„Herkunft“ | Saša Stanišić

Ich habe mehrere Freundinnen, die finden Saša Stanišić ganz großartig. Auch in meiner Instagram-Blog-Buchbubble gibt es viele Fans. Und eine ehemalige Kollegin aus meiner Zeit in einer Buchhandlung drückte mir schon damals eines seiner Bücher in die Hand und ans Herz. Ach was soll ich sagen, ich war eine lange Weile sehr resistent. Nicht schon wieder ein Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann. Nicht schon wieder ein witziger Mann, der für Buchpreise nominiert ist, hab ich gedacht. Zum Glück hab ich dann irgendwann nachgegeben und umgedacht. Saša Stanišić ist nämlich wirklich witzig. Und klug. Und talentiert. Seine Worten machen glücklich, nachdenklich und irgendwas in einem drin wieder ganz. Aber zurück auf Anfang. 

HERKUNFT von Saa Stanii

„Herkunft“ ist nach „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“ Stanišić’s dritter Roman. Eine Autobiografie, die vielmehr als das ist: Abenteuerroman, Hommage an die eigene Familie, die Herkunft, das, was Heimat ist und ein Stück von Stanišić selbst. Nicht chronologisch und ein bisschen durcheinandergewürfelt wie das Leben eben so ist, erzählt der Autor von sich und dem Land, in das er hineingeboren wurde und das es so nicht mehr gibt. Von seiner Familie, der ersten großen Liebe (auch der zur Sprache), von den Lebenden und den Toten. Dieser Roman ist Ankommen und Abschied. Stanišić erinnert sich dabei vor allem auch an seine demente Großmutter, die ihre Erinnerungen verliert, während der Autor sie sammelt und auf Papier zu seiner Geschichte, seiner Herkunftsgeschichte zusammensetzt. Denn Herkunft mag ein Zufall sein, nicht mehr und nicht weniger als das, aber doch so mächtig und formend. 

Saša Stanišić macht in „Herkunft“ etwas, was nicht viele können: er schreibt klug und witzig (ja, das hatten wir schon, aber ich wiederhole mich gerne), selbstreflektierend und erfrischend ironisch in einzelnen Anekdoten, Erzählungen, Erinnerungen und manchmal auch Fantasiegebilden wie es sich anfühlt, in Jugoslawien geboren, mit 14 nach Deutschland gekommen zu sein und das Herz immer da zu haben, wo die eigenen Worte sind. Zu Beginn muss man sich ein wenig hereinfinden, in diesen Melting Pot an eigensinniger Sprache. Der Schreibstil wirkt zunächst etwas abgehackt, beinahe gehetzt als dürfe keine Zeit mehr vergehen, bevor sich die Erinnerungen in Luft auflösen. Man muss lernen, sich darin zurechtzufinden, wo sind wir jetzt: in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Das ist es auch, was es mir etwas schwer gemacht hat, dieses Buch in einem Rutsch durchzulesen. Ich habe es – und ich will nicht lügen – dreimal angefangen, jedes einzelne Mal wie Balsam auf der Seele empfunden und trotzdem wieder beiseite gelegt. Verstörenderweise (und das ist mir jetzt fast ein bisschen peinlich) beinahe ein halbes Jahr lang. Der Kopf war zu schwer, ich habe das nicht aufnehmen können, was Stanišić auf Papier gedruckt in meine eigenen Gedanken schicken wollte, damit daraus wieder etwas Neues entstehen kann. Denn das ist es doch, was wir uns von Literatur wünschen, dass die was mit uns macht. Und dann, endlich, ist der Knoten geplatzt. Ich habe wieder lesen können, richtig lesen können, so mit Haut und Haar und Leib und Seele, egal, wie blöd das jetzt klingt. Und vielleicht hat auch der Stanišić dazu beigetragen, ganz bestimmt sogar. Ich habe nämlich unfassbar viel markiert und mir gedacht: this! Und ich habe mich gefreut, über das „Choose your own adventure“-Kapitel, weil ich das früher immer so geliebt habe und über die schönen Worte und darüber, dass ich zwischendurch einfach mal laut lachen musste und dann wieder weinen wollte, weil Schönes auch Trauriges mit sich bringt und umgekehrt. 

Zu guter Letzt muss ich zugeben, dass ich ganz schön viel „ich“ geschrieben habe, aber möglicherweise gar nicht so viel über den Roman selbst. Doch was man aus „Herkunft“ lernen und mitnehmen darf, was dieses Buch mit einem machen wird, das ist etwas, das man nur selbst herausfinden kann. Choose your own adventure! Und: zurecht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, jawohl! 

Nachtrag: Diesen Text schrieb ich, als ich noch nicht wusste, dass „Herkunft“ tatsächlich den Buchpreis gewinnen würde. Juchu, juchu, juchu. Natürlich weil es so sehr verdient ist, aber auch weil ich jetzt endlich einmal das Buchpreisbuch schon vor der Verleihung gelesen habe (und bin trotzdem zu spät dran mit meiner Besprechung – äääh… im nächsten Jahr dann). 

„Flammenwand“ | Marlene Streeruwitz

Das erste Mal begegnete mir Marlene Streeruwitz in einer Folge von „Gottschalk liest?“, bei der Frau Streeruwitz konsequent bestimmend und eloquent konternd auf Herrn Gottschalks … nunja, wie formuliere ich das höflich … unangenehme, teils unpassende Fragen reagiert hat. Da dachte ich mir schon: Ok, die kann was. Selbstverständlich ist das keine qualitativ hochwertige Meinungsäußerung und noch dazu saß ich bloß gemütlich vorm Fernseher, also was weiß ich schon. Aber dennoch, der Eindruck blieb und meine Neugierde war geweckt. Dass ich nun also „Flammenwand“, den neuesten Roman von Marlene Streeruwitz, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2019 steht, im Rahmen des #buchpreisbloggen’s lesen durfte, hat mich unerwartet gefreut, aber auch vor eine Herausforderung gestellt. 

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Adele, eine selbstbewusste und finanziell unabhängige Frau in den 50ern liebt Gustav. Gustav liebt Adele auch, sagt er. Er sagt aber ebenfalls, er sei impotent und das ist, wie sich bald herausstellen wird, eine Lüge. Es wird vielleicht nicht die letzte Lüge sein, die Gustav Adele auftischt und die wir zusammen mit ihr in einem Stream of consciousness erfahren, mitfühlen, mittragen. In kurzen Sätzen, die oft nur aus einzelnen Wörtern bestehen, führt uns Marlene Streeruwitz mitten hinein in eine Art moderne Flammenwand. Den Ort (wenn man ihn denn so nennen kann), den Dante in der Göttlichen Komödie durchqueren muss, um ins Paradies zu gelangen. Die Flammenwand also, die für jeden unterschiedlich ist, aber im Einzelnen wohl sowas wie die Grausamkeit des Lebens darstellt. Ein Belogen, Betrogen und Hintergangen werden, von anderen und sich selbst. Das macht auch die „Flammenwand“, den Roman von Marlene Streeruwitz aus. Adele muss sich durchkämpfen, durchquälen, stark und mutig sein, Emotionen aushalten, den Kopf aufrecht, den Rücken gerade ihr eigenes Sein verteidigen. Vor allem auch ihr eigenes Sein als Frau. Dabei ist sie selbst nicht immer die sympathischste aller Figuren. Wir als Leser*innen irren gemeinsam mit der Erzählerin mehrere Stunden durch die Flammenwand und geraten mittels des Schreibstils, der vollständig auf Frage- und Ausrufezeichen verzichtet, aber mithilfe des Stakkatos der Sätze ordentlich Tempo vorgibt, in eine Art Rausch. Was hier passiert ist das Einswerden mit den Gedanken der Hauptfigur, mit der Geschichte, mit der Wirklichkeit. Immer wieder schafft es Streeruwitz mit nur einem kleinen Satz, die Begebenheiten in Adeles Kopf in die Vergangenheit zu rücken. Dann ist sie bei ihren Eltern, ihrem Bruder und das Puzzle ihres Lebens wird langsam zusammengesetzt. Auch für uns: ein Verständnis setzt ein, warum Adele so und nicht anders fühlt, denkt, handelt. Und beinahe nebenbei thematisiert Streeruwitz zusätzlich die Rolle der Frau und die aktuellen politischen Entwicklungen.

Dieser Roman macht also eine ganze Menge auf kleinem Raum. Er erzählt im Kern eine Liebesgeschichte, weil alle Geschichten irgendwie Liebesgeschichten sind (das ist das Leben), ist aber auch ein Gesellschaftsroman (auch das ist das Leben), ein bisschen ein Politthriller (dito) und ganz allgemein schreibt er die Absurdität der Gegenwart aufs Papier und in unsere Körper. Streeruwitz verknüpft Fiktion mit realen Geschehnissen, durchbricht immer wieder die erzählte Geschichte mit tatsächlichen Fakten. So schreibt sie die Gegenwart in unsere Köpfe, macht das Private unabdingbar und deutlich politisch. Diese Gegenwart findet sich als Datum eingefügt zwischen jedem Abschnitt im Roman als Anmerkung im hinteren Teil des Buchs. Eine Chronik der politischen Ereignisse in Österreich vom 19. März 2018 bis zum 9. Oktober 2018. Alleine das Umblättern führt also dazu, dass man als Leser*in immer wieder aus dem fiktiven Geschehen herausgerissen wird, umdenken muss, Verknüpfungen erstellen muss – oder auch nicht. Je nachdem. Aber auf jeden Fall in die Jetztzeit hineinrutscht. 

Es ist – und das muss ich wirklich zugeben – kein leichtes Unterfangen, diesen Roman zu lesen. Er ist anstrengend, verdammt anstrengend. „Flammenwand“ ist ein Buch, das viel fordert und am Ende wenig versöhnlich ist. Aber das ist es, was Literatur ausmacht. Man muss nicht immer mit allem einverstanden sein, denn Literatur ist unbequem, sie zwickt, sie darf und will alles – und das kann sie auch.