„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ | Katherine Mansfield | Übersetzt von Irma Wehrli

Zugegeben, ich hatte mir von Katherine Mansfield gar nicht sooo viel erwartet, schlichtweg, weil sie für mich ein Name unter vielen war (so traurig das jetzt klingt). Manchmal braucht es einen ordentlichen Schubser in die richtige Richtung und da reicht auch oft ein ansprechender Titel wie „Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ aus, um aufmerksam zu werden, wo man sonst bloß vorbeigeschaut hat. 

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„Fliegen, tanzen, wirbeln, beben“ lautet nun also der Titel der Neuausgabe von Katherine Mansfields Tagebüchern, deren Eintragungen zwischen 1903 und 1922 entstanden sind. Sie werden auch als „Vignetten eines Frauenlebens“ bezeichnet, da viele Eintragungen quasi an den Rand gekritzelt dazu gehören, die in dieser Ausgabe mittels Fußnoten und einem Personenverzeichnis im Anhang dargestellt werden. 

Mansfield hat ein turbulentes Leben geführt, voll Emotionalität, Stimmungsschwankungen, die zum Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt umfassen, Schicksalsschlägen und einem Liebesleben, das gut und gerne auch ein Roman hätte gewesen sein können. In ihren Tagebüchern wechseln sich diese Gefühle spürbar und lesbar in kurzen Versen, Überlegungen, Gedankengängen, fragmentarischen Kurzgeschichten, Ideen für Romane und Geschichten sowie tatsächlichen Erlebnissen ab. All das geht fließend ineinander über wie geschmolzenes Wachs, das erkaltet wieder ein Ganzes ergibt – und es liest sich so gut (!), was sicher auch an der Neuübersetzung durch Irma Wehrli liegt, die scheinbar leichtfüßig zu Mansfields erweitertem Sprachrohr wird und dann entstehen Sätze wie: „Mein Kopf ist wie ein russischer Roman“ und man selbst ist erfüllt von diesem ganz besonderen, berauschenden Gefühl, das nur entsteht, wenn man Sprache so sehr liebt und Zeilen liest, die einem genau das geben, was man braucht. 

Mansfield schreibt von Begegnungen, vom Lesen und Schreiben, von Affären, kleinen und großen Lieben und der Suche nach dem erfüllenden Leben, dabei ist sie ganz modern in ihren Ansichten, verzehrt sich nicht nach der klassischen Idee einer Familie, dafür aber nach dem Geliebtwerden und dem puren Sein. Viel zu früh wird sie schwer krank und auch diese Erfahrung verarbeitet sie in poetischen Texten und dafür liebe ich sie. Ja, wirklich und ganz egal, wie pathetisch das klingt. Es hat mich sehr bewegt und fast noch mehr gefreut, dass Mansfield so locker, lebendig und einfach ehrlich über ihre Erkrankung schreibt, dass ich mich ihr durch Zeit und Raum hindurch fast schon nahe gefühlt habe. Das, was sie berichtet, das sich verzehren nach der Außenwelt, aber zu krank dafür sein, die kleinen Momente des Glücks, die sich mit Rückschlägen abwechseln, das zu müde und schwach sein, um alles leisten zu können, was man sich vorgenommen hat und die Tage, an denen es ganz gut geht lieber für sich selbst zu verwenden, als pur leistungsfähig zu sein. Das und noch viel mehr kann ich so gut nachvollziehen. In ihren Worten schwingt weder die Suche nach Mitleid noch nach Aufmerksamkeit im negativen Sinne mit und das kann man nur bewundern. Auch abgesehen von diesem Teil ihres Lebens, liest sich ihre Tagebuchprosa spannend, unterhaltend und lyrisch ansprechend, so dass man sich dieses Büchlein zum immer mal wieder reinschauen bewahren möchte. Sowohl Virginia Woolf als auch Dörte Hansen, die beide sehr passende Zeilen über Katherine Mansfields empathisches Gemüt und zu ihrem erstaunlichen Talent verfasst haben, runden das Werk gelungen ab. 

[Good Night Stories for Rebel Girls] & Boys

Wer erinnert sich noch an die „Good Night Stories For Rebel Girls“ von Elena Favilli und Francesca Cavallo? Ja? Bei mir liegen sie auch griffbereit zum immer wieder darin Blättern (und, ja, klar, Lesen) in Nachttischnähe. Nun gibt es passend zu den Geschichten von tollen, starken, mutigen und einflussreichen Frauen ein Postkartenset, das noch einmal in Kurzform die individuellen Stärken der jeweiligen Rebel Girls hervorhebt.

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Da ist zum Beispiel Amna Al Haddad, Gewichtheberin der Vereinigten Arabischen Emirate, die Frauen den Weg geebnet und gezeigt hat, dass auch sie die Stärke besitzen, in einer männlich dominierten Sportart wie Gewichtheben erfolgreich zu sein und damit Gold- und Silbermedaillen zu gewinnen. Oder Ada Lovelace, eine englische Mathematikerin, deren Berechnungen als Grundlage für den Bau des ersten Computers gelten. Oder Maya Angelou, eine US-amerikanische Schriftstellerin, die, als sie ein junges Mädchen war, nach brutalen Ereignissen ihre Stimme für mehrere Jahre verlor. Nachdem sie sie wiederfand, war diese umso besonderer und wertvoller und wurde zum Sprachrohr für diejenigen, die ihre Stimme ebenso verloren hatten bzw. haben, denn ihre Worte besitzen noch immer dieselbe Kraft. Oder, oder, oder. Es gibt viel zu entdecken!

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Das Schöne an den Karten sind nicht nur die Illustrationen, die wie im Buch von unterschiedlichen Künstlerinnen auf der ganzen Welt gestaltet worden sind, sondern auch die abgerundete Form, das kraftvolle Papier und ein Zitat des jeweiligen Rebel Girls auf der Rückseite der Postkarten. Zusätzlich sind die Karten aufgeteilt in „Siegerinnen“, „Künstlerinnen“, „Anführerinnen“, „Pionierinnen“ und „Kämpferinnen“ aus vielen Zeiten und Ländern (die Auswahl ist sicher nicht gänzlich perfekt, aber zumindest ist schon einmal ein guter Versuch da, Diversität zu zeigen). Auf jeder Übersichtskarte finden sich die jeweiligen zu der Kategorie gehörenden Rebel Girls, ein Zitat und das Jahr, aus dem dieses stammt. So gelungen ich die Übersicht finde, so schade ist auch die Kategorisierung, weil dadurch impliziert wird, dass eine Künstlerin nicht gleich eine Siegerin oder Kämpferin oder, oder ist. Besser wäre noch einmal zu betonen, dass jede*r alles sein kann!  

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Wer die Karten nun lieber selbst behalten mag – I feel u! -, der*die kann da auch einfach eine Art Kartenspiel draus machen (so in die Richtung Quartett), seine*ihre Wand damit verschönern oder immer wieder die Intelligenz, den Mut, die Kraft und Schönheit dieser außergewöhnlichen Frauen bewundern. Für mehr analoge Nachrichten und zukünftige Rebel Girls & Boys!

„Effingers“ | Gabriele Tergit

Gabriele Tergit, geb. Elise Hirschmann und später Elise Reifenberg, zählte zu den einflussreichsten Frauen Deutschlands der 1920er Jahre. Vor allem als Gerichtsschreiberin und einzige Frau in einer „Männerdomäne“ wie dem Berliner Kriminalgericht machte sie sich einen Namen, der heute leider weitaus weniger bekannt ist, als er hätte sein sollen. Sie schrieb Reportagen, die die Sorgen und Nöte des „kleinen Mannes“ im Fokus behielten und berichtete von Frauenschicksalen, wobei sie stets die Beweggründe der Angeklagten im Blick behielt. Denn nur wer es sich leisten konnte, kam in den Genuss, die „Goldenen Zwanziger“ so zu erleben wie wir uns das heute gerne verklärt vorstellen: rauschartig-pulsierend in Bars, Tanzsälen, Varietés und Lichtspielhäusern. Die meisten mussten wortwörtlich um ihr täglich Brot kämpfen. Dies führte zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und Kriminalitätsrate. (Vgl. „Gerichtsreporterin Gabriele Tergit: Die Stenographin des Verbrechens“ von Lydia Leipert)

Tergit bemühte sich, die Situation so authentisch wie möglich zu beleuchten. Mit zunehmenden rechten Tendenzen und letztlich der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten musste Tergit 1933 jedoch ins Exil gehen. Dort schrieb sie über mehrere Jahre hinweg ihren zweiten Roman „Effingers“, der eine jüdische Familie in Deutschland von 1878 bis 1948 begleitet, und dem nach Ende des Zweiten Weltkrieges kaum Beachtung geschenkt wurde. Auch Zeitungen interessierten sich nun kaum mehr für Tergit. Im Rahmen der „Berliner Festwochen 1977“ wurde sie jedoch erfreulicherweise wiederentdeckt.

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Heute ist Tergit hauptsächlich für ihre Gerichtsreportagen und ihren ersten Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ bekannt, ihren zweiten Roman kennen die wenigsten. Mit der Neuauflage durch den Schöffling & Co. Verlag wird sich dies hoffentlich ändern, denn „Effingers“ hat den Fallada-Effekt! Es schleicht sich leichtfüßig erst ins Leser*innenherz und dann immer mehr in den Kopf, bis es sich fest in der Seele verankert hat. Gabriele Tergits Figuren in “Effingers” wirken so lebendig, dass man beinahe glaubt, da stünden die eigenen Verwandten vor einem und erzählten ihre Geschichte aus einer Zeit, die geprägt ist von Umbrüchen, von Kriegen, von Misstrauen, Hass und doch so viel Liebe. Dies ist die Familienchronik einer jüdischen Familie – den Buddenbrooks nicht unähnlich -, die als Bankiers und Kunstmäzenen in Berlin leben, die das Auf und Ab einer Gesellschaft miterleben; wie sich die Rolle der Frau ändert, wie der Aufschwung der Technik alles durcheinander wirbelt, wie sich verzweifelt einzelne Familienmitglieder an alten Werten festhalten und andere an den neuen zerbrechen. Dies ist so viel mehr als bloß eine Geschichte von vielen. Tergit erzählt dabei gar nicht pathetisch, aber trotzdem aus tiefster Seele heraus und sehr persönlich in einem Detailreichtum der an Fontane erinnert (nur ohne Staub, mit Verlaub) von dem Untergang einer Familie, einer Stadt, einer Zeit, in der wir nicht gelebt haben, aber von der wir eine Menge lernen können. Die 900 Seiten lesen sich weder altmodisch noch langweilig, sondern mutig und aufregend. Ganz große Leseempfehlung mit drei und mehr Ausrufezeichen, denn „Effingers“ ist ein so großartiger Roman, der es verdient hat als zeitloser Klassiker immer und immer wieder gelesen zu werden.

Und PS: Nix gegen Fontane, den mag ich nämlich auch.

Schöffling & Co. Verlag | mit einem Nachwort von Nicole Henneberg | 898 S.

„Weißer Tod“ | Robert Galbraith

Wie mittlerweile wahrscheinlich schon fast alle wissen, verbirgt sich hinter dem Pseudonym von Robert Galbraith Joanne K. Rowling, die unter diesem Namen eine ganze Reihe an Krimis verfasst hat. Und das ist sogar wortwörtlich so zu verstehen. „Weißer Tod“ ist der mittlerweile vierte Teil der Reihe um Cormoran Strike, einem Kriegsveteranen, der als privater Ermittler arbeitet, und seiner Assistentin Robin Ellacott. Ein Kennzeichen der Romane ist das very british gehaltene Whodunit, das einen Teil des Plots ausmacht, während der andere Teil der Geschichte vom privaten Geschehen der beiden Protagonisten erzählt. Wer Teil eins bis drei gelesen hat, wird sich sehr deutlich an den Cliffhanger des letzten Bandes „Die Ernte des Bösen“ erinnern, der – Achtung Spoiler! – damit endet, dass Robin vor dem Traualtar steht. Ohne Job, ohne Cormoran Strike, dafür aber mit ihrem mehr als unsympathischen langjährigen Freund und bald Ehemann Matthew Cunliffe. Warum nur?, mag man sich fragen. Aber ja, treue Leser*innen kennen die Antwort: es erzeugt Spannung. Und mit Spannung erwartet habe ich demnach auch den vierten Teil „Weißer Tod“, weil einfach kaum jemand so gut Geschichten erzählen kann wie J.K. Rowling.

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„Weißer Tod“ beginnt da, wo „Die Ernte des Bösen“ aufhört. Robin Ellacott ist jetzt Mrs. Matthew Cunliffe und so richtig nachvollziehen kann man das nicht, aber, hmm, was wäre eine gute Geschichte ohne Antagonisten? Einige Zeit später – Robin ist mittlerweile Strikes Geschäftspartnerin – stürmt Billy in Cormoran Strikes Büro, um ihm von einem Mord zu erzählen, der Jahre zurückliegt, den er aber ganz bestimmt gesehen haben will. Strike weiß zunächst nicht, ob er ihm glauben kann, denn Billy scheint verstört und hat offensichtlich psychische Probleme. Doch trotzdem wirkt das, was er sagt, aufrichtig. Bevor Strike ihn näher befragen kann, ist Billy bereits verschwunden. Strike und Robin nehmen seine Spur auf, die sie durch alle Teile Londons bis hinein ins Parlament und in die Oberschicht Londons führt. Die Geschichte wird immer mysteriöser, als ein weiterer Mord geschieht. Nebenbei ist auch das Privatleben Robins und Strikes ein ständiges Auf und Ab und mindestens ebenso fesselnd wie die Kriminalgeschichte.

Auf knapp 860 Seiten breitet J.K. Rowling alias Robert Galbraith eine gut durchdachte, wohl recherchierte und fesselnde Kriminalgeschichte, die die britische Oberschicht ein wenig aufs Korn nimmt, vor ihren Leser*innen aus, die trotz langer Beschreibungen und teils langsam voranschreitendem Plot kaum Langeweile aufkommen lässt und die vor allem dadurch besticht, dass ihre Charaktere alle so einen gewissen Glanz haben. Sie wirken greifbar, nicht wie aus Pappe, sondern vielmehr zum Anfassen, haben Herz (oder eben keins), ziehen sich an und stoßen sich gegenseitig ab. Der Hauptplot steht im Gegensatz zu den privaten Erlebnissen der Protagonisten fast ein wenig im Hintergrund, was – so vermute ich – gewollt ist. Was mich ein wenig gestört hat, ist der mehr oder weniger misslungene Versuch Rowlings, Robin feministisch wirken zu lassen. Robin ist endlich dabei, sich von den Erwartungen anderer zu befreien und beginnt immer mehr, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist großartig! Gerade, weil Robin die ganze Zeit mit diesem leidigen Matthew zusammen ist, von dem jede*r weiß, dass er kein guter Mensch ist – und erst recht kein guter Partner. Leider werden diese feministischen Aspekte immer wieder von gegenteiligen Geschehnissen unterbrochen, indem z.B. Strike als Beschützer auftritt und häufiger der männliche als der weibliche Blick im Fokus steht. Robin wirkt vor allem dann in Bezug auf Strike hilflos, wenn es um ihre Panikattacken geht, die sie vor allem vor ihm verstecken möchte, obwohl es sicher hilfreicher gewesen wäre, wenn Robin dies nicht getan, sondern von Anfang an einen offeneren Umgang damit gezeigt hätte oder Rowling sie es zumindest hätte versuchen lassen können. (Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass sowas einfach ist – ich hätte es einfach schöner und hilfreicher gefunden, wenn Rowling auf Klischeedenken verzichtet hätte, auch wenn ich es ihr hoch anrechne, dass sie dieses Thema und die damit verbundenen Probleme überhaupt aufgreift.) Es hätte mich sehr gefreut, wenn beide Themen weniger vorsichtig im Sinne von lieber zu wenig als zu viel aufgearbeitet worden wären, aber vielleicht ist das alles zumindest schon ein Schritt in die richtige Richtung.

Ich mag das Buch – wie eigentlich die ganze Reihe – trotz meiner Kritikpunkte dennoch unbedingt empfehlen. Gerade an Leser*innen klassischer Krimis, die gerne Bücher lesen, die den Fokus auf das private Geschehen der Ermittler*innen legen, denn es sind die Figuren, die einem die Lesestunden so vergnüglich machen. Ähnlich wie bei Harry Potter lebt die Geschichte zu einem sehr großen Anteil davon. Mich erinnert Cormoran Strike auch immer ein wenig an Hagrid und ich wünschte, Robin hätte noch eine Spur mehr Hermine in sich, dann wäre ich restlos begeistert.

Aus dem Englischen von Wulf Bergner, Christoph Göhler, Kristof Kurz | Blanvalet Verlag