„Heimat“ | Nora Krug

Nora Krug ist studierte Bühnenbildnerin, Dokumentarfilmerin und Illustratorin, deren Zeichnungen und Bildergeschichten u.a. bei „The New York Times“, „The Guardian“ und „Le Monde diplomatique“ erscheinen. In Karlsruhe geboren, lebt sie mittlerweile in NYC/Brooklyn, wo sie an der „Parsons School of Design“ als Professorin für Illustration tätig ist. (Quelle: Verlag)

Processed with VSCO with t1 preset

„Heimat“ ist Nora Krugs literarisch-grafisches Debüt, in dem sie mittels Collagetechnik, Illustrationen, historischen Fotografien und handgeschriebenen wie abfotografierten Texten eine Art Familienchronik bzw. Familienalbum erstellt hat, die nach den ganz tief vergrabenen Erlebnissen vor, während und nach der Zeit des Zweiten Weltkrieges fragt. Eine Reise in die Vergangenheit, in der Nora Krug auf der Suche nach dem ist, was Heimat eigentlich darstellt und was es bedeutet, diese zu verlieren. Vielleicht werden sich einige fragen: „Wie kann ein grafisch erstelltes Buch literarisch sein?“ Sollten hier Fragezeichen in euren Köpfen entstanden sein, kann ich nur antworten: „Literatur ist ein Erlebnis, das Zeit und Raum öffnet, das die Möglichkeit bietet auf jedweder Ebene eine Geschichte zu erzählen.“ Ach, bevor es jetzt zu pathetisch wird, lest es am besten gleich selbst! Mir fällt es nämlich wirklich schwer, Nora Krugs Geschichte in Worte zu fassen, weil sie so anders, so besonders, so großartig dargestellt ist und mich dieses Buch mit jeder Seite aufs Neue überrascht hat. (Ihr merkt vielleicht, diese Buchbesprechung ist ein bisschen chaotisch.)

deab4eca-4b13-420d-b135-d435ee13f59f.jpg
aus „Heimat“ von Nora Krug, erschienen im Penguin Verlag

Angefangen mit dem Familienstammbaum, der je mütterlicherseits wie väterlicherseits eine Doppelseite der Vorsatzblätter einnimmt und nicht bloß aussieht wie x-beliebige Familienstammbäume, sondern entfernt an eine Collage von Hannah Höch erinnert – nur nicht ganz so abstrakt, aber mindestens ebenso schön. Die Körper der jeweiligen Familienmitglieder sind grafisch dargestellt, darunter befinden sich ein paar handschriftliche Informationen zu den jeweiligen Personen. Das Besondere: ihre Köpfe bestehen aus alten Fotografien, die passend auf die gemalten Körper drapiert werden. Ok – das hört sich jetzt ein bisschen gruselig an, sieht aber nicht ein Stück so aus und hat eine großartige Wirkung. Weiterhin baut Nora Krug immer wieder alte Fotografien ein, die sie mit handschriftlichen Texten schmückt, durchbrochen von kleineren Comicstrips und Illustrationen, die ebenfalls von handschriftlichen Texten begleitet werden.

Und dieser Text, der trägt das ganze Gewicht der Geschichte. Er erzählt von Nora Krugs Suche nach ihrer eigenen Heimat, in der sie ihre persönliche Familiengeschichte verstehen will und danach fragt, was „damals passiert ist“ und was Deutschsein eigentlich heute bedeutet. Eine für alle Beteiligten schmerzhafte wie zugleich irgendwie auch befreiende, fast schon kathartische Erzählung, die sehr persönlich ist. Wir als Leser*innen sind praktisch hautnah dabei, wie sich eine Familie neu erkennt, vielleicht sogar ein wenig findet, zumindest aber die Vergangenheit versteht. Und das ist ein großes Geschenk, nicht nur für Nora Krug und ihre Familie, sondern auch für uns, denen etwas ganz Wichtiges vermittelt wird: Heimat ist ein Gefühl, das flüsternd im Bauch grollt und uns nie verlässt.

PS: Eine kleine Anmerkung habe ich allerdings noch: In der jetzigen Ausgabe werden die Novemberpogrome von 1938 mit einem Wort bezeichnet, das man nach meinem Verständnis heute nicht mehr benutzen sollte, da es die Geschehnisse verharmlost. Auch wenn dieses Wort in Großbuchstaben ausgeschrieben wird, um Distanz zu wahren. Eventuell kann und sollte dies geändert werden. Sprache ist so mächtig.

Durch das Hinterlassen eines Kommentars erklärt ihr euch damit einverstanden, dass eure IP-Adresse und je nach Angaben euer (Nutzer)-Name, eure E-Mail-Adresse und/oder eure Homepage-URL gespreichert werden. Dies dient nicht zu statistischen Zwecken, sondern lediglich zu eurer und meiner Sicherheit. Danke für euer Verständnis!

 

„Würstchen, der Dackel“ | Mia Cassany & Mikel Casal

In meiner Familie sind alle große Dackel-Fans. Der Dackel meiner Urgroßeltern hieß Lumpi. Seine Hundeeltern Apothekers Waldi und Nachbars Heidi. Meinen eigenen Dackel wollte ich immer Wurst nennen – oder Peanut Butter bzw. Peanut. Als ich mal öffentlich kommuniziert habe, dass ich im Falle des Falles meinen Hund Wurst nennen wollen würde, habe ich verwundert gelernt, dass ich mit dieser Idee keinesfalls alleine bin (und ich dachte wirklich, ich wäre einfallsreich). Nun gibt es sogar ein Buch mit dem Titel „Würstchen, der Dackel“. Na, wenn das nicht nach mir gerufen hat, dann weiß ich auch nicht.

Processed with VSCO with t1 preset

Würstchen ist ein Findelhund. Sein Retter und Dackelpapa Hans findet ihn in einem alten Schuhkarton kauernd in einer Seitenstraße. Würstchen ist zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht Würstchen, sondern namenlos. Zusammengerollt, wie ihn Hans findet, ruft dieser bei seinem Anblick aus: „Du kommst mit mir nach Hause, du armes Würstchen.“ Von da an sind die beiden die besten Freunde. Nur eine Sache, die liegt Würstchen schwer im Magen – und das ist sein Name. Würstchen. Das ist doch keine Bezeichnung für einen Hund! Ein cleverer Hund wie Würstchen findet aber auch dafür eine Lösung, oder?

Processed with VSCO with t1 preset
Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

„Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany und Mikel Casal ist ein zauberhaftes Bilderbuch mit farbenfrohen, modernen Illustrationen, die selbst den größten Hundemuffel irgendwo tief drinnen im Herzen berühren werden (da bin ich mir ganz sicher)!

Processed with VSCO with t1 preset
Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

Die Bilder selbst sind nicht überladen, aber trotzdem gibt es viel zu entdecken. Gerade für Kinder ist das sicher eine große Freude. Auch die Geschichte ist kindgerecht erzählt, für Erwachsene vielleicht ein wenig zu einfach, mit einem Ende, das leider etwas zu abrupt wirkt. Gerade so, als ob irgendwie die Ideen ausgegangen wären. Ein bisschen schade ist das. Letztlich geht es hier aber vielmehr um die Bebilderung und die ist – wie ich finde – sehr gelungen.

Processed with VSCO with t1 preset
Aus „Würstchen, der Dackel“ von Mia Cassany & Mikel Casal, erschienen im Prestel Verlag

 

 

 

Nicht zu aufdringlich, aber doch feinfühlig, mit einem klaren Blick für die kleinen Dinge. Im Ganzen wirkt das Bilderbuch harmonisch. Es ist zum darin blättern und sich wohlfühlen, gleichzeitig lehrt es wie Freundschaften aussehen können und dass man Probleme offen angehen sollte. Ach,  was rede ich noch lange drumherum, es ist einfach schön!

 

Durch das Hinterlassen eines Kommentars erklärt ihr euch damit einverstanden, dass eure IP-Adresse und je nach Angaben euer (Nutzer)-Name, eure E-Mail-Adresse und/oder eure Homepage-URL gespreichert werden. Dies dient nicht zu statistischen Zwecken, sondern lediglich zu eurer und meiner Sicherheit. Danke für euer Verständnis!