Art verschrobenen Antihelden bildhaft auferstehen zu lassen. NC, für den Freundschaften schon allein deswegen unmöglich erscheinen, weil das Wort

„Freundschaft“ mit einem „F“ beginnt und er: „Wörtern, die mit F beginnen grundsätzlich nicht trau[t]. Vom Buchstaben E aus gesehen, fehlt dem F ein Stück, und zwar die Basis, vom G aus gesehen, fehlt ihm der Schwung, und insgesamt betrachtet, ist der Buchstabe nicht ausbalanciert.“

ist ein herrliches Unikat. Es macht Spaß an seinen Gedanken teilhaben zu dürfen:

„Es kam ihm vor, als wären die Wörter auch nichts anderes als Zahlen, formbar wie Schlangen. So wie man im Handumdrehen aus einer 6 eine 9 machen konnte, so stellten auch Wörter Dinge auf den Kopf, wenn man nicht aufpasste.“

Auch wenn man seine Denkweise nicht immer nachvollziehen kann, weil sie teilweise doch ein wenig verrückt anmutet, macht ihn das nur umso sympathischer und authentischer. Nach und nach verdichtet sich die Geschichte und man kommt sowohl der Covergestaltung (ich sage nur: dreibeiniger November) als auch dem Titel auf die Schliche. „Applaus für Bronikowski“ ist ein Buch, das einen nachdenklich und beschwingt zugleich zurücklässt und damit ganz nach meinem Geschmack, ich kann es nur weiterempfehlen!

Ganz herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

btb Verlag – 192 S. – ISBN: 978-3-442-71434-6

[Rezension] „Jahre wie diese“ von Sadie Jones

Was mich zu diesem Buch hat greifen lassen, ist recht schnell erzählt: London in den Siebzigern. Zum einen mag ich Romane, die in dieser Metropole spielen und zum anderen neuerdings auch diese Zeitspanne, da ich darüber relativ wenig in Romanform gelesen habe und das gerne ändern möchte. Sadie Jones kannte ich bisher nur von ihrem Namen her, gelesen hatte ich aber noch keines ihrer Bücher. „Jahre wie diese“ ist für mich also in dieser Hinsicht eine Premiere.

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In „Jahre wie diese“ begegnen wir Luke, der in einem kleinen Ort fernab von wilden Partys und Exzessen aufgewachsen ist und die Gesellschaft von Büchern bevorzugt. Dieser lernt zufällig Paul und Leigh kennen, ein Paar, das Luke aufgrund ihrer Weltoffenheit sofort imponieren kann. Sie werden sehr schnell enge Freunde. Paul und Leigh zeigen Luke die „große weite Welt“ und nicht nur das schweißt sie zusammen, sondern vor allem auch ihre gemeinsame Leidenschaft für Schauspiel und Theater. Sie ziehen in London in eine gemeinsame Wohnung und gründen eine Theatergruppe. Alle drei leben und arbeiten für das Theaterbusiness – dass es da irgendwann zu einem Streit kommen muss, ist irgendwie klar. Denn sobald Luke, der als Frauenschwarm gilt (wenn auch nicht immer beabsichtigt), auf die zerbrechliche Schauspielerin Nina trifft, die einerseits hilfsbedürftig, andererseits abweisend ist, beginnt die Freundschaft der drei zu bröckeln. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, was sowohl Luke, Paul als auch Leigh von ihrem Leben und der Liebe erwarten und was sie dafür bereit sind zu geben.

Sadie Jones schreibt sehr schön, sehr erzählerisch von einem Leben, in dem sich alles um Theater und Schauspiel dreht. Man merkt, dass sie sich in diesem Metier gut auskennt. Leider wirkt das auf Leser, die darin vielleicht nicht so versiert sind, schnell ermüdend. Ich möchte damit keineswegs sagen, dass mich Theater nicht interessiert, aber die vielen Proben, die vielen Stücke, das Schreiben der solchen etc. haben die eigentliche Handlung in „Jahre wie diese“ oft etwas in den Hintergrund rücken lassen. Dadurch hat der Roman für mich an vielen Stellen an Spannung verloren und meine Aufmerksamkeit ging den Bach herunter – um es mal so auszudrücken. Immer, wenn ich als Leserin gedacht habe, die Geschichte würde nun an Fahrt aufnehmen, z.B. in den Momenten, in denen es etwas persönlicher wird, wenn etwas von den Figuren erzählt wird, was sie bedrückt, was sie aus der Vergangenheit noch mit sich herumtragen oder ähnliches, dann sind diese Stellen ganz bald wieder durch einen – für mich – relativ uninteressanten Plot durchbrochen worden. Ein ums andere Mal wollte ich das Buch beiseitelegen, habe es dann aber doch nicht getan, aufgrund der immer wieder aufblitzenden Sprachschönheit und weil ich ständig gehofft habe, da kommt noch was. Leider hat mich auch das ziemlich vorhersehbare Ende nicht überraschen können und von London und dem „Gefühl der Siebziger“ habe ich recht wenig gespürt.

„Jahre wie diese“ ist bestimmt kein schlechtes Buch, auch wenn ich viel zu kritisieren habe. Es hat einige schöne Stellen und Sadie Jones kann sehr, sehr gut erzählen und schreiben. Meine Erwartungen an das Buch lagen jedoch auf einem gänzlich anderen Fokus. Von dem London, „eine(r) Stadt von Partys, Whisky und Drogen beflügelt“, wie es auf dem Klappentext heißt, habe ich leider nicht allzu viel gespürt. Ansatzweise ist das schon vorhanden, ja, aber vielmehr wird hier endlos, sich im Kreis drehend diskutiert, ohne dabei in die Tiefe zu gehen und die Figuren, ihre Träume und Sehnsüchte werden lediglich an-, aber nicht beleuchtet. Daher gibt es an dieser Stelle nur eine bedingte Leseempfehlung meinerseits.

Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek – Penguin Verlag – 416 S. – ISBN: 978-3-328-10028-7

 

[Rezension] „Licht“ von Anthony McCarten

Anthony McCarten ist ein mittlerweile recht bekannter Autor aus Neuseeland. Weiterhin schreibt er fürs Theater und ist auch in dem Metier des Films kein unbeschriebenes Blatt (‚The Theory of Everything‘ wurde für zwei Oscars nominiert). Dadurch war er mir zwar vom Namen her ein Begriff, einen Roman von McCarten hatte ich bisher allerdings noch nicht gelesen. Mit „Licht“ spricht Anthony McCarten nun aber ein Thema an, welches mich sofort das Datum der deutschen Erstveröffentlichung im Kalender hat markieren lassen. Dank des wunderbaren Diogenes Verlags konnte ich es auch gleich in der ersten Woche lesen – vielen Dank dafür!

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In „Licht“ kämpfen zwei vordergründig vollkommen unterschiedliche Charaktere um Ansehen und Fortschritt. Einerseits der „verrückte“ Erfinder Thomas Alva Edison und andererseits der geld- und machtgierige Bankier J.P. Morgan. Der eine mit zerzausten Haaren und lumpiger Kleidung, den Kopf voller Ideen. Der andere mit einer knollenartigen Nase, die ihm als eine Art Lügendetektor dient, gepflegt und hinterlistig einen Plan verfolgend. Nämlich, zu Geld und Ruhm mittels Edisons Erfindung(en) kommen. Das gelingt ihm auch ganz gut. Edison lässt sich auf diesen teuflischen Pakt ein, tauscht Geld gegen Erfindergeist, doch er muss recht bald merken, dass er nicht gemacht ist, für diese schillernde, nur nach außen hin schön wirkende Welt der Reichen und Mächtigen. Beinahe gehen Edison und sein Ideenreichtum daran zu Grunde.

Anthony McCarten schafft es mit viel Witz, trockenem Humor, aber auch sehr vielen ehrlichen Worten einen spannenden Roman über etwas, das uns heute so selbstverständlich erscheint, zu schreiben: elektrisches Licht. Es geht hier um die Anfänge der Moderne, um die Schwierigkeiten, mit denen Erfinder und kluge Geister zu kämpfen haben, deren Ideen für den „normalen“ Bürger meist zu abstrakt, zu wahnwitzig, zu verrückt erscheinen. Wissenschaftler, die auf ihr Umfeld befremdlich wirken, die für viele unergründlich bleiben. Edison ist ein solcher. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern zusammen, aber seine Arbeit bedeutet ihm alles. Daran – aber nicht nur – verzweifelt seine erste Ehefrau und die zweite beinahe auch. Er ist kein leichter Mensch, aber doch ein liebenswürdiger, wenn er auch manchmal die falschen Entscheidungen trifft. Als ihn eines Tages J.P. Morgan aufsucht und ihm ein Angebot macht, das er aufgrund seiner finanziellen Schulden nicht ausschlagen kann, treffen zwei recht unterschiedliche Personen aufeinander. Dass es da krachen wird, ist vorprogrammiert, denn J.P. Morgan ist fixiert auf Geld und mehr Geld. Dazu noch etwas Macht und Einfluss. Mehr braucht er nicht im Leben, obwohl er davon eigentlich schon genug hat. Doch auch er hat eine weiche Seite, die allerdings nur äußerst selten zu Tage

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tritt, weil er versucht, diese so gut es geht zu verstecken. Beide – Edison und Morgan – sind also keine durch und durch guten oder schlechten Menschen. McCarten gelingt es in diesem Roman sämtliche Charaktere so täuschend echt zu beschreiben, dass man meinen könnte, man hätte soeben mit Edison, J.P. Morgan oder Nikola Tesla gefrühstückt. Sie werden von einem unantastbaren Mythos zu greifbaren Figuren mit nachvollziehbaren Wünschen und Ambitionen. Diese Art zu beschreiben hat mir persönlich am besten gefallen und das kann auch die kleinen Längen in dem Buch gut wettmachen.

„Licht“ ist ein wunderbar amüsanter, lehrreicher Roman, der auf realen Fakten basiert, aber keine langatmige Biographie darstellt. Mit Sicherheit ist vieles in dem Buch Fiktion oder besser, ausgeschmückte Realität, aber das ist McCarten richtig gut gelungen. Ein Pageturner, den ich guten Gewissens gerne weiterempfehlen kann und der mit Sicherheit bald als Filmvorlage dienen wird!

Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié – Diogenes Verlag – 368 S. – ISBN: 978-3-257-06994-5

[Rezension] „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ von Gabrielle Zevin

Manchmal stolpert man durch Zufall über ein kleines Büchlein und ist erstaunt, welche Wirkung dieses auf einen auszuüben vermag. „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ von Gabrielle Zevin ist ein solches Buch, welches ich vermutlich nicht allzu sehr beachtet hätte, hätte ich nicht die vielen positiven Stimmen dazu gehört und gelesen. Daraufhin musste auch ich unbedingt wissen, worum es geht und ob es auch mir so gut gefallen würde.

Da es mein erstes Buch von Gabrielle Zevin war, die mit ihrem Debütroman ‚Anderswo‘ (‚Elsewhere‘) bekannt wurde und mittlerweile erfolgreiche (Drehbuch)-autorin ist, konnte ich relativ unvoreingenommen an das Buch gehen. Dennoch hatte ich natürlich aufgrund der Begeisterung anderer eine gewisse Erwartung an das Buch – und wurde nicht enttäuscht!

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In „Die Widerspenstigkeit des Glücks“ geht es um A.J. Fikry, Buchhändler und Inhaber von ‚Alice Books‘, einer kleinen unabhängigen Buchhandlung auf der Insel Alice Island, der recht eigen und starrsinnig versucht sein Leben nach dem Tod seiner geliebten Frau fortzuführen. Dieser lernt die Verlagsvertreterin Amelia kennen, die noch neu in ihrem Job ist, weder A.J. noch seinen Geschmack kennt und ihm deshalb prompt die falschen Bücher empfiehlt. So haben die beiden logischerweise keinen guten Start. Als dann auch noch nach einer durchzechten Nacht der wertvollste Besitz A.J.s gestohlen wird und er stattdessen das zweijährige Waisenmädchen Maya bei sich zu Hause ausgesetzt vorfindet, gerät A.J. Fikrys Leben endgültig aus den Fugen. Nach und nach findet er sich mit seinem neuen, unerwarteten Schicksal ab und die kleine Maya schafft es tatsächlich, ihm Leben und Bücher wieder näher zu bringen. Doch immer wieder muss er an Amelia denken…

Zunächst hatte ich Bedenken, dass es sich bei ‚Die Widerspenstigkeit des Glücks‘ um eine arg kitschige, stark auf die Tränendrüse drückende Geschichte handeln könnte. Das ist aber zum Glück nicht so. Klar sind viele Stellen in dem Buch ziemlich weichgespült und mit Zuckerstreuseln dekoriert, aber es ist nicht so, dass es zum Augenrollen übertrieben wirkt, sondern macht das Buch vielmehr zu einem bezaubernden märchenhaften Leseerlebnis. Als die kleine Maya auftaucht, hatte ich kurzzeitig Angst, das Buch doch noch aus der Hand legen zu müssen, denn oft läuft es dann nach dem gleichen Schema ab. (Kleines Wesen ändert komplett das Leben der unglücklichen Person und alles wird schlagartig gut – so oder so ähnlich.) Hier tendenziell auch, aber irgendwie wirkt es nur ein paar Seiten lang überspannt. Die Autorin schafft es einfach ihren Figuren einen zauberhaften Charme einzuhauchen, sodass man ihr das gar nicht wirklich übelnehmen kann.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir zudem nicht schwer, denn durch die einzelnen, klar gegliederten Kapitel wird sofort deutlich, aus welcher Perspektive das Geschehen geschildert wird. Gabrielle Zevins Schreibstil ist noch dazu locker leicht und liest sich sehr gut weg. Es handelt sich dabei zwar um keine „hohe Literatur“ und es ist kein um-die-Ecke-denken nötig, aber das muss ja auch nicht immer sein. So gelingt der Autorin eine feinfühlige Geschichte, in die man sofort ein- und gar nicht mehr wieder auftauchen möchte. Besonders schön sind die briefartigen Zusammenfassungen von Kurzgeschichten vor den einzelnen Kapiteln, die A.J. Maya empfiehlt zu lesen. Dadurch ist bestimmt nicht nur meine Leseliste um einige tolle Titel reicher geworden! Es ist einfach so wunderbar in dem Buch auf gleichgesinnte Buchliebhaber und liebevolle Nerds zu treffen, dass ich immer noch davon schwärmen muss. Zusammenfassend kann ich also guten Gewissens sagen: Dieses großartige Buch ist eine Hommage an alle Bücherfreunde und solche, die es noch werden wollen!

Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttman – Diana Verlag – 288 S. – ISBN: 9-783-453-35918-5